eine Weile dauert es wohl noch . Und wenn auch nicht , mit meinem Sohne wird sich , denk ich , geradeso wie zwischen uns zwei beiden , alles glatt abwickeln , glatter noch , und vielleicht können Sie gemeinschaftlich mal was Nettes herauswirtschaften , was Ordentliches , was Großes , was sich sehen lassen kann . Das heißt dann neue Zeit . Und nun , Baruch , müssen Sie noch ein Glas Sherry nehmen . In unserm Alter ist das immer das Beste . Das heißt für Sie , der Sie noch gut im Gange sind . Ich darf bloß noch mit anstoßen . « Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem Wägelchen wieder in den Stechliner Wald hinein und dachte wenig befriedigt über alles nach , was er da drinnen gehört hatte . Die geträumten Schloß-Stechlin-Tage schienen mit einem Male für immer vorüber . Alles , was der alte Herr da so nebenher von » gemeinschaftlich herauswirtschaften « gesagt hatte , war doch bloß ein Stich , eine Pike gewesen . Ja , Baruch fühlte was wie Verstimmung . Aber Dubslav auch . Es war ihm zu Sinn , als hätt er seinen alten Granseer Geld- und Geschäftsfreund ( trotzdem er dessen letzte Pläne nicht einmal ahnte ) zum erstenmal auf etwas Heimlichem und Verstecktem ertappt , und als Engelke kam , um die Sherryflasche wieder wegzuräumen , sagte er : » Engelke , mit Baruch is es auch nichts . Ich dachte , wunder was das für ein Heiliger wär , und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen . Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen , als ob ich nicht schon genug davon hätte ... Sonderbar , Uncke , mit seinem ewigen zweideutig , wird am Ende doch recht behalten . Überhaupt solche Polizeimenschen mit ' nem Karabiner über die Schulter , das sind , bei Lichte besehn , immer die feinsten Menschenkenner . Ich ärgere mich , daß ich ' s nicht eher gemerkt habe . So dumm zu sein ! Aber das mit der Krankheit heute , das war mir doch zuviel . Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen , dann ist es immer schlimm . Eigentlich is es jedem gleich , wie ' s einem geht . Und ich habe sogar welche gekannt , die sahen sich , wenn sie so fragten , immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion . « Siebenunddreißigstes Kapitel Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich , taten dem Alten wohl und erleichterten ihm das Atmen . Er begann wieder zu hoffen , sprach mit Wirtschaftsinspektor und Förster und war nicht bloß voll wiedererwachten Interesses , sondern überhaupt guter Dinge . So kam Mitte März heran . Der Himmel war blau , Dubslav saß auf seiner Veranda , den kleinen Springbrunnen vor sich , und sah dabei das leichte weiße Gewölk ziehen . Vom Park her vernahm er den ersten Finkenschlag . Er mochte wohl schon eine Stunde so gesessen haben , als Engelke kam und den Doktor meldete . » Das ist recht , Sponholz , daß Sie kommen . Nicht um mir zu helfen ( das ist immer schlimm , wenn einem erst geholfen werden soll ) , nein , um zu sehen , daß Sie mir schon geholfen haben . Diese Tropfen . Es ist doch was damit . Wenn sie nur nicht so schlecht schmeckten ; ich muß mir immer einen Ruck geben . Und daß sie so grün sind . Grün ist Gift , heißt es bei den Leuten . Eigentlich eine ganz dumme Vorstellung . Wald und Wiese sind auch grün und doch so ziemlich unser Bestes . « » Ja , es ist ein Spezifikum . Und ich bin froh , daß die Digitalis hier bei Ihnen mal wieder zeigt , was sie kann . Und bin doppelt froh , weil ich mich auf sechs Wochen von Ihnen verabschieden muß . « » Auf sechs Wochen . Aber , Doktor , das is ja ' ne halbe Ewigkeit . Haben Sie Schulden gemacht und sollen in Prison ? « » Man könnte beinahe so was denken . Denn solange Gransee historisch beglaubigt dasteht , ist noch kein Doktor auf sechs Wochen weg gewesen , noch dazu ein Kreisphysikus . Eine Doktorexistenz gestattet solchen Luxus nicht . Wie lebt man denn hier ? Und wie hat man gelebt ? Immer Furunkel aufgeschnitten , immer Karbolwatte , immer in den Wagen gestiegen , immer einem alten Erdenbürger seinen Entlassungsschein ausgestellt oder einen neuen Erdenbürger geholt . Und nun sechs Wochen weg . Wie ich meinen Kreis wiederfinden werde ... nu , vielleicht hat Gott ein Einsehen . « » Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt . « » Und vor allem der billigste . Der andre , den ich mir aus Berlin habe verschreiben müssen ( ach , und soviel Schreiberei ) , der ist teurer . Und meine Reise kommt mir ohnedies schon teuer genug . « » Aber wohin denn , Doktor ? « » Nach Pfäffers . « » Pfäffers . Kenn ich nicht . Und was wollen Sie da ? Warum ? Wozu ? « » Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus , hochgradig , schon nicht mehr schön . Und da ist denn Pfäffers der letzte Trumpf . Schweizerbad mit allen Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten . Ein Granseer , der allerdings für Geld gezeigt werden kann , war mal an diesem merkwürdigen Ort und hat mir denn auch ' ne Beschreibung davon gemacht . Habe natürlich auch noch im Baedeker nachgeschlagen und unter anderm einen Fluß da verzeichnet gefunden , der Tamina heißt . Erinnert ein bißchen an Zauberflöte und klingt soweit ganz gut . Aber trotzdem eine tolle Geschichte , dies Pfäffers . Soweit es nämlich als Bad in Betracht kommt , ist es nichts als ein Felsenloch , ein großer Backofen , in den man hineingeschoben wird . Und da hockt man denn , wie die Indianer hocken , und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten herauf . Wer da nicht wieder zu Stande kommt , der kann überhaupt einpacken . Übrigens will ich für meine Person gleich mit hineinkriechen . Denn das darf ich wohl sagen , wer so fünfunddreißig Jahre lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert ist , mitunter bei Ostwind , der hat sich sein Gliederreißen ehrlich verdient . Sonderbar , daß der Hauptteil davon auf meine Frau gefallen ist . « » Ja , Sponholz , in einer christlichen Ehe ... « » Freilich , Herr Major , freilich . Wiewohl das mit christlicher Ehe auch immer bloß soso ist . Da hatten wir , als ich noch Militär war , einen Compagniechirurgus , richtige alte Schule , der sagte , wenn er von so was hörte : Ja , christliche Ehe , ganz gut , kenn ich . Is wie Schinken in Burgunder . Das eine is immer da , aber das andere fehlt . « » Ja « , sagte Dubslav , » diese richtigen alten Compagniechirurgusse , die hab ich auch noch gekannt . Blutige Zyniker , jetzt leider ausgestorben ... Und in solchem Pfäffersschen Backofen wollen Sie sechs Wochen zubringen ? « » Nein , Herr von Stechlin , nicht so lange . Bloß vier , höchstens vier . Denn es strengt sehr an . Aber wenn man nu doch mal da ist , ich meine in der Schweiz und da herum , wo sie stellenweise schon italienisch sprechen , da will man doch schließlich auch gern in das gelobte Land Italia hineinkucken . Und da haben wir denn also , meine Frau und ich , vor , von diesem Pfäffers aus erst noch durch die Via Mala zu fahren , den Splügen hinauf oder auf irgendeinen andern Paß . Und wenn wir dann einen Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein getan haben , dann kehren wir wieder um , und ich für meine Person ziehe mir wieder meinen grauen Mantel an ( denn für die Reise hab ich mir einen neuen Paletot bauen lassen ) und kutschiere wieder durch Kreis Gransee . « » Na , Sponholz , das freut mich aber wirklich , daß Sie mal rauskommen . Und bloß wenn Sie durch die Via Mala fahren , da müssen Sie sich in acht nehmen . « » Waren Sie denn mal da , Herr Major ? « » Bewahre . Meine Weltfahrten , mit ganz schwachen Ausnahmen , lagen immer nur zwischen Berlin und Stechlin . Höchstens mal Dresden und ein bißchen ins Bayrische . Wenn man so gar nicht mehr weiß , wo man hin soll , fährt man natürlich nach Dresden . Also Via Mala nie gesehen . Aber ein Bild davon . Im allgemeinen ist Bilderankucken auch nicht gerade mein Fall , und wenn die Museums von mir leben sollten , dann täten sie mir leid . Indessen wie so der Zufall spielt , mal sieht man doch so was , und war da auf dem Via-Mala-Bilde ' ne Felsenschlucht mit Figuren von einem sehr berühmten Malermenschen , der , glaub ich , Böcking oder Böckling hieß . « » Ah so . Einer , wenn mir recht ist , heißt Böcklin . « » Wohl möglich , daß es der gewesen ist . Ja , sogar sehr wahrscheinlich . Nun sehen Sie , Doktor , da war denn also auf diesem Bilde diese Via Mala , mit einem kleinen Fluß unten , und über den Fluß weg lief ein Brückenbogen , und ein Zug von Menschen ( es können aber auch Ritter gewesen sein ) kam grade die Straße lang . Und alle wollten über die Brücke . « » Sehr interessant . « » Und nun denken Sie sich , was geschieht da ? Grade neben dem Brückenbogen , dicht an der rechten Seite , tut sich mit einem Male der Felsen auf , etwa wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Laden aufmacht und nachsehen will , wie ' s Wetter ist . Der aber , der an dieser Brücke da von ungefähr rauskuckte , hören Sie , Sponholz , das war kein Spießbürger , sondern ein richt ' ger Lindwurm oder so was Ähnliches aus der sogenannten Zeit der Saurier , also so weit zurück , daß selbst der älteste Adel ( die Stechline mit eingeschlossen ) nicht dagegen ankann , und dies Biest , als der herankommende Zug eben den Fluß passieren wollte , war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen und die Brücke heran , und ich kann Ihnen bloß sagen , Sponholz , mir stand , als ich das sah , der Atem still , weil ich deutlich fühlte , nu noch einen Augenblick , dann schnappt er zu , und die ganze Bescherung is weg . « » Ja , Herr von Stechlin , da hat man bloß den Trost , daß die Saurier , soviel ich weiß , seitdem ausgestorben sind . Aber meiner Frau will ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen ; die kriegt nämlich mitunter Ohnmachten . In Doktorhäusern ist immer was los . « Dubslav nickte . » Und nur das eine möcht ich Ihnen noch sagen , Herr von Stechlin , mit der Digitalis immer ruhig so weiter und , wenn der Appetit nicht wiederkommt , lieber nur zweimal täglich . Und nie mehr als zehn Tropfen . Und wenn Sie sich unpaß fühlen , mein Stellvertreter ist von allem unterrichtet . Er wird Ihnen gefallen . Neue Schule , moderner Mensch ; aber doch nicht zuviel davon ( so wenigstens hoff ich ) und jedenfalls sehr gescheit . An seinem Namen - er heißt nämlich Moscheles - dürfen Sie nicht Anstoß nehmen . Er ist aus Brünn gebürtig , und da heißen die meisten so . « Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus , auch mit dem Namen , trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen weckte . Schon vor etlichen fünfzig Jahren habe er Musikstücke spielen müssen , die alle auf den Namen » Moscheles « liefen . Aber das wolle er den Insichtstehenden nicht weiter entgelten lassen . Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich Sponholz und fuhr zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft hinein . Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen Eheleute von Gransee nach Pfäffers hin auf ; die Frau , sehr leidend , war schweigsam , er aber befand sich in einem hochgradigen Reisefieber , was sich , als sie draußen auf dem Bahnhof angelangt waren , in immer wachsender Gesprächigkeit äußerte . Mehrere Freunde ( meist Logenbrüder ) hatten ihn bis hinaus begleitet . Sponholz kam hier sofort vom Hundertsten aufs Tausendste . » Ja , unser guter Stechlin , mit dem steht es soso ... Baruch hat ihn auch gesehn und ihn einigermaßen verändert gefunden ... Und Sie , Kirstein , Sie schreiben mir natürlich , wenn der junge Burmeister eintritt ; ich weiß , er will nicht recht ( bloß der Vater will ) und soll sogar von Hokuspokus gesprochen haben . Aber dergleichen muß man leichtnehmen . Unwissenheit , Verkennungen , über so was sind wir weg ; viel Feind , viel Ehr ... Nur , es noch einmal zu sagen , der Alte drüben in Stechlin macht mir Sorge . Man muß aber hoffen ; bei Gott kein Ding unmöglich ist . Und zu Moscheles hab ich Vertrauen ; ihn auskultieren zu sehn ist ein wahres Vergnügen für ' nen Fachmann . « So klang , was Sponholz noch in letzter Minute vom Coupéfenster aus zum besten gab . Alles , am meisten aber das über den alten Stechlin Gesagte , wurde weitergetragen und drang bis auf die Dörfer hinaus , so namentlich auch bis nach Quaden-Hennersdorf zu Superintendent Koseleger , der seit kurzem mit Ermyntrud einen lebhaften Verkehr unterhielt und , angeregt durch die mit jedem Tage kirchlicher werdende Prinzessin , einen energischen Vorstoß gegen den Unglauben und die in der Grafschaft überhandnehmende Laxheit plante . Koseleger sowohl wie die Prinzessin wollten zu diesem Zwecke beim alten Dubslav als » nächstem Objekt « einsetzen und hielten sein Asthma für den geeignetsten Zeitpunkt . In einem Briefe der Prinzessin an Koseleger hieß es dementsprechend : » Ich will die gute Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln ; außerdem hat er etwas ungemein Affables . Ich bin ihm menschlich durchaus zugetan . Aber sein Prinzip , das nichts Höheres kennt als leben und leben lassen , hat in unsrer Gegend alle möglichen Irrtümer und Sonderbarkeiten ins Kraut schießen lassen . Nehmen Sie beispielsweise diesen Krippenstapel . Und nun den Lorenzen selbst ! Katzler , mit dem ich gestern über unsern Plan sprach , hat mich gebeten , mit Rücksicht auf die Krankheit des alten Herrn wenigstens vorläufig von allem Abstand zu nehmen , aber ich hab ihm widersprechen müssen . Krankheit ( soviel ist richtig ) macht schroff und eigensinnig , aber in bedrängten Momenten auch wiederum ebenso gefügig , und es sind wohl auch hier wieder gerade die Auferlegungen und Bitternisse , daraus ein Segen für den Kranken und jedenfalls für die Gesamtheit unsres Kreises entspringen wird . Unter allen Umständen aber muß uns das Bewußtsein trösten , unsre Pflicht erfüllt zu haben . « Es war eine Woche nach Sponholz ' Abreise , daß Ermyntrud diese Zeilen schrieb , und schon am andern Vormittage fuhr Koseleger , der mit der Prinzessin im wesentlichen derselben Meinung war , auf die Stechliner Rampe . Gleich danach trat Engelke bei Dubslav ein und meldete den Herrn Superintendenten . » Superintendent ? Koseleger ? « » Ja , gnäd ' ger Herr . Superintendent Koseleger . Er sieht sehr wohl aus und ganz blank . « » Was es doch für merkwürdige Tage gibt . Heute ( du sollst sehn ) ist wieder so einer . Mit Moscheles fing ' s an . Sage dem Herrn Superintendenten , ich ließe bitten . « » Ich komme hoffentlich zu guter Stunde , Herr von Stechlin . « » Zur allerbesten , Herr Superintendent . Eben war der neue Doktor hier . Und eine Viertelstunde , wenn ' s mit dem praesente medico nur ein ganz klein wenig auf sich hat , muß solche Doktorgegenwart doch wohl noch nachwirken . « » Sicher , sicher . Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein . Die Wiener und Prager verstehn es ; namentlich alles , was nach der Seite hin liegt . « » Ja « , sagte Dubslav , » nach der Seite hin « , und wies auf Brust und Herz . » Aber , offen gestanden , nach mancher andern Seite hin ist mir dieser Moscheles nicht sehr sympathisch . Er faßt seinen Stock so sonderbar an und schlenkert auch so . « » Ja , so was muß man unter Umständen mit in den Kauf nehmen . Und dann heißt es ja auch , der Major von Stechlin habe mehr oder weniger einen philosemitischen Zug . « » Den hat der Major von Stechlin auch wirklich , weil er Unchristlichkeiten nicht leiden kann und Prinzipienreitereien erst recht nicht . Ich gehöre zu denen , die sich immer den Einzelfall ansehn . Aber freilich , mancher Einzelfall gefällt mir nicht . So zum Beispiel der hier mit dem neuen Doktor . Und auch mein alter Baruch Hirschfeld , den der Herr Superintendent mutmaßlich kennen werden , auch der gefällt mir nicht mehr so recht . Ich hielt große Stücke von ihm , aber - vielleicht daß sein Sohn Isidor schuld ist - mit einem Mal ist der Pferdefuß rausgekommen . « » Ja « , lachte Koseleger , » der kommt immer mal raus . Und nicht bloß bei Baruch . Ich muß aber sagen , das alles hat mit der Rasse viel , viel weniger zu schaffen als mit dem jeweiligen Beruf . Da war ich eben bei der Frau von Gundermann ... « » Und da war auch so was ? « » In gewissem Sinne , ja . Natürlich ein bißchen anders , weil es sich um etwas Weibliches handelte . Stütze der Hausfrau . Und da bändelt sich denn leicht was an . Eben diese Stütze der Hausfrau war bis vor kurzem noch Erzieherin , und mit Erzieherinnen , alten und jungen , hat ' s immer einen Haken , wie mit den Lehrern überhaupt . Es liegt im Beruf . Und der Seminarist steht obenan . « » Ich kann mich nicht erinnern « , sagte Dubslav , » in unserer Gegend irgendwas gröblich Verletzliches erlebt zu haben . « » Oh , ich bin mißverstanden « , beschwichtigte Koseleger und rieb sich mit einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten Hände . » Nichts von Vergehungen auf erotischem Gebiet , wiewohl es bei den Gundermanns ( die gerad in diesem Punkte viel heimgesucht werden ) auch diesmal wieder , ich möchte sagen , diese kleine Nebenform angenommen hatte . Nein , der große Seminaristenpferdefuß , an den ich bei meiner ersten Bemerkung dachte , trägt ganz andere Signaturen : Unbotmäßigkeit , Überschätzung und infolge davon ein eigentümliches Bestreben , sich von den Heilsgütern loszulösen und die Befriedigung des inneren Menschen in einer falschen Wissenschaftlichkeit zu suchen . « » Ich will das nicht loben ; aber auch solche falsche Wissenschaftlichkeit zählt , dächt ich , in unserer alten Grafschaft zu den allerseltensten Ausnahmen . « » Nicht so sehr , als Sie vermuten , Herr Major , und aus Ihrer eigenen Stechliner Schule sind mir Klagen kirchlich gerichteter Eltern über solche Dinge zugegangen . Allerdings Altlutheraner aus der Globsower Gegend . Indessen so lästig diese Leute zuzeiten sind , so haben sie doch andrerseits den Ernst des Glaubens und finden , wie sie sich in einem Skriptum an mich ausgedrückt haben , in der Krippenstapelschen Lehrmethode diesen Ernst des Glaubens arg vernachlässigt . « Dubslav wiegte den Kopf hin und her und hätte trotz allen Respekts vor dem Vertreter einer kirchlichen Behörde wahrscheinlich ziemlich scharf und spitz geantwortet , wenn ihm nicht alles , was er da hörte , gleichzeitig in einem heiteren Licht erschienen wäre . Krippenstapel , sein Krippenstapel , er , der den Alten Fritzen so gut wie den Katechismus , aber den Katechismus auch reichlich so gut wie den Alten Fritzen kannte - Krippenstapel , sein großartiger Bienenvater , sein korrespondierendes Mitglied märkisch-historischer Vereine , die Seele seines » Museums « , sein guter Freund , dieser Krippenstapel sollte den » Ernst des Glaubens « verkannt haben , bei ihm sollte der Seminaristenhochmut zu gemeingefährlichem Ausbruch gekommen sein . Wohl entsann er sich , in eigenster Person ( was ihn in diesem Augenblick ein wenig verstimmte ) gelegentlich sehr Ähnliches gesagt zu haben . Aber doch immer nur scherzhaft . Und wenn zwei dasselbe tun , so ist es nicht mehr dasselbe . Traf dieser Satz je zu , so hier . Er erhob sich also mit einiger Anstrengung von seinem Platz , ging auf Koseleger zu , schüttelte ihm die Hand und sagte : » Herr Superintendent , so wie Sie ' s da sagen , so kann es nicht sein . Von richtigen Altlutheranern gibt es hier überhaupt nichts , und am wenigsten in Globsow ; die glauben sozusagen gar nichts . Ich wittere da was von Intrige . Da stecken andere dahinter . Bei meinem alten Baruch ist der Pferdefuß rausgekommen , aber bei meinem alten Krippenstapel ist er nicht rausgekommen und wird auch nicht rauskommen , weil er überhaupt nicht da ist . Meinen alten Krippenstapel , den kenn ich . « Koseleger , Weltmann , wie er war , lenkte rasch ein , sprach von Konventiklerbeschränktheit und gab die Möglichkeit einer Intrige zu . » Natürlich wird es einem schwer , in diesem Erdenwinkel an derlei Dinge zu glauben , denn Intrige zählt ganz eminent zu den höheren Kulturformen . Intrige hat hier in unserer alten Grafschaft , glaub ich , noch keinen Boden . Aber andrerseits ist es doch freilich wahr , daß heutzutage die Verwerflichkeiten , ja selbst die Verbrechen und Laster , nicht bloß im Gefolge der Kultur auftreten , sondern umgekehrt ihr voranschreiten , als beklagenswerte Herolde falscher Gesittung ! Bedenken Sie , was wir neuerdings in unsern Äquatorialprovinzen erlebt haben . Die Zivilisation ist noch nicht da , und schon haben wir ihre Greuel . Man erschauert , wenn man davon liest , und freut sich der kleinen und alltäglichen Verhältnisse , drin der Wille Gottes uns gnädig stellte . « Nach diesen Worten , die was von einem guten Abgang hatten , erhob sich Koseleger , und der Alte , seinerseits seinen Arm in den des Superintendenten einhakend , » um sich « , wie er sagte , » auf die Kirche zu stützen « , begleitete seinen Besuch bis wieder auf die Rampe hinaus und grüßte noch mit der Hand , als der Wagen schon über die Bohlenbrücke fuhr . Dann wandte er sich rasch an Engelke , der neben ihm stand , und sagte : » Engelke , schade , daß ich mit dir nicht wetten kann . Lust hätt ich . Heute kommt noch wer , du wirst es sehn . Eine Woche lang läßt sich keine Katze blicken , aber wenn unser Schicksal erst mal ' nen Entschluß gefaßt hat , dann kann es sich auch wieder nicht genug tun . Man gewinnt dreimal das Große Los , oder man stößt sich dreimal den Kopp . Und immer an derselben Stelle . « Es schlug zwölf , als Dubslav vom Portal her wieder den Flur passierte . Dabei sah er nach dem Hippenmann hinauf und zählte die Schläge . » Zwölf « , sagte er , » und um zwölf ist alles aus , und dann fängt der neue Tag an . Es gibt freilich zwei Zwölfen , und die Zwölf , die da oben jetzt schlägt , das is die Mittagszwölf . Aber Mittag ... ! Wo bist du , Sonne , geblieben ! « All dem weiter nachhängend , wie er jetzt öfter tat , kam er an seinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die Hand . Er sah jedoch kaum drauf hin und beschäftigte sich , während er zu lesen schien , eigentlich nur mit der Frage , » wer wohl heute noch kommen könne « , und dabei neben andren Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen denkend , kam er zu dem Schlußresultat , daß ihm Lorenzen » mit all seinem neuen Unsinn « doch am Ende lieber sei als Koseleger mit seinen Heilsgütern , von denen er wohl zwei- , dreimal gesprochen hatte . » Ja , die Heilsgüter , die sind ganz gut . Versteht sich . Ich werde mich nicht so versündigen . Die Kirche kann was , is was , und der alte Luther , nu , der war schon ganz gewiß was , weil er ehrlich war und für seine Sache sterben wollte . Nahe dran war er . Eigentlich kommt ' s doch immer bloß darauf an , daß einer sagt , dafür sterb ich . Und es dann aber auch tut . Für was , is beinah gleich . Daß man überhaupt so was kann , wie sich opfern , das ist das Große . Kirchlich mag es ja falsch sein , was ich da so sage ; aber was sie jetzt sittlich nennen ( und manche sagen auch schönheitlich , aber das is ein zu dolles Wort ) , also was sie jetzt sittlich nennen , so bloß auf das hin angesehn , da is das persönliche Sicheinsetzen und Für-was-sterben-Können und -Wollen doch das Höchste . Mehr kann der Mensch nich . Aber Koseleger . Der will leben . « Und während er noch so vor sich hin seinen Faden spann , war sein gutes altes Faktotum eingetreten , an das er denn auch ohne weiteres und bloß zu eignem Ergötzen die Frage richtete : » Nich wahr , Engelke ? « Der aber hörte gar nichts mehr , so sehr war er in Verwirrung , und stotterte nur aus sich heraus : » Ach Gott , gnäd ' ger Herr , nu is es doch so gekommen . « » Wie ? Was ? « » Die Frau Gemahlin von unserm Herrn Oberförster ... « » Was ? Die Prinzessin ? « » Ja , die Frau Katzler , Durchlaucht . « » Alle Wetter , Engelke ... Da haben wir ' s. Aber ich hab es ja gesagt , ich wußt es . Wie so ' n Tag anfängt , so bleibt er , so geht es weiter ... Und wie das hier durcheinanderliegt , alles wie Kraut und Rüben . Nimm die Zudecke weg , ach was Zudecke , die reine Pferdedecke ; wir müssen eine andre haben . Und nimm auch die grünen Tropfen weg , daß es nicht gleich aussieht wie ' ne Krankenstube ... Die Prinzessin ... Aber rasch , Engelke , flink ... Ich lasse bitten , ich lasse die Frau Oberförsterin bitten . « Dubslav rückte sich , so gut es ging , zurecht ; im übrigen aber hielt er ' s in seinem desolaten Zustande doch für besser , in seinem Rollstuhl zu bleiben , als der Prinzessin entgegenzugehn oder sie durch ein Sicherheben von seinem Sitz mehr oder weniger feierlich zu begrüßen . Ermyntrud paßte sich seinen Intentionen denn auch an und gab durch eine gemessene Handbewegung zu verstehen , daß sie nicht zu stören wünsche . Gleich danach legte sie den rechten Arm auf die Lehne eines nebenstehenden Stuhles und sagte : » Ich komme , Herr von Stechlin , um nach Ihrem Befinden zu fragen ; Katzler « ( sie nannte ihn , unter geflissentlichster Vermeidung des allerdings plebejen » mein Mann « , immer nur bei seinem Familiennamen ) » hat mir von Ihrem Unwohlsein erzählt und mir Empfehlungen aufgetragen . Ich hoffe , es geht besser . « Dubslav dankte für soviel Freundlichkeit und bat , das um ihn her herrschende Übermaß von Unordnung entschuldigen zu wollen . » Wo die weibliche Hand fehlt , fehlt alles . « Er fuhr so noch eine Weile fort , in allerlei Worten und Wendungen , wie sie ihm von alter Zeit her geläufig waren ; eigentlich aber war er wenig bei dem , was er sagte , sondern hing ausschließlich an dem halb Nonnen- , halb Heiligenbildartigen ihrer Erscheinung , das durch einen großen , aus mattweißen Kugeln bestehenden Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde . Sie mußte jedem , auch dem Kritischsten , auffallen , und Dubslav , der - sosehr er dagegen ankämpfte - ganz unter der Vorstellung ihrer Prinzessinnenschaft stand , vergaß auf Augenblicke Krankheit und Alter und fühlte sich nur noch als Ritter seiner Dame . Daß sie stehen blieb , war ihm im ersten Augenblicke störend , bald aber war es ihm recht , weil ihm einleuchtete , daß ihr » Bild « erst dadurch zu voller Wirkung kam . Ermyntrud selbst war sich dessen auch voll bewußt und Frau genug , auf diese Vorzüge nicht ohne Not zu verzichten . » Ich höre , daß Doktor Sponholz , den ich als Arzt sehr schätzen gelernt habe , seine Kranken , während er in Pfäffers ist , einem jungen Stellvertreter anvertraut hat . Junge Ärzte sind meist klüger als die alten , aber doch weniger Ärzte . Man bringt außerdem dem Alter mehr Vertrauen entgegen . Alte Doktoren sind wie Beichtiger , vor denen man sich gern offenbart . Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht voll ersetzen , der in jeder ernstlichen Krankheit doch das eigentlich Heilsame bleibt . Ärzte selbst - ich hab einen Teil meiner Jugend in einem Diakonissenhause verbracht - , Ärzte selbst , wenn sie ihren Beruf recht verstehn , urteilen in diesem Sinne . Sogenannte Medikamente sind und bleiben ein armer Notbehelf ; alle wahre Hilfe fließt