als verzweifelt aus . Es lag heute überhaupt ein eigener Ausdruck in seinem Gesicht , eine erhabene Selbstzufriedenheit , eine stille Größe ; er schien in der Stimmung , aller Welt zu verzeihen , mit aller Welt Frieden zu machen , und so ergriff er denn auch nach kurzem Zögern die dargebotene Hand und erwiderte einige höfliche Worte . Der Professor und Gretchen traten jetzt auch heran . Hubert warf einen Blick düsteren Vorwurfs auf die junge Frau , die in ihrem Reisehütchen mit dem wehenden Schleier allerdings reizend genug aussah , um in dem Herzen ihres früheren Anbeters ein schmerzliches Gefühl zu wecken , und verneigte sich vor ihr , dann aber wandte er sich zu Fabian . » Herr Professor , « sagte er feierlich . » Sie haben den großen Verlust mitempfunden , den unsre Familie und mit ihr die gesamte Wissenschaft erlitten hat . Der Brief , den Sie meinem Onkel schrieben , überzeugte ihn freilich längst , daß Sie unschuldig waren an der gegen ihn ins Werk gesetzten Intrigue , daß Sie wenigstens seine großen Verdienste neidlos anerkannten . Er hat mir selbst diese Ueberzeugung ausgesprochen und Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen . Der schöne Nachruf , den Sie ihm widmeten , gibt Ihnen das ehrenvollste Zeugnis und ist den Hinterbliebenen ein Trost gewesen . Ich danke Ihnen im Namen der Familie . « Fabian drückte herzlich die aus freien Stücken dargereichte Hand des Sprechenden . Die Feindschaft seines Vorgängers und der Groll des Assessors hatten schwer auf seiner Seele gelegen , so unschuldig er auch an der beiden widerfahrenen Kränkung gewesen war . Er kondolierte dem betrübten Neffen mit aufrichtiger Teilnahme . » Ja , wir haben auf der Universität den Verlust des Professors Schwarz auch tief beklagt , « fügte Gretchen , und war gewissenlos genug , eine ausführliche Beileidsbezeigung über den Tod des Mannes hinzuzufügen , den sie gründlich verabscheut hatte , ohne ihn zu kennen , und dem sie seine Kritik der » Geschichte des Germanentums « noch im Grabe nicht vergeben konnte . » Und Sie haben wirklich Ihre Entlassung genommen ? « fragte jetzt der Administrator , zu einem andern Thema übergehend . » Sie verlassen den Staatsdienst , Herr Assessor ? « » In acht Tagen , « bestätigte Hubert . » Aber hinsichtlich des Titels , den Sie mir geben , Herr Frank , möchte ich mir doch eine kleine Korrektur erlauben . Ich « – er machte wieder eine Kunstpause , weit länger , als sie damals seiner Liebeserklärung voranging , und sah die Anwesenden der Reihe nach an , als wolle er sie auf etwas Großes vorbereiten , dann atmete er tief auf und vollendete , während ein Lächeln unendlicher Wonne sein Antlitz verklärte – » ich bin seit gestern Regierungsrat . « » Gott sei Dank , endlich ! « sagte Gretchen halblaut , während ihr Gatte sie erschrocken am Arme zupfte , um sie von weiteren Unvorsichtigkeiten abzuhalten . Zum Glücke hatte Hubert den Ausruf nicht gehört ; er empfing mit einer Würde , welche der Größe des Momentes entsprach , die Gratulation Franks und gleich darauf die Glückwünsche des Ehepaars . Jetzt freilich war seine versöhnliche Stimmung erklärt . Der neue Regierungsrat stand hoch über allen Beleidigungen , die der ehemalige Assessor erfahren . Er verzieh allen , sogar dem Staate , der ihn so lange verkannt hatte . » Die Beförderung ändert freilich nichts an meinem Entschlüsse , « nahm er wieder das Wort , und es fiel ihm nicht entfernt ein , daß er sie einzig und allein diesem Entschlüsse verdankte . » Der Staat erkennt es bisweilen zu spät , was er an seinen Dienern hat , aber der Würfel ist jetzt einmal gefallen . Ich versehe natürlich noch die Pflichten meiner früheren Stellung , und man hat mir noch in der letzten Woche meiner Amtstätigkeit einen wichtigen Auftrag anvertraut . Ich bin im Begriffe , nach W. zu reisen . « » Ueber die Grenze ? « fragte Fabian erstaunt . » Allerdings ! Ich habe Rücksprache mit den dortigen Behörden zu nehmen wegen Ergreifung und Auslieferung eines Hochverräters . « Gretchen warf ihrem Mann einen Blick zu , der deutlich sagte : da fängt er schon wieder an ! Auch der Regierungsrat hilft nicht dagegen . Frank aber war auf einmal aufmerksam geworden , verbarg das jedoch unter dem gleichgültigsten Tone , mit dem er die Worte hinwarf : » Ich denke , der Aufstand ist zu Ende ? « » Aber die Verschwörungen dauern fort , « rief Hubert eifrig . » Davon haben wir jetzt wieder ein Beispiel . Sie wissen es wohl noch nicht , daß der Führer , die Seele der ganzen Revolution , Graf Morynski , entkommen ist ? « Fabian und seine Frau fuhren in lebhaftester Ueberraschung auf , während der Administrator ruhig sagte : » Es ist wohl nicht möglich . « Der neue Regierungsrat zuckte die Achseln . » Es ist leider kein Geheimnis mehr ; man spricht bereits in L. davon . Wilicza und Rakowicz bilden ja dort nach wie vor das Hauptinteresse . Wilicza freilich steht außer Frage , seit Herr Nordeck es so energisch regiert , aber in Rakowicz residiert die Fürstin Baratowska , und ich bleibe dabei , diese Frau ist eine Gefahr für die ganze Provinz ; es wird nicht Ruhe , solange sie auf unserm Boden lebt . Gott weiß , wen sie jetzt wieder zur Befreiung ihres Bruders angestiftet hat ! Ein Tollkopf ohnegleichen ist es gewesen , der sein Leben für nichts achtete . Die zur Deportation verurteilten Gefangenen werden aufs schärfste bewacht . Trotzdem haben die Helfershelfer sich mit dem Grafen in Verbindung gesetzt und ihm die sämtlichen Mittel zur Flucht in die Hände gespielt . Sie sind bis in das Innere der Festung , bis an die Mauer des Gefängnisses selbst vorgedrungen ; man hat sichere Spuren gefunden , daß der Flüchtling dort erwartet wurde , und dann haben sie ihn mitten durch die Posten und Wachen hindurch , mitten durch all die Wälle und Ringmauern entführt , wie – das ist noch heute ein Rätsel . Das halbe Wächterpersonal muß bestochen gewesen sein ; die ganze Festung ist in Aufruhr über die unglaubliche Tollkühnheit des Unternehmens . Seit zwei Tagen wird die ganze Umgegend durchstreift , aber noch hat man nicht die geringste Spur entdeckt . « Fabian hatte anfangs nur mit lebhafter Teilnahme zugehört , als aber wiederholt von der Kühnheit des Unternehmens die Rede war , begann er unruhig zu werden . Eine unbestimmte Ahnung tauchte in ihm auf ; er wollte eine hastige Frage thun , begegnete aber noch zu rechter Zeit den warnenden Augen seines Schwiegervaters , Es stand ein entschiedenes Verbot in dem Blicke . Der Professor schwieg , aber er erschrak bis in das innerste Herz hinein . Gretchen hatte die stumme Verständigung zwischen den beiden nicht bemerkt und folgte unbefangen der Erzählung Huberts , der jetzt fortfuhr : » Weit können die Flüchtlinge nicht gelangt sein , denn die Flucht wurde entdeckt , fast unmittelbar nachdem der Graf fort war . Die Grenze hat er noch nicht passiert – das steht fest , aber ebenso unzweifelhaft ist es , daß er versuchen wird , deutsches Gebiet zu erreichen , weil hier die Gefahr minder groß ist . Wahrscheinlich wendet er sich zuerst nach Rakowicz . Wilicza ist ja jetzt , Gott sei Dank , solchen verräterischen Umtrieben verschlossen , obgleich Herr Nordeck im Augenblick nicht dort ist . « » Nein , « sagte der Administrator mit großer Bestimmtheit , » er ist in Altenhof . « » Ich weiß es ; er teilte es dem Herrn Präsidenten selbst mit , als er sich von ihm verabschiedete . Die Abwesenheit erspart ihm viel – es würde doch sehr peinlich für ihn sein , seinen Oheim ergriffen und ausgeliefert zu sehen , wie es ohne Zweifel geschieht . « » Wie , Sie werden ihn ausliefern ? « rief Gretchen heftig . Hubert sah sie erstaunt an . » Natürlich ! Er ist ja ein Verbrecher , ein Hochverräter . Die befreundete Regierung wird darauf bestehen . « Die junge Frau sah erst ihren Gatten und dann den Vater an ; sie begriff es nicht , daß keiner von beiden in ihre Entrüstung einstimmte , aber der Administrator sah gleichgültig vor sich hin , und Fabian sprach keine Silbe . Doch das tapfere Gretchen ließ sich nicht so leicht einschüchtern . Sie erging sich in einer nicht besonders schmeichelhaften Beurteilung der » befreundeten Regierung « und auch die eigene mußte sich einige sehr anzügliche Bemerkungen gefallen lassen . Hubert hörte ganz entsetzt zu . Er dankte zum erstenmal Gott , daß er die junge Dame nicht zur Regierungsrätin gemacht hatte ; sie zeigte ihm soeben , daß sie ganz und gar nicht zur Frau eines loyalen Beamten paßte ; sie trug auch so eine hochverräterische Ader in sich . » Ich an Ihrer Stelle hätte den Auftrag abgelehnt , « schloß sie endlich . » So kurz vor Ihrem Scheiden konnten Sie das ja . Ich würde meine Amtsthätigkeit nicht damit schließen , einen armen , halbtot gehetzten Gefangenen seinen Peinigern wieder in die Hände zu liefern . « » Ich bin Regierungsrat , « versetzte Hubert , den Titel feierlichst betonend , » und thue meine Pflicht . Mein Staat befiehlt – ich gehorche . – Aber ich sehe , daß mein Wagen glücklich die bedenkliche Stelle passiert hat . Leben Sie wohl , meine Herrschaften ! Mich ruft die Pflicht . « Er grüßte und entfernte sich . » Hast du es gehört , Emil ? « fragte die junge Frau , als sie wieder im Wagen saßen . » Er ist Regierungsrat geworden , acht Tage vor seiner Entlassung , damit er in der neuen Stellung nicht etwa noch eine neue Albernheit begeht . Nun , mit dem bloßen Titel kann er ja doch in Zukunft keinen Schaden mehr anrichten . « Sie verbreitete sich noch ausführlich darüber und über die Neuigkeit von der Flucht des Grafen Morynski , erhielt aber nur kurze und zerstreute Antworten . Vater und Gatte waren seit jener Begegnung auffallend einsilbig geworden , und es war ein Glück , daß man bereits das Gebiet von Wilicza erreicht hatte , denn die Unterhaltung wollte nicht wieder in Gang kommen . Die Frau Professorin fand im Laufe des Tages noch manche Gelegenheit , sich zu wundern und auch zu ärgern . Vor allen Dingen begriff sie ihren Vater nicht . Er freute sich doch zweifellos über die Ankunft seiner Kinder ; er hatte sie beim Willkommen mit solcher Herzlichkeit in die Arme geschlossen , und doch schien es ihr , als sei ihm diese Ankunft , die sie ihm gestern erst durch ein Telegramm angezeigt hatten , nicht ganz recht , als hätte er gewünscht , sie aufgeschoben zu sehen . Er behauptete , mit Geschäften überhäuft zu sein , und hatte in der That fortwährend zu thun . Gleich nach der Ankunft nahm er seinen Schwiegersohn mit sich in sein Zimmer und blieb fast eine Stunde dort mit ihm allein . Gretchens Entrüstung wuchs , als sie weder zu dieser geheimen Konferenz zugezogen wurde , noch von ihrem Manne etwas darüber erfahren konnte . Sie fing an , sich aufs Beobachten zu legen , und da fiel ihr denn allerdings manches auf . Einzelne Wahrnehmungen , die sie schon während der Fahrt gemacht , tauchten wieder auf ; sie kombinierte äußerst geschickt und kam endlich zu einem Resultat , das für sie ganz unzweifelhaft war . Nach Tische befand sich das Ehepaar allein im Wohnzimmer ; der Professor ging ganz gegen seine Gewohnheit auf und nieder . Er bemühte sich vergebens , eine innere Unruhe zu verbergen , und war so tief in Gedanken versunken , daß er gar nicht die Schweigsamkeit seiner sonst so lebhaften Frau bemerkte . Gretchen saß auf dem Sofa und beobachtete ihn eine ganze Weile . Endlich schritt sie zum Angriff . » Emil , « begann sie mit einer Feierlichkeit , die der Huberts nichts nachgab . » Ich werde hier empörend behandelt . « Fabian sah erschrocken auf . » Du ? Mein Gott , von wem ? « » Von meinem Papa , und was das allerschlimmste ist , auch von meinem eigenen Mann . « Der Professor stand bereits neben seiner Frau und ergriff ihre Hand , die sie ihm mit sehr ungnädiger Miene entzog . » Geradezu empörend ! « wiederholte sie . » Ihr zeigt mir kein Vertrauen ; ihr habt Geheimnisse vor mir ; ihr behandelt mich wie ein unmündiges Kind , mich , eine verheiratete Frau , die Gattin eines Professors der Universität zu J. – es ist himmelschreiend . « » Liebes Gretchen – « sagte Fabian zaghaft und stockte dann plötzlich . » Was hat dir Papa vorhin gesagt , als du in seinem Zimmer warst ? « inquirierte Gretchen . » Weshalb hast du es mir nicht anvertraut ? Was sind das überhaupt für Geheimnisse zwischen euch beiden ? Leugne nicht , Emil ! Ihr habt Geheimnisse miteinander . « Der Professor leugnete keineswegs ; er blickte zu Boden und sah äußerst gedrückt aus – seine Gattin sandte ihm einen strafenden Blick zu . » Nun , dann werde ich es dir sagen . In Wilicza besteht wieder einmal ein Komplott , eine Verschwörung , wie Hubert sagen würde , und Papa ist diesmal auch beteiligt , und dich hat er gleichfalls mit hineingezogen . Die ganze Geschichte hängt mit der Befreiung des Grafen Morynski zusammen – « » Kind , um Gottes willen schweig ! « rief Fabian erschrocken , aber Gretchen kehrte sich durchaus nicht an das Verbot ; sie sprach ungestört weiter : » Und Herr Nordeck ist schwerlich in Altenhof , sonst würdest du dich nicht so ängstigen . Was geht dich Graf Morynski und seine Flucht an ? Aber dein geliebter Waldemar ist auch mit dabei , und deshalb zitterst du so . Er wird es wohl gewesen sein , der den Grafen entführt hat – das sieht ihm ganz ähnlich . « Der Professor war völlig starr vor Erstaunen über die Kombinationsgabe seiner Frau ; er fand , daß sie unglaublich klug sei , entsetzte sich aber doch einigermaßen , als sie ihm die Geheimnisse , die er undurchdringlich glaubte , an den Fingern herzählte . » Und mir sagt man kein Wort davon , « fuhr Gretchen in steigender Gereiztheit fort , » obgleich man doch weiß , daß ich ein Geheimnis bewahren kann , obgleich ich damals ganz allein das Schloß rettete , indem ich den Assessor nach Janowo schickte . Die Fürstin und Gräfin Wanda werden wohl alles wissen ; freilich die Polinnen wissen das immer – die sind die Vertrauten ihrer Väter und Gatten ; die läßt man an der Politik , sogar an den Verschwörungen teilnehmen , aber wir armen deutschen Frauen werden von unsern Männern stets zurückgesetzt und unterdrückt ; uns erniedrigt man durch beleidigendes Mißtrauen und behandelt uns wie Sklavinnen – « und die Frau Professorin fing im Gefühl ihrer Sklaverei und Erniedrigung laut zu schluchzen an . Ihr Gatte geriet fast außer sich : » Gretchen , mein liebes Gretchen , so weine doch nicht ! Du weißt ja , daß ich keine Geheimnisse vor dir habe , sobald es sich um mich allein handelt , aber diesmal betrifft es andre , und ich habe mein Wort gegeben , unbedingt zu schweigen , auch gegen dich . « » Wie kann man einem Mann das Wort abnehmen , seiner Frau etwas zu verschweigen ! « rief Gretchen immer noch schluchzend . » Das hat keine Geltung ; das darf niemand von ihm fordern . « » Ich habe es doch aber nun einmal gegeben , « sagte Fabian verzweiflungsvoll . » So beruhige dich doch ! Ich kann es nicht ertragen , dich in Thränen zu sehen ; ich – « » Nun , das ist ja eine allerliebste Pantoffelwirtschaft ! « fuhr der Administrator dazwischen , der unbemerkt eingetreten war und die Scene mit angesehen hatte . » Meine Frau Tochter scheint sich – hinsichtlich der Unterdrückung und Sklaverei doch in der Person geirrt zu haben . Und du läßt dir das gefallen , Emil ? Nimm es mir nicht übel – du magst ein tüchtiger Gelehrter sein , aber als Ehemann spielst du eine traurige Rolle . « Er hätte seinem Schwiegersohn nicht wirksamer zu Hilfe kommen können als durch diese Worte . Gretchen hörte sie kaum , als sie sich auch sofort auf die Seite ihres Mannes stellte . » Emil ist ein ganz ausgezeichneter Ehemann , « erklärte sie entrüstet , während ihre Thränen auf einmal versiegten , » Du brauchst ihm keinen Vorwurf zu machen , Papa ; daß er seine Frau lieb hat , das ist nur in der Ordnung . « Frank lachte . » Nur nicht so hitzig , Kind ! Ich meinte es nicht böse . Uebrigens hast du dich umsonst ereifert . Wir müssen dich jetzt notgedrungen mit in das Komplott ziehen , das du ganz richtig erraten hast . Es ist soeben eine Nachricht angelangt – « » Von Waldemar ? « fiel der Professor ein . Der Schwiegervater schüttelte den Kopf . » Nein , von Rakowicz ! Herrn Nordeck kann überhaupt keine Nachricht mehr vorangehen . Entweder er kommt selbst , oder – wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen . Aber die Fürstin und ihre Nichte treffen jedenfalls im Laufe des Nachmittags ein , und sobald sie da sind , müßt ihr hinüber nach dem Schlosse . Es wird auffallen , daß die beiden Damen , die Wilicza seit einem Jahr nicht betreten haben , jetzt so unerwartet und in Abwesenheit des Gutsherrn hier anlangen , daß sie die ganze Zeit über allein im Schlosse bleiben . Eure Anwesenheit gibt der Sache einen harmloseren Anstrich und läßt an ein zufälliges Zusammentreffen glauben . Du machst der Mutter deines ehemaligen Zöglings einen Besuch , Emil , und stellst ihr Gretchen als deine Frau vor ; das ist glaublich für die Dienerschaft , Die Damen wissen , um was es sich handelt . Ich selbst reite nach der Grenzförsterei und warte , wie verabredet , in der Nähe derselben mit den Pferden . – Und nun laß dir das übrige von deinem Manne auseinandersetzen , mein Kind ! Ich habe keine Zeit mehr . « Damit ging er , und Gretchen setzte sich wieder auf das Sofa , um die Mitteilungen ihres Gatten entgegenzunehmen , sehr befriedigt darüber , daß man sie endlich auch wie eine Polin behandelte und an der Verschwörung teilnehmen ließ . – Es war Abend oder vielmehr Nacht geworden . Auf dem Gutshof schlief schon alles , und auch im Schlosse hatte man die Dienerschaft möglichst früh zu Bett geschickt . Im oberen Stockwerk waren noch einige Fenster hell ; der grüne Salon und die beiden anstoßenden Gemächer waren erleuchtet , und in einem der letzteren stand der Theetisch , den man hatte herrichten lassen , um den Dienern keinen Anlaß zur Verwunderung zu geben . Das Abendessen blieb natürlich eine bloße Form . Weder die Fürstin noch Wanda waren zu bewegen , auch nur das Geringste zu sich zu nehmen , und jetzt wurde auch Professor Fabian rebellisch und weigerte sich , Thee zu trinken . Er behauptete , auch nicht einen Tropfen davon hinunterbringen zu können , wie ihn seine Frau auch von der Notwendigkeit einer Stärkung zu überzeugen suchte . Sie hatte ihn halb mit Gewalt an den Theetisch gebracht und hielt ihm dort eine leise , aber eindringliche Strafpredigt . » Aengstige dich nicht so , Emil ! Du wirst mir sonst noch krank vor Aufregung , wie die beiden Damen da drinnen . Gräfin Wanda sieht aus wie eine Leiche , und vor dem Gesicht der Fürstin könnte ich mich beinahe fürchten . Dabei spricht keine von ihnen ein Wort . Ich halte es nicht länger aus , diese stumme Todesangst mit anzusehen , und auch ihnen ist es eine Erleichterung , wenn sie einmal ohne Zeugen sind . Wir wollen sie auf eine halbe Stunde allein lassen . « Fabian stimmte bei , schob aber die ihm aufgenötigte Theetasse weit von sich . » Ich begreife gar nicht , weshalb ihr euch alle so verzweifelt anstellt , « fuhr Gretchen fort . » Wenn Herr Nordeck erklärt hat , daß er noch vor Mitternacht mit dem Grafen hier sein werde , so ist er hier , und wenn sie an der Grenze ein ganzes Regiment aufgestellt hatten , um ihn einzufangen . Der setzt alles durch . Es muß doch etwas an dem Aberglauben seiner Wiliczaer sein , die ihn für kugelfest halten . Da ist er wieder mitten durch Gefahren gegangen , bei deren bloßer Erzählung sich uns schon das Haar sträubt , und keine einzige berührt ihn auch nur . Er wird auch glücklich die Grenze passieren . « » Das gebe Gott ! « seufzte Fabian . » Wenn nur dieser Hubert nicht gerade heute in W. wäre ! Er würde Waldemar und den Grafen in jeder Verkleidung erkennen , wenn er ihnen begegnete ! « » Hubert hat sein Leben lang nur Dummheiten gemacht , « sagte Gretchen verächtlich , » Er wird in der letzten Woche seiner Amtsthätigkeit nicht noch etwas Kluges anstiften . Das wäre wider seine Natur . Aber in einem hat er doch recht . Kann man wohl den Fuß in dieses Wilicza setzen , ohne gleich wieder mitten in einer Verschwörung zu sein ? Das muß wohl hier so in der Luft liegen , denn sonst begreife ich nicht , wie wir Deutsche uns sämtlich zwingen lassen , zu Gunsten dieser Polen zu konspirieren , Herr Nordeck , Papa , sogar wir beide . Nun , hoffentlich ist dies das letzte Komplott , das in Wilicza angestiftet wird . « Die Fürstin und Wanda waren in dem anstoßenden Salon zurückgeblieben . Hier wie in sämtlichen Zimmern der ersteren war nichts verändert worden , seit sie dieselben vor einem Jahre verlassen hatte . Dennoch hatten die Räume den Anstrich des Oeden , Unbewohnten ; man fühlte , daß die Herrin ihnen so lange fern geblieben war . Im tiefen Schatten saß die Fürstin , unbeweglich und starr vor sich hin blickend . Es war derselbe Platz , an dem sie an jenem Morgen gesessen hatte , als Leos unseliges Kommen die furchtbare Katastrophe auf ihn und die Seinigen herabrief . Die Mutter rang schwer mit den Erinnerungen , die von allen Seiten auf sie einstürmten , als sie wieder den Ort betrat , der für sie so verhängnisvoll geworden war . Was war aus jenen stolzen Plänen , aus jenen Hoffnungen und Entwürfen geworden , die einst hier ihren Mittelpunkt fanden ! Sie lagen alle in Trümmern . Bronislaws Rettung war noch das einzige , was man dem Schicksal abringen konnte , aber diese Rettung war erst zur Hälfte vollbracht , und vielleicht in diesem Augenblick bezahlten er und Waldemar den Versuch , sie zu vollenden , mit dem Leben . Wanda stand in der Nische des großen Mittelfensters und blickte so angestrengt hinaus , als könnten ihre Augen die Dunkelheit durchdringen , die draußen herrschte . Sie hatte das Fenster geöffnet , aber sie fühlte es nicht , daß die Nachtluft scharf hereindrang , wußte nicht , daß sie zusammenschauerte unter dem kalten Hauch . Für die Gräfin Morynska hatte diese Stunde keine Erinnerung an die Vergangenheit mit ihren gescheiterten Plänen und Hoffnungen . Für sie drängte sich alles zusammen in dem einzigen Gedanken der Erwartung , der Todesangst . Sie zitterte ja nicht mehr für den Vater allein , es galt jetzt auch Waldemar , und das Herz behauptete trotz alledem seine Rechte – es galt zumeist ihm . Es war eine kühle stürmische Nacht , die von keinem Mondesstrahl erhellt wurde . Der Himmel , leicht bedeckt , ließ nur hin und wieder einen Stern aufblinken , der bald hinter den Wolken verschwand . In der Umgebung des Schlosses herrschte die tiefste Ruhe ; der Park lag dunkel und schweigend da , und in den Pausen , wo der Wind ruhte , hörte man jedes fallende Blatt . Plötzlich fuhr Wanda auf , und ein halb unterdrückter Ausruf entrang sich ihren Lippen , In der nächsten Minute stand die Fürstin an ihrer Seite . » Was ist ' s ? Bemerktest du etwas ? « » Nein , aber ich glaubte in der Ferne Hufschlag zu hören . « » Täuschung ! Du hast ihn schon oft zu hören geglaubt – es ist nichts . « Trotzdem folgte die Fürstin dem Beispiel ihrer Nichte , die sich weit aus dem Fenster beugte . Die beiden Frauen verharrten in atemlosem Lauschen . Es kam allerdings ein Laut herüber , aber er klang fern und undeutlich , und jetzt erhob sich der Wind von neuem und verwehte ihn ganz . Wohl zehn Minuten vergingen in qualvollstem Harren – da endlich vernahm man in einer der Seitenalleen des Parkes , da wo dieser einen Ausgang nach dem Wald hin hatte , Schritte , die sich offenbar vorsichtig dem Schlosse näherten , und jetzt unterschied die aufs äußerste angestrengte Sehkraft auch mitten in der Dunkelheit , daß zwei Gestalten aus den Bäumen hervortraten . Fabian kam in das Zimmer gestürzt . Er hatte von seinem Fenster aus die gleiche Beobachtung gemacht . » Sie sind da , « flüsterte er , seiner kaum mehr mächtig . » Sie kommen die Seitentreppe herauf . Die kleine Pforte nach dem Park ist offen : ich habe erst vor einer halben Stunde nachgesehen . « Wanda wollte den Ankommenden entgegenstürzen , aber Gretchen , die ihrem Mann gefolgt war , hielt sie zurück . » Bleiben Sie , Gräfin Morynska ! « bat sie . » Sie sind nicht allein im Schlosse , nur hier in Ihren Zimmern ist Sicherheit . « Die Fürstin sprach kein Wort , aber sie ergriff die Hand ihrer Nichte , um sie gleichfalls zurückzuhalten . Die Folter der Erwartung dauerte nicht mehr lange . Nur noch wenige Minuten – dann flog die Thür auf . Graf Morynski stand auf der Schwelle ; hinter ihm zeigte sich die hohe Gestalt Waldemars , und fast in derselben Sekunde lag Wanda in den Armen ihres Vaters . Fabian und Gretchen hatten Takt genug , sich bei diesem ersten Wiedersehen zurückzuziehen . Sie fühlten , daß sie hier doch nur Fremde waren , aber auch Waldemar schien sich zu den Fremden zu rechnen , denn anstatt einzutreten , schloß er die Thür hinter dem Grafen und blieb im Nebenzimmer , wo er seinem ehemaligen Lehrer die Hand reichte . » Da sind wir glücklich , « sagte er mit einem tiefen Atemzug . » Die Hauptgefahr wenigstens ist überstanden . Wir sind auf deutschem Boden . « Fabian umschloß mit beiden Händen die dargebotene Rechte . » In welches Wagnis haben Sie sich wieder gestürzt , Waldemar ! Wenn Sie entdeckt worden wären ! « Waldemar lächelte . » Ja , das › Wenn ‹ muß man bei solchen Unternehmungen von vornherein ausschließen . Wer über den Abgrund will , darf nicht an den Schwindel denken , sonst ist er verloren . Ich habe die Möglichkeiten nur insofern in Betracht gezogen , als es galt , ihnen vorzubeugen . Im übrigen habe ich fest auf mein Ziel geschaut , ohne rechts oder links zu blicken . Sie sehen , das hat geholfen . « Er warf den Mantel ab und zog aus der Brusttasche einen Revolver , den er auf den Tisch legte . Gretchen , die in der Nähe stand , wich einen Schritt zurück . » Erschrecken Sie nicht , Frau Professorin ! « beruhigte sie Nordeck . » Die Waffe ist nicht gebraucht worden ; die Sache ist ohne jedes Blutvergießen abgegangen , obgleich es anfangs nicht den Anschein hatte , aber wir fanden einen unerwarteten Helfer in der Not , den Assessor Hubert . « » Den neuen Regierungsrat ? « fiel die junge Frau erstaunt ein . » So , er ist Regierungsrat geworden ? Nun kann er die neue Würde drüben in Polen geltend machen . Wir sind mit seinem Wagen und seinen Legitimationspapieren über die Grenze gefahren . « Der Professor und seine Frau ließen gleichzeitig einen Ausruf der Ueberraschung hören . » Freiwillig hat er uns diese Gefälligkeit allerdings nicht erwiesen , « fuhr Nordeck fort . » Im Gegenteil , er wird nicht verfehlen uns Straßenräuber zu nennen , aber Not kennt kein Gebot . Für uns standen Freiheit und Leben auf dem Spiel , da galt kein langes Besinnen . – Wir langten heute mittag in dem Wirtshause eines polnischen Dorfes an , das nur zwei Stunden von der Grenze entfernt liegt . Daß man uns auf der Spur war , wußten wir und wollten um jeden Preis hinüber auf deutsches Gebiet , aber der Wirt warnte uns , die Flucht vor Einbruch der Dunkelheit fortzusetzen , es sei unmöglich , man fahnde in der ganzen Umgegend auf uns . Der Mann war ein Pole . Seine beiden Söhne hatten bei der Insurrektion unter dem Grafen Morynski gedient ; die ganze Familie hätte ihr Leben für den ehemaligen Chef gelassen . Der Warnung war unbedingt zu trauen – wir blieben also . Es war gegen Abend , und unsre Pferde standen bereits gesattelt im Stall , als der Assessor Hubert , der von W. zurückkam , plötzlich im Dorf erschien . Sein Wagen hatte irgend eine Beschädigung erhalten , die schleunigst ausgebessert werden sollte ; er hatte ihn in der Dorfschmiede gelassen und kam nun in das Wirtshaus , hauptsächlich um sich zu erkundigen , ob keine Spur von uns aufzufinden sei . Sein polnischer Kutscher mußte