— ist ’ s nicht schon genug des Unheils ? “ Keller zuckte die Achseln gegen Johannes . „ Ihr seht , meine Frau will ’ s auch nicht haben . “ Johannes stampfte wütend mit dem Fuße . „ Seid Ihr Menschen ? “ „ Wir hoffen ’ s , Herr ! “ sagte Keller trotzig , die Hände in die Hosentaschen steckend . „ Und bessere als solche , die ’ s mit dem Weibsbild halten , “ ergänzte die Meute und ein großer Kiesel flog dicht an Johannes vorüber . „ Wenn ich so wahnsinnig wäre wie Ihr , “ rief Johannes , „ so würfe ich Euch die Steine zurück , die hier niederfallen und ich träfe besser als Ihr . Aber ich balge mich nicht mit Betrunkenen noch streite ich mit Unzurechnungsfähigen — ich will nichts von Euch , als daß Ihr dieser Dame und mir Platz macht , um sie nach Hause zu führen . “ Die Masse stand dicht zusammengekeilt und murmelte undeutliche Reden , von denen Johannes nur verstand , daß man Ernestine noch nicht genug gezüchtigt habe und daß sie nicht so leicht davon kommen solle . „ Ich will Euch zahlen , was Ihr fordert , wenn Ihr das Fräulein so lange aufnehmt , bis ich hier Ruhe schaffe , “ sagte Johannes wieder zu Keller . „ Laßt mich ungeschoren , Herr ! Über meine Schwelle kommt sie weder für Geld noch gute Worte . “ „ Mutter , laß sie doch herein , “ flehte plötzlich eine Stimme , deren Wirkung auf die tobende Menge unbeschreiblich war . Käthchen hatte sich unbemerkt aus dem Bette gestohlen und in seiner Herzensangst herausgeschleppt . Jetzt schlang es das Ärmchen um Ernestines Knie und sah weinend zu ihr auf : „ Sie sollen Dir nichts tun — ich habe Dich so lieb ! “ „ Jesus Maria , “ schrie Frau Keller , „ mein Kind , mein Kind . “ — Sie riß es Ernestinen weg und trug es , von ihrem Mann gefolgt , ins Haus . „ Willst Du Dir den Tod holen ? “ schalt der Vater in Verzweiflung . „ Nein , das Fräulein , das Fräulein , “ hörte man die Kleine noch in der Hausflur wimmern . Nun begann eine Bewegung , deren Charakter immer bedenklicher ward . „ Da hört Ihr ’ s , da seht Ihr ’ s mit eigenen Augen ! Jetzt kriecht gar das krank Kind aus dem Bettchen . Glaubt Ihr nun , daß sie ’ s ihm angetan ? Sie muß fort von hier , heute noch — oder wir jagen sie zum Dorfe hinaus — “ „ Leute , Leute , um Gotteswillen , wozu laßt Ihr Euch hinreißen ? “ erklang jetzt eine sanfte Stimme hinter Johannes . „ Oho — der Schulmeister , “ schrieen Alle durcheinander , „ der soll nur kommen — den haben wir schon lange auf dem Strich . Kommt nur herunter , Schulmeister — wir wollen Euch Eure Freundschaft mit der Hexe eintränken . “ Und wieder ergoß sich die Flut über die untersten Stufen der Treppe , auf der Johannes stand . „ Zurück , “ gebot Johannes und übergab Ernestine dem Lehrer . „ Zurück — Ihr seht — ich habe jetzt die Arme frei ! “ Unwillkürlich wichen die Vordersten vor der drohenden Gefahr zurück . „ Verblendetes Volk , “ rief Johannes in tiefster Empörung . „ Ist Euch denn gar nichts mehr heilig in Eurer Wut , nicht ein wehrloses Mädchen , nicht einmal das greise Haupt Eures Lehrers ? Was hat Euch der arme Märtyrer getan , der seine Lebenskraft an die undankbare Aufgabe vergeudete , Euch zu vernünftigen Menschen zu machen ? “ „ Er ist mit der Hartwich im Einverständnis , er ist Schuld , daß sie das Kind geküßt hat . Das Haus über dem Kopf sollte man ihm abbrennen . “ „ Ja , ja , “ brüllte der Haufe durcheinander , „ ausgesengt gehören die Nester — Seines und Ihres . Die Spötter , die Religionsverächter ! Die sollen noch an Gott glauben lernen ! “ „ Auch das noch ? “ donnerte Johannes sie an : „ Wollt Ihr Eure Frömmigkeit dadurch zeigen , daß Ihr zu Mordbrennern werdet ? Wehe Euch , wenn Ihr Hand an das Eigentum dieser Beiden legtet , wißt Ihr , welche Strafe auf Brandstiftung steht ? Das Zuchthaus ! Und mein Wort darauf , ich würde dafür sorgen , daß Ihr Eurer Strafe nicht entginget . “ Ein wütendes Geschrei erhob sich auf diese Worte . „ Herr Professor , “ bat Leonhardt , „ reizen Sie diese Menschen nicht noch mehr , wir überzeugen sie ja doch nicht . Leute , “ rief er hinab , und seine Stimme zitterte mehr aus Schmerz denn aus Furcht , „ Leute , ich bin unter Euch , mit Euch alt geworden , ich kenne Euch besser als Ihr Euch selbst . Ihr seid zu vernünftig , um etwas zu tun , das Euch unfehlbar der strafenden Obrigkeit überlieferte — und zu gut , um ein Verbrechen an Menschen zu begehen , die Euch nichts zu Leide getan ! Ihr glaubt es selbst nicht , daß ich ein Religionsverächter bin . Habe ich Eure Kinder nicht zu gottesfürchtigen und brauchbaren Menschen erzogen , habe ich Euch nicht treu beigestanden in jeder Not ? Das kleine Haus , das Ihr in blinder Wut zerstören wollt , gewährte Manchem von Euch ein freundliches Obdach , ist Euren Kindern eine geheiligte Stätte , und Ihr könntet Hand daran legen ? Geht auf den Friedhof und seht , ob ein Grab Eurer Lieben da ist , das nicht die Blumen meines stillen Gärtchens zieren , und Ihr könntet es unter der Asche meines Hauses begraben ? Nein — macht Euch nicht schlechter , als Ihr seid . “ Er ließ Ernestinen sanft auf die Stufen niedergleiten und trat vor sie hin . „ Ihr kennt Euren alten Lehrer als mitleidig gegen jede Kreatur Gottes und Ihr wollt ihn verdammen , weil er sich dieses unglücklichen Fräuleins erbarmte , das Alle hassen , mit dem Keiner Erbarmen hat . Ihr haltet mich für einen Gottlosen , weil ich hoffte , dies verirrte und doch so edle Wesen werde seinen Gott auch wiederfinden , und weil ich ihr helfen wollte , ihn zu suchen ? — Ja , hebt nur Eure Steine auf , — seht , ich ziehe das Käppchen ab und biete Euch meinen weißen Scheitel dar — wessen Hand hat wohl die Kraft , danach zu zielen ? “ Der alte Mann stand mit entblößtem Haupte und hielt das Mützchen in den gefalteten Händen . Der Abendwind spielte in den silbernen Locken und leise fielen die aufgerafften Steine wieder zur Erde . Da zog Johannes sanft seinen Arm herab und zwei Lippen hauchten heimlich einen Kuß auf seine welke Hand . Es war Ernestine . Johannes sah es und seine Augen wurden feucht . Sie konnte fühlen — sie konnte dankbar sein ! Er wechselte einen frohen Blick mit dem Greis , dem dieser schöne Dank geworden . „ ’ S ist ein alter , schwacher Mann , “ murrten die Leute , „ man muß ihn laufen lassen . Er meint ’ s gut — laßt ihn nur ! “ „ Ich gehe und hole die Geistlichen , “ sagte Leonhardt leise zu Johannes und stieg die Treppe hinab . Ruhig schritt er mitten unter den Knäuel hinein , der ihn durchließ , aber sich schnell hinter ihm wieder zusammenballte . „ Kommen Sie , “ sagte Johannes und hob Ernestine wieder zu sich empor . „ Wir wollen versuchen , der peinlichen Szene mit Gewalt ein Ende zu machen . “ Er trug sie mehr , als er sie führte , die Stufen hinab . „ Platz da ! “ befahl er mit gebieterischer Stimme . Die Vordersten wichen auseinander . Da erschien Frau Keller wieder unter der Tür . Sie hielt den Weihwasserkessel , der über ihrem Bette gehangen , in der Hand und besprengte die Stelle , wo Ernestine gestanden , mit dem Wasser . Ein tobender Beifall belohnte die fromme Handlung der Frau . Ernestine , die sich umgewendet , erbleichte . Schwere Tränen zitterten ihr im Auge , ein Schwindel ergriff sie , und Johannes mußte sie halten , sonst wäre sie zusammengebrochen . „ Mut , Mut , “ flüsterte er ihr zu , „ wie kann Sie um dieser Albernheit willen Ihre Fassung verlassen . “ „ Seht Ihr ? Sie erträgt das Weihwasser nicht , — Steinwürfe hat sie ausgehalten , aber ein paar Wassertropfen werfen sie um . “ So schrieen Weiber und Männer durcheinander und aufs Neue entbrannte die Wut . „ Ist es denn möglich , “ rief Johannes , alle Vorsicht hintansetzend : „ Ist es denn möglich , daß im neunzehnten Jahrhundert , inmitten aller Zivilisation , noch so viel Dummheit auf einem Fleck Erde beisammen ist ! Glaubt Ihr denn wirklich , daß , wenn das Fräulein hexen könnte oder mit dem Teufel im Bunde wäre , — sie sich hier von euch mißhandeln ließe , daß sie sich nicht schon längst von hier weg oder Euch etwas an den Hals gewünscht hätte ? Glaubt Ihr wirklich , sie höre Euer albernes Geschwätz zu ihrem Vergnügen mit an oder fühle sich angenehm durch Eure Steinwürfe berührt ? Die schmerzliche Geduld , mit der sie so unerhörte Beschimpfungen erträgt , kann Euch beweisen , daß ihr keine übernatürliche Kraft zu Gebote steht — ja nicht einmal die einer rohen Seele wie die jener andern Dame , über die Ihr mit Recht entrüstet wäret . — Ich aber sage Euch , daß meine Kraft ungebrochen , meine Geduld aber gerissen ist , und daß meine Macht , wenn sie auch keine übernatürliche ist , doch so weit reicht , um Exzesse , wie der Eure , zu unterdrücken und Euch eine Anzahl böser Geister in Gestalt einer Abteilung von Gendarmen herbeizuzaubern . — Deshalb gebt Ruhe und laßt uns unbehelligt unseres Weges gehen ; mit jedem Augenblick der Zögerung wächst die Schwere der Anklage , die ich vor Gericht gegen Euch erheben werde . “ Damit schlang er einen Arm um Ernestine und mit dem andern schaffte er sich Raum , um sie durch die Menge zu führen , welche über die letzte Anrede betroffen , wenn auch murrend zu beiden Seiten auseinander wich . Jetzt eilten auch die Geistlichen , von dem Schulmeister gefolgt , mit allen Zeichen der Bestürzung herbei . „ Sie kommen zu spät , meine Herren , um zu verhüten , was Ihrer Gemeinde ein unverlöschliches Schandmal aufdrückte , “ sprach Johannes mit ungewohnter Strenge , und sein Blick ruhte durchdringend auf den bestürzten Gesichtern . „ Ich habe dergleichen in unserer Zeit für unmöglich gehalten , — Sie , meine Herren , haben dafür gesorgt , mich eines Besseren zu belehren und unsere Kulturgeschichte um einen unerhörten Abschnitt zu bereichern . Ich bin völlig im Klaren darüber , aus welcher Quelle die Flut der Schmähungen floß , die jene verführten Leute über Fräulein von Hartwich ergossen und , meine Herren , ich mache Sie verantwortlich für die Herstellung der Ordnung und für die Sicherheit dieser Dame . “ Er zog Ernestinens Arm fester in den seinen und schritt weiter , ohne eine Antwort der Geistlichen abzuwarten , welche sprachlos vor Schreck und Verlegenheit dastanden und dem großen Mann wider Willen mit einer Art von Ehrfurcht nachblickten . — Schweigend erreichte das schöne Paar das Schloß und trat in den Garten . Ernestine ließ sich willenlos durch die buschigen Gänge desselben führen . Unwillkürlich lenkte Johannes den Schritt nach dem Hügel , wo er sie zum ersten Male wiedergesehen . Er hatte bereits den Entschluß gefaßt , Ernestine nicht hier zu lassen , er wußte sie nur sicher unter seinem Schutz und wollte sie noch diesen Abend zu seiner Mutter bringen . Würde er sie wohl dazu überreden können ? Das war die Frage , die ihn in atemlose Spannung versetzte . Ernestine war keines Wortes für ihre Empfindungen fähig . Sie vermochte kein Auge zu ihrem Beschützer zu erheben — Scham , tiefe glühende Scham lag über ihrer Seele — sie hatte sich so recht als Weib und ihn als Mann erkannt — sie bewunderte ihn , schämte sich ihrer selbst . — Welch ein Gefühl war das ? — Ja , es war dieselbe Zerknirschung , die sie einst empfunden — unter jener Eiche , da sie wie heute verfolgt von Spott und Haß mit dem Jüngling zusammentraf , dem edlen Jüngling , der ihr das prophetische Buch geschenkt . Aber wann sollte die Weissagung des Märchens in Erfüllung gehen ? Wann sollte sie aufhören , verlacht , verachtet , mißhandelt zu werden ? Wann sollte er endlich das Gefieder auf ruhiger klarer Welle in sonnigem Frieden entfalten — der einsame , verfolgte , todesmatte Schwan ? Und sie schlug auf einmal von Schmerz überwältigt die Hände vor das Gesicht und brach in Tränen aus . Sie sank auf den Hügel nieder und schluchzte wie ein Kind . Johannes stand schweigend vor ihr . Derselbe Gedanke , dieselbe Erinnerung war es ja , die seine Brust erfüllte , und wie eine Antwort auf ihr stummes Selbstgespräch entglitten seinen Lippen mit schmelzend weicher Innigkeit die Worte : „ Armer Schwan ! “ Da zog Ernestine die Hände vom Gesicht und starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an ; sie sprang auf , eine dunkle Röte ergoß sich über ihr bleiches Antlitz , ihren ganzen Körper überflog ein Zittern , — sie schaute ihn an und je länger sie schaute , desto mächtiger ward ihre Bewegung . „ Das — das kann nur ein Mensch auf Erden wissen , “ stammelte sie . „ Was ? “ fragte Johannes mit klopfendem Herzen . „ Das — was ich jetzt dachte — das mit dem Schwan ! “ brachte sie mühsam hervor , denn die Stimme versagte ihr . Johannes , der etwas tiefer stand als Ernestine , blickte erwartungsvoll zu ihr auf . „ Und wer ist dieser Eine ? “ fragte er leise . Ernestine konnte nicht mehr antworten , von nie gekannten Schauern durchbebt harrte sie des Wunders , das dieser Augenblick über sie bringen sollte . „ Ernestine , können Sie sich des Jünglings noch entsinnen , der Sie als ein wildes , scheues Kind einst aus Lebensgefahr errettete ? “ Sie neigte das Haupt : „ Ja ! “ „ Ernestine , haben Sie seiner wohl jemals , wenn auch nur einen Augenblick , in Ihrem kindlichen Herzen mit Liebe gedacht ? “ Sie schlug die Augen zu dem dämmernden Abendhimmel auf und schwieg eine Weile , dann aber hauchte sie wieder ein kaum hörbares : „ Ja . “ Eine weiße , leichte Wolke schwebte über ihrem Haupte hin — war es die Seejungfrau , die für den Geliebten gestorben und in Schaum zerflossen von den Töchtern der Luft emporgetragen ward zur ewigen Freude ? 62 Kehrte er wieder , jener fast vergessene schöne Liebestraum ihrer Kindheit , der einzige , den sie je geträumt ? Und sie sah der dahin eilenden Wolke nach , wie sie licht und lichter ward , bis sie sich allmählich im Äther auflöste und mild strahlend der Abendstern aufging , wo sie verschwand . „ Ernestine erkennst Du mich ? “ rief Johannes . „ Sieh , Gott hat mich Dir zum zweiten Mal zur Seite gestellt , um Dich zu schützen in einer selbstbereiteten Gefahr , und wie damals , als ich Dich vom brechenden Zweige herabholte , so breite ich Dir jetzt meine Arme entgegen und rufe Dir zu : Hier hinein flüchte , hier bist Du sicher ! O kleine Oryade , 63 Du bist dieselbe geblieben , wie groß und schön Du auch geworden ! Es sind noch die rätselhaften dunkeln Augen , es ist noch derselbe eigenartige einsame Geist , der in dem zarten Leibe gefangen um seine titanische Abstammung klagt.64 Damals wußte ich schon , daß es nur ein solches Geschöpf auf Erden gäbe , und ich hätte Dich wieder erkannt unter Tausenden , wie ich Dich erkannte , da Du allein hier auf dem Hügel standest . O wunderbares märchenhaftes Wesen , zerfließest Du nicht vor der irdischen Berührung in Duft , so komme an dies Herz , — darf sich der Staubgeborene Dir mit irdischer Neigung nahen , so nimm mich auf als Deinen Freund und lerne endlich einen Menschen lieben ! Ja , Du hoher , ätherreiner Genius , dem die Erden noch immer nicht zur Heimat wurde — ich bin nur ein Mensch — aber ich darf es wohl sagen — ein ehrlicher , treuer , liebender Mensch . Willst Du es nicht einmal mit einem solchen versuchen ? “ Ernestine stand unbeweglich , sie hatte die gefalteten Hände an ihre Stirn gedrückt , wie wir es wohl tun , wenn etwas Unbegreifliches , Unfaßliches auf uns eindringt . „ Du schweigst — Du hast kein Wort für mich ? Ernestine , sieh mich an , erkennst Du ihn denn nicht mehr , um dessen Hals Du einmal so willig Deine zitternden Arme schlangst ? “ Da streckte sie endlich dem glühenden Sprecher mit einem Ausdruck grenzenloser Freude wie grüßend die Hände entgegen . „ Johannes , “ rief sie , und Träne um Träne perlte auf ihre jungfräuliche Brust nieder . „ Johannes Möllner — o , Freund meiner Kindheit , ich erkenne Dich wieder ! “ Jubelnd eilte er den Hügel hinan . Er breitete seine Arme aus , um sie an seine Brust zu ziehen , doch da trat sie bestürzt einen Schritt vor ihm zurück , und eine so tiefe Scham , eine fast kindliche Angst malte sich auf ihrem errötenden Anlitz , daß Johannes , sich bescheidend , nur ihre zarten Hände an seine Lippen drückte . Sie war ihm heilig , diese mädchenhafte Scheu , über Alles heilig und köstlich ! — Drittes Kapitel . Nirgend daheim . Bei der Staatsrätin war denselben Abend großer Professoren-Kranz . Das hatte Johannes ganz und gar vergessen . Als die Zeit des Mittagessens , Nachmittag und Abend verstrichen waren , ohne daß er erschien , geriet die Staatsrätin wirklich in Angst , abgesehen von der Verlegenheit , ihren Gästen gegenüber keine Entschuldigung für das Ausbleiben des Wirtes zu haben . — Sie schritt bekümmert in ihrem Garten hinter dem Hause auf und nieder und harrte der Eingeladenen , welche den Rest des schönen Abends im Freien zubringen sollten . Da kam Angelika in fliegender Eile gerannt . „ Mutter , Mutter — jetzt weiß ich , wo Johannes heute den ganzen Tag war , “ rief sie der Staatsrätin entgegen , indem sie den Hut von ihrem erhitzten Köpfchen riß und auf einen Gartenstuhl warf . „ Soeben kommt Moritz von Hochstetten zurück , wohin er heute Nachmittag berufen wurde — der erzählt schöne Geschichten — das ganze Dorf fand er in Aufruhr , — das Benehmen der Hartwich hat eine förmliche Revolution hervorgerufen — es kam zu einem Krawall und Johannes — unser Johannes erklärte sich öffentlich zu ihrem Ritter ! “ Die Staatsrätin schlug die Hände zusammen und starrte Angelika ungläubig an . „ Ist das wahr ? “ „ O , es ist noch mehr wahr , “ fuhr Angelika empört fort . „ Moritz hat Johannes gar nicht zu sehen bekommen , denn er war und blieb — sei ruhig , Mutter , ärgere Dich nicht zu sehr — bei der Hartwich auf dem Schlosse ! “ „ Großer Gott , “ rief die alte Frau und setzte sich auf eine Bank , „ so weit ist es schon ? “ Eine lange Pause entstand . Endlich faltete die bekümmerte Mutter die Hände im Schoß und sprach leise vor sich hin . „ Mein Sohn , mein Sohn , wohin bist Du geraten ? “ Angelika schwieg und wandte sich ab . Derselbe Abendstern , der auf Ernestinen und Johannes so freundlich geblickt , brach seine Strahlen in den Tränen , mit denen die Schwester zu ihm aufsah . „ Angelika , “ klagte die Staatsrätin , „ Du hättest mir das nicht so ohne Vorbereitung sagen sollen . Du kannst Dich noch immer nicht daran gewöhnen , daß ich alt werde und durch mannigfache Schicksalsschläge gebeugt nicht mehr die Spannkraft von früher besitze . Wie viel habe ich seit dem Bankrott Deines Onkels Neuenstein durchgemacht ! Von Unkenheim her kam uns alles Unheil : der unglückliche Gedanke des Onkels , Hartwichs Fabrik zu kaufen , der Verlust von drei Vierteln unseres Vermögens in dem Geschäft und die daraus entspringende Notwendigkeit , daß Johannes um des armseligen Broterwerbs willen den Ruf hierher annehmen und wir die Heimat verlassen mußten . Alles , alles das wäre nicht geschehen , wenn wir das unselige Unkenheim gemieden hätten — und diese Hartwich , sie kommt auch von dort ! — Du wirst sehen , auch sie bringt uns noch schweren Kummer . O mein Gott , soll man denn nie mehr frei aufatmen ? Warum muß dieses unheimliche Wesen unsern so teuer erkauften Seelenfrieden stören ? “ „ Mütterchen , “ bat Angelika und kniete bei der Staatsrätin nieder , „ Mütterchen , weine jetzt nicht , wo wir Gäste erwarten . Fasse Dich — es wird ja wohl nicht so weit mit ihnen gekommen sein , wie Du fürchtest . Bitte , sei wieder meine starke , umsichtige Mutter , die nie größer war als im Unglück ! Ich — vertraue auf Gott — und unsern Johannes — “ Sie vollendete nicht und sprang auf , denn bereits erschienen Fremde unter der Gartentür . Schnell hatte die an Selbstbeherrschung gewöhnte Frau ihre Haltung wiedergewonnen und sie empfing die Gäste mit ihrer gewohnten vornehmen Freundlichkeit . „ Wo ist Ihr Sohn ? “ „ Ihr Herr Sohn ist nicht zu Hause ? “ So wurde wohl zwanzigmal gefragt , und mit unerschöpflicher Geduld antwortete sie immer dasselbe : „ Er mußte einen unaufschiebbaren Ausflug machen , wird aber , hoffe ich , bald zurück sein . “ Jetzt kam auch der alte Heim und hörte die entsetzliche Geschichte , die ihm Angelika ins Ohr flüsterte , schmunzelnd an . „ Der Teufelskerl , der Johannes , “ sagte er mit gutmütigem Humor , „ also bei ihr — bei ihr auf dem Schlosse ist er ? Sieh , sieh einmal an , das geht ja rasch ! “ „ Onkel , “ rief Angelika , „ ist das Deine ganze Teilnahme in einem so bedenklichen Falle ? “ „ I sieh ’ mal , liebes Kind , ich finde eben die Geschichte nicht so bedenklich wie Ihr . Der Johannes ist denn doch ein Mann und weiß , was er will . Ihr tut ja , als wäre er ein grüner Junge , dem man die Amme noch nachschicken müßte . Wenn ihm das geniale Mädel gefällt , so hat er einen guten Geschmack . Macht , was Ihr wollt , da kriegt Ihr mich nicht zum Verbündeten und wenn Du mich noch so flehentlich mit Deinen Vergißmeinnicht-Äugelchen anschaust . “ Und der alte Herr setzte sich mit behaglichem Aplomb auf Angelikas Strohhütchen , das sie vergessen hatte vom Stuhle zu nehmen . „ Alle Hagel , was habt Ihr mir denn da für ein Sitzkissen unterbreitet , “ schrie er und brachte unter allgemeinem Jubel eine platt gedrückte Masse von Stroh und Veilchen zum Vorschein , der man es nicht mehr ansah , daß sie je ein Hut war . „ Ja so geht ’ s , wenn man das Zeug so herumliegen läßt . Hätt ’ ich ’ s doch nicht gedacht , daß ich in meinem Leben so versessen auf Strohhüte würde ! Na , mein Kindchen , sei froh , daß Du wenigstens unter der Haube bist , da kann man sich über einen Hut schon trösten , ‚ s ist nun heute einmal ein Unglückstag ! “ Die Gesellschaft versammelte sich jetzt rasch . Die Damen setzten sich um den großen runden Tisch zum Tee , die Herren standen in Gruppen umher , es war an solchen Abenden erlaubt zu rauchen , und sie bliesen blaue Wolken in die reine Abendluft und tranken Bier . Der Mond begann , falbe Strahlen durch die rötliche Dämmerung herabzusenden , die Nachfalter flatterten hin und her , und dann und wann kam wie eine Baßsaite surrend ein dicker Käfer geflogen und prallte an die Köpfe der erschrockenen Frauen an . Von Busch zu Busch strichen müde Vögel hin , ihr Nachtquartier zu suchen , und erregten durch ihren schweren niedern Flug die Besorgnis der jungen Mädchen , es könnten Fledermäuse sein . Da zirpte eine dünne Stimme von Außen das Rückert ’ sche Lied : Einen Haushalt klein und fein Hab ’ ich angestellt . Der soll mein Gast sein , Der mir wohl gefällt , — und Elsa tauchte von ihrem Bruder geführt an der Pforte auf . Die Staatsrätin erhob sich . „ Ach meine teuerste , mütterliche Freundin , “ rief ihr Elsa schon von weitem zu und schwebte ihr entgegen : „ Nicht wahr , ich komme spät ? Hätten mich meine Gedanken hierher tragen können — ich wäre längst da — aber denken Sie nur , an unserer Droschke brach ein Rad und wir mußten zu Fuße hierhergehen . “ „ O , das bedaure ich recht sehr , “ — sagte die Staatsrätin artig — „ da sind Sie gewiß recht erschrocken ! “ „ Ja — es war ein höchst unangenehmes Intermezzo , welches uns die Vorfreude dieses schönen Abends störte , “ erwiderte Herbert verbindlich . „ O , mir hat es die Laune keinen Augenblick verdorben , “ lachte Elsa in reizendem Übermut und zwitscherte den Schlußvers des „ kleinen Haushalts “ : Und wenn sie uns werfen vom Wagen herab , So finden wir unter Blumen ein Grab ! — „ Das Einzige , was ich bedauerte , war die Verzögerung meiner Ankunft bei Ihnen und ich lief mich ganz außer Atem . “ „ Nun , das muß doch nicht gar zu schlimm gewesen sein ! “ meinte die Staatsrätin lächelnd . „ Sie trällerten ja so munter durch die Bergstraße her ! “ „ Wirklich , hörten Sie mich ? “ fragte Elsa verschämt , „ nun sehen Sie , meine Stimme war glücklicher als ich — sie hat Sie früher erreicht ! Nun soll aber auch gleich der Kuß dem Gruße folgen ! “ Sie sprang an der großen Frau empor und drückte einen feuchten Kuß auf ihre Backe , den die also Heimgesuchte aus Höflichkeit nicht einmal abwischen durfte , sondern geduldig an der Luft trockenen lassen mußte . „ Wie geht es denn Ihrer Frau Gemahlin ? “ fragte die Staatsrätin Herbert . „ Ach ich danke sehr — es ist immer gleich mit ihr . Dies ewige Leiden mitanzusehen , ohne helfen zu können , wird mich noch aufreiben . “ Die Staatsrätin betrachtete mitleidig die eingesunkenen Wangen Herberts : „ Die arme Frau ! Aber auch Sie sind beklagenswert ! “ „ Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme , sie trägt sehr dazu bei , mir die schweren Pflichten ihrer Pflege zu erleichtern . “ Elsa hörte dies ernste Gespräch nicht mit an . Unstet , wie sie war , lief sie auf die Gesellschaft zu , und die Staatsrätin folgte mit Herbert . „ Eine Fledermaus , eine Fledermaus , “ schrie einer der jungen Herrn , als sie herankam , und zeigte nach einem vorüberschwirrenden Vogel . „ Sie sind boshaft , Kollege , “ raunte ein Anderer ihm zu . „ Nein , seht nur , “ flüsterte ein Dritter . „ Herbert kommt richtig wieder im Fracke ! Ist das nun kollegialisch gehandelt , wenn er weiß , wir haben Alle das Übereinkommen getroffen , zum Kränzchen nur im Rocke zu erscheinen , daß er den Frack anzieht ? “ „ Das ist so seine Art , davon bringt ihn Niemand ab . Wer wird auch bei Herbert noch Kollegialität erwarten ! “ sagte Taun . „ Der Narr , “ bemerkte Meibert . „ Ich hätte mich gar nicht zu dem Kränzchen pressen lassen , wenn der Rock nicht ausdrücklich bedungen und erlaubt worden wäre . “ „ Ich auch nicht , ich auch nicht , “ riefen fast alle Anwesenden auf einmal und dehnten sich behaglich in dem köstlichen Kleidungsstück . Elsa nickte und grüßte indessen nach rechts und links . Sie war so glücklich in dem Bewußtsein , Jedem durch ihr Erscheinen ein inniges Vergnügen zu bereiten . Sie hatte Alle so lieb und Alle hatten sie so lieb . Ach , die Erde war ja für sie ein Paradies voll Glaube , Liebe , Hoffnung , das sie sich und Andern zur Freude durchschwebte als ein lächelnder , freundlicher Genius . Sie war ein wenig erschrocken , Möllner nicht zu finden , und ihre Laune erhielt jetzt einen schlimmeren Stoß als vorhin , wo sie fast unter Blumen ein Grab gefunden hätte . Doch sie tröstete sich , — er komme noch — gewiß , er blieb nicht aus , wo Elsa war . Und sie beschloß , die Gesellschaft nicht entgelten zu lassen , was diese nicht verschuldet , und sich dem Gespräche nicht zu entziehen . Es lag etwas rührend Gutmütiges in ihrer Eitelkeit . Sie wollte die Vorzüge , deren sie sich vor Anderen bewußt war , ja nur zu deren Besten geltend machen . Sie freute sich ihrer eingebildeten Unterhaltungsgabe ja nur , weil sie ihren teuern Freunden damit die geselligen Stunden verschönern konnte . Wie hätte sie je gedacht , daß man sie