Es ist ja nur , Herr Ritter , weil wir bei den vielen Feinden , die uns erstanden sind , einen Schlupfwinkel haben möchten . « - » Ich verrate nichts « , versicherte Zetteritz . Seufzend stund ich da ; doch dieser Seufzer machte leichter mein Herz . » Ich danke dir , Zetteritz , und sinnen will ich , ob ich nicht das Rechte finde für uns alle . « Wir waren an den Höhlenbach gekommen , über den die schmale Steinbrücke führt . Da wir nicht nebeneinander hinüberkonnten , ich aber allein bei meiner Schwäche in die Felsenschlucht hätte taumeln können , so trugen mich die Männer ; der Oheim hielt mich um die Brust gefaßt , Zetteritz bei den Beinen . Auch durch den schmalen Gang mit der Eisentür trug man mich . Endlich ging es die obersten Stufen hinauf , und in der Grotte waren wir , erschöpft sank ich auf das bereitete Mooslager . Umherblickend vermißte ich den Ofen und alle Geräte des Laboratorii . Der Oheim deutete auf tönerne Trümmer : » Die Plünderer haben hier alles nach dem Schatz durchwühlt , den sie beim Goldmacher erwarteten . « Wie ein seltsam trauter Gruß mutete es mich an , daß an der Felsenwand meine Harfe lehnte . » Wie kommt es , daß die verschont ist ? « - » Sie war nicht hier , « antwortete der Oheim , » sondern im Dorfe bei Hollmanns , wo du sie gelassen , nachdem sie bei deiner letzten Predigt ertönte . Ich habe sie gestern heraufgeholt . « - » Erkläre mir , warum die Plünderer nicht in die Höhle hinuntergedrungen sind , da sie doch hier in der Grotte waren ? « Der Oheim setzte sich zu mir : » So höre denn , Johannes ! Wie ich und Dreßler gesehn , daß wir uns gegen die Belagerer nicht halten konnten , hat Dreßler gesprochen : Retten wir den Johannes ! Er wenigstens muß übrigbleiben , er schafft das Gold und kann das neue Reich gründen auch ohne uns . Ich gab Dreßler recht und ging mit ihm in die Grotte , wo du in deinem Wundfieber lagest . Da hab ich dem Dreßler den Höhleneingang entdeckt , und wir haben dich hinuntergetragen , auch Nahrung mitgenommen . Bleibe du mit Johannes unten , sprach Dreßler , ich will den Stein wieder auflegen und mit Schotter verbergen . Da war ich nun mit dir , Johannes , wie lebendig begraben . Bald darauf ist der feindliche Sturm losgegangen . Hinter der verschlossenen Eisentüre hab ich das Poltern droben vernommen , zum Schusse fertig die Muskete , falls einer eindränge , und entschlossen , die Tür zu verteidigen bis zum letzten Odem . Aber sie haben unsere Höhle nicht entdeckt und sind gegangen , wie aus den öden Felsen nichts mehr zu holen war . Zwei Tage drauf hab ich gewagt , den Steindeckel hochzustemmen und ans Tageslicht zu gehen . Habe die Verwüstung erschaut und viele Erschlagene gefunden , zumeist Leute von uns ; auch Dreßler ist dabei gewesen . Als Kundschafter bin ich zum Hohen Stein geschlichen . Da ist mir eingefallen , daß ich ja den Höhleneingang offengelassen . Voller Angst bin ich zurückgehastet , gleich zu dir hinunter . O Heiland ! Da fand ich einen Mann , der gezückten Schwertes mich anherrschte : Des Todes bist du , so du nicht sogleich gestehst , wo der Tielsch meine geraubte Braut verbirgt ! « Vom Oheim , der hier innehielt , wandte ich fragend den Blick auf Zetteritz . » Ja , ich war ' s « , sagte er . » Nach dem Treffen mit dir , das mich meine wenigen Leute gekostet hatte , war ich deiner Spur gefolgt , um Thekla wiederzugewinnen . Bedenke , Johannes , die Liebe zu ihr trieb mich . « Ich nickte , und der Oheim fuhr fort : » Wer mir so entgegentrat , mußte mein Feind sein . Und ich brannte mein Pistol los , erhielt freilich gleich darauf einen Hieb , daß mir die Sinne schwanden . Ei ja doch , eine starke Klinge führet der Herr Zetteritz ; nur war sie nicht so hurtig wie meine Kugel , an der er schier verblutet wäre , wenn du ihm nicht geholfen hättest . Ich lag derweilen betäubt vom Hieb . Wie ich zu mir kam , fand ich euch beide und habe ihm geholfen , weil du darum batest , Johannes . « Stumm nickte Zetteritz . Ehrfurcht sprach aus seinen Augen . Sein Antlitz , matt beleuchtet vom Tageslicht , das durch den Spalt der Grottendecke kam , war bleich , die finstern Falten zwischen den Brauen , die roten Narben auf Stirn und Wange mahnten an seine Wildheit . Wüst starrten um den Knebelbart sprossende schwarze Stoppeln . In seinem Lederkoller war noch das Loch , wo des Oheims Kugel eingedrungen , und den seinen Kleidern war anzusehen , daß ihnen erst jüngst Blut ausgewaschen war . Traurig schüttelte ich den Kopf , bedenkend , wie sonderbar und gänzlich unvermutet das Schicksal unsere Lage umzuwandeln wußte . Das war nun derselbige Mensch , mit dem gemeinsam ich in die Lateinschule zu Hirschberg gegangen . Gerauft hatte ich mit ihm , da wir Union und Liga spielten , ferner auf dem Kynast in der Comoedia vom verlorenen Sohn . Vor vier Jahren hielt er mich auf dem Elbkahn gefangen und ließ mich schließlich gefesselt ans Ufer werfen , um Thekla für sich allein zu behalten . Nun aber blickten wir beide einander an , geschlagen und gedemütigt . In öder Felsenwüste hatten wir nebeneinander liegen müssen , hilflos , der eine auf den andern angewiesen . Und der ewige Grund , aus dem alles quillt , hatte es so gefügt , daß dem Verblutenden von seinem Nebenbuhler geholfen ward , und daß die Feinde ineinander den gemeinsamen Menschensohn erkannten . Auch Zetteritz mochte dies alles bedenken , in seinem Blick war starres Staunen , kopfschüttelnd meinte er : » Seltsam bin ich verwandelt . Muß wohl verblendet gewesen sein , als ich dir feind gewesen . Was aber war ' s , das mich verblendet ? Sie doch nicht , die ich liebte , die ich lieben werde bis zu meinem Grabe . « Und es zuckte über sein Antlitz wie verhaltenes Weinen . Auch ich blickte starr auf das Geheimnis unserer Herzen und fand nach schweigendem Sinnen die Worte : » In uns beiden lebt die eine Liebe . Wenn sie nun bisher nicht vermocht hat , uns zu einen , so muß wohl ein Störendes in ihr gewesen sein , so jeden von uns eigensüchtig vom andern abweichen ließ . Es wollte halt jeder ihm allein solle Thekla gehören , wie ein köstlich Ding , das man eigentümlich besitzt . So freilich mußte jeder des anderen Nebenbuhler sein . « - » Und jetzo ? « fragte Zetteritz , die Hand auf seine Stirn gelegt , » wie kommt es , daß du mir nicht mehr Nebenbuhler bist ? « - » Sie ist ja tot ! « erwiderte ich mit bebender Stimme ; » genommen ward sie uns beiden , entrückt von dem Schicksalsgrunde , darin wir wurzeln und weben . Verblieben ist uns eine Thekla , um die zu hadern völlig sinnlos wäre . Ihr Bildnis hat sie jedem unserer Herzen hinterlassen . Wohlan , Zetteritz , verehren wir einträchtiglich diesen heiligen Schatz . « Aufschluchzend warf sich der Kriegsmann zu meinem Lager auf die Knie und preßte mir die Hand , indem er stammelte : » Bruder ! « - » Genung ! « sagte da der Oheim fest , wiewohl ihm Tränen im Auge stunden . » Höret auf , von Thekla zu reden . Bedenket , die Kopfwunde ist noch nicht heil . « - » Schon recht , guter Tobias « , gab ich zur Antwort ; » doch Aussprache gibt mir eher Ruhe als Verschweigen . Unkenntnis foltert mich . Drum tu Bericht über alles , was sich zugetragen , vom Tag an , als ich die Abendburg verließ . « Da sahen der Oheim und Zetteritz einander an , als sei zwischen ihnen stilles Einvernehmen , und Zetteritz sprach : » Sag ihm , Tobias , was er wissen muß , mir aber wollet derweilen Urlaub geben ; ich werde draußen graben . « - » Was will er graben ? « fragte ich , und seufzend kam die Antwort : » Wir haben Gräber nötig . « Wie wir beide allein waren , vernahm ich vom Oheim folgenden Bericht : » Berthulde hat durch einen Burschen , dem sie ' s angetan , vom Boten den Weg zu Thekla erkunden und ein Pferd stehlen lassen und ist dann in der Nacht des Festes davongaloppiert . So ist sie dir zuvorgekommen und hat dein Weib entführt , vorgebend , zu dir solle die Reise gehn . Du hast dann zu Altenau die Wunde davongetragen und bist von deinen drei übriggebliebenen Leuten heimgebracht . « - » Nur drei sind übriggeblieben ? « fragte ich ; » und Segebodo ? « Segebodo ist mit den zwei andern in Altenau gefallen . « Nach trauervollem Schweigen bat ich den Oheim , fortzufahren , und er sprach : » Mit dir langten die Reiter am Morgen der Johannisfeier hier an . Tags zuvor schon war Berthulde gekommen ... « Angstvoll unterbrach ich den Oheim : » Hatte sie Thekla bei sich ? « Düster schüttelte er das Haupt und ergriff beschwichtigend meine Hand : » Unterwegs hat die Eifersüchtige die Untat verübt - wo , weiß keiner . Aber sie hat es eingestanden , hat sich der Tat gerühmt . « Ich fuhr zusammen , als habe ich eine Viper berührt . » Ruhig , Johannes , höre weiter . Eine Hexe ist sie gewesen , des Teufels Anbeterin . Ich Blinder , der ich das nicht gleich gesehen , der ich gar die Zauberin dir empfohlen habe ! Nun hat sie all dies Unheil über uns gebracht . Schon das flammarische Ding hätte mich warnen sollen . Denke nur , diese Putzkeller bringen ihrem Moloch lebendige Menschen zum Opfer . « - » Woher willst du das wissen ? « fragte ich . - » Woher ? Hat sie denn nicht ihre heidnische Ketzerei unseren Leuten hier in den Kopf gesetzt und mit ihrem Aberglauben selbst etliche aus Schreiberhau verseucht ? Hat sie nicht eine heimliche Partei gebildet , am Johannistage dem Feuergötzen Menschenopfer darzubringen ? Und ist sie nicht vor meinen eigenen Augen in die Opferflamme gesprungen ? « Tobend hatte der Oheim diese Worte herausgeschrien ; verzerrt das Angesicht , schüttelte er die Fäuste . Wie versteinert war ich , dann murmelte ich : » In die Opferflamme gesprungen ? Der flammarische Dämon hat ihr den Kopf verrückt ! « Mit scheuem Raunen fuhr der Oheim fort : » Wie die Verruchte am Tage vor Johanni hier wieder auftauchte , hielt sie sich von mir zurück . Heimlich war sie beflissen , die Johannisfeier vorzubereiten , damit das Lichtreich , wie sie sagte , würdig beginne . Ihrer Kränzeljungferngilde hat sie eigne Lieder beigebracht und , in ihrer tollen Brunst für ihren König , wunderliche Anordnungen getroffen , wie man dich empfahen und wie man abends die Lichtmette begehen solle . Ihre Helferin ist ein Soldatenweib gewesen , und schier alle fremden Soldaten haben der jungen Hexe gehuldigt . Schrecken aber hat uns befallen , wie du auf einmal halbtot gebracht wurdest . Aufgekreischt hat die erblichene Berthulde , nach ihrem Herzen getastet und mit blauen Lippen gemurmelt : O wehe , da sticht mich mit seinem Stachel das Zauberding - verfallen bin ich ihm , habe ja kein Glück in der Minne ! Denn es stirbt mir mein Liebster , o weh ! Johannistag aber ist heut , und huldigen wollten wir dem Herrn der Berge . Gebet nun acht , ihr Leute , schauen sollet ihr , wie ich ihm huldige . Ich opfere mich für sein Lichtreich - fliege gleich dem roten Hahn hinauf zu Lichtvaters Halle - meinem Liebsten voran , der bald folgen wird . Ich hielt solche Rede für Narretei , ohne zu ahnen , welch ein Vorhaben sie andeute . Berthuldens Anhänger blickten auf sie mit scheuem Staunen . Dann heischte sie , um dich zu sein und dein zu warten . Ich habe nichts dawider gehabt . Verzweifelt hat sie sich gebärdet , da du bewußtlos und röchelnd in der Balkenklause lagst . Inzwischen war das Festgetümmel im Gange , denn ein Verwundeter bekümmert wenig die Soldateska , und man wollte sich das vorbereitete Fest nicht stören lassen . Sie tranken und sangen , knöchelten und tanzten , und bald waren die Köpfe heiß . Da vernahm ich , es sei vom Soldatenweibe das Gerede aufgebracht , du liegest im Sterben , und so werde der Goldquell bald versiegt sein . Gruppen tuschelten , und ich besorgte , man sinne auf Meuterei . Wie ich nun mit Dreßler derohalben Rates pflag , meinte er , man solle das fremde Gesindel baldigst wieder abschieben , solle zu diesem Zwecke sagen , mit dem Herrn der Berge werde die Goldmacherei endigen , weil ja niemand sonsten das alchymistische Geheimnis kenne . Einstweilen freilich sei des neuen Reiches Säckel annoch gefüllt . Kaum hatte Dreßler solchen Bescheid dem Soldatenweib eröffnet , als ein Wachstein-Soldat angehastet kam und von Maiwald , der dorten das Kommando hatte , die Botschaft brachte , ein Feindeshaufe mache Miene , den Wachstein anzufallen , und es solle meine waffenfähige Mannschaft lieber das Lichtfest aufgeben und Sukkurs bringen . Oho ! schnarchten da etliche Saufkehlen , wir wölln uns verlustieren . Die vom Wachstein mögen sich alleine plagen . Sie gönnen uns das Feiern nicht . Und dieser Meutergeist nahm überhand . Nur wenige Söldner hatten die Zucht , mir zum Wachstein zu folgen . Dorten sah es nicht so übel aus . Die Angreifer , der Besatzung Kynast angehörig , waren ohne Überlegenheit und von ihrem Angriffe mit blutigen Köpfen heimgeschickt , die Unseren hatten dabei kaum einen Schuß zu tun brauchen . Hatten , um Kraut und Lot für den Nahkampf zu sparen , auf den Feind Felsblöcke gewälzt , während er grade in enger Bachschlucht sich zusammendrängte . Weiter unten im Tale sah ich - es schien mir so ... « Hier machte der Oheim eine Pause und starrte , die Stirn gerunzelt , vor sich hin . » Nun ? « fragte ich beunruhigt . Der Oheim schüttelte das Haupt : » Ich habe mich wohl versehen . Aber wisse , Johannes , mir war ' s , als sei unter Colloredos Volk der Giacomini gewesen . « - » Wie ? Unserer Schatzbeschwörung Kumpan ? Das wäre schlimm ! Ich habe dir wohl schon gesagt , daß er zu meinen Angebern in Prag gehörte . « - » Ich sah einen kleinen Buckligen bei den feindlichen Führern ; er saß zu Pferde und blieb behutsam in der Ferne . « - » Wie dem auch sei , « sprach ich - » erzähle weiter ! « Und der Oheim fuhr fort : » Zur Abendburg ging ich , für den andern Tag das Rechte zu bestellen . Da fand ich alles in Bestürzung und Rumor . Die Pest sei ausgebrochen , sagte Dreßler , während umstehende Weiber die Hände rangen . Und er führte mich abseits , indessen die Leute scheu zurückblieben . Im Tann auf dem Moose lag reglos ein Soldat . Ihm war das Wams abgezogen , daß man den nackten Oberkörper sah . Er ist unlängst verendet , sprach Dreßler , und man hat an ihm das Zeichen der Pest gefunden . Es überrieselte mich kalt , da ich auf das fahle Antlitz blickte , dem die erloschenen Augen nicht zugedrückt waren und die bläulichen Lippen voll Schaum stunden . Lassen wir ihm gleich hier sein Grab scharren , um Gold wird sich ein Totengräber finden , meinte ich . Zum Festplatze zurückgekehrt , sahen wir ältere Leute aus Schreiberhau heimziehen , wiewohl das Festin , da die Sonne unterging , erst seine Höhe erreichen sollte . Die übrigen gaben sich um so wilder dem Taumel hin . In einer Ansprache prahlte das Soldatenweib : Seid unbekümmert ! Mit Pest und Feindesgefahr werden wir schon fertig . Berthulde ist Zaubers mächtig und will das Unheil durch ein Opfer beschwichtigen . Obacht ! das gibt ein Schauspiel ! Wir gingen nun in die Balkenklause , um nach dir zu sehen . Bei deinem Lager hockte Berthulde , du warfest dich im Fieber hin und her . Jählings aufgerichtet schriest du Berthulden an : Mir aus den Augen , Mörderin ! Berthulde fuhr zurück und zitterte bei der Türe , bleich und stumm . So geh doch ! fuhr Dreßler sie an ; du machst ihn wild ! Sie rollte die Augen und stampfte mit dem Fuße : Der Meine ist er doch ! Höhnisch auflachend schlüpfte sie dann zur Tür hinaus . Sie darf nicht wieder zu ihm , sagte Dreßler ; wir müssen einen Mann zur Pflege bestellen . So taten wir , da wir beide andern Ortes nötig waren . Um nämlich vor dem Feinde unsern Proviant zu sichern , wollten wir unverzüglich Vieh und Vorräte vom Branntweinstein nach einem Versteck am Roten Floß schaffen . Nebst etlichen besonnenen Leuten , die wir noch auftrieben , gingen wir ans Werk . Als die Sterne längst glommen , war es getan , so daß wir zur Abendburg heimkehren durften . Schon von weitem sahen wir roten Rauch und Funken aufgehen . Man schwenkte Fackeln und rollte flammende Räder den Bergeshang hinab . Beim Felsen , nicht auf der Seite der Balkenklause , sondern auf der andern , wo er steil abfällt , loderte prasselnd ein groß Feuer , von Männern genährt mit aufgeworfenen Fichtenstämmen . Während etliche Leute , darunter das Soldatenweib , schrien , lachten und einander umhalseten , als wären sie voll und toll , schluchzeten andere und rangen die Hände , die dritten aber starrten düster oder bekundeten Abscheu . Was hat ' s denn ? fragte ich . Da umringten mich etliche Schreiberhauer und , ganz außer sich , redeten sie auf mich ein : Der Teufel ist los ! Das fremde Gesindel begeht eine Teufelsmette ! Fort von hier ! - Eine Teufelsmette ? fragte ich . Was tun sie denn ? Was ist geschehn ? - Da kam die grauenvolle Antwort : Das Feuer frißt zween Menschenleiber - lebendige Menschen werden hier dem Teufel geopfert . Berthulde , die Hexe , hat vom Felsen zum Volke geredet , man solle den Lichtvater versöhnen , durch das kostbarste Opfer solle man ihn bestimmen , daß er die Pest stille und die Burg uneinnehmbar mache . Dann ist diese putzkellerische Lichtbraut in die Flammen gesprungen . « Schwer atmend , hielt der Oheim inne . Ich war zuerst wie versteinert , dann riß mich Entsetzen empor , und ich raunte heiser : » Verbrannt ? « - Starren Blickes nickte der Oheim und fügte dumpf hinzu : » Das Kindlein mit ihr . « - » Wie denn ? Ein Kindlein ? Was für ein Kindlein ? « Der Oheim wollte nicht mit der Sprache heraus , so daß ich schon besorgte , jetzo werde das Allerschrecklichste kommen . Dann aber zuckte er die Achseln und gab seufzend den Bescheid : » Es war halt ein Opferkind , so nannten es die Leute . Wem es gehörte , was weiß ich ? Ein fremdes Kind , das sie auf ihrer Reise aufgelesen haben mag , die Teufelsbraut ! Laß uns nicht weiter davon reden , frag auch den Zetteritz nicht danach . Ruhe tut uns allen not , Ruhe ! Nun du alles erfahren , schlafe und werde bald gesund . Ich will dem Zetteritz beim Graben helfen . « Wie Tobias gegangen war , schlug ich die Hände vor mein Antlitz und flehte zum Menschensohn in meiner Tiefe , daß er mir Kraft gebe in dieser Bitternis . Rief meines Vaters Geist herbei und beriet mit ihm , wie ich es denn nun anfangen solle , dem düstern Felsen meines Herzens seinen Abendburgschatz abzugewinnen . Erschöpft von der Seelenfolter , die mir diese Stunde beigebracht , sank ich endlich in Schlummer . Vom leisen Eintreten des Oheims erwacht , spürte ich an meiner Erquickung , daß ich sattsam geschlafen hatte . » Gib mir zu trinken und zu essen , Oheim « , sprach ich . » Auch verlangt mich , ans Sonnenlicht zu kommen . Ich glaube wohl , ich kann alleine gehn . « Erhub mich also und trat zur Grottentür hinaus ins Freie . Ach sieh , da war keine Balkenklause mehr , am Boden lag Asche und halbverbranntes Holz . Der Anblick schnitt mir ins Herz . Dann aber hing mein Blick an der Sonne , die ob dem bläulichen Tann im goldklaren Abendhimmel glühte . Getrost ! Es gab noch eine Sonne ! - Zetteritz war herbeigekommen und saß nebst dem Oheim bei mir im Beerenkraut . Nachdem ich mich an der Bergwelt erquickt hatte , ließ ich das Auge über die Stätte der grausigen Heimsuchung schweifen . Vom Festgetümmel und dem darauffolgenden Kampfe waren Rasen und Kraut niedergestampft . Des Burgwalles Umzäunung , die aus zugespitzten Pfählen bestund , klaffte hier und dort auseinander . Ein Aschenhaufen bezeichnete die Stätte des Opferfeuers . In Steinwurfes Weite war ein offenes Grab . » Wer soll da begraben werden ? « fragte ich , und der Oheim antwortete : » Dreßler ; sein Leichnam liegt im Walde . Ich glaube , es wird dir lieb sein , wenn du sein Grab in der Nähe hast . Den andern Gefallenen haben wir ein Massengrab im Walde bereitet . Neben Dreßlers Grube siehest du einen kleinen Hügel , drunter liegt , was ich vom Opferkindlein übrig fand . « Erschaudernd schwieg ich . Dann sorgte ich mich um die Schreiberhauer und fragte : » Wie ist die Lage im Dorfe ? Ist es von der Pest heimgesucht ? « - » Außer dem einen Pestfall , « versetzte der Oheim , » von dem ich berichtet , weiß ich nur noch von einem zweiten . Am Tage nach der Johannisfeier war ' s , als Colloredos Volk den Wachstein erstürmt und uns oben umzingelt hatte , da erlag ein zweiter Soldat der Seuche . Um den Leichnam zu entfernen und zugleich die Belagerer zu schrecken , haben wir ihn in eine Ochsenhaut gehüllt und den Abhang hinuntergerollt , hier , wo die Bäume niedergeschlagen sind . Den Feinden vor die Füße ist der schlimme Gast gelangt . Haben sich aber nicht abschrecken , sondern zu unverzüglichem Sturme reizen lassen und , wiewohl wir uns das erstemal gehalten haben , ist im erneuten Sturm die Feste genommen . Was aber das Dorf betrifft , so weiß ich nichts von Pesterkrankung daselbst . « - » Und wie behilft man sich im Dorfe nach der Plünderung ? Hat man Proviant bewahrt ? « - » Ich fürchte , « versetzte der Oheim , » mancher leidet Not , da unser Vorrat , den ich nach dem Roten Floß geschafft , vom Feinde hinweggeführt ist und die Plünderer den Hütten alles erreichbare Gut geraubt haben . « - » Aber Tobias ! « sprach ich vorwurfsvoll , » da müssen wir ohne Verzug helfen ! « Zu Zetteritz gewandt , fuhr ich fort : » Mit Tobias hab ich zu ratschlagen und bitte dich , für ein Weilchen uns allein zu lassen . « Zetteritz ging , und ich redete hastig auf den Oheim ein : » Geh sogleich ins Dorf und gib den Leuten Gold , laß sie ins Böhmische reisen , Vieh und Korn zu kaufen . Wir wollen jetzo aus der Höhle das benötigte Gold holen . « - » Das brauchen wir nicht « , entgegnete der Oheim ; » ich habe viele Münzen bei mir . « - » Gib sie hin , ans Werk ! « Bevor der Oheim ging , rief er Zetteritz zurück und empfahl ihm , mir Speise und Trank zu holen . Dann setzte er sein Pistol in Schußbereitschaft und entfernte sich in der Richtung zum Hohen Stein . Zetteritz kam nun aus der Grotte mit einem Laibe Brot und einem Kruge . » Habe zwar schon bessern Trunk getan , « sprach er lächelnd , » doch man gewöhnt sich an euern herben Beerenwein . « Er reichte mir den Krug , und ich erquickte mich . Darauf so tat er mir Bescheid : » Auf treue Brüderschaft ! « Beisammen saßen wir und ließen auch das Brot uns munden . Wie das Mahl beendet war , verglomm die Sonne hinter den Iserbergen , und zugleich kam von der andern Seite ein Summen geschwommen , sanft wie ein Vogel auf reglosen Schwingen . Es war das Abendgeläut der fernen Dorfkirche . Zetteritz faltete die Hände und versank in Gebet . Wie er nach einer Weile aufseufzete , sah ich sein Auge feucht . Durch eine Bewegung seines Kopfes wies er auf den Abendstern , so zart am erblichenen Himmel schimmerte , und sprach leise : » Weißt du , an wen der Stern mich erinnert ? An Thekla ! Ich redete einmal mit ihr vom Abendstern . « Wie Zetteritz sinnend verstummte , bat ich ihn , weiterzuerzählen . » Aus Theklas Briefe hast du , mein Bruder Johannes , wohl bereits entnommen , daß ich oft in Thekla gedrungen bin , sie solle mein Weib werden . Dich hielten wir ja für tot , und heiß war meine Liebe zu ihr . Weil ich nun ein anhänglicher Sohn der heiligen Kirche bin , so hätte ich gern Thekla in ihren Schoß zurückgebracht . Da haben wir zuweilen mitsammen über den Glauben geredet , und von der Gottesmutter hab ich ihr gesprochen . Sintemalen ich nun als Kind von meiner guten Amme vernommen , auf dem Abendstern wohne die Gottesmutter , so ist mir solches in den Sinn kommen , wie ich einmal mit Thekla diesen Stern betrachtet habe ; und ich habe es ihr gesagt . Da hat sie die Frage getan , wie ich zur Gottesmutter bete , worauf ich ihr mein Ave vorgesprochen habe . Seitdem nun mahnet mich der Abendstern an Thekla , und ich bete dann zur Gottesmutter . So war ' s im Feldlager , und so ist es jetzo hier . « - » Willst du nicht auch mich dein Ave lehren ? « fragte ich weich . Da faltete Zetteritz abermals die Hände : » Gegrüßet seist du , Maria ! Bist voller Gnaden , der Herr ist mit dir , gebenedeiet ist die Frucht deines Leibes , Amen ! « Verlegen lächelnd wie ein Scholar , der unzulänglich gelernt hat , fügte er hinzu : » Wie es der Priester spricht , lautet das Ave wohl etwas anders ; ich hab ' s vergessen , ich halte mich an das , was ich kann und gewohnt bin . Die Gottesmutter , denk ich , wird es auch so gelten lassen . Sie ist voller Gnaden . Das hab ich in mancher Feldschlacht erfahren , mein Schlachtgebet war stets dies Ave . « - » Ein schön Gebet « , erwiderte ich und überdachte die Worte . Da ergriff Zetteritz meine Hand und drückte sie : » Versuche du doch auch einmal , zur Gottesmutter zu beten ! Ich kann nicht reden wie ein Pfaff , doch glaube mir : nur in der wahren Kirche findest du den Stab und Halt , ohne den deine Seele in die Irre schweift . Haben dich diese Unglückstage nicht belehrt , daß du Gefahr läufst , gänzlich vom Himmel abzukommen ? Hast ja nicht bloß den katholischen Glauben , sondern auch noch den evangelischen verloren . Dieweilen es unmöglich , daß der Mensch auf nichts stehe , so bleibet dem Ungläubigen , in Ermangelung kirchlichen Beistandes , nichts übrig , als selber sich ein Bildnis vom Göttlichen zu machen . Aber ach , dabei ist er auf seinen Eigenwillen angewiesen , und wunderlich webt seine Willkür , bis er sich schließlich gänzlich in Ketzerei verstrickt und in seinem Götzendienste gar auf den Teufel fällt . Laß dich warnen , Johannes , durch den Frevel , der an dieser Stätte sich ereignet hat . Die Saat des Heidentums hat ihre Giftfrucht getrieben . Wende dich ab von der Bahn , die zur Teufelsmette führt . Bete zur Gottesmutter ! « Er war bei diesen Worten ein Eiferer worden , doch seine Treuherzigkeit rührte mich , und ich antwortete : » Habe Dank , du meinst es gut , und still für mich will ich deine Rede prüfen , zumal mir wundersam friedevoll zumute beim Schauen des Abendsternes und bei deiner Mahnung an Thekla und die Gottesmutter . Ach , Bruder , hole mir meine Harfe ! Es drängt mich , mein schweres Herz im Gesange zu erleichtern . « Gern erfüllte er den Wunsch , ich stimmte die Saiten und griff träumerisch leise Akkorde . Den Worten vom Himmelreiche sann ich nach , die meines Vaters Geist zu mir gesprochen : Inwendig ist das Himmelreich . Ist dem so , muß alles , was frommer Glaube heilig hält , im innern Himmelreiche wohnen . Nicht auf dem Abendstern , im Menschenherzen hat die Gottesmutter ihr Heim , und hier auch suche die gebenedeiete Frucht ihres makellosen Leibes . Ja , Menschenkind , so deine Seele nicht selbst Maria wird , kannst du den Heiland nicht empfahen . In dir muß der Gottessohn geboren werden ... Und zum Klange ward dies Sinnen , heimlich fügten sich die Worte und vermählten sich mit einer