verdanken . « Er zog sie auf seine Knie und umschlang ihre Schultern . » Du meinst vielleicht , ich hab dich vergessen , « sagte er leidvoll und blickte in die Höhe ; » meine Lenore vergessen ? meine Geisterschwester ? Nein , nein , du liebes , gutes Herz , du weißt ja längst , daß wir unsere Wanderschaft zusammen auf Leben und Tod angetreten haben . « Lenore lag in seinem Arm , vollkommen weiß im Gesicht , vollkommen starr am Körper . Ihre Augen waren geschlossen . Daniel küßte ihre Augen . » Du mußt mich halten , auch wenn ich dich scheinbar lasse , « murmelte er . Dann trug er sie auf den Armen durch die Tür in seine Stube . » Ich hab mich so gesehnt , « hauchte Lenore , mit den Lippen an seinem Hals . 13 Schneller als man gedacht , kam der Winter , und der Platz mit der Kirche lag im Schnee . Lenore war aufs Eis gegangen und als sie zurückkehrte , wartete sie in der Wohnstube auf Daniel . Mit ihrem Pelzkäppchen saß sie da , müd und versonnen und hielt am Riemen die Schlittschuhe in der Hand . Als nun Daniel ins Zimmer getreten war und sie begrüßt hatte , blickte sie empor und sagte mit leiser Stimme : » Ich bin guter Hoffnung , Daniel . Seit heute weiß ich ' s. « Da ließ er sich auf die Knie vor ihr nieder und küßte ihre Fingerspitzen . Lenore atmete auf , und ein Lächeln von traumhafter Heiterkeit glitt über ihre Züge . Am andern Tag ging Daniel aufs Rathaus und bestellte das Aufgebot . Kaum hatte Philippine gehört , daß Daniel und Lenore im Februar heiraten sollten , so verschwand sie spurlos . Die kleine Agnes rief umsonst nach ihrer » Pine « . Erst am sechsten Tag erschien die Unheimliche wieder , ebenso plötzlich wie sie fortgegangen war . Ihre Züge waren abschreckend finster , ihre Haare zerzaust , ihre Kleider zerdrückt und an ihren Stiefeln hingen die Sohlen in Fetzen . Sie war stumm wie ein Klotz und blieb es wochenlang . Kein Mensch wußte , und keiner hat es je erfahren , was sie während dieser sechs Tage getan und wo sie sich aufgehalten hatte . Eine kirchliche Trauung war Lenores inniger Wunsch und dessen Erfüllung verursachte Daniel manche Mühe und manchen verdrießlichen Weg . Aber er nahm es auf sich , weil er Lenore nichts von ihrem Glück abhandeln mochte . Und Lenore nähte sich selbst ihr weißes Kleid und ihren Schleier . Gisela Degen , eine jüngere Schwester von Martha Rübsam , und Else Schneider , die Tochter des Pfarrers von Sankt Egydien , sollten Brautjungfern sein . Auch Marianne Nothafft und Eva sollten von Eschenbach hereinkommen ; Lenore hatte ihnen schon das Reisegeld geschickt . » Hilf mir nähen , Philippine , « sagte Lenore eines Abends zu der finstern Hausgenossin , und sie reichte Philippine den Schleier , an welchem der Saum zu nähen war . Philippine setzte sich schweigend Lenore gegenüber und fing an zu nähen . Unterdes fiel die kleine Agnes bei ihren Gehübungen auf den Boden und schrie kläglich . Lenore eilte hin und hob das Kind auf , da knisterte es plötzlich und wie sie sich umwandte , sah sie , daß der Schleier einen langen Riß hatte . » Was machst du , Philippine , du böses Ding ! « rief sie aus . » Ich hab nichts getan , er ist von selber entzwei gerissen , « brummte Philippine , und ihr Blick entfloh feig . » Laß es sein , laß die Hände davon , du nähst böse Gedanken hinein , « erwiderte Lenore ahnungsvoll . Philippine erhob sich . » Zerrissen ist er nun einmal , der Schleier , « sagte sie in düsterm Trotz ; » soll ' s Böses bedeuten , so kommt das Böse doch , ob du mich fortschickst oder nicht . « Sie ging hinaus . Der Schaden war nicht so arg , wie Lenore gefürchtet . Das zerrissene Stück konnte abgetrennt werden und der Schleier war auch dann noch brauchbar . Aber von jener Stunde an war eine Traurigkeit über Lenore gebreitet wie erster Nebel des Herbstes über eine schöne Landschaft . Vielleicht war nicht der Riß im Schleier daran schuld ; in ihrem Gemüt war kein Schatten eines Aberglaubens ; vielleicht war es nur das Glück und die Erfüllung . Es mochte sein , daß Glück und Erfüllung ihr als ein Ende erschienen , weil hernach nichts kommen konnte als der Alltag , der nicht mehr spendet , nur noch raubt . Vielleicht auch wurde ihr Sinn von dem verspürten Leben in ihrem Leibe umdunkelt , denn das Werdende strahlt seine Melancholien aus so wie das Vergehende . Warum sollte eine reingestimmte Seele nicht innerliche Kunde haben von dem Schicksal , das ihrer harrt und in ihren Träumen nicht um das Unabänderliche wissen ? Anmerken konnte man ihr nichts . Ihr Auge war hell , ihr Blick voll Ruhe . Oft saß sie vor der Maske der Zingarella , die sie jeden Tag mit frischen Blumen umkränzte und die ihr ein geheimnisvolles Bild alles dessen war , was ihr Dasein in sich faßte . Marianne Nothafft kam allein zur Trauung . Wie damals bei Gertruds Hochzeit hatte sie Eva zu einer Nachbarin gegeben . Sie sagte zu Daniel und Lenore , daß sie es nicht hätte über sich gewinnen können , das Kind mitten im Winter auf die Reise mitzunehmen . Sie sprach von Eva nur mit halblauter Stimme , und ein zärtliches Lächeln spielte um ihren harten Mund . Bei der Trauung in der Egydienkirche waren der Notar und die Notarin Rübsam anwesend , der Archivrat Bock , der Impresario Dörmaul , Philippine Schimmelweis , ferner Marianne und der Inspektor Jordan . Auf der letzten Bank saß der Herr Carovius , und unter einem Pfeiler stand , ungesehen von den meisten , Eberhard von Auffenberg . Philippine hockte häßlich zusammengekauert neben dem Inspektor , und hätte sie nicht an ihren Fingernägeln gebissen , so hätte man glauben müssen , sie schlafe . Während das Brautpaar zum Altar schritt , fiel plötzlich die volle Sonne durch die Kirchenfenster , und es wirkte eigentümlich rührend , als dabei Lenore das Haupt erhob , den Schleier zurückstreifte und mit schimmernden Augen das goldene Licht empfing . Der alte Jordan hatte die Stirn auf das Betpult gelegt und sein Rücken zitterte . 14 Spät in der Nacht , und in unsinniger Erregung , weil eines hochzeitlichen Bettes denkend , das ihn den äußersten Qualen der Eifersucht preisgab , spielte Herr Carovius auf seinem Klavier die Revolutionsetüde von Chopin . Immer wieder begann er von vorn , immer wuchtiger wurde sein Anschlag , immer toller das Tempo , immer großartiger der Schwung seiner Gebärden und immer drohender sein Gesicht . Er hielt Abrechnung mit dem Weibe , das er leibhaftig vor sein neronisches Tribunal nicht ziehen konnte und schüttete , was er gegen den Musiker Nothafft auf dem Herzen hatte , in die Musik eines andern . Der Neid des Nachempfinders vergriff sich am Schöpfer , die Ohnmacht des Schmeckers raste gegen den Koch . Es war , wie wenn ein durchgefallener Komödiant in der Wildnis deklamiert , wo ihm nur das Echo seiner eigenen Stimme antwortet . Sein Haß gegen das Allgemeine , gegen die Einrichtungen der Gesellschaft , gegen Gesetz und Wohlfahrt , Staat und Familie , Liebe und Ehe , Weib und Mann war zur höchsten Flamme aufgelodert . Selten hat einer so sich selber aufgerissen , zerfleischt und besudelt wie dieser entbürgerte Bürger , indem er musizierte . Er machte die Musik zu einer ausschweifenden Orgie , zu einem erniedrigenden Laster . » Genug ! « röchelte er , mit einer grellen Disharmonie schließend . Er schlug krachend den Deckel des Instruments zu und warf sich in einen abgeschabten Ledersessel . Was sein inneres Auge sah , spottet des Wortes . Er war in dem Haus dort . Er hatte die Macht , seinen Nebenbuhler zu zerschmettern . Er durfte das Weib mißhandeln , das ihm durch die Tücke der Umstände versagt war . Er züchtigte sie , er zog die Wimmernde bei den Haaren aus dem Bette der Lust . Er weidete sich an ihrer Scham , wie auch an den zornigen Zuckungen des geknebelten Musikers . Er ersparte ihnen keine Beschimpfung , die ganze Stadt war Zeuge seines Strafgerichts , und alle Menschen fürchteten sich vor ihm . So befriedigt der Kleinbürger seinen Rachedurst . So ahndet der Nero unserer Zeit die Verbrechen , die die Menschheit dadurch an ihm verübt , daß sie sich Genüsse und Glücksgüter verschafft , deren er nicht teilhaftig werden kann . Weil er aber heute mehr als je seine grauenhafte Verlassenheit empfand und ihm das Unrecht zu Bewußtsein kam , welches ihm der eine Mensch zufügte , an dem er seit Jahren mit hündischer Treue hing und der ihn jetzt mied , wie man einen zum Dienst nicht mehr tauglichen Hund meidet , so beschloß er in seinem erbitterten Gemüt , hierfür eine Sühne zu nehmen , die nicht in bloßen Phantasiespielen bestand . Mit diesem Vorsatz suchte er endlich den Schlaf . 15 Der Inspektor hauste nun allein in den beiden Dachstuben . Er hatte sich von selbst erbötig gemacht , an Lenores Stelle die Schreibarbeiten anzufertigen , und die Arbeitgeber hatten sich damit einverstanden erklärt . So verdiente er wenigstens die Miete und konnte auch ein paar Taler für seine Beköstigung zahlen . Lenore und Daniel schliefen in dem vorderen Eckzimmer ; in der Wohnstube , wo jetzt auch das Klavier stand , arbeitete Daniel . Philippine und Agnes blieben in der Kammer neben der Küche . Noch immer band Lenore Blumen , noch immer bezog sie von dem mysteriösen Unbekannten reichlichen Lohn dafür . Sie trieb diese Beschäftigung nicht in Daniels Nähe , sondern in ihrem früheren Stübchen unterm Dach . Da saß oft der Vater bei ihr und schaute ihr gedankenvoll zu . Sie hatte bisweilen das Gefühl , als ob er um alles gewußt habe , was zwischen ihr und Gertrud und Daniel vorgefallen war , und als habe er nur in unendlicher Zartheit und Bescheidenheit , wohl auch in Furcht und Schmerz , darüber geschwiegen . Denn vor dieser Zeit war er nie bei ihr gewesen , hatte sie nie so still angeschaut , war immer vorübergegangen , immer bestrebt gewesen , allein zu sein . Es dünkte ihr , als wisse er überhaupt vieles von Menschen und Dingen und schweige nur aus sanfter und mitleidiger Überlegenheit . Daniel lebte nicht viel anders denn vor der Hochzeit . Nächtelang saß er am Tisch und schrieb . Oft traf ihn die frühaufstehende Lenore , mit der Feder in der Hand und eingeschlummert . Dann lächelte sie eigen und weckte ihn durch einen Kuß auf die Stirn . Er schrieb die Noten aus dem Kopf wie andere Leute ihre Briefe . Er brauchte gar kein Instrument mehr zur Probe und Unterstützung . Einmal zeigte er Lenore achtzehn verschiedene Fassungen von ein und derselben Melodie . Die ganze Arbeit der Nacht hatte darin bestanden , zu ändern und wieder und wieder zu ändern . Lenores Herz war beklommen , und beinahe hätte sie gefragt : Für wen , Daniel ? Alles für die Truhe ? Langsam fing sie an zu begreifen , daß nicht der grübelnde Verstand die Stufenfolge der Vollendung erzwingt , sondern der sittliche Wille . Es kam wie ein Blitz , daß sie eines Tages das dämonische Element in diesem Trieb erkannte , den sie ehedem seiner Bastelsucht und seinem nörglerischen Wesen hatte zuschreiben wollen . Da schauderte sie vor der ungeahnten Not und fühlte Erbarmen mit dem Mann , der sich in Finsternis vergrub , um die Welt lichter zu machen . Die Welt ? Was wußte die Welt von den Gebilden ihres Daniel ? Opus auf Opus lag in der großen Truhe , und kein Mensch bekümmerte sich um die in einem Sarg ruhenden Schätze von Musik . Das ging nimmermehr mit rechten Dingen zu . Es war etwas verdorben im Uhrwerk der Zeit ; es war etwas krank in den Menschen , da war irgendein Gift , irgendein Übel , irgendein arges Versäumnis . Sie konnte an gar nichts anderes mehr denken . Eines Tages machte sie sich auf und besuchte den alten Herold . Zuerst ließ er sie bärbeißig an , dann hörte er immer aufmerksamer zu . Ihre Züge waren wunderbar belebt , während sie sprach , und Professor Herold äußerte sich später : » Wenn man mir die ewige Seligkeit dafür verspräche , daß ich das Bild dieser schwangeren Frau vergessen soll , wie sie vor mir stand , um in Sachen Daniel Nothafft gegen Publikus zu plädieren , ich tät ' s nicht , ich könnt ' s nicht vergessen . « Der Alte bat Lenore , sie möge ihm womöglich eine von Daniels letzten Kompositionen bringen . Sie sagte es zu und entwendete am anderen Morgen das Streichquartett in B-Moll aus der Truhe . Sie trug es zum Professor hin , er schlug die Partitur auf und begann zu lesen . Lenore setzte sich und betrachtete geduldig die vielen gemalten Bilderchen , die an den Wänden der Stube hingen . Eine Stunde war verflossen . Der weißhaarige Mann schlug das letzte Blatt um , stemmte die geballte Faust auf das Papier , und um seinen Löwenmund zuckte es halb grimmig , halb im erschütterten Gefühl , als er sagte : » Der Prozeß wird in Gang gebracht , Sie würdigste aller Lenoren , oder ich bin nicht mehr der Herold . « Er schritt erregt hin und her , rang die Hände und rief : » Welch ein Aufbau ! welche Klangfarbe ! was für ein Reichtum an Melodie , an Rhythmus , an Ursprünglichkeit ! Welche Bändigung ! welche Süßigkeit ! welche Kraft ! Was für ein Kerl überhaupt ! Und so einer lebt ! Hier unter uns lebt so einer , plagt sich , sorgt sich . Schimpf und Schande ! Marsch , liebe Frau , gehen wir zu ihm , ich muß ihn an meine Brust drücken ... « Aber Lenore , deren Gesicht heiß war vor Glück , unterbrach ihn und sagte : » Dann würden Sie alles verderben . Raten Sie mir lieber , was zu tun ist . Er wird immer eigensinniger und immer bissiger , wenn nicht endlich ein Sonnenstrahl von außen auf sein Geschaffenes fällt . « Der Alte sann . » Lassen Sie mir die Partitur , ich möchte was damit unternehmen , « erwiderte er nach einer Weile . Voll Hoffnung ging Lenore von ihm weg . Das Quartett wurde nach Berlin geschickt und kam in die Hände eines Mannes von Einfluß und Verständnis . Einige Leute vom Fach lernten alsbald die Komposition kennen . Professor Herold erhielt einige begeisterte Briefe und beantwortete sie klug . Es bildete sich dort ein Sagenkreis um die Person des unbekannten Meisters . Man erzählte sich , daß er als Klausner in den fränkischen Wäldern lebte und Enthaltsamkeit von irdischen Genüssen predige . In Leipzig wurde das Quartett einem Zirkel von Musikfreunden vorgespielt . Der Beifall klang ganz anders als man ihn bei einer mit musikalischen Neuigkeiten überfütterten Versammlung gewohnt war . Dadurch erfuhr Daniel endlich das Geschehene . Eines Tages bekam er einen Brief von dem Veranstalter des Konzerts , einem Geheimrat Löwenberg . Der Brief schloß mit den Worten : » Eine Gemeinde von Verehrern ist nach Ihren Schöpfungen begierig und grüßt Sie in herzlicher Dankbarkeit . « Daniel traute seinen Augen nicht . Es war wie Hexerei . Stumm reichte er den Brief Lenore . Sie las ihn und blickte Daniel ruhig an . » Ja , ich bin schuld , « sagte sie , » ich habe das Quartett gestohlen . « » Soso ; weißt du denn auch , was du mir damit angetan hast , Lenore ? « In Lenores Gesicht malte sich Verwunderung und Schrecken . » Du sollst es wissen , « sprach er ernst , » vielleicht vergeht dir künftighin die Lust zu solchen Weiberstreichen . « Er ging auf und ab und blieb dann dicht vor ihr stehen . » Du hältst mich wahrscheinlich für einen Dickkopf und Justamentschädel ; für einen , dem einmal der Frost die Finger zerbeult hat und der nun hinterm Ofen sitzt und raunzt und das Wetter scheut . Da bist du auf dem Holzweg . Früher war etwas Ähnliches bei mir im Verzug , jetzt hat ' s keine Gefahr mehr . « Er ging wieder auf und ab , blieb wieder stehen . » Nicht weil sie mir zu gut scheinen , oder weil ich zu faul und zu feig bin , verwahr ' ich meine Elaborate unter Schloß und Riegel . Da müßt ich ja Heu im Kopf haben , wenn ich nicht begriffen hätte , daß die Wirkung zum Werk gehört wie die Wärme zum Feuer . Ein Werk , das nicht zu den Menschen redet , ist so gut wie nicht geschaffen . Es sind Lügner , die sich einbilden , sie könnten auf Anerkennung oder Erfolg verzichten . Was ich gemacht habe , ist gar nicht mehr mein Eigentum ; es strebt zur Welt und ist ein Stück der Welt und ich muß es ihr geben , wohlgemerkt , falls es etwas Lebendiges ist . « » Nun also , Daniel , « kam es erleichtert von Lenores Lippen . » Eben , da liegt der Hase im Pfeffer , « fuhr er unbeirrt fort , » um die Lebendigkeit handelt ' s sich , um die wahre Wesenhaftigkeit . Wozu die Leute mit dem Halbfertigen und Unausgereiften abspeisen ? Sie haben sich mit zu vielem von der Art zu plagen . Zu viele wollen , zu viele können heutzutage , aber es ist kein Himmelszwang dabei , kein göttliches Muß . Mein Unvollkommenes würde meinem Vollkommenen nur die Bahn sperren . Hat einen das Publikum mal verführt , daß man sich am Halben genügt , dann wird das Ohr taub und die Seele blind , eh man ' s recht weiß , und man ist dem Teufel verfallen . Der falsche Schritt ist schnell getan , ein Zurück gibt ' s nicht , denn so zahllos wie die Möglichkeiten , so einmalig ist die Tat , und so ersprießlich die Ermunterung von außen sein kann , so mörderisch ist sie , wenn sie das Gewissen überlärmt . Was ich da in all den Jahren verfertigt habe , es sind ja gute Sachen , aber es sind schließlich nur Versuche zu dem Großen , was mir vorschwebt . Vielleicht schmeichl ' ich mir mit Trug und Traum , vielleicht überschätz ich meine Kraft , aber es steckt in mir drinnen und muß an den Tag . Es wird sich ja dann zeigen , was für eine Kreatur es ist . Dann hat das Dahintenstehen ein Ende , dann will ich mich schon rühren , dann tret ich hinaus , dann will ich auch als der gelten , der ich bin . Darauf kannst du dich verlassen . « Kaum jemals hatte Daniel so zu Lenore gesprochen . Als sie ihn anschaute , von der Leidenschaft seiner Worte bezwungen und ihn dastehen sah , so furchtlos , so ehern unerbittlich , hob ein Seufzer ihre Brust , und sie sagte : » Gebe Gott , daß es gelingt und daß du ' s erlebst . « » Es ist alles Schicksal , Lenore , « entgegnete er . Er forderte und erhielt das Quartett zurück . Von da an unterdrückte Lenore jede Regung der Unzufriedenheit in sich . Sie spürte , daß er Grausamkeit und Härte für das kleine Leben brauchte , um Geduld und Liebe für das große zu bewahren . Ja , sie betete zur Vorsehung , daß sie ihn grausam und hart bleiben lasse . 16 Lenore ist mein Weib , sagte sich Daniel bisweilen , und es geschah , daß er mitten auf einem Weg innehielt , um die Süßigkeit dieses Bewußtseins ganz zu halten . Er wußte es immer . Doch wenn er bei Lenore war , vergaß er nicht selten ihre Gegenwart . Es gab Tage , wo er an ihr vorüberging wie an einem zufälligen Gast . Es gab andere Tage , wo das Glück ihn zweifelsüchtig stimmte und ihn fragen ließ : ist es denn das Glück ? warum empfinde ich ' s nicht schauriger , glühender ? Oft prüfte er ihre Gestalt , ihre Hände , ihren Schritt und wünschte sich neue Augen , um sie neu zu sehen . Und er ging fort , um sie besser zu sehen . Wenn er nachts mit der Kerze an ihr Bett trat , wich ein sanftes Leid aus ihren Zügen , und die Flammenbläue ihres Blicks ließ seine Pulse rascher schlagen . Es ist ein Punkt , wo die keuscheste Frau sich nicht von einer Dirne unterscheidet ; das macht den tiefsten Schmerz des Mannes , welcher liebt , und kein Weib kann diesen Schmerz verstehen oder nur ahnen . So grübelnd und bildlos hadernd , in den Armen der Geliebten , empfing er das abgründig wehvolle Eingangsmotiv in D-moll der Symphonie , die allmählich zur großen Vision seines Lebens wurde und der , viele Jahre später , eine Anhängerin den Namen der prometheischen verlieh . Beim Erklingen des Themas brüllte er auf wie ein Tier , aber vor Freude . Ihm war , als sei in diesem Augenblick die Musik überhaupt erst geboren worden . Er preßte Lenore so heftig an sich , daß ihr der Atem verging und murmelte zwischen den Zähnen : » Man hat nur die Wahl , aneinander stumpf oder aneinander wund zu werden . « » Die Maske , die Maske , « flüsterte Lenore bang und wies in die Ecke , wo die Maske der Zingarella aus der Halbdunkelheit wie ein unheimlich-schönes Gespensterantlitz leuchtete . Vor der Tür stand Philippine und horchte . Sie hatte eine Ratte gefangen , hatte sie getötet und legte den Kadaver auf die Schwelle . Als Lenore am andern Morgen in die Küche gehen wollte , stieß sie einen lauten Schrei aus und wankte zitternd in die Stube zurück . Daniel strich über ihr Haar und sagte : » Kränk dich nicht , Lenore , auch Ratten gehören in die Ehe , so gut wie versalzene Suppen , zerbrochene Kochtöpfe und Löcher in den Strümpfen . « » Ach , Daniel , soll das ein Vorwurf sein ? « fragte Lenore mit ihrem melancholischen Kinderlächeln . » Nein , Liebe , kein Vorwurf , nur ein Bild der Welt . Du hast eine Prinzessinnenseele , du weißt nichts von den Ratten . Sieh einmal die starren schwarzen Perlenaugen , sie erinnern mich an Jason Philipp Schimmelweis und an Alphons Diruf und an Alexander Dörmaul und an Stammtische und Kaffeekränzchen und Schweißfüße und Vereinsabende und alles , was unappetitlich , gemein und böse ist . Schau mich nicht so erstaunt an , Lenore , ich hab einen häßlichen Traum gehabt , nichts weiter . Ein lumpig aussehender Mensch wollte immerfort deinen Namen wissen , ich konnt ihn aber nicht nennen , denke dir , es war mir ganz entfallen , wie du heißt . Es war unerhört quälend . Lebwohl , lebwohl . « Er hatte seinen Hut aufgesetzt und ging . Er rannte in die Gegend von Feucht und blieb den ganzen Tag im Freien , ohne etwas anderes zu sich zu nehmen als Schwarzbrot und Milch . Dafür staken seine Taschen am Abend bei der Rückkehr voll von Notenskizzen . Er machte den Umweg über den Burgberg und klopfte am Häuschen Eberhards von Auffenberg an . Da nicht geöffnet wurde , schlenderte er eine Weile an dem alten Gemäuer entlang und kam gegen neun Uhr wieder . Auch jetzt waren die Fenster noch schwarz . Seit zwei Monaten hatte er Eberhard nicht gesehen . Er entsann sich jetzt des bedrückten und erregten Wesens des Freiherrn , als er ihn zuletzt , Ende März war es gewesen , aufgesucht hatte . Eberhard hatte wenig gesprochen und mit eigentümlich blicklosen Augen vor sich hingestarrt ; er hatte den Eindruck eines Menschen gemacht , der im Begriff ist , Ungewöhnliches , ja sogar Schreckliches zu erleben . Dies kam Daniel erst jetzt zu Bewußtsein , er hatte in den vergangenen Wochen nicht mehr daran gedacht und bedauerte sich nicht um Eberhard gekümmert zu haben . 17 Als er nach Hause kam , lag Lenore in verfrühten Wehen . Philippine empfing ihn mit den Worten : » Es gibt Familienzuwachs , Daniel . « Und sie schlug ein rohes Gelächter auf . » Schweig , Kröte ! « herrschte Daniel sie an ; » seit wann hat sie Schmerzen ? Warum holst du nicht die Hebamme ? « » Kann ich ' s Kind allein lassen ? Schimpf einen nicht so , « erwiderte Philippine mürrisch und drohend . Sie ging fort und holte die Hebamme . Nach einer halben Stunde kehrte sie mit der Frau zurück . Es war Frau Hadebusch . Daniel war unangenehm berührt . Er wollte fragen und Widerspruch erheben , Frau Hadebusch kam ihm mit ihrer alten Zungengeläufigkeit zuvor . Grinsend , knicksend , augenverdrehend und auf alle Weise schöntuend , berichtete sie , daß ihr Ehegespons vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet habe und daß sie sich und ihren armen Heinrich , den Idioten , als Geburtshelferin schlecht und recht ernähre . Sie schien sich schon mit Lenore ins Einvernehmen gesetzt zu haben , denn als sie ins Zimmer trat , wurde sie von dieser wie eine Bekannte begrüßt . Während Daniel ein paar Minuten mit Lenore allein war , fragte er entrüstet : » Wie kommst du denn zu dem lästerlichen Weib ? « Sanft und arglos antwortete Lenore : » Sie ist halt eines Tages dagewesen und hat mir zugeredet . Sie hat von dir geschwärmt und hat mir erzählt , daß du bei ihr gewohnt hast , und da hab ich gedacht : es ist ja gleich , welche es ist , und hab sie bestellt . « Mit Mühe sprach sie zu Ende . Ihr Gesicht , weiß wie Papier , spannte sich im Ausdruck ungeheurer Qual . Sie langte nach Daniels Hand und umklammerte sie so stark , daß ihm vor Angst kalt wurde . Als sie zu stöhnen begann , wandte er sich ab und drückte die Fäuste gegeneinander . Frau Hadebusch trug einen Kübel voll heißen Wassers herein . » Hier hat kein Mannsbild was zu tun ! « kreischte sie mit freundlicher Gesichtsverzerrung , packte Daniel bei der Schulter und schob ihn durch die Tür . Die kleine Agnes stand im Flur und sagte : » Vater . « » Bring das Kind zu Bett , « schrie Daniel Philippine an . Der Inspektor trat aus der Küche . Er hielt ein irdenes Näpfchen , in welchem sich Suppe befand , die man ihm aufgehoben hatte und die er sich selbst überm Herdfeuer gewärmt hatte . Er ging auf Daniel zu und sagte mit bebendem Kinn : » Unser Herrgott schütze sie und verfahre gnädig mit ihr ! « » Laß das , Vater , « antwortete Daniel ungeduldig . » Unser Herrgott regiert mit Vorbehalten , die mich toll machen . « » Willst der Agnes nicht Gutnacht sagen ? « fragte Philippine in unwirschem Ton aus der Kammer . Er ging hinein . Das Kind schaute ihm furchtsam entgegen . Je mehr es zum Menschen heranwuchs , je größer wurde seine Scheu vor diesem Kind . Vollends unerträglich war ihm stets das Beisammensein Lenores mit dem Kind gewesen . Ergründen hatte er das Gefühl nicht können . Er wußte nur so viel , daß er Lenore nicht mehr eigenlebend sah , wenn das Kind mit seinen großen Gertrudsaugen und dem gebogenen Lenorenmund daneben war , sondern daß sie sich plötzlich in die Schwester jener andern verwandelte , daß sie nur noch Schwester war . Und dies empfand er als etwas Verhängnisvolles . Aus Agnes ' großen Kinderaugen blickten ihn beide Schwestern an , zu einem einzigen Wesen verschmolzen , und ein vorauswissendes Entsetzen beschlich ihn . Schwestern ! Das Wort klang auf einmal feierlich in seinen Ohren , voll dunkler Beziehung , mythisch groß . » Schlaf , Kindla , schlaf , da draußen stehn zwei Schaf , ein schwarzes und ein wei-ißes ... « plärrte Philippine . Wunderlich , wie viel Bösartigkeit in ihrem Singsang lag . Daniel hielt es in der Wohnung nicht aus und irrte bis weit über Mitternacht in den Straßen herum . Immer , wenn er den Entschluß faßte , heimzukehren , mußte er daran denken , daß ihm Frau Hadebusch in den Weg treten würde , und da hätte er sich lieber aufs Pflaster legen und warten mögen , bis ihm jemand Kunde zutrug , wie es mit Lenore ging . 18 Es schlug eins , als er das Haustor öffnete . Am Stiegengeländer standen die Magd vom ersten und die Magd vom zweiten Stock . Sie hatten nicht Schlaf finden können . In ihren Kammern hatten sie die Schreie der jungen Frau vernommen . Jetzt hatten sie sich zueinander gesellt und lauschten zitternd . Und raunten . Daniel hörte die eine sagen : » Da sollte der Kapellmeister doch um den Doktor schicken . « Die andere seufzte und erwiderte : » Ein Doktor kann auch nicht hexen . « » Jesus , Jesus , « riefen nun alle beide , als wieder ein markerschütternder Schrei durch das öde Haus hallte . Daniel stürmte die Treppen hinauf . » Zum Doktor Müller , so schnell du kannst , « sagte er keuchend zu Philippine , die mit struppig aufgelösten Haaren und barfuß in