! « sagte Kitty und beschleunigte ihren Gang . » Sie wissen ? « » Natürlich ! Es war doch nur ein Vorwand , als ich Sie wegschickte . Ich hoffe , Sie nehmen mir das nicht übel . Aber Tas , und wir beide zusammen , das hätte doch Veranlassung gegeben zu allerlei unbequemen Fragen . Und da wäre doch jetzt nicht die Zeit gewesen , um das aufzuklären . Nicht wahr ? « Sie blieb stehen und bot ihm die Hand . » So ! Jetzt ist alles klar zwischen uns . Jetzt flink , oder ich versäume den Zug ! « Rasch durcheilten sie die Breite der Halle . Das zweite Zeichen war schon gegeben , als sie den Zug erreichten . Der Schaffner , mit welchem Kitty vor einer Stunde in München angekommen war , begleitete auch den Zug , mit dem sie die Rückreise antrat ; er erkannte sie und lief , um einen Wagen erster Klasse zu öffnen . Forbeck war in nervöser Erregung . » Es wird Nacht , bis Sie in Hubertus ankommen , und es macht mir Sorge , daß Sie allein reisen . « Sie lächelte , halb erfreut , halb verlegen . » Ich muß allein reisen , gerade jetzt . Und was sollte mir zustoßen ? Fünf Stunden sitz ' ich ruhig im Kupee , dann nehm ' ich mir einen Einspänner und kutschiere gemütlich nach Hause . « Forbeck schien nicht beruhigt . » Wenn Sie gestatten wollten , daß ich in einem anderen Kupee - « » Ach , Unsinn ! Das am allerwenigsten ! Das wäre noch unbehaglicher . Aber ich danke Ihnen ! « Sie wollte ihm die Hand reichen . Der Schaffner mahnte : » Höchste Zeit , gnädiges Fräulein ! « Kitty sprang so flink in den Wagen , daß die jähe Trennung fast den Anschein einer Flucht gewann . Forbeck benützte diesen Moment , um dem Kondukteur ein Goldstück in die Hand zu drücken : » Bitte , nehmen Sie sich der jungen Dame an und sorgen Sie dafür , daß niemand sie stört ! « Der Schaffner machte eine tiefe Reverenz und schloß mit auserlesener Vorsicht die Wagentür . In der einen Hand den Hut , mit der andern an der Uhrkette nestelnd , sagte Forbeck tonlos : » Darf ich bitten , Fräulein von Kleesberg zu grüßen und ihr zu sagen , daß ich die viele Freundlichkeit , die sie mir erwiesen , nie vergessen werde ! « » Ja , Herr Forbeck , das sag ' ich ihr ! Und das wird ihr Freude machen . Tante Gundi hat Sie sehr liebgewonnen , sehr ! Für Ihren Gruß wird sie sich persönlich bei Ihnen bedanken , sobald wir nach München kommen , in drei bis vier Wochen . « Kitty verschwand , erschien aber gleich wieder am Fenster mit dem Jammerschrei : » Um Gottes willen ! Wo ist denn mein Koffer ? « Als sie das fassungslose Entsetzen gewahrte , von welchem Forbeck befallen wurde , fing sie herzlich zu lachen an : » Na also , da haben Sie jetzt ein bißchen Arbeit ! Das wird Sie wohltuend zerstreuen ! « Der Pfiff der Lokomotive und ein rasselnd durch die Wagenreihe zuckender Stoß unterbrachen ihre Worte . In jäher Bestürzung streckte sie die Hand aus dem Fenster . » Herr Forbeck ! « Das klang wie verzehrende Angst . » Auf Wiedersehen ! « Er brachte kein Wort heraus , als er hastig ihre Hand erfaßte ; Kittys Finger klammerten sich um die seinen , und während er neben dem rollenden Wagen herlief , hing sein dürstender Blick an ihrem verstörten Gesicht . Der Wagen bekam es eilig , die beiden Hände mußten sich lassen . 7 » Tut mir leid , aber der Herr is net daheim ! « So hatte , als das Lieserl in der Nacht am Doktorhaus die Glocke gezogen , die Haushälterin des Arztes aus dem Fenster gerufen . » Um neune am Abend hat er in d ' Färleiten müssen . « Das war ein einsam gelegener Bauernhof , zwei Stunden vom Seedorf entfernt . » Wenn er heimkommt , schick ich ihn gleich . Wer is denn krank bei dir ? « Lieserl , an allen Gliedern zitternd , gab mit erwürgter Stimme die Antwort : » Der Mutter is net gut ! « » Es wird net so arg sein ! Sie soll sich derweil an Tee machen . In der Fruh kommt der Herr Doktor schon . « Das Fenster klirrte ; und Lieserl trat den Heimweg an . Ihre Tränen waren versiegt , ihre Angst verwandelte sich in dumpfe Erschlaffung . Wie Blei lag es ihr in den Knien . Schließlich begann sie aber doch zu laufen , weil die tiefe Finsternis sie gruseln machte ; dazu hatte sie die Empfindung , als striche ihr jemand mit eiskalter Hand über das Gesicht . Und das eintönige Rauschen , das neben der Straße aus der tiefen Schlucht der Ache klang , weckte in ihr die Vorstellung einer Gespensterstimme . Als sie heimkam , sah sie an den ebenerdigen Fenstern alle Läden geschlossen . Sie hörte ersticktes Schluchzen und gewahrte auf der Hausbank einen schwarzen Klumpen , an dem sich eine weiße Schürze bewegte . Vor Erschöpfung taumelnd , umklammerte Lieserl den Arm der Mutter und lallte , daß sie den Doktor nicht daheim gefunden . » Lieserl ! « schluchzte die Zaunerin und zog die Tochter auf ihren Schoß . » So a Glück hätt dir zustehn können ! Und so an Unglück muß kommen über uns ! O du mein armes , verlassens Kinderl . Da hätt jetzt auch kein Doktor nimmer gholfen . « » Mar ' und Joseph ! « kreischte Lieserl und verbarg unter Zittern das Gesicht am Hals der Mutter . So saßen sie und weinten miteinander . Endlich versuchte die Zaunerin das Mädel aufzurichten . » Komm , ich führ dich in d ' Stuben eini ! Schau ihn an , dein armen Schatz , wie er daliegt , so lieb und schön ! « Die Stubentür war halb geöffnet , und man sah den Tisch mit der Hängelampe darüber , die einen hellen Lichtkreis über die Dielen warf . Auf einem Sessel mitten in der Stube stand eine irdene Schüssel mit rot gefärbtem Wasser , in dem ein blutfleckiger Lappen schwamm . Gebrochen , mit käsigem Gesicht , saß der Zaunerwastl auf der Ofenbank ; als die Meisterin und das Lieserl über die Schwelle geschlichen kamen , zuckte es in seinen Fäusten , und mit irrem Blick streifte er das Sofa , auf dem der Tote lag : in der schmucken Uniform mit den blinkenden Knöpfen , den seitlich geneigten Kopf in die Kissen versunken . Das hübsche , junge Gesicht , das sorgfältig vom Blut gereinigt war , zeigte einen gutmütigen , fast knabenhaften Ausdruck . Vom Arm der Mutter umschlungen , stand Lieserl vor dem Toten , mit aufgerissenen Augen , von einem Schauer gerüttelt , daß ihr die Zähne klapperten . » Schau , Lieserl , da liegt er ! « schluchzte die Zaunerin . » Druck ihm die lieben Äugerln zu ! Der hat ' s verdient um dich . « Meister Zauner wurde unruhig . Von der Mutter geschoben , näherte Lieserl sich dem Sofa . Als ihre Finger die Lider des Toten berührten , wich sie zurück und schlug die Hände vor das Gesicht : » Mutter ! Ich fürcht mich vor ihm ! « Da sprang der Zauner auf , mit geballten Fäusten . » Naus ! « schrie er in seinem Zorn , daß ihm der Schaum vor die Mundwinkel trat . » Naus zu Stuben ! Du ! Solang er glebt hat , hast dich net gforchten ? Gelt ? Da hast scharwenzeln können und ' s Fenster sperrangelweit aufreißen ! Und jetzt tät dir grausen vor ihm ? Naus zur Stuben , du Fratz , du gottvergessener ! Oder ich vergreif mich an dir ! « Lieserl , die Arme über den Kopf schlagend , floh aus der Stube ; zum erstenmal im Leben hatte sie Angst vor ihrem Vater . » O du grundgütiger Heiland ! « kreischte die Zaunerin . » So was von Gemütlosigkeit is mir meiner Lebtag noch net unterkommen ! Lieserl ! Mein arms Lieserl ! « Sie wollte ihrem mißhandelten Kinde folgen . » Du bleibst ! « keuchte der Zauner . » Mit dir hab ich z ' reden ! « Er faßte das Weib am Arm und warf die Tür zu . Lieserl hatte im Flur die brennende Kerze aufgerafft und rannte , wie von einem Gespenst gejagt , über die Treppe hinauf in ihr Stübchen . Zitternd schob sie den Riegel vor , schloß in scheuer Hast das Fenster , das noch immer offen stand , und trug den Leuchter zum Spiegeltisch . Ihr Blick fiel in das Glas , und sie sah die roten Flecken an ihrer Brust und am Ärmel . Von Grauen befallen , riß sie das Leibchen herunter ; eine Hafte verfing sich am Nacken in ihrem Haar , und das verursachte ihr solchen Schreck , daß sie aufschrie und in blinder Angst immer zerrte , bis ihre Zöpfe sich lösten . Unter einem Zähneschauer riß sie die Tür wieder auf , schleuderte das Leibchen in den dunklen Flur hinaus und schlenkerte die Finger wie ein zu Tod erschrockenes Kind , das sich im Spiel mit dem Feuer die Hände verbrannte . In Rock und Schuhen , das Gesicht von Angst und Erschöpfung entstellt , warf sie sich über das Bett ; es war aufgedeckt und frisch überzogen wie vor hohem Feiertag ; nur die Kissen fehlten . Lautloses Schluchzen erschütterte den Körper , während sie den Kopf in das flaumige Oberbett vergraben hielt . So hörte sie keinen Laut , obwohl man aus der Stube herauf den Klang der wechselnden Stimmen vernehmen konnte . Tritte polterten im Flur , und die Haustür knarrte . Über die Fenster des Stübchens zuckte ein unruhiger Schein , als ginge man mit einer Laterne gegen die Straße . Eine halbe Stunde herrschte tiefe Stille da drunten , dann wurde die Haustür geschlossen , und müde Tritte schlurften über die Treppe herauf . Die Zaunerin kam in das Stübchen geschlichen . Ein Bild des Jammers , fiel sie neben dem Bett auf einen Sessel . Nach einer Weile strich sie scheu mit der Hand über Lieserls entblößte Schulter . » Jetzt mußt dich nimmer fürchten ! Er is schon aus ' m Haus . « Das Mädel fuhr auf , stierte die Mutter an und verbarg das Gesicht wieder in den Federn . » Der Vater hat gmeint , es könnt dem gnädigen Herrn lieber sein , wenn d ' Leut sagen : ' s Unglück is auf der Straßen gschehen - lieber , als wenn ' s Geschrei umanand ging : er is am Zaunerlieserl ihrem Fenster ausgrutscht ! Es wär auch besser für dich , wenn die Sach vermankelt wird . Soviel Ehr : daß der junge Herr Graf seine gnädigen Augen zu dir erhoben hat . Aber d ' Leut fassen so was gspassig auf . Da könntst an Treff kriegen fürs Leben ! Und der Vater hat gar net denkt an dich ! Nur allweil an gnädigen Herrn Grafen ! Und drum hat er den armen Kerl abitragen in Seebachgraben und hat ihn hingelegt , als ob er in der Nacht über d ' Straßen naustreten wär und hätt sich derfallen . Und jetzt is er fort , der Vater , und is auffi zum gnädigen Herrn in d ' Jagdhütten . Der wird Augen machen ! « Seufzend blies die Zaunerin den Atem aus , und ihre Zähren begannen wieder zu fließen . Nach einer stummen Weile erhob sie sich und drückte stöhnend die Fäuste in den Rücken . » Jetzt muß ich sauber machen drunt ! Und sei gscheit , Lieserl , tu dich ordentlich niederlegen . Es kommt der Tag schon bald , und a paar Stünderln Ruh mußt haben , sonst kann dir ' s morgen jeder Mensch vom Gsichterl ablesen , daß was passiert is ! Geh , sei gscheit ! Ich hol dir dem Vater seine Kopfpolstern ummi . Der braucht s ' heut nacht sowieso net . « Sie verschwand und erschien wieder , unter jedem Arm ein bauschiges Kissen . Mit umständlicher Sorgfalt machte sie das Bett zurecht und entkleidete das feine Lieserl , das stumm und willenlos alles mit sich geschehen ließ . » So , du arms Hascherl ! Jetzt tu dich einihuscheln in d ' Federn ! Und ' s Lichtl laß ich brennen . Daß dich net fürchten tust . « Zärtlich streichelte die Zaunerin das blasse Gesicht ihres Kindes , zerdrückte mit der Faust eine schimmernde Mutterträne und humpelte seufzend aus der Stube . Schaudernd schmiegte sich Lieserl in die Kissen und zog das Deckbett über die Ohren . Die Stunden versickerten , und vor den Fenstern des Stübchens begann der erwachende Tag zu glänzen . Mutter Zaunerin erschien mit nasser Schürze und mit Händen , die von der Kälte des Wassers gerötet waren . Der süße Trost , den in allem Leid die Arbeit bietet , schien sich auch ihr erwiesen zu haben . Sie war gefaßt . » So , Lieserl ! A traurigs Gschäftl hab ich ghabt . Aber drunt is wieder alles in Ordnung . Jetzt kann ins Haus kommen , wer mag . Keiner wird merken , daß da was gschehen is . Vor die Leut heißt ' s Obacht geben ! Wir zwei unter uns können reden drüber , was für a Glück uns zugstanden wär , wenn ' s mögen hätt ! « Mit diesen Reden » unter uns « machte die Zaunerin gleich den Anfang und erörterte unter Seufzern jede Hoffnung , die das » arge Unglück « so jäh vernichtet hatte . » Schau , liebs Kindl , ich will dir gwiß kein Fürwurf machen . Aber hättst Vertrauen zu deiner Mutter ghabt , wer weiß , wie ' s gangen wär ? Und red doch endlich amal a Wörtl ! Es könnt mich trösten , wenn ich wüßt , wie alles kommen is . « Lieserl schüttelte heftig den Kopf und vergrub das Gesicht in die Kissen . Aber die schmerzvolle Neugier der Zaunerin gab keine Ruhe mehr , bis sie gestillt wurde . Lieserl mußte erzählen , ob sie wollte oder nicht . Es wuchs der Tag vor den Fenstern . Und wie das Licht da draußen in alle Winkel des Tales drang , so schlich sich auch ein verklärender Strahl in Lieserls dunkle Liebesgeschichte . Sie schien es selbst nicht zu merken , daß sie beim Erzählen mehr als bedenklich von der Wahrheit abirrte . die Verstörtheit ihres hübschen Grübchengesichtes begann sich zu mildern , und während ihre dunklen Kirschenaugen in schwärmerischem Kummer blickten , verwandelte Lieserl sich vor der Mutter in die makellose , des tiefsten Mitleids würdige Heldin eines sentimentalen Romans , der die Zaunerin zu Tränen rührte . Im Verlaufe des vorletzten Kapitels , das im abendlichen Walde spielte und eines Kniefalls mit heißen Liebesschwüren des unglücklichen Helden Erwähnung tat , ließ sich Lieserl ihr Röckl reichen und holte aus der Tasche ein zusammengeknüpftes Tüchl hervor . Über der Bettdecke löste sie den Knoten und hielt der Mutter auf flacher Hand den funkelnden Rubin entgegen . » Da schau , Mutter ! Den kostbaren Edelstein hat er mir gschenkt ! Soviel is unser Haus und Garten net wert ! « Das war eine poetische Übertreibung , aber sie fand den sprachlos staunenden Glauben der Zaunerin . » Und gschworen hat er mir , daß er mich lieber hätt als alles auf der Welt ! « Tränen erstickten ihre Stimme . » Der gute , liebe , süße Mensch ! « Vor Rührung , Schmerz und freudiger Überraschung einem Weinkrampf nahe , warf die Zaunerin sich an die Brust ihres Kindes . » Lieserl , Lieserl ! Dös kostbare Blutströpfl mußt in Ehren halten und am Halserl tragen wie an Ammalett , zum ewigen Andenken bis zu deiner seligen Todesstund ! « Tod ! Das üble Wort jagte einen Schauer über Lieserls Nacken . » Ich bitt dich , red net allweil vom Sterben ! « greinte sie und wand sich aus den Armen der Mutter . Die Zaunerin klagte weiter : » Du mein arms , unschuldigs Kindl du ! Der hätt dich gheirat , Lieserl ! Du , Frau Gräfin ! Und ich als Gräfin-Mutter ! Und jetzt is alles aus ! Und wer kann wissen , ob ' s Unglück schon an End hat ? Völlig grausen tut ' s mir , wenn ich dran denk , was da für Sachen aussiwachsen können ! Und wer muß leiden drunter ? Du , Lieserl ! Allweil der Unschuldig ! Dös is die Grechtigkeit auf der Welt ! Gott behüt uns vor so was ! « Die Zaunerin schlug ein Kreuz . Dazu hatte sie den rechten Augenblick gewählt , denn das Morgengeläut der Kirchenglocke begrüßte den neugeborenen Tag . Lieserl schien von der Angst der Mutter angesteckt . » Was soll mir denn gschehen können ? « » D ' Leut , Lieserl ! Die schlechten Leut ! Wär alles gut nausgangen , ' s ganze Dorf wär zersprungen vor lauter Neid . Aber jetzt ! Weil alles schief gangen is ! Wann der Vater die Gschicht net gut vermankelt , rucken d ' Leut mit ' m Gspött und mit der boshaften Gaudi über uns her , daß man sich in Erdboden verschliefen möcht ! Verschandeln werden dich d ' Leut , kein guts Haar mehr lassen s ' an deiner Ehr ! Und hängen bleibt ' s an dir ! Dein Leben lang ! Herrichten werden dich d ' Leut , daß dich keiner mehr anschaut auf der ganzen Welt ! Und sitzen bleibst ! Ich sag dir ' s , Lieserl , ich weiß net , was ich drum gäb , wenn gschwind einer da wär , der dich vom Fleck weg auffiführen tät ins Pfarrhaus ! « » Aber Mutter ! « stammelte das Mädel , dem die finstere Logik der Zaunerin mit Schrecken einzuleuchten schien . » Wo soll denn gschwind einer herkommen ? « Die Phantasie der Mutterliebe machte über allen Jammer hinüber einen Löwensprung : » Der Pointner-Andres ! « Als Lieserl den Namen hörte , fuhr sie aus den Kissen und spie zur Erde . » Lieserl ! Ich sag dir ' s : Tu dich net versündigen ! Oder willst dein Glück verklämpern ? « jammerte die Zaunerin . » Ich hab dir ' s allweil gsagt : Halt dir den Andres warm ! Er is net der schlechteste . Der schönste Hof im ganzen Ort ! Und der Steinbruch , der zum Hof ghört , is die reinste Goldgruben . Aber allweil is noch nix verspielt . Der Andres is völlig narrisch vor lauter Lieb zu dir . Da tät ' s dich nur a Wörtl kosten , und alles wär in der schönsten Ordnung . Meiner Seel , wenn ich wüßt , wo ich den Andres find , auf der Stell tät ich reden mit ihm ! « » Mutter ! « lallte Lieserl , zu Tod erschrocken . » Lieber sterben als so was von Schlechtigkeit verüben ! « » Schlechtigkeit ? Was Schlechtigkeit ? « Das Wort schien die Zaunerin zu reizen . » ' s ganze Leben ruinieren und Sorg und Elend über d ' Mutter bringen ! Dös wird wohl Schlechtigkeit gnug sein ! « Warnend erhob sie den Finger . » Sei gscheit , Lieserl ! Oder willst es drauf ankommen lassen , daß dich der Andres auch nimmer mag ? Und daß dich der Miserabligste im Ort nimmer anrühren möcht mit ' m Stecken ? Ah na ! Da is d ' Mutter noch da ! Auf der Stell schau ich , daß ich den Andres find ! Und dir , Lieserl , sag ich : Sei gscheit ! « Die Tochter mit einem letzten warnenden Blick bedenkend , strebte das kummervolle Mutterherz der Zaunerin zur Tür hinaus . » Ich tu ' s net ! Und ich tu ' s net ! « kreischte Lieserl und sprang wie in einem Anfall von Wahnwitz aus dem Bett . » Und net um d ' Welt ! Und net um alles ! Lieber sterben ! Pfui Teufel , Mutter ! Mir graust ! « Sie riß die Tür auf , um die Mutter noch einzuholen . Da sah sie auf der Flurdiele das blutige Leibchen liegen . Von kaltem Grauen geschüttelt , taumelte sie zurück und warf , als hätte sie ein Gespenst gesehen , die Tür ins Schloß . Ein paar Minuten später zappelte die Meisterin aus dem Haus , einen Henkelkorb am Arm , mit einem wollenen Umschlagtuch . Es war noch früh am Morgen ; aber das Leben des Dorfes erwachte schon . Blauer Rauch stieg aus den Schornsteinen , von den zerstreuten Höfen hörte man Geräusch und Stimmen , die Hunde schlugen an , auf der Straße rasselte ein Leiterwagen , und aus dem Park von Schloß Hubertus , dessen Baumkronen von grauem Nebel umsponnen waren , klang von Zeit zu Zeit ein gellender Adlerschrei . Die Zaunerin hatte es eilig . Sie achtete der schweren Nässe nicht , die sie mit dem Rocksaum von den weißbetauten Gräsern streifte . Schnaufend erreichte sie das Pointnerhaus , ein stattliches Gebäude in weitläufigem Hofraum . Beim Brunnen stand eine Magd , und freundlich rief die Zaunerin über die Staketen : » Guten Morgen , Franzi ! Zeitig bist auf ! « Die Magd lachte . » Wär net schlecht , wenn ich d ' Sonn verschlafen möcht ! « » Ja , ja , a fleißigs Haus , der Pointnerhof ! Der Bauer is wohl auch schon lang bei der Arbeit ? « » Da hast recht ! Der Alt is am Feld draußen , und der Jung schafft schon seit in der Fruh um fünfe im Steinbruch . « » So ? So ? Bhüt dich Gott ! « Die Zaunerin eilte weiter . Ihr Weg ging durch ein Laubgehölz , dessen Blätter sich schon gelblich zu färben begannen . Ein mit Quadersteinen beladener Wagen kam ihr entgegen , sie hörte einen Sprengschuß und vernahm das dumpfe Getös des fallenden Gesteins . Die Bäume lichteten sich , und vor der Zaunerin lag der tief in den Berghang eingewühlte Steinbruch . Über der kahlen Wand verzog sich der Pulverdampf des letzten Sprengschusses , während am Fuß der Felsen , zwischen klotzigen Trümmern , drei Arbeiter mit klingenden Hammerschlägen schon wieder die neuen Sprenglöcher in das Gestein meißelten . Im Schotterfelde standen zwei Wagen , der eine schon mit Steinen befrachtet , während der andere beladen wurde ; vier Männer waren hier bei der Arbeit , unter ihnen der Pointner-Andres . Er hielt die Schulter gegen einen eisernen Hebel gestemmt und wälzte einen schweren Stein auf den ächzenden Wagen hinauf . Als die Zaunerin sich näherte , rollte der Block an seinen Platz . Andres wischte mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirn ; nun gewahrte er das Weib , ließ den Arm fallen und sperrte die Augen auf . » Guten Morgen , Andres ! Fleißig ? « nickte die Zaunerin mit großer Herzlichkeit und ging vorüber . Sie kannte den Andres und brauchte nicht das Gesicht zu drehen , um zu wissen , daß er ihr folgen würde . Als sie den Wald erreichte , kam ihr der junge Pointner mit schweren Schritten nachgetappt , verlegen , erregt wie ein hungriges Kind , das die Mutter mit gefülltem Körbchen vom Bäcker kommen sieht . » He ! Meisterin ! Wohin denn ? « Die Zaunerin blieb stehen und hatte eine Ausrede flink bei der Hand . Ein paar Reden wurden gewechselt , und mit einer scheuen Frage nach Lieserls Befinden brachte der Andres selbst das Gespräch auf den Weg , um den es der Zaunerin zu tun war . » Geh , du ! Fragen kannst auch noch ! « schmollte sie , als wäre sie dem Andres aus irgendeiner Ursache bitterbös und könnte ihm doch nicht gram sein . Diese dunkle Einleitung brachte den jungen Pointner aus seiner ohnehin recht zweifelhaften Ruhe . » Du ? Was machst denn für Augen ? « » So ? Merkst es ? Wann ich dich net so gern hätt , möcht ich dir am liebsten d ' Ohrwascheln aus ' m Kopf reißen vor lauter Zorn ! Ja , dir ! Mein Madl so schikanieren ! Da hört sich doch alles auf ! « Dem Andres versagte vor Verblüffung die Sprache . Seine klobigen Fäuste zitterten , mit offenem Mund und großen Augen starrte er die Zaunerin an , und Röte und Blässe wechselten auf seinem ungeschlachten Gesicht . » Wie ? Was denn ? Ich hab dem Lieserl kein unguts Wörtl net geben ! Soviel dürsten tut mich nach dem Lieserl ! Allweil lachen mich d ' Leut drum aus ! Und ' s Lieserl is soviel unfreundlich . Allweil sagt ' s mir , daß ihr keiner auf der Welt so zwider wär wie ich . « Andres strich mit den Händen übers Haar und seufzte schwer . » Du ? Zwider ? Dem Lieserl ? « Die Zaunerin stellte den Korb zu Boden und schlug die Hände über dem Kopf zusammen . » Bist denn du mit Blindheit gschlagen ? Da muß ich schon aussi mit der Sprach ! « Nun ging es weiter wie ein klapperndes Mühlwerk . Ohne sich eine Kunstpause zu vergönnen , spielte die Zaunerin ihre strohdumme Komödie zu Ende . Jeder andere wäre stutzig geworden . Aber der Pointner-Andres war blind , trotz seiner scharfen Augen . Er war gewiß kein großes Geisteskind , aber auch nicht dumm - nur eben verliebter als für ihn gesund war . Um die heißen Kohlen in seinem Herzen zur Flamme anzublasen , hätte es gar nicht dieses langen Märchens von der unverstandenen Liebe bedurft , von Lieserls bleichen Wangen und ihren schlaflosen Nächten , von den heißen Tränen , bei denen die Zaunerin ihr armes Kind überraschte , von Lieserls Beichte am Mutterherzen und von ihrem verzeihlichen Groll über den Pointner-Andres , » der halt gar net Ernst macht « . Hätte die Zaunerin statt dieses langen Schwindels nur kurzweg gesagt : » Komm , Andres ! Zum Lieserl ! « - sie hätte die gleiche Wirkung ebenso sicher erzielt , nur um vieles rascher . Der baumschwere Mensch zitterte an allen Gliedern , seine Augen glänzten , und so lange Schritte machte er , daß ihm die Zaunerin kaum zu folgen vermochte . Und wie er den Kopf trug , wie seine schwere Gestalt sich reckte ! Weniger hoffnungsfreudig war das Antlitz der siegreichen Mutter anzusehen ; unruhig huschte ihr Blick nach allen Seiten , und als die Straße erreicht war , guckte sie scheu in die Seebachschlucht hinunter , aus deren Schattentiefe dünne Wasserdünste sich emporkräuselten in die sonnige Morgenluft . Die Beklemmung , von der die Zaunerin befallen war , schien sich einigermaßen zu lösen , als sie vor dem Pointner-Andres das Staketentürchen öffnete . Mit wichtigtuender Geheimniskrämerei führte sie den Burschen ins Haus und ließ ihn in die Stube treten , deren Dielen frisch gescheuert waren und noch feuchte Flecken hatten . Während Andres mit unbehilflicher Verlegenheit immer seine klobigen Hände abstaubte und auf dem Sofa Platz nahm , stolperte das mütterliche Schicksal über die Stiege hinauf . Beim Eintritt in Lieserls Stübchen nickte die Zaunerin befriedigt vor sich hin , als sie die Kammer geordnet und das Mädel auf einem Sessel sitzen sah , zwar blaß wie eine geknickte Lilie , doch zierlich frisiert und mit Sorgfalt gekleidet . » Gut geht ' s , Herzerl ! Er is schon da . « Lieserl schluckte , und ihr farbloses Gesicht verzerrte sich , als hätte man ihr eine gallenbittere Medizin gereicht . » Na , Mutter ! Net um alles in der Welt ! Ich geh net nunter in d ' Stuben ! « Über dieses Hindernis kam die Zaunerin flink hinüber . » So wart a bißl , ich hol ihn auffi ! « Drunten auf der Stubenschwelle brauchte sie nur mit dem Finger zu winken , und der Andres kam . Als er den Flur des oberen Stockes erreichte , sah der im elterlichen Haus an strenge Ordnung gewöhnte Bursch auf den Dielen das Leibchen liegen , für das die Zaunerin kein Auge hatte . Er hob es auf und legte es über das Stiegengeländer . Auf dem Boden blieb ein matter bräunlicher Fleck zurück , als hätte durch lange Zeit ein rostiges Eisen auf dem Brett gelegen . Die Zaunerin klinkte inzwischen die Tür auf und tuschelte schelmisch in das Stübchen : » Lieserl ! Schau , wer da is ! « Kichernd ließ sie den Burschen über die Schwelle . Mit verstörtem Gesicht stand Lieserl an die Mauer gelehnt . » Aber Mutter ! « stotterte sie und schlug den Arm über die Augen . » No also , jetzt red ! « sagte die Zaunerin zum jungen Pointner . Doch Andres stand wie angewurzelt und wußte nicht , was er sagen sollte . » Wenn dir ' s Glück die Red verschlagt , « meinte die Zaunerin , » so mach halt kurzen Prozeß und gib ihr a Bussel , a richtigs ! « Sie versetzte dem Andres einen Puff in den Rücken , und um dem schwerfälligen Freier diesen » kurzen Prozeß « zu erleichtern , ließ sie ihn mit der Braut allein . Draußen an der Tür blieb sie stehen und wollte das Ohr an die Bretter drücken . Da hörte sie das