wir aber reiten nach dem Hasenpaß . « Man stieg zu Pferde . Der Scheik der Kalhuran that dies langsam und mit so vorsichtigen Bewegungen , als ob er sich dabei zu verletzen befürchte . Seine Frau , welche bisher kein Wort gesagt , sich aber außerordentlich wacker gehalten hatte , beobachtete ihn dabei mit liebevoll mitfühlenden Blicken . Während des Weiterrittes war er sehr still . Zuweilen biß er die Zähne zusammen . Kara , welcher das alles sah , dachte an die Erzählung des » Oberleutnants « und was im Zelte des Muhassil mit Hafis Aram geschehen war . » Hast du Schmerzen ? « fragte er ihn teilnehmend . Der Scheik zögerte mit der Antwort . Da aber ließ die Frau um erstenmal ihre Stimme hören : » Sagtet ihr nicht , ihr wüßtet , was sich in unserm Duar ereignet hat ? « » Ja . Der Offizier hat es uns erzählt . « » Und da fragst du , ob Hafis Aram Schmerzen leide ? Ich sage dir , er ist ein Held , den ich nicht genug bewundern kann ! Du hast gehört , wie scheinbar ohne Qual er sprach . Du hast ihn sogar heiter lächeln sehen . Und doch ist er am Leibe so blutig wund , daß es mich grauste , als er mir meine Bitte erfüllte , es mir zu zeigen . Man hat ihn geschlagen wie einen Hund . Man ist mit ihm - « Er unterbrach sie mit einer Handbewegung . » Darf ich , dein Weib , welches dich so innig liebt , dir nicht mein Mitleid zeigen ? « fragte sie . » Mitleid ? « antwortete er . » Ist es eine Ehre für einen Mann , bemitleidet zu werden ? « » Aber ich weiß , was für entsetzliche Schmerzen du so still zu tragen und zu beherrschen hast ! « » Du fühlst sie mit mir , weil du mich liebst , und dafür danke ich dir . Doch daß ein Mann , der Scheik eines Stammes , Schläge bekommen habe , das darf er in Gegenwart anderer selbst nicht aus dem Munde seines Weibes hören . Ich bitte dich also , jetzt nicht mehr davon zu sprechen . « Er reichte ihr seine Hand hinüber . Sie zog sie an ihre Lippen und küßte sie . Es lag ein so inniges und doch zugleich so stolzes Erbarmen in den Augen , die sie kaum von ihm lassen konnte . Und sie war keine Europäerin , sondern sie gehörte einem Volke an , welches man als » halb wild « zu bezeichnen pflegt ! Er aber gab sich nun doppelte Mühe , ihr keine Spur der Schmerzen , welche er als Mann und Krieger zu verheimlichen hatte , mehr sehen zu lassen . Man kam durch den Paß , ohne von etwas Erwähnenswertem gestört zu werden . Als man sich dem Ausgange desselben näherte , stieg Kara vom Pferde und reichte dem » Kinde « die Zügel , es zu führen . » Warum ? « fragte Tifl . » Ich will leise vorausgehen . « » Du denkst , daß sich Wächter da vorn befinden ? « » Hast du das nicht selbst für möglich gehalten ? Kommt langsam nach ! Ist niemand da , so haben wir nichts als nur eine kurze Zeit verloren . Wird der Paß aber bewacht , dann könnte uns ein unvorsichtiges Vorwärtsreiten teuer zu stehen kommen . « Er ging voran . Die andern hielten sich so weit hinter ihm , daß er den Hufschlag ihrer Pferde nicht hören konnte . Der Weg machte einige Windungen , welche verhinderten , ihm mit den Augen zu folgen . Als man an der zweiten Krümmung vorübergekommen war , sah man ihn an der dritten stehen . Er deutete warnend nach vorwärts und winkte mit der Hand , zu ihm zu kommen . » Hast du jemand gesehen ? « fragte der Scheik , als er ihn erreichte . » Ja . Es sind fünf Soldaten hier . « » Im Sattel ? « » Nein . Sie sitzen mitten auf dem Wege an der Erde , und ihre Pferde raufen zur Seite am Gestrüpp herum . « » Ich will sie betrachten , « sagte Tifl . Er stieg ab und schlich sich vorsichtig bis zur Krümmung hin . Indem er den Kopf nur bis zu den Augen vorstreckte , sah er , wer sich jenseits derselben befand . Dann kam er zurück . Er machte eine beruhigende Handbewegung und sprach : » Sie sind ganz ahnungslos und also ungefährlich . Wir reiten über sie hinweg . Das wird sie so erschrecken , daß wir schon fern von ihnen sind , ehe sie an ihre Waffen denken können . Darf ich voran ? « » Ja , « nickte der Scheik . » Wir folgen sofort hinter dir her . « Tifl schwang sich wieder auf . Dann schoß er auf seiner Stute hinter der Krümmung hervor , grad auf die Perser zu und in einem Bogen über sie hinweg . Sie schrien laut auf und wollten aufspringen , warfen sich aber , als sie noch die drei andern kommen sahen , statt dessen schnell glatt auf den Boden nieder . So kam es , daß sie von den Hufen der über sie hinwegspringenden Pferde nicht berührt wurden . Diese letzteren jagten noch eine ganze Strecke weiter und wurden erst dann , als man sich sicher fühlte , zu langsamerem Gange gezügelt . Nun schaute sich Kara nach den Wachen um . Sie hatten sich von ihrer Ueberraschung erholt , kamen aber nicht etwa hinterdrein , sondern sie galoppierten , den Paß verlassend , in nördlicher Richtung längs des Höhenzuges dahin . » Sie wollen melden , daß wir entkommen sind , « sagte der Scheik . » Ja , entkommen ! « fügte seine Frau hinzu , indem sie tief und erleichtert Atem holte . » Chodeh sei Dank ! Erst jetzt können wir in Wahrheit sagen , daß wir gerettet sind . O Tifl , Tifl , wie danke ich dir ! « Da zeigte » das Kind « die allerverlegenste seiner Mienen und antwortete , auf den Hadeddihn deutend : » Nicht mir gebührt der Dank , sondern diesem klugen Kara Ben Hadschi Halef Omar . Hätte er nicht zwei ledige Pferde mitgenommen , so wäre es uns unmöglich gewesen , euch zwischen den Reitern herauszuholen . « Da reichte der Scheik Kara seine Hand und sprach : » Verzeihe mir , daß ich jetzt keine lange Rede des Dankes halte . Ich bin sehr müd und möchte bald verbunden werden . Ich werde dich und diese drei herrlichen Tiere , so lange ich lebe , nicht vergessen . Nur mit solchen Pferden konnten wir gerettet werden ! Dein Dunkelbrauner ist köstlich . Wem aber gehören die beiden andern ? « Da kam Tifl dem Hadeddihn , welcher antworten wollte , schnell zuvor : » Versuche , es zu erraten , o Scheik der Kalhuran . « » Sollten diese Rappen zu dem Braunen gehören ? « fragte dieser . » Weiter ! « » Es gab einen schwarzen Hengst der Hadeddihn , der von keinem andern Pferde jemals besiegt worden ist . Er hieß Rih und wurde von Kara Ben Nemsi geritten , so oft dieser bei Hadschi Halef Omar war . « » So schau den Rappen an , auf welchem die Gebieterin deines Zeltes sitzt ! Er heißt Assil Ben Rih . « » So ist er Rihs Sohn ? Maschallah ! Und der andere Hengst ? Der mich jetzt trägt ? « » Sein Name ist Barckh . Er hat den berühmten Scheik der Hadeddihn zu uns gebracht . « » Was höre ich ! Haschi Halef Omar ist bei euch ? « » Ja . « » Aber zwei Rappen ! Wer reitet den andern ? « » Denke nach ! « » Sollte - - sollte Kara Ben Nemsi wieder einmal bei seinem Freunde sein ? « » Ja , auch er ist da . Und noch jemand ist da ! Du wirst sie alle sehen . Wir wollen nicht hier erzählen , denn wir müssen uns nur beeilen , wenn wir heimkommen wollen , bevor es ganz dunkel wird . « Es ging zunächst in nicht zu schnellem Gange über die tiefsandige Ebene hinüber . Hierbei verstand es sich ganz von selbst , daß zuweilen ein Blick zurückgeworfen wurde . Da waren nach verhältnismäßig kurzer Zeit die Kavalleristen zu sehen , welche von den Posten am Passe benachrichtigt worden waren . Sie kamen hinterher . Kara behauptete das ; der Scheik aber wollte es nicht glauben . So blieb man also für einige Augenblicke halten , um sie zu beobachten . » Es ist ja ganz unmöglich , daß sie auf den Gedanken gekommen sind , uns noch weiter zu verfolgen ! « ließ sich Hafis Aram hören . » Sie müssen doch eingesehen haben , daß sie uns auf ihren Gäulen nicht einholen können ! « fügte Kara hinzu . » Es ist nicht bloß das . Aber sie dürfen sich doch nicht auf das Gebiet der Dschamikun wagen ! « » Ist ihnen das verboten ? « » Ja . Der Ustad hat vom Schah-in-Schah das Recht erwirkt , kein bewaffnetes Militär bei sich zu dulden . Diese Soldaten befinden sich aber nicht bloß schon auf seinem Gebiete , sondern ich sehe es nun allerdings auch ganz deutlich , daß sie hinter uns dreingeritten kommen . Sind sie etwa so verwegen , uns bis zu den Wohnungen der Dschamikun zu verfolgen ? Fast scheint es so ! « » So ist also der Ustad hier alleiniger Herr ? « » Er gehorcht nur dem Beherrscher selbst . Das steht auf einem Pergament geschrieben und wurde von dem Schah-in-Schah eigenhändig unterzeichnet und besiegelt . Ich bin zwar seit heut der Blutrache verfallen , weil ich den Muhassil erschossen habe ; aber auf das Gebiet der Dschamikun darf mir kein Rächer folgen . Hier giebt es ewigen Frieden , der höchstens einmal von den Verachteten und Ausgestoßenen gebrochen werden kann , die keinem Gesetze gehorchen . Wenn diese Soldaten uns folgen , ohne dort an den Bergen ihre Waffen abgelegt zu haben , hat der Ustad das Recht , sie alle , vom ersten bis zum letzten niederschließen zu lassen ! Tifl , sag , was meinst du dazu ? « » Ich werde es gleich beim ersten Hause melden , damit in der kürzesten Zeit es alle wissen , « antwortete der Genannte . » So laßt uns also eilen ! Vorher aber sollst du mir sagen , o Scheik der Kalhuran , ob ich mein Versprechen erfüllen werde . Ich habe im Namen meiner guten Pekala beteuert , daß wir zur rechten Zeit daheim sein werden . « » Du hältst stets dein Wort , besonders aber wenn du es im Namen deiner Pekala giebst . So auch heut . « » Ich danke dir . Nun kommt ! « Sobald der tiefe Sand dieser Ebene in grasigen Boden überging , konnten die Pferde weit ausgreifen . Es dauerte dann nur noch kurze Zeit , bis man den See erreichte und mit ihm das erste Haus , an welchem Tifl anhielt , um die von ihm erwähnte Meldung abzugeben . Der Bewohner desselben war , so zu sagen , auf dieser Seite der Pförtner des Duars und hatte den die Sicherheit desselben betreffenden Nachrichtendienst zu verwalten . Als dies besorgt war , stand es fest , daß die Soldaten , falls sie wirklich kämen , den ihnen für solche Fälle vorherbestimmten Empfang finden würden , und Tifl konnte nun mit den drei Andern direkt nach dem » hohen Hause « reiten . Allen denen , die ihnen begegneten , fiel der ganz unerwartete Besuch Hafis Arams und seines Weibes auf , zumal er in dieser ganz seltenen Weise und ohne die imponierende Kamelsänfte geschah , aber es gab Keinen , der irgend ein Aufheben davon machte . Höchstens , daß hier oder da Einer stehen blieb , um den Reitern verwundert , aber still nachzuschauen . Das Gemeindeleben war hier eben ein anderes , geordneteres und darum auch ruhigeres als in den Dörfern anderer Stämme . - - - Das war es , was Kara während seines Rittes erlebt hatte . Er berichtete es mir später noch ausführlicher , als ich es hier erzählt habe . Dieser sogenannte Uebungsritt war also noch viel mehr geworden , als er ursprünglich hätte werden sollen . Was mich betrifft , so war mir während dieser Zeit nichts Besonderes begegnet . Mit der » festjungfräulichen « Köchin gab es ein kurzes Gespräch . Als sie bei ihrer Rückkehr aus dem Thale an mir vorübergehen wollte , nickte ich ihr freundlich zu . Dies veranlaßte sie , stehen zu bleiben . Sie machte die kleinen Aeuglein zu , um besser nachdenken zu können , welchen Gegenstand des Gespräches sie am liebsten wählen könne ; dann schlug sie sie wieder auf und fragte mich , natürlich in türkischer Sprache : » Effendi , kennst du Teheran ? « » Ja , « nickte ich . » Hast du dort Hagad , den Aschtschy108 gekannt ? « » Nein . « » Das ist schade , denn er war mein Vater . Hast du aber Machub Suleiman Effendi gekannt , welcher Sefir109 war ? « » Nein . « » Auch das ist schade , denn er war der Herr meines Vaters . Beide kamen nach Teheran , der Sefir , weil der Sultan ihn sandte , und mein Vater , um für ihn zu kochen . Meine Mutter war auch dabei , und als mein Vater ein Jahr lang für Machub Suleiman Effendi gekocht hatte , wurde ich geboren . « » So stammst du also nicht aus der Türkei , sondern aus Persien ? « » Ich stamme von meinem Vater und von meiner Mutter , und beide waren Osmanen . Ich habe als Kind meist türkisch mit ihnen gesprochen , und darum liebe ich noch heute diese meine Muttersprache sehr . Mein Vater kochte auch mit für meine Mutter , und da ich sein Liebling war , hat er mich alles gelehrt , was er konnte . Ich half ihm gern und überall , und als meine Mutter gestorben war , ließ er sein Harem für immer leer , und ich blieb mit ihm allein . Als der Sefir nach Stambul zurückkehrte , blieb mein Vater in Teheran , weil er Koch des Beherrschers wurde . Aber unsern Tifl kennst du wohl ? « » Natürlich ! Das weist du ja ! « » Er hieß damals anders ; aber ich habe ihn stets Tifl genannt . Manche heißen ihn El Aradsch , weil er hinkt . Ich glaube , seinen früheren Namen hat er ganz vergessen . Er kam mit anderen Kindern der Dschamikun nach Teheran , um Reitknecht des Schah-in-Schah zu werden . Er wohnte also im Ark110 , grad so wie ich , und wir wurden sehr bald und auch sehr gut mit einander bekannt , weil sein steter Hunger keinen Anfang und kein Ende hatte . Ich fütterte ihn und nannte ihn darum Tifl , das Kind . Alles , was er von mir bekam , schmeckte ihm köstlich , und weil dieses Wort in der türkischen Sprache pek ala heißt , so hat er mir den Namen Pekala gegeben . Daher kommt es , daß wir beide noch heut von jedermann Pekala und Tifl genannt werden . Mein Tifl war eigentlich nur für die Pferde geboren . Er wußte und wollte außer mir nichts anderes als sie . Und wie er sie liebte , so liebten sie ihn auch . Er war noch sehr klein , da that es ihm kein anderer Seïs gleich . Darum waren seine Vorgesetzten außerordentlich mit ihm zufrieden . Aber das rührte ihn nicht ; er achtete nur auf mich ; ein Lob von mir war ihm lieber als tausend andere . Ich erzog ihn aber auch sehr sorgfältig und erziehe ihn noch heut ! Ein Mann muß nämlich stets erzogen werden ! Man darf nur freilich nicht darauf achten , wenn er sich dagegen sträubt . Sie sind alle , alle fast noch wie die Kinder ! « » Auch der Ustad ? Oder der Pedehr ? « unterbrach ich sie . Diese meine Frage brachte sie sichtlich in Verwirrung . Sie sah mich verlegen an , rieb sich mit dem gebogenen Zeigefinger das kleine , unbedachtsame Näschen und ließ ihre runden Wänglein noch beträchtlich röter werden , als sie so schon waren . Dann warf sie plötzlich den Kopf zurück und verriet mir durch den triumphierenden Ausdruck , der sich ihres ganzen Gesichtes bemächtigte , daß sich unter der Ursprungsstelle ihrer langen Haarflechten ein rettender Gedanke eingefunden habe . » Das sind doch keine Männer ! « sagte sie . » Was denn ? « » Herren und Gebieter ! Du weißt doch , daß es zweierlei männliche Wesen giebt ! « » So ? « » Ja ! Nämlich solche , welche zu gebieten und solche , welche zu gehorchen haben . Die Herren sind schon erzogen ; die anderen aber müssen es sich gefallen lassen , daß man es mit ihnen thut . « » Und dazu seid wohl ihr Frauen da ? « » Ja ! Denn zur Erziehung eines Mannes gehört außerordentlich viel Liebe , Geduld und Energie , und diese drei sind nicht bei euch , sondern nur bei uns zu finden . Wenn du das nicht glaubst , so frage nur mein Kind ! Du wirst von ihm erfahren , was für Mühen und Sorgen mir seine Erziehung bereitet hat und auch heute noch bereitet . Es ist kein Spaß , die Mutter eines Jungen zu sein , der fast ganz genau so alt ist , wie ich selber bin . Er ist sogar einige Monate älter ! Ich sage dir , Effendi , es hat keinen geringen Kampf gekostet , mich bei ihm in Respekt zu setzen , denn er glaubte , daß die Pflicht des Gehorsams nach der Körperlänge zu bestimmen und zu bemessen sei . Er aß für drei oder vier Personen , und dadurch sammelte sich in seinem Körper jene heimtückische Kraft zum Wachstum an , welche ihn später so überaus schnell in die Höhe trieb . Es gab eine Zeit , in der ich , wenn ich genau aufpaßte , ihn wachsen sehen konnte . Ich aber blieb klein . Das kränkte mich . Ich wollte so gern in gleicher Länge mit ihm bleiben . Darum begann ich , ebenso viel zu essen wie er . Aber die Kraft wirkte bei mir nicht nach oben hinaus , sondern sie ging in die Breite und rundum im Kreise . Ich wurde kugelrund , anstatt mir seine schlanke Höhe anzueignen . Er war gezwungen , auf mich herabzuschauen , und das erweckte in ihm die Einbildung , daß er überhaupt und in jeder Beziehung über mir erhaben sei . Meine Fülle imponierte ihm nicht ; ja , er belächelte sie sogar . Wie mich das betrübte ! Ich mußte ja befürchten , daß er meiner mütterlichen Zuneigung gewiß noch ganz entwachsen werde . Diese fast täglich zunehmende Körperlänge entfremdete ihn mir mehr und mehr . Er wurde immer stolzer auf sie . Er sah gar nicht , wie sehr sie ihm schadete . Ein Pferdejunge hat bei seiner bestimmten Größe zu bleiben . Er aber schoß weit über die Achseln seiner Vorgesetzten empor . Das nahmen sie ihm übel . Seine Hosen waren stets zu kurz ; seine Aermel getrauten sich nicht über die Ellbogen hinaus . Das sah nicht schön , sondern häßlich aus , und darum wurde er mehr und mehr zurückgesetzt , obwohl er der geschickteste und gutherzigste von allen war . Das ärgerte ihn . Er wurde grob , besonders mit mir . Sein Magen blieb mir treu , aber sein Herz entfernte sich immer mehr von mir . So wären wir uns gewiß nach und nach immer fremder geworden , bis wir uns gar nicht mehr gekannt hätten , da aber trat ein Ereignis ein , durch welches die Verschiedenheit unserer Gestalten vollständig und für immer ausgeglichen wurde . Weißt du , daß der Islam den Wein verbietet , Effendi ? Der Kuran will es so . « » Nein ; der Kuran will es anders . « » Wieso ? Ich verstehe dich nicht . « » Die betreffende Stelle lautet : Alles , was betrunken macht , sei untersagt ! Also ist jeder betäubende Trank verboten , nicht aber der Wein besonders , falls man ihn so genießt , daß man nüchtern bleibt . « » Du magst recht haben . Aber ein kluger Muselmann hütet sich lieber gleich ganz vor ihm , weil der Betrunkene nicht eher von dieser seiner Betrunkenheit etwas weiß , als bis er wieder nüchtern ist . Dann macht ihm die Trübsal seines Jammers nicht nur dieses eine Wort , sondern den ganzen Kuran plötzlich heilig ! Aber der Schah-in-Schah hat zuweilen Gäste , welche nicht Muhammedaner sind . Er muß ihnen Wein geben , wenn sie bei ihm speisen . Darum giebt es einen Kabu111 , in welchem viele , viele Flaschen aufbewahrt werden , die bis zu den Hälsen herauf voll von den verschiedenen Betrunkenheiten sind . Der Weg von meiner Küche nach diesem Kabu war gar nicht weit , und es kam zuweilen vor , daß die Thür zu diesen Flaschen offen stand . Was glaubst du wohl , Effendi , was nun geschehen wird ? « » Tifl verläuft sich in den Keller ! « » Maschallah ! Woher weißt du das ? « » Ich vermute es . « » Er hat es dir nicht erzählt ? « » Nein . « » Das würde mich auch wundern , denn er spricht nie davon . Denn seine Scham über das , was er dort that , ist größer , als der ganze Keller ist ! Aber so schnell , wie du denkst , geht das nicht . Ich muß es dir genau der Reihe nach erzählen . Das Kind hatte am Mittag bei mir gegessen , ich weiß noch ganz genau , was für Speisen und wieviel . Soll ich es dir sagen ? « » Nein , ich danke dir . « » Ich hatte auch Dattelbrühe gemacht , über den dicken Reis zu gießen . Die war ihm zu dünn . Er zankte . Ich zankte wieder . Er wurde noch zorniger ; ich auch . Er saß am Boden , und weil er da nicht länger war als ich , so benützte ich das sehr eilig und geschickt und stülpte ihm den ganzen Topf mitsamt der Dattelbrühe über den Kopf . Sie lief ihm in die Augen , in die Ohren , in die Nase , in den Mund . Er begann zu schreien , zu husten , zu niesen . Der Topf paßte ihm nur ganz eng auf den Kopf . Er schob und schob , um ihn zu entfernen ; das ging sehr langsam . Sein Grimm wuchs , und ich bekam Angst . Ich glaubte , er werde sich dann mit dem Topfe an mir rächen . Ich floh also aus der Küche und versteckte mich . Erst nach langer , langer Zeit getraute ich mich zurück . Tifl war fort ; der Topf lag zerbrochen am Boden . Ich las die Scherben auf und gelobte mir , die Dattelbrühe künftig noch viel dünner zu machen , als sie heut gewesen war . Der Nachmittag verging . Die Zeit zum Abendessen kam , aber Tifl nicht . Da wurde ich traurig und nahm mir vor , die Brühe doch nicht dünner zu machen . Am nächsten Morgen war Tifl noch nicht da ; am Mittag auch nicht . Da grämte ich mich , denn ich sah ein , daß die Dattelbrühe viel , viel dicker sein müsse . Als dann am Abend und wieder am Morgen das Kind immer noch nicht kam , gelobte ich mir , die Brühe noch dicker als den dicken Reis zu machen . Ich weinte . Aber das half nichts , denn früh fehlte Tifl immer noch . Nun erkundigte ich mich nach ihm . Niemand hatte ihn gesehen . Man suchte , aber man fand ihn nicht . Wie ich mich da grämte ! Ich suchte die weggeworfenen Scherben wieder zusammen , sah sie traurig an und kam zu dem Entschlusse , sobald er wiederkehre , eine so dicke Dattelbrühe zu machen , daß man sie als Reitsattel auf den Rücken eines Kamels schnallen könne . Das half ! Denn kaum hatte ich das gedacht , so kam der Märd-y-Scharab112 in die Küche gelaufen und meldete ganz außer Atem , daß Tifl gefunden worden sei . Er liege jammernd im Keller und könne nicht herauf , weil er ein Bein gebrochen habe . Weißt du , was ich that , Effendi ? « » Du liefst in den Keller ! « » Ich lief ? O , ich glaube , ich bin geflogen ! Ja , mein Tifl lag unten . Er war grad wieder nüchtern geworden . « » Nüchtern ? War er denn betrunken gewesen ? « » Wie kannst du fragen ! Wenn ihr Männer zornig seid , thut ihr alles , was verboten ist ! Der Zorn ist ja schon an sich nichts weiter , als eine Art von Rausch , von Betrunkenheit , und wenn dann so ein vom Zorne berauschtes Kind gar noch die Thür des Kellers offen findet , so kann man sich denken , daß es nicht vorübergeht . Tifl war also hinabgestiegen . Du weißt , was er für ein Esser war . Meinst du , daß er nicht trinken konnte ? Es lagen zehn oder zwölf leere Flaschen neben ihm . « » Wie hatte er sie geöffnet ? « » Die Hälse fehlten . Er hatte sie abgeschlagen . Aber wie er das gemacht hatte , das wußte er nicht mehr . Er erinnerte sich nur , großen Durst gehabt und viel , sehr viel getrunken zu haben . Erst später fiel ihm ein , daß er die vielen steilen Stufen heraufgestiegen , aber wieder hinabgefallen sei . Dabei hatte er das Bein gebrochen . Es war ihm unmöglich gewesen , aufzustehen . Er glaubte , daß er dann weitergetrunken habe , bis er eingeschlafen sei . Aber welch ein Schlaf ! Erst dem Märd-y-Scharab war es gelungen , ihn durch fortgesetztes Rütteln aufzuwecken . « » Er wird inzwischen doch zuweilen für kurze Zeit erwacht sein . Stand es gefährlich mit dem Bein ? « » Es war unterhalb des Knies gebrochen und so sehr geschwollen , daß der Hekim 113 , welcher gerufen wurde , sagte , er könne nicht eher etwas thun , als bis diese Geschwulst verschwunden sei . Dadurch ist das Bein kürzer geworden . Das Kind hinkt und wird deshalb von vielen Leuten El Aradsch , der Lahme , genannt . Aber eine Schwäche ist nicht zurückgeblieben . Tifl springt und reitet ebenso schnell und ebenso vortrefflich wie vorher , doch Saïs konnte er nun als Hinkender unmöglich werden . « » Ich vermute , du hast ihn gepflegt ? « » Natürlich ! Kein anderer Mensch durfte ihn berühren ; ich duldete es nicht . Ich war ja schuld an seinem Zorne , in dem er that , was er sonst gewiß unterlassen hätte . Und - - und - - darf ich dir etwas anvertrauen , Effendi ? « » Warum nicht ? « » So will ich dir sagen : Dieser Unfall hat mich mit meinem Tifl für immer so vereint , daß er mir gehorcht in allen Stücken , außer - - außer - - wenn er auf dem Pferde sitzt . Dann ist er der Herr ; dann habe ich nichts zu sagen , ihm nichts zu befehlen . Er schämt sich noch heute jener Betrunkenheit . Ich brauche sie nur so von weitem zu erwähnen , so thut er alles , was ich will , nur damit ich schweige . Ist das im Abendlande , wo man alles , was man will , trinken darf , ebenso ? Ist auch dort der Rausch der Vater und die Betrunkenheit die Mutter so fortgesetzter Scham ? « Welche Antwort hätte ich auf diese Frage wohl geben können ! Glücklicherweise wartete Pekala sie gar nicht ab , sondern fuhr in ihrem Eifer sogleich fort : » Wie dankbar mein Tifl damals war , und wie dankbar er jetzt noch ist ! Er haßt und verachtet die Undankbarkeit ebenso wie ich . Wir haben beide einander gesundgepflegt , erst ich ihn und dann er mich . « » Auch du wurdest krank ? « » O , wie sehr ! Nicht mein Körper , sondern meine Seele . Kaum konnte Tifl wieder gehen , so trat der Tod zu uns und nahm mir meinen Vater . Weißt du , was das heißt ? Ich hatte nur diese beiden , den Vater und das Kind , weiter keinen Menschen . Ich hatte nur für diese zwei gelebt . Als Vater tot war , wollte ich auch sterben , wollte ihm nach , wollte zu ihm . Ich weinte und jammerte den ganzen Tag ; ich durchwachte alle Nächte . Man lachte über mich ; nur Tifl lachte nicht . Aber er gab mir auch nicht Recht . Er schalt mich aus . Da wollte ich über ihn zornig werden , that es aber nicht , denn wir hatten uns mit Hand und Mund versprochen , nie wieder zu zanken , und das hielten wir . Er dachte über den Tod ganz anders