er . » Ich bin immer froh , wenn er da ist , solange es noch tageshell ist . Er reitet ja oft genug allein und im Dunkeln durch die Wälder , da helfen weder Bitten noch Vorstellungen . « » Ist denn das gefährlich ? « fragte Paula . » Ich dachte , die Umgegend von Restovicz wäre sicher . « » Das kommt darauf an , « versetzte der Alte . » Sie können ganz ruhig im Walde spazieren gehen , Fräulein Paula , Ihnen geschieht nichts , aber der Herr – das ist eine andere Sache . Und nun ist auch noch der rabiate Bursche , der Zarzo , wieder da und treibt sich hier herum . Was hat er denn noch zu suchen in Restovicz ? « » Der Förster Zarzo ? Ich denke , er ist bereits entlassen . « » Jawohl , schon in der vorigen Woche , und es hieß ja auch , er wäre auf und davon gegangen . Ich dankte Gott , daß wir den tückischen Kerl endlich los waren , aber weit kann er nicht gewesen sein . Heut morgen hat ihn der Janko gesehen und das in seiner Dummheit verraten . Dahinter steckt etwas , da heißt es , die Augen offen halten ! « » Haben Sie das denn Herrn von Berneck nicht gesagt ? « fragte das junge Mädchen mit erwachender Unruhe . » Natürlich habe ich es gethan , aber er zuckte die Achseln und sagte : › Er soll sich nur hüten , mir vor Augen zu kommen ! ‹ Das war alles ! Er kennt eben keine Furcht und keine Vorsicht , aber ich habe es Ihnen ja schon gesagt , Fräulein Paula , man ist seines Lebens nicht sicher unter dieser Bande . Sie taugen alle nichts , aber Zarzo ist einer von den Schlimmsten . Der führt , nichts Gutes im Schilde , darauf will ich meinen Kopf verwetten ! « Paula schwieg , sie hatte es so » unbarmherzig « gefunden , daß Berneck damals den Bitten und Beteuerungen des Försters ein hartes , unbeugsames Nein entgegensetzte , es schien doch jetzt , als wäre er im Rechte gewesen mit seiner Strenge . » Und nun ist Herr Professor Rosner auch wieder fort , « hob Ullmann von neuem , in einem wehmütigen Tone an . » Es war ein so freundlicher Herr , immer lustig und vergnügt , und man dankt ja überhaupt Gott , wenn man einmal wieder irgend etwas aus Deutschland zu sehen und zu hören bekommt . Aber eine merkwürdige Geschichte ist das doch mit dem Besuche ! « » Ich finde das gar nicht merkwürdig , « sagte Paula unbefangen . » Daß der Professor seinen einstigen Schüler besucht , wenn er auf seiner Ferienreise gerade in die Nahe von Restovicz kommt , das ist doch nur natürlich . « Der Alte nahm eine geheimnisvolle Miene an und schüttelte den Kopf . » Er ist aber gar nicht auf der Reise gewesen . Er saß noch ruhig in Dresden , als das Telegramm von Herrn Ulrich abging , und darauf ist er spornstreichs nach Restovicz gekommen . « Das junge Mädchen sah den Sprechenden verwundert und völlig verständnislos an . » Da müssen Sie sich irren , Ullmann , die beiden Herren sprachen ja immer nur von einem zufälligen Besuche , und welchen Grund hätten sie denn auch gehabt , eine etwaige Verabredung zu verschweigen ? « » Das weiß ich nicht , « sagte Ullmann . » Das erfährt man überhaupt bei Herrn Ulrich nicht . Was der thun will , das thut er auf eigene Hand , warum und weshalb , das weiß kein Mensch , Nicht einmal mir hat er das Telegramm anvertraut , der Janko mußte es nach der Station tragen , und ein Heidengeld hat er dafür bezahlt , denn es war zwei Seiten lang , ein förmlicher Brief . Er hat es mir gezeigt , aber ich konnte nur die Adresse lesen : Herrn Professor Rosner in Dresden . Das andere war französisch , damit es niemand verstehen konnte . Morgens ging die Depesche ab und abends war die Antwort da , und zwei Tage darauf war der Herr Professor da . Er muß die Kurierzüge genommen haben . « Paula hörte mit steigendem Befremden zu , noch begriff sie nichts , aber es begann sich doch eine dunkle Ahnung in ihr zu regen . » Dann muß es sich doch um etwas Wichtiges gehandelt haben , « warf sie ein . » Natürlich ! « bestätigte der alte Diener , der beleidigt war , daß man ihn nicht ins Vertrauen gezogen hatte und in seinem Aerger darüber Dinge ausplauderte , über die er sonst wohl geschwiegen hätte , » Um nichts und wieder nichts fährt man doch nicht hundert Meilen von Dresden nach Restovicz und fährt nach kaum acht Tagen wieder ab . Die beiden Herren steckten ja auch immer zusammen , und Herr Ulrich , der sonst Besuche nicht ausstehen kann – unter uns gesagt , Fräulein Paula , er war gar nicht entzückt , als seine Frau Tante sich anmeldete , und hätte am liebsten abgeschrieben , wenn ' s nur gegangen wäre – der war diesmal förmlich liebenswürdig und hat den Professor geradezu auf Händen getragen , und was ich bei der Abreise hörte – « » Was haben Sie gehört ? Bitte , Ullmann , sagen Sie es mir ! « fiel das junge Mädchen mit einer beinahe angstvollen Spannung ein . Er zuckte die Achseln . » Ja , verstanden habe ich es nicht , aber merkwürdig war es auch . Ich wollte melden , daß der Wagen vorgefahren wäre , und da hörte ich im Vorzimmer , wie Herr Ulrich drinnen sagte : › Und nun lassen Sie mich noch einmal , nein , tausendmal danken für Ihre Einwilligung ! Sie waren der einzige , an den ich mich wenden konnte ! Auf Ihr Schweigen verlasse ich mich unbedingt , ich habe ja Ihr Wort , und was Ihre Frau betrifft – ‹ › Die plaudert nichts aus , dafür bürge ich Ihnen , Ulrich ! ‹ sagte der Professor . Darauf schüttelten sie sich die Hände , und dann mußte ich hinein und den Wagen melden . Die Frau Professor da in Dresden ist also auch mit dabei ! – Nun frage ich Sie , Fräulein Paula , ob das nicht eine merkwürdige Geschichte ist ? « Ullmann erhielt keine Antwort auf seine Frage und wunderte sich darüber , es war bereits zu dunkel , als daß er hätte sehen können , wie totenbleich das junge Mädchen auf einmal geworden war . Da ertönte die Klingel in Bernecks Zimmer , der alte Diener wandte sich um . » Ja so , ich muß zu dem Herrn ! Kommen Sie lieber mit hinein , Fräulein Paula , es ist recht kühl heut abend , und vom See steigen schon die Nebel herauf . Sie werden sich erkälten in dem leichten Sommerkleide , kommen Sie ! « Paula folgte , noch halb betäubt von dem , was sie soeben gehört hatte , und während Ullmann zu seinem Herrn ging , blieb sie allein im Salon . Das große Gemach mit den dunklen Ledertapeten wurde von der Hängelampe nur teilweise erleuchtet , die Tiefe blieb im Schatten , und in eine dieser dunklen Ecken flüchtete Paula und warf sich auf das kleine Sofa , das dort stand . Sie wußte jetzt alles ! Die letzten Worte jener Erzählung hatten ihr verraten , von wem das Anerbieten kam , das sie für einen glücklichen Zufall , für eine gütige Fügung des Schicksals gehalten hatte . Jetzt auf einmal tauchten all die Dinge vor ihr auf , die ihrer Unerfahrenheit bisher völlig entgangen waren . Der Professor hatte ja gar nicht gefragt , weshalb sie Frau Almers überhaupt verlasse , er hatte sich nicht einmal erkundigt , ob sie auch befähigt sei für die Stellung in seinem Hause , sondern ihr die Zusage förmlich abgedrungen , und ein Gymnasialprofessor , der ein ganzes Häuflein Kinder besaß , konnte unmöglich Bedingungen gewahren , wie er sie angeboten hatte . Hinter dem allen stand ein anderer , stand der Mann , dem sie so namenlos wehe gethan hatte , und der nun ihr Geschick in die Hand nahm und es eigenmächtig lenkte . In dem Sturm von widerstreitenden Empfindungen , der durch die Seele des jungen Mädchens wogte , stand nur eins klar vor ihr . Sie durfte das um keinen Preis annehmen , sie mußte es sofort mit aller Entschiedenheit zurückweisen . Da gab es kein Zögern und Bedenken , und als sich jetzt die Thür öffnete und Berneck selbst eintrat , war sie entschlossen , das auf der Stelle zu thun . » Meine Tante ist wohl in ihren Zimmern ? « fragte er , im Begriff , mit einem flüchtigen Gruß vorüberzugehen . » Ich wollte noch auf eine halbe Stunde zu ihr . « Paula hatte sich erhoben , aber sie blieb im Schutze des Halbdunkels , denn sie fühlte , daß die stürmische Erregung sich in ihren Zügen verriet . Es gelang ihr wenigstens , das Beben ihrer Stimme zu beherrschen , als sie sagte : » Herr von Berneck – darf ich Sie um einige Minuten bitten ? « Er blieb sofort stehen . » Bitte , mein Fräulein ! « Es schien , als versagten dem jungen Mädchen die Worte , und sie mußten doch gesprochen werden . Es galt , volle Gewißheit zu haben . » Sie wissen vielleicht , daß Herr Professor Rosner mir eine Stellung in seinem Hause angeboten hat ? « hob sie an . » Jawohl , er hat es mir erzählt , und Sie haben angenommen , wie ich höre , « war die ruhige Antwort . » Ich glaube , Sie werden es nicht bereuen . Rosner war kurz nach der Hochzeit mit seiner jungen Frau zum Besuch in Auenfeld , und da habe ich sie gleichfalls kennengelernt . Es sind liebenswürdige Menschen , und es scheint auch ein glückliches Familienleben im Hause zu sein . « Er sprach mit voller Gelassenheit , wie man von fernliegenden , gleichgültigen Dingen spricht , die ein paar höfliche Redensarten erfordern . Aber Paula ließ sich dadurch nicht beirren . » Ich muß nun leider meine Zusage zurücknehmen , « fuhr sie fort . » Ich werde das dem Herrn Professor morgen mitteilen . « Ulrich trat einen Schritt zurück und streifte sie mit einem raschen , fragenden Blick , aber er bewahrte seine Ruhe . » Haben Sie so plötzlich Ihren Sinn geändert ? Das ist ja merkwürdig und , offen gestanden , ich finde es geradezu beleidigend für den Professor . « » Ich habe geglaubt , das Anerbieten käme von ihm persönlich , « erklärte Paula fest . » Jetzt weiß ich , daß das nicht der Fall ist , und deshalb kann ich es nicht annehmen . « » Was wissen Sie ? « fragte Berneck kühl . Aber seine Augen richteten sich dabei mit durchbohrender Schärfe auf das junge Mädchen , das ihn zur Rede stellen wollte und jetzt doch wie schuldbewußt das Haupt senkte , mit der leisen Erwiderung : » Das brauche ich Ihnen doch nicht erst zu sagen , « » Warum nicht mir ? Ich verstehe Sie wirklich nicht , mein Fräulein . « » Weil ich den Entschluß des Professors Ihnen allein verdanke . « » Wenn Sie damit eine einfache Empfehlung meinen – « Ulrich zuckte gleichgültig die Achseln . » Rosner erwähnte zufällig , daß seine Frau eine Stütze im Hause und bei den Kindern wünschte , und da habe ich ihn darauf aufmerksam gemacht , daß Sie demnächst frei würden . Das ist mein ganzer Anteil an der Sache , und das werden Sie mir hoffentlich erlauben , denn im Grunde trage ich doch allein die Schuld an Ihrem Zerwürfnis mit meiner Tante . « Einen Augenblick wurde Paula schwankend dieser bestimmten Ableugnung gegenüber , dann aber richtete sie sich entschlossen auf . » Herr von Berneck , versuchen Sie nicht , mich jetzt noch zu täuschen . Ich weiß , daß Professor Rosner auf Ihren Ruf kam , daß er nur Ihren Auftrag vollzog mit seinem Anerbieten , weiß , daß ich unter dem Namen einer Erzieherin nur ein Gast in seinem Hause sein soll – durch Ihre Großmut ! « » Was soll das heißen ! « fuhr Ulrich in voller Gereiztheit auf . » Wie kommen Sie auf solche Ideen ? Hat Rosner etwa – « » Nein , er hat sein Wort nicht gebrochen ! « fiel das junge Mädchen rasch ein . » Er that im Gegenteil alles , um mich an einen Zufall glauben zu lassen , und ich ließ mich ja auch täuschen . Aber vorhin erzählte mir Ullmann ahnungslos von dem Telegramm , das Sie nach Dresden sandten , um den Professor herzurufen , solange ich noch in Restovicz war – und das übrige habe ich erraten ! « Berneck stand da mit tiefverfinstertem Gesicht und fest zusammengepreßten Lippen , der alte feindselige Ausdruck erschien wieder in seinen Zügen , als er antwortete : » Ich werde dem alten Schwätzer , dem Ullmann , nachdrücklichst den Text lesen . Er scheint da auf eigene Hand den Spion gespielt und Ihnen allerlei Unsinn vorgeredet zu haben . Wenn ich meinen einstigen Lehrer bat , nach Restovicz zu kommen , was in aller Welt geht denn das Sie an , mein Fräulein , und wie kommen Sie zu solchen Voraussetzungen ? Ich bedaure , Ihnen nicht mitteilen zu können , was wir verhandelten , aber auf Sie hatte es jedenfalls keinen Bezug . Ich muß den Verdacht , in dem Sie mich haben , ganz entschieden ablehnen . Bitte , verschonen Sie mich damit ! « Er sprach mit einer fast beleidigenden Schroffheit , offenbar in der Absicht , jede weitere Erörterung unmöglich zu machen , aber er erreichte seinen Zweck nicht . Paula wußte ja , was sich hinter dieser Schroffheit barg , und jetzt hatte sie keine Furcht mehr davor . Langsam hob sie die Augen zu ihm empor . » Das glaube ich Ihnen nicht , Herr von Berneck . Nein , und wenn Sie mich noch so zornig anblicken ! Oder – können Sie mir Ihr Wort darauf geben ? « Er versuchte es , ihrem Blick zu begegnen , nur eine Sekunde lang , dann wandte er sich ab und stampfte in wilder Ungeduld mit dem Fuße , aber er schwieg . » Ich wußte es ! « sagte das junge Mädchen leise . » Nun , dann hätten Sie uns beiden diese Stunde ersparen sollen ! « brach Ulrich jetzt mit vollster Heftigkeit aus , » Haben Sie denn wirklich geglaubt , ich würde Sie allein und schutzlos hinausgehen lassen in eine ungewisse Zukunft , zu fremden , herzlosen Menschen , die in Ihnen nur eine Dienende sehen und Ihnen nur Bitterkeit und Demütigungen zu kosten geben ? Ich habe Sie ja doch geliebt , Paula ! Soll ich da nicht einmal das Recht haben , Sie zu schützen ? Versuchen Sie nicht , mir das zu verweigern , ich lasse es mir nicht nehmen . Ich erzwinge es mir nötigenfalls von Ihnen ! « Das klang alles so herb und drohend , wie mühsam zurückgehaltener Groll , und doch redeten die Augen des Mannes eine ganz andere Sprache , eine Sprache , die Paula verstehen gelernt hatte in jener Stunde am See . » Ich kann aber nicht ! « rief sie außer sich . » Beschämen Sie mich doch nicht so tief ! Sie müssen es doch fühlen , daß ich das nicht aus Ihrer Hand nehmen kann und darf . « » Wenn ich Sie nun aber bitte ! « Es klang zum erstenmal etwas wie Weichheit auf in seiner Stimme . » Oder fürchten Sie vielleicht mein Kommen ? Ich werde das Rosnersche Haus nie betreten , ich komme überhaupt nicht wieder nach Deutschland , mein Wort darauf ! Denken Sie , ich werde betteln um eine Liebe , die mir einmal versagt worden ist ? Da kennen Sie mich nicht ! « Er stand in der Mitte des Zimmers , gerade unter der Hängelampe , die jede Linie seiner Gestalt , jeden Zug seines Gesichtes scharf und voll beleuchtete . Paula stand seitwärts im Schatten , sie kämpfte längst schon mit sich selber . Ein Wort , ein Geständnis konnte alles ändern , aber es wollte nicht über ihre Lippen , und seine letzten Worte nahmen ihr vollends den Mut dazu . Er würde ihr nicht glauben , sie kannte ja jetzt sein finsteres Mißtrauen , und das Nein , das sie einmal gesprochen hatte , stand wie eine drohende Schranke zwischen ihnen . Draußen war es längst dunkel geworden . Eine finstere Nacht brach herein mit schwer bewölktem Himmel , der mit Regen drohte . Man sah kaum einige Schritte weit , und jetzt erhob sich auch der Wind , und ein kalter Luftzug wehte herein durch die offene Thür , welche nach der Terrasse führte . Unwillkürlich blickte Paula dorthin und zuckte plötzlich zusammen . Die Lampe warf einen breiten Lichtstreif auf die Terrasse , der weiterhin in ungewisse Dämmerung verschwamm , und dort hinten regte sich etwas , schattenhaft und undeutlich , die Umrisse einer menschlichen Gestalt , die eben wieder zurücktauchte in die Dunkelheit . Aber jetzt erhob sich langsam etwas anderes aus diesem Dunkel , matt aufblinkend , als es in jenen Lichtkreis kam , und richtete sich auf den Schloßherrn , der der Thür den Rücken kehrte – der Lauf einer Büchse ! Ein Augenblick und das junge Mädchen hatte alles begriffen . Es war zu spät zu einem Ruf , einer Warnung , der todbringende Lauf lag schußbereit , der nächste Atemzug entschied . Hier konnte nur eins retten ! Das fuhr mit der Schnelligkeit des Blitzes durch Paulas Seele , und in der nächsten Sekunde hatte sie dies eine bereits gethan . Sie stürzte auf Ulrich Berneck zu , warf sich an seine Brust und , beide Arme um seinen Hals schlingend , riß sie ihn mit der Kraft der Todesangst seitwärts . Fast in demselben Augenblick krachte der Schuß ! Pfeifend flog die Kugel durch das Gemach , dicht an den Häuptern der beiden vorüber , und schlug , da sie freie Bahn fand , in die gegenüberliegende Wand . Draußen klang es wie ein halbunterdrückter Fluch , dann ein schwerer Fall oder Sprung von der Terrasse , das Krachen und Brechen der Gesträuche , durch die ein Fliehender sich den Weg bahnte – dann tiefe Stille . Ulrich und Paula sahen und hörten freilich nichts mehr nach dem Schusse . Sie lag noch bleich und bebend an seiner Brust und flüsterte jetzt erst mit versagender Stimme : » Zarzo ! Er war es – ich habe ihn gesehen ! « Berneck achtete kaum darauf . Was kümmerte ihn Zarzo und sein Mordplan in diesem Augenblick , es war etwas anderes , was ihm den Atem stocken ließ , als er halblaut sagte : » Paula – allmächtiger Gott ! Das hätte Sie treffen können ! « » Was that das – Sie waren doch gerettet ! « brach das junge Mädchen aus . Es lag ein stürmisch aufwogendes Glück in diesem Ausruf , der alles verriet , selbst wenn die That noch nicht gesprochen hätte . » Paula , hast du dich geängstigt um mich ? « fragte er leidenschaftlich . Sie antwortete nicht , sie hob nur die Augen zu ihm empor , aus denen jetzt ein heißer Thränenstrom stürzte , und barg das Köpfchen dann wieder an seiner Brust , und er brauchte auch keine andere Antwort . Da wurde die Thür aufgerissen , und Ullmann , der den Schuß gehört hatte , stürzte herein . » Herr Ulrich – barmherziger Gott ! « schrie er , verstummte aber jäh beim Anblick der Gruppe und stand da , als sei er in eine Salzsäule verwandelt . » Ja , Alter , das galt mir ! « sagte Berneck , indem er sich emporrichtete , ohne Paula aus den Armen zu lassen . » Gib dich zufrieden , es ist ja nichts geschehen . Wir sind beide unversehrt ! « Der alte Diener war fast ebenso erschrocken über das , was er vor Augen sah , als über den Mordanfall , den er bei dem Schuß sofort geahnt hatte . Als ihm die Besinnung zurückkam , eilte er zunächst nach der Terrasse und schloß die Außenthür , die feste Laden hatte , aber er zitterte noch an allen Gliedern . » Ich habe es ja gewußt ! « rief er . » Das war der Zarzo und kein anderer ! « » Jawohl , da sitzt seine Kugel ! « sagte Ulrich , indem er nach der Wand blickte , wo die Tapete durchgeschlagen und der Kalk abgebröckelt war . » Er schießt gut , und ich war verloren ohne den Schutzengel , der neben mir stand . Schau ihn dir nur an , Ullmann , der hat mich gerettet ! « Er ließ jetzt erst das junge Mädchen aus den Armen , und nun erschien auch Frau Almers , die allerdings nicht ahnte , was geschehen war , aber sie kam doch in voller Unruhe . » Was ist denn vorgefallen ? « fragte sie . » Das war ja ein Schuß , in unmittelbarer Nähe des Schlosses ! Hast du es auch gehört , Ulrich ? Es hat doch kein Unglück gegeben ? « » Nein , aber es sollte eins geben , « versetzte Ulrich . » Erschrick nicht , Tante , erfahren mußt du es ja doch ! Es war ein Racheakt , der mir galt . Ich habe kürzlich einen meiner Förster fortgejagt , und dafür wollte er mich nun niederschießen . Man macht hier zu Lande nicht viel Umstände , wenn man eine Büchse führt . « » Um Gottes willen ! « rief die alte Dame in vollstem Entsetzen und sank mehr in einen Sessel , als sie sich niederließ , aber schon in der nächsten Minute gewann ihre energische Natur wieder die Oberhand . » Und da stehst du so gelassen da und läßt den Mordbuben entkommen ? So laß ihm doch nachsetzen , rufe die Leute zusammen ! Er kann ja nicht weit sein . « » Der ist längst in Sicherheit , « erklärte Berneck mit einer Ruhe , die seiner Tante unbegreiflich erschien . » Er kennt hier alle Schleichwege , und meine Leute holen ihn gewiß nicht ein , sie helfen ihm höchstens bei der Flucht . Denen wäre es schon recht gewesen , wenn er getroffen hätte . « » Das sind ja furchtbare Zustände in deinem Restovicz ! « rief Frau Ulmers halb angstvoll und halb empört . » Ulrich , wie kannst du das nur ertragen ! Wie kannst du nur daran denken , allein zu bleiben unter solchen Menschen ! « Ulrich lächelte , und der herbe Zug in seinem Antlitz verschwand unter diesem Lächeln . » Ich bleibe ja nicht mehr allein ! « sagte er . » Ich habe ja jetzt mein Glück zur Seite . Das stand vorhin neben mir , als die Kugel uns beinahe streifte , und dem will ich auch ferner vertrauen . Paula , du weißt es ja nun , welche Gefahren Restovicz birgt . Es war nicht die erste , die mir drohte , und wird auch nicht die letzte sein . Hast du trotz alledem den Mut , hier mit mir zu leben , oder hast du Furcht davor ? « Es lag doch noch eine verhaltene Angst in der Frage , aber die Antwort klang wie in ausbrechendem Jubel . » Ich fürchte nichts , gar nichts , Ulrich , wenn ich bei dir bin ! Ich bleibe bei dir im Leben und Tod ! « Da ging ein Aufleuchten über die Züge des Mannes , das sie lange , lange nicht gekannt hatten . Er nahm » sein Glück « in die Arme und schloß es so fest an die Brust , als wolle er es nie wieder von sich lassen . Die alte Dame bot jetzt einen ähnlichen Anblick wie Ullmann vorhin , sie saß wie erstarrt da . Was sie vor sich sah und hörte , das war ja ihr Wunsch und Wille , und sie begriff es auch , daß Ulrich nun endlich selbst gesprochen hatte , aber was er und Paula , von der sie doch höchstens Gehorsam erwartete , da verrieten , das hatte sie nicht geahnt , als sie ihren klugen Plan entwarf , das ging weit über ihr Programm hinaus . Berneck führte seine junge Braut zu ihr , und jetzt wurde seine Stimme wieder tiefernst . » Du weißt es ja noch gar nicht , Tante , was eigentlich geschehen ist . Ihr allein dankst du mein Leben , ohne sie läge ich jetzt sterbend dort am Boden . Zarzo fehlte nie , und er hätte auch mich getroffen , aber Paula sah ihn , in dem Augenblick , wo er anlegte . Warnen konnte sie mich nicht mehr , da warf sie sich an meine Brust und riß mich aus der Gefahr . Nur einen Schritt weniger , und die Kugel hätte sie getroffen , sie deckte mich ja mit ihrem eigenen Leibe ! « Die sonst so kalte , stolze Frau war bleich geworden bei diesem Bericht . Das brach endlich das Eis . Ihr Neffe war das einzige , was sie überhaupt liebte in der Welt , das einzige , dessen Verlust sie nie verwunden hätte . Sie streckte dem jungen Mädchen beide Arme entgegen . » Paula , mein Kind – du hast mir meinen Ulrich erhalten ? Komm zu mir ! Ich muß dir doch danken dafür ! « Paula wußte nicht , wie ihr geschah , sie fühlte ein paar Thränen auf ihrer Stirn , einen warmen Kuß , und es war die Umarmung einer Mutter , die ihr jetzt zu teil wurde . » Nun , Ullmann , jetzt darfst du auch kommen und uns Glück wünschen , « sagte Berneck , indem er sich zu seinem alten Getreuen wandte , der noch immer an der Thür stand und sich mühte , das Unerhörte zu begreifen . » Deine allerhöchste Sanktion zu unserer Verlobung werden wir wohl erhalten , du hast ja von jeher geschwärmt für deine künftige Herrin , und wirst dich geduldig unter ihrem Scepter beugen . Ich gedenke dir darin mit gutem Beispiel voranzugehen . « Ullmann kam heran und faßte mit beiden Händen die dargebotene Rechte , aber er blickte fast erschrocken zu seinem Herrn auf , aus dessen Munde zum erstenmal seit Jahren wieder ein Scherz kam . » Herr Ulrich ! « rief er endlich mit ausbrechender Freude . » Ich gratuliere ja tausendmal ! Herr Ulrich , ich glaube , die alten Zeiten kommen wieder zurück bei uns ! « Berneck lächelte . » Ich glaube es auch , Alter ! Du hattest ganz recht mit dem › Sonnenschein ‹ Ich habe ihn auch gespürt , und den behalten wir ja jetzt in Restovicz . Und nun sollst du auch wieder deutsche Gesichter sehen im Hause , hast dich ja oft genug danach gesehnt ! « » Das weiß der Himmel ! « sagte Ullmann mit einem Stoßseufzer . » Wir sind ja selbst fast wie die Wilden geworden hier unter dem Volk ! Herr Ulrich , Sie wollten wirklich – « » Natürlich will ich ! Denkst du , ich werde die junge gnädige Frau nur mit Slowenen umgeben , die uns eben erst eine solche Probe ihrer Liebenswürdigkeit gegeben haben ? Die ganze Schloßdienerschaft wird deutsch , und das andere wird sich später finden . Du kannst einstweilen den Majordomus von Restovicz spielen und die Gesellschaft in Ordnung halten . « » Gott sei Dank ! « Der alte Diener faltete förmlich andächtig die Hände bei dieser Ankündigung . Die künftige » junge gnädige Frau « wirkte ja schon Wunder , noch ehe sie das Regiment hier angetreten hatte ! Aber auch Frau Almers blickte mit unverhehltem Erstaunen auf ihren Neffen , der Ton und Blick erinnerten so ganz an den Ulrich Berneck von einst , und auch in ihrem Innern klang ein unausgesprochenes : Gott sei Dank ! – Es war am Morgen des nächsten Tages . In der Nacht war ein schwerer Regenschauer niedergegangen , aber jetzt lagen Restovicz und seine Umgebung im hellen Frühlichte . In dem Terrassenzimmer stand der Schloßherr mit seiner jungen Braut , er hatte den Arm um sie gelegt , und sie schmiegte sich , noch halb scheu ob der ungewohnten Vertraulichkeit , an ihn , die rosige Jugend mit ihrer sonnigen Heiterkeit an den ernsten , düsteren Mann , von dem freilich jetzt die Düsterheit gewichen war . Eine Kugel hatte ihm damals vor Jahren die ganze hoffnungsreiche Zukunft vernichtet – und eine Kugel hatte ihm jetzt sein Glück in die Arme geworfen . Nun hielt er es fest ! » Du meinst , Zarzo wäre nicht mehr zu erreichen ? « fragte Paula , während sie noch mit einem leisen Schauer nach der Stelle blickte , wo der Tod gestern an ihnen vorübergeflogen war , so nahe , daß sein Hauch sie fast berührte . » Wenn er sich nur nicht irgendwo in der Nähe verborgen hält und es noch einmal – « » Der kommt nicht mehr zurück ! « unterbrach sie Ulrich mit voller Bestimmtheit . » Ich kenne den feigen Burschen . Er wagt so etwas nur einmal , und auch nur dann , wenn er sich sicher glaubt vor der Entdeckung . Er