. Sie hatte ihm gleich die Mitteilung zu machen , daß sie nicht mit ihm in die Oper gehen könnte ; der Vater hätte sich nachmittags gar nicht wohl befunden . Georg war sehr enttäuscht . » Willst du nicht wenigstens auf den ersten Akt mit mir hineingehen ? « Sie schüttelte den Kopf . » Nein , so was tu ich nicht gern . Da ist ' s schon besser , du schenkst den Sitz einem Bekannten . Hol dir doch Nürnberger oder Bermann ab . « » Nein « , erwiderte er . » Wenn du nicht mitgehst , geh ich lieber allein . Ich hatte mich so sehr darauf gefreut . Mir persönlich läge gar nicht so viel an der Vorstellung . Ich bliebe lieber mit dir zusammen ... meinetwegen sogar bei euch oben ; aber ich muß hineingehen , ich habe ja Bericht zu erstatten . « » Natürlich mußt du hineingehen « , bekräftigte Anna ; und sie fügte hinzu : » Ich möchte dir auch nicht zumuten einen Abend bei uns oben zuzubringen , es ist wirklich nicht besonders heiter . « Er hatte ihr den Schirm aus der Hand genommen , hielt ihn über sie , und sie hing sich in seinen Arm . » Du Anna « , sagte er , » ich möchte dir einen Vorschlag machen . « Er wunderte sich , daß er nach einer Einleitung suchte , und begann zögernd : » Meine paar Tage in Wien sind naturgemäß so was Unruhiges , Zerrissenes und jetzt kommt noch diese gedrückte Stimmung bei euch oben dazu ... wir haben wirklich gar nichts voneinander , findest du nicht ? « Sie nickte , ohne ihn anzusehen . » Also möchtest du mich nicht eine Strecke begleiten , Anna , wenn ich wieder abreise ? « Sie sah ihn in ihrer verschmitzten Art von der Seite an und antwortete nicht . Er sprach weiter : » Ich kann mir nämlich ganz gut noch einen Urlaubstag herausschlagen , wenn ich ans Theater telegraphiere . Es wär doch wirklich wunderschön , wenn wir ein paar Stunden für uns allein hätten . « Sie gab es zu , herzlich , aber ohne Begeisterung , und machte die Entscheidung vom Befinden ihres Vaters abhängig . Dann fragte sie ihn , wie er den Tag verbracht hätte . Er berichtete eingehend und fügte sein Programm für morgen hinzu . » Wir zwei werden uns also erst am Abend sehen können « , schloß er . » Ich komme zu euch hinauf , wenn ' s dir recht ist . Und da besprechen wir dann alles weitere . « » Ja « , sagte Anna und blickte vor sich hin , auf die feuchte bräunlichgraue Straße . Nochmals versuchte er sie zu überreden , die Oper mit ihm zu besuchen ; aber es war vergeblich . Dann erkundigte er sich nach ihren Gesangsstunden und begann gleich darauf von seiner eigenen Tätigkeit zu sprechen , als müßte er sie überzeugen , daß es ihm am Ende nicht viel besser erginge als ihr . Und er wies auf seine Briefe hin , in denen er ihr alles ausführlich geschrieben hätte . » Was das anbelangt « , sagte sie plötzlich ganz hart ... und als er von ihrem Ton getroffen , unwillkürlich den Kopf zurückwarf : » Was steht denn schon in Briefen , wenn sie noch so ausführlich sind ! « Er wußte , woran sie dachte und was sie heute sowenig aussprach , als sie ' s jemals getan hatte , und etwas Schweres legte sich ihm aufs Herz . Ruhte nicht gerade in der Unerbittlichkeit dieses Schweigens alles , was sie verschwieg : Frage , Vorwurf und Zorn ? Heute morgen schon hatte er es gefühlt , und jetzt fühlte er es wieder , daß in ihr irgend etwas ihm geradezu Feindseliges sich regte , gegen das sie selbst vergeblich anzukämpfen schien . Heute Morgen erst ? ... War es nicht schon viel länger her ? Immer vielleicht ? Vom ersten Augenblick an , da sie einander gehört hatten und auch in den Zeiten ihres höchsten Glücks ? War dies Feindselige nicht dagewesen , als sie bei Orgelklängen , hinter dunkeln Vorhängen ihre Brust an seine gedrängt , als sie in dem Hotelzimmer zu Rom ihn erwartet , mit geröteten Augen , während er beglückt von dem Monte Pincio aus die Sonne in der Campagna versinken gesehen und , einsam , die wundervollste Stunde der Reise zu genießen gewähnt hatte ? War es nicht dagewesen , als er an einem heißen Morgen den Kiesweg hinangelaufen , ihr zu Füßen gesunken war und in ihrem Schoß geweint hatte , wie in einer Mutter Schoß ; und als er an ihrem Bette gesessen war und in den abendlichen Garten hinausgeblickt hatte , während drin auf dem weißen Linnen ein totes Kind lag , das sie eine Stunde zuvor geboren , war es nicht wieder dagewesen , düsterer als je und kaum zu tragen , wenn man sich nicht längst damit abgefunden hätte , wie mit so mancher Unzulänglichkeit , so manchem Weh , das aus den Tiefen menschlicher Beziehungen emporstieg ? Und jetzt , wie schmerzlich fühlte er ' s , während er Arm in Arm mit ihr , sorglich den Schirm über sie haltend , die feuchte Straße weiterspazierte , jetzt war es wieder da ; drohend und vertraut . Noch klangen die Worte in seinem Ohr , die sie gesprochen hatte : Was steht denn in Briefen , wenn sie noch so ausführlich sind ? ... Aber ernstere klangen für ihn mit : Was bedeutet am Ende auch der glühendste Kuß , in dem sich Leib und Seele zu vermischen scheinen ? Was bedeutet es am Ende , daß wir monatelang durch fremde Länder miteinander gereist sind ? Was bedeutet es , daß ich ein Kind von dir gehabt habe ? Was bedeutet es , daß du dich über deinen Betrug in meinem Schoße ausgeweint hast ? Was bedeutet das alles , da du mich doch immer allein gelassen hast ... allein auch in dem Augenblick , da mein Leib den Keim des Wesens eintrank , das ich neun Monate in mir getragen , das dazu bestimmt war , als unser Kind bei fremden Leuten zu leben und das nicht auf Erden hat bleiben wollen . Aber während all dies schwer in seine Seele sank , gab er ihr mit leichten Worten zu , daß sie wirklich nicht unrecht hätte , und daß Briefe und seien sie selbst zwanzig Seiten lang nicht sonderlich viel enthalten könnten ; und während ein peinigendes Mitleid mit ihr in ihm aufquoll , sprach er linde die Hoffnung auf eine Zeit aus , in der sie auf Briefe beide nicht mehr angewiesen sein würden . Und dann fand er zärtlichere Worte , erzählte von seinen einsamen Spaziergängen in der Umgebung der fremden Stadt , wo er ihrer dächte ; von den Stunden in dem gleichgültigen Hotelzimmer , mit dem Blick auf den lindenbepflanzten Platz und von seiner Sehnsucht nach ihr , die immer da war , ob er allein über seiner Arbeit saß , oder Sänger am Klavier begleitete oder mit neuen Bekannten plauderte . Aber als er mit ihr vor dem Haustor stand , ihre Hand in der seinen , und ihr mit einem heitern » Auf Wiedersehen « in die Augen blickte , sah er betroffen in ihnen eine müde , kaum mehr schmerzliche Enttäuschung verglimmen . Und er wußte : Alle die Worte , die er zu ihr gesprochen , nichts , weniger als nichts hatten sie ihr zu bedeuten gehabt , da das einzige , das kaum mehr erwartete und immer wieder ersehnte doch nicht gekommen war . Eine Viertelstunde später saß Georg auf seinem Parkettsitz in der Oper , zuerst noch ein wenig verdrossen und matt ; bald aber strömte die Freude des Genießens durch sein Blut . Und als Brangäne ihrer Herrin den Königsmantel um die Schultern warf , Kurwenal das Nahen des Königs meldete und das Schiffsvolk auf dem Verdeck im Glanz des aufleuchtenden Himmels dem Land entgegenjauchzte , da wußte Georg längst nichts mehr von einer übel verbrachten Nacht im Kupee , von langweiligen Bestellungsgängen , von einem recht gezwungenen Gespräch mit einem alten , jüdischen Doktor und von einem Spaziergang über feuchtes Pflaster , in dem das Licht der Laternen sich spiegelte , an der Seite einer jungen Dame , die brav , vornehm und etwas gedrückt aussah . Und als der Vorhang zum erstenmal gefallen war und das Licht den rotgoldenen Riesenraum durchflutete , fühlte er sich keineswegs in unangenehmer Weise ernüchtert , sondern es war ihm vielmehr , als tauchte er sein Haupt von einem Traum in den andern ; und eine Wirklichkeit , die von allerhand Bedenklichem und Kläglichem erfüllt war , floß irgendwo draußen machtlos vorbei . Niemals , so schien es ihm , hatte die Atmosphäre dieses Hauses ihn so sehr beglückt wie heute ; nie war seiner Empfindung so offenbar gewesen , daß alle Menschen für die Dauer ihres Hierseins in geheimnisvoller Weise gegen allen Schmerz und allen Schmutz des Lebens gefeit waren . Er stand auf seinem Eckplatz vorn im Mittelgang , sah manchen wohlgefälligen Blick auf sich gerichtet und war sich bewußt , hübsch , elegant und sogar etwas ungewöhnlich auszusehen . Und war nebstbei auch das erfüllte ihn mit Befriedigung ein Mensch , der einen Beruf , eine Stellung hatte , und selbst hier , im Theater , mit Auftrag und Verantwortung gewissermaßen als Abgesandter einer deutschen Hofbühne saß . Er blickte mit dem Opernglas umher . Aus den hintern Parkettsitzen grüßte ihn Gleißner mit einem etwas zu vertraulichen Kopfnicken , und schien gleich nachher der neben ihm sitzenden jungen Dame die Personalien Georgs zu erläutern . Wer mochte sie sein ? War es die Dirne , die der mit Seelen experimentierende Dichter zur Heiligen , oder war es die Heilige , die er zur Dirne machen wollte ? Schwer zu entscheiden , dachte Georg . In der Mitte des Wegs mochten sie ja ungefähr gleich ausschauen . Georg fühlte die Linsen eines Opernglases auf seinem Scheitel brennen . Er sah auf . Else war es , die von einer Ersten-Stock-Loge auf ihn herabschaute . Frau Ehrenberg saß neben ihr , und zwischen ihnen beugte sich ein hochgewachsener junger Mann über die Brüstung , der kein anderer war , als James Wyner . Georg verbeugte sich und zwei Minuten später trat er in die Loge , freundlich , aber keineswegs mit Erstaunen begrüßt . Else in schwarz samtnem , ausgeschnittenem Kleid , eine schmale Perlenkette um den Hals , mit einer etwas fremden , aber interessanten Frisur streckte ihm die Hand entgegen . » Wieso sind Sie denn eigentlich da ? Urlaub ? Entlassung ? Flucht ? « Georg erklärte es kurz und wohlgelaunt . » Es war übrigens nett « , sagte Frau Ehrenberg , » daß Sie uns ein Wort aus Detmold geschrieben haben . « » Das hätte er auch nicht tun sollen ? « bemerkte Else , » da hätt man ja glauben können , daß er mit irgendwem nach Amerika durchgegangen ist . « James stand mitten in der Loge , groß , hager , gemeißelten Antlitzes , das dunkle , glatte Haar seitlich gescheitelt . » Nun sagen Sie Georg , wie fühlen Sie in Detmold ? « Else sah zu ihm auf , mit gesenkten Wimpern . Sie schien entzückt von seiner Art , das Deutsche noch immer so zu sprechen , als müßte er sich ' s aus dem Englischen übersetzen . Immerhin nützte sie es zu einem Witz aus und sagte : » Wie Georg in Detmold fühlt ? Ich fürchte , James , deine Frage ist indiskret . « Dann wandte sie sich an Georg : » Wir sind nämlich verlobt . « » Es sind noch keine Karten ausgeschickt « , fügte Frau Ehrenberg hinzu . Georg brachte seine Glückwünsche dar . » Frühstücken Sie doch morgen bei uns « , sagte Frau Ehrenberg . » Sie treffen nur ein paar Leute , die sich gewiß alle sehr freuen würden Sie wiederzusehen . Sissy , Frau Oberberger , Willy Eißler . « Georg entschuldigte sich . Er könne sich für keine bestimmte Stunde binden , aber im Lauf des Nachmittags wenn irgend möglich wollte er sich gern einfinden . » Nun ja « , sagte Else leise , ohne ihn anzusehen und hatte den einen Arm mit dem langen weißen Handschuh lässig auf der Brüstung liegen , » Mittag verbringen Sie wahrscheinlich im Familienkreise . « Georg tat , als wenn er nichts gehört hätte , und lobte die heutige Vorstellung . James äußerte , daß er » Tristan « mehr liebe als alle andern Opern von Wagner , die » Meistersinger « mit inbegriffen . Else bemerkte einfach : » Es ist ja wunderschön , aber eigentlich bin ich gegen Liebestränke und solche Geschichten . « Georg erklärte , daß der Liebestrank hier als Symbol aufzufassen sei , worauf Else sich auch gegen Symbole eingenommen aussprach . Das erste Zeichen zum zweiten Akt war gegeben . Georg verabschiedete sich , eilte hinunter und hatte eben Zeit , seinen Platz einzunehmen , eh der Vorhang aufging . Er erinnerte sich wieder , in welch halboffizieller Eigenschaft er heute im Theater säße , und beschloß , sich den Eindrücken nicht länger ohne Widerstand hinzugeben . Bald gelang es ihm zu entdecken , daß die Liebesszene doch noch ganz anders herauszubringen wäre , als es hier geschah ; und gar nicht einverstanden war er damit , daß Melot , durch dessen Hand Tristan sterben mußte , hier von einem Sänger zweiten Ranges dargestellt wurde , wie übrigens beinahe überall . Nach dem zweiten Fallen des Vorhangs erhob er sich mit einer gewissen Steigerung des Selbstgefühls , blieb auf seinem Platze stehen und sah manchmal zu der Ersten-Stock-Loge auf , aus der Frau Ehrenberg ihm wohlwollend zunickte , während Else mit James sprach , der mit gekreuzten Armen unbeweglich hinter ihr stand . Es fiel Georg ein , daß er morgen James ' Schwester wiedersehen würde . Ob sie noch manchmal jener wunderbaren Nachmittagsstunde im Park dachte , in der dunkelgrünen Schwüle des Parks , im warmen Duft von Moos und Tannen ? Wie fern dies war ! Dann erinnerte er sich eines flüchtigen Kusses im nächtlichen Schatten der Gartenmauer von Lugano . Wie fern auch das ! Er dachte des Abends unter den Platanen , und das Gespräch über Leo fiel ihm wieder ein . Eigentlich hätte man schon damals allerlei vorhersehen können . Ein merkwürdiger Mensch dieser Leo , wahrhaftig ! Wie er seinen Plan in sich verschlossen gehalten hatte ! Denn der mußte natürlich längst festgestanden haben . Und offenbar hatte Leo nur den Tag abgewartet , an dem er die Uniform ablegen durfte , um ihn auszuführen . Auf den Brief , den Georg ihm geschrieben gleich , nachdem er die Nachricht von dem Duell erhalten hatte , war keine Antwort gekommen . Er nahm sich vor , Leo in der Haft zu besuchen , wenn es möglich wäre . Ein Herr in der ersten Reihe grüßte . Ralph Skelton war es . Georg verständigte sich durch Zeichen mit ihm , daß sie einander nach Schluß der Vorstellung treffen wollten . Die Lichter verlöschten , das Vorspiel zum dritten Akt begann . Georg hörte müde Meereswellen an ein ödes Ufer branden und die wehen Seufzer eines totwunden Helden in bläulich dünne Luft verwehen . Wo hatte er dies nur zum letztenmal gehört ? War es nicht in München gewesen ? ... Nein , es konnte noch nicht so lange her sein . Und plötzlich fiel ihm die Stunde ein , da auf einem Balkon , unter hölzernem Giebel die Blätter der Tristanpartitur vor ihm offen gelegen waren . Drüben zwischen Wald und Wiese war ein besonnter Weg zum Friedhof hingezogen , ein Kreuz hatte golden geblinkt ; unten im Hause hatte eine geliebte Frau in Schmerzen aufgestöhnt , und ihm war weh ums Herz gewesen . Und doch , auch diese Erinnerung hatte ihre schwermutvolle Süßigkeit , wie alles , was völlig vergangen war . Der Balkon , der kleine , blaue Engel zwischen den Blumen , die weiße Bank unter dem Birnbaum ... wo war das nun alles ! Noch einmal mußte er jenes Haus wiedersehen , einmal noch , ehe er Wien verließ . Der Vorhang hob sich . Sehnsüchtig tönte die Schalmei , unter einem blaß und gleichgültig hingespannten Himmel , im Schatten von Lindenästen schlummerte der verwundete Held , und ihm zu Häupten wachte Kurwenal , der treue . Die Schalmei schwieg , über die Mauer beugte sich fragend der Hirt und Kurwenal gab Antwort . Wahrhaftig , das war eine Stimme von besonderen Klang . Wenn wir solch einen Bariton hätten , dachte Georg . Und mancherlei andres , was uns fehlt ! Wenn man ihm nur die nötige Macht in die Hand gäbe , er fühlte sich berufen im Laufe der Zeit aus dem bescheidenen Theater , an dem er wirkte , eine Bühne ersten Ranges zu machen . Er träumte von Musteraufführungen , zu denen die Menschen von allen Seiten strömen müßten ; nicht mehr als Abgesandter saß er nun da , sondern als einer , dem es vielleicht beschieden war , selber in nicht allzu fernen Tagen Leiter zu sein . Weiter und höher liefen seine Hoffnungen . Vielleicht nur ein paar Jahre vergingen und selbstgefundene Harmonien klangen durch einen festlich-weiten Raum ; und die Hörer lauschten ergriffen , wie heute diese hier , während irgendwo draußen eine schale Wirklichkeit machtlos vorbeifloß . Machtlos ? Das war die Frage ! ... Wußte er denn , ob ihm gegeben war Menschen durch seine Kunst zu zwingen , wie dem Meister , der sich heute hier vernehmen ließ ? Sieger zu werden über das Bedenkliche , Klägliche , Jammervolle des Alltags ? Ungeduld und Zweifel wollten aus seinem Innern emporsteigen ; doch rasch bannten Wille und Einsicht sie von dannen , und nun fühlte er sich wieder so rein beglückt wie immer , wenn er schöne Musik hörte , ohne daran zu denken , daß er selbst oft als Schöpfer wirken und gelten wollte . Von allen seinen Beziehungen zu der geliebten Kunst blieb in solchen Augenblicken nur die eine übrig , sie mit tieferem Verstehen aufnehmen zu dürfen , als irgend ein anderer Mensch . Und er fühlte , daß Heinrich die Wahrheit gesprochen hatte , als sie zusammen durch einen von Morgentau feuchten Wald gefahren waren : nicht schöpferische Arbeit , die Atmosphäre seiner Kunst allein war es , die ihm zum Dasein nötig war ; kein Verdammter war er wie Heinrich , den es immer trieb zu fassen , zu formen , zu bewahren , und dem die Welt in Stücke zerfiel , wenn sie seiner gestaltenden Hand entgleiten wollte . Isolde , in Brangänens Armen , war tot über Tristans Leiche hingesunken , die letzten Töne verklangen , der Vorhang fiel . Georg warf einen Blick nach der Loge im ersten Stock . Else stand an der Brüstung , den Blick zu ihm herabgerichtet , während James ihr den dunkelroten Mantel um die Schultern legte , und jetzt erst , nach einem Kopfnicken , so rasch , als hätte es niemand bemerken sollen , wandte sie sich dem Ausgang zu . Merkwürdig , dachte Georg , von weitem hat ihre Haltung , hat manche ihrer Bewegungen so etwas ... melancholisch-romanhaftes . Da erinnert sie mich am ehesten an das Zigeunermädel aus Nizza , oder an das seltsame junge Wesen , mit dem ich in Florenz vor der Tizianischen Venus gestanden bin ... Hat sie mich jemals geliebt ? Nein . Und auch ihren James liebt sie nicht . Wen denn ? ... Vielleicht ... war es doch der verrückte Zeichenlehrer in Florenz ? Oder keiner . Oder gar Heinrich ? Im Foyer traf er Skelton . » Also wieder zurückgekehrt ? « fragte dieser . » Nur auf ein paar Tage « , erwiderte Georg . Es stellte sich heraus , daß Skelton nicht recht gewußt hatte , was mit Georg vorging und ihn auf einer Art musikalischer Studienreise durch deutsche Städte geglaubt hatte . Nun war er ziemlich erstaunt zu hören , daß Georg sich auf Urlaub hier befände und sich die Neuinszenierung des » Tristan « sozusagen im Auftrag des Intendanten angesehen hätte . » Ist es Ihnen recht ? « sagte Skelton , » ich bin verabredet mit Breitner ; im Imperial , weißer Saal . « » Famos « , erwiderte Georg , » ich wohne dort . « Doktor von Breitner rauchte schon eine seiner berühmten Riesenzigarren , als die beiden Herren an seinem Tisch erschienen . » Was für eine Überraschung « , rief er aus , als Georg ihn begrüßte . Ihm war es bekannt , daß Georg als Kapellmeister in Düsseldorf wirkte . » Detmold « , sagte Georg , und er dachte : Sonderlich viel beschäftigen sich die Leute hier ja nicht mit mir ... Aber was tut ' s. Skelton erzählte von der Tristanvorstellung , und Georg erwähnte , daß er Ehrenbergs gesprochen hatte . » Wissen Sie , daß Oskar Ehrenberg sich auf dem Weg nach Indien oder Ceylon befindet ? « fragte Doktor von Breitner . » So ? « » Und was glauben Sie mit wem ? « » Wohl in weiblicher Gesellschaft . « » Ja , das natürlich , ich höre sogar , sie haben fünf oder sieben Weiber mit . « » Wer sie ? « » Oskar Ehrenberg ... und raten Sie einmal ... Na , der Prinz von Guastalla . « » Nicht möglich ! « » Komisch was ? Sie haben sich heuer in Ostende oder in Spa sehr angefreundet . Cherchez ... und so weiter . Wie es nämlich Frauenzimmer gibt , derentwegen man sich schlägt , so scheint es wieder andre zu geben , über die man sich gleichsam die Hände reicht . Sie haben nun gemeinschaftlich Europa verlassen . Vielleicht gründen sie ein Königreich auf irgend einer Insel , und Oskar Ehrenberg wird Minister . « Willy Eißler war erschienen , blaßgelb im Gesicht , übernächtig und heiser . » Grüß Sie Gott Baron , verzeihen Sie , daß ich nicht paff bin , aber ich habe schon gehört , daß Sie da sind . Irgendwer hat Sie in der Kärtnerstraße gesehen . « Georg bat Willy , seinem Vater vom Grafen Malnitz Grüße zu bestellen er selbst hätte diesmal leider keine Zeit , den alten Herrn aufzusuchen , dem er wie er mit bescheidner Koketterie bemerkte seine Stellung in Detmold verdanke . » Was Ihre Zukunft anbelangt , lieber Baron « , sagte Willy , » hab ich mir nie Sorgen gemacht , besonders seit ich im vorigen Jahr oder ist es schon länger her ? Ihre Lieder von der Bellini hab singen hören . Aber daß Sie sich entschlossen haben Wien zu verlassen , das war eine gute Idee von Ihnen . Hier hätte man Sie jedenfalls noch einige Jahrzehnte lang für einen Dilettanten gehalten . Das ist schon einmal nicht anders in Wien . Ich kenne das . Wenn die Leute wissen , daß einer aus guter Familie ist , nebstbei Sinn für schöne Krawatten , gute Zigaretten und verschiedene andre Annehmlichkeiten des Daseins hat , so glauben sie ihm die Künstlerschaft nicht . Ohne ein Zeugnis von draußen werden Sie hier nicht ernst genommen ... also bringen Sie nur bald einige glänzende mit , Baron . « » Ich werde mich bemühen « , sagte Georg . » Haben die Herren übrigens schon das Neueste gehört « , begann Willy wieder . » Leo Golowski , wissen Sie , der Einjährige , der den Oberleutnant Sefranek erschossen hat , ist frei . « » Aus der Untersuchungshaft entlassen ? « fragte Georg . » Nein , ganz frei ist er . Sein Advokat hat ein Abolitionsgesuch an den Kaiser eingereicht , das ist heute günstig erledigt worden . « » Unglaublich « , rief Breitner . » Warum wundern Sie sich denn so , Breitner ? « meinte Willy . » Es kann doch auch einmal etwas Vernünftiges geschehen in Österreich . « » Duell ist nie vernünftig « , sagte Skelton , » und daher kann auch eine Begnadigung wegen Duells nicht vernünftig sein . « » Duell , lieber Skelton , ist entweder etwas viel Schlimmeres oder viel Besseres als vernünftig « , erwiderte Willy . » Entweder ein ungeheuerlicher Blödsinn oder eine unerbittliche Notwendigkeit . Entweder ein Verbrechen oder eine erlösende Tat . Vernünftig ist es nicht und braucht es nicht zu sein . In Ausnahmefällen kann man mit der Vernunft überhaupt nichts anfangen . Und daß in einem Fall , wie der , von dem wir grad sprechen , das Duell unvermeidlich war , das werden auch Sie zugeben , Skelton . « » Absolut « , sagte Breitner . » Ich kann mir ein Staatswesen denken « , bemerkte Skelton , » in dem selbst Differenzen solcher Art vor Gericht ausgeglichen würden . « » Solche Differenzen vor Gericht ! O fröhlich ! ... Glauben Sie wirklich , Skelton , daß in einem Fall , wo es sich nicht um Besitz- und Rechtsfragen handelt , sondern wo sich Menschen mit einem ungeheuern Haß gegenüberstehen , glauben Sie wirklich , daß da mit Geld- oder Arreststrafen ein Ausgleich geschaffen werden könnte ? Es hat schon seinen tiefen Sinn , meine Herren , daß Duellverweigerung in solchen Fällen bei allen Leuten , die Temperament , Ehre und Aufrichtigkeit in sich haben , stets als Feigheit gelten wird . Bei den Juden wenigstens « , setzte er hinzu . » Denn bei den Katholiken ist es bekanntlich immer nur die Frömmigkeit , die sie abhält sich zu schlagen . « » Kommt sicher vor « , sagte Breitner schlicht . Georg wünschte zu wissen , wie sich die Sache zwischen Leo Golowski und dem Oberleutnant abgespielt hätte . » Ja richtig « , sagte Willy , » Sie sind ja ein Zugereister . Also der Oberleutnant hat das ganze Jahr hindurch diesen Leo Golowski erheblich kuranzt und zwar ... « » Die Vorgeschichte kenn ich « , unterbrach Georg , » zum Teil aus direkter Quelle . « » Ach so . Also am ersten Oktober war die Vorgeschichte , um bei diesem Ausdruck zu bleiben , zu Ende ; das heißt , Leo Golowski hat das Freiwilligenjahr hinter sich gehabt . Und am zweiten in der Früh hat er sich vor die Kaserne hingestellt und ruhig gewartet , bis der Oberleutnant aus dem Tor gekommen ist . In diesem Moment ist er auf ihn zugetreten , der Oberleutnant greift nach seinem Säbel , Leo Golowski packt ihn aber bei der Hand , läßt sie nicht aus , hält ihm die andere Faust vor die Stirn und damit war das Weitere so ziemlich gegeben . Übrigens wird auch erzählt , daß Leo dem Oberleutnant folgende Worte ins Gesicht geschleudert haben soll ... ich weiß nicht recht , ob ' s wahr ist . « » Welche Worte ? « fragte Georg neugierig . » Gestern , Herr Oberleutnant , sind Sie mehr gewesen als ich , jetzt sind wir vorläufig einmal gleich aber morgen um die Zeit wird wieder einer von uns mehr sein , als der andere . « » Etwas talmudisch « , bemerkte Breitner . » Das müssen Sie freilich am besten beurteilen können , Breitner « , erwiderte Willy und erzählte weiter : » Also am nächsten Morgen in den Auen bei der Donau war das Duell . Dreimaliger Kugelwechsel . Zwanzig Schritte ohne Avance . Wenn resultatlos , Säbel bis zur Kampfunfähigkeit ... Die ersten Schüsse hüben und drüben fehlen , und nach dem zweiten ... nach dem zweiten ist der Golowski richtig bedeutend mehr gewesen als der Oberleutnant denn der war nichts , weniger als nichts ; ein toter Mann . « » Armer Teufel « , sagte Breitner . Willy zuckte die Achseln . » Es ist halt einmal einer an den Unrechten gekommen . Mir tut er auch leid . Aber man muß doch sagen , es stände manches anders in Österreich , wenn alle Juden entsprechenden Falls sich so zu benehmen wüßten wie der Leo Golowski . Leider ... « Skelton lächelte . » Sie wissen Willy , vor mir darf man nichts gegen die Juden sagen , ich liebe sie . Und es täte mir leid , wenn man sich entscheiden wollte die Judenfrage durch eine Reihe von Zweikämpfen zu lösen , denn dann würde am Ende von dieser vortrefflichen Rasse kein einziges männliches Exemplar übrigbleiben . « Am Ende des Gesprächs mußte Skelton zugeben , daß das Duell in Österreich vorläufig nicht abzuschaffen wäre . Aber er erlaubte sich die Frage , ob das gerade für das Duell und nicht vielmehr gegen Österreich spräche , da doch manche andere Länder , er wollte aus Bescheidenheit keines nennen , seit Jahrzehnten den Zweikampf nicht mehr kennten . Und ob er zu weit gehe , wenn er sich gestatte , Österreich , in dem er sich übrigens seit sechs Jahren wahrhaft zu Hause fühle , als das Land der sozialen Unaufrichtigkeiten zu bezeichnen . Hier wie nirgends anderswo gebe es wüsten Streit ohne Spur von Haß und eine Art von zärtlicher Liebe , ohne das Bedürfnis der Treue . Zwischen politischen Gegnern existierten oder entwickelten sich lächerliche persönliche Sympathien ; Parteifreunde hingegen beschimpften , verleumdeten , verrieten einander . Nur bei wenigen fände man ausgesprochene Ansichten über Dinge oder Menschen , jedenfalls seien auch diese wenigen allzuschnell bereit , Einschränkungen zu machen , Ausnahmen gelten zu lassen . Man habe hier beim politischen Kampf geradezu den Eindruck , wie wenn die scheinbar erbittertsten Gegner , während die bösesten Worte hinüber und herüberflögen , einander