tiefer Apathie geistig ungemein beschäftigt . Womit , das werden Sie nicht erraten . Kommen Sie ; nehmen Sie Platz ! « Tsi schob mir einen Stuhl an die Seite des ihrigen . Waller hatte allerdings ein fast leichenhaftes Aussehen . Das Gesicht war zum Erschrecken eingefallen . Ich sah das Skelett eines Kopfes vor mir , und die Hände bestanden auch nur bloß aus Knochen , um welche sich die Haut in lockeren Falten legte . Wir sprachen nicht . Es wäre mir schwer geworden , bei diesem Anblicke Worte zu machen . Der leise , nicht unangenehme Duft des Ko-su erfüllte den Raum , so ähnlich , wie wenn Weihrauch durch die Halle einer Kirche getragen worden ist , und wie dieser Gott geweihte Ort an andere , höhere Welten mahnt , so zog auch hier das Ringen einer zwischen dem Diesseits und dem Jenseits schwebenden Menschenseele unser Denken und Empfinden nach der Grenze hin , an welcher Alles aufzuhören scheint , weil Alles dort beginnt . Seelenäußerungen , an dieser Grenze für die zurückliegende Erde in Menschenworte gekleidet , sollen dem , der diese Worte hört , nicht anders als nur heilig sein ! Es herrschte tiefe Stille im Zimmer ; auch draußen regte sich nichts ; der Kranke lag wie tot . Nach einiger Zeit gab Mary mit der Hand ein Zeichen . Ich sah , daß er die Lippen bewegte . Dann klang es langsam und leise zwischen ihnen hervor : » Ich sehe dich , und höre dich , mein Lieb ! Du bist nicht tot , du bist in meiner Seele . Du hast es mir gesandt , weil ich ' s vergessen hatte . « Er hatte seine Stimme bei diesem letzten Satze in der Weise erhoben , wie man vor einem Doppelpunkte zu lesen pflegt , und fügte nun mit stark und voll niedersinkender Stimme hinzu : » Tragt Euer Evangelium hinaus , Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden . « Hier hielt er inne ; das also hatte Mary gemeint , als sie sagte : » Womit , das werden Sie nicht erraten . « Er bog nach diesen Worten den Kopf zur Seite , als ob er auf Etwas lausche , und sprach dann ebenso langsam und ebenso leise wie vorher weiter : » Vergib ! Ich war vom Antichrist betört ! Er tat , als ob er unser Jesus sei ! Ich habe nur auf ihn , auf ihn gehört und glaubte mich von allem Irrtum frei . Du warntest mich ; du hattest ihn durchschaut , sahst ihn in seiner ganzen Häßlichkeit ; in deiner Stimme ward mein Engel laut , der Engel unserer ganzen Christenheit - - - « Mary hatte , vielleicht es gar nicht wissend , ihre Hand auf die meine gelegt . » Er spricht mit Mama , « flüsterte sie mir zu . » Er tat es schon vorhin . « Sie nahm meine Hand fester , als ob sie für das nun Folgende nach einem Halte suchen müsse . Ihr Vater sprach nach dieser Pause weiter : » Du gingst von mir - - ich war mit ihm allein , mit ihm , vor dem du mich so oft gewarnt , und darum konnte es nicht anders sein : er hat mich vollends , durch mich selbst , umgarnt . O glaube mir , ich hab es nicht gedacht , daß Christi Wege andere Wege sind ; der fromme Dünkel hat mich irr gemacht ; er ist der Hölle größtes Lieblingskind - - - « Hier holte er zum erstenmal tiefer Atem , so daß man seine Brust sich bewegen sah . Seine Züge waren bisher während des Sprechens unverändert geblieben ; nun wurden sie von dem Ausdrucke seelischer Pein bewegt , als er fortfuhr : » Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus , So stehe es für Euch im Völkerfrieden ! « Nach diesen Worten schlug er die hagern Hände zusammen , riß die Augen auf , starrte über sich empor und sprach , lauter und schneller als bisher : » Ich sehe , wie die Flamme aufwärts steigt , die ich entfacht mit frevlerischer Hand . Ich sehe , daß sich weinend zu mir neigt der Engel , den du mir herabgesandt . Ich sehe dich ; ich seh dein teures Haupt . Wie trauert doch dein liebes Angesicht ! Was tat ich doch ! Was habe ich geglaubt ! Ist Feuerbrand denn wirklich Christenpflicht ? « Jetzt nahmen die scharfen Züge des Missionars einen freundlicheren Ausdruck an ; die ängstlich verschlungenen Hände lösten sich , und es erklang in ruhigerem Tone aus seinem Munde : » Ich danke dir ; ich danke dir wie sehr , daß du mir nahst , du lichtes Himmelsbild . O komme doch , o komme zu mir her , und schau mich an wie früher , warm und mild . Bring mir den Segen , den der Himmel gibt , und sage doch , daß mir verziehen ist . Lehr ' so mich lieben , wie der Herr uns liebt - - - « Er hielt inne . Indem er tief , tief Atem holte , breitete sich ein schönes , glückliches Lächeln über sein Antlitz , und mit froh erhobener Stimme fügte er hinzu : » Dann bin ich , was ich niemals war - - ein Christ ! « Hierauf schloß er die Augen , faltete die Hände auf der Brust und sprach nicht weiter . Er schien zu schlafen . Darum entfernten sich nun die beiden Andern , und ich blieb mit ihm allein . Ich setzte mich hinaus auf die Veranda . Es war schön sternenhell . Nächtlich sich erschließende Blumen sandten mir ihre Düfte zu . Ringsumher lag tiefe Stille . Ich saß hier nur fünf Grade vom Aequator entfernt ; wie weit von der Heimat und wie ihr so nahe ! Die Heimat des Körpers ist das Grab ; der andere , edlere Teil des Menschen aber ist im Jenseits daheim , aus welchem er stammt . Irdische Orte können ihm , falls er dort Liebe findet , zu einem vorübergehenden Heime werden , doch nur für hier , nicht aber auch für dort . Oder doch vielleicht ? Wo habe ich mir dieses Hier und wo jenes Dort zu denken ? Sollte es trotz alledem möglich sein , daß der » sogenannte « Tod nicht die Macht besitzt , dem wirklichen Leben Grenzen zu setzen ? Weder räumliche noch zeitliche ? Hatte nicht soeben da drin im Zimmer Waller mit seiner Frau gesprochen ? Ein Lebender mit einer Verstorbenen ? Oder war das nicht Wirklichkeit , sondern nur Traum , nur Fieber , nur Wahnsinn ? Da horch ! Es gab drin im Gemache ein Geräusch . Ich ging leise hinein . Der Kranke lag im Schatten , doch konnte ich seine Gesichtszüge unterscheiden . Er sprach sehr , sehr leise mit sich selbst . Da setzte ich mich an den Tisch und lauschte . Das Flüstern wurde vernehmbarer . Ich konnte einzelne Worte , dann aber bald ganze Sätze verstehen . Für mich waren sie ohne Zusammenhang , wohl aber nicht für ihn . Doch plötzlich rief er so laut und so deutlich , als ob es Viele , sehr Viele hören sollten : » Gebt was Ihr bringt , doch bringt nur Liebe mit , Das Andere alles sei daheim geblieben ! « Woher hatte er diese Zeilen ? Natürlich von seiner Tochter ! Aber auf welche Weise ? Kann ein Mensch , der ohne Besinnung liegt , sehen oder hören und sich sogar auch merken , was Andere lesen ? Indem ich mich dies fragte , fuhr er mit wieder gesunkener Stimme fort : » Du stehst bei mir ; ich sehe dich im Licht , wie ich dich nie vorher so licht gesehn . Bist du die Liebe ? Bist du dies Gedicht ? Was ist mit dir , was ist mit mir geschehn ? Hab ich an dich , die Liebe , denn gedacht , als meine Seele noch am Eifer hing ? O sag , wer hat dich zum Gedicht gemacht , grad als ich mich so schwer an dir verging ? « Er schloß in leisem , klagendem Tone , langsam und ruhig sprechend ; nun aber fuhr er hastig fort : » Wer drückte Petri Schwert mir in die Hand , vor welchem nur der Knecht den Nacken beugt ? Wer machte es in ihr zum Feuerbrand , der gegen meinen eigenen Glauben zeugt ? Wer gab mir aus der Heimat Alles mit , was christlich heißt und doch nicht christlich ist - - - ? War ' s der etwa , der an dem Kreuze litt - - - ? « Er hob die dürre , skelettartige Hand empor , als ob er eine Vision vor sich habe , und schloß , schwer und wieder langsam sprechend : » Sag mir , o Christus , sag , ob du es bist ! « Die Hand blieb einige Zeit erhoben ; dann sank sie ruckweise , wie zögernd , nieder . Ueber seine soeben noch erregten Züge glitt ein helles , warmes Lächeln ; er schüttelte wenn auch nur schwach , doch bemerkbar den Kopf und sprach , sich selbst beantwortend : » Grad weil sie einst für Euch den Tod erlitt , Will sie durch Euch nun ewig weiter lieben . « Hierauf legte er die Hände zusammen wie ein Kind , welches sich über Etwas freut , und sprach in frohem Tone weiter : » O nein , o nein ; so weit der Himmel reicht , erklingt noch heut dein großes Liebeswort , und jeder Tag , der aus dem Morgen steigt , verkündet es der Menschheit weiterfort . Du hast gelebt - - zu unserer Seligkeit ; du hast geliebt - - geliebt die ganze Welt ; im Leben der Geringste deiner Zeit , bist du im Lieben ewig , ewig Held ! « Trotz seiner großen Schwäche hatte er seine Stimme zum Tone der Begeisterung erhoben . Das schien ihn angegriffen zu haben ; er schloß die Augen , welche er offen gehabt hatte , und lag längere Zeit ohne Wort und Bewegung da . Dann sah ich , daß er die Hand erhob und sie bewegte , als ob er Jemand zu sich herwinke . Dabei sagte er : » Gib mir die Hand ! Ich will dein Eigen sein ; du hast mich früher ja so oft geführt . Ich handle falsch , ich gehe irr allein ; das hab ich , als du fehltest , ja gespürt . Du gingst zwar fort , in jenes Christenland , wo auch die seligen Heiden Christen sind , doch ist dir ja der Weg zu mir bekannt ; o komm , o komm , du lichtes Himmelskind ! « Wer war es , der ihm in Gestalt seiner Frau vorschwebte ? Ein Truggebilde , ihm vom Traume , vom Fieber , vom Wahnsinn vorgetäuscht ? Er sprach mit diesem Wesen , in kurzen , abgebrochenen Sätzen , und so leise , daß ich nichts verstehen konnte . In den Zwischenpausen lauschte er , als ob er Antwort höre . War es die Hand des Traumes , des Fiebers , des Wahnsinnes , welche alle Spuren der Qual , des Leides aus dem armen , eingefallenen Gesicht strich ? Es lag so rührend ergeben , so zufrieden lächelnd da , fast selbst wie eine Vision , auf dem hellen , weichen Kissen ! Erst nach längerer Zeit verstand ich wieder , was er sagte , ein bittendes Wort : » O , falte mir die Hände jetzt ; ich will zum Vater treten . Ich habe sein Gebot verletzt und muß um Gnade beten . « Ich sah gespannt zu ihm hin . Seine Hände näherten sich einander ; sie falteten sich , aber nicht als ob er dies selbst tue , sondern als ob sie ihm , Finger um Finger , von einer mir unsichtbaren Person zusammengelegt würden . Dann flüsterte er : » Ich danke dir ; es ist geschehn ; du gabst mir frommes Zeichen und sollst , um beten mich zu sehn , mit mir zum Himmel steigen ! « Nach diesen Worten war es mir , als müsse ich das Flügelrauschen Derer vernehmen , welche , von mir ungesehen , herbeischwebten , um sein Gebet in Empfang zu nehmen und dorthin zu tragen , wo alle Gebete der Menschenkinder zum Herzen des Vaters klingen , um in demselben für ewig aufbewahrt zu werden . Auch ich faltete meine Hände , denn es war ein heiliger Augenblick , so unwiderstehlich ergreifend , daß gewiß auch jeder Andere an meiner Stelle ganz dasselbe getan hätte , was zu unterlassen mir unmöglich war . » Amen ! « erklang es nach einiger Zeit . Er fügte noch ein zweites , lauteres » Amen ! « hinzu , und dann - - - habe ich nie in meinem Leben ein Gesicht gesehen , auf welchem der innere Friede sich schöner und deutlicher ausgedrückt hätte , als auf dem seinigen . Von jetzt an lag er still , und die ruhigen , regelmäßigen Atemzüge ließen vermuten , daß er eingeschlafen sei . Es herrschte die tiefste Stille im Zimmer ; auch draußen regte sich nichts ; Waller lag wie tot . Auf dem Tisch , an dem ich saß , lag ein Buch . Es war mein » Am Jenseits « , welches John Raffley für Miß Mary von der Jacht mitgebracht hatte . Sie hatte hier während des Wachens sehr oft darin gelesen und , wie ich bald erfuhr , Tsi auch . Ich schlug es auf , denn es gab ja sonst nichts weiter zu tun , und las . Diese Lektüre versetzte mich in jene meinen Lesern wohlbekannte Wüstennacht , in welcher wir den geheimnisvollen » Sohn des Lichtes « zu uns sprechen hörten . Ich las mich nach und nach vollständig in die Stimmung hinein , aus welcher heraus ich dieses Buch geschrieben hatte . Auch die damalige Szenerie tauchte in meinem Innern auf . Ich las und sah und hörte zu gleicher Zeit , daß der blinde Münedschi mich aufforderte , mit ihm zu gehen ; er habe mich zu führen . Ich folgte ihm . Mein Hadschi Halef und der persische Basch Nazyr gingen mit . Von einem Nichtsehenden und aber doch viel mehr als wir selbst Sehenden wurden wir vom Lagerplatze hinaus in die Wüste geführt , auf eine aus ihr aufragende , unwegsame Felseninsel . Oben angekommen , sagte er zu mir : » Setze dich auf diesen Stein ! Ich werde stehen bleiben , denn nur der Leib ermüdet , der Geist aber kennt keine Verringerung seiner Kraft , und nicht mein Körper , sondern dieser mein Geist ist es , den du jetzt zu dir sprechen hören wirst ! « Ich folgte dieser Aufforderung , und Hadschi Halef und der Basch Nazyr ließen sich auch , und zwar eng neben mir , nieder . Hierauf stand der Blinde eine ganze Weile hoch aufgerichtet und unbeweglich da , den Kopf ein wenig zur Seite geneigt , als ob er in die Ferne lausche . Wir befanden uns in einer ganz ungewöhnlichen Spannung , der wir aber keine Worte gaben , denn in der ganzen Situation und wohl auch in uns selbst lag Etwas , was uns das Sprechen verbot . Da begann er : » Seid mir gegrüßt , Ihr Pilger dieser Erde , gegrüßt in der Sprache dieser Eurer Welt ! Wenn ich zu Euch in unserer Weise spräche , Ihr würdet nichts vernehmen , denn Euer Ohr hat nur Empfängnis für den Schall , durch Schwingungen der Luft zu Euch getragen ; wir aber sprechen nicht durch dieses Mittel , und unser Wort ist kein Geräusch , ist Tat ! « Hier , grad bei dieser Stelle war ich im Lesen angekommen , da krachten hinter mir die Fugen von Wallers Lager . Ich stand rasch auf und drehte mich um . Er hatte sich aufgerichtet ; er saß . Woher hatte er , der Todesschwache , die Kraft dazu erhalten ? Er schaute starr vor sich hin , hob drohend die Faust empor und rief mit tiefdröhnender Baßstimme aus : » Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen . Dieser soll dir den Kopf zertreten , du aber wirst ihn in die Ferse stechen ! « Er blieb fast eine ganze Minute so sitzen , mit geballter Faust und ausgestrecktem Arm . Dann fiel er hintenüber und lag mit geschlossenen Augen so still , wie er vorher gelegen hatte . Was war das gewesen ? ! Woher die tiefe Stimme , dieser volle , schwere Baß , den Wallers Organ gar nicht besaß ? Und woher plötzlich diese Lungenstärke , welche die Worte hinausgerufen hatte , als ob sie für eine große , weit ausgedehnte Menge von Zuhörern berechnet gewesen seien ? Ich ging leise zu ihm hin und lauschte . Sein Atem ging fast unhörbar , aber in regelmäßigen Zügen . Ich berührte ihn ; er schien es nicht zu fühlen . Ich hob seinen Kopf ein wenig empor , um ihm das Kissen bequemer zu legen ; es geschah ohne die geringste Lebensäußerung von ihm . Da kehrte ich an den Tisch zurück und las im Buche weiter . Stunde um Stunde verrann . Mitternacht war längst vorüber . Die tiefe Stille begann , mich zu ermüden , und das gedämpfte Lampenlicht strengte meine Augen an . Ich stand also von meinem Stuhle auf und ging wieder hinaus auf die Veranda . Da setzte ich mich nieder und dachte über das Gelesene nach . Da , plötzlich erscholl im Zimmer drin dieselbe tiefe Stimme : » Es ist vollbracht ! Da neigte er sein Haupt und ging hinüber ! « Ich wartete ein Weilchen , ehe ich mich wieder in das Zimmer begab . Er hatte sich abermals aufgerichtet gehabt , denn er lag jetzt anders als vorher . Ich schob ihm das Kissen wieder unter , und er regte sich hierbei ebenso wenig wie bei dem vorigen Male . Er war wie tot , wenn auch nicht starr und steif . Da kehrte ich nach meinem Sitze in der Veranda zurück . Noch glänzte der Sternenhimmel in seiner südlichen Pracht über mir ; aber ich achtete heute weniger als sonst auf seine strahlenden Lichter . » Warum ? Ich dachte über Wallers Worte nach . Die erste biblische Verheißung - - - und dann das große Schlußwort des Erlösungswerkes ! Welche unendliche Fernen liegen oftmals zwischen Beiden , und wie nahe gehören sie doch eigentlich zusammen ! Das eine im verlornen Paradies , das andere auf Golgatha gesprochen ! Zwischen beiden der Leidensweg aus dem Erdenreiche empor zum Himmelreiche ! Wo ist dieses Himmelreich ? Etwa im Jenseits erst ? Hat Christus nicht durch seine Gleichnisse gelehrt , daß es bereits hier auf Erden sei ? Und wenn es so wäre , wo hätte man es da wohl zu suchen ? Auf welche Weise wäre es da zu erreichen und zu erlangen ? « Eben legte ich mir diese Fragen vor , da hörte ich , daß Waller sich wieder bewegte , und dieselbe Stimme , die schon zweimal erklungen war , ertönte wieder : » Wahrlich , ich sage Euch , es sei denn , daß Ihr umkehret und werdet wie die Kinder , so könnt Ihr das Reich Gottes nicht erlangen ! « Das war im höchsten Grade überraschend . Ein Anderer an meiner Stelle wäre vielleicht gar erschrocken . Eine so laute und sofortige Antwort auf meine nur im Stillen gedachte Frage ! Oder lag dieser dritte Bibelvers in der Fortsetzung der logischen Linie , welche die beiden ersten verband ? Wenigstens für Waller , in dessen Innern es arbeitete , während sein Körper nur an hervorragenden Stadien mit ergriffen und bewegt zu werden schien ? Ich ging zu ihm hinein . Er hatte sich auch dieses Mal wieder erhoben gehabt und lag nun so , daß sein Kopf weicher zu betten war . Als ich dies getan hatte ging ich wieder hinaus und versuchte , mir den Gedankengang des Kranken zu erklären . Die christliche Theologie pflegt das , was mich beschäftigen wollte , den » Heilsweg « zu nennen . Aber wer , wie ich , nicht Fachmann ist , der läßt solche Grübeleien am besten den sich dazu berufen Fühlenden über . Darum schob ich diese Gedanken bald wieder fort und beobachtete das Nahen des Morgens , der jetzt hell und immer heller zu werden begann und mich schließlich an die brennende Lampe erinnerte , welche drin auf dem Tische stand . Ich ging hinein , um sie zu löschen . Waller hatte die Augen zu , doch schien er mich gehört zu haben , denn er bat mich mit schwachklingender Stimme um Wasser . Ich gab es ihm , zwar nur löffelweise , aber er trank doch ein ganzes Glas voll aus . Dann öffnete er die Augen und sah mich an , lange Zeit . Ich stand still und ließ es geschehen . Der Blick seiner Augen wurde immer klarer , aber er erkannte mich trotzdem nicht . Da flüsterte er mir zu : » Sag , bin ich der Missionar Waller - - - oder bin ich noch der Knabe Waller ? Ich weiß es nicht genau . « Da ging es wie eine leuchtende Erkenntnis in mir auf , ganz plötzlich , wie die Sonne auf dem Meere aufzugehen pflegt , und ich antwortete , ohne mich weiter zu besinnen : » Der Missionar ist umgekehrt . Hier liegt nur noch das Kind , der Knabe Waller . « » Das Kind ! Der Knabe ! « lächelte er beglückt . » Ich danke dir , du lieber fremder Mann ! « Er wollte hierauf die Augen schließen , tat aber gerad das Gegenteil , indem er sie weit öffnete , denn soeben drang der erste Sonnenstrahl zur offenen Verandatür herein und überflutete das Krankenzimmer wie mit flüssig diamantenem Golde . Er schaute hinaus , hinaus ins Freie , faltete die hageren Hände und sprach , indem seine Stimme leiser und immer leiser wurde : » Ein Knabe - - - ein Kind - - - in solchem Lichte ! Ist dies das Leben - - - ? Ist es der Tod - - - ? Oder ist es beides - - - ? So , so will ich sterben und dann leben - - - als Kind - - - in diesem Lichte - - - im goldenen Morgenglanz - - - im ersten Sonnenstrahl - - - als Kind , als Kind ! « Hierauf schloß er die Augen , tat einen tiefen , tiefen Atemzug und schlief ein . Das Lächeln des Glückes aber wich nicht von ihm ; es spielte um seine Lippen weiter . Bald darauf stellte Tsi sich ein . Er winkte mir , auf der Veranda zu bleiben , und kam leisen Schrittes zu mir heraus . Ich berichtete ihm , was geschehen war . Er sagte zunächst nichts , sondern schaute still nach dort hinüber , wo die aufgegangene Sonne stand . » Wie richtig , wie richtig ! « erklang es endlich von seinem Munde , indem er wiederholt bestätigend vor sich hinnickte . » Was ? « fragte ich . » Daß Sie zu ihm gesagt haben , der Missionar sei umgekehrt . Ich glaubte , Ihnen heute früh eine Menge von Erklärungen geben zu müssen . Mit diesem einen Worte aber haben Sie mich all dieser Mühe enthoben . Wer so antworten kann , den brauche ich nicht erst noch zu unterrichten ! Ja , der Missionar ist allerdings umgekehrt , wie es scheint . Oder , um dasselbe mit noch anderen Worten zu sagen , will ich mich eines biblischen Ausdruckes bedienen , welcher außerordentlich bezeichnend ist : Der Missionar ist zu seinen Vätern gegangen , zu den Ahnen , von denen er stammte ! Wallers Vorurteil war das Vorurteil seiner Väter ; das wissen Sie ja längst . Es ist zu ihnen zurückgekehrt . « » Als der Letzte ihres Stammes , « fügte ich nachdenklich hinzu . Da machte er eine Bewegung nicht zu verbergender Ueberraschung und fragte schnell : » Was wissen Sie hierüber ? Ich erstaune , diese Bemerkung aus dem Munde eines Europäers zu hören ! Woher haben Sie erfahren , was es für dort bedeutet , hier der Letzte seines Stammes zu sein ? Ich habe gedacht , Ihr glaubt , der Tod mache einen Strich nur unter das Leben jedes Einzelnen . Wie wahrhaft christlich , daß Sie diesen Einzelnen entlasten wollen , wenn auch nicht ganz ! Und wie wahrhaft gerecht , Diejenigen herbeizuziehen , von Denen nicht nur die menschliche Form , der Körper stammt , sondern mehr , viel mehr ! Wenn man im Abendlande doch endlich einmal ernstlicher und besser nachdenken wollte über das , was man so unsinniger Weise als unsern Ahnenkultus bezeichnet ! « Er machte mit der Hand eine Bewegung , welche bedeutete , daß er zwar gern hierüber weitersprechen möchte , es aber lieber doch nicht tue . Dann fuhr er fort : » Wissen Sie , was Sie getan haben , als Sie Waller sagten , der Missionar sei umgekehrt ? « » Ja , « antwortete ich . » Und glauben Sie , richtig gesprochen zu haben ? « » Ich glaube es nicht nur , sondern ich bin überzeugt davon . Der Mensch ist kein willenloses Stein- , Ziegel- oder Holzgebäude , welches sich gefallen zu lassen hat , wer in ihm wohnt und jeden Winkel für seine besonderen Zwecke auszunutzen trachtet . Wir haben unsern eigenen Willen und sind auch sonst nicht ohne allen Schutz , mein lieber Freund ! « » Ja , das ist es , das ! Die Psyche ist etwas ganz Anderes , als man denkt , und den Geist kennt man sogar noch weniger als sie . Und weil man sich der richtigen Erkenntnis verschließt , zieht sich durch unser ganzes Leben eine große , endlose Versündigung , welche ihre Kralle nach jedem neugeborenen Menschen ausstreckt , um ihn sich ja nicht etwa entwischen zu lassen . Sie haben heut Nacht Großes , wahrhaft Großes gehört . Es waren Bibelsprüche . Soll ich sie Ihnen auslegen ? Nein ! Ich bin ja Heide ! Ein Anderer mag es tun , ein studierter christlicher Theolog , der sich hierzu ganz besonders berufen gefühlt hat , nämlich Waller selbst ! Er mag Ihnen an seinem Körper , an seinem Geiste und an seiner Seele demonstrieren , was ich Ihnen nur in Worten sagen könnte , die unzulänglich sind . Also lassen wir jetzt alles Reden , alle Theorie , und beobachten wir die Tatsachen ; ich meine das , was von nun an geschehen wird ! « » Sind Sie dessen so sicher , was geschehen wird ? « fragte ich . » Ja , « antwortete er . » Sie müssen bedenken , daß ich ihn schon volle zwei Wochen beobachtet habe , während Sie nur eine einzige Nacht bei ihm gewesen sind . Für jetzt nun wollen wir schließen . Schlafen Sie einige Stunden ! Ich bleibe hier , bis Mary kommt . « » Vorher noch eine Frage : Miß Mary sagte , ich würde wohl nicht erraten , womit sich ihr Vater in den Zwischenräumen tiefer Apathie beschäftigt . Was hat sie da gemeint ? « » Das geheimnisvolle Gedicht . Er bringt es sehr oft , natürlich , soweit er es kennt . Und da kann ich Ihnen eine psychologische Bemerkung machen , über die Sie sich wahrscheinlich wundern werden . Sie wissen , daß er offenen Geistes nur die vier ersten Zeilen gehört hat , damals in Kairo . Er interessierte sich für sie , las sie öfters durch und lernte sie auswendig . Die nächsten vier Zeilen fand sie bekannlich in ihrem Taschenbuche , als wir auf der Veranda des Hotel Rosenberg saßen . Ihr Vater hatte also nicht die geringste Ahnung von ihnen . Er sprach im tiefsten , körperlichen Schlafe die erste halbe Strophe so häufig vor sich hin , daß ich anzunehmen hatte , sie beschäftige ihn fast immerwährend . Etwas Unvollendetes quält , besonders einen derartigen Kranken . Darum wartete ich , bis er die ersten Zeilen wieder einmal brachte , und fügte sofort und schnell die folgenden hinzu , indem ich sie vorlas , langsam und deutlich , doch nur ein einziges Mal . Sein Körper war wie tot . Ich bemerkte nicht das geringste Zeichen , daß ich gehört worden sei . Ich berührte ihn an verschiedenen Körperpunkten . Ich machte jede mögliche Probe , ob er wachend sei ; doch er schlief , schlief fest und war nicht zu wecken . Aber als er dann einige Stunden später das Gedicht wieder brachte , kannte er die zweite Hälfte so genau wie die erste und hat auch seitdem kein Wort von ihr vergessen . Die eigentümlichen Umstände , unter denen er sie zu bringen pflegt , werden Sie noch kennen lernen . Nun aber gehen Sie ! Ich wünsche , daß Sie schlafen , wenn auch nur für kurze Zeit . « So mußte ich mich denn entfernen , obgleich ich noch einige weitere Fragen auf dem Herzen hatte , deren sofortige Beantwortung mir lieb gewesen wäre . Es war nicht leicht , mir über das , was ich in dieser vergangenen Nacht gehört hatte , klar zu werden . Besonders störte mich der Umstand , daß er in Reimen gesprochen hatte . Er war kein Poet ; aber von Mary erfuhr ich , daß ihre Mutter eine Dichterin gewesen