die Ohren , dann hielt sie dem jungen Mädchen den Goldfinger unter die Augen , und ihre Oberlippe hob sich scharf einwärts gekrümmt über den weißen Zähnen . “ Da -- da sitzt er ja . Und ich kann Dir versichern , daß er echt ist - die gravierten Buchstaben lassen nichts zu wünschen übrig . . . . Um übrigens der Sache ein Ende zu machen , will ich Dir sagen , daß dieses Ding da in meinem Leben keine Rolle mehr spielt , es sei denn die eines Drahtes , an dem man eine Marionette lenkt -- mein bräutliches Verhältniß zu Bruck ist gelöst – ” Käthe fuhr bestürzt zurück . “ Diese Lösung hast Du ja schon früher erfolglos versucht , ” stammelte sie verwirrt , athemlos . “ Ja , damals hatte der Erbärmliche noch einen Rest von Kraft in der Seele ; jetzt ist er windelweich geworden . ” “ Flora -- er giebt Dich frei ? ” “ Mein Gott , ja , wenn Du denn durchaus die Freudenbotschaft noch einmal hören willst – ” “ Dann hat er Dich auch nie geliebt . Dann hat ihn damals ein anderer Impuls getrieben , auf seinen Rechten zu beharren . Gott sei Dank . Nun kann er noch glücklich werden ! ” “ Meinst Du ? Wir sind auch noch da , ” sagte Flora ; sie legte ihre Hand mit festem Druck auf den Arm des jungen Mädchens , und ihr Blick tauchte vielsagend und diabolisch tief in die verklärten braunen Augen . “ Ich werde ihm die Stunde nie vergessen , in der er mich vergebens um meine Freiheit betteln ließ . Nun soll er auch fühlen , wie es tut , wenn man den Becher zum ersehnten Trunk an die Lippen setzt , und er wird Einem aus der Hand geschleudert . Ich gebe den Ring nicht heraus , und sollte ich ihn mit den Zähnen festhalten – ” “ Den gefälschten – ” “ Willst Du das beweisen , Kleine ? Wo sind Deine Zeugen ? Mir gegenüber bist Du verloren mit einer Anklage , wenn sie nicht Hand und Fuß hat -- man sagt mir nicht mit Unrecht nach , daß ein Juristengenie in mir stecke . . . . Uebrigens magst Du Dich beruhigen . So unmenschlich grausam bin ich nicht , meinem ehemaligen Verlobten das Heirathen überhanpt zu verbieten . Mag er sich doch vermählen – morgen , wenn er Lust hat , aber selbstverständlich nur mit einer Ungeliebten . gegen eine Konvenienzehe erhebe ich keinen Einspruch . . . . Ich werde ihm nachspüren , nachschleichen auf jeder inneren Regung , die er unvorsichtig an den Tag legt -- wehe ihm , wenn ich ihn auf einem Wege betreffe , der mir nicht konveniert ! ” Sie hatte einen der rings verstreuten Orangenzweige ergriffen und wiegte ihn zwischen den Fingerspitzen spielend hin und her ; sie sah aus wie ein schönes Raubthier , das ein Opfer mit geschmeidigen Windungen des schlanken Körpers umkreist . “ Nun , Käthe , Du liebst ihn ja ; hast Du nicht Lust , für ihn zu bitten -- wie ? ” hob sie wieder an , die langsam gesprochenen Worte scharf markierend . “ Schau . ich hab ' sein Glück in der Hand ; ich kann es zerdrücken , ich kann es aufleben lassen , ganz nach Belieben . Diese Machtvollkommenheit ist für mich allerdings unbezahlbar , und doch -- kann ich kaum der Versuchung widerstehen , sie hinzugeben , lediglich , um einmal zu erproben , in wie weit die hochgepriesene sogenannte wahre Liebe feuerfest ist . . . . Gesetzt , ich legte diesen Ring mit der Befugniß in Deine Hand , ihn zu verwenden , wie es Dir gut dünkt -- verstehe mich recht -- ich selbst hätte mich dann von diesem Augenblicke an jedes Einspruchs , jedes Anrechtes begeben -- würdest Du bereit sein , Dich jeder meiner Bedingungen zu unterwerfen , damit Bruck von dieser Stunde an freie Wahl hätte ? ” Käthe hatte unwillkürlich die Hände verschlungen und drückte sie fest gegen die wogende Brust ; man sah , ein unbeschreiblicher Kampf arbeitete in dieser jungen Seele . “ Ich unterwerfe mich jeder , auch der härtesten Bedingung sofort , wenn ich Bruck aus Deinen Schlingen erlösen kann , ” rang es sich heiser , aber entschlossen von ihren Lippen . “ Nicht zu sanguinisch , meine Tochter ! Du könntest mit diesem übereilten Opfermute leicht Dein eigenes Lebensglück hinwerfen . ” Das junge Mädchen schwieg und legte die Rechte an die schmerzende Stirn . Man sah , der Starken brach eine Stütze nach der anderen , der Jugendmut , die elastische Kraft , die auf sich selber pocht , der Glaube an das schließliche innere Ueberwinden -- nur der Wille blieb stark . “ Ich weiß , was ich will -- da braucht es kein Besinnen , ” sagte sie . Flora hielt den Blüthenzweig vor das Gesicht , als atme sie den Duft der künstlichen Blumen ein . “ Und wenn er nun -- vielleicht nur um mich namenlos zu demüthigen -- Dich selbst begehrte ? ” fragte sie mit einem blinzelnden Seitenblick . Der jungen Schwester stockte der Athem . “ Das wird er nicht -- ich war ihm nie sympathisch . ” “ Das ist richtig . Ich will aber einmal annehmen , er sage Dir , daß er Dich liebe , da wäre das Unterpfand seiner Freiheit denn doch sehr schlecht aufgehoben in Deinen Händen -- meinst Du nicht ? ... Er würde eines Tages um die Geliebte freien und sie könnte nicht widerstehen , und ich mit meinen unbestrittenen Anrechten hätte das Nachsehen -- nein , ich behalte meinen Ring . ” “ O Gott , darf es wirklich geschehen , daß eine Schwester die andere so entsetzlich martert ? rief Käthe in schmerzlicher Entrüstung . “ Aber gerade in diesem Augenblick , der Deinen ganzen beispiellosen Egoismus , Dein Herz ohne Erbarmen , Deine unbezwingliche Neigung zur Intrigue bloßlegt , wie noch nie , fühle ich mich doppelt berufen , Bruck um jeden Preis von dem Vampyr zu befreien , der nach seinem Herzblut trachtet -- Du darfst keine Gewalt mehr über ihn haben . . . Er soll ein neues Leben anfangen ; er wird sich eine Häuslichkeit schaffen , die ihn beglückt und befriedigt ; er wird nicht mehr verurtheilt sein , an der Seite einer herzlosen Gefallsüchtigen ein steifes Salonleben zu führen – ” “ Sehr verbunden für die schmeichelhafte Beurtheilung ! Du sprichst viel zu warm für sein Glück , als daß ich Dir mein Kleinod anvertrauen möchte . ” “ Gib es her -- Du kannst es getrost . ” “ Und wenn er Dich nun wirklich und wahrhaftig liebte ? Die Lippen des jungen Mädchens zuckten in unsäglicher Qual ; sie verschlang die Hände angstvoll in einander , wie es die Verzweiflung tut , aber sie blieb standhaft . “ Wäre es auch -- ich bin nicht unersetzlich . Wie leicht wird es ihm werden , eine Bessere zu finden ! Und daß er nicht wieder blindlings ein falsches Loos zieht , dafür bürgt seine schmerzliche Erfahrung . Gib mir den Ring , den gefälschten , von dem ich weiß , daß in Wahrheit auch nicht die leiseste Spur von einem Recht mehr an ihm hängt -- ich verspreche Dir , ihn zu achten , wie den , der im Flusse liegt , weil er trotz alledem und alledem Brucks Befreiung verbürgt . ” Sie streckte die Hand aus . “ So wie ich Dich kenne , bist Du ehrenhaft genug , ihn nie zu Deinen Gunsten zu verwenden , ” sagte Flora nachdrücklich und den Ring abstreifend ; ein leises Zittern durchlief Käthes Glieder , als das Gold ihre Handfläche berührte -- dann schlossen sich die Finger wie im Krampf über dem Reif ; dabei stahl sich ein bitterverächtliches Lächeln um den Mund des Mädchens -- sie war zu stolz , auch nur mit einer Sylbe ihre makellose Absicht zu betheuern . ” “ Nun ? ” rief Flora beunruhigt . “ Du hast mein Wort . Jetzt bin ich die Marionette , die Du an diesem Drahte lenkst , ” -- sie hob die geschlossene Hand mit dem Goldreif ; -- “ bist Du zufrieden ? ” Damit ging sie . In dem Moment , wo sie auf die Schwelle der geöffneten Thür trat , kam Doktor Bruck die gegenüberliegende Treppe herauf . Sein Blick überflog die zwei Gestalten , von denen die eine aufrecht , triumphierend inmitten des Zimmers stand und ihn kalt anlächelte , während das herausschreitende , fieberglühende Mädchen bei seinem Anblick fast zusammenbrach . Er eilte bestürzt herbei und legte rückhaltslos den Arm um die Schwankende . Die Thür hinter ihnen fiel zu , und in ihr Geknarr mischte sich ein wohlbekanntes , gedämpftes Auflachen . 28. Nachmittags brach der Sturm los , den die wie die Möwen um das Haus schwirrenden Gerüchte verkündigt hatten -- eine Gerichtskommission erschien . Man hatte sich die feierliche Beschlagnahme seit den frühen Morgestunden vergegenwärtigt , und doch ging es wie ein erschütternder Schlag durch das ganze Haus , als die Herren unter das Portal traten . Sie kamen für Alle zu früh . Noch schleppten die Bedienten die altmodischen , blinden Mahagonitische und Kommoden der Präsidentin , die Sophas und Stühle mit den verstaubten und zerschliffenen Bezügen vom Dachboden herab in den Hauptkorridor ; noch standen Floras Kisten mit dem eingepackten Trousseau droben und harrten auf den säumigen Spediteurwagen ; noch lag im kleinen Haus- , Wein- und Bierkeller allerlei “ Trinkbares ” , das man nicht mehr bei Seite bringen konnte . Die Präsidentin hatte sich stolz und vornehm in ihr Schlafzimmer zurückgezogen -- sie wollte die Herren nicht sehen , aber so höflich und respektvoll dieselben auch waren , sie durften auf die Nervenzufälle der gnädigen Frau keine Rücksicht nehmen ; sie mußten fragen , ob die Zimmereinrichtung ihr Eigentum sei , und auf das Vermeinen der Dame hin bitten , einstweilen in ein leerstehendes , heizbares Entree überzusiedeln , weil das Zimmer versiegelt werden müsse . Nun wurden die alten Möbel aus dem Korridore in das kleine , freundliche Zimmer geschoben , die pensionierten Federbetten gelüftet und bezogen und unter die verschossene , braunseidene Steppdecke gesteckt , die der Präsidentin seit Jahren nicht vor die Augen gekommen war und bei deren Erblicken ein Schauder des Abscheus durch ihre Glieder zog . Die Jungfer richtete das Stübchen so wohnlich wie möglich ein ; sie hatte den kleinen Mahagoniblumentisch am Fenster mit einigen aus dem Wintergarten eroberten Blaupflanzen gefüllt und Manches aus dem Schlafzimmer herübergerettet , was ihrer verwöhnten Herrin besonders lieb und unentbehrlich war , aber die alte Dame sah die Bemühungen nicht -- sie saß am Fenster und stierte nach dem Pavillon hinüber , dessen neuglänzendes Dach hinter der Bocage auftauchte . Dieser gefürchtete und namenlos verhaßte “ Witwensitz ” war ein wahres Feenschlößchen geworden . Reiche Gardinen hingen hinter den Spiegelscheiben ; sie sah eine köstliche Spitzenkante an einem Eckfenster , welches das Ahorngeäst freiließ . Es funkelte Alles im Glanze der Neuheit , das spiegelglatte Parquet , die eleganten Möbel , die Deckenmalereien , die Lüsters in dem Salon ; selbst die Küche war splendid und vorsorglich ausgestattet , bis auf den einfachsten Blechlöffel hinab . Dieses “ Bijou ” hätte ihr Eigentum sein sollen bis an ihr Ende , und sie hatte es verächtlich mit dem Fuße fortgestoßen , aus Furcht , es werde sie von der Geselligkeit im Hause des Kommerzienrates isolieren -- und nun , und nun ! ! Währenddem kämpfte Flora um ihre Effekten , aber alle erschöpfenden Argumente , das schließliche Berufen selbst auf das Zeugniß der Dienerschaft waren vergeblich . Fräulein Mangold möge später reklamieren , augenblicklich müsse aues Vorgefundene in Bausch und Bogen unter die Siegel -- lautete die höfliche , aber sehr bestimmte Antwort . Und so ging es treppauf , treppab , stundenlang . Alles , was an lebende Blumen das Haus schmückte , wurde in die Treibhäuser gesteckt ; man hörte einen Zimmerschlüssel nach dem andern im Schlosse kreischen , und die noch offene Fensterladen vorlegen -- es war schauerlich , wie sich so nach und nach , hinter den Vollstreckern des Gesetzes her , die Dunkelheit und das Schweigen in den verlassenen Ecken niederhockte . Zwischen das Treiben hinein schimpfte und fluchte die Dienerschaft nunmehr ganz offen und jammerte um den rückständigen Lohn , aber jedes schnürte sein Bündel , um das Haus zu verlassen , dessen Komfort hinter Schloß und Riegel lag , dessen Fleischtöpfe nicht mehr brodelten . Nur der Gärtner blieb und wurde in der Domestikenstube einquartiert . Und inmitten dieser Verwirrung hob die Mädchenseele droben in der Bel-Etage die Flügel , um nach jahrelangem , heldenhaftem Kampfe den kranken Leib leise und klaglos abzustreifen . Henriettens Zimmer blieben unberührt von dem Geräusche der Beschlagnahme – was die Sterbende umgab , war ihr Eigentum . Man bemühte sich auch , in der Bell-Etage jeden Lärm , selbst den der lauter Fußtritte , zu vermeiden , und so drang nichts zu der scheidender Seele , was sie noch einmal aufschrecken und in die irdische Misere zurückblicken machen konnte . Sie sah nur vor sich , durch das offene Fenster , in einen wahren Rosenhimmel hinein ; sie sah die Schwalben mit ihren weißen Brust- unnd Flügelfeder wie silberne Kreuze unter den hochziehenden , rotglänzenden Abendwolken hinschießen , hastig , von dem erwachten Wandertrieb in der Brust beunruhigt . Noch gestern waren feine Rauchstreifen von der Ruine her vorübergezogen , und fernes Geräusch hatte die Gedanken des kranken Mädchens immer wieder auf sich gelenkt und schmerzbewegt um die Unglücksstätte kreisen lassen , wo die berstenden Mauern zusammeungestürzt waren über “ dem Unvorsichtigen ” , an welchem sie , bei allen seinen Schwächen , doch mit schwesterlicher Zuneigung gehangen hatte . In die jetzige feierliche Abendstunde aber , in das sticke Hingehen des Tages und eines kurzen Mädchenlebens mischten sich keine Anzeichen jener Schrecknisse mehr . Der Doktor saß an Henriettens Bett . Er sah , wie der Tod dieses Antlitz von Geist und Bewußtsein mit rapider Schnelligkeit , Strich um Strich , schärfte und markierten an die Fingerspitzen der Kranken klopfte der entfliehende Lebensstrom in so vereinzelten Pulsschlägen , als kehre von fern her hie und da eine Welle zurück und spüle noch einmal an das verlassene Ufer . “ Flora ! ” flüsterte Henriette und sah ihn mit einem sprechenden Blicke an . “ Soll sie kommen ? ” fragte er , sofort bereit nach ihr zu gehen . Henriette schüttelte schwach den Kopf . “ Du wirst mir nicht böse sein , wenn ich mit Dir und Käthe allein bleiben möchte , bis – ” Sie vollendete nicht und pflückte mit halbversagenden Fingern an dem welken , roten Weinlaub auf der Bettdecke . “ Ich will es ihr ersparen , und sie wird es mir Dank wissen ; ” -- noch einmal schwebte der Anfang eines sarkastischen Lächelns schattenhaft um ihren Mund -- “ sie kann Rührszenen nicht leiden . . . . Du sollst ihr nur einen Gruß bringen , Leo . ” Der Doktor schwieg und neigte das Haupt . In seiner nächsten Nähe stand Käthe . Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen - -die Sterbende stützte sich ahnungslos auf Beziehnungen , die nicht mehr existierten ; erfuhr sie noch die Wahrheit ? Ein angstvoller Seitenblick streifte das Gesicht des Doktors . es blieb vollkommen ernst und gefaßt ; die Scheidende durfte durch eine unerwartet hereinbrechende Nachricht aus der schon halb und halb verlassenen Welt herüber nicht mehr aufgeschreckt werden , und zu einer Vorbereitung blieb -- keine Zeit . Henriettes Augen schweiften über den Himmel hin . “ Wie köstlich klar und rosig ! Ein Hineintanchen der befreiten Seele muß himmlisch sein , ” flüsterte sie innig . “ Ob es ein Zurückblicken gibt ? Ich will ja nur Eines sehen . . . ” sie wandte mühsam den Kopf in den Kissen und sah voll , zum ersten Male mit dem ganzen , unverhehlten Ausdruck unaussprechlicher Liebe zu Bruck auf -- “ ob Du glücklich wirst , Leo . Dann mag es mich fort , in Sonnenfernen tragen . ” -- Zu sagen “ ich muß das wissen , um selig werden zu können , weil ich dich geliebt habe mit allen Kräften , mit jeder Faser meines Herzens , ” das konnte die scheu verschlossene Mädchenseele selbst in der Todesstunde nicht über sich gewinnen . Es war , als überfliege ein verklärender Schein die gesenkte Stirn des Doktors . “ Es hat sich noch Alles glücklich für mich gewendet , Henriette , ” sagte er bewegt . “ Ich wage zu hoffen , daß ich nicht mehr einsam und verbittert durchs Leben gehen werde , oder besser ; ich weiß , daß sich in der zwölften Stunde noch mein Traum von wahrer Lebensbeglückung erfüllen wird -- genügt Dir das , meine Schwester ? ” Er zog die schmale , erkaltete Hand , die er noch in der feinen hielt , an die Lippen . “ Ich danke Dir , ” setzte er innig hinzu . Ein Erröthen , sanft rosig wie das Abendlicht draußen , kam und schwand in jähem Wechsel aus den Wangen der Sterbenden ; mit einem Ausdruck von scheuem Glück streiften ihre Augen unwillkürlich die Schwester , welche , die Rechte auf Brucks Armstuhl gelegt , sichtlich bemüht war , ihren Schmerz , aber auch eine unverkennbare Bestürzung zu bemeistern . Bei diesem Anblick schmolz Henriettens Herz in Weh und Mitleid . “ Sieh meine Käthe an , Bruck ! sagte sie bittend , aber mit erlöschender Stimme und unaufhörlich von Athemnoth unterbrochen “ Lasse mich ' s noch anssprechen , was mich immer bedrückt und tief geschmerzt hat ! Du bist immer so kalt gegen sie gewesen -- einmal sogar hart bis zur Grausamkeit -- und ihr kommt doch Keine gleich , Keine ! Leo , ich habe Dein Vorurtheil nie begreifen können . . . . Sei gut gegen sie -- stehe an ihrer Seite – ” “ Bis zum letzten Athemzug ! Bis über den Tod hinaus ! ” unterbrach er sie , kaum fähig , seiner stürmischen Bewegung Herr zu werden . “ Sieh , nun ist Alles gelöst ! Ich weiß es , hältst Du sie in treuer Hut , dann wird meine starke , meine mutige Käthe stets zwischen Dir und allem Ungemach stehen – ” “ Wie eine treue Schwester , die ich ihm von dieser Stunde an sein werde , ” vollendete Käthe mit halberstickter Stimme . Ein geisterhaftes Lächeln irrte um Henriettens Mund -- sie schloß die Augen . Sie sah nicht , daß durch die Glieder der Starken , Mutigen Schauer liefen , als schüttle sie das Fieber -- sie sah nicht , daß sie Brucks dargebotene Rechte mit weggewendetem Gesicht von sich schob , als sei selbst ein Händedruck nicht statthaft . Das Lächeln erlosch , und aus der Brust der Sterbenden rang sich ein röchelnder Laut . “ Grüßet die Großmama ! -- Nun möchte ich Ruhe haben -- schaffe mir Ruhe um jeden Preis , Leo ! ” hauchte sie angstvoll . “ In zehn Minnten wirst Du schlafen , Henriette , sagte er in tiefen , beruhigenden Tönen . Er legte ihre Hand auf die Bettdecke zurück , und sich erhebend schob er feinen Arm sanft und unmerklich unter das Kopfkissen -- so lag sie wie ein Kind an seiner Brust -- seliges Sterben ! Und nach zehn Minuten schlief sie . Die hereinnickenden Weinblätter wehten leise , als streife sanfte Berührung an ihnen hin , und das Rosenlicht draußen , in das zu tauchen die Seele sich gesehnt hatte , erglühte plötzlich wie angefacht zum tiefsten Purpur . Und der kleine , kirre Vogel ließ sich wie immer zum Abendgruß auf dem Fenstersims nieder ; er zwitscherte leise herein , nach dem wachsweißen Mädchengesicht hin -- zum letzten Male , denn nun wurde auch dieser Fensterladen geschlossen , bis -- fremde Hände kamen und Besitz ergriffen vom Hause des Kommerzienrates . Da kam die Präsidentin herein , gebeugt , als habe ihr das so lange nachschleichende Alter nunmehr mit doppelter Wucht einen Stoß in das Genick versetzt . Die weiße Schleierwolke lag wieder um Kinn und Halse ; sie hatte die schwarze Krepphaube fortgeschleudert -- um einen Schurken trauere man nicht , hatte sie gesagt . Sie trat an das Bett , und ein leichter Krampf machte ihre Lippen beben , als sie in das stille Totengesicht sah . “ Ihr ist wohl , sagte sie mit brechender Stimme . “ Sie hat das bessere Theil erwählt ; nun braucht sie nicht in die Verbannung zu gehen -- der dickere , bittere Kampf mit der Armut ist ihr erspart geblieben . ” Flora aber kam und ging wortlos . Die zwei treuen Wächter am Totenbette existierten nicht für sie . Sie küßte die heimgegangene Schwester auf die Stirne , dann schritt sie , den Kopf in den Nacken zurückgeworfen , wieder nach der Thür , durch die sie gekommen . Wohl wurzelte ihr Fuß auf der Schwelle , aber sie wandte weder die Augen , noch den Kopf nach der Richtung , wo der Doktor stand und mit ernster , feierlicher Stimme die Grüße der Toten bestellte . Sie neigte unmerklich das Haupt , zum Zeichen , daß sie den Ausdruck des letzten Gedenkens in Empfang genommen , und ging mit rauschender Schleppe weiter , die Treppe hinab , um drunten Hut und Regenmantel anzulegen und nach dem nächstgelegenen Hotel zu gehen , in welchem sie Zimmer für sich und die Präsidentin gemietet hatte ; unter dem Dach des Verbrechers durfte kein Glied der Familie Mangold mehr schlafen , selbst die Tote nicht . Und als man auch sie nach hereingebrochener Dunkelheit fortgetragen hatte in die große Halle , wo sie Alle im letzten Schmuck und blumenüberschüttet auf das Oeffnen der letzten Pforte warten , da wurde auch in der Bel-Etage die letzte Zimmerthür verschlossen , und der Doktor und Käthe stiegen die Treppe herab . Wie schollen ihre Schritte durch das schweigende , verlassene Haus ! Wie gespenstig schlich der Schein der Lampe , die der Gärtner vor ihnen hertrug , über die einsamen Wände des Treppenhauses und der Korridore , an denen Tag für Tag die Fluten des üppigsten Lebens , die übermütigen Zeugen der goldgleißenden Schwindelepoche hinweggerauscht waren . Die weiche Nachtluft , welche die Fortgehenden umfloß , legte sich wie Balsam auf Käthe ' s heiße , verweinte Augen . Ein sternfunkelnder Himmel breitete sich über den schweigenden Park hin ; man konnte die einzelnen Baumgruppen unterscheiden , und der Teichspiegel glomm schwach herüber , wie mattes Silber durch schwarze Schleiergewebe . Das Sandgeröll wich knirschend unter den Tritten , und von fern her tosten die über das Wehr stürzenden Wasser , aber kein Blatt an den Wipfeln und Büschen regte sich -- es war so lautlos still , wie droben im Sterbezimmer , wo man während der letzten Stunden nur flüsternd das Notwendige beredet hatte . Und deshalb schrak auch Käthe jetzt so zusammen und brach fast in die Kniee , als der Doktor mit seiner Uesen , vollen Stimme das Schweigen unterbrach . Sie hatten gerade das tiefdunkle Laubthor der Allee vor sich , und da blieb er stehen . “ Ich verlasse in wenigen Tagen die Residenz , und so wie ich Sie kenne , werden Sie bis dahin weder zu meiner Tante kommen , noch mir gestatten , die Mühle zu betreten , ” sägte er -- eine unsägliche Beklommenheit und Spannung lag in diesen Tönen . “ Ich muß mir also sagen , daß wir zum letzten Male neben einander gehen -- das heißt , für jetzt – ” “ Für immer ! ” unterbrach sie ihn tonlos , aber fest . “ Nein , Käthe ! sagte er entschieden . “ Eine Trennung für immer wäre es allerdings , wenn ich das , was Sie vor wenigen Stunden abgesprochen haben , für unverbrüchlich halten müßte , denn -- eine Schwester will ich nicht . . . . Glauben Sie , ein Mann werde sich zeitlebens da mit wohlgemeinten schwesterlichen Briefen begnügen , wo er nach dem lebendigen Worte von geliebten Lippen dürstet ? . . . Aber nein , das wollte ich ja heute nicht sagen . Die Selbstsucht reißt mich hin , Sie in einem Augenblicke zu bestürmen , wo Sie eine so bittere Schmerzenslast zu tragen haben . Nur über Eines muß ich mich noch aussprechen Sie haben heute Nachmittag eine Begegunng in dem Zimmer gehabt , aus welchem Sie mir in der heftigsten Gemütsbewegung entgegentraten Man hat Ihnen mitgeteilt , was geschehen ist , und dabei ist selbstverständlich der ganze mißliche Anschein , den eine solche gewaltsame Lösung stets gewinnt , auf mich allein gefallen -- ich sah das an Ihren Mienen , und später , als Sie sich gegen eine innigere Beziehung verwahrten , indem Sie Henriette zu Liebe mir eine Schwester sein wollten , da hörte ich auch , daß böse Einflüsterungen Macht über Sie gewonnen hatten -- Gott sei Dank , nicht für immer ! Ich weiß es -- Ihr klarer , kluger Blick mag sich vielleicht momentan trüben , aber er wird sich nicht hartnäckig verschließen . Käthe , ich war neulich , an dem schreckensvollen Nachmittage , in meinem Garten , ich stand hinter dem Ufergebüsche , und drüben legte ein Mädchen die Stirn an einen Baumstamm und weinte bitterlich . Heft 25 Käthe machte eine Bewegung , als wolle sie in die Allee hineinfliehen , allein schon hatte Bruck ihre Hand gefaßt und hielt sie mit festem Drucke . “ Ich sah das Mädchen leibhaftig vor mir stehen , das ich eben in Gedanken von Sehnsucht in meinen Armen gehalten und an das Herz gedrückt hatte ; ich war eben in dem letzten der Kämpfe , die ich monatelang durchlitten , Sieger geblieben , das heißt , ich hatte falsche Ansichten von mir geschüttelt und mir gesagt , daß ich ein Meineidiger sei , wenn ich , die unbezwingliche Leidenschaft im Herzen , eine verhaßte Ehe eingehe . Und da sah ich die Heimgekehrte stehen -- und ich jauchzte , denn ihre weinenden Augen suchten nicht die Fenster der Tante ” -- er schwieg und zog ihre Hand an seine Lippen , und sie lehnte an der nächsten Linde , unfähig , auch nur einen Laut herauszubringen . “ Ich darf der , die meine Braut gewesen ist , keinen Vorwurf machen ; ich trage die Schuld , daß es zu einem solchen Eklat kommen mußte , ich , der ich , um der Welt willen , schwach genug war , nicht schon in dem Augenblicke zurückzutreten , wo ich unter tödtlicher Bestürzung erkannte , daß ich eine hinreißend schöne Form gewählt habe , deren vermeintlich reicher Inhalt unter den prüfenden Augen zu Nichtigkeiten zerbröckelte -- und das geschah schon in den ersten Wochen nach meiner Verlobung . Nein , es waren keine Nichtigkeiten , welche die hinreißend schöne Form umschloß , es war ein Frauencharakter von teuflischer Bosheit . Flora hatte um Brunks Liebe für sie gewußt , jedenfalls durch sein eigenes Geständniß -- welch eine niederträchtige Intrigue ! Die Betrogene hatte den Ring in der Taschen ; sie hatte ihn um jeden Preis erkauft ; sie hatte selbst jeden listigen Einwurf der ränkevollen Schwester bekämpft und ihr Wort verpfändet , sogar auf die Möglichkeit hin , daß Bruck ihre Hand begehren könne . Die Augen des jungen Mädchens irrten verzweiflungsvoll über den gestirnten Himmel . Sie wußte , Flora gab ihr das Wort nicht zurück , und wenn sie sich in qualvoller Bitte zu ihren Füßen die Kniee wund rieb ; sie wußte , daß sie und Bruck in den Augen Aller verfehmt sein würden , denn Niemand hatte einen vorurtheilslosen Einblick in die Sachlage . Es bedurfte nicht einmal Flora ' s glänzender Beredsamkeit , die Welt zu überzeugen , daß sie die Hintergangene sei , der die jüngere Schwester den Verlobten weggelockt habe , und daß Flora diese Beleuchtung wählen werde , das stand fest , wie der Himmel da droben . Wie sie flimmerten , die kreisenden Sternbilder ! Aus welchen dieser goldenen Himmelsfunken hatten die rosig durchhauchten Abendlüste den erlösten Geist der Schwester getragen ? Sah sie jetzt zurück ? Sah sie , wie das Glück des geliebten Mannes in Trümmer ging ? “ Sie sind so still , Käthe . In Ihrer Seelenhoheit weisen Sie mich schweigend in die Schranken ; ich hätte heute nicht sprechen follen , ” hob er wieder an . “ So wie ich auch jetzt nicht weiter in Sie dringen . Ich verhehle mir nicht , daß meine Bitten und Wünsche mit schweren Bedenken in Ihrer Seele kämpfen müssen , denn sonft wären Sie nicht die peinlich gerechte , die ehrliche Käthe , die Sie sind , aber ich werde mein ersehntes Ziel erreichen , ohne daß ich zur stürmischen Ueberredung greifen muß -- das weiß ich auch . Ich lasse Ihnen Zeit zur Prüfung und zur Ueberwindung des tiefen Schmerzes , der Sie jetzt erfüllt und in Allem , was Sie denken und fühlen , mitspricht . Ich gehe jetzt unbeglückt , aber -- ich komme wieder . Und nun wollen wir nach der Mühle gehen . Geben Sie mir getrost Ihren Arm ! Ein Bruder kann seine Schwester nicht selbstloser führen , als ich in diesem Augenblicke an Ihrer Seite gehe . Sie könnten sich ebenso ruhig mir und meiner Tante anschließen , wenn wir unsere Reise nach L ..... g antreten . ” “ Ich kehre nicht nach Sachsen zurück , ” sagte sie . Sie hatte ihre Hand auf seinen Arm gelegt , und nun durchschritten sie die Allee . Ein