Du hast mit ihm gekämpft , solange du lebst ; er hat dich oft zum Fall gebracht , doch standest du immer wieder auf , gehoben von deinem eigenen Willen und gehalten von der unsichtbaren Hand , die dich beschützt . Diese Hand ist ohne diesen deinen Willen schwach ; mit ihm vereint aber wird sie riesenstark . Darum leiste auf dein Wollen nie Verzicht ; es wird im Schutz des Himmels zum Vollbringen ! Dein Wille , der nach der Vereinigung mit Gottes Willen strebt , gewinnt durch diese Vereinigung eine Macht , welcher das Böse zwar widerstreben kann , doch endlich unterliegt . El Aschdar ist ein unermüdlicher und starker Feind , der immerwährend auf der Lauer liegt . Auch dich hat er nicht etwa freigegeben ; er wartet nur , und kommt der Augenblick , an dem du eine Schwäche deiner Seele zeigst , so schlägt er seine Krallen plötzlich ein , und dann beginnt der schwere Kampf mit seiner Macht von neuem . Ich seh ' ihn lauern hier an deinem Wege ; schon speit er seinen Geifer dir entgegen ; es kommt mit ihm bald zum Zusammenprall ; drum sei darauf bedacht , daß du dich seiner wehrst ! « Als er jetzt für einen Augenblick innehielt , schwebte mir eine Erkundigung auf der Zunge . Als ob er diesen meinen Gedanken lesen könne , sagte er : » Wer dieser Drache ist , das möchtest du gern wissen ? « » Ja , « antwortete ich . » Der Abfall ist ' s von Gott . Nicht nur der äußere Uebertritt von einem Glaubenspfad zum andern ist gemeint ; El Aschdar ist das Renegatentum vom Reiche , dessen Bürger du jetzt bist , nach dem Gebiete der Lieblosigkeit . Hab acht , daß du den ersten Schritt nicht thust ! Ihm folgt der andre nach , und ehe du es merkst , daß du den Pfad verlassen hast , bist du schon fern von ihm . Ich warne dich nicht nur in diesem Augenblick . Zwar werde ich dich heut verlassen müssen , doch führt mein Weg mich wieder zu dem deinen . Ich wurde jetzt gebeten , dir zu sagen , daß du dem Drachen grad entgegengehst . Es ist ein Kampf mit ihm nicht zu vermeiden , und darum soll ich dir ein Zeichen geben , wenn er die Tatzen hebt , um dich zu fassen . Du wirst mich im Momente der Gefahr das Wort El Aschdar dreimal rufen hören . Sobald du es vernimmst , weich schnell zurück vor dem Entschluß , den du vollbringen willst ; er würde dich ins unvermeidliche Verderben führen ! « Er hatte die Hand erhoben und so dringend gesprochen , als ob es sich wirklich um eine Gefahr für mich handle . Nun ließ er die Hand wieder sinken und sprach mit weniger lauter Stimme : » Der schwache Körper , welcher vor dir steht , ist durch Verführung dir zum Feind geworden ; ich bitte dich , entzieh ihm dennoch nicht die Liebe , deren er so sehr bedarf , dahin zu kommen , wo er landen soll ! Zusammen hab ich dich mit ihm geführt , zum Heile ihm und dir zur schönen Uebung . Verzeih ' ihm , was er nur im Irrtum thut , und bleib ihm Freund trotz seines Widerstrebens ! Ich weiß im heiligen Mekka ein Gemach , in dem drei Decken des Gebetes liegen ; von roter Farbe zwei , die sind es nicht ; der Grund der mittleren ist blau gefärbt , gestickt mit goldnen Sprüchen des Kurans ; das ist die richtige ; dort findest du das Ziel schon deiner jetzigen Gedanken und auch zugleich den Schlüssel für die That , die ihm den Glauben bringt und euch die Rettung . - Nun hab ich dir das Nötige gesagt . Geh ' also hin , wo man dich schon erwartet ! Halt ' fest an dem , was dir gegeben ist , und bleib ein guter Mensch ! Leb wohl , doch nicht für immer ! « Nach diesen Abschiedsworten verließ der Münedschi die Stelle , an welcher er stand . Er schritt an mir vorüber und ging zurück , geraden Weges wieder auf den Brunnen zu . Ich hatte mit dem Rücken nach dieser Gegend gestanden . Als ich mich umdrehte , sah ich die Beni Khalid kommen , im Westen des Brunnenfelsens , also so , wie es dem Boten gesagt worden war . Meine Anwesenheit war also dort geboten . Hatte das der Blinde gemeint , als er sagte , ich solle dahin gehen , wo man mich schon erwarte ? Sonderbar ! Ich ging also , ohne Zeit zu haben , über das nachzudenken , was mir gesagt worden war . Freilich wollte sich mir ganz besonders das einprägen , was ich über das Gemach in Mekka gehört hatte . Das war ja wie eine Prophezeiung gewesen ! Drei Decken oder Teppiche des Gebetes , der mittlere blau mit goldgestickten Kuransprüchen ! Dieser mittlere sollte es sein . Was denn ? Meine Gedanken seien schon jetzt auf dieses Ziel gerichtet ! Ich hatte allerdings schon wiederholt im stillen die Idee gehabt , daß El Ghani , welcher den Blinden so auszunützen wußte , auch schuld an den großen Verlusten sei , über welche der Münedschi geklagt hatte . War etwa das gemeint ? Und Rettung sollten wir durch diesen Teppich finden ? Rettung kann sich nur auf eine Gefahr , eine Not , eine Bedrängnis , überhaupt auf etwas nicht Wünschenswertes beziehen . Erwartete uns dort so etwas ? Denkbar war dies allerdings , zumal nach dem Zusammentreffen mit El Ghani und seinen Leuten ! und El Aschdar , der Drache ! Er laure schon auf mich , und der Zusammenstoß mit ihm sei unvermeidlich ! Ich mußte dieses Sinnieren aufgeben , weil mich jetzt die Wirklichkeit mit ihren Anforderungen mehr als zur Genüge in Anspruch nahm . Die Beni Khalid kamen nicht gegangen , sondern geritten ; sie brachten ihre Kamele und die ganze Bagage mit . Daraus war zu schließen , daß sie sich des Sieges bewußt waren und dann gleich den Platz des Brunnens besetzen wollen . Einstweilen ließen sie ihre Tiere draußen jenseits des Felsens lagern und kamen dann herbei , um sich so aufzustellen , wie der Bote es ihnen sagte . Wenigstens sah ich , daß er sie nach der Westseite des von uns gezogenen Kreises führte und sprechend und rufend dort hin und her ging . Es schien uns also gelingen zu sollen , die Sonne hinter uns zu haben . Ihr Scheik war in stolzer Zurückhaltung einstweilen noch bei den Kamelen geblieben . Unsere Haddedihn ordneten sich auch bereits hüben auf unserer Seite . Sie hatten eine Decke ausgebreitet , auf welcher Hanneh saß , um dem Kampfe zuzuschauen . So befand sich also am Brunnen jetzt niemand , denn auch die Mekkaner waren fort . Halef hatte ihnen während meiner Abwesenheit gesagt , daß sie thun könnten , was ihnen beliebe , und so sah ich sie jetzt nach der Rückkehr des Münedschi mit ihm hinüber zu den Beni Khalid ziehen . Sie hatten ihre Tiere mit . Der Schatz , um den es sich handelte , befand sich selbstverständlich in unserer Verwahrung . Ich holte vor allen Dingen meinen fünfundzwanzigschüssigen Stutzen . Als Halef mich mit diesem Gewehre kommen sah , dem wir schon manche Rettung aus verwickelter Lage verdankten , sagte er : » Recht so , Sihdi ! Der Häuptling ist zwar sehr eifersüchtig auf seinen Ruf , daß er sein Wort nie breche , aber man kann diesen Beni Khalid doch nicht trauen . Wenn sie nicht Sieger werden , kann die Aufregung sie leicht zu Gewaltthätigkeiten führen , welche er nicht zu verhindern vermag . Da ist dein Stutzen das beste Mittel , sie in Schach zu halten . Dein Platz ist hier neben Hanneh . Khutab Agha wird an ihrer andern Seite sitzen . « Bei uns hier hüben herrschte Ruhe , bei den Beni Khalid aber eine ungemeine Beweglichkeit und Aufregung ; es dauerte lange , ehe sie sich gelegt hatte . Endlich hatten sie sich in einem großen Kreisbogen niedergesetzt , in dem es , der fliegenden Kugeln und Speere wegen , eine Lücke gab , damit kein Nichtkämpfer verletzt werden könne . Nur drei saßen nicht . Sie gingen mit stolzen Schritten und herausfordernden Gesten hin und her . Das waren unsere Gegner ; der Wassermann befand sich bei ihnen . Nun kam endlich auch Tawil Ben Schahid . Er betrat den Kreis und ging langsam und würdevoll nach der Mitte desselben . Seine drei Helden folgten ihm . Er erwartete , daß wir zu ihm kommen würden , und wir thaten es . In seinem von den gestrigen Hieben geschwollenen und gefärbten Gesichte war nichts als Haß zu lesen , aber hinter äußerlicher Ruhe versteckt . » Es ist verboten , beleidigend zu sprechen , « sagte er . » Darum werden wir so wenig wie möglich reden und euch lieber unsere Thaten zeigen ! « Es schien uns imponieren zu wollen und eine Antwort zu erwarten . Als wir nichts sagten , fragte er : » Ihr kennt die Bedingungen ? « » Ja , « antwortete Halef kurz . » Es wird nicht geschont . Tot wollen wir euch sehen oder doch wenigstens so schwer verwundet , daß ihr euch nicht vom Boden erheben könnt und nachträglich elend zu Grunde gehen müßtet , wenn wir euch nicht sogleich vollends töteten ! « » Du sprichst nur davon , was ihr thun werdet . Ich sage nur , daß wir euch schonen werden . Wir trachten nicht nach Mord und Blut . « » Das kannst du wohl sagen , weil ihr gar nicht dazu kommen werdet , Schonung an uns zu üben ! Wir wollen losen . Wo sind eure Kämpfer ? « » Hier wir drei . « » Dieser Knabe auch ? « » Ja . « » Ihr seid verloren ! Allah hat euch schon bei der Wahl den Verstand so verfinstert , daß eure drei schwächsten Personen ausgesucht worden sind ! Die Lose habe ich hier ; es sind drei Hölzchen ; das längste ist die Flinte , das kürzeste das Ringen und das dritte der Dscherid . Zieht . « Er hielt ihm die Hand hin , aus welcher die Enden der Lose hervorragten . Als sie gezogen hatten , sah mich Halef fröhlich lächelnd an , doch ohne ein Wort zu sagen . Unsere Wünsche waren erfüllt , denn auf ihn fiel der Speer , auf Kara das Gewehr und auf Omar der Ringkampf . Der Scheik hatte das Lächeln doch bemerkt . Er sagte : » Laß deine Fröhlichkeit ; du solltest lieber weinen , denn ihr habt die Lose des unvermeidlichen Todes gezogen . Ich werde den Kampf selbst überwachen . Erst wird geschossen , dann der Dscherid geworfen und zuletzt gerungen . Wir beginnen gleich , denn wir haben keine Lust , zu warten ; in einer Viertelstunde seid ihr alle drei über die Brücke des Todes gegangen ! Dann aber erwarte ich , daß ich den Kanz el A ' da bekomme ! Was versprochen und gar noch mit einem Schwur bekräftigt worden ist , das muß gehalten werden . Versprecht es mir nochmals ! « » Wir halten unser Wort , « erklärte Halef . » Und du ? « » Ich auch . Der Sieg ist uns zwar gewiß , aber für den Fall , daß er uns nicht wird , habe ich versprochen , diese Gegend mit meinen Kriegern sofort zu verlassen und für den heutigen Tag Frieden zu halten . Das würde ich thun , denn Tawil Ben Schahid , der berühmte Scheik der Beni Khalid , hat noch nie sein Wort gebrochen , und so wäre ihm auch der heutige Schwur heilig . Jetzt werde ich sechzig Schritte abmessen . « » Und die Kugeln vorzeigen ! « erinnerte Halef . » Das thue ich nicht . Ich gebe euch mein Wort , daß nur mit Kugeln geschossen wird , und das muß euch genügen . Wir wollen nicht verwunden , sondern töten ; da kann es uns gar nicht einfallen , Schrot zu nehmen . « Das war uns auch recht , denn wie hätten wir ihm beweisen wollen , daß Karas Patronen keinen Schrot enthielten ? Die Entfernung wurde abgeschritten , und die beiden Schützen stellten sich auf . Wir hatten auf unserer Linie hinter Kara auch einen freien Raum gelassen , um von den ihr Ziel verfehlenden Kugeln nicht getroffen zu werden . Der betreffende Ben Khalid schwang sein Gewehr und warf , wie das bei den Beduinen so gebräuchlich ist , seinem Gegner eine Menge Ausrufe zu , welche sich auf seine angebliche unübertreffliche Fertigkeit im Schießen bezogen . Beleidigend aber wurde er nicht . Man schien also entschlossen zu sein , die gestellten Bedingungen auch in dieser Beziehung einzuhalten . Kara sagte nichts . Nun setzte ich mich mit dem Perser zu Hanneh . Sie schaute unbesorgt und munter drein und sagte : » Sihdi , es giebt in mir , vielleicht auch in jedem andern Mutterherzen , eine Stimme , welche mich zu warnen pflegt , wenn meinem Sohn Kara etwas Unerwünschtes begegnen soll . Ich habe dann eine ungewisse Angst in mir , welche mir die Ruhe raubt , bis das Ereignis vorüber ist . Da ich diese Stimme jetzt nicht vernehme , so bin ich überzeugt , daß Kara sich außer aller Gefahr befindet . Darum bin ich heiter und lasse Allah walten ! « Jetzt gab Tawil Ben Khalid das Zeichen , daß das Schießen begonnen werden könne . Wann und in welcher Reihenfolge dies zu geschehen habe , darüber war nichts gesagt worden . Es konnte sich jeder der beiden Duellanten verhalten , wie ihm gutdünkte . Der Ben Khalid hielt seinen Körper in einer herausfordernden Stellung , als ob er erwarte , daß zunächst auf ihn geschossen werde . Dies geschah aber nicht . Da wurde ihm die Zeit zu lang , er legte sein Gewehr an und zielte . Ich richtete nun meine Augen auf Kara , ob ein Zucken seines Körpers uns sagen werde , daß er getroffen worden sei . Der Schuß krachte . Kara stand still und machte erst nach kurzer Zeit , sich zu uns umdrehend , eine Handbewegung der Geringschätzung für die Gegner und der Beruhigung für uns . Die Kugel war vorübergegangen . Halef , welcher mit Omar Ben Sadek neben uns stand , sagte , indem er in väterlichem Stolze glücklich lächelte : » Seht ihr ihn stehen ? Wie eine Mauer ! Er hat nicht mit einem Finger gezuckt , als der Schuß fiel ! Wenn das der beste Schütze ist , den die Beni Khalid haben , so dürfen sie sich vor uns nicht sehen lassen . « » Ob unser Sohn ihm wohl den Schuß zurückgeben wird ? « fragte Hanneh gespannt . » Ich glaube es nicht , denn er hat das Gewehr an den Fuß genommen und rührt sich nicht . Allah , Allah ! Ich danke dir ! Wie getrost und stolz er dasteht ! Es ist eine Wonne , ihn zu sehen ! Du siehst hier , Effendi , die Erfolge deiner und meiner Lehren . Wie freue ich mich über ihn ! Er zeigt , daß er einem Stamm angehöre , dessen Kriegern eine pfeifende Kugel ist wie nichts . Er macht uns Ehre , wirklich Ehre ! Schaut doch dagegen den andern an ! « Ich konnte die Gefühle meines Halef und seiner Hanneh gar wohl begreifen ; war es doch jetzt das erste Mal , daß ihr Liebling sich im offenen Zweikampfe zu bewähren hatte ! Wenn man das lebhafte Temperament des Beduinen in Rechnung zieht , so war die kalte Ruhe , welche der Jüngling zeigte , sehr anzuerkennen . Ein anderer hätte lebhaft gejubelt und seine Freude über die Vergeblichkeit des Schusses in lärmender Weise geäußert . Diese Ruhe und Stille herrschte überhaupt auf unserer ganzen Seite . Nicht so bei den Beni Khalid , welche in ein zorniges Geschrei der Enttäuschung ausgebrochen waren . Viele von ihnen waren aufgesprungen und zeigten durch ihre lebhaften Gestikulationen , wie erregt sie waren . Das mußte doch dem Schützen die für ihn so notwendige Kaltblütigkeit und Fassung rauben . Der Scheik rief ihm laut schallende Vorwürfe zu , die er mit ärgerlichen Entgegnungen beantwortete , indem er wieder lud . Als er das gethan hatte und also wieder schußfertig war , trat drüben wieder Stille ein . Er forderte Kara auf , ihm nun auch eine Kugel zuzusenden ; dieser antwortete nicht und blieb so unbeweglich stehen , als ob er auf seiner Stelle festgewachsen sei . So verging eine längere Zeit . Da rief der Scheik dem Vertreter der Ehre seines Stammes zu : » Dieser Knabe der Haddedihn getraut sich gar nicht , zu schießen ; er hat es gar nicht gelernt ! Wir haben keine Zeit ! Schieß du , schieß wieder ! Aber mach es besser als vorhin , sonst wirst du heimgeschickt zu den kleinen Knaben , die noch nichts gelernt haben ! « Er sagte sich nicht , daß er durch solche Drohungen den Mann aufregen müsse . Dieser antwortete mit einem unwilligen Ausrufe und riß sein Gewehr wieder empor . Er zielte dieses Mal länger als vorher ; dann knallte der Schuß - - - Kara machte ganz dieselbe Bewegung der Hand ; er war wieder nicht getroffen worden . Nun erhob sich drüben ein größeres Geschrei als vorher . Da drehte sich der unglückliche Schütze nach seinen Leuten um und rief ihnen so laut zu , daß wir es hören konnten : » Haltet die Mäuler ! Wer soll da ruhig zielen und schießen können , wenn euer Gebrüll die Arme zittern macht ! Ich schwöre bei Allah , daß die dritte Kugel nicht vorübergehen wird ! Jetzt gilt ' s , und darum muß und wird sie treffen ! « Er lud sehr sorgfältig und legte das Gewehr dann sogleich wieder an , ohne zu warten , ob Kara nun vielleicht schießen werde . Er zielte diesmal viel , viel länger als vorher , so lange , daß die Anlage unruhig werden mußte . » Er trifft wieder nicht ! « sagte Hanneh . » Der Mensch ist kein Schütze ! « nickte Halef vergnügt . » Er müßte wieder absetzen , um den Arm ausruhen zu lassen ! Doch nein , da - - - da - - - ! « Der Schuß war gefallen , und auch diese dritte Kugel hatte ihr Ziel verfehlt . » Hamdulillah ! « rief Halef aus . » Hanneh , du lieblichster Abglanz meiner Seele , siehst du ihn stehen , unsern Herzenssohn ? Ungetroffen , unverletzt und ruhig , als ob er nur Luft vor sich gehabt habe , nicht aber den besten Schützen des Stammes der Beni Khalid und nicht ein auf sich gerichtetes Gewehr , aus dessen Lauf der Tod ihn treffen sollte ! Ich bin stolz auf ihn , sehr stolz ! Du doch auch ? « » Ja ; er ist dein Ebenbild ! « antwortete sie . » Ich danke dir ! In Beziehung auf die Tapferkeit ist überhaupt jeder Krieger der Haddedihn mein Ebenbild , und Kara ist ein Haddedihn ; da braucht man sich gar nicht zu wundern ! « Auf der uns gegenüberliegenden Seite gab es andere Worte als hier bei uns ; da herrschte ein Tumult , der gar kein Ende nehmen wollte . Kara hatte uns auch jetzt die schon zweimal erwähnte , verächtliche Handbewegung zugeworfen ; nun schob er den einen Fuß von dem andern ab , und stützte sich auf sein Gewehr , um zu warten , bis bei den Beni Khalid wieder Ruhe eingetreten sei . » Effendi , « fragte mich Halef , » siehst du ihm nicht auch ganz deutlich an , daß gleich seine erste Kugel grad da sitzen wird , wo er will ? « » Er wird keinen Fehlschuß thun , « antwortete ich . » Er hat sich das zu Herzen genommen , was du in Beziehung auf den Speerkampf sagtest , nämlich , daß du warten würdest , bis der Gegner keine Lanze mehr habe . So hat auch er seine Kugeln aufgehoben , und ich bin bereit , zu wetten , daß er nur die erste braucht . Wettest du mit ? « » Nein . « » Aber so thue es doch ! « » Nein . Du weißt ja , daß ich niemals wette . « » Allerdings ; aber jetzt solltest du doch gegen mich setzen ! « » Wie kann ich das , da ich doch ganz derselben Ansicht bin wie du ? « » Ja , richtig ! Also wetten wir nicht ! Paßt auf , ihr Leute ! Er hat uns gesagt , daß er nun zeigen will , was er , den man einen Knaben nannte , gelernt hat . « Kara hatte sich umgedreht und uns zugenickt . Drüben war es endlich wieder still geworden . Der Beni Khalid stand auf seinem Platze , und es war ihm anzumerken , daß er sich da doch nicht ganz behaglich fühle . Doch machte er mit dem Arme eine auffordernde Geste durch die Luft und rief : » So schieß doch nur ! Getraust du dich denn gar nicht , ein Gewehr in die Höhe zu nehmen ? Dir zittern wohl alle Glieder vor Angst , den Knall des Pulvers zu hören ? Fürchte dich nicht , mein Knabe ! Deine Kugel gilt ja nicht dir , sondern mir , und die Luft da um mich her hat Platz genug für sie ! « Da sagte Kara sein erstes Wort , und zwar in so gelassener Weise , daß wir uns alle darüber freuen mußten : » Diese Luft hat keinen Raum für sie , denn die Stelle , wo meine erste Kugel sitzen wird , liegt nicht in der Luft , sondern in deinem Körper . Ihr trachtet nach unserm Leben , wir aber nicht nach dem eurigen . Ich werde dir also das deinige schenken ! « » Ich brauche nicht geschenkt zu nehmen , was mir überhaupt gehört und nicht von dir genommen werden kann . Prahle also nicht , sondern schieß ! « » Ich werde dir beweisen , daß ich es dir nehmen könnte , wenn ich wollte . Ich sage dir vorher , daß ich dich in das Knie schießen werde . Ebenso gut aber würde ich dich in den Kopf oder in das Herz treffen ! « » Schieß , schieß , sage ich ! Ich warte mit Ungeduld darauf , um dich dann auszulachen ! « Das war natürlich nur Redensart , denn daß er Angst hatte , getroffen zu werden , zeigte er dadurch , daß er jetzt eine Stellung einnahm , welche zur Folge hatte , daß er seinem Gegner so wenig wie möglich Körperfläche zum Zielen bot . Er kehrte ihm nämlich nicht den Vorderkörper , sondern die Seite zu . Als ich das sah , mußte ich an meinen dann so vielbesprochenen Schuß denken , mit welchem ich Tangua , dem Häuptling der Kiowa-Indianer , beide Kniee zerschmetterte136 und infolgedessen Mitglied des Apatschenstammes wurde . Tangua hatte damals dieselbe Stellung gewählt , um nicht getroffen zu werden , und sie trotz meiner Warnung beibehalten ; die Strafe war für diese Unredlichkeit gewesen , daß ihm meine Kugel nicht bloß durch eines , sondern durch beide Kniee gegangen war . Genau denselben Schuß konnte Kara jetzt auch thun , und ich traute ihm allerdings zu , denselben Erfolg zu haben . » Warum stellst du dich anders , als ich gestanden habe ? « fragte er . » Ich thue , was ich will ! « » Du fürchtest dich ! « » Laß dich nicht auslachen , unerfahrener Junge ! Ich werde sogar selbst zählen ! Also : Eins - - - - zwei - - - ! « Da nahm Kara sein Gewehr nicht langsam und bedächtig auf , um nach Beduinen- oder überhaupt gewöhnlicher Weise zu schießen , sondern er bediente sich der schnellen Tempi der amerikanischen Westmänner , die er nach meiner Anleitung eingeübt hatte . Das Schießen auf diese Art scheint schwerer zu sein , ist es aber nicht ; es erfordert allerdings eine nur durch lange Ausdauer zu erreichende Fertigkeit , bietet dafür aber eine um so größere Treffsicherheit . Er warf , als der Ben Khalid » Eins ! « sagte , das Gewehr empor , hatte es bei » Zwei ! « im Anschlage , und bei » Drei ! « krachte , ganz genau nach dem höhnischen Kommando , der Schuß , so daß das Wort gar nicht zu hören war . Fast in demselben Augenblicke warf der Ben Khalid beide Arme hoch in die Luft , taumelte einmal hin und einmal her und stürzte dann zur Erde , von welcher er sich nicht mehr erheben konnte . Kara hatte ihn wirklich durch beide Kniee getroffen ; es war ein Meisterschuß gewesen ! Für einige Augenblicke war alles still ; darum hörte man die lauten , stolzen Worte des Siegers : » Der unerfahrene Junge hat sein Wort gehalten . Es fließt das Blut ; folglich ist dieser Kampf zu Ende . Der Besiegte gehört nun mir ; aber ich schenke ihm die zweite und die dritte Kugel und mit ihnen das Leben . Kara Ben Halef ist ein Krieger , aber kein Mörder ! « Hierauf drehte er sich um und kam mit ernstem und doch freudestrahlendem Gesicht auf uns zugegangen . Drüben waren alle Beni Khalid aufgesprungen ; sie rannten zu dem Verwundeten . Diese hinderte von Stimmen vollführten einen wahren Höllenlärm , um den wir uns aber nicht kümmerten . Halef drückte seinen Sohn an das Herz und küßte ihn wohl zehnmal auf die Wangen . Als er sich vor der Mutter niederbeugte , legte diese ihm die Hand wie segnend auf das junge Haupt und sagte in überquellender Zärtlichkeit : » Ich wußte , daß du siegen und auch nicht verwundet würdest . Mein Sohn , du hast alle , alle unsere Hoffnungen so schön erfüllt . Deine Eltern und der ganze Stamm der Haddedihn sind stolz auf dich ! Allah behüte und beschirme deine Wege ! « Ich drückte ihm nur still die Hand und nickte ihm anerkennend zu . Da sah er mir so ernst in die Augen und sagte : » Sihdi , weißt du , was ich dachte , als ich dort stand und auf seine erste Kugel wartete ? « » Nun ? « fragte ich . » Ich hatte keine Sorge um mich , nicht die geringste ; aber ich wußte , daß nicht ich es war , der dort stand , sondern der ganze Stamm meiner lieben , lieben Haddedihn . Und als ich dreimal nicht getroffen worden war und ihn in meine Hand gegeben wußte , da hatte ich die feste Ueberzeugung , daß von meinen drei Kugeln zwei überflüssig seien , weil gleich die erste ihre Schuldigkeit thun werde . Mein Schuß hat diesen Beni Khalid die Frage entgegengekracht : Wenn bei den Haddedihn schon die Knaben so sicher treffen , wie erst müssen da wohl die Männer schießen ! « » Du bist von dieser Stunde kein Knabe mehr , mein braver Kara Ben Halef . Ich will es jetzt sein , der auf den unerfahrenen Jungen die richtige Antwort giebt : Du hast von jetzt an das Recht , an allen unsern Beratungen teilzunehmen . Ich gebe es dir als dein Lehrer und als der treuste Freund des Stammes , der stets bereit ist , sein Leben für euch einzusetzen ! « Er trat in freudigem Schrecke einen Schritt zurück und fragte fast stammelnd : » Ist das wahr , Effendi , wirklich wahr ? « » Ja . Und ich hoffe , daß die Dschemmah , die Versammlung der Aeltesten , es bestätigen wird ! « Da ergriff er meine beiden Hände , drückte sie an sein Herz und küßte sie dann . Sein Vater nahm sie ihm und sagte dann , die Augen voll schneller Thränen , zu mir : » Natürlich wird die Dschemmah jedes deiner Worte bestätigen , Sihdi ! Du bist nicht nur unser Freund , sondern du gehörst unserm Stamm und er gehört dir ! Du bist der Herr und Besitzer aller unserer Herzen . Ich bin der Scheik , und doch bist auch du unser Scheik , wenn auch in anderer Weise . Für den Rang , den du bei uns einnimmst , ist das rechte Wort noch nicht erfunden worden ; aber du darfst auch ohne dieses Wort sicher sein , daß die Ehrenstelle , die es bezeichnen würde , dir für die ganze Zeit des Lebens Anspruch auf unsern Gehorsam und auf unsere Liebe giebt . Du hast diese Stunde zu einer Stunde der Freude , des größten Stolzes für mich gemacht . Ich werde von ihr noch sprechen und erzählen , wenn mir die Zunge des Alters zu andern Erzählungen zu schwer geworden ist ! « Hanneh dankte mir auch , und zwar in echter Frauenweise : » Ich bitte dich , Effendi , sag ' deiner Emmeh , der Bewohnerin deines Zeltes , von mir , daß sie dich stets recht herzlich , recht wahr und innig lieben soll ! Du bist ein unerschöpflicher Spender der Liebe ; ihr Quell , der in dir liegt , kann zwar nie versiegen , aber trotz seiner Fülle soll er doch auch nehmen dürfen und empfangen , was er giebt . Sage ihr also das , und füg