unbekleidet , nicht einmal Spangen oder Perlenschnüre schmückten ihre zierlich , aber noch kindlich geformten Arme oder den schlanken Hals . Dagegen hatte sie , zum Zeichen der Trauer , ihre runden Schultern mit befeuchteter Asche bestrichen , und die Zierrathen , welche ursprünglich an ihrem feuerfarbigen , von den Hüften niederfallenden Rock befestigt gewesen , zum größten Theil abgerissen und den beiden Leichnamen auf die Brust gelegt . Als die Zeitwände niedersanken und das volle Tageslicht zu der trauernden Waise hineindrang , blickte sie flüchtig zu mir empor ; dann aber ihre großen , thränenlosen Augen wieder auf die entstellten Züge ihrer todten Angehörigen richtend , fuhr sie fort , ihre Klagen über dieselben hinzusingen . » Ueberlasse meine Tochter die Todten den Todten , und begleite sie mich dahin , wo die böse Krankheit ihr nicht mehr droht , « redete ich das arme Kind endlich in der Sioux-Sprache an , nachdem ich es eine Weile mit dem innigsten Mitleiden betrachtet hatte . Die Indianerin schüttelte statt der Antwort leise den Kopf , und dann die Hände zu mir erhebend , verdeutlichte sie mir durch Zeichen , ich möge mich entfernen , wenn ich nicht ebenfalls sterben wolle . Anfänglich glaubte ich , sie habe mich nicht verstanden , und durch einen Stoß die Zeltstützen sammt dem Rest der Lederwände entfernend , trat ich dicht zu ihr heran . Freundlich und zutraulich legte ich meine Hand auf ihr Haupt , wodurch ich sie veranlaßte , zu mir emporzuschauen , und als ich dann annehmen durfte , daß sie mir die entsprechende Aufmerksamkeit zuwende , wiederholte ich meine Aufforderung noch einmal durch Zeichen . » Meine Mutter , der Bruder meiner Mutter , « entgegnete sie nunmehr in der Sioux-Sprache , auf die beiden Leichen weisend , und dann setzte sie ihren schwermüthigen Gesang wieder fort . Offenbar glaubte sie , es bedürfe nur dieser Worte , um mich zu überzeugen , daß sie sich nicht entfernen dürfe und an der Seite ihrer wahrscheinlich einzigen und letzten Angehörigen sterben wolle . » Meine Tochter muß sich von ihrer Mutter trennen , « sagte ich jetzt wieder , » sie kann ihr nicht folgen auf dem Pfade nach den glückseligen Jagdgefilden . Ihre Mutter hat bereits einen Begleiter , ihr Bruder wird sie sicher führen . « » Alle sind von mir gewichen , ich bin die Letzte , « erwiderte die junge Waise mit einer leichten Handbewegung nach den übrigen Zelten ; » ich will ihnen folgen , ich will auf die Krankheit warten . « » Meine Tochter kann warten , bis der Hunger ihr die Augen zudrückt , aber die Krankheit wird ihr fern bleiben , « fuhr ich fort ; » die Krankheit wendet meiner Tochter den Rücken , meine Tochter ist ihr zu jung . « » Sie nahm Kinder von den Annen der Mütter , sie nahm Leute mit Schnee in den Haaren , « sagte das Mädchen kaum verständlich vor sich hin . » Hat sie denn alle Bewohner dieser Wigwams fortgerafft ? « fragte ich weiter , um sie zum Erzählen zu bewegen und dadurch auf andere Gedanken zu bringen . » Alle , Alle , nur ich bin zurückgeblieben . « » Zu welchem Stamme gehört meine Tochter ? Ihre Hautfarbe ist lichter , als die ihrer Mutter dort , und ihre Haare sind gelockt , wie die Schweiffedern der wilden Ente . « » Dies sind die Wigwams der Mandanen , und ich bin die Letzte . Mein Vater war ein großer Zauberer ; ich habe ihn nicht gesehen ; sein haar war aber lockig , wie die Mähne des jungen Bisons , und seine Haut hell , wie Mondschein . Seine Feinde schleppten ihn fort zum Marterpfahl , als meine Füße noch zu schwach zum Gehen waren . « » Armes Wesen , « sprach ich sinnend vor mich hin . Die Indianerin schaute fragend zu mir empor , sie hatte meine Aeußerung nicht begriffen . Meine Blicke fielen wieder auf die grausigen Leichen und fast krampfhaft ergriff ich des Mädchens Hand , um es mit Gewalt aus der gefährlichen Nachbarschaft zu entfernen . » Komm , meine Tochter , « sagte ich dringend und bedauernd , daß mir nur eine beschränkte Anzahl von Sioux-Worten zu Gebot stand , » komm mit mir , ich will Dein Vater und Deine Mutter sein , ich will Dich zu guten , weißen Menschen führen . « » Tödte mich , « flehte das Mädchen mit unaussprechlich rührendem Ausdruck , » bleicher Mann tödte mich , daß ich sie einhole auf der weiten Wanderung ; ich bin die Letzte der Mandanen und kann nicht zurückbleiben . « Ich sah ein , daß , so langt ihre Angehörigen sich noch in ihrem Gesichtskreis befanden , alle meine Mühe , sie fortzubringen , sich als vergeblich ausweisen würde . Rathlos und zugleich besorgt blickte ich umher . Da fiel mir auf , daß die übrigen Opfer der Krankheit verschwunden waren ; dieselben mußten also auf die eine oder andere Art entfernt worden sein . » Weiß meine Tochter , wo die Leiber der Gestorbenen geblieben sind ? « fragte ich sodann , indem ich auf die andern Zelte deutete . » Dort , « antwortete das Mädchen , auf den nahen Strom weisend . » Weiß meine Tochter , wer sie von dem Ufer in die Wellen hinabstieß ? Meine Tochter ist schwach , sie kann es nicht gethan haben . « Einen Augenblick sann das arme Kind darüber nach , was ich wohl mit meiner Frage gemeint haben könne . Dann aber erweiterten sich ihre schwarzen Augen , und große Thränen rollten ihr über die abgehärmten Wangen . » Die Mutter gab dem Wasser ihr krankes Kind und sprang ihm nach ; die Hanken Söhne stürzten sich mit ihrem tobten Vater hinab ; Alle , Alle liegen sie auf dem Boden des großen Flusses ; sie sind gesund ; sie fühlen leine Schmerzen mehr . Ich bin schwach , ich vermag die Mutter nicht zu heben ; aber der bleiche Mann wird mir helfen , sie auf das Ufer tragen , sie und ihren Bruder , daß ich mich mit ihnen hinabstürze . « » Wir wollen ihnen eine Grube scharren und sie bestatten , « versetzte ich tröstend , » wir wollen sie tief in die Erbe senken und Steine über ihnen zusammentragen , damit die Wölfe ihre Gebeine nicht benagen . « Ein Blitz des Verständnisses leuchtete aus ihren großen , schwarzen Augen . » Tief in die Erde , « wiederholte sie nachdenkend , » guter , bleicher Mann , willst Du mich neben sie legen ? « fragte sie darauf , mich gespannt anblickend . » Nein meine Tochter , « antwortete ich in strengem Tone , hoffend , daß ich auf diese Weise eher meinen Willen bei ihr durchsetzen würde ; » meine Tochter wird jetzt thun , was ich ihr heiße . Ich habe einen guten Traum gehabt und darnach muß ich handeln . Ich werde eine Höhle scharren , breit und tief , ich werde die Gestorbenen in dieselbe legen , und meine Tochter soll mir helfen , sie mit Erde und Steinen bedecken . Meine Tochter wirb aber von hier fortgehen und zusehen , wie ich grabe ; ich will es so , die Letzte der Mandanen soll noch länger leben und nicht die böse Krankheit von ihrer Mutter trinken . « Etwa eine Minute lang blickte die junge Indianerin mich an , als ob sie noch schwankend gewesen wäre ; dann aber stand sie auf , und gesenkten Hauptes vor mich hintretend , harrte sie der Befehlend die ich nunmehr an sie zu richten haben würde . Leichter , als ich erwartet hatte , gelang es mir jetzt , sie fügsam zu machen . Hatte sie nun Vertrauen zu mir gefaßt , war sie plötzlich zum Bewußtsein ihrer gänzlichen Verlassenheit und daher auch ihrer Abhängigkeit von mir gelangt , oder gewann die sklavische Unterwürfigkeit , welche den indianischen Frauen schon von frühster Jugend an eigen , bei ihr die Oberhand , ich vermochte es nicht zu unterscheiden , doch leistete sie mir ohne Widerrede Folge , als ich sie aufforderte , eine Art und eine Hacke , wie sie von den Eingeborenen zum Pflanzen von Mais benutzt werden , herbei zu schaffen . Nachdem ich meine Pferde abgesattelt und auf einer grasreichen Stelle gepflöckt hatte , begann ich an einer geeigneten Stelle die Erbe aufzuwühlen und eine Höhle , umfangreich genug , zwei Leichen zu bergen , auszuscharren . Mit den unvollkommenen Geräthschaften ging die Arbeit nur langsam von Statten und oft mußte ich rasten ; doch trug ich dann jedesmal Sorge , daß mein Schützling die unterbrochene Arbeit aufnahm und die lose Erde aus der Vertiefung entfernte . Meine Absicht , durch diese Beschäftigung ihre Gedanken von dem Verlust , den sie erlitten , wenn auch nur vorübergehend abzulenken , erreichte ich dadurch allmälig , und immer seltener und in größeren Zwischenpausen wurde sie von den an Fanatismus grenzenden Ausbrüchen ihres Schmerzes ergriffen , und sanfter und melodischer erklangen die gesangartigen Klagelaute , welche sie den Dahingeschiedenen nachsandte . Sobald die Gruft endlich die erforderliche Größe hatte , befahl ich dem , mir jetzt mit eigenthümlicher Ergebung gehorchenden Mädchen , in einem nahen Gebüsch Zweige vom duftenden Sassafras-Strauch zu brechen und herbeizubringen ; ich wollte sie nicht zum Zeugen haben , wenn ich dem Grab seine stillen Bewohner übergeben würde . Als sie nach Verlauf einer Viertelstunde mit den Zweigen zurückkehrte , da lagen ihre . Mutter und deren Bruder bereits unten in der Erbe friedlich nebeneinander gebettet . » Bedecke sie mit dem grünen Laub , meine Tochter , « sagte ich ernst , während ich den auf ihrem Antlitz heftig zuckenden Schmerz beobachtete . Einen Zweig ließ sie mechanisch in das Grab fallen , dann aber , als ob sie sich irgend eines wichtigen Umständes erinnere , legte sie ihre duftende Bürde auf den Rand der Grube nieder , worauf sie sich mit eiligen Schritten nach den Zelten hin entfernte . Ich errieth was sie beabsichtigte und ließ sie gewähren . Nach einigen Minuten kehrte sie zurück , aber beladen mit allen Gegenständen , welche sie in der Hast zusammenzuraffen vermocht hatte . Für den jungen Mann brachte sie dessen Waffen und seinen grellfarbigen Kriegsschmuck ; für ihre Mutter dagegen einige Decken , Glasperlen , Nadeln und zu Fäden gespaltene Wildflechsen , und nachdem sie Alles vorsichtig zu den Todten in das Grab gelegt , warf sie auch noch ein Säckchen mit ausgehülstem Mais und ein Bündel gedörrtes Büffelfleisch zwischen Beide . Jetzt erst , nachdem sie die Geister der Verstorbenen zu ihrer letzten Reise mit dem Allernothwendigsten ausgerüstet zu haben glaubte , bedeckte sie deren irdische Ueberreste behutsam mit den Zweigen , worauf ich schnell mit dem Zuschütten der Grube begann . Was ich erwartet hatte , traf ein . Die junge Indianerin , nicht mehr die entstellten Leichen vor Augen , beruhigte sich , und als ob sie mich nunmehr als ihr Einziges und Alles betrachtet habe , hingen ihre schüchternen Blicke beständig an meinen Augen ; wie um aus denselben meine Wünsche und Befehle herauszulesen . Getreulich half sie mir Steine herbeitragen und wälzen , und als wir dann endlich das Grab durch eine feste Pyramide gegen die Angriffe der wilden Bestien gesichert hatten , da sank sie vor mir auf die Kniee . » Bleicher Mann , « hob sie an , ihre großen , melancholischen Augen vertrauensvoll zu mir aufschlagend , » jetzt bin ich Deine Tochter ; Du hast es gesagt ; mache mit mir , was Du willst . « » Du sollst meine Tochter sein , « antwortete ich gerührt , indem ich sie durch , ein Zeichen bedeutete , sich zu erheben , » Dein Manitou hat Dich mir in den Weg geführt und ich will dein Vater sein . « Dies waren die einzigen Worte , welche wir betreffs der Zukunft miteinander wechselten ; das arme verlassene Wesen schloß sich an mich an , wie das Kalb der erschossenen Büffelkuh dem Pferde des Jägers überall hin nachfolgt , der es seiner Mutter beraubte . – Ehe ich mich von der traurigen Stätte trennte , gebrauchte ich , um weitern Ansteckungen vorzubeugen , die Vorsicht , Feuer an die vorher niedergebrochenen Zelte zu legen und alle Gegenstände , welche noch zerstreut umherlagen , in die Flammen zu werfen . Nur solche Sachen , die meine Adoptivtochter als die , ihrigen bezeichnete , oder die ich als werthvoll für sie erkannte , blieben verschont , doch verstumte ich nicht , dieselben vorher , ehe wir uns zur Abreise rüsteten , sorgfältig über einem zur Hälfte aus grünem saftreichen Holz bestehenden Scheiterhaufen zu räuchern . Selbst das Mädchen mußte sich dieser , Vorsichtsmaßregel unterwerfen , und als ich dann endlich die mir nothwendig erscheinenden Vorbereitungen beendigt hatte , da berührte die Sonne eben den westlichen Rand der Prairie . – » Am folgenden Morgen , bereits in aller Frühe , traten wir unsere Reise stromaufwärts an . Statt der früheren zwei Pferde , besaß ich deren jetzt vier , Ich hatte mir nämlich aus der kleinen herrenlos gewordenen Heerde diejenigen beiden Thiere ausgesucht welche mein Schützling als die ihrer Mutter bezeichnete . Ich hätte mir deren noch mehr aneignen können , doch widersprach dies meinem Gefühl ; auch meine Begleiterin zeigte zu meiner Freude keine Neigung , sich mit dem Eigenthum ihrer verstorbenen Stammesgenossen zu bereichern . Zwei Pferde benutzten wir zum Reiten , die andern beiden trugen unsere Habseligkeiten , und reisten wir daher mit so viel Bequemlichkeit , wie man in der Wildniß und unter den obwaltenden Umständen nur immer verlangen und wünschen konnte . Wenn nun meine junge Gefährtin , mit dem allen Indianerinnen eigenthümlichen Geschick in schwereren Handarbeiten , mir das Leben auf alle mögliche Art zu erleichtern suchte und wirklich erleichterte , so gewährte mir auf der andern Seite die Gesellschaft , des noch von keinem verderblichen Hauch berührten , vollständig unverdorbenen Naturkindes einen wahren Genuß . Ich betrachtete mein Verhältniß zu ihr eben als eine mir von der Vorsehung auferlegte heilige Verpflichtung : sie gewissermaßen für eine spätere , höhere Stufe der Gesittung vorzubereiten und dem Missionair , welchem ich sie in nicht allzuferner Frist zu übergeben gedachte , die ihm dadurch zufallende edle Aufgabe zu erleichtern . Die Erfüllung der Pflichten gegen meinen Schützling blieb indessen auch auf mich nicht ohne fegensreiche Wirkung . Der finstere Ernst , der seit Jahren Besitz von mir ergriffen , begann sich zu lösen , und mit wachsendem Wohlgefallen beobachtete ich die Erfolge meiner Bemühungen , welche bei der außergewöhnlichen Empfänglichkeit des Gemüthes und der überraschenden Fassungsgabe des aufmerksamen Kindes sehr bald sichtbar zu Tage traten . Indem ich die junge Indianerin aber Schritt für Schritt auf dem Wege der Bildung weiter führte , öffneten sich nur innig erfreuen konnten , so daß ich sie in Gedanken oft mit einem zarten Schlößling verglich , welcher , aus der erstickenden Wildniß in edleren Boden verpflanzt , die sorgfältige Pflege des Gärtners mit der , schönsten und tadellosesten Blüthe zu belohnen verspricht . Mit großer Leichtigkeit erlernte sie die englische Sprache , und wie sie sich unter meinen steten Bemühungen geistig unglaublich schnell entwickelte , so gewöhnte sie sich auch von Tag zu Tag mehr daran , einen höheren Werth auf ihre äußere Erscheinung zu legen . Nicht frei von der indianischen Vorliebe für grelle Farbenzusammenstellungen und glänzende Schmucksachen , suchte sie sich doch vor andern Indianerinnen , mit welchen wir gelegentlich auf den Handelsposten der Pelzcompagnie zusammentrafen , dadurch auszuzeichnen , daß sie es verschmähte , ihre Gesichtszüge durch Malereien zu entstellen , nicht zu gedenken , daß sie den Schnitt ihrer Kleidungsstücke nach meinen Angaben der in civilisirten Ländern herrschenden Sitte etwas näher brachte . Und so bot denn die junge indianische Waise , nachdem sie sich vier oder fünf Monate bei mir befunden , ein wahrhaft , bezauberndes Bild noch schlummernder lieblicher Jungfräulichkeit . Ihre sammetweiche Gesichtsfarbe schien heller , ihr schwarzes Haar noch lockiger geworden zu sein , und wenn auch hin und wieder jugendlicher Frohsinn bei ihr zum Durchbruch kam und ein kindliches Lächeln um ihren zierlichen , mit unvergleichlich schönen Zähnen geschmückten Mund spielte , so thronte doch gewöhnlich ein sinnender Ernst auf ihren Zügen , welcher durch die großen melancholischen Augen einen noch charakteristischeren Ausdruck erhielt . Dabei war sie immer freundlich um mich besorgt , immer bereit , mir jede Arbeit abzunehmen oder mich nach meinen Fallen zu begleiten . Wenn ich sie aber gar belobte über die Geschicklichkeit , mit welcher sie eine Wildhaut gegerbt oder meine Mokassins gestickt hatte , oder wenn sie bemerkte , mit welchen Zufriedenheit ich die von ihr auf die einfachste Art bereiteten Speisen verzehrte , dann leuchteten ihre Augen vor Dankbarkeit , und deutlich sprach aus denselben das Entzücken , welches sie darüber empfand , mir mein Wohlwollen und meine Fürsorge einigermaßen vergelten zu können . Ueber ihre , Vergangenheit wußte sie wenig oder gar nichts zu erzählen . Sie war noch ein hülfloses Kind , als ihr Stamm zum ersten Male durch die Blattern und den hinterlistigen Ueberfall seiner Erbfeinde fast ganz aufgerieben wurde . Ihr Vater gehörte damals mit zu denjenigen Kriegern , welche man entweder tödtete oder mit fortschleppte . Seit jener Zeit hatte sie sich bei ihrer Mutter und deren Bruder befunden , die mit mehreren andern , dem Verderben entronnenen Mandanenfamilien , bis zum abermaligen Ausbruch der verheerenden Krankheit , ein nomadisirendes Leben führten . Es lebte also Niemand mehr , der ein Recht an meine freundliche Gefährtin besessen hätte ; ich durfte sie als mein ausschließliches Eigenthum betrachten , und gedachte ich auch , ungern der Zeit , in welcher ich gezwungen sein würde , mich von ihr zu trennen , so fühlte ich mich doch reich belohnt durch das Bewußtsein : Eine der Letzten eines untergegangenen Stammes gerettet und sogar für ein freundliches Loos im Bereich der Civilisation aufbewahrt zu haben . Dich sie die Tochter eines Weißen sei , wie deren viele bei den verschiedenen Stämmen eingebürgert als Jäger und Fallensteller lebten , bezweifelte ich nicht ; ihr Aeußeres verrieth ja zu deutlich ihre Abstammung . Außerdem trug sie ein Zeichen , welches unstreitig den Zweck hatte , ihre Verwandtschaft auszuweisen , dem Vater aber , im Falle einer Trennung , die Mittel an die Hand zu geben , sein Kind , selbst nach vielen Jahren , wieder zu erkennen . Anders vermochte ich mir wenigstens das rothe Herz nicht zu enträthseln , welches auf ihrer Schulter eintätowirt war , und in dessen Mitte ich noch die etwas verwischten Spuren eines blauen Kreuzes und die nicht mehr zu entziffernden Linien zweier oder mehrerer in einander verschlungenen Buchstaben zu entdecken glaubte . Natürlich legte ich auf diesen Umstand , der bei Trappern , wie bei den rauhen Seeleuten oft nur in einer augenblicklichen Laune , seinen Ursprung hat , einen geringen Werth und freute mich , daß ihre indianischen Verwandten nicht auf die absonderliche Idee gekommen waren , ihr Gesicht , wie so vielfach bei den Eingeborenen geschieht , durch unauslöschliche Linien und Figuren zu entstelle « . – Den Namen ihres Vaters kannte sie nicht ; sie wußte nur , daß man seiner zuweilen als eines Medicinmannes oder Zauberers gedacht und ihn mit dem allgemeinen , von den Seitengewehren der Weißen abgeleiteten Namen , » Waschitscho « oder langes Messer bezeichnet hatte . Sie selbst war Schanhatta genannt worden , ein Wort , welches sie mir nicht zu deuten wußte , weßhalb ich dasselbe als nicht der Mandanensprache entnommen betrachtete . – » Beschäftigt mit der doppelten Aufgabe : durch Jagd und Tauschhandel etwas mehr , als zu unserm nothdürftigen Unterhalt erforderlich war , zu erwerben , ferner meine freundliche Schanhatta so viel , wie eben bei jeglichem Mangel an Hülfsmitteln möglich , zu unterweisen und zu belehren , verstrichen mir die Tage schneller als je , seit ich meine Heimath verlassen hatte . Wir gingen hinauf bis zum Jellow-Stone-Fluß ; wir zogen den Missouri wieder hinunter bis weit an den verödeten Dörfern , der Mandanen-Indianer vorbei , und als ich dann endlich in einem abgeschiedenen District , von welchem ich wußte , daß er während des Winters weder von weißen noch von rothhäutigen Jägern besucht wurde , zum Schutz gegen Kälte und Schneestürme , von Erde und Baumstämmen eine höhlenartige Hütte errichtete , da erschien es mir , als ob die Sommer- und Herbstmonate ebenso viele Wochen gewesen wären . Mit ausreichenden Schreibmaterialien hatte ich mich versehen ; ich sah daher dem strengen Winter , wenn auch aus andern Gründen , doch mit jener Ruhe entgegen , mit welcher ich wohl im fernen Heimathlande den ersten Schneefall beobachtete und dabei des warmen Ofens , der langen , behaglichen Abende und der Vergnügungen , auf dem Eise und in glänzend erleuchteten Hallen gedachte . Die Mittel , meine Erinnerungen aus dem ersten Abschnitt meines Lebens niederschreiben zu können , waren eine große Wohlthat für mich , doch nicht minder der genußreich waren die Stunden , welche ich damit zu welchem ich sie bestimmt hatte , gleichsam vorzubereiten und für einen höheren Grad der Civilisation immer empfänglicher zu machen . So verstrichen mir denn auch die Wintermonate im Fluge , und nur daran berechnete , ich die Länge der Zeit , daß mein Manuscript , trotz der andern Arbeiten , welchen ich nothgedrungen obliegen muhte , einen beträchtlichem Umfang erreicht hatte , und daß in der kleinen , der Wildniß entnommenen Indianerin eine so auffallende Veränderung vor sich gegangen war . Am meisten bemerkte ich diese Veränderung , als ich beim ersten Erwachen des Frühlings mich zum Aufbruch rüstete und Schanhatta mir beim Verpacken des gewonnenen Pelzwerkes und beim Satteln der Pferde hülfreiche Hand leistete . Beinah ein Jahr hatte sie nunmehr schon unter meinem Schutz verlebt und sich in diesem Zeitraum nicht nur geistig auf überraschende Weise entwickelt , sondern auch größer , stärker und schöner war sie geworden , so daß ich immer häufiger und mit wirklichem Bedauern daran dachte , sie bald verlieren zu müssen . Doch mein Wohlwollen für das dankbare Kind erwies sich bei derartigen gelegentlichen Betrachtungen als stärker , wie meine Eigenliebe ; außerdem konnte ich ja nicht wissen , ob es mir nicht beschieden sei , dereinst im gebrechlichen Alter in ihrem Hause eine zweite Heimath , zu finden , wo dann der Anblick zufriedener Menschen , deren Glück ich ursprünglich begründet , einen freundlichen Schimmer über den Abend meines Lebens werfen würde . Mit solchen Gedanken beschäftigte ich mich vorzugsweise , als wir , unsere vier schwer bepackten Pferde vor uns her treibend , am Missouri stromaufwärts der nächsten Pelztauscher-Station zuzogen , und Schanhatta in ihrer kindlichen , aber sinnigen Art mich auf Dieses oder Jenes aufmerksam machte und sich über Alles , was ihr fremdartig oder unerklärlich er schien , Belehrung erbat . 2. Capitel . Eine neue Bekanntschaft Zweites Capitel . Eine neue Bekanntschaft . Acht Wochen waren seit unserm Aufbruch verstrichen ; meine Jagdbeute hatte ich theils zu Geld gemacht , theils für Stoffe , Kleidungsstücke , Munition und die für den Sommer erforderlichen Lebensbedürfnisse hingegeben , und so wohlgemuth zogen wir durch die romantische , den obern Missouri charakterisirende Wildniß dahin , als ob in unfern Herzen derselbe Sonnenschein gewohnt hätte , der vom Himmel auf die im heitersten Grün prangende Landschaft niederlachte . Ich hatte den Lauf eines Nebenflüßchens zu meiner Richtung gewählt , und unbekümmert darum , wo oder wann ich den Missouri wieder zu Gesicht bekommen würde , dachte ich an weiter nichts , als daß ich , vom Glück begünstigt , wieder in Reviere gelangt sei , in welchen wir nicht nur gegen jede Noth gesichert waren , sondern auch Gelegenheit fanden , innerhalb kurzer Zeit unsere vier Pferde mit einem tüchtigen Vorrath von getrockneten Wildhäuten und gedörrtem Fleisch belasten zu können . Am Fuße eines schroffen Felsenhügels und auf dem Ufer des frisch sprudelnden Baches hatten wir um die Mittagszeit die Pferde gepflöckt . Ein mächtiger Elkhirsch , den ich an jener Steile erlegte , war Ursache , daß wir halten blieben , und da die Umgebung so überaus lieblich , die Zubereitung der Wildhaut und da « Dörren des überflüssigen Fleisches einige Zeit erforderte , so beschloß ich , bis zum nächstfolgenden Tage daselbst zu verweilen , oder auch oder länger , je nachdem es mir gelingen würde , in der Nachbarschaft noch das eine oder andere Stück Wild meiner Beute hinzuzufügen . Seil mehreren Wochen hatten wir keine Spuren von Jägern entdeckt , noch weniger waren wir Indianern begegnet . Unsere Sorglosigkeit war also gewissermaßen gerechtfertigt , und wie wir schon mehrfach gethan , hatten wir auch an diesem Tage verabsäumt , von einer der nächsten hervorragenden Höhen in die Ferne zu spähen und uns von der Sicherheit unserer weiteren Umgebung zu überzeugen . Das Zerlegen des Hirsches und das Ausspannen der Haut nahm meine Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch , daß ich Schanhatta kaum beachtete . Nur gelegentlich sandte ich einen Blick zu ihr hinüber , mich daran ergötzend , wie sie , unbekümmert um die hohe Sonnengluth , lange , dicht belaubte Zweige auf dem Ufer des Baches schnitt , dieselben auf einer weichen grasigen Stelle einander gegenüber in die Erde steckte und demnächst , deren Spitzen zusammenbiegend und mit einander verbindend , eine geräumige schattige Laube herstellte . Einige Schritte weiter abwärts brannte ein kleines Feuer und über demselben hing an einem einfachen , aus zwei Gabelstäben und einer Querstange zusammengefügten Gerüst ein blecherner Kessel , in welchem das zu einem Hauptbestandtheile unseres Mahles bestimmte Wasser bereits siedete und dampfte . Schanhatta überwachte Alles ; ihre prüfenden Blicke hafteten bald auf einem grünen Zweige in ihrer Hand , bald wanderten sie zu dem Küchenfeuer hinüber , und dann wieder schaute sie mich fragend an , ob ich noch nicht das Zeichen zum Anrichten der einfachen Speisen geben würde . Dabei summte sie eine schwermüthige indianische Melodie leise vor sich hin , der untrüglichste Beweis ihrer überglücklichen Stimmung , und daß ihr , so lange ich in ihrer Nähe weilte , die Zukunft nicht mehr Sorge verursache , als den breitschwingigen Schmetterlingen , die in großer Zahl über dem schmalen blumenreichen Wiesenstreifen umherflatterten , oder dm zänkischen schillernden Kolibris , die untereinander grimmig um den Besitz irgend eines Honig bergenden Blüthenkelches kämpften . » Schanhatta ! « rief ich endlich nach langem Schweigen aus , » ich werde gleich fertig sein , Du magst immerhin die Speisen bereiten , vorher aber bringe mir einen Trunk Wasser . « Schanhatta ließ einen Zweig , den sie eben niedergebogen , wieder emporschnellen , und nachdem sie mir zugenickt , daß sie mich verstanden habe , eilte sie zuerst nach ihrer Küche und von dort schnell mit einer leeren Kürbisflasche zu dem Bach hinab . Sie war eben hinter dem hohen Ufer verschwunden , da fiel ein kleiner Stein , der offenbar von dem Gipfel der nahen Felswand aus nach mir geschleudert worden war , vor mir in ' s Gras nieder . Es weilten also Menschen in der Nähe , und zwar Menschen , deren Absicht ich nicht kannte , die sich aber jedenfalls ihrer Uebermacht bewußt waren , oder sie hätten sich nicht so offenkundig angemeldet . Ich gab mir daher das Ansehen , als ob ich den Stein nicht bemerkt habe , richtete aber meine Bewegungen , während ich mich noch mit der ausgespannten Wildhaut beschäftigte , so ein , daß ich dicht neben meine Büchse gelangte , also nur meine Hand nach derselben auszustrecken brauchte . In demselben Augenblick siel ein zweiter Stein vor mir nieder , und zu gleicher Zeit erschallten die Worte : » Seid doch so höflich , Fremder , und haltet meine Steinwürfe der Beachtung werth ! « im reinsten Englisch und von einer hellen Mädchenstimme gesprochen zu mir herüber . Unmerklich zog ich die Hand , die sich bereits nach dem Gewehr ausgestreckt hatte , zurück , und dann mich aus meiner gebückten Stellung erhebend , blickte ich nach der Felswand hinauf . Ich gewann dadurch Zeit , meine Überraschung niederzukämpfen und einen möglichst ruhigen Ausdruck anzunehmen . » So lange Ihr Euch nicht persönlich bei mir anmeldet , meine schöne junge Dame , kümmere ich mich nicht um Eure Steinwürfe , « entgegnete ich , kaum noch fähig , das Erstaunen zu unterdrücken , welches ich über den sich mir darbietenden Anblick empfand ; » nein , gewiß nicht , « fuhr ich noch langsamer und ruhiger fort , » denn Ihr müßtet ganz andere Arme und Hände besitzen , wolltet Ihr mir von dort oben aus einen Stein zusenden , schwer genug , auch nur eine Falte in meinen Lederrock zu drücken . « » Es ist zum Verzweifeln ! « rief dieselbe Stimme , jetzt aber ungeduldig aus ; » Monate lang durchstreift man Wald und Prairie , ohne auf ein einziges weißes menschliches Gesicht zu stoßen . Ist man dann endlich so glücklich , einen wohledlen Herrn Lebeistrumpf in seinem verborgenen Winkel zu überraschen , so thut er einer gelangweilten Abenteurerin nicht einmal den Gefallen , zu erschrecken , sondern spricht und geberdet sich so ruhig , als ob er sich im Mittelpunkt irgend einer Hauptstadt befände ! Hahaha ! wenigstens eine Seele , die mich nicht für etwas Alltägliches ansieht , « fuhr die ausgelassene Sprecherin fort , als sie Schan hatta ' s ansichtig wurde , die mit ihrer gefüllten Kürbisflasche schnell nach dem Ufer hinaufgesprungen war und von dort aus mit einer seltsamen Mischung von Schrecken und Verwunderung nach der Felswand hinüberstarrte , » wirklich eine fühlende Brust in dieser Wildniß , hahaha ! Zwar nur einer Indianerin angehörend , aber einer Indianerin , die , nach ihrem Aeußeren zu schließen , mindestens eine Prinzessin sein muß