, so kann sie das Leben auch betrügen , und sie weiß wohl nicht , was sie will . Ich achte ihren guten Willen , aber ihr Wissen kommt mir verdächtig vor . « » Mit ist sehr wohl über alles , was ich nicht weiß ; was ich weiß , finde ich unnütz , weil es wohl kann besser gewußt werden ; ich wollte , ich lebte nicht , mein Leben könnte auch besser gewußt werden . « » Das ganze Leben ist eine Geheimniskrämerei , eine Delicatesse aller Existenzen gegeneinander , daß mir es oft ängstlicher drinne ist als bei tugendhaften Mädchen , die in jeder Stunde heuraten können , wenn nur ein Priester die Gelegenheit vom Strauche bricht . « » Es ist wahrhaftig nicht der Mühe wert , sich Mühe zu geben , die Sache bleibt ewig dieselbe ; bohre ich ein Loch mit meinem Verstande in die Welt , so muß es sich des allgemeinen Gleichgewichts halber wieder zustopfen , und es ist recht unhöflich , die Natur der Dinge so zu bemühen . « » Vor vielen Dingen soll man Ehrfurcht haben , man soll sie ehren , und nirgends möchte ich so gerne laut sprechen oder pfeifen als in der Kirche , nicht um gehört zu werden , sondern um es zu hören , - ich möchte auch wohl gerne in einem lüderlichen Hause beten , und über eben diese Gelüste kann ich sehr traurig werden . - « » Tugendhaft sein , wie man es heißt , ist , was ein Brownianer schlecht recipieren nennt ; - ich möchte oft toll werden über alle die Dinge , die dazu nötig sind , und die ich oft gar nicht auftreiben kann . « » Am Ende sind alle Menschen nur Formeln , um ein Stück Weltgeschichte herauszubringen ; denn warum hielt ich einst nichts auf Tugend , und fange jetzt wieder an , was drauf zu halten ? « » Ich habe immer eine große Anlage gehabt , Weibern , die sich mit ihrer Tugend breit machten , etwas die Ehre abzuschneiden , und ihre Tugend zu schmälern , damit die andern sich nicht so ängstlich drücken müßten , die ihre Tugend selbst schmälerten , und das tat ich vielleicht gar des Wortspiels wegen . « » Gott weiß , daß meine Wahrheit mein Unglück war ! Ich hörte immer schon dann auf zu lieben , wenn ich merkte , daß meine Geliebte den Engel und den Menschen getrennt hatte , und habe manchem Menschen seinen Engel genommen , und ihn allein stehen lassen ; das ist bös , aber es war so : ich habe alle Chemie erschöpft , die Unschuld wieder mit dem Mädchen zu vermischen , aber es ging nicht , und die Unschuld erschien mir endlich nicht schuld an der Schuldlosigkeit . « » Eine Zeitlang trieb ich das Leben rückwärts , und tat alles nicht , was ich getan hatte ; ich glaubte , das sei Besserung , aber ich kam mir bald so komisch vor wie ein Riese , der Alt singt , und ein alter Mann , der die Leute mit seinen Kinderjahren unterhält - da machte ich denn das gebesserte Stückchen schnell wieder schlecht , und alle Besserung kam mir vor , als schüttelte ich ewig das Kissen auf , auf dem ich mit meinem Liebchen ruhe , müsse es immer wieder niederdrücken , und käme nie zur Ruhe selbst , oder man rasiere mich so langsam , daß mir der Bart immer unter dem Messer wachse . « » Ich habe nun so mancherlei getan , viele Freunde gehabt , viel Geld ausgegeben , viele Mädchen geliebt , viele Ewigkeiten verloren , und das alles ist vorbei , es bleibt nichts als die Narbe , und die schmerzt , wenn sich das Wetter ändert . Was soll ich mit allen den süßen Erinnerungen , die vorbei sind , und was mit aller der Gegenwart , die vorbeigeht , - so raisoniere ich jetzt ; sonst war dieses keine Empfindung , es war Handlung : ich ärgerte mich einmal darüber , daß Jenny eine so liebenswürdige Dirne war , weil ich glaubte , das Laster müsse häßlich sein ; ich gab mir alle Mühe , sie häßlich zu machen , aber das Mädchen ward der Tugend zum Trotz immer artiger . - Ich glaubte nun , wenn sie tugendhaft würde , würde sie ein Engel sein , weil ihre Schönheit größer war als ihr Laster : das Mädchen bot mir Hände und Füße zur Tugend , und ich bekehrte sie so gründlich , daß sie sich die Haare und Schleppen abschnitt , damit ihre Tugend wachsen solle ; aber sie ward bald so langweilig und so häßlich , daß ich riet , die Bußtränen in Reuetränen über die verlorne Sünde zu verwandlen , und ich brachte sie mit Mühe soweit zurück , daß ihre Haare wieder wuchsen , und ihre Röcke wieder schleppten . « » Ich habe auch wohl sechshundert große Wohltaten getan , viele kleine abgerechnet , aber empfinde , daß Taten nur Taten sind , und daß bei den Wohltaten ich nur durch Danksagungen langweilt ward , mich aber irgend ein dummer Streich sehr amüsierte , weil die Leute so lustig drauf schimpften . « » Manchmal ist mirs , als befände ich mich allein schlecht , weil ich andern Leuten zu sehr traue : sie machen einen Lärm von der Schönheit der Natur , als wäre es eine Seltenheit , und streichen gewisse Empfindungen so heraus , als wären sie nicht bloß reingebürstete Stellen des Lebens ; sie haben eine Aufrichtigkeit in allem diesem , daß ihnen die Knöpfe vom Rocke springen , als sei alles dieses etwas anders als Nacktgehen - und stelle ich mich hin und rüste mich und strecke die Arme wie ein Fechter hinaus , ich warte und warte auf die entsetzliche Vortrefflichkeit der Dinge , als sollte nun bald ein Felsenstück auf mich niederrollen , und am Ende ist es immer das Alte , was sich von sich selbst versteht , ich werde unwillig , und vergnüge mich in irgend einem Winkel der Erde , solange es geht - . « » Es wäre mir recht angenehm , Weib und Kind zu haben , aber ein Weib vom Vater oder von sich selbst begehren , langweilt mich , und das Stehlen ist verboten . « » Marie Wellner liebe ich , aber es ist mir leid für sie , ich habe kein Recht auf sie , und sie alle auf mich : ich will warten , ob sie diese Rechte gebraucht ; ich befinde mich wohl in diesem stillen Leben , ich glaube , es könnte gut werden ; ob ich gut werden kann ? Gott weiß , wer schlecht ist . « ( An dem Abend , als die Szene zwischen Wellner und Marien vorfiel , fand sich Godwi sehr ergriffen : er vergaß alles , was vor diesem sein Leben umfaßte , und entschloß sich fest , Marien zu besitzen , an ihr und dem guten Alten ein einfaches ruhiges Leben zu erbauen , und ruhig zu werden - , er schwor sich selbst , nur von dem Besitze Mariens aus zu leben , und alles anzuwenden , sie zu erhalten . Die Lage des Vaters schien ihm dazu eine Hülfe zu bieten , weil er reich war und ihn durch ein Darlehn decken konnte ; er hoffte auf die Dankbarkeit der Tochter , und faßte die Hoffnung , Joseph werde nicht zurückkommen - , wie ihn dieser Plan rührte , wie er jetzt schon wieder auflebte , und eine ganz andre Ansicht seines Lebens bekam , ist leicht aus folgenden Zeilen zu sehen , die er schrieb , und die mehr Selbstgefühl als Selbstverachtung atmen . ) - » Ich habe lange auf den gewartet , der mich dem ewigen Zweifel an ein besseres Leben in mir entrisse , und endlich ist sie erschienen , die mich zur Einzelnheit erheben kann . Marie hat sorgenvoll mit mir gespielt , und wenn sie ihren eignen Schmerz an meinen Mängeln wegschneidet , so kann ich immer schöner werden und einst ihr Glück , das sie verlor , ihr in mir , ihrem Werke , zeigen . « ( Dieses wenige war mir verständlich , alles andere zeigte mehr oder weniger Bitterkeit und Selbstverachtung , mitunter eine Art von Mutfassen , die einer gewohnten Frivolität sehr ähnlich war , dabei doch guten Willen , aber selbst für diesen guten Willen Verachtung . ) - Er schrieb nach diesem ein Billet an Wellner , bot ihm eine ansehnliche Summe an , und ließ einige Zeilen einfließen , wie er sehr wünsche , mit ihm in eine nähere Verbindung zu kommen . Wellner nahm die Summe an , und wünschte auch , daß ihn Marie lieben möge - . Auch dies fand sich . Godwi war mehr um sie , er hatte ihren Vater gerettet , sie war ihm dankbar , es kamen Briefe , Joseph sei tot , sie war sehr traurig , und dem Vater war es die letzte Erfahrung : er ward krank , und wünschte Marien noch bei seinem Leben mit Godwi verbunden zu sehen , sie reichte ihm die Hand , es war an derselben Stelle , wo er sie einst Josephen versprochen hatte - bald darauf starb er . - Godwi besaß nun die ganze Handlung , und führte sie unter Wellners Firma fort . Marie war nicht glücklich und nicht unglücklich mit ihm , aber sie liebte ihn nicht - sie liebte immer nur Josephen . - Abends ging sie oft , mit ihrem kleinen Sohne auf dem Arm , am Hafen allein spazieren , und sah noch dahinaus , wo ihr lieber Joseph hingefahren war , und weinte . Als sie auch einmal so da ging , kam ein Schiff gefahren , vorn auf dem äußersten Rand stand ein Mann , der aussah wie Joseph ; er hatte ein Fernrohr in der Hand , und sah nach ihr , und winkte mit einem Tuch , sie bebte , und trat ganz hervor an das äußerste Ende des Ufers , so daß der Knabe sie bang um den Hals faßte . - Der Mann sprang in ein Boot , und kam näher , ach er sah immer aus wie Joseph ! Er rief laut : » Marie , Marie ! « Es war Josephs Stimme , es war Joseph selbst , und er sah , wie Marie die Arme nach ihm ausstreckte , wie ihr Kind und sie in die See stürzte - . Joseph wurde gerettet , das Kind wurde gerettet , aber Marie war tot . Godwi nahm den Knaben und floh , Joseph blieb krank zurück , er litt sehr an seinem Verstande . Als er genas , erzählte man ihm , daß Marie verheuratet gewesen . Dies brachte ihn zu einem fürchterlichen Ernste , er fand ein Testament Wellners , in dem er eröffnete , daß Godwi das ganze Vermögen gehöre , weil er darin seinen Banqueroutt bekannt machte - . Er verließ die Gegend , und lebte herumziehend von dem wenigen , was er in Amerika erworben hatte - . Dieses ist die Geschichte von Godwis Eltern , und die Leser werden nun die Stellen im ersten Bande , wo Werdo Senne Seite 73 singt , manche Stellen aus Otiliens Brief an Joduno und die meisten dunkeln Stellen in den Reden Werdos gegen Godwi verstehen , denn Werdo Senne ist niemand anders als dieser Joseph . Er erkennt in Godwi den Sohn Mariens , und dies bewegt ihn so heftig . Achtundzwanzigstes Kapitel » Gott sei Dank , « sagte ich zu Godwi , » nun bin ich mit den Papieren fertig , und es ist nun die Reihe an Ihnen zu erzählen , was Sie wissen « - » Ich spreche von dem meisten nicht gern , « erwiderte Godwi , » was ich von meinem Vater weiß , und es ist das einzigemal , daß mir es Mühe kostet , Ihnen bei Ihrem Buche zu helfen ; Sie werden mir daher verzeihen , wenn ich mich sehr kurz fasse ; überhaupt schreiben Sie ja meine und nicht meines Vaters Geschichte ; ich will Ihnen also nur einiges aus dem Leben meines Vaters , ehe er nach Deutschland kam , erzählen , und etwas von Josephs fernern Schicksalen , damit ich nachher frei bin , und Ihnen die wenigen Schritte noch aufschreiben kann , die ich von da , wo Sie mich im ersten Bande ließen , bis hierhin tat , von dem steinernen Bilde der Mutter bis hierher an Violettens Grabmal . Der Weg scheint lang von dem Denkmale einer Mutter bis zu dem eines Freudenmädchens ; er ist es nicht , aber er umfaßt dennoch mein Gemüt . Sie haben im ersten Bande das Lied von der Marmorfrau , mit dem das Buch hätte anfangen müssen , hätten Sie die Geschichte meines Lebens , das ist meiner Empfindungen , schreiben wollen , und mit dem , was Sie von Violetten sangen , mußten Sie aufhören . - In diesem Marmorbilde lag all mein Schmerz gefangen , ich lag wie das Kind in den kalten Armen des Bildes : was in dem Teiche sich bewegt , das ist dasselbe immer wieder , nur im beweglichen Leben gesehen ; aber was dort über den grünen Büschen in die Höhe strebt , das ist meine Freiheit ; in Marien lag der Schmerz und die Liebe gefangen , in Violetten ward das Leben frei . - Doch ich will die fatalen Geschichten , die nicht zwischen diesen zwei schönen Polen , diesem Aufgang und Untergang , liegen , schnell erzählen , damit Sie , lieber Freund , mit meiner Geschichte fertig werden , und wir miteinander eine bessere lebendige des eignen Lebens anfangen können . Mein Vater war früh elternlos und sein eigner Herr , leidenschaftlich und voll Enthusiasmus . Aber reich und frei gab er seinem Enthusiasmus keinen Zweck . Er ergriff alles mit ihm , was ihm in die Hände kam , die ganze Welt brannte ihm in einem reinen Feuer , so oft er sie auf einem neuen Punkte berührte , aber nur seine Leidenschaft berührte sie . Er liebte früh , und ward bewundert , nie geliebt ; es konnte sich kein Wesen an ihn hängen , denn er sprach im Arm der Liebe vom Universum , wo er es hätte sein sollen . Die armen Geschöpfe , die er fallen ließ , wenn sie sich an seine Brust gelegt hatten und er , des Mädchens vergessend , die Arme nach der Weiblichkeit ausstreckte , fielen unsanft , und mußten schmerzlich empfinden , daß er sie nur dann wieder erheben konnte , wenn er seine Arme eben zufällig nach dem Elend ausstreckte . - So ward ihm nichts , was ihn erquickte , denn der wird sich nie an einem kühlen Bronnen im einsamen schattichten Tale menschlich erfreuen , der immer die Idee der alten Philosophen im Kopfe hat , daß das Wasser das Erste und Höchste sei , von dem alles komme , zu dem alles kehre . - Er war daher sehr unglücklich , denn er sehnte sich nach Liebe und Freundschaft , aber nicht nach Menschen . - Es blieben ihm wenig Freunde , aber er hatte immer eine Menge ; er war nie ohne eine Geliebte , aber er hatte immer eine verloren - die armen unbefangenen Weiber sehnten sich nach dem Höchsten , wenn er einige Wochen hohe Worte vor ihnen gesprochen und alles , wovon sie lebten , klein gemacht hatte ; sie sehnten sich nach dem Höchsten , aber er zerbrach ihnen alle tiefere Sprossen der Leiter : da gaben sie sich hin , um mit ihm das Höchste zu erringen , aber sie gaben ihm ihr Höchstes hin - er machte sich ein Gedicht aus der Sache , sprach von der Göttlichkeit der Liebe so göttlich , daß die Menschen zu Idealen der Kunst zu werden strebten und die Bildsäulen sich begattet hätten , wenn sie es wie jene gehört hätten . - Wer ihn nehmen konnte wie ein Element , wie einen Sommer , dem konnte er wohltun , denn man konnte ihn durch mancherlei Arten von Verehrung dazu bringen , dies oder jenes Wetter zu erschaffen ; wer ihn aber nahm wie ein angewandtes Feuer , oder einen Gärtner , und sich von ihm in der Landwirtschaft unterrichten ließ , der konnte mit Weib und Kind verhungern . - Er wickelte sich bald mit sehr großmütigen Gefühlen von den Menschen los , und kam nach Oxford , um zu studieren : dort ergab er sich dem Skeptizismus , und sein Enthusiasmus , den er doch nun nicht mehr ablegen konnte , ward zu einem entsetzlichen , viel bösern Ding , zum schwärmenden Spotte . - Er zweifelte an allem ; doch schien dieses , durch seinen Enthusiasmus gemildert , lauter Bescheidenheit , und alle Menschen waren so lange von ihm entzückt , bis sie sich selbst an ihn verloren ; dann nahm er ihre von ihm begeisterten Körper in den Arm , hob sie zum Himmel , opferte sie der ganzen Natur , schlachtete sie mit seinem Spotte , mit der Träne der Rührung , daß es ihm verliehen sei , sie in so göttlichem Rausche ohne Schmerzen zu töten , verbrannte sie dann mit schönen Gebeten im reinen Feuer des Enthusiasmus , streute ihre Asche in alle vier Elemente , und verspottete sich hintennach selbst . Sein Enthusiasmus nahm nun immer mehr ab , und ebenso wuchs sein Spott . Vorher hatte er die Menschen zernichtet , weil er sie Engel nannte , jetzt zernichtete er sie , weil sich die schöne Täuschung gelöst hatte - er , der vorhin mit so großen herrlichen Wesen öffentlich war gesehen worden - wie konnte er nun mit den schlechten Menschen umgehen ! - Er war noch eitel , und genoß nun in der Verachtung , und wenn er vernichtete , war er in seinem Berufe . - Und bei allem dem so unglücklich ! - Oft hatte er helle Minuten , und das waren die traurigsten : was hatte er nur verbrochen ? daß die Welt so schlecht war , und er so vortrefflich - warum war er nicht wie die andern schlechten Menschen , unter deren Hand alles aufblühte , warum mußte er zerstören ? - Wenn er solche Momente gehabt hatte , gab er das Gold haufenweise an die Armen , oder setzte sich zu Pferd und ritt im Lande herum - denn das war ihm gleichviel . Man kannte ihn um ganz Oxford herum , denn er kehrte oft bei den adlichen Familien auf solchen Fahrten ein , weil er doch nicht lange mit der Natur allein sein konnte , die ihm die Wahrheit zu sehr sagte . - Bei diesen Gesellschaften nahm er manchem guten Fräulein die Ruhe , denn er legte es drauf an , und war ein schöner liebenswürdiger Mann . - In Oxford ging er mit ausschweifenden Mädchen um , und bekehrte , was andere verführt hatten , um sie auf eine richtigere Art zu verführen . Alle hielten ihn für einen sehr gefährlichen Mann , und fielen doch gerne in seine Schlingen , denn es waren die , in denen es Mode und gleichsam honett war , einmal gefallen zu sein - und es war auch bequem , denn er war diskret aus Hochmut . Er machte auf einer seiner kleinen Reisen die Bekanntschaft eines sehr schönen , in der ganzen Gegend als ein Wunder von Verstand bekannten Mädchens : auch sie war lange auf ihn begierig gewesen , sie war stolz , siegreich , und wußte nicht , wie sinnlich . Sie hatte es lange gewünscht , sich mit ihm zu messen , aber so hatte sie ihn nicht vermutet . Sie saß am Tische neben ihm , und koquettierte mit Todesangst , er aber war kalt , ohne allen Witz , beißend verständig , zerlegte ihre Reize und ihre Worte sehr ruhig vor der ganzen Gesellschaft , und sah dabei aus wie ein Engel der Güte - diese Gattung war seine Hauptstärke . - Das arme Mädchen war in der schrecklichsten Not , ihr ganzer Ruhm stand auf dem Spiel . Sie war daher fest entschlossen , ihn zu besitzen - und fing an , alle seine kalten Reflexionen , seinen edlen Spott mit einer scheinbaren Unschuld aufzunehmen und ihr Verstehen vor der Gesellschaft in sehr gefühlvollen Auslegungen zu entwickeln . Es tat seine Wirkung , die Gesellschaft , besonders die Weiber , welche sich anfangs gefreuet hatten , daß sie endlich doch da gescheitert sei , wo alle scheiterten , verstanden bald das Gespräch der beiden nicht mehr , und sahen nur mit Eifersucht die gelogene Zufriedenheit Mollys von Hodefield . - Godwi merkte das alles recht gut , und er war zu beschäftigt , seinen Ton fort zu halten und zugleich auf einen letzten vernichtenden Schlag zu sinnen , als daß er hätte empfinden können , wie liebenswürdig Molly war . - Aber ihr blieb heute der Sieg , denn sie stand schnell vom Tische auf , und sagte , daß sie zu einer Freundin müsse , die krank sei ; zugleich wendete sie sich , mit einer ziemlichen Vertraulichkeit zu unserm Spötter , und sagte unbefangen : » Ich hoffe , lieber Freund , Sie heute abend überzeugt zu haben , wie ich Sie sehr gut verstehen und wie ich gar nicht begreifen kann , daß man Ihren Grundsätzen einen so bösen Ruf gegeben - wahrlich , wenn Sie in Ihrer Güte fortfahren , mich so wenig zu besuchen , weil Sie glauben , es könne meinem Rufe schaden , so übertreiben Sie ; ich kann nicht begreifen , warum Sie mich nicht öfter besuchen sollten ; wir sind immer so ungestört als das letztemal , denn Sie wissen , ich bin allein und ganz mein Herr - Sie wackrer Mann , wie kann man Sie gefährlich nennen ? Es ist umgekehrt , Ihnen ist alles gefährlich ; doch ich verspäte mich , denken Sie an den Weg zu mir . « - Sie hatte Godwi nie gesehen , trat ihm dabei auf den Fuß , den er mit einem spottenden Nichtverstehn zurückzog ; aber das störte sie nicht , sie legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter , und verließ die Stube . Ihm war ein solches Weib interessant , er hatte lange keinen so ehrenvollen Kampf gehabt - und er nahm es stillschweigend an . Ihre Sicherheit schien ihm nur Sicherheit , aber sie hatte ihn doch um ihre Verlegenheit betrogen . - Als sie weg war , war es nun seine Sache , die Anwesenden zu quälen ; er sprach deswegen mit Begeisterung von der Liebenswürdigkeit Mollys , und ließ nachher jede einzelne Liebenswürdigkeit für sich über die Klinge springen . - Neunundzwanzigstes Kapitel Den folgenden Morgen ritt er schon nach Mollys Landhaus . Als er an ihrem Garten vorbeikam , und sie in einer offnen Laube mit einem andern Frauenzimmer sitzen sah , rief er ihr zu : » Ich komme nun öfter « - und sprengte dem Tore hinein . Molly war sehr überrascht , ihn zu sehen , und wußte nicht , ob sie sich freuen oder bedauern sollte ; aber sie fühlte sich schon in den bezauberten Strom , den jede Liebe unter exzentrischen Umständen bildet , hingezogen . » Arme Molly ! ist dieser die Ursache deines Schweigens seit gestern « , sagte Kordelia6 zu ihr , und verließ sie . Godwi kam nun den Garten herauf , und da er sah , wie Kordelia Molly verließ , so beugte er um eine Allee herum , um ihr zu begegnen . Dies tat er , um Mollys Stolz zu mildern , indem er sie sehen ließ , daß er nahe bei ihr noch einen Umweg nehmen konnte , um irgend einem andern Weibe zu begegnen . Kordelia grüßte ihn nicht , als er an ihr vorüberging - er stand einige Minuten still und sah ihr nach , bis sie ihm aus den Augen kam . Dieser Moment ist ihm ein Stillstand seines Lebens geworden , er wußte nie , warum ; aber er hat nie vergessen , wie er stillstand , und sie an ihm vorüberging . » Verirren Sie sich nicht « , hörte er Molly rufen , und seine wunderbare Rührung bei Kordeliens Anblick ward schnell ein Mittel , diese zu demütigen ; er trat vor sie mit den Worten : » Ihre Freundin ist so schön , so stolz , daß man leider verloren ist , ohne den Genuß zu haben , sich zu verlieren . « - Molly fühlte die Spitze , und erwiderte ihm , daß sie ihn wieder suchen wolle , um ihm die Freude zu machen , sich zu verlieren . - Es spann sich bald ein Gespräch zwischen ihnen an , wie es zwischen dem schönen stolzen Spötter und der stolzen sinnlichen Enthusiastin sich weben konnte . Godwi erkannte ihre Schwäche , und ihre Stärke , er fand , daß er ihren Kopf entwaffnen müsse , um sie zu demütigen , und wie leicht war ihm das - denn sie antwortete schon auf seine Schönheit , als sein Verstand noch allein mit ihr koquettierte . - Seine Besuche wiederholten sich , er schien ihr anhänglich zu werden , denn er faßte schon oft ihre schöne Hand bei diesen Unterhaltungen , und zählte seine Ursachen an ihren Fingern her . Ihr Umgang erhielt auch schon jenen geheimnisvollen verführenden Reiz , wo sich das Geschlecht in die entferntesten Ideen mischt , sie waren schon so vertraut , daß sie hier und da manches sagten , was sie nicht recht ausgesprochen hatten , ihr Wort fing an Fleisch zu werden . - Molly wehrte sich , und Godwi ergötzte sich dran , wie sie in dieser Glut stets so heilig , und er immer witziger ward . - Sie liebte ihn nun wirklich : wenn er nicht zugegen war , weinte sie oft heiße Tränen , und hatte in ihrer Liebe den sehnlichen Wunsch , an ihrem Herzen diesen Mann der Welt wiederzugebären ; aber sie wollte ihn eigentlich nehmen , wie er war . Er war der einzige Mann bis jetzt gewesen , der ihr Punkte vorschreiben konnte , die sie denkend nicht zu überschreiten wagte , und wenn das sinnliche Mädchen an ihrer Toilette saß und ihre Locken ringelte , so riß sie oft alle die schönen Schlingen wieder auseinander , faltete die Hände , drückte sie gegen ihren entblößten Busen , und sagte mit heißen Tränen in den großen Augen : » Ach sollte der kalte Spötter hier an diesen beiden Leben nicht wieder zum Enthusiasten erwarmen können ? « Kordelia entfernte sich immer mehr von ihr - . « » Ich will Ihnen « , unterbrach sich hier Godwi , » nicht weiter erzählen , wie mein Vater dies Weib verführte . « - Bald lag er an diesen beiden Leben , aber er war nicht wieder zum Enthusiasten erwarmt , er spielte mit ihnen , wie mit allen Leben , nahm alles , was die volle Blüte ihm entgegendrängte , schwor ihr , er habe mehr genossen , als er vermutet habe , und verließ ihr Bett ; sie faßte ihn mit ihren zarten Armen und verstand ihn nicht . » Löse deine Bosheit im einzigen Ergeben , lieber Godwi , « sagte sie , » o zürne nicht , daß du ein Mensch bist , hat dich doch das Leben noch geliebt ; ach du glaubtest nicht , daß noch solche Einheit bestehe « - Sie kniete vor ihm , umschlang ihn , ihre holde Blöße bewegte ihn nicht . » Fräulein , « sagte er , » Sie erniedrigen sich , schonen Sie Ihrer Gesundheit , Sie werden sich verkälten , « und eilte aus der Stube . - Sie lag noch lange auf den Knien , und konnte am Morgen nicht mehr weinen . - Als Godwi durch den Garten ging , stand er in einem Gebüsche still , er sah Kordelien im Mondscheine stehen , ruhig wie eine Bildsäule : er war wunderbar erbittert , und kalt , als er sie sah , er konnte sie nicht erdulden - und konnte er etwas Schlechteres tun , als zu ihr hingehen und sagen : » Guten Abend , Miß , noch so spät , mit der Natur beschäftigt ? gehen Sie doch zu Ihrer Freundin , sie befindet sich nicht ganz wohl - sehen Sie , es war nicht gut anders möglich , ich konnte nicht anders - « . Kordelia hatte nie mit ihm gesprochen ; aber Molly hatte ihm ihr wunderbar andächtiges Gemüt in ihren Umarmungen verraten . Kordelia floh erschrocken vor ihm , und er ritt weiter . Wie es ihm war , weiß Gott - er konnte nicht begreifen , als er so vor sich hin ritt , warum er ein so schlechter Mensch sei , und warum er sich nicht mit Molly verbunden habe : da fing er an , schneller zu reiten , und wußte nicht , warum er sein Gewissen durch einen starken Trab überreiten konnte . - Molly fühlte sich so erniedrigt , als es ein Weib je werden kann , die sich nicht hinbietet : sie hatte Kordelien alles vertraut , und diese ließ die merkwürdigen Worte fallen : » Das kenne ich wohl - « . Kordelia konnte ihre Freundin nicht trösten , denn sie wußte , daß nichts trösten kann , wo das Edelste zertrümmert ist - und zu jener Erhebung des Gemütes , zu der sie selbst sich gerettet hatte , war Molly nie fähig , da sie zu feste durch die Sinne ans Leben gebunden ward - . Molly verließ nun ihre Wohnung nicht mehr ,