feierlich in die Kirche getragen werden unter der Ehrenbedeckung zweier Offiziere mit gezogenem Degen ; da tritt der Rekrut zum erstenmale öffentlich mit Helm und Seitengewehr auf und zum erstenmale folgt er der Fahne seines Truppenteils , die jetzt entfaltet ist vor dem Altare des Herrn , zerfetzt wie sie ist und geschmückt mit dem Ehrenzeichen der Schlachten , in der sie getragen worden « ... Er sprach von der allsonntäglichen kirchlichen Fürbitte : » Beschütze das königliche Kriegsheer und alle treuen Diener des Königs und des Vaterlands . Lehre sie , wie Christen ihres Endes gedenken und laß dann ihre Dienste gesegnet sein zu Deiner Ehre und des Vaterlandes Besten . » Gott mit uns , « führte er weiter aus , » ist ja auch die Inschrift auf der Gürtelschnalle , mit der der Infanterist sein Seitengewehr sich umgürtet , und diese Losung soll ihm Zuversicht geben . Ist Gott mit uns - wer mag wider uns sein ? Da sind auch die allgemeinen Landes- , Buß- und Bettage , die beim Beginn eines Krieges ausgeschrieben werden , damit das Volk im Gebete des Herrn Hilfe erflehe , zugleich in der getrosten Hoffnung auf seinen Beistand und im Vertrauen auf den durch diesen Beistand zu erlangenden glücklichen Ausgang . Welche Weihe liegt für den ausziehenden Krieger darin - wie mächtig hebt dies seine Kampfes- und seine Todesfreudigkeit ! Er kann getrost , wenn ihn sein König ruft , in die Reihen der Kämpfer treten und auf Sieg und Segen für die gerechte Sache rechnen : Gott der Herr wird dieselben unserem Volke ebensowenig entziehen , wie einst seinem Volke Israel , wenn wir nur zu ihm betend die Arbeit des Kampfes thun Der innige Zusammenhang zwischen Gebet und Sieg zwischen Frömmigkeit und Tapferkeit ergiebt sich leicht - denn was kann mehr Freudigkeit im Angesicht des Todes gewähren , als die Zuversicht , wenn im Schlachtgewühl die letzte Stunde schlägt , vor dem himmlischen Richter Gnade zu finden ? Treue und Glauben in Verbindung mit Mannhaftigkeit und Kriegstüchtigkeit gehören zu den ältesten Traditionen unseres Volkes . In diesem Ton ging es noch lange fort : bald in öliger Milde , gesenkten Hauptes , mit sanftem Tonfall von Liebe , Himmel , Demut , » Kindlein « , Heil und » köstlichen Dingen « ; - bald mit militärischer Kommandostimme , bei stolz in die Brust geworfener Haltung , von strenger Sitte und strammer Zucht - scharf und schneidig - Schwert und Wehr . Das Wort » Freude « wurde nicht anders als in den Zusammensetzungen Todes- , Kampfes- und Sterbensfreudigkeit gebraucht . Vom feldprobstlichen Standpunkt scheinen eben Töten und Getötetwerden als die vornehmsten Lebensfreuden zu gelten . Alles Übrige ist erschlaffende , sündhafte Lust . Auch Verse wurden deklamiert . Zuerst das Körnersche : Vater , du führe mich ! Führ ' mich zum Siege , führ ' mich zum Tode ! Herr , ich erkenne deine Gebote . Herr , wie du willst , so führe mich , Gott ich erkenne dich ! Dann das alte Volkslied aus dem 30 jährigen Kriege : Kein sel ' grer Tod ist in der Welt , Als wie vom Feind erschlagen , Auf grüner Au ' , im freien Feld , Darf nicht hören groß Wehklagen . Im engen Bett , da einer allein Muß an den Todesreih ' n , Hier aber find ' t er Gesellschaft fein - Fallen wie Kraut im Maien . Ferner das Lenausche Lied vom kriegslustigen Waffenschmied : Friede hat das Menschenleben Still verwahrlost , sanft verwüstet , Wie er seiner That sich brüstet , Alles hängt voll Spinneweben ... Ha ! nun fährt der Krieg dazwischen , Klafft und gähnt auch manche Wunde , Gähnt man selt ' ner mit dem Munde . Kampf und Tod die Welt erfrischen . Und schließlich noch das Wort Luthers : » Sehe ich den Krieg an als ein Ding , das Weib , Kind , Haus , Hof , Gut und Ehre schützt und Frieden damit erhält und bewahrt , so ist er eine gar köstliche Sache . « » Nun ja - sehe ich den Panther als eine Taube an , so ist der Panther ein gar sanftes Tierchen , « bemerkte ich ungehört . Gern hätte ich auch auf seine poetischen Ergüsse die Verse Bodenstedts entgegnet : Ihr mögt von Kriegs- und Heldenruhm So viel und wie ihr wollt verkünden , Nur schweigt von eurem Christentum , Gepredigt aus Kanonenschlünden . Bedürft ihr Proben eures Muts , So schlagt euch wie die Heiden weiland , Vergießt so viel ihr müßt des Bluts , Nur redet nicht dabei vom Heiland . Noch gläubig schlägt das Türkenheer Die Schlacht zum Ruhme seines Allah , Wir haben keinen Odin mehr , Tot sind die Götter der Walhalla . Seid was ihr wollt , doch ganz und frei , Auf dieser Seite wie auf jener , Verhaßt ist mir die Heuchelei Der kriegerischen Nazarener . Aber unser » kriegerischer Nazarener « sah nicht , was in meinem Geiste vorging ; er ließ sich in seinem Redefluß nicht irre machen und als er sich empfahl , da hatte er das Bewußtsein , mich zweier Dinge überführt zu haben ; daß der Krieg vom christlichen Standpunkte aus ein gerechtfertigter - und an und für sich eine köstliche Sache sei . Durch diesen rhetorischen Sieg seiner Berufspflicht nachgekommen zu sein und damit dem fremden Herrn Obersten einen beträchtlichen Dienst erwiesen zu haben , war ihm sichtlich sehr befriedigend , denn als er sich zum Gehen erhob und wir ihm unseren Dank für die bereitwillige Bemühung aussprachen , erwiderte er abwehrend : » Es ist an mir , Ihnen zu danken , mir die Gelegenheit geboten zu haben , durch mein schwaches Wort , dessen ganze Wirksamkeit dem vielfach herangezogenen Worte Gottes zuzuschreiben ist , solche Zweifel zu verscheuchen , welche sowohl der Christin , als der Soldatenfrau nur quälend sein mußten . Der Friede sei mit Ihnen ! « » Ach ! « stöhnte ich , nachdem er sich entfernt hatte , » das war eine Qual ! « » Ja , das war es , « bestätigte Friedrich . » Besonders unsere Unaufrichtigkeit war mir nicht behaglich - die falsche Voraussetzung nämlich , unter welcher wir ihn zur Entfaltung seiner Beredsamkeit bewogen haben . Einen Augenblick drängte es mich , ihm zu sagen : Halten Sie ein , hochwürdiger Herr , ich selber hege die gleichen Ansichten gegen den Krieg , wie meine Frau , und was Sie sprechen , soll mir nur dazu dienen , die Schwäche Ihrer Argumente näher zu untersuchen . Aber ich schwieg . Wozu eines redlichen Mannes Überzeugung - eine Überzeugung , die noch dazu die Grundlage seines Lebensberufes ist - verletzen ? « » Überzeugung ? - bist Du dessen sicher ? Glaubt er wirklich die Wahrheit zu sprechen , oder bethört er seine Soldatengemeinde absichtlich , wenn er ihr den sicheren Sieg verspricht , durch den Beistand eines Gottes , von dem er doch wissen muß , daß er von dem Feinde gerade so angerufen wird ? Diese Berufungen auf » unser Volk « , auf » unsere « , als die einzig gerechte Sache , die zugleich Gottes Sache ist , die waren doch nur möglich zu einer Zeit , da ein Volk von allen übrigen Völkern abgeschlossen , sich für das einzig Daseinsberechtigte , das einzig Gottgeliebte hielt . Und dann diese Vertröstungen auf den Himmel , um desto leichter die Hingebung des irdischen Lebens zu erlangen , alle diese Ceremonien - Weihen , Eide , Gesänge - welche in der Brust des in den Krieg Befohlenen die so beliebte » Todesfreudigkeit « ( mir graut vor dem Worte ) erwecken sollen , ist das nicht - « » Alles hat zwei Seiten , Martha , « unterbrach Friedrich . » Weil wir den Krieg verwünschen , erscheint uns Alles , was ihn stützt und verschönt , was seine Schrecken verschleiert , hassenswert . « » Ja , natürlich , denn dadurch wird das Gehaßte erhalten . « » Nicht dadurch allein ... Alte Einrichtungen stehen mit tausend Fasern festgewurzelt , und so lang sie da waren , war ' s doch auch gut , daß diejenigen Gefühle und Gedanken bestanden , durch die sie verschönt - durch die sie nicht nur erträglich , sondern sogar beliebt gemacht wurden . Wie viel armen Teufeln half jene anerzogene » Todesfreudigkeit « über das Sterbensweh hinweg ; wie viel fromme Seelen bauten vertrauensvoll auf die ihnen vom Prediger zugesicherte Gotteshilfe ; wie viel unschuldige Eitelkeit und stolzes Ehrgefühl ward nicht durch jene Ceremonien geweckt und befriedigt , wie viel Herzen schlugen nicht höher bei den Klängen jener Gesänge ? Von allem Leid , das der Krieg über die Menschen gebracht hat , ist doch wenigstens jenes Leid abzurechnen , welches wegzusingen und wegzulügen den Kriegsbarden und den Feldgeistlichen gelungen ist . « Wir wurden von Berlin sehr plötzlich wieder abberufen . Eine Depesche meldete mir , daß Tante Marie schwer erkrankt sei und uns zu sehen wünsche . Ich fand die alte Frau von den Arzten aufgegeben . » Jetzt ist die Reihe an mir , « sagte sie . » Eigentlich gehe ich recht gern ... Seit mein armer Bruder und seine drei Kinder hingerafft wurden , hat es mich ohnehin auf dieser Welt nicht mehr gefreut - von diesem Schlag konnte ich mich nie mehr erholen ... Drüben werde ich die Andern wiederfinden ... Konrad und Lilli sind dort auch vereint ... es war ihnen nicht bestimmt , auf Erden vereint zu werden ... » Wäre zu rechter Zeit abgerüstet worden - « wollte ich zu widersprechen beginnen , aber ich hielt mich zurück : mit dieser Sterbenden konnte ich doch keinen Streit anheben und doch nicht an ihrer Lieblingstheorie » Bestimmung « zu rütteln versuchen . » Ein Trost ist mir , « fuhr sie fort , » daß wenigstens Du glücklich zurückbleibst , liebe Martha ... Dein Mann ist aus zwei Feldzügen zurückgekehrt - die Cholera hat euch verschont - es hat sich deutlich erwiesen , daß ihr bestimmt seid , miteinander alt zu werden ... Trachte nur , aus dem kleinen Rudolf einen guten Christen und einen guten Soldaten heranzuziehen , damit sein Großvater noch da oben seine Freude an ihm haben möge « ... Auch darüber schwieg ich lieber , daß ich fest entschlossen war , aus meinem Sohne keinen Soldaten zu machen . » Ich werde unaufhörlich für euch beten ... damit ihr lange und zufrieden lebt . - « Natürlich hob ich den Widerspruch nicht auf , daß eine » unverrückbare Bestimmung « durch den Einfluß unaufhörlichen Betens zum Guten gelenkt werden solle , doch unterbrach ich die Arme , indem ich sie bat , sich mit Sprechen nicht anzustrengen , und erzählte ihr , um sie zu zerstreuen , von unseren schweizer und berliner Erlebnissen . Ich berichtete , daß wir auch mit Prinz Heinrich zusammengekommen und daß derselbe in seinem Schloßpark dem Andenken der ebenso schnell gewonnenen als wiederverlorenen Braut ein Marmordenkmal aufrichten lasse . Nach drei Tagen , ergeben und gefaßt , mit den selbstverlangten - andächtig empfangenen Sterbesakramenten versehen , entschlief meine arme Tante Marie ; - und so waren denn alle die Meinen , Alle , in deren Mitte ich aufgewachsen , von der Erde geschieden ... In ihrem Testament war als Universalerbe ihres kleinen Vermögens mein Sohn Rudolf eingesetzt und zum Vormund - Minister » Allerdings « bestellt . Dieser Umstand brachte mich nun in häufige Berührung mit diesem einstigen Freunde meines Vaters . Er war auch ziemlich der Einzige , der unser Haus besuchte . Die tiefe Trauer , in welche mich die Grumitzer Unglückswoche versetzt hatte , brachte es selbstverständlich mit sich , daß ich ganz zurückgezogen lebte . Unser Plan , nach Paris zu übersiedeln , konnte erst ausgeführt werden , wenn alle meine Geschäfte in Ordnung gebracht waren , was jedenfalls noch einige Monate in Anspruch nehmen mußte . Unser Freund , der Minister , welcher wie gesagt , beinahe unseren einzigen Umgang bildete , hatte in der letzten Zeit seinen Abschied genommen oder bekommen , - das habe ich nie ergründen können - kurz , er hatte sich ins Privatleben zurückgezogen , liebte es aber noch immer , sich mit Politik zu beschäftigen . Er wußte stets das Gespräch auf dieses sein Lieblingsthema zu lenken und wir gaben ihm auch willig die Replik . Da sich Friedrich jetzt so eifrig mit dem Studium des Völkerrechts befaßte , so war ihm jede Diskussion willkommen , welche dieses Gebiet streifte . Nach dem Speisen ( Herr von Allerdings - wir bezeichneten ihn unter uns immer mit diesem Spitznamen - war zweimal wöchentlich bei uns zu Tisch geladen ) pflegten die beiden Herren sich in ein langes politisches Gespräch zu vertiefen , wobei mein Mann es jedoch vermied , dieses Gespräch in die ihm so verhaßte Kannegießerei ausarten zu lassen , sondern bemüht war , dasselbe auf verallgemeinernde Standpunkte zu lenken . Hierin konnte ihm » Allerdings « allerdings nicht immer folgen , denn in seiner Eigenschaft als eingewurzelter Diplomat und Büreaukrat hatte er sich angewöhnt , die sogenannte » praktische Politik « oder » Realpolitik « zu betreiben - ein Ding , welches ja nur auf die nächstliegenden Sonderinteressen gerichtet ist und von den theoretischen Fragen der Gesellschaftskunde nichts weiß . Ich saß daneben , mit einer Handarbeit beschäftigt und mischte mich nicht in das Gespräch , was dem Herrn Minister ganz natürlich schien , denn bekanntlich ist für Frauen die Politik ja » viel zu hoch « ; er war überzeugt , daß ich dabei an andere Dinge dachte , während ich - im Gegenteil - sehr aufmerksam zuhörte , da es meines Amtes war , mir so gut als möglich den Wortlaut dieser Dialoge in das Gedächtnis zu prägen , um dieselben hernach in die roten Hefte einzutragen . Friedrich machte von seinen Gesinnungen kein Hehl , obwohl er wußte , welche undankbare Rolle es ist , gegen das allgemein Geltende sich aufzulehnen und Ideen zu vertreten , so lange dieselben noch in jenem Stadium sind , wo sie - wenn nicht als umstürzlerisch verdammt - so doch als phantastisch verlacht werden . » Ich kann Ihnen heute eine interessante Nachricht mitteilen , lieber Tilling , « sagte der Minister eines nachmittags mit wichtiger Miene . » Man geht in Regierungskreisen , das heißt im Kriegsministerum , mit der Idee um , auch bei uns die allgemeine Wehrpflicht einzuführen . « » Wie ? Dasselbe System , welches vor dem Krieg bei uns so allgemein geschmäht und verspottet wurde ? Bewaffnete Schneidergesellen und so weiter ? « ... » Allerdings hatten wir vor kurzer Zeit ein Vorurteil dagegen - aber es hat sich bei den Preußen doch bewährt , das müssen Sie zugestehen . Und eigentlich - vom moralischen Standpunkt - selbst vom demokratischen und liberalen Standpunkt , für welchen Sie ja mitunter zu schwärmen scheinen - ist es doch eine gerechte und erhebende Sache , wenn jeder Sohn des Vaterlandes , ohne Rücksicht auf Stand und Bildungsstufe , die gleichen Pflichten zu erfüllen hat . Und vom strategischen Standpunkt : hätte das kleine Preußen jemals siegen können , wenn es die Landwehr nicht gehabt hätte - und wäre diese bei uns schon eingeführt gewesen , wären wir jemals besiegt worden ? « » Das heißt also , wenn wir ein größeres Material gehabt hätten , so hätte dem Feinde das seine nichts genützt . Ergo - wenn überall die Landwehr eingeführt wird , ist sie für Niemand mehr zum Vorteil . Das Kriegsschachspiel wird mit mehr Figuren gespielt , die Partie hängt aber doch wieder von dem Glück und der Geschicklichkeit der Spieler ab . Ich setze den Fall , alle europäischen Mächte führen die allgemeine Wehrpflicht ein , so bliebe das Machtverhältnis genau dasselbe - der Unterschied wäre nur der , daß , um zur Entscheidung zu gelangen , statt Hunderttausende , Millionen hingeschlachtet werden müßten . « » Finden Sie es aber gerecht und billig , daß nur ein Teil der Bevölkerung sich opfere , um die höchsten Güter der Andern zu verteidigen , und diese Anderen , zumal wenn sie reich sind , ruhig zu Hause bleiben dürfen ? Nein , nein - mit dem neuen Gesetz wird das aufhören . Da gibt es kein Loskaufen mehr - da muß Jeder mitthun . Und gerade die Gebildeten , die Studenten , solche , die etwas gelernt haben , die geben intelligente und daher auch sieghafte Elemente ab . « » Bei dem Gegner sind dieselben Elemente vorhanden - also heben sich die durch gebildete Unteroffiziere zu gewinnenden Vorteile . Dagegen bleibt - gleichfalls auf beiden Seiten - der Verlust an unschätzbarem geistigen Material , welches dem Lande dadurch entzogen wird , daß die Gebildetsten - diejenigen , welche durch Erfindungen , Kunstwerke oder wissenschaftliche Forschungen die Kultur gefördert hätten - in Reih ' und Glied als Zielscheiben feindlicher Geschütze aufgestellt werden . « » Ach was - zu dem Erfindungmachen und Kunstwerkproduzieren und Schädelknochen-Untersuchungen - Alles Dinge , welche die Machtstellung des Staates um kein Quentchen vergrößern - « » Hm ! « » Wie ? « » Nichts , bitte , fahren Sie fort . « » - dazu bleibt den Leuten noch immer Zeit . Sie brauchen ja nicht ihr ganzes Leben lang zu dienen - aber ein paar Jahre strammer Zucht , die thun sicherlich Allen gut und machen sie zur Ausübung ihrer übrigen Bürgerpflichten nur desto befähigter . Blutsteuer müssen wir nun einmal zahlen - also soll sie unter Allen gleich verteilt werden . « » Wenn durch diese Verteilung auf den Einzelnen weniger käme , so hätte das etwas für sich . Das wäre aber nicht der Fall - die Blutsteuer würde da nicht verteilt , sondern vermehrt . Ich hoffe , das Projekt dringt nicht durch . Es ist unabsehbar , wohin das führte . Eine Macht wollte dann die andere an Heeresstärke überbieten und endlich gäbe es keine Armeen mehr , sondern nur bewaffnete Völker . Immer mehr Leute würden zum Dienst herangezogen , immer länger würde die Dauer der Dienstzeit , immer größer die Kriegssteuerkosten , die Bewaffnungskosten ... Ohne miteinander zu fechten , würden sich die Nationen durch Kriegsbereitschaft alle selber zu grunde richten . « » Aber lieber Tilling , Sie denken zu weit ! « » Man kann niemals zu weit denken . Alles was man unternimmt , muß man bis zu seinen letzten Konsequenzen - wenigstens soweit , als der Geist reicht , auszudenken wagen . Wir verglichen vorhin den Krieg mit dem Schachspiel - auch die Politik ist ein solches , Excellenz , und das sind gar schwache Spieler , welche nicht weiter denken als einen Zug , und sich schon freuen , wenn sie sich so gestellt haben , daß sie einen Bauer bedrohen . Ich will den Gedanken , der sich unablässig steigernden Wehrmacht und der Verallgemeinerung der Dienstpflicht sogar noch weiter ausspinnen , bis zu der äußersten Grenze - bis zu jener nämlich , wo das Maß übergeht . Wie dann , wenn , nachdem die größten Massen und die äußersten Altersgrenzen erreicht sind , es einer Nation einfiele , auch Regimenter von Frauen aufzustellen ? Die Anderen müßten es nachahmen . Oder Kinderbataillone ? Die Anderen müßten es nachahmen . Und in der Bewaffnung - in den Zerstörungsmitteln - wo wäre da die Grenze ? O dieses wilde , blinde In-den-Abgrundrennen ! « » Beruhigen Sie sich , lieber Tilling ... Sie sind ein rechter Phantast . Sagen Sie mir ein Mittel , den Krieg abzuschaffen , so wäre es allerdings ganz gut . Nachdem aber das nicht möglich ist , so muß doch jede Nation trachten , sich darauf so gut als möglich vorzubereiten , um sich in dem unausweichlichen Kampf ums Dasein ( so heißt das Schlagwort des jetzt so modernen Darwin , nicht wahr ? ) die größte Gewinnchance zu sichern . « Wenn ich die Mittel , Kriege aufzuheben , vorschlagen wollte , so würden Sie mich noch einen ärgeren Phantasten schelten , einen sentimentalen , von Humanitätsschwindel ( so heißt doch das beliebte Schlagwort der Kriegspartei ? ) angekränkelten Träumer ! « ... » Allerdings könnte ich Ihnen nicht verhehlen , daß zur Erreichung eines solchen Ideals aller praktischer Untergrund fehlt . Man muß mit den vorhandenen Faktoren rechnen . Dazu gehören die menschlichen Leidenschaften , die Rivalitäten , die Verschiedenheit der Interessen , die Unmöglichkeit , sich über alle Fragen zu einigen - « » Ist auch nicht nötig : wo die Zwistigkeiten beginnen , hat ein Schiedsgericht - nicht aber die Gewalt - zu entscheiden . « » Einem Tribunal werden sich die souveränen Staaten , werden sich die Völker niemals fügen wollen . « » Die Völker ? Die Potentaten und Diplomaten wollen es nicht . Aber das Volk ? Man frage es nur , bei ihm ist der Friedenswunsch glühend und wahr , während die Friedensbeteuerungen , die von den Regierungen ausgehen , häufig Lüge , gleißnerische Lüge sind - oder wenigstens von den anderen Regierungen grundsätzlich als solche aufgefaßt werden . Das heißt ja eben Diplomatie . Und immer mehr und mehr werden die Völker nach Frieden rufen . Sollte die allgemeine Wehrpflicht sich verbreiten , so würde in demselben Maße die Kriegsabneigung zunehmen . Eine Klasse von für ihren Beruf begeisterter Soldaten ist noch denkbar : durch ihre Ausnahmestellung , die als eine Ehrenstellung gilt , die ihr für die damit verbundenen Opfer Ersatz geboten ; aber wenn die Ausnahme aufhört , hört auch die Auszeichnung auf . Es schwindet die bewundernde Dankbarkeit , welche die Heimgebliebenen den zu ihrem Schutze Hinausgezogenen weihen - weil es ja Heimgebliebene überhaupt keine mehr gibt . Die kriegsliebenden Gefühle , die dem Soldaten immer untergeschoben - und damit auch häufig erweckt werden , die werden dann seltener angefacht ; denn wer sind diejenigen , die am heldenmütigsten thun , die am heftigsten von kriegerischen Großthaten und Gefahren schwärmen ? Diejenigen , die davor schön sicher sind - die Professoren , die Politiker , die Bierhauskannegießer - der Chor der Greise , wie im Faust . Nach dem Verlust der Sicherheit wird dieser Chor verstummen . Ferner : wenn nicht nur jene dem Militärdienst sich widmen , die ihn lieben und loben , sondern auch alle jene zwangsweise dazu herangezogen werden , die ihn verabscheuen , so muß dieser Abscheu zur Geltung kommen . Dichter , Denker , Menschenfreunde , sanfte Leute , furchtsame Leute : alle diese werden von ihrem Standpunkte aus das aufgezwungene Handwerk verdammen ! « » Sie werden diese Gesinnung aber wohlweislich verschweigen , um nicht für feige zu gelten - um sich höheren Orts nicht der Ungnade auszusetzen . « » Schweigen ? Nicht immer . So wie ich rede - obwohl ich selber lange geschwiegen habe - so werden die Anderen auch mit der Sprache herausrücken . Wenn die Gesinnung reift , wird sie zum Wort . Ich einzelner bin vierzig Jahre alt geworden , bis meine Überzeugung die Kraft gewann , sich im Ausdruck Luft zu machen . Und so wie ich zwei oder drei Jahrzehnte gebraucht - so werden die Massen vielleicht zwei oder drei Generationen gebrauchen , aber reden werden sie endlich doch . « Neujahr 67 ! Wir feierten Sylvester ganz allein , mein Friedrich und ich . Als es zwölf Uhr schlug : » Erinnerst Du Dich des Trinkspruches , « fragte ich seufzend , » den mein armer Vater voriges Jahr um diese Stunde ausgebracht ? Ich wage es gar nicht , Dir jetzt Glück zu wünschen - die Zukunft birgt mitunter so unerwartet Fürchterliches in ihrem Schoß und noch kein Mensch hat solches abzuwenden vermocht ... « » So benutzen wir die Jahreswende , Martha , um , statt vorauszudenken , zurückzuschauen in das eben verflossene Jahr . Was hast Du , meine arme , tapfere Frau da Alles leiden müssen ! So viele Deiner Lieben begraben ... und jene Schreckenstage auf den böhmischen Schlachtfeldern - « » Ich bedauere nicht , die dortigen Greuel gesehen zu haben - wenigstens kann ich nunmehr mit der ganzen Kraft meiner Seele an Deinen Bestrebungen teilnehmen . « » Wir müssen Deinen - unseren Rudolf dazu erziehen , diese Bestrebungen weiter durchzuführen ; in seiner Zeit wird vielleicht ein sichtbares Ziel am Horizont aufsteigen - in unserer schwerlich . - Wie die Leute auf den Straßen lärmen - die bejubeln doch wieder das neue Jahr , trotz der Leiden , welche ihnen das - ebenso eingejubelte - alte gebracht . O diese vergeßlichen Menschen ! « Schilt sie nicht zu sehr ob dieser Vergeßlichkeit , Friedrich . Mir fängt auch schon an , das vergangene Leid wie traumhaft aus dem Gedächtnis zu entflattern und was ich gegenwärtig empfinde , ist das Glück der Gegenwart , das Glück , Dich zu haben , Einziger ! Ich glaube auch - wir wollen zwar nicht von der Zukunft sprechen - aber ich glaube , wir haben eine schöne Zukunft vor uns ... Einig , liebend , selbständig , reich - wie viel herrliche Genüsse kann uns das Leben noch bieten : wir werden reisen , die Welt kennen lernen , die so schöne Welt ... Schön , solange Frieden herrscht , und der kann jetzt viele , viele Jahre ausdauern ... Sollte doch wieder Krieg ausbrechen , so bist Du nicht mehr daran beteiligt ... auch Rudolf ist nicht bedroht , da er nicht Soldat werden soll « ... » Wenn aber , wie Minister Allerdings berichtet , jeder Mensch wehrpflichtig sein wird - « » Ach , Unsinn . - Was ich also sagen wollte : wir reisen , wir ziehen uns in Rudolf einen Mustermenschen auf , wir verfolgen unser edles Ziel der Friedenspropaganda , und wir - wir lieben uns ! « » O Du mein holdes Weib ! « ... Er zog mich an sich und küßte mich auf den Mund . Es war das erste Mal , nach all der Trennungs- , Schreckens- und Trauerzeit , daß sich der milden Zärtlichkeit seiner Liebkosungen wieder eine Flamme beimischte - eine Flamme , die mich mit süßer Glut umloderte . Vergessen war Krieg , Cholera , Allerseelen in dieser seligen Sylvesternacht und - - unser am 1. Oktober 1867 geborenes Töchterchen haben wir Sylvia getauft . Der Fasching desselben Jahres brachte wieder Bälle und Vergnügungen aller Art. Natürlich nicht für uns - meine Trauer hielt mich von allen solchen Dingen fern . Was mich aber wunderte , war , daß nicht die ganze Gesellschaft solchen rauschenden Treiben entsagte . Es mußte doch beinah in jeder Familie ein Verlustfall vorgekommen sein ; aber , wie es scheint , man setzte sich darüber hinaus . Zwar blieben einige Häuser geschlossen , namentlich in der Aristokratie , aber an Tanzgelegenheiten fehlte es der Jugend nicht und natürlich waren die beliebtesten Tänzer Diejenigen , welche von den italienischen oder böhmischen Schlachtfeldern heimgekehrt ; und am meisten gefeiert wurden die Marineoffiziere - namentlich die Mitkämpfer bei Lissa . In Tegethoff , den jugendlichen Admiral ( wie nach dem Feldzug von Schleswig-Holstein in den schönen General Gablenz ) war die halbe Damenwelt verliebt . » Custozza « und » Lissa « , das waren überhaupt die beiden Trümpfe , welche in jedem Gespräch über den abgelaufenen Krieg ausgespielt wurden . Daneben Zündnadelgewehr und Landwehr - zwei Institutionen , welche schleunigst eingeführt werden sollten und künftige Siege waren uns verbürgt . Siege - wann und gegen wen ? Darüber sprach man sich nicht aus ; aber der Revanchegedanke , der jede verlorene Partie - wenn es auch nur eine Kartenpartie ist - zu begleiten pflegt , der schwebte über allen Kundgebungen der Politiker . Wenn wir auch selber nicht wieder gegen Preußen losziehen würden , vielleicht würden es Andere auf sich nehmen , uns zu rächen . Allem Anschein nach wollte Frankreich mit unseren Überwindern anbinden und da könnte ihnen so manches heimgezahlt werden - das Ding hatte in diplomatischen Kreisen sogar schon einen Namen ; » La revanche de Sadowa « . So teilte uns Minister Allerdings befriedigt mit . Es war zu Anfang des Frühjahrs , daß wieder so ein gewisser » schwarzer Punkt « am Horizont aufstieg - eine sogenannte » Frage « . Auch die Nachrichten von französischen Rüstungen verschafften den Konjektural-Politikern das so beliebte » Krieg in Sicht « . Die Frage hieß diesmal die Luxemburger . Luxemburg ? Was war denn das wieder so weltwichtiges ? Da mußte ich erst wieder Studien anstellen , wie einst über Schleswig-Holstein . Mir war der Name eigentlich nur aus Suppés » Flotte Burschen « geläufig , worin bekanntlich ein » Graf von Luxemburg sein ganzes Geld verputzt , putzt , putzt ... « Das Ergebnis meiner Forschungen war folgendes : Luxemburg gehörte nach den Verträgen von 1814 und 1816 ( ah , da haben wir ' s : Verträge - da läßt sich schon ein Völkerprozeß daraus ableiten - eine hübsche Einrichtung , diese Verträge ) - gehörte laut Vertrag dem König der Niederlande und zugleich dem deutschen Bunde . Preußen hatte in der Hauptstadt das Besatzungsrecht . Nun hatte aber Preußen im Juni 1866 seine Teilnahme am alten Bund gekündigt , wie sollte es jetzt mit dem Besatzungsrecht gehalten werden ? Da war sie , die Frage . Der prager Frieden hatte ja ein neues System in Deutschland eingesetzt und mit diesem war die Zusammengehörigkeit mit Luxemburg aufgehoben - warum behielten dann die Preußen ihr Besatzungsrecht ? » Allerdings « - das war verwickelt und konnte am vorteilhaftesten und gerechtesten durch Abschlachtung neuer Hunderttausende geschlichtet werden - das muß doch jeder » einsichtige « Politiker zugeben . Dem holländischen Volke hat niemals etwas an dem Besitz des Großherzogtums gelegen ; auch dem König Wilhelm III. lag nichts daran , und er hätte es gern für eine Summe in seine Privatkasse