sich und ihrem Verfasser zu reden macht ; oder sollte es noch nicht geschehen seyn , so wirst du dich zu Milet leicht mit einem Exemplar versehen können , denn die Nachfrage nach diesem Buch ist so stark , daß die Bibliokapelen12 von Athen und Korinth nichts Angelegner ' s haben , als die Hände aller Geschwindschreiber , die in beiden Städten aufzutreiben sind , mit möglichster Vervielfältigung desselben zu beschäftigen . Ich glaube nicht zu viel von diesem Werke , so beschränkt auch der Gegenstand desselben ist , zu sagen , wenn ich es , in Rücksicht auf die historische Kunst , mit dem berühmten Kanon des Bildhauers Polyklet vergleiche , und behaupte , so müsse jede Geschichte geschrieben seyn , auf deren historische Wahrheit man sich verlassen können soll . Die ganze Erzählung ist wie eine Landschaft im vollen Sonnenlicht ; alles liegt hell und offen vor unsern Augen ; nichts steht im Schatten , damit etwas anderes desto stärker herausgehoben werde ; alles erscheint in seiner eigenen Gestalt und Farbe ; nichts vergrößert , nichts verschönert , sondern im Gegentheil jede so häufig sich anbietende Gelegenheit , das Außerordentliche und Wunderbare der Thatsachen durch Colorit und Beleuchtung geltend zu machen , geflissentlich vernachlässigt , und die Begebenheiten mit ihren Ursachen und Folgen , die Handlungen mit ihren Motiven und dem Drange der äußern Umstände so natürlich verbunden , daß das Wunderbarste so begreiflich als das Alltäglichste wird . Ein Maler oder Dichter , von welchem alles dieß gesagt werden könnte , würde schlecht dadurch gelobt seyn : aber was bei diesen Mangel an Genie und Kunst verriethe , ist , nach meinem Begriff , das höchste Lob des Geschichtschreibers . Xenophon hat es allen , die nach ihm kommen werden , schwer , wo nicht unmöglich gemacht , ihn hierin zu übertreffen . Nichts kann ungeschminkter , ja selbst ungeschmückter seyn als die naive Grazie seines Styls ; nichts einfacher und anspruchloser als seine Art zu erzählen ; nichts kaltblütiger und unparteiischer als seine Charakterschilderungen , die , bei aller Bestimmtheit und Schärfe der Zeichnung , doch so sanft gehalten und beleuchtet sind , daß jeder nachtheilige Zug ihm von der Wahrheit selbst wider Willen abgedrungen scheint . Uebrigens gestehe ich gern , daß alles , was ich der Anabasis hier zum Ruhme nachsage , schlechterdings erforderlich war , da der Verfasser im Grunde selbst der Held des Stücks ist , und also die Einfalt und Bescheidenheit , in welche er alles Große und Ruhmwürdige , was ihn die Wahrheit von Xenophon zu sagen nöthigt , einhüllt , wofern sie ihm nicht natürlich wäre , hätte heucheln müssen , um das Verdächtige und Verhaßte , das der Erzählung unsrer eignen Großthaten anzukleben pflegt , durch den Schleier der Grazien dem Auge der Tadelsucht und Mißgunst zu entziehen . Was mir dieses Buch so besonders lieb macht , ist die Sokratische Sophrosyne , die es von Anfang bis zu Ende athmet , und die in allem , was Xenophon sich selbst darin denken , reden und handeln läßt , so lebendig dargestellt ist , daß , indem ich lese , unzählige Erinnerungen in mir erwachen , welche seiner an sich schon so anziehenden Erzählung , durch tausend feine Ideenverbindungen und leise Beziehungen auf etwas , so ich ehemals an Sokrates wahrgenommen oder aus seinem Munde gehört , einen Grad von Interesse geben , den sie freilich nur für wenige haben kann . Indessen muß doch dieses in seiner Art einzige Buch auch für Leser , die kein näheres Verhältniß zu Sokrates hatten , immer eines der unterhaltendsten die unsre Sprache aufzuweisen hat bleiben , und ich müßte mich sehr irren , wenn es nicht noch in den spätesten Zeiten das Handbuch und der unzertrennliche Gefährte aller großen Feldherren werden sollte . In den letzten dreißig bis vierzig Jahren haben sich die Athener zu ihrem größten Schaden einer Menge wild und ohne alle Cultur aus dem Boden hervorgeschossener Heerführer anvertraut , die sich ' s gar nicht zu Sinne kommen ließen , daß Krieg führen und einem Kriegsheere vorstehen eine Kunst sey , welche viel Wissenschaft voraussetzt und eben so gut gelernt seyn will , wie irgend eine andere . Xenophons Anabasis wird hoffentlich solchen Autoschediasten13 ( wie Sokrates sie zu nennen pflegte ) die Augen öffnen , und ihnen einleuchtend machen , welch eine seltene Vereinigung großer ungewöhnlicher Naturgaben mit einer Menge erworbener Talente , welche Stärke und Erhabenheit der Seele , Geistesgegenwart , Mäßigung und Gewalt über sich selbst , welch ein behendes , festes in der Nähe und Ferne gleich scharf sehendes Auge , welche Sorge für die mannichfaltigen Bedürfnisse eines Kriegsheeres , welche Aufmerksamkeit auf die kleinsten Umstände , welche Voraussicht aller möglichen Zufälle , welche Fertigkeit die günstigen auf der Stelle zu benutzen , und was widrige geschadet haben , sogleich wieder gut zu machen , welche Geschicklichkeit die unter ihm stehenden Menschen zu prüfen , zu lenken , zu gewinnen , und mit weiser Strenge an einen eben so pünktlichen als willigen Gehorsam zu gewöhnen , mit Einem Worte , wie unendlich viel dazu gehöre , daß ein bloßer Freiwilliger , wie Xenophon war als er dem Cyrus seine Dienste anbot , sich in kurzer Zeit als einen so vollkommenen Feldherrn zeigen könne , wie er sich während dieses beispiellosen Unternehmens erwiesen hat , wo es um nichts Geringeres zu thun war , als ein Heer von zehntausend aus allen Theilen Griechenlands zusammengerafften Kriegern , die nichts als sich selbst und ihre Waffen hatten , aus dem Herzen des feindlichen Landes , durch eine lange Reihe barbarischer feindseliger Völker , über unzugangbare Gebirge und brückenlose Flüsse , einen Weg von mehr als 25000 Stadien in ihr Vaterland zurück zu führen . Uebrigens ist vielleicht der wichtigste Dienst , den er durch dieses Buch der ganzen Hellas geleistet hat , dieser : daß sie sich daraus überzeugen können , wie furchtbar sie den Barbaren durch ihr schwer bewaffnetes Fußvolk und durch ihre Disciplin und Taktik sind , und welch eine leichte Sache , wofern sie nur unter sich selbst einig wären , es seyn würde , mit dreißig bis vierzigtausend Griechen von einem Agesilaus oder Xenophon geführt , sich des ganzen ungeheuern Perserreichs zu bemächtigen . Wenn dieser Rückzug der Zehentausend den Muth ihrer braven Vorfahren nicht in ihnen aufzureizen vermag , dann gebe ich sie gänzlich verloren ! Aber wie meinst du , Hippias , daß die edeln und weisen Athener einem Mitbürger , der ihnen so große Ehre macht , und von dessen Talenten und Charakter sie so große Vortheile ziehen könnten , ihre Achtung bewiesen haben ? Sie fanden sich durch seine , ihnen übrigens ganz unnachtheilige Vorliebe zu den Lacedämoniern beleidiget , und haben ihn auf ewig aus Attika hinausgewiesen . O die Kechenäer ! Wenn dir in dem reizenden Milet noch eine leere Stunde übrig bleibt , die du an deinen Freund Aristipp zu verschenken willig bist , so wird mich dein Brief zu Rhodus finden , sofern du ihn an Lykophon , Menalippus Sohn ( einen allen Schiffern in diesen Meeren bekannten Namen ) zur Bestellung empfehlen willst . L.W. 7. Hippias an Aristipp . Xenophons Anabasis , welche , weil der Rückzug die Hauptsache ausmacht , eben so gut Katabasis14 heißen kann , war mir bereits bekannt , als ich deinen Brief aus Rhodus erhielt . Auch ich habe sie mit Vergnügen gelesen , und wiewohl mir däucht , daß von dem hohen Werthe , den du diesem Werke beizulegen scheinst , noch etwas abgehen könnte , so gestehe ich doch , daß es nicht leicht wäre , eine an sich selbst so wunderbare Geschichte wie der Zug und Rückzug der zehntausend Griechen mit weniger Prunk und in einem treuherzigern Ton zu erzählen ; was das unfehlbarste Mittel ist , einen nicht allzu mißtrauischen Leser in die angenehme Täuschung zu setzen , daß er , ohne allen Argwohn durch diesen Ton selbst getäuscht zu werden , immer die reinste Wahrheit zu lesen glaubt . Ich sage dieß nicht um die Aufrichtigkeit Xenophons verdächtig zu machen ; indessen bin ich gewiß , von allen den Hauptleuten , die eine Rolle in dieser Geschichte spielen , würde ein jeder sie mit andern Umständen erzählt , und vieles mit andern Augen und in einem andern Lichte gesehen haben . Wenn nun jeder von ihnen eine Katabasis geschrieben hätte , müßte nicht ein unbefangener Leser öfters zweifelhaft seyn , wem er glauben sollte ? Dieser Einwurf gilt gegen die Zuverlässigkeit einer jeden Geschichtserzählung einer Reihe von Begebenheiten , in welche nebst dem Erzähler selbst , viele an Denkart , sittlichem Charakter , Absichten und Interesse verschiedene Menschen verwickelt waren ; und er ist um so weniger zu heben , da er sich auf die menschliche Natur selbst gründet , und daher schwerlich eine Ausnahme zu Gunsten irgend eines Einzelnen zuläßt . Alles was wir von einem solchen Erzähler zu fordern berechtigt sind , ist daß er den Willen habe , uns nichts für wahr zu geben als was er selbst für wahr hält . Werden wir dann demungeachtet getäuscht , so liegt die Schuld an uns selbst , nicht an ihm . Ich zweifle so wenig daran , daß Xenophon uns nichts als reine historische Wahrheit geben wollte , daß ich vielmehr sagen möchte , er habe diesem löblichen Vorsatz keinen geringen Theil des Vergnügens aufgeopfert , das er uns hätte machen können , wenn er , wie Herodot , unsre Einbildungskraft etwas mehr Antheil an seiner Erzählung hätte nehmen lassen wollen . Denn nichts kann einem Schriftsteller leichter begegnen , als vor lauter Begierde wahr zu seyn , langweilig zu werden . Doch dafür ist in diesem Werke gesorgt . Man kann sich darauf verlassen , daß ein Autor , der seine eigene Geschichte und Thaten erzählt , wofern er nicht ohne alles Genie ist , nie sehr langweilig werden wird . Solltest du den kleinen Streich nicht bemerkt haben , Aristipp , den ihm die wunderbare Zaubrerin , die man aus Mangel eines passendem Namens Eigenliebe nennt , vermuthlich ohne sein Wissen und Wollen gespielt hat , » ihm , so oft er uns erzählt , was Xenophon der Athener gedacht , gesprochen , gethan und gewollt hat , ganz leise leise das Sokratische Ideal eines vollkommnen Feldherrn unterzuschieben ? « Eine Täuschung , deren er sich um so weniger versah , da er vermuthlich dadurch , daß er von sich selbst immer in der dritten Person spricht , eine treffliche Maßregel gegen die Nachstellungen des hinterlistigen Ichs genommen zu haben glaubte . Daß er während dieses ganzen Kriegszuges jenes Ideal immer vor Augen hatte , daß er es zu erreichen strebte , war eines ehmaligen Zöglings und vieljährigen Freundes des weisesten aller Menschen würdig : aber daß er es so vollständig in seiner eigenen Person darstellt , dabei könnte sich doch wohl , ihm selbst unbemerkt , etwas Poesie eingemischt haben . Oder wollen wir es ihm etwa gut schreiben , daß er sich so ganz unverhohlen zu der Sokratischen Schwachheit , - in vollem Ernst an Zeus Meilichios15 und Hercules Hegemon16 zu glauben , bekennt , und uns mit der Treuherzigkeit eines Böotischen Bäuerleins seine Träume und noch manche andere Dinge erzählt , die er seiner Urgroßmutter nachzusagen hätte erröthen sollen ? Ich mußte laut auflachen , wie ich im vierten Buche las , was geschehen sey , da sie eines Tages auf ihrem beschwerlichen Marsche über die Karduchischen Berge , bei einem äußerst heftigen und schneidenden Nordwind , der ihnen mit vollen Backen ins Gesicht blies , sich durch Ellen tiefen Schnee so mühselig durcharbeiten mußten , daß viele Menschen und Thiere dabei verloren gingen . » Da hieß uns einer von den Wahrsagern dem Wind ' ein Opfer schlachten , « sagt Xenophon mit einer Einfalt , die man für Sokratische Ironie halten müßte , wenn er nicht unmittelbar darauf mit dem gläubigsten Ernst hinzusetzte : » es wurde also geopfert , und es däuchte allen , daß die Strenge des Windes nachgelassen habe . « - Doch dieses Geschichtchen ließe allenfalls noch eine leidliche Erklärung zu . Der Gott Boreas , der zu Athen und an mehrern Orten Griechenlands einen Altar hat , wird vorzüglich von den Arkadiern zu Megalopolis verehrt ; und beinahe der dritte Theil des Heers bestand aus Arkadiern . Der Einfall des Wahrsagers , den Zorn dieses Gottes durch ein Opfer zu besänftigen , war also nichts weniger als unverständig , da er dazu diente , den Muth des gemeinen Mannes wieder zu beleben , und die Wuth des Windes , falls sie indessen nicht etwa von selbst nachließ , wenigstens durch die Kraft des Glaubens zu dämpfen . Das letztere scheint auch der Fall gewesen zu seyn ; denn Xenophon sagt nicht , der Wind habe wirklich nachgelassen , sondern nur , sie hätten alle geglaubt er lasse zusehends nach . Schwerer dürfte es seyn , den Menschenverstand unsers Sokratischen Kriegshelden mit seinem überschwänglichen Glauben an die Hieroskopie17 zu vereinigen . In der That treibt er diese Schwachheit so weit , daß man oft lieber an seiner Aufrichtigkeit zweifeln , und seine seltsame Beharrlichkeit , sich alle Augenblicke in den Eingeweiden der Opferthiere , mit dem blindesten Vertrauen auf ihre Entscheidung , Rathes zu erholen , für einen Kunstgriff halten möchte , eine aus so vielerlei verschiedenen Griechischen Staaten gezogene , über den schlechten Erfolg ihrer großen Erwartungen mißmuthige , widerspänstige , mißtrauische , und immer zum Aufstand bereite Mannschaft ( wie die Zehntausend sich in dieser ganzen Geschichte beweisen ) desto leichter beisammen und in einiger Subordination zu erhalten . Aber man sieht sich alle Augenblicke genöthigt , diese Vermuthung wieder aufzugeben , so häufig sind die Beispiele , wo , ohne die Voraussetzung daß er an diese Art von Divination in vollem Ernst geglaubt habe , entweder sein Betragen schlechterdings unbegreiflich wäre , oder wo sich nicht der mindeste Beweggrund ersinnen läßt , warum er vernünftigen Lesern seines Buchs die Gesundheit seines Verstandes durch eine ohne allen Zweck vorgegebene Deisidämonie18 hätte verdächtig machen wollen . Das Sonderbarste bei der Sache ist , daß er in diesem Aberglauben viel weiter geht als sein Meister selbst , dessen Ansehen sonst so viel bei ihm gilt . Sokrates wollte , daß man nur in Fällen , wo das Orakel der Vernunft verstummt , seine Zuflucht zu den Opferlebern oder zu den Hexametern der Pythia nehmen sollte ; Xenophon hingegen sagt zu seinen versammelten Soldaten : » Ich berathe mich , wie ihr seht , aus den Opfereingeweiden so oft und viel ich nur immer kann , so wohl für euch als für mich selbst , damit ich nichts reden , denken noch thun möge , als was euch und mir das Rühmlichste und beste ist . « - Konnte und mußte ihm nicht , wenigstens in den meisten Fällen , seine Vernunft die sicherste Auskunft hierüber geben ? Du wirst mir vielleicht sagen : dieser seltsamen Schwachheit ungeachtet hat sich Xenophon bei diesem Rückzug als einen der verständigsten , geschicktesten und tapfersten Kriegsobersten bewiesen , die jemals gewesen sind . - Aber würde er dieß , ohne eine so lächerliche Grille , weniger , oder nicht vielmehr in einem noch höhern Grade gewesen seyn ? Bei allem dem gestehe ich gern , daß Xenophon , ein wenig Sokratische Pedanterie abgerechnet , der polirteste , sittlichste und für alle Lagen und Verhältnisse des öffentlichen und Privatlebens tauglichste Mann nicht nur unter allen Sokratikern , sondern vielleicht unter allen Griechen , so wie er noch jetzt , in einem Alter von mehr als funfzig Jahren , einer der schönsten ist ; und ich kann ihm dieß um so zuversichtlicher nachsagen , da ich ihn hier zu Milet mehr als Einmal im Gefolge des Agesilaus gesehen und gesprochen habe . Dieser König von Sparta scheint im Begriff zu seyn , das , was du von einer sehr möglichen Folge des Rückzugs der Zehntausend geweissagt hast , wahr zu machen . Aber der böse Dämon der Griechen ist mit den Schutzgöttern Persiens im geheimen Einverständniß ; oder , ohne Figuren zu reden , ihre Zwietracht und Eifersucht über einander , die seit dem Trojanischen Kriege die Quelle alles ihres Unglücks war , wird auch dießmal die Sicherheit des Perserreichs seyn , und es so lange bleiben , bis sich in Griechenland selbst ein König erhebt , der vor allen Dingen der Unabhängigkeit aller dieser kleinen Republiken ein Ende macht , welche sich ihrer Freiheit so schlecht zu ihrem eigenen Besten zu bedienen wissen . Dieser König wird über lang oder kurz wie ein Gewitter über sie her fallen , und wer weiß , ob er nicht in Sicilien oder Thessalien oder Macedonien schon geboren ist ? Je länger ich hier lebe , je mehr finde ich daß du mir nicht zu viel von dem Aufenthalt in Milet versprochen hast , und die Einwohner scheinen mir den Vorzug , den du ihnen vor den Athenern gibst , täglich mehr zu rechtfertigen . Die Milesier haben den guten Verstand , keine glänzendere Rolle in der Welt spielen zu wollen , als wozu sie durch die Lage ihrer Stadt bestimmt sind , und scheinen sich ohne Mühe in den Schranken zu halten , welche die Mittelmäßigkeit ihres Gemeinwesens um sie her zieht . Milet ist alles was es seyn kann , indem es einer der ansehnlichsten und blühendsten Handelsplätze in der Welt ist ; und sich dabei zu erhalten , scheint ihr höchster Ehrgeiz zu seyn . Wie glücklich wären die Athener , wenn sie sich , seit Solon den Grund zu ihrem ehemaligen Wohlstand legte , so wie die Milesier zu mäßigen gewußt hätten ! Aber das Ansehen und der Ruhm , den sie sich in dem Zeitraum des Medischen Kriegs erwarben , machte sie schwindlicht ; seit dieser Zeit können sie nicht ruhig seyn , wenn sie nicht die Ersten in Griechenland sind ; aber sie können eben so wenig ruhen , wenn sie es geworden sind . Mit jeder höhern Stufe , die sie ersteigen , entdecken sie , wie viel noch fehlt um die Ersten in der Welt zu seyn ; und nun ist ihnen nichts was sie haben genug , und sie schnappen so lange nach dem luftigen Gegenstand ihrer Unersättlichkeit , bis sie auch das verlieren was sie hatten und durch Genügsamkeit und ein zugleich männliches und kluges Betragen ewig erhalten könnten . Der Athener ist unendlich eifersüchtig über eine Freiheit , die er nicht zu gebrauchen weiß ; er will bloß frei seyn , damit ihm alle andern dienen ; deßwegen will er es allein seyn , und unterwirft sich alles , was nicht mächtig genug ist , ihm zu widerstehen : der Milesier ist mit so viel Freiheit zufrieden als er zu seinem Wohlstand nöthig hat , und verlangt keine größere Macht , als die Beschützung seines ausgebreiteten Handels erfordert . In beiden Städten ist das Volk überhaupt lebhaft , witzig und zum Scherz geneigt ; aber der Milesier , ohne leicht die Gränzen der Wohlanständigkeit und der Achtung , die man im geselligen Umgang einander schuldig ist , zu überschreiten . Der Witz des Atheners hingegen ist scharf und beißend ; auf den ersten Blick hat er das Lächerliche an Personen und Sachen weg , und bespottet es mit so viel weniger Schonung , da ihm sein demokratischer Trotz und der Stolz auf den Athenischen Namen eine Selbstgefälligkeit und einen Uebermuth gibt , den die Fremden ziemlich drückend finden . Er sieht alles was nicht Attisch ist über die Achseln an , und ist immer voraus entschlossen , allem was er nicht selbst sagt zu widersprechen . Er weiß schon bei deinen ersten Worten was du vorbringen willst , widerlegt dich ehe du ihm zeigen kannst daß du bereits seiner Meinung bist , antwortet dir auf ein ernsthaftes Argument mit einem Wortspiel oder einer Spitzfindigkeit , und geht im Triumph davon , wenn er nur ein paar Lacher auf seiner Seite hat . Athener und Milesier sind gesellig und gastfrei : aber wenn der Athener dich einladet , so ist es um sich dir zu zeigen ; der Milesier will , daß dir wohl bei ihm sey . Beide scheinen alles Schöne , besonders in den Künsten , bis zur Schwärmerei zu lieben : aber der Athener um darüber zu schwatzen , der Milesier um es zu genießen . Ueberhaupt sind die letztern ein fröhliches , genialisches Volk , heiter und lachend wie ihr Himmel , warm und üppig wie ihr Boden ; aber doch das letztere nicht mehr , als mit der Betriebsamkeit und dem Handelsgeiste bestehen kann , denen sie ihren großen Wohlstand zu danken haben . Zu Milet sehe ich jedermann in der ersten Hälfte des Tages beschäftigt , um die andre desto freier dem Vergnügen widmen zu können . Der Reichthum hat in ihren Augen nur insofern einen Werth , als er ihnen die Mittel zum angenehmsten Lebensgenuß verschafft : aber sie vergessen auch nie , daß die Quellen desselben durch anhaltende Thätigkeit im Fluß erhalten werden müssen , und ohne eine verständige Oekonomie bald versiegen würden . Die Athener bleiben , unter unaufhörlichen Entwürfen , wie sie ohne Arbeit reich werden wollen , immer hinter ihren Bedürfnissen zurück , und die meisten darben im Alter , oder müssen zu den schlechtesten und verächtlichsten Hülfsquellen ihre Zuflucht nehmen ; weil ein Athener es sich nie verzeihen könnte , wenn er einen gegenwärtigen Genuß einem künftigen aufgeopfert hätte . Dieß ist ungefähr alles , Freund Aristipp , was ich bis jetzt von dem Unterschied in dem Charakter der Milesier und der Kechenäer bemerkt habe . Daß es auf beiden Seiten Ausnahmen gibt , versteht sich von selbst . Seit einigen Tagen erfahre ich endlich auch wieder etwas von der schönen Lais . Sie lebt , sagt man , zu Sardes auf Kosten des bezauberten Arasambes wie eine zweite Semiramis , und Leute , die seit kurzem von Ephesus kommen , können nicht genug von der Pracht ihres Hofstaats erzählen , und von der Menge und Schönheit ihrer Sklaven und Sklavinnen , und von den herrlichen Festen , die ihr zu Ehren unaufhörlich auf einander folgen ; kurz von der gränzenlosen Ueppigkeit , womit sie die Schätze ihres Liebhabers verschwendet , der es auf diesen Fuß nicht lange aushalten könnte , wenn auch alles Gold des Paktols19 und des Ganges in seine Schatzkammer strömte . Ich zweifle nicht , daß in allem diesem sehr viel Uebertriebenes ist ; doch begreift sich ' s , wie die Liebe zum Schönen und Großen in der Natur und der Kunst ( die einzige Leidenschaft unsrer Freundin ) unter der Herrschaft einer so fruchtbaren Einbildungskraft wie die ihrige , in weniger als zehn Jahren einen Crösus20 zum Irus21 machen könnte . Daß sie eine so betrübte Katastrophe nicht abwarten wird , bin ich gewiß , oder ich müßte sie schlecht kennen . Indessen nimmt mich ' s doch Wunder , was das Spiel für einen Ausgang nehmen wird . 8. Aristipp an Kleonidas . Ich rechne es der schönen und guten Musarion zu keinem kleinen Verdienst an , daß es ihr , wie du mir schreibst , so wohl in Cyrene gefällt ; nicht , als ob es mir an kindlicher Liebe zu meiner Vaterstadt so sehr gebräche , daß ich von allem , was zu ihrem Lobe gesagt werden kann , auch nur ein Leucippisches Sonnenstäubchen22 abgehen lassen wollte ! Aber wir haben Athen und Korinth und Syrakus und Milet und Ephesus gesehen ; und blühete nicht Musarion in den Zaubergärten der Lais zu Aegina auf ? Wahrlich , wenn sie die Gärten der Hesperiden um Cyrene zu sehen glaubt , und die Aussicht vom Altan ihres Hauses in die unendlichen Kornfelder und mit lauter Silphium23 bedeckten Anhöhen um Cyrene so reizend findet , so kann ich wohl schwerlich irren , wenn ich es einer Ursache beimesse , welche sogar die kahlen Felsen von Seriphos an der Seite ihres Kleonidas zur Insel der Kalypso24 für sie machen würde . Warum hat doch die Natur diesen zarten Liebessinn , der sich auf Einen Gegenstand beschränken und in dessen Glückseligkeit seine eigne höchste Befriedigung finden kann , nicht auch unsrer schönen Freundin Lais eingepflanzt ? - Eine närrische Frage , ich gesteh ' es - denn da wäre sie nicht Lais - Aber , wenn ich mir vorstelle , daß ein so herrliches Weib , aller Wahrscheinlichkeit nach , in der zweiten Hälfte ihres Lebens nicht glücklich seyn wird : so kann ich mich dennoch des Wunsches nicht erwehren , daß es möglich seyn möchte , die sanfte , genügsame , liebende Seele unsrer Musarion zu haben , und doch Lais zu seyn . Ich sehe voraus , daß der fürstliche Arasambes das Glück worauf er stolz ist , das schönste Weib des Erdbodens zu besitzen , theurer bezahlen wird als er gerechnet hat . Ich meine damit nicht , daß er seine Schätze verschwendet , um alle ihre Tage zu Festen zu machen ; das rechnet er selbst für nichts . Aber wenn er sehen wird , daß er es , mit allem was er für sie thut , nicht in seine Macht bekommt , die , die ihn unendlich glücklich machen würde wenn sie es selbst wäre , in eben dieselbe Täuschung zu versetzen , in welcher er , so lang ' er sie für Wahrheit hielt , sich den Göttern gleich fühlte ; wenn er sehen wird , daß diese Zaubrerin , die alles was ihre Augen erreichen in Flammen setzt , selbst , gleich dem Salamander mitten im Feuer kalt bleibt , und daß der Mann , der sich ihr ganz aufopfert , wie liebenswürdig er auch seyn mag , doch immer einen alle seine Beeifrungen vereitelnden Nebenbuhler in ihr selbst finden wird : was muß die natürliche Folge einer solchen Entdeckung seyn ? Und wie lange glaubst du , daß die stolze Lais auch nur die ersten Symptomen der Eifersucht , den stillen Mißmuth , die geheime Unruhe und die halberstickten Seufzer eines unbefriedigten Liebhabers ertragen wird ? Ihre ersten Briefe von Sardes waren freilich von der besten Vorbedeutung , und hätten mich , wenn ich sie nicht genauer kennte , beinahe überreden können , daß es dem schönen Perser gelungen sey , eine glückliche Veränderung in ihrem Innern zu bewirken . Die Neuheit des Schauplatzes , auf dem sie im Glanz einer Königin auftrat ; das schmeichelnde Gefühl sich von jedem , der ihr nahen durfte , als die sichtbar gewordene Göttin der Schönheit angebetet zu sehen ; eine ununterbrochene Folge von Festen , deren immer eines das andere auslöschte ; die Macht über die Schätze ihres Liebhabers nach Gefallen zu gebieten ; die fliegende Eile , womit jeder ihrer Winke befolgt , jeder ihrer leisesten Wünsche ausgeführt wurde ; und ( was vielleicht noch stärker als dieß alles auf sie wirkte ) der Anblick der schwärmerischen Wonnetrunkenheit des glücklichen Arasambes , die ihr Werk war , und , weil sie ihr das schmeichelhafteste Selbstgefühl gab , den Willen in ihr hervorbrachte , ihn in der That so glücklich zu machen als es in ihrem unerschöpflichen Vermögen steht : wie hätte nicht alles dieß auch sie in eine Art von Berauschung setzen sollen , die der gute Arasambes für Liebe hielt , und sie selbst vielleicht eine Zeit lang dafür halten mochte ? Aber was mir mein Herz schon lange weissagte , scheint bereits erfolgt zu seyn . Der magische Taumel ist vorüber ; das alltäglich Gewordene rührt sie nicht mehr ; sie hat alles , was tausend andre - Matronen25 und Hetären - mit Tantalischer Begierlichkeit wünschen oder verfolgen , und nie erreichen werden , bis zur Sättigung genossen ; ihr unbefriedigter Geist verlangt neue unbekannte Gegenstände , wünscht vielleicht sogar die alten zurück , die aus dem Medeen-Kessel der Phantasie , aufgefrischt und in jugendlichem Glanze , vor ihr aufsteigen . In dieser Stimmung dürfte sich ihr der Gedanke , daß Arasambes sie als sein Eigenthum betrachte , nur von ferne zeigen , sie wäre fähig ihn und alles zu verlassen und nach Korinth zurückzukommen , bloß um sich selbst zu beweisen , daß sie frei sey . Mein Verhältniß zu dieser seltenen Frau war vom ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft an so einzig in seiner Art , als sie selbst . Wir gefielen einander , und gleiteten in sympathetischer Unbefangenheit , auf dem sanften Strom einer leisen Ahnung dessen was wir einander seyn könnten , still und sorglos dahin . Nie , oder doch nie länger als eine leichte Berauschung in Wein von Lesbos dauert , habe ich das , was man leidenschaftliche Liebe nennt , für sie gefühlt : aber der wärmste ihrer Freunde werd ' ich bleiben so lang ' ich athme ; und wie wenig ich mir auch Hoffnung mache , daß es mir gelingen werde , so will ich doch nie aufhören ihrem bösen Genius entgegenzustreben . Sie hat nun ( da sie doch weder wünschen noch hoffen kann , Königin von Persien zu werden ) die Erfahrung gemacht , von welcher Art die Glückseligkeit sey , die ein Geist wie der ihrige aus dem , was gewöhnlichen Menschen das Höchste ist , schöpfen kann . Sollt ' es denn wirklich unmöglich seyn , sie zu überzeugen , daß sie , wofern sie es nur ernstlich wollte , das einzige Gut , das ihr noch unbekannt ist , Zufriedenheit und Seelenruhe , zu Aegina , im Schooße der Natur , der Kunst und der Freundschaft finden könnte ? Ich halte mich , nachdem ich den ganzen Sommer damit zugebracht habe , beinahe alle Inseln des Ikarischen Meeres , die man die Sporaden zu nennen pflegt , eine nach der andern zu besuchen , dermalen zu Rhodus auf , wo ich die neue Hauptstadt dieses Namens , gleich einer prächtigen hundertblättrigen Rose in der Morgensonne , sich ausbreiten und zu einer der schönsten Städte , die von Griechen bewohnt werden