, z.B. mit dem Bilderhändler und dem Quodlibet und dessen quod deus vult est bene factus , statt factum - und so fort ? Was den Brief anlangt , so war er ja in meinem Namen und Stil so leicht zu schreiben , unterwegs aufzugeben , darin alles zu weissagen , was man eben selber vollführen wollte , das Geld aber eine Minute vorher einzugraben ! « - » Unmöglich ! « sagte Walt . » Und vollends der Larvenherr ? « - » Hast du die Larve etwa in der Tasche ? « sagte Vult . Er zog sie hervor . Vult drückte sie vor das Gesicht , funkelte ihn darhinter mit Zorn-Augen an und rief wild mit bekannter Stimme des Larvenherrn : » He ? Bin ichs ? - Wer seid ihr ? « - » Himmel , wie wäre denn das ? « rief der erschrockene Walt . - Sanft hob Vult die Larve ab , sah ihn ganz heiter an und sagte : » Ich weiß nicht , was deine Gedanken über die Sache sind ; ich sentiere , daß sowohl der Larvenherr und Flötenspieler als auch ich und der Briefschreiber dieselben Personen sind . « » Mein Verstand steht still « , sagte Walt . » Kurz , ich wars « , beschloß Vult . Aber der Notar wollte seiner eigenen Bestürzung nicht recht glauben . » Etwas Wunderbares « , sagte er , » steckt gewiß noch hinter der Zauberei ; und warum hättest du mich überhaupt so sonderbar hintergangen ? « Aber Vult zeigte , daß er ihm einige Lust zuwenden , ja einige Unlust ersparen wollen . Er fragte schelmisch-blickend , ob er nicht zur rechten Zeit seine Maske ins Zimmer geworfen , ehe Jakobine die ihrige fallen lassen . Endlich sagte er gerade heraus , die Klausel des Testaments , welche für Fleisches-Sünden um halbe Erbschaften bestrafe , sei allgemein bekannt , und Walt sei leider stets sehr unschuldig , auf nichts aber werde in einer Aktion öfter und besser geschossen als auf Schimmel wegen der Farbe der Unschuld - die sieben Erben decken , wie kluge Feldherrn , ihr Lager mit Morast - » kurz « , beschloß er , » wie Taubenhändler wahrhaft betrügen und zwei Täubinnen oft für ein ordentliches Paar Ehetauben ausgeben : hätte man es mit dir und der Aktrice nicht ebenso machen können , wär ' ich dir nicht nachgereiset ? « - Da wurde der Notar blutrot vor Scham und Zorn , sagte : » o garstig über die Maßen « - setzte unter dem Umherfahren nach dem Hute hinzu : » in diesem Lichte steht ein armes Mädchen bei dir ? Und dein eigner Bruder dazu ? « - lief fort - sagte wild weinend : » gute Nacht ; aber bei Gott , ich weiß nicht , was ich dazu sagen soll « - und ließ keiner Antwort Zeit . Vult ärgerte sich fast über den unvermuteten Zorn . » Ich , ich ? « wiederholte Walt auf der Gasse innigst- » ich hätte mich versündigen sollen an einem Tage , wo mir Gott den rührendsten Reise-Abend bescherte und die fromme Wina mir so nahe lebte ? - Das wolle Gott nicht ! « Als er aber in sein Stübchen trat , überflog ihn eine ganz besondere Seligkeit und zehrte den Schmerz auf ; - eine neue Empfindung wird an einem alten Orte lebendiger ; - es war Winas guter Blick unter dem Wasserfalle , der jetzt ein ganzes Leben wie ein Morgenlicht golden überstrahlte und alle Taublumen darin blitzen ließ . Vieles um ihn war ihm nunmehr zu eigen geworden sowie neu : der Park unten , in dessen Gängen er sie einmal gesehen , und Raphaela im Hause , die ihre Freundin war , gehörten unter die Habseligkeiten seiner Brust . Selber seinen eignen Roman Hoppelpoppel kannte er kaum mehr , auf so neue Gemälde des liebenden Herzens stieß er jetzt darin , von denen er erst diesen Abend recht faßte , was er neulich etwa damit haben wollen ; nie fand ein Autor einen gleichtöniger gestimmten Leser als er heute . Er bauete sich sogleich ein zartes Bilderkabinett für die Gemälde von den Auftritten , die Wina vermutlich diesen Abend haben könnte ; z.B. im Schauspielhause oder in den Leipziger Gärten oder in einer gewählten Gesellschaft mit Musik . Darauf setzte er sich hin und beschrieb es sich mit Feuerfarben , wie ihr etwa heute sei in Glucks Iphigenie auf Tauris ; dann machte er selige Gedichte auf sie ; dann hielt er die Papiere voll Eden ins Talglicht und verkohlte alles , weil er , sagt ' er , nicht einsehe , mit welchem Rechte er ohne ihr Wissen so vieles von ihr offenbare ihr oder andern . Als er zu Bette ging , verstattete er sich , Winas Täume sich zu erträumen . » Wer kann mir verbieten « , sagt ' er , » ihre Träume zu besuchen , ja ihr sehr viele zu leihen ? Ist der Schlaf vernünftiger als ich ? O sie könnte im wilden Wahnsinn desselben ja recht gut träumen , daß wir beide unter dem Wasserfalle ständen , verbunden aufflögen in ihn , umarmend hinschwämmen auf seinem flüssigen Feuergolde und zum Sterben herabstürzten mit ihm und vergöttert still nun weiterflössen durch die Blumen , in den Strahlen , sie mit ihrer Welle in meine schimmernd , und wir so uns ineinander verrönnen in das weite hohe blaue reine Meer , das sich über die schmutzige Erde deckt . Ach , wenn du so träumen wolltest , Wina ! « - Dann sah er auf dem Kopfkissen recht hell und scharf - weil nachts in der wilden Zeit des Vortraums vor der Seele alle blasse Bilder junge Lebensfarben annehmen und die Gestalten blitzende Augen öffnen - das liebe , milde Auge Winas vor sich aufgetan und wie einen Mond , den der Tag zum Wölkchen verdünnte , am Nachthimmel herrschend strahlen ; und er sank in das liebe Auge , wie ein Frommer in das Auge , unter welchem man Gott abbildet . Wie leicht und dünn ist ein Blick und ein erinnerter ! Kaum das Alpenröschen ist er , das der Mensch von der höchsten Stelle seines Lebens herunterbringt . Aber doch hält der Mensch unter der Masse von Massen und Weltkugeln sich gern an die kleine , die ein Augenlid bedeckt , an einen verhauchten , kaum entstandenen Blick - und auf dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Bäumen fest ! So sind Geister ; denn da die Unsichtbarkeit ihre Welt ist , so ist ein Nichts leicht ihre Sichtbarkeit ! Am Morgen lag Sonnenschein und Seligkeit um ihn her . Alle Blüten zu Zankäpfeln waren abgefallen . Die Morgenstunde hat Gold , aber das reinste , im Mund ; die Sonne scheidet das in Schlacken vererzte Gemüt ; das finstere Übermaß , besonders des Hasses , hört auf . Walt sah sich um im Morgenlicht , fand sich wie von einem Arm aus den Wolken durch alle übereinanderstehenden Wolken des Lebens durchgehoben ins Blau - Wer liebt , vergibt , wenigstens den Rest dem Rest ; er fragte sich , wie er denn gestern , gerade am Heimkehr-Feste , so gegen den armen Bruder aufbrausen können . » Jawohl den armen Bruder « , fuhr er fort ; » denn er hat gewiß keine Geliebte , deren Liebesblick ihm wie ein Lebensbrennpunkt im Herzen bleibt . « Nun ging er ganz ins Einzelne und stellte sich - nach seinem Instinkte , der ihn stets in die fremde Seele trieb und in ihr über sie hinzuschauen zwang - an Vults Stelle , wie dieser nichts habe , nichts wisse ( vom Wasserfalle nämlich ) , wie er alles oder vieles so sehr gut meine , besonders für Walt , wie er nur herrschsüchtig hart verfahre usw. In dieser Gesinnung beschloß er , zum Bruder zu gehen und kein Wort zu sagen über die Essig-Sache , sondern bloß mit seiner Hand eine schon im Mutterleib verknüpft gewesene anzufassen und einiges gelassen zu besprechen , besonders was die bevorstehende Wahl eines neuen Erbamts betreffe . Vult war verreiset . Ein Briefchen an Walt war an die Tür gesiegelt : » Bester ! Ich reisete heute flüchtig ab , um in Rosenhof mein versprochenes Konzert zu blasen . Künftig arbeit ' ich viel fleißiger ; denn wirklich tu ' ich für unsern Gesamt-Roman zu wenig , besonders da ich gar nichts dafür tue . Es entgeht uns nicht , daß ich lieber spreche im reißendsten Strome mich schwemmend - als schreibe . Gut aber ists nicht , weder für die Literatur noch das Honorar . In Schulen gilt sonst Rechen- und Schreib-Meister für einen ; ein trefflicher Buch-Schreibmeister hingegen ist selten ein Rechenmeister ; leider bin ich nicht einmal einer von beiden und brauche doch Geld . Adieu ! v. H. « » Der gehetzte Bruder ! « sagte Walt , » so muß er sich jetzt das Geschenk erpfeifen , das er mir so spaßhaft in die Hände gespielt ; warum fall ' ich immer so heftig aus und drücke den Guten ? « Er faßte den ernstlichen Vorsatz , künftig seinem Sturm- und Poltergeiste ganz anders den Zügel anzuziehen . - Aber Rosenhof warf bald heiteres Licht auf alles und heiligte fast den Flötenspieler , den er in den nachschimmernden Auen des schönsten Morgens mit Glanz besprützt umherwaten sah . Wackerer als je betrat er nun seine Notariats-Gänge wieder , die sich gegen das Ende seines Erbamts immer häufiger auftaten . Es war ihm ganz einerlei - so freudig ging sein Puls - , worüber er ein Instrument aufsetzte , ob über die Verlassenschaft eines Hofpredigers oder über eine angebohrte Öl-Tonne oder über eine Wette : immer dacht ' er an das Haus des Generals oder an den Wasserfall oder an Leipzig , und es konnte ihm gleichgültig sein ( denn er gab nicht darauf acht ) , was er niederschrieb als offner kaiserlicher Notar . So glänzend-umsponnen vom Nachsommer des Herzens , kam er aus dem September und dem Notariat endlich in den Oktober hinüber , wo er vor den Kabelschen Testaments-Exekutoren die Rechnung über das bisherige Erbamt abzulegen hatte , vor welcher ihm nicht im geringsten bange war ; denn Winas Blick hatte in ihm einen so feurigen Herzschlag entzündet , daß er mit einem solchen Frühlings-Pulse vermochte , in jeder äußern Kälte des Schicksals warm zu bleiben . Sein Vater Lukas hatte ihn neuerlich in mehreren Kopien von Brief-Originalen ( die der Schulze behielt , weil im Briefschreiben das Original das schlechtere ist ) seine Angst vor dem Notariats- Hintergrund und die Beteurung seiner » Herbeikunft « wissen lassen . Walten wurde die Wiederholung desselben dürren Gedankens , die so manchen frischen erdrückte , sehr zur Last , und er wünschte nichts weiter als die alte Freiheit , an hundert Dinge zu denken . » Warum ist denn ein Irrweg so verdrießlich « , sagt ' er , » als bloß weil man so lange , bis man den rechten wieder erwischt , immer die abgeschabte platte Idee des Wegs besehen und behalten muß ! « Die gemeinen Qualen des Lebens belasten weniger unter ihrer Geburt als während ihrer Schwangerschaft , und der eigentliche Leidenstag geht 24 Stunden oder Zeiten früher an als der äußere . Der erste Schritt , den Walt am anberaumten Morgen ins Rathaus tat , machte ihn zu einem andern Menschen , nämlich zum alten - die Sache war für ihn vorbei , denn sie war so nahe . Zu bald kam er im Vorzimmer an , harrte aber vergnügt und machte einen Polymeter , worin er einige gute Gruppen besang , die in halberhobener Arbeit am Ratsofen mit aller der Wärme dargestellt waren , welche die Jahreszeit an einem kalten Ofen erlaubt . Tanz-Horen , Füllhörner voll Heu , Fruchtschnüre oder -stricke , Büschel von dicken festen Blumen oder Obst und sechs Frühlinge aus Ton ( denn es war ein Zirkulierofen ) waren allerdings imstande , einen Dichter wie er zu heizen . - Als noch immer die Ratsstube zublieb , so geriet er auf Neben-Ideen , ob nämlich nicht ein ganzer Roman aus Ofen-Pasten darzustellen und zu entwickeln wäre , besonders ein komischer . So vermag nur ein Mann vor einer wichtigen Wendepunktsstunde , z.B. vor einer Krönung , Schlacht , Selbstermordung , nicht aber seine Frau vor einer ähnlichen , z.B. vor einem Balle , - zu dichten , zu schlafen , zu lesen . Da endlich der Schirmherr der Kabelschen enterbten Erben , der Pfalzgraf Knoll , eintrat , so fing alles an und wurde gehörig vor den Bürgermeister Kuhnold gestellt . In seinem Leben war ihm nie so federleicht in einer Ratsstube gewesen ; auf dem Staubfaden einer Lilie hätt ' er sich schaukeln können . Er fiel aber bald von seiner Lilie ins Beet herunter , als der Schirmherr anfing vorzutragen und zu belegen , » daß der offne geschworne Notar bisher sehr absurd gewirtschaftet « - daß er nicht nur erstlich und zweitens zweimal in Instrumenten abbrevieret - drittens ein nächtliches ( das Turm-Testament ) mit zweierlei Tinte und viertens bei einerlei Licht geschrieben fünftens einmal radiert - sechstens einmal gar nicht angegeben , daß er ausdrücklich zur Aufrichtung des Instruments vorgefordert worden - desgleichen siebentens in dem nämlichen auch die Stunde nicht - achtens den nägelein-braunen Bindfaden , womit die Klagschrift N. N. contra N. N. umwickelt gewesen , als einen gelben zu Protokoll gebracht - neuntens Hauszeugen , als sie eidlich aussagten für ihren Herrn , ihrer Pflicht vorher durch Handgeben sowohl zu entlassen als diesen Akt des Entlassens anzuzeigen ganz vergessen - sondern daß er auch zehntens einen falschen Datum im Wechselprotest , ja eilftens neuerlich und ganz zuletzt ein Instrument gar an einem 31. September , der nicht existiere , auszufertigen wenig Anstand genommen . - Nun wurd ' er gerichtlich befragt , was er dawider einzuwenden habe . » Ich wüßte eigentlich nichts ' - « versetzt ' er gegnerischerseits ; » auch trau ' ich fremdem Gedächtnis hier weit mehr als eignem . Doch was die Hauszeugen anlangt , so hielt ich es für eigenmächtig und unmöglich , sie durch mein bloßes Wort ihren Pflichten zu entnehmen und wieder zurückzugeben . « Darauf sagte Hr . Kuhnold , dieser Grund sei mehr edel gedacht als juristisch , und berief sich auf Hrn . Fiskal Knoll . Nichts sei lächerlicher , versetzte dieser und schob nun zehn bis zwanzig breite hohle Worte aneinander , um bei den Testaments-Exekutoren um das nachzusuchen , was sich von selber verstand - die Eröffnung des hier eintretenden geheimen Artikels . Eh ' es Kuhnold tat , erwies er dem Pfalzgrafen , daß gar nicht alle Rechtsgelehrten allgemein zu Nacht-Kontrakten drei Lichter begehrten , sondern nur mancher ; und langte - als Knoll auf seinem Satze beharrte - bloß das promtuarium juris von Hommel oder Müller als den nächsten Beweis aus dem Schranke vor . Die Ratsbibliothek war nicht höher als die vier Bände des promtuarium stark ; dennoch fehlte ihr , wie den meisten öffentlichen Bibliotheken , ein Katalog . Knoll behielt sich das Seinige vor ; Kuhnold gab aber nicht nach , sondern verlas den Straftarif ; » daß nämlich für jeden juristischen Notariats-Schnitzer des jungen Harnisch jedem der sieben Erben ein Tannenbaum in Kabels Wäldchen zu fällen verstattet sein sollte . « Da er nun in zehn Sünden geraten war - ohne die streitigen Lichter - , so belief sich der Dezem , mit den sieben letzten Plagen multipliziert , auf den ansehnlichen Schlag von 70 Stämmen , so daß Walt nie halb so gut dadurch gelichtet werden konnte als das Wäldchen selber . - » Nu « , sagte der Notar , schnell beide Hände seitwärts auswerfend , » was ist zu machen ? « - Er wußte sich innerlich über die Zufälle des Lebens so erheiternd zuzureden wie ein Schuster den Kunden über neue Stiefel , die er bringt ; sind sie zu enge , so sagt der Meister : » sie treten sich schon aus « ; sind sie zu weit , so sagt er : » die Nässe zieht sie schon ein « . So dachte Walt heimlich : » Das witzigt mich . Jetzt kann ich doch als Notar ruhig alle meine Instrumente machen , ohne daß mir geheime Artikel das geringste zu befehlen oder zu nehmen haben . « Aber am Ende machte ihm doch der Fiskal Knoll den leichten poetischen Götter-Ichor des Herzens schwer , dick und salzig , als dieser , ohne im geringsten durch die Freude über den Gewinn von Schlagholz irre oder trunken zu werden , seine Protestation im Punkte der drei Lichter erneuert zurückließ . Die stehende Gegenwart eines deutlich hassenden Wesens drückt und preßt eine immer liebende Seele , die ihre Kälte schon für Haß ansieht , mit dem schwülen Dunstkreis eines Gewitters , dessen Schlag weniger quält als dessen Nähe . Betrübt , selber von Kuhnolds sanftem Worte , das ihm so vermeidliche Fehler eben als die unverzeihlichern vorwarf , ging er nach Hause ; und er sah Vults Fluchen und Scherzen darüber schon entgegen . Das erste , was er zu Hause machte , war ein Sprung aus demselben auf die schönen stillen Höhen der Oktober-Natur , um seinem Vater , dem Schultheiß , und dessen Scherbengerichte zu entspringen , der , wie er gewiß wußte , in die Stadt laufen würde , um jede Scherbe des zerbrochenen Glücktopfes ihm an den Kopf zu werfen . Auf einer friedlichen Anhöhe - dem Wäldchen gegenüber-konnt ' er , während er das medizinische Miserere des Schicksals durch Dichten und Empfinden in ein musikalisches verwandelte , recht gut wahrnehmen , daß schon mehrere Erben mit verständigen Holzhauern im Erb-Forste lustwandelten , um einträchtig mit Waldhämmern ihr Gnadenholz anzuplätzen . Endlich ritt im Schritt Flitte an der Spitze einer holzersparenden Gesellschaft mit Äxten , Sägen , Maßstäben in den Händen den Wald hinan . Gleich einem Witwer , der seine Halbtrauer täglich in kleinere Brüche zerfällt , in Drittelstrauer , in ein 1 / 4 , 1 / 8 , 1 / 64 Teil - wiewohl die Trauer oder der Zähler nie Null werden kann , nach mathematischen Gesetzen - , verkehrte Walt bei diesem Anblick seine schwache Halbtrauer , arithmetisch zu sprechen , in einen unendlich großen Nenner und in einen unendlich kleinen Zähler , d.h. er wurde das , was man gemeinhin froh nennt . » Es ist schon recht « , dachte er , » daß ich dem guten Flitte für seine gutmütige Erbeinsetzung meiner Person doch einen schwachen Dank durch meine Fehler zuschanze ; er habe recht viele Freude dabei , nur keine Schadenfreude . « Aber die Lustigkeit über die Holz-Einbuße wurde Walten etwas verkümmert , als er den alten Schulzen aus der Stadt schreiten und ins Holz dringen sah , Märtyrerkrone und Zepter tragend . Auf die angeplätzten Stämme lief Lukas zu - fragte , sagte dies oder das und keifte - durchschnitt den Gehau nach allen Ecken - stritt ohne Vollmacht wider alles - flog als ein flüchtiges Waldgericht und Forstkollegium hin und her , an jeden Busch , neben jede Säge - machte die Wüste seines Gesichts immer dürrer und arabischer , je mehrere Erben ankamen , die größten Baumschänder , die er sich denken konnte - sah seufzend zu jedem Gipfel auf , der stürzen wollte - und trieb nichts durch als forstgerecht den Weg , auf welchem der fallende Baum das Buschholz schonen mußte . Walt schaute erbärmlich herüber ; so leicht er sonst sein schwarzes Schicksal wie sein weißes nur zu dichterischer Farbengebung verrieb , gleichsam zu Kohle und zu Kreide : so konnt ' er sich doch den Holzschlag des Schlagholzes zu keinem dichterischen Baumschlag ausmalen , weil ihn der Vater peinigte . Er wartete aber fest dessen Weggang ab ; dann fragte er nach der glühendsten Abendröte vor seinen Augen nichts , sondern er ließ in sich abstimmen , welches Erbamt , das seinen Vater freudig lasse , er jetzt zu wählen habe . Nun fehlte es ihm aus Mangel des Flötenspielers an einer Stimmensammlung und an irgendeiner , auch nur kleinsten Minorität , weil die Majorität selber ( er ) nur ein Mann stark war , welches , wenn nicht die kleinste - denn oft ist gar kein Mann beim Stimmen - , doch keine beträchtliche ist . Endlich wählte er das kürzeste Amt , nämlich das siebentägige Leben bei einem Erben . Die Stelle darüber heißet im Corpus juris des Testaments claus . 6. Litt . g. so : » Er ( Walt ) soll bei jedem der Hrn . Akzessit-Erben eine Woche lang wohnen ( der Erbe müßt ' es sich denn verbitten ) und alle Wünsche des zeitigen Mietsherrn , die sich mit der Ehre vertragen , gut erfüllen . « Ein so kurzes Amt hoffte er ohne große Fehltritte und Fehlsprünge und mit einiger Ehre und in kurzem , noch eh ' der Bruder erschiene , zu beendigen . Nach der Wahl des Amts mußt ' er wieder die neue desjenigen Erben anstellen , welchem die erste Ehre davon zuzuwenden sei . Er erlas sich zum wöchentlichen Wohnen den , bei welchem er bisher gewohnt , Hrn . Neupeter . » Auch begehrts die Zärte « , sagt ' er . Nr. 52. Ausgestopfter Fliegenschnäpper Vornehmes Leben Nachdem er am Morgen die feinste Anrede an den Hofagenten in den Kopf gebracht hatte , woraus sie ohnehin noch nicht gekommen war : trat er vor Neupeter , der ihn in der Schreibstube neben einem brennenden Lichte mit dem Petschaft am nassen Maul und mit der Nachricht empfing , es sei Posttag . Während der Kaufmann fortsiegelte , hielt er hinter dessen Rücken leicht seine Rede voll Zärte , bis dieser , da er ausgesiegelt hatte , das Licht ausputzte und fragte : » Was gibts ? « Zerfahren war dem Notar der ganze Sermon . Kein Mensch kann dieselbe Rede zweimal nacheinander halten ; in der Eile mußte er nur darauf denken , aus dem Gesagten einen dünnen Bleiextrakt zu liefern . Der Hofagent ersuchte ihn aber , » mit solchen Schnurrpfeifereien den Leuten vom Halse zu bleiben « . Alle möglichen Sünden im neuen Amt hätt ' er lieber getragen als dieses harte Türzuschlagen vor demselben . - Jemanden nun ferner Ordensketten durch geschenktes Vorkaufsrecht der Wohnprobewoche überhängen zu wollen , fiel ihm nicht mehr ein : sondern wo ein armer , aber guter Teufel , mit welchem sich mehr Tränen- als Himmelsbrot , z.B. ein elendes Wohnloch teilen ließe , anzutreffen und zu beglücken wäre , darnach ging sein Sehnen , nicht sein Fragen ; denn besagter Teufel war längst da , Flitte aus Elsaß . Walt ging auf den Nikolai-Turm und trug , aber furchtsam , Flitten den Vorzug an , daß er bei ihm die erste Probewoche halten wolle . Der Elsasser umhalste ihn erfreuet und versicherte , er ziehe diesen Tag noch vom Turm herab , weil er ganz hergestellt sei und der frischen Turmluft weniger bedürfe . » Ich miete für uns ein paar kostbare garnierte Zimmer beim Cafetier Fraisse ; pardieu wir wollen leben comme il faut « , sagt ' er . Walt wurde zu selig . In einer halben Stunde hatte Flitte ein- und darauf ausgepackt ; denn mit seinem Geräte hatt ' er , wie eine Raupe und Spinne mit ihrem Fadengespinste , gewöhnlich den Gang durch seine Wechselwohnungen bedeckt und bezeichnet ; gleichsam mit schönen Haarlocken , die zum Andenken ausgerauft werden ; und hatte sich , wie gedacht , wie Weltkörper durch Umlauf kleiner eingeschliffen . Er wagte es jetzt , aus seinem Turm - seiner bisherigen Bastei und Grenzfestung gegen Gläubiger - herabzurücken in ein unbefestigtes Kaffeehaus , weil er teils sein eignes Testament beerbet hatte , nämlich den Kredit davon , teils das Kabelsche , in dessen Gütergemeinschaft ihn Walts neueste Fehler vor der Stadt einzusetzen schienen , teils die zehn Tannenstämme , Walts Klage-Eichen . Der » ausgestopfte Blaumüller « Nr. 51 erwähnte schon weitläuftiger , mit welchem Gepränge er die durch Walt gesäete Fehler-Ernte von Steinobst und Kernhäusern aufgeknackt und ausgekernet hatte , um sich der Stadt zu zeigen . Walt schied am schönsten Nachsommer-Morgen halb wehmütig aus seiner leisen Klause ; ihm war , als brauche sie ihn und habe dann so leer und allein Langeweile , besonders sein Sessel . Aber wie fuhr er , da er beim Cafetier Fraisse eintrat , vor der Garnitur der Zimmer , vor den langen Spiegeln voll Zurückfahrern , vor den Ei-Spiegeln an den Wandleuchtern und vor der Rest-Pracht zurück ! - Er erschrak . Flitte lächelte - Fremden wollte Walt ein Ersparer sein ; - daß der gute Elsasser solche Paläste von Stuben miete , bedacht ' er und stöhnte sehr . Denn er hielts für Aufwand seinetwegen , weil er nicht voraussetzte , daß Flitte unter die wenigen sogenannten Verschwender gehöre , die wie der deutsche Kaiser schwören , nichts auf die Nachkommen zu bringen , Reich oder Reichtum , und welche wie hohe Staatsbediente Athens zum Zeichen ihrer Vaterlandsliebe nichts hinterlassen als Nachruhm und Schulden . Walt zog ohne weiteres das aus der Kabelschen Operationskasse für die Probewoche bewilligte Goldstück hervor und legt ' es mit den Worten auf den Tisch : » Dies bestimmte der Testator ; ich wollte gern , es wäre mehr . « - Wenige Menschen wurden noch so stark angefahren als er von Flitten , der ihn fragte , ob er denn beim Henker nicht sein Gast sei . Aber nun hatt ' er noch einen feinern Punkt , nämlich den testatorischen Zweck seines Wohnens zu besprechen . Er nahm folgende Wendung : » Es wird ordentlich schwer , in diesen kostbaren heitern Zimmern und bei Ihnen an etwas so Juristisches wie das Testament und dessen Haupt-Klausel zu denken ; da ich aber meine Freude nicht meiner Obliegenheit gegen meine Eltern opfern darf : so - darf ich eben schwerlich , sondern ich muß Sie um den Vorschlag dessen bitten , worin ich etwa Fehler begehen könnte . Wahrlich , es wird mir schwerer zu fragen als zu handeln . « Der Elsasser faßte ihn nicht sogleich mit seinen Feinheiten : » Pah ! « , sagt ' er , » was ist zu sakrifizieren ? Wir parlieren und tanzen zusammen ; das geht den alten Kabel nichts an . « - - » Parlieren und tanzen ? « versetzte der vom Notariat zusammengescheuchte Walt . » Und zwar beides zusammen ? - Ich kann hier nichts sagen , als daß schon eines von beiden einen unabsehbaren Spielraum zu Fehlern auftäte , geschweige - Wahrlich , an und für sich oder für mich , lieber Herr Flitte - aber ... « - - » Sacre - ! wovon reden wir denn eigentlich ? - Wird denn ein Mensch auf der Erde prätendieren , daß man zum langnasigen Bürgermeister läuft und ihm es vorsingt , wie man lustig gewesen ist ? « - Walt faßte schnell die Hand und sagte : » ich vertraue « ; und Flitte umarmte ihn . Sie frühstückten unter freudigen Gesprächen . Die langen Fenster und Spiegel füllten das geglättete Zimmer mit Glanz ; ein kühler blauer Himmel lachte hinein . Der Notar verspürte sich in vornehmer Behaglichkeit ; das Glücksrad dreht ihn , nicht er das Rad , und er brauchte es nicht wie ein Wagenrad erst rot zu malen . Flitte las ihm zwei für den Reichs-Anzeiger in wenigen Tagen ausgearbeitete Inserate vor ; - im ersten forderte er einen Generalkriegszahlmeister , Hrn . von N. N. in B. , auf , ihm die Summe von 960 Albustalern für Wein innerhalb 6 Monaten zu bezahlen , wenn er nicht gewärtig sein wolle , daß er ihn öffentlich an den Pranger in dem Reichs-Anzeiger stellte . Dem Notar entdeckte er gern den Namen des Mannes und der Stadt ; indessen war an der Sache nichts . Das zweite Inserat enthielt mehr ungefärbte Wahrheit , nämlich die Nachricht , daß er einen Compagnon mit 20000 Tlr . zu einem Weinhandel suche und wünsche . Walts Gesicht glänzte von Freude , daß der gutmütige Mensch so viele Mittel habe , und erhob dessen vergoldete Wetterstangen des Lebens recht stark . Flitte aber versetzte : » Sagen Sie mir aufrichtig , ob keine Stil- Fehler darin sind . Ich warf die Dinge in der Zeit einer kleinen Stunde hin . « Walt erklärte , je kleiner eine Anzeige sei , desto schwerer werde sie ; er wolle leichter einen Bogen für den Druck ausarbeiten als dessen 1 / 24 Bogen . » Schadet wohl überhaupt Lukubrieren viel ? An der Makrobiotik sahen mich oft die Nachbarn bis 3 Uhr aufsitzen « , sagte Flitte , nicht ganz unwahr , da er bisher durch seine Nachtmütze auf einem Haubenstock und durch ein Licht daneben einen makrobiotischen Leser auf die leichteste und gesündeste Weise vorgestellt hatte . Darauf schnürte er vor dem Notar , dessen herzliches aufrichtiges Bewundern und einfältiges Vertrauen ihn mit süßer Wärme durchzog , ein Bündel seiner Liebesbriefe an sich auf , worin er , sein Herz und sein Stil sehr geschätzet wurde . Der Elsasser hatte das Paket von einem jungen Pariser , an den es geschrieben war , zum sichern Verschlusse bekommen . Walt wußte sich so wenig zu lassen vor Beifallklatschen über den Stil der schönen Schreiberin , daß der Elsasser am Ende beinahe selber glaubte , die Sache sei an ihn geschrieben ; aber jener tats sehr deshalb , um nicht über die Liebe selber viel zu reden . Da er als ein unerfahrner verschämter Jüngling noch glaubte , die Empfindungen der Liebe müßten hinter dem Klostergitter , höchstens in einem Klostergarten leben , so sagt ' er nur im allgemeinen : » Die Liebe dringt