s ei der Tasche stacken . Ich weeß ' s ! « Sie leugnete ihm ins Gesicht . » Mach kee Gefitze nich ! Ich ha ' s gehiert , wie de ' s eigesteckt hast . « Sie wollte an ihm vorbei , dem Ausgange zu . Aber er umfaßte sie rechtzeitig , schleppte sie nach dem Hintergrund des Stalles . » Gibst de ' s har ! « » Ne , dir ne ! « Er suchte ihr mit einer Hand die Arme festzuhalten und mit der anderen in ihre Kleidtasche zu gelangen . Sie setzte sich zur Wehr , biß und kratzte . In der Dunkelheit des Stalles funkelten ihre Augen wie die einer Katze . Karl brüllte auf , ihre Nägel in seinem Halse brannten wie Feuer . Er schüttelte sie ab . Dann warf er sich mit der ganzen Wucht seines schweren Körpers auf sie , daß sie stöhnend zusammenbrach . » Gibst de ' s raus ? « » Ne , im Leben ne ! « Nun kniete er auf ihr , ihren Leib mit dem Knie niederstemmend . Ihre Hände drückte er mit seiner Riesenfaust zusammen , daß sie gänzlich wehrlos dalag . Mit der freien Hand suchte er in ihren Kleidern . Aber Therese lag auf dem Geldtäschchen ; noch in dieser verzweifelten Lage wußte sie den Schatz mit ihrem Leibe zu decken . Er konnte nicht dazu gelangen , so sehr er sich auch mühte . Darüber wurde er toll vor Wut . Blindlings griff er in die Kleider , zerfetzte alles , was ihm zwischen die Finger kam . Therese wand und bäumte sich , aber was vermochte sie gegen die entfesselte Raserei dieses Wilden ! » Gibst de ' s nu ? « Sie konnte nicht mehr sprechen , spuckte ihm statt der Antwort ihren Geifer ins Gesicht . Da griff er mit einer Tatze zu , vor der alles wich . Ein Ratz - das Sonntagskleid in Fetzen ! Jetzt fühlte er ' s ; hier im Futter saß es . Die Nähte sprangen . Das Ledertäschchen mit dem Stahlbügel kam zum Vorschein . Nun hielt er ' s in Händen . Er stand auf . Aus der Ecke kam eine Jammergestalt hervor : halb nackt , blutend , mit hängendem , zersetztem Haar . Seine Frau ! - Er schob das Geldtäschchen schnell in die Tasche , sprang nach der Tür und lief aus dem Hause . Eine Stunde darauf saß er im Kretscham von Halbenau . * * * Inzwischen waren die Frauen von der Wanderarbeit im Rübenlande nach der Heimat zurückgekehrt . Pauline war mit ihrem Jungen zur Mutter gezogen , wartete hier auf Gustavs Rückkehr . Ernestine wohnte wieder auf dem Bauernhofe beim alten Vater . Ernestine war sehr verändert zurückgekehrt aus der Fremde . Sie hatte sich im Laufe des Sommers ein gewisses hochnäsiges Herabblicken auf ihre Umgebung angewöhnt . Den heimischen Verhältnissen brachte sie ganz unverhohlene Verachtung entgegen . Sie sagte es auch jedermann , der es hören wollte , daß sie es in Halbenau nicht lange aushalten werde . Sie war im Besitz größerer Geldmittel als irgend-ein anderes Mitglied ihrer Familie . Und sie hielt gut Haus damit . Die anderen Rübenmädchen brachten ihr Erspartes schnell unter die Leute : Kleider , Schmuck und allerhand unnützer Tand wurde gekauft . Manch eine ließ sich auch ihre mühsam erworbenen Groschen von einem Burschen abschwatzen , oder man verjubelte die Ersparnisse gemeinsam . Die Tanzereien und Gelage gingen in diesem Winter besonders flott im Kretscham von Halbenau ; die » Runkelweiber « hatten Geld ins Dorf gebracht . Ernestine Büttner war viel zu vernünftig und zu berechnend , um sich an solchem Treiben zu beteiligen . Sie machte sich daran , mit ihrem und Häschkekarls Gelde eine Ausstattung zu besorgen . Das Mädchen kaufte Stoffe ein und Leinwand . Mit Pauline saß sie oft bis spät in die Nächte hinein in Frau Katschners Behausung über die Nadel gebückt . Schwerlich ahnte ihr Bräutigam Häschke , wie energisch , praktisch und sparsam das Regiment sein würde , unter das er kommen sollte . Auch dem Vater gegenüber wollte Ernestine ihre Selbständigkeit zur Geltung bringen . Der alte Bauer hatte sich noch nicht darein gefunden , in ihr etwas anderes zu sehen als das jüngste Kind . Sie sollte sich seinem Willen in allen Stücken fügen , wie er es von jeher von seinen Kindern , ganz besonders aber von den Töchtern verlangt hatte . Er nahm als selbstverständlich an , daß Ernestine die häuslichen Arbeiten übernehmen würde , welche seit dem Tode der Mutter arg vernachlässigt waren . Aber Ernestine , die von ihrem Bräutigam gelernt hatte , daß Kinder den Eltern nicht mehr zu gehorchen brauchen , tat nur , was ihr paßte . Den Befehlen des Vaters antwortete sie mit Achselzucken , spitzen Worten oder auch Vorwürfen . Der alte Mann bekam von der Tochter zu hören : Er sei ja selbst daran schuld , daß sie nichts mehr hätten , nicht einmal so viel , um sich eine Magd zu halten . Er habe ja das Vermögen durchgebracht mit liederlicher Wirtschaft . Nun sei Haus und Hof in fremde Hände geraten und sie , die Kinder , könnten betteln gehen . Der Büttnerbauer mußte das mit anhören und seinen Kummer in sich hineinschlucken . Jetzt warf ihm sein eigenes Kind das schwere Unglück , das ihn getroffen hatte , auch noch als Vorwurf ins Gesicht . Ernestine wußte nicht , was sie tat ! - Jene naive Grausamkeit der Jugend war ihr eigen , die in dem alten Menschen etwas Unangenehmes , Unnützes , Lästiges sieht . Was wußte sie denn von dem , was in der Seele des Vaters vorging , der am Abende des Lebens sein ganzes Lebenswerk : Arbeit , Sorge , Hoffnung in nichts zerrinnen sah ! - Sie setzte den väterlichen Befehlen ihr schnippisches Besserwissen entgegen . Wiederholt betonte sie , es sei nur ihr guter Wille , nicht ihre Pflicht , wenn sie für den Vater etwas besorge ; seine Magd sei sie nicht ! Sie habe es in der Fremde besser kennen gelernt . Und wenn er sie etwa zwingen wolle , dann werde sie auf der Stelle gehen ; sie habe keine Pflicht , ihm zu gehorchen , da er ihr das Erbteil vertan habe . Der Büttnerbauer hatte in den letzten Monaten gelernt , vieles zu ertragen . Es schien fast , als wolle er auch den Rutenstreichen , die ihm seine Jüngstgeborene erteilte , geduldig den Rücken hinhalten . Eines Tages aber besann er sich auf seine Mannes-und Vaterwürde . Ernestine hatte sich geweigert , die Grube hinter dem Hause auszuschöpfen ; diese Art Beschäftigung sei unter ihrer Würde , erklärte sie . Das brachte bei dem Alten das Maß zum Überlaufen . Seit Menschengedenken hatten im Büttnerschen Hause die Frauen diese Arbeit versehen . Nun wollte das junge Ding hier sich auf einmal gegen die althergebrachte gute Sitte auflehnen ! - Diesmal machte der Bauer von seinem hausväterlichen Rechte Gebrauch . Er holte den Haselstock aus der Ecke hervor , den Ernestine aus der Jugendzeit gar wohl kannte ; der hatte auf ihrem und der Geschwister Rücken gar manchen Tanz aufgeführt . Das Mädchen war klug genug , es nicht zum Äußersten kommen zu lassen . Sie kannte den Vater in der Wut . Schleunigst machte sie sich an die ekelhafte Arbeit ; der Alte stand mit dem Stocke daneben als Wache , bis sie die ganze Grube ausgetragen hatte . Ernestinens Antwort auf diese Demütigung war , daß sie , ohne ein Wort zu sagen , aus dem väterlichen Hause wegzog ; ihre sieben Sachen nahm sie mit sich . Sie wohnte fortan im Dorfe zur Miete . Der Vater dürfe sie nicht zwingen , bei ihm zu leben , erklärte sie , da er ihr nichts zum Leben gebe . - So fand Gustav die Verhältnisse , als er nach Halbenau zurückkehrte . Er wohnte einstweilen mit bei Frau Katschner . Sein erster Gang , nachdem er Frau und Kind begrüßt hatte , galt dem Bauerngute . Was hatte sich da alles verändert seit dem Frühjahre , wo er in die Fremde gegangen war : das Gut in fremde Hände übergegangen , zerstückelt , ausgeraubt ! Scheune , Keller , Stall leer ! Im Hause alles verwahrlost und verwildert ! Die Mutter gestorben ! Dazu die Kinder alle fortgezogen ! Karl mit seiner Familie in ein anderes Dorf , Toni in die Stadt . Und nun zum letzten noch Ernestinens Auflehnung ! Gustav , der den Vater seit einem halben Jahr nicht gesehen , fand ihn furchtbar verändert . Der Alte war teilnahmslos und stumpf geworden . Selbst die Rückkehr seines Lieblingssohnes riß ihn nicht aus seinem dumpfen Hinbrüten . Sein Leben war schlechter als das eines Hundes . Seit Ernestine das Haus verlassen , war nicht mehr gekocht worden . Kohlenvorräte und Holz fehlten . An Eßwaren gab es nur halberfrorene Kartoffeln und faulendes Kraut im Keller . Der alte Mann lebte von Milch , in die er sich etwas Brot schnitt . Sein Bart war ihm langgewachsen , umgab als gelbgraue , struppige Krause das ausgemergelte Gesicht . Die Augen lagen in tiefen dunklen Höhlen . Seine Kleider starrten von Schmutz . Er ging nicht mehr aus dem Hofe . In der Kirche hatte man ihn seit Monaten nicht gesehen . Wenn er Menschen auf den Hof zukommen sah , rannte er hinauf in die Dachkammer , schloß sich dort ein und gab auf noch so lautes Klopfen und Rufen keine Antwort . Dem Sohne fiel das Herz vor die Füße , als er diese Dinge wahrnahm . Viel zu helfen war hier nicht ! Das Gut konnte er dem Vater ja doch nicht zurückerobern . Gustav sorgte dafür , daß wenigstens Vorräte ins Haus kamen . Dann machte er einen Versuch , Ernestine zum Vater zurückzuführen ; aber der scheiterte an dem Eigensinn des Mädchens . Gustav veranlasse infolgedessen Paulinen , täglich einige Stunden auf das Bauerngut zu gehen , dem Vater das Essen zu bereiten und auch sonst für seine Notdurft zu sorgen . * * * Weihnachten war herangekommen . Eine Woche vor dem Christfeste kam ein Brief an mit dem Poststempel Berlin . Toni schrieb an Ernestine , sie werde zum Heiligenchrist nach Halbenau kommen . Ihr » Chef « habe ihr Urlaub gegeben , damit sie sich zu Hause auskurieren solle . Sie habe nämlich vom vielen Stehen geschwollene Beine bekommen , daß sie kaum noch Schuhe über die Füße ziehen könne . Ernestine ließ Tonis Brief unter den Freunden und Verwandten herumgehen . Er war auf feinstem rosa Papier geschrieben und duftete süß ; der Inhalt war Kauderwelsch . Schreiben schien Toni auch in Berlin nicht gelernt zu haben . Niemand freute sich sonderlich auf Tonis Kommen . Die Geschwister hatten sie schon so gut wie vergessen . Man wunderte sich höchstens , wo sie das Geld zu der weiten Reise hernehme . Eines Tages , in der letzten Woche vor dem Feste , kam Therese von Wörmsbach nach Halbenau herüber . Sie suchte Gustav und Pauline auf und erzählte , Tonis Kind sei am Tage zuvor gestorben . Sie war hauptsächlich nach Halbenau gekommen , um bei den Familienmitgliedern eine Beisteuer für das Begräbnis zu erbitten . Man empfand es allgemein als Segen , daß das Würmchen gestorben . Ernestine und Pauline gingen mit zum Begräbnis . Sie waren beide noch nicht bei den Geschwistern in Wörmsbach gewesen . Als sie zurückkamen , konnten sie nicht genug davon erzählen , wie traurig es dort sei . Das Haus , eine Hütte , die jeden Augenblick einzustürzen drohte , die Kinder elend und zerlumpt , Karl dem Trunke ergeben und schlecht gegen seine Frau , Therese völlig herunter von dem Jammerleben ! Die Schwägerin war nie beliebt gewesen bei den Büttners , ihres streitbar zufahrenden Wesens wegen . Aber jetzt beklagte man sie allgemein . Was war aus der rüstigen , tatkräftigen Frau geworden ! - Toni kam kurz vor dem Feste mit dem Postwagen an . Sie begab sich ohne weiteres nach dem Elternhause . Aber der alte Bauer , der eine Frauensperson in städtischer Kleidung , gefolgt von einem Burschen , welcher den Koffer trug , auf den Hof zuschreiten sah , schloß die Haustür ab und zog sich in die Dachkammer zurück , aus der er so bald nicht wieder zum Vorschein kam . Er hatte in dem » Fräulein « die Tochter nicht wieder erkannt . Toni war darauf zu Frau Katschner gegangen , wo sie Pauline und Ernestine traf . Das Erstaunen der beiden über Tonis Aufzug war nicht gering . Wenn jemand bäuerisch ausgesehen hatte , so war es Toni gewesen ; jetzt kam sie als Stadtdame wieder . Dick schien sie immer noch zu sein , aber die rotbraune Farbe war von ihren Wangen gewichen . Das Haar war gepflegt und zu einer hohen Frisur aufgesteckt , über die Stirne fiel es in vereinzelten Fransen fast bis auf die Augenbrauen herab . Ihr Mieder mußte ziemlich eng sein , nach der Art zu schließen , wie sie sich steif bewegte . Sie hatte den mit Seide gefütterten Mantel , den Hut mit Straußenfeder , Muff , Handschuhe und Schirm abgelegt und ließ diese Pracht nun von den Frauen bewundern . Von jedem Stücke nannte sie bereitwilligst den Preis . Frau Katschner war auch hinzugekommen . Es wurde Kaffee gekocht . Toni bildete den Mittelpunkt des Interesses . Man erzählte ihr , daß ihr Kindchen gestorben sei . Zeichen allzu großer Bestürzung gab sie nicht zu erkennen . Einige Tränen hatte sie wohl dafür übrig . Dann meinte sie : Die Kinderkleidchen , die sie aus Berlin mitgebracht für das Kleine , wollte sie nun Paulinen schenken . Die Witwe Katschner wollte dafür , daß sie den Kaffee schenkte , auch etwas zu hören bekommen . Toni wurde aufgefordert , von ihren Erlebnissen zu erzählen . Sie tat es in der Weise beschränkter Menschen , die sich einbilden , daß gerade ihnen Dinge passiert seien , die keinem anderen Menschen widerfahren könnten . Halb und halb sprach sie noch den heimischen Dialekt ; in der altgewohnten Umgebung legte sie schnell ab , was sie sich etwa an großstädtischen Redewendungen angewöhnt hatte . Sie schwatzte alles durcheinander . Zuerst war sie Amme gewesen in jener von Samuel Harrassowitz ihr verschafften Stelle . Das wäre wunderschön gewesen , erzählte Toni . Sie machte eine Beschreibung von ihrem Spreewälder Kostüm . Täglich sei sie mit dem Kinde im Tiergarten gewesen , bei gutem Wetter zu Fuß , bei schlechten im Wagen . Ernestine fragte , warum sie denn nicht in der Stellung geblieben sei , wenn sie es da so gut gehabt . Toni meinte , sie hätte da nicht essen und trinken dürfen , was sie gewollt ; vom Arzte hätte sie sich auch in einem fort untersuchen lassen müssen , und als das Kind eines Tages Brechdurchfall bekommen habe , sei die Herrschaft sehr böse geworden und habe sie entlassen . Dann sei sie eine Zeitlang ohne Stellung gewesen , habe » als privat « gelebt , wie sie sich ausdrückte , bis ihr Freund ihr endlich die jetzige Stellung verschafft habe . Was denn das für eine Art Verdienst sei , forschte die wißbegierige Frau Katschner . Toni wußte Wunderdinge darüber zu berichten . Sie sei in einem sehr » feinen Lokale « . In der Mitte des Lokales befinde sich ein Ding , ganz aus Glas , wie ein Häuschen - sie gab sich vergebliche Mühe , einen Kiosk zu beschreiben - da drinnen stehe sie und verkaufe Würstchen an die Gäste ; das Paar koste zwanzig Pfennige . An einem Abende verkaufe sie manchmal tausend und mehr . Dazu habe sie ein Kostüm an ; sie beschrieb es : Sammetmieder , roten Rock , bloße Arme und eine dreifache Kette von silbernen Münzen um den Hals . Sie sei auch schon so photographiert worden ; die Photographie habe sie im Koffer mit . Ernestine , die schon lange mit verhaltenem Spotte den Erzählungen der älteren Schwester zugehört hatte , meinte jetzt in wegwerfenden Tone : Würstchen verkaufen , das sei was Rechtes , dazu brauche man nicht nach Berlin zu gehen ! Aber Toni erklärte voll Eifer , ihre Stellung sei eine sehr feine , sie bekomme viel Trinkgelder , die Herren unterhielten sich oft mit ihr und machten viel Spaß . Zweimal in der Woche habe sie Ausgehtag . Dann erzählte sie von Zirkus , Theater , Vierkonzerten , Bällen . Die Wunder der Großstadt hatten außergewöhnliche Bilder in die Phantasie dieses Landkindes geworfen . Der neuen Eindrücke waren zu viel gewesen ; alles hatte sich in dem Kopfe der Törin verzerrt und verschoben . Nun , wo sie versuchte , eine Beschreibung von ihren Eindrücken und Erlebnissen zu geben , wußte sie nicht , wo anfangen , fand keine Ausdrücke für Dinge , die sie niemals begriffen , nur wie der Wilde die Wunder der Zivilisation erstaunt angestarrt hatte . Dann fing sie an von ihren Kleidern zu erzählen . Drei hatte sie zum Ausgehen , dazu zwei Hüte , und Strümpfe und Hemden dutzendweise . Ernestine rückte unruhig auf ihrem Platze hin und her ; daß Toni , der sie sich stets überlegen gefühlt hatte , jetzt als große Dame auftrat , verdroß sie . Wovon Toni denn all den Aufwand bestreite , verlangte sie zu wissen . Ihr Freund bezahlte ihr alles , erklärte Toni mit Selbstgefühl . » Mag ' n scheuer Freind sen , das ! « höhnte Ernestine . Voll Eifer setzte Toni auseinander : » Er is sehre gutt mit mer . ' s Reisegeld hat er mer och geschenkt . Weil ' ch und de Fisse taten mer duch su schwellen ; da is ' r selber zum Chef und hat ' n um Urlaub gebaten für mich . Su gutt is dar mit mer . « Sie blieb bis über das Neujahr in Halbenau . Wohnung hatte sie schließlich doch beim Vater genommen . Mit jedem Tage , den sie in der Heimat zubrachte , fiel von dem großstädtischen Wesen , das sie anfangs aufrecht zu erhalten versuchte , etwas mehr ab . Der Putz war nur oberflächlich aufgeworfen , wollte nicht recht haften bei diesem echten Bauernkinde . Ein paar Tage lang lief sie völlig scheckig umher : halb Bauernmagd , halb Stadtfräulein . Ihr modisches Kleid hoch aufgebunden , daß man die schwarzen Strümpfe sah , war sie im Stalle anzutreffen , saß sie auf dem Melkschemel , die Milchgelte zwischen den Knieen . Dann fand sie in einer Lade auf dem Boden einige ihrer alten Kleider , die dort geblieben waren aus früherer Zeit ; die legte sie an . Nun war sie wieder ganz die alte Toni . Höchstens , daß ihre Wangen und Arme noch nicht die ehemalige braunrote Färbung angenommen hatten . Jetzt fühlte sich Toni wieder ganz in ihrem Elemente . Längst war es ihr ein Dorn im Auge gewesen , zu sehen , wie die Kühe bis an den Euter im Miste standen ; da mußte mal ordentlich ausgeräumt werden ! - Eines schönen Vormittags machte sie sich daran , mistete den Stall , karrte den Mist auf die Düngerstätte , und streute dem Vieh neu ein . Des Sonntags ging sie in den Kretscham zum Tanze . Dort war sie mit ihrem Seidenkleide und durch den Ruf des außergewöhnlichen Glückes , das sie gemacht die gefeiertste und begehrteste Tänzerin . Und Toni war harmlos genug geblieben , sich über den Erfolg von Herzen zu freuen . Ernestine rümpfte die Nase über die Aufführung ihrer Schwester . Auch für Gustav war das Wiedersehen mit Toni peinlich . Er hatte genug vom Leben kennen gelernt , um zu wissen , daß sich ein Mädchen auf anständige Weise nicht so viel Geld verdient , wie Toni vertat . Toni selbst begriff nicht , warum die Geschwister ihr so kühl begegneten . Sie hatte erwartet , daß die Ihrigen sie mit Jubel aufnehmen und sich an ihrem Glücke freuen würden , und war nun erstaunt , als sie auf Zurückhaltung stieß . Aber sie war nicht dazu veranlagt , sich Skrupel zu machen . Aus Berlin kam ein Geldbrief an Toni an . Sie lief damit bei den Verwandten umher , zeigte ihnen in naiver Freude , wie ihr Freund sie bedacht habe . Sie beschenkte Theresen für ihre Mühe um das verstorbene Kind und sprach davon , dem Vater etwas zuwenden zu wollen . Kurz , sie gefiel sich der Familie gegenüber in der Rolle einer Gönnerin . Am Morgen vor Tonis Abreise rief der alte Bauer seinen Sohn Gustav beiseite ; er hatte offenbar etwas auf dem Herzen . Nach einigem Drucksen , wie es seine Art war , fing er an , den Sohn auszuforschen : Woher Toni die schönen Kleider habe , und wie sie zu so viel Geld käme . Gustav merkte bald , worauf der Vater hinauswollte . Er hielt mit seiner Ansicht über Tonis Erwerbsquellen nicht hinter dem Berge . Der alte Mann griff in die Tasche , holte etwas in Papier Gewickeltes hervor , packte es sorgfältig aus ; es waren zwei blanke Goldstücke . » Dos hoat se mer gegahn , de Toni . Iche mog ' s ne behalten , ich ne ! Gib ' s du ' s er zuricke ! Ich mog sickes Gald ne ! « Damit ging er von dannen . Toni weinte , als Gustav ihr das Geld zurückgab ; sie hatte es doch so gut gemeint ! - IX. Karl kam neuerdings nur noch nach Haus , um seine Räusche auszuschlafen . Therese hoffte anfangs , es werde ihr gelingen , ihm im bewußtlosen Zustande das Geld abermals abzunehmen . Aber Karl war durch die früheren Erfahrungen gewitzigt . So oft sie auch seine Taschen durchstöberte , sie fand nichts darin . Jedenfalls hielt er das Geld außerhalb des Hauses verborgen . Wenn der Trunkenbold erwachte , schwankte er zwischen Stumpfsinn und Tobsucht hin und her . Sobald er seinen Anfall bekam , mußte Therese die Kinder vor ihm verbergen , für deren Leben sie zitterte . Im Kretscham zu Halbenau war Karl jetzt ein häufiger Gast . Richard Kaschel , sein Vetter , war neuerdings Karls Vertrauter geworden . Richard übertraf seinen Vater wohl noch an boshafter Verschlagenheit . Den Büttners den Garaus zu machen , das war , ohne daß sie sich dazu verabredet hätten , die geheime Wollust dieser beiden . Der alte Kaschel hatte , obgleich er eine Büttner geheiratet , ja , obgleich er seinen Wohlstand Büttnerschem Gelde verdankte , doch immer einen tiefeingewurzelten Haß gegen diese Familie gehegt . In seiner guten Zeit war Traugott Büttner dem Schwager durch jene Kraft und Würde überlegen gewesen , die den ehrlichen Mann vor dem Ränkeschmied auszeichnet . Inzwischen war der ehemalige Büttnerbauer ruiniert worden . Nur noch eine Frage der Zeit schien es , wann der Erbe des größten Bauerngutes im Orte der Armenversorgung anheimfallen werde . An ihm noch ein Mütchen zu kühlen , war unmöglich . Ihm konnte ja nichts mehr genommen werden ; er war von allem entblößt , was einem Menschen Ansehen und Bedeutung verleiht auf der Welt . Aber auch das gute Gedeihen der Büttnerschen Kinder war stets ein Stachel in der Seele des Kretschamwirts gewesen . Er haßte vor allem Gustav . Der Mensch schien sich , allem Unglück zum Trotze , das seine Familie betroffen , wacker durch die Welt zu schlagen . Gustav bildete auch den Gegenstand stummer Wut für Richard Kaschel . Die Prügel , die er einstmals von dem Vetter erhalten , waren unvergessen . Aber an Gustav konnte man nicht heran ; der verkehrte nicht im Kretscham . Auch von Ernestine bekam man nicht viel zu sehen ; es hieß , sie habe einen Bräutigam in der Fremde und werde bald heiraten . Toni war wieder nach Berlin zurückgekehrt , nachdem sie den Ort durch ihr Auftreten in Aufregung versetzt hatte . Nun blieb noch Karl . Der schien allerdings die schiefe Ebene ganz von selbst hinabzugleiten . An den reißenden Fortschritten , die Karls Verlotterung machte , hatte das edle Paar , Vater und Sohn Kaschel , seine helle Freude . Richard Kaschel hatte außerdem noch einen besonderen Grund , sich für Karl zu interessieren . In Halbenau wurde trotz der Armut seiner Bewohner viel und verhältnismäßig hoch gespielt . Ein nach dem Hofe hinaus gelegenes Hinterzimmer im Kretscham bot willkommene Gelegenheit zu jeder Art lichtscheuem Treiben . Dort flogen die bunten Blätter oft ganze Nächte hindurch . Es war bekannt , daß ein Halbenauer Bauer dort Haus und Hof und alles Hab und Gut im Laufe weniger Jahre verspielt hatte . Richard Kaschel gehörte zu der Spielerzunft . Der Vater wußte um das Treiben des Sohnes Bescheid . Er hatte versucht , ihn abzuhalten vom Spiel . Aber das Bürschchen , das dem Alten längst über den Kopf gewachsen war , hatte geantwortet : Der Vater habe ja seine Kümmelpulle ; da möge er ihm gefälligst die Karten lassen . Eines Abends , als Karl in den Kretscham kam , setzte sich Richard wie gewöhnlich zu dem Vetter an den Tisch . Nachdem Karl bereits sein zweites Fläschchen Korn geleert , fragte ihn Richard , ob er Lust habe , ein Viertel Schwein zu gewinnen . Karl begriff zunächst nicht , was jener damit meine . Der Vetter erklärte ihm , im Hinterzimmer säßen zwei fremde Herren , die Lust hätten , ein Spielchen zu machen . Der eine habe eine Gans mitgebracht , der andere ein Paar Magenwürste , er selbst , Richard , wolle ein Viertel von dem eben geschlachteten Schweine setzen ; es fehle ihnen aber der vierte Mann . Wenn Karl nichts anderes bei sich habe , könne er auch Geld setzen ; die Herren würden das schon erlauben . Dann schilderte er die Herrlichkeiten , die man gewinnen könne , ließ Speckseiten und Würste vor den Sinnen des bereits Halbberauschten aufmarschieren . Karl hatte beim Militär hin und wieder Karten in Händen gehabt , seitdem nicht mehr . Aber Richard versprach zu helfen ; sie zwei wollten die beiden anderen tüchtig ausnehmen , raunte er dem Vetter ins Ohr . Der Gedanke an den fetten Einsatz erschien verlockend . Karl taumelte ins Hinterzimmer . Die beiden Fremden saßen bereits da . Über dem ganzen Zimmer , das von einer Hängelampe beleuchtet wurde , schwebte es wie bläulicher Dunst . Karl wußte , daß er betrunken sei . Aber er befand sich in jenem Stadium des Rausches , wo alles selbstverständlich erscheint , wo alle Bedenken leicht wie Rauch verfliegen . » Du wirst diesen Kerlen mal zeigen ! Du wirst ihnen mal zeigen ... « dachte er bei sich . Dann saß er am Tisch , die Faust voll Karten ; das war der Schellenkönig und das die rote Zehne - O , er kannte sie noch ganz genau , die Karten , wußte auch ihre Namen ! - Ihm gegenüber der Fremde hatte einen schwarzen Bart , in den sich auf der einen Gesichtsseite ein dunkelrotes Muttermal verlief . Karl wurde ganz zerstreut durch dieses Abzeichen ; er mußte unausgesetzt darauf starren . » Karle , du bist am Ausspielen ! « mahnte der Vetter . » Gegen solche Karten ist nicht aufzukommen , « sagte der andere Fremde , ein kleiner , bartloser Mann , dessen Kopf wie mit Mehlstaub bestreut erschien . » Das ist also ein Müller ! « dachte Karl . Aber als der Mann seinen Kopf ins Licht vorbeugte , sah man , daß sein Haar von Natur so grau sei . » Herr Büttner hat die Partie gewonnen , « hieß es . Richard zeigte eine Magenwurst vor , die hatte Karl gewonnen . Der lachte vor Vergnügen über das ganze Gesicht . Er hatte es ja gleich gesagt , daß er die Kerle reinlegen würde . » Jetzt woll ' n mer um de Knöppe spielen ! « rief Richard . Der mit dem Muttermale griff in die Tasche und legte eine Handvoll Silber auf den Tisch . Ein gleiches tat der Graukopf . » Ich bin auch versehen , « erklärte Richard Kaschel und klopfte protzig auf seine Tasche . Karl brachte das Ledertäschchen mit dem Stahlbügel hervor . Er lächelte verächtlich . Jetzt sollten die Fremden mal sehen , was er für ein Kerl war ! Mit ungeschickten Fingern holte er die einzelnen Goldstücke heraus . Es waren noch fünfzig Mark ; das übrige war vergeudet . » Noch ' nen Nordhäuser vorher ! « sagte Richard , » den gebe ich . « Er holte aus dem Wandschranke eine Flasche hervor , schenkte die Gläser voll und stellte die Flasche auf den Tisch . Das Spiel begann von neuem . » Der guckt durch a Astloch ! « sagte jemand . Karl lachte über die Bemerkung , weil er die anderen lachen sah . Diesmal hatte er verloren . » Immer glei bezahlen ! Da gibt ' s nich lange Qualen ! « meinte der Gewinner . Fünf Mark , hieß es , habe Karl auszuzahlen . Richard wechselte ihm ein Goldstück gegen Silbergeld ein . Nachdem Karl mehrere Male hintereinander verloren hatte , kam eine Art Besinnung über ihn . Er erhob sich , wollte nichts von weiterem Spielen wissen . Aber Richard ließ ihn nicht fort . » Die lachen iber dich , wenn de weglefst . Bleib ack hier , Karle ! Ich werd ' d ' r schon helfen . Diesmal schmier ' n mer se an ; paß a mal uff ! « Karl ließ sich bereden und blieb . » Noch einen Nordhäuser , meine Herren ? « fragte Richard . »