' s keinen anderen Weg ? Ein Ausbrechen rechts von der Straße war unmöglich . Struppige Waldhügel , die kein Gaul überwinden konnte , verwehrten es . Eine Wegschlucht , die nordwärts gegen den See von Waging führte , kam erst weit da vorne - dort , wo die fleißigen Hämmer immer vernehmlicher pochten . - Und die Gefahr nach links umreiten , wie bei Piding ? Dazu reichte die Zeit nimmer , wenn Herzog Heinrich wach werden sollte vor der elften Glock . Bei der Sensenschmiede von Aufhausen hieß es : durch ! Der Speck mußte die eisernen Mäuse beschäftigen , mußte den geschlossenen Zug des Chiemseer Haufens auseinander reißen . Die vergnügten Sänger näherten sich der Straßenbiegung : » Das ist von Gott erscha-haf-fen , Halerieh halerah fallaaah , Da braucht ' s ihm keinen Pfa-haf-fen , Halerieh halerah fallaaah ! « Malimmes ließ den Stein fallen und sah den Buben an . Sein Gesicht wurde hart . Der Bub ? Und die anderen beim Fuchsenstein ? Hundert gute Köpfe ? Und sechse , die nicht viel taugten ? Da vorne sangen sie : » Und wenn du laufst mit einem Kind , Tu langsam , ' s geht nit so geschwind « Die Faust des Malimmes umklammerte das Knie des Jul . » Jetzt schau nur meinem Gaul auf den Schwanz . Und her hinter mir ! « Er sprang in den Sattel . Von den Sängern bogen die zwei ersten um das Eck der Straße : » Geschwie-schwa-schwiaschwind , Schön heimlich wachst die Sünd ! « Malimmes haschte die Hand des Buben : » Tu geloben : Wenn ich Fürwärts schrei , da hau deinem Gaul die Sporen in den Bauch und laß ihn rennen ! « Ein leises Lachen . » Ich hol dich wieder ein . Da kannst dich verlassen drauf ! « Er löste den Bidenhänder von der Brust . Auch Jul , mit großen Augen , stumm , das schmale Gesicht gespannt von einer ruhigen Strenge , griff nach seinem Eisen . Und da vorne verschwanden die zwei letzten der fröhlichen Sänger : » Hurrjeeh , stampeeh , Mich laß in Ruh , hadjeeh ! « Seite an Seite jagten der Ingolstädter und der Falbe nach links in die von der Abendglut umbrannte Waldung hinein . Die sechse auf der Straße sangen : » Wird ' s ihm ein Bub , heißt Pe-he-ter , Halerieh halerah fallaaah , Der macht ' s wie seine Vä-hä-ter , Halerieh halerah fallaaah ! Wird ' s ein Feinsmaid , heißt Adelheid , Und braucht ' s ihm auch kein Nunnenkleid , Ja Ni-na-nunnenkleid Und auch kein weißes Pfaid . Hurrjeeh , stampeeh , Das erstemal tut ' s weh ! « Das lustige Lied klang gegen das Ende hin ein bißchen schütter , weil ein paar von den Sängern nimmer mittaten . Die hatten ihre Gäule verhalten und guckten verdutzt über die Straße hinaus , auf der ein langgezogener Reiterhauf einherzog . Der kluge Sachse schrie nach dem Fürmann . Die Spitze des fremden Reiterschwarmes kam für ein paar Augenblicke ins Stocken ; dann zogen die Chiemseer vom Leder und ließen die Gäule jagen . Jetzt begannen auch die anderen fünf Speckbrocken zu schreien : » Fürmann ! Fürmann ! « Sie zogen blank , warfen die schlechten Klepper herum , flüchteten gegen die Sensenschmiede von Piding , und immer wieder schrien sie : » Fürmann ! Fürmann ! « Ihr Geschrei klang laut hinein in das Gehölz . Und Jul , dessen Falbe hinter dem Ingolstädter herflog , stammelte flehend : » Mensch ! So hör doch , die Unseren schreien ! « Malimmes hatte das böse Gesicht . » Laß schreien ! « Von der Straße war ein Gerassel zu hören , als hätte man eiserne Pfannen zu Boden geworfen . » Mensch ! « Dem Buben versagte fast bei dem auf und nieder tollenden Ritt die Stimme . » So tu doch den Unseren helfen ! « » Fürwärts ! Fürwärts ! « Und der Bub im Zorn : » Wie schlecht du bist ! « Bei sausendem Ritt ein hartes Lachen . » Weiß schon ! Ein Lumpenkerl bin ich . Tut man , was sein muß - das ist allweil schlecht . « Da merkte Malimmes , daß Jul den Falben verhalten wollte . Ein knirschender Fluch . » Gotts Teufel , Bub , du bist wahrhaftig so dumm wie ein Weibsbild ! « Er riß den Ingolstädter wie einen Kreisel herum , fuhr dabei mit dem Gesicht in einen Wust von dürren Ästen und haschte den Zügel des Falben . » Fürwärts ! « In der engen Gasse zwischen den Bäumen legte sich der Falbe an den Ingolstädter hin . » Schlecht ? So ? Aber vergessen , was man gelobt hat , das ist redlich ! « Ein jähes Anhalten . Ganz nah bei der Straße war ' s. Im Blut des Abends schien alles rot zu sein , die polternde Kammerbüchse da draußen , die Pulverkarren und Kugelwagen . Nur Fußknechte waren dabei . Die Geleitsreiter waren vorausgesprengt - dorthin , wo die Mäuse den Speck fraßen . » Bub ! « Die Stimme des Malimmes klang wie erwürgt : » Da müssen wir durch , eh die Nachhut kommt . Laß dein Eisen hängen ! Das meinige reicht . Pack den Gaul an der Mahn ! Und los ! « Ein wildes Geschrei erhob sich auf der Straße , als hinter der Kammerbüchse die beiden Gäule mit den geduckten Reitern gleich gehetzten Hirschen über den Weg hinüberstoben . Drei Spieße fielen gegen die Rosse vor - ein Streich des Bidenhänders machte die Hölzer splittern , riß von einem Chiemseer noch ein Stück gepanzerten Lebens mit davon - und bevor noch ein Schwarm des Fußvolks zusammenspringen konnte , waren die beiden in eine enge , von der Straße nordwärts führende Bachschlucht hineingetaucht . Bei diesem rasenden Jagen - über steinigen Waldboden und durch das Bett des Baches - blieben die zwei Gäule Hals an Hals , und Malimmes drückte sich über den gebeugten Rücken des Buben hin . Jul wollte sich aufrichten , doch Malimmes preßte ihn mit grober Faust wieder auf die Mähne des Gaules . Ein Klatschen ging durch das Buchenlaub - wie von schweren Hagelkörnern , die nicht senkrecht vom Himmel fielen , sondern quer hinausfuhren durch das Gezweig der Bäume . Nun ein kurzes , rasseliges Klingen . Es war wie ein Hammerschlag auf eine schlechte Glocke . » Ja ! Schnecken ! « lachte Malimmes . » Nit auf den Küraß kommt ' s an . Auf den Mann , der drinsteckt . « Da machte der Falbe schnaubend einen wilden Ruck . Jul stöhnte : » Mein Gaul - « » Fürwärts ! « Malimmes riß den klunkernden Bolzenschaft aus dem Backenfleisch des Gaules . » Das tut ihm nichts ! Ein lützel Pfeffer im Blut - da springt er besser . « Wieder so ein klirrender Hammerschlag . Malimmes machte mit dem Oberleib einen schweren Tunker auf den Buben hin . » So ! Nit schlecht ! Wenn sie mir noch viere , fünfe auf den Küraß pelzen , ist mein Buckel eine Leiter . Da kannst über mich in den Himmel steigen . « Im aufspritzenden Wasser des Baches tauchten die beiden Gäule um die Deckung eines Hügels . Und Malimmes schrie wie ein froh Betrunkener : » Bub , schnauf auf ! « Er saß wieder grad im Sattel , und seine Augen spähten im schwindenden Glanz des Abends nach einem besseren Weg . Von dem fahrigen Ritt geschüttelt und geworfen , richtete Jul sich auf , wie einer , den alle Glieder schmerzten . Erschrocken fragte Malimmes : » Hab ich dir weh getan ? « Jul schüttelte den Kopf . » Ein lützel doch ! Gelt ja ? Und da bin ich noch einer von den Leichten . Ach , du Weible ! Das wirst du noch merken müssen , wie schwer so ein Mannsbild werden kann ! « Während Malimmes schwatzte , war er mit Ohr und Auge über der Schulter . Und sooft er den Hals bewegte , ging es wie Schmerz über sein blutiges , von Ästen zerkratztes Gesicht . Nun fand er einen freien Weg zwischen hohen , dunklen Waldmauern , über denen die gelbe Flamme des Abendhimmels brannte . Seite an Seite galoppierten die beiden Gäule , der starkblutende Falbe immer um eine halbe Kopflänge voraus . Eine erstickte Stimme : » Malimmes ! Die Unseren ? « » Da mußt nit Sorge haben . Die sind ausgerissen wie schlechte Knopflöcher und sind vor der Nacht daheim . « Das sagte er ruhig . » Komm ! Jetzt denk nit rückwärts , Bub ! Denk fürwärts . Und daß du auch weißt , warum - « Nun sagte er die halbe Wahrheit . Zur Hälfte verschwieg er sie noch . Weil die Gefahr noch nicht überstanden war . Vom Rücken her durfte er sich sicher fühlen . Bis das Geschrei der Fußknechte die Reiter herbeigerufen hatte , war ' s zu spät geworden , um den Flüchtigen ins Blinde des dämmernden Waldes nachzujagen . Doch hinter den Wiesen da draußen , die noch hell im Glanz des Abends schimmerten , mußte Malimmes auf weitem Umweg das Uferinger Moor umreiten , während von der Nachhut der Chiemseer eine feste , gerade Straße zum See von Waging lief . Und daß hier eine Botschaft zu Herzog Heinrich ging , die am Waginger See vorbei mußte , auf schmalem Gelände zwischen Moor und Wasser - um das zu erraten , brauchten die Chiemseer das Gras nicht wachsen zu hören . Ob da nicht schon ein Dutzend losgeritten waren ? Oder hatten sie auf gutem Boden den Wald umsprungen ? Und lauerten da draußen , wo es noch hell war ? Während diese flinken Gedanken durch das Hirn des Malimmes zuckten , fühlte er plötzlich den Arm des Buben um seinen Hals . Mürrisch entzog er sich dieser dankenden Zärtlichkeit , bei der unter dem Gehops des Rittes die stählernen Schienen klapperten . Nahe dem Waldsaum verhielt Malimmes die Gäule . Jul , in seiner Sorge um jene , die beim Seipelstorfer in der Falle saßen , bettelte heiß : » Tu reiten ! Jesus , Mensch , so tu doch reiten ! « Der Söldner lachte ein bißchen . » Dir wird das Reiten heut noch genug werden ! « Er sprang aus dem Sattel . » Da bleib ! Und tu die Gäul halten ! Wenn du mich pfeifen hörst , so komm ! « Mit der Hand strich er über die Wunde des Falben hin ; der zückte kaum merklich ; also war ' s nicht schlimm . Dann sprang Malimmes davon , mit einer sonderbar steifen Kopfhaltung , Im Springen riß er am Küraß die Schnallen auf und schälte den Rückenteil herunter . Der eine Bolz hatte nur eine Dulle geschlagen , der andere war durchs Eisen gegangen und saß wie festgeschmiedet . » Du Luder ! Einen Zoll tiefer - und wo läg der Bub ? « Der Bolz war nicht herauszuziehen . Mit einem Stein mußte Malimmes außen den gefiederten Schaft und innen die birkenblattförmige Klinge vom Küraß schlagen . Er griff am Rücken unter das Wams hinauf . » Teufel , da nässelet ' s ein lützel ! « Im Weiterspringen schnallte er sich den Stahl wieder um den Buckel . Am Waldsaum blieb er stehen und spähte . Ebene Wiesen bis zum Uferinger Moor hin . Nur kleine Stauden , hinter denen kein Kind sich hätte verstecken können . Malimmes pfiff . Als Jul mit den Gäulen aus dem Walde kam , bot ihm der Söldner die mit Wasser gefüllte Eisenschaller hinauf . » So , Bub , trink ! « Jul beugte sich herunter . » Vergelt ' s Gott ! « Dann soff Malimmes . Von dem , was in der Schaller blieb , spritzte er dem Buben eine Handvoll ins Gesicht , den Rest goß er sich über Kopf und Nacken hinunter . Und wieder hinauf in den Sattel . Nun tranken die Gäule . Gierig schlürften sie von dem Grabenwasser , in dem sich der gelbe Himmel spiegelte . » Los ! Jetzt allweil hinter mir ! « Die zwei dunklen Reitergestalten jagten über die feuchten , fein dampfenden Wiesen hin . Im Uferinger Moor , das sie umreiten mußten , sangen die Frösche den wundervollen Abend an . Bei diesem Lied der Dämmerstunde wurde Jul von einer quälenden Erinnerung befallen . Die nassen Tropfen , die von seinem vorgebeugten Gesicht über den Hals des Falben rollten - das waren nicht nur die Tropfen des Reiterschweißes . Nun eine gute Straße . Sanft wogende Ährenfelder in der letzten Farbe des Lichtes . Einzelne Hütten , kleine , friedsame Dörfer . Manchmal ein zärtliches Paar , das sich hinter Stauden verlor . Und vor den Haustüren heiterschwatzende Menschen , die stumm wurden , wenn die Reiter kamen . Der Himmel hatte noch milde Helle . Über der Erde lag schon ein stilles Grau , als die beiden den See von Waging gleich einem großen , weißen Schneefleck in der Dämmerung liegen sahen . Es kam ein dunkler Wald , in den der Straßenboden wie ein mattgrauer Strich hineinlief . » Bub ! Voraus ! « Malimmes hatte eine so heisere Stimme wie der Jungherr Someiner . » Und nimm das Eisen ! « Stumm gehorchte Jul . Und als er den Falben voraustrieb , blieb der Ingolstädter für einige Sprünge an seiner Seite . Die von Erregung gewürgte Stimme des Söldners raunte : » Vergiß nit , was du gelobt hast ! Wenn ich Fürwärts ! schrei , so schau dich nimmer um . Da reit , reit , reit ! Allweil der guten Straß nach . Und kommst du nach Burghausen , so mußt du dem Herzog melden - « Jetzt wollte Malimmes die Wahrheit sagen , die ganze . Aber da reichte die Zeit nimmer . In der Finsternis des Waldes war ' s lebendig geworden . Von beiden Seiten rasselten die schwarzen Klumpen der Chiemseer gegen die Straße her . Wie ein Irrsinniger fing Malimmes zu brüllen an : » Bub , fürwärts ! Fürwärts ! Fürwärts ! « Er riß den Ingolstädter herum und versetzte dem Falben noch einen wütenden Fußtritt . Schnaubend raste der schlanke Gaul des Buben davon . Und Malimmes sperrte mit dem kreisenden Bidenhänder die Straße . Geschrei und Flüche , das Stampfen und Keuchen der auf einen Haufen zusammengedrängten Gäule , klirrendes Eisen , das Gerassel der Platten und Schienen . In der Dunkelheit ein Funkensprühen wie vom Amboß eines Schmiedes . Ein schwarzer Eisenbrocken kollerte über den Wegrain - Malimmes hatte einen der Angreifer aus dem Sattel gestochen . Der reiterlos gewordene Gaul , der immer nach hinten ausschlug , raste durch die Finsternis davon . Und im Straßengraben gurgelte der schwer Verwundete mit junger Stimme : » Aschacher , hilf mir - Aschacher - Aschacher - « Da jagte Jul gegen diesen tobenden Knäuel her . Nicht nur die zerrenden Fäuste des Buben , der dem Malimmes beispringen wollte , hatten den Gaul gewendet . Der Falbe war selber umgekehrt , weil er als guter Kamerad den Ingolstädter suchte . In Gaul und Reiter war der gleiche Wille . Die Stimme des Buben schrillte : » Gesell , ich komm ! « Er hörte noch den wütenden Schrei des Malimmes , dieses zornig keuchende » Fürwärts ! Fürwärts ! « Aber da schlug er schon mit dem Eisen drein , zum erstenmal erfüllt von einem Wunsch , der töten mußte , weil er helfen wollte . Ein gellender Laut - ein stürzender Mensch , ein Roß , das sich überschlug - dann war es dem Buben , als fiele plötzlich etwas Fürchterliches über seinen Kopf , so schwer wie ein Berg . Unter dem Schwinden seiner Sinne fühlte er noch , daß er den Sattel verlor und im Sturz von einer starken Faust hinübergerissen wurde auf einen anderen Gaul . Dann war vor seinen Augen eine farbige Nacht . Und jene schmerzvolle Stimme , die im Straßengraben stöhnte : » Aschacher , hilf mir , Aschacher , Aschacher ! « - diese Stimme blieb in dunkler Ferne zurück und erlosch wie ein starkes Kinderwimmern in der Finsternis . Verfolgt von schreienden Reitern , an seiner Brust den ohnmächtigen Buben umklammernd , jagte Malimmes auf keuchendem Roß in den schütteren Wald hinein , dem matten Schimmer entgegen , mit dem der Waginger See hinter schwarzen Bäumen blinkte . 3 Im schmerzenden Gehirn des Jul ein zusammenhangloses Gewirr von grau umschleierten Bildern . Dazu ein Gerüttel , das beim Jagen des Gaules zu schaukelndem Fliegen wird ; ein quälendes Anprallen der Arme und Beine gegen schwarze Baumstämme ; zärtliche Laute des Malimmes und grimmige Flüche ; Geklirr von Waffen und der Todesschrei eines Erschlagenen ; ein Niedersausen durch dämmernde Luft ; der Sturz in den kalten See ; ein würgendes Wasserschlucken ; jetzt ein Auftauchen , ein peinvolles Erwachen ; ein Rauschen und Plätschern ; schwarz und triefend beugt sich ein Gesicht unter heißem Geflüster über den stöhnenden Buben her ; die Hufschläge klirren über festes Land ; immer keucht und hämmert ein Roß ; und noch ein zweiter Gaul ist da , der in Kreisen läuft und so schmetternd wiehert , als wär ' s der Falbe ! Alles schwere Eisen löst sich vom gerüttelten Leib - Malimmes reißt dem Buben die Wehrstücke herunter und schleudert sie in die Nacht hinaus - die gequälte Brust kann leichter atmen , nur diese eiserne Pein um die Stirn herum ist immer da und ist wie ein Schmerz , an dem man sterben muß . Ist das der Tod ? Dieses müde , auch unter Qual noch wohlige Dämmern ? Und träumen die Toten ? Träumen sie von glühenden Küssen auf Wangen und Augen ? Hat der Tod zwei starke , harte Arme , mit denen er die Gestorbenen an seinem stählernen Herzen wiegt ? Ist der Tod ein Reiter ? Ein ruheloser Reiter ? Warum brüllt der Tod mit so fürchterlicher Stimme : » Kohlmann , stoß mir das Kienholz in deinen Meiler ! « Jetzt lacht der Tod , als hätte er das Lachen von Malimmes gelernt . Und ein Feuer ist da , dicht vor den Augen , immer tanzt es und gaukelt . Neben dem Feuer flammt ein zweites auf . Und eins von diesen beiden Feuern wird ein brennender Stern , der schön davonfliegt . Immer reitet der Tod . Und immer wieder sind diese beiden Flammen da , und wieder wirbelt eine von ihnen in die schwarze Nacht hinaus . Hinter dem reitenden Tode schreien verzweifelte Menschen . Und wo sie schreien , dort muß das Leben sein , dost ist es so hell , wie brennende Häuser sind . Der Tod wird müde . Er reitet langsam . Nun ist er daheim , in tiefer Finsternis . Eine ferne , ferne Stimme : » Höi , Bäurin , komm her , sei so gut und hilf mir den Buben tragen ! « Es lösen sich Stricke und Ketten , die wie schneidende Schmerzen waren . Da rauscht ein Bach , dessen Wellen wie Eisen klingen . In der Wohnung des Todes gibt es viele Gepanzerte auf schwarzen Rossen . Unter den Kriegsleuten des Todes muß Malimmes sein . Man hört ihn reden . Seine Stimme ist greisenhaft . Und plötzlich kreischt eine andere Stimme in schrillendem Zorn : » Den Törring zerreib ich auf Mus ! Die Chiemseer sollen ihr eigenes Wasser saufen . Gott soll ' s wollen ! « Und dann ist alles eine schwarze Nacht , ein martervolles Schweigen . Kann man sich bewegen in einem Grab ? Leiden auch die Toten noch Schmerzen , unerträgliche Schmerzen in allen Gelenken ? Schmeckt die Erde , die ein Toter im Munde hat , nach Zimmet und gewürztem Wein ? Liegt man im Grab auf linden Decken und Kissen ? Glüht in der Wohnung des Todes ein rotes Kohlenfeuer ? Haust der Tod in einer armen , kleinen Bauernstube mit winzigem Fensterloch , durch das die mager gewordene Sichel des Mondes hereinblickt ? Und wie das seltsam ist , daß die Toten nicht einsam sind ! Immer ist einer da , der sie mit zitterndem Arm umschlungen hält , nach Schweiß und mooriger Erde riecht und einen heißen Atem hat . Ein sanftes . Rütteln an den Schultern des erwachenden Buben . Und eine bettelnde Stimme : » Kennst du mich noch allweil nit ? « » Malimmes ? « Da lachte ein Glücklicher : » Heilige Mutter , hab ich jetzt noch ein Quentl Speck am Leib , so laß ich mir ' s aussieden auf ein Kerzl für dich ! « Malimmes sprang zu dem niederen Herd , auf dem das Kopienfeuer züngelte , und brachte in einer Kupferschale was Dampfendes , das nach Wein und Gewürzen roch . » Geh , tu noch ein Schlückl ! Das mischt dir das müde Blut schön auf . « Der Bub , als er getrunken hatte , sah wirr umher und tastete an seinem Körper herum . » Nichts , Bub , nichts ! Du bist gesund an allen Gliedern . Ein lützel verprellt und übermüdet . Dritthalb Stund so hängen müssen , vor mir , auf dem Sattelknopf - das zerbröselt einem die Knochen . « Noch immer tastete der Bub . Nun schrie er wie ein Menschenkind , dessen Seele verzweifelt : » Mein Helm ? Mein Helm ? « » Ist alles da ! « Ein müdes und leises Lachen . » Seinen Helm hast du , auf seinem Gaul bist du gehangen , in seinem Bett bist du gelegen . Jetzt brauchst du ihn bloß selber noch . « Jul schien nicht zu hören . Immer griffen seine Hände . » Mein Helm ? Mein Helm ? « » So schau doch , da drüben liegt er ! Dein ganzes Wehrzeug hab ich verschmeißen müssen beim Ritt . Bloß dein Eisenhütl hat nit auslassen . Das hat dir so ein Chiemseer Lauskerl aufs Köpfl gedroschen , daß ich mit der Bäuerin ihrer Beißzang das Schirmdach , hab aufzwicken müssen . Aber geh , komm , Bub , tu noch ein Schlückl ! Unter deinem Haardächl nebelt ' s noch allweil ein lützel . « Malimmes hob die Kupferschale an den Mund des Buben . Jul erwachte völlig . » Der Vater ? Was ist mit dem Vater ? « » Tu nit Angst haben ! Der Herzog reitet schon . Vierhundert Harnischer sausen . Wir haben die zweite Morgenstund . Eh ' s wieder nächtet , ist der Vater bei dir . « Da wurde der Bub ruhiger , fiel auf die groben Kissen hin und atmete tief . » Wo bin ich denn ? « » In Raitenhaslach . Da ist Burghausen nit weit . « Die Sinne des Buben schienen wieder zu erlöschen . Oder kam in seiner Erschöpfung der Schlummer ? Malimmes rüttelte ihn heftig an den Schultern . » Nit schlafen ! Tu dich aufrichten ! « Jul versuchte sich aufzuheben und fiel mit übereinander gebissenen Zähnen wieder auf die Kissen hin . » Ich kann nit . « » Wollen mußt du ! Dann geht ' s. « Malimmes faßte den Buben unter den Ellenbogen . Und da konnte Jul sich aufrichten . » Gelt , es geht ? « Malimmes lachte . » Ich bring dich schon wieder zu Kräften . Aber ein lützel gescheit mußt du sein ! Gelt ja ? « Jul nickte unter schweren Atemzügen . » So komm ! « Malimmes wollte das lederne Wams des Buben öffnen . Der wehrte sich erschrocken . » Mensch ! Was tust du mir ? « » Hast nit gesagt , du willst gescheit sein ? Anders kann ich nit helfen . Da mußt du den Kittel wegtun lassen . Und alles . « In Scham und Erschöpfung zitternd , sah Jul den Söldner mit flehenden Augen an . Malimmes sagte ruhig : » Bist doch ein Bub ! Nit ? Da mußt du auch tun können wie ein Mannsbild . Und hab nit Sorg ! Es ist niemand im Haus . Der Bauer und sein Bub haben mit dem Herzog fort müssen . Und die Bäurin hab ich nach Burghausen geschickt . Du brauchst doch einen neuen Küraß . Nit ? « Zitternd klammerte Jul am Hals die Lappen des Lederwamses übereinander . » Geh , wirst dich doch nit scheuen vor mir ? Ich bin dein Blutgesell und Zeltkamerad . Das ist heiliger als ein Bruder . Komm , Gesell , tu dir helfen lassen ! Oder morgen bist du so starr wie ein Stückl Holz . Und mußt liegenbleiben und kannst nit mitreiten , wenn der Bauer kommt . « Ein mühsamer Atemzug . » Tu dich umdrehen . « » Ich geh zum Brunnen um Wasser . Aber tu nit umfallen ! Jetzt mußt du aufrecht bleiben . « Malimmes nahm einen hölzernen Zuber , der neben dem müden Herdfeuerchen stand , und verließ die Stube . Als er nach einer Weile wiederkam , war auf dem Herd keine Flamme mehr . Und Jul stand mit geschlossenen Augen da , in den Mantel des Söldners gewickelt . » Komm , laß aus ! « Malimmes faßte den Mantel . Von den paar Kohlen , die auf dem Herd noch glühten , und von dem schwachen Mondlicht , das durch die Fensterlöcher hereinflimmerte , war eine matte Helle in dem schwülen Raum . Malimmes sagte leise : » Was für ein feiner Bub du bist ! « Dann goß er das kalte Wasser über den schlanken , schauernden Körper hin und begann mit einem nassen Tuch die Arme , den Rücken und die Beine zu schlagen . Er wickelte das Tuch um seine Faust und rieb , bis die Haut an allen Gelenken zu glühen begann . » Paß auf jetzt ! Das wird dir ein lützel weh tun . Aber es hilft . So hab ich auf dem Schwarzeneck dem Bauer geholfen . Weißt du ' s nimmer ? « Er nahm des Buben Kinn in seine Linke , drückte ihm den Kopf in den Nacken und führte mit der Schneide der rechten Hand drei feste Schläge gegen eine Stelle des Rückgrats . Jul drohte niederzubrechen . Aber Malimmes hielt ihn aufrecht . » So ! Jetzt mach ein paar feste Schrittlen ! - Also ? Wie geht ' s ? « » Viel besser . « » Gelt ja ? « Ein glückliches Lachen . Und Malimmes wickelte seinen Mantel um den Buben , hüllte ihn noch fest in eine Pferdekotze , hob den Zitternden auf seine Arme , trug ihn zum Lager hin und legte ihn achtsam auf die Kissen . » So , lieber Gesell ! Jetzt schlaf ! Gut Nacht ! Wenn ' s Tag ist , komm ich wieder . « Draußen vor der Türe stieß er seinen schweren Dolch als Riegel in den Pfosten . Auf der Hausschwelle stand eine Laterne . Die nahm er und ging in die Scheune , um nach den Gäulen zu sehen . Wie müde Hunde lagen sie im Stroh , ließen die Bäuche auf und nieder gehen und streckten die starren Beine von sich . Dicke Blutkrusten standen auf ihren Fleischwunden . Und der Burghausener Falbe , der eine zärtliche Seele hatte , lag mit verdrehter Kehle auf dem Hals des Ingolstädters . Wie ein Schlafwandler legte Malimmes den Gäulen das Futter vor die Schnauzen hin . Die Tiere rührten sich nicht . Sie ließen nur ein bißchen die vorgequollenen Augen rollen , als er einen dicken Strohbusch nahm und davonging . Den trug er in den Hausflur und warf ihn vor der Stubentür auf den Lehmboden . Und wollte noch eine Garbe holen , um besser zu liegen . Bevor er die Scheune erreichte , mußte er sich gegen die Mauer lehnen . Die Nacht unter der kleinen Sichel des Mondes war aschengrau . Irgendwo ein rotglostender Feuerschein . Und verschwommene Stimmen in der Ferne . » Die schlafen auch nit ! « Mit tappenden Schritten , die Fäuste gegen seine schmerzenden Lenden pressend , ging Malimmes zur Scheune . Als er mit der Laterne und dem Strohbündel wieder herauskam , fing sein gebeugter Körper zu taumeln an . » Höia , guck ! « Seine Zunge war schwer ; doch seine Stimme hatte noch heiteren Klang . » Ich kenn mich aus . In einem Keller bin ich und hab gesoffen . Ich schlechter Kerl ! Jetzt komm ich an die Luft - « Er ließ das Stroh und die Laterne fallen und wollte zum Brunnen , wollte den Kopf in kaltes Wasser stecken . Auf halbem Wege stürzte er lautlos über den Rasen hin . Der Morgen begann zu dämmern . Vom Tal der Salzach näherte sich ein dumpfes Pochen und Knattern , ein lärmendes Stimmengewirr . Im Erwachen des Tages , dessen östlicher Himmel übergössen war vom Feuerblut der kommenden Sonne , zog an dem einsamen Bauernhaus ein langer Zug von Spießknechten vorüber , mit schweren Hauptbüchsen , mit gaukelnden Antwerken und Sturmkatzen , mit einer fast endlosen Zeile von Troßkarren . Hinter dem singenden Schwärm der Heerweiber kam als letztes Schwänzlein dieses Kriegsungeheuers noch der hohe Blachenwagen des Feldschers angefahren und hielt vor dem Gehöft . Es stieg eine alte Bäuerin aus , der man einen klirrenden Pack herunterreichte . Munter schwatzte das Weiblein noch mit einem , der unter der Blache hockte . Dann lud es den Pack auf den Rücken und ging zum Haus . Neben dem Brunnen sah die Bäuerin den Malimmes im Grase liegen . Sie warf den Pack zu Boden , erkannte an dem Bewußtlosen eine Spur von Leben und rannte schreiend