Weil ' s muß , es kann nicht anders . Sein Lauf ist so . « Nach einigem Besinnen fing Eugen wieder an : » Ist es wahr , sind Hexen unter dem Strudel ? Die Gusti sagt , es sind Hexen darunter und die machen das Wasser so wild , daß es strudelt . « » Das sind Dummheiten . « » Gusti sagt oft Dummheiten , Du hast Recht , Mama . « Die Abendsonne warf helle , warme Flecke aus die gelblichgrünen Wipfel der Uferweiden am Gasteigabhang , während die städtische Baumschule unten am Flußrand schon im Schatten lag . Frau Raßler schloß ihren weiß und schwarz gestreiften Entontcas . » Sieh , Mama , wie das goldene Kreuz auf dem Auer Kirchturm funkelt . « Der durchbrochene Helm des gotischen Turmes der Mariahilfkirche aus rotem Sandstein stand wie verklärt in seinem lichtrosigen Scheine und erhob sich in majestätischer Ruhe aus der geräuschvollen Flußlandschaft ; etwas weiter rechts schwang sich der schlankere Giesinger Kirchturm in dunklerer Färbung und anmutigen Lullen in den grausilbernen Duft des von gelben Schleierwölkchen durchwobenen Himmels . Jetzt waren Hermann und Franz an der Reichenbachbrücke angelangt ; sie blickten rückwärts : » Gehen wir da hinüber ? « Die Mama war so in Gedanken , daß sie nicht auf die Frage achtete . Im Wirtshaus an der Ecke der Frühlingsstraße spielte eine fidele Musikbande » Ach ich hab ' sie ja nur auf die Schulter geküßt . « Hermann pfiff die Melodie mit und blieb bei der zerlumpten Händlerin stehen , die unter einem grauleinenen Schirmdach am Brückeneingang auf einem schmutzigen wackeligen Tisch ihre Waren feilbot : gebratene Fische und Schmalznudeln , schichtweise aufgehäuft , von schöner dunkelbraunroter Farbe mit gelblichen Tupfen . » Einkäuft , junger Herr , einkauft ! « Hermann hätte gerne in seiner Laune irgend eine scherzhafte Ansprache an die Handelsfrau halten oder sonst einen Possen mit ihr anfangen mögen , - allein die Mama ! Und es waren auch zu viele Leute da ; das war auf der alten Holzbrücke ein Gewühl von Arbeitsvolk , das in die Stadt zurückkehrte oder nach der Vorstadt hinaus ging , die meisten mit spaßlosen , vergrämten Gesichtern und schlechten Kleidern , daß dem vornehmen Kommerzienratssohn die Lust verging . Franz hatte sich auf den hohen Wurzelast eines alten riesigen Weidenbaumes , der mit seinem weitausladenden Astwerk hart am Ufer stand , voll turnerischer Behendigkeit aufzuschwingen bemüht und rief jetzt dem herbeieilenden Eugen zu : » Hilf ein wenig , da oben ist ' s lustig zu sitzen ! « Eugen faßte den Kletterer unter dem rechten Knie , dann unter dem linken Knöchel und machte hup , hup . Richtig war Franz mit brüderlicher Nachhilfe hinaufgelangt . Er that noch ein übriges und stellte sich hoch auf - auf dem originellen Wurzelsitz . » Jetzt mußt Du eine Predigt halten , wenn Mama vorüberkommt ! « rief Eugen voll freudiger Selbstbewunderung seiner Stärke und seines Einfalls . » Gelt , Franz ? « » Ja , wenn mir etwas einfällt . « » O nur so etwas - wie das Einmaleins oder das Vaterunser , das wird Dir schon einfallen , « meinte der kleine Eugen in seiner drolligen Klugheit , während er sich bückte , um ein zart gedrechseltes Schneckenhäuschen aus , dem frisch sprossenden Gras aufzuheben . Frau Leopoldine fühlte sich ermüdet ; ihr Gang war schleppend geworden . Hier in diesen jungen Anlagen war sie einst mit Max von Drillinger spazieren gegangen - war ' s wirklich erst vor einem Jahr ? Ja , wirklich - und es dünkt ihr doch so weit , so weit zurück . Und auch zur Frühlingszeit war ' s. Und auch eine böse Szene war vorausgegangen . Allein die Umstände waren damals ganz anders . Der Baron schien wirklich in seiner Liebe neue Läuterung und in seiner Treue neue Kraft gewonnen zu haben , sein ganzes Leben ernster zu erfassen . Auch die Beziehungen zu Raßler hatten vieles Entwürdigende abgestreift . Freilich wagte man noch nicht an die Zukunft zu rühren : wie denn aus diesem Gesetzlosen ein Gesetzliches , aus dem Unerlaubten ein Erlaubtes werden könne ... ? Aber es gab eine Versöhnung , eine Verständigung ... Wie viel blendende Wunder bot damals die verjüngte Welt , der neu erblauende Himmel ihrem Auge ! Es war , als rauschte die Isar ihr das Echo all ' der bezaubernden Reden und Schwüre Drillingers ins Ohr ... Ach , wo ist sie hin , die Poesie jener Abende am Isarufer , wo sie und er , ein verbrecherisches , aber überseliges Liebespaar , im grinsen Blätterschatten ihre Wonnen bargen ... Nein , nicht mehr daran denken , nie mehr ! ... Unselige Welt ! ... Wie verfliegt aller Zauber , sobald sich die Sonne der Liebe verdunkelt , wie kalt und häßlich wandelt sich alles Leben ... Einst hatte sich Leopoldine das Wort aufgeschrieben : » Wem nie von Liebe Leid geschah , geschah von Lieb auch Liebe nie . « Das war mehr als Leid , was ihr Max v. Drillinger jetzt zugefügt , das war Beleidigung , Infamie ! Und Zorn und Ekel wollten sie erfassen ... » Eugen ? Wo bist Du ? « rief sie ängstlich und ärgerlich zugleich , als sie sich plötzlich allein , sah . » Hier , Mama ! Such mich ! « antwortete der Schelm mit verstellter Stimme hinter dem Weidenbaum hervor . Und als sie sich nun näherte und Franz seine Predigt beginnen wollte , fiel ihm wahrhaftig nichts ein als das Einmaleins , das Vaterunser und ein Bibelspruch . Und er deklamierte mit naivem Pathos den Spruch : » Gott ist die Liebe , und wer in der Liebe bleibet , der bleibet in Gott und Gott in ihm . « Klang ' s ihr nicht wie Hohn aus Kindesmund ? » Gelt , Mama , der Franz predigt gut ? Ich schenke ihm ein Hans zur Belohnung . « Er warf ihm das Schneckenhäuschen hinauf . Franz fing es geschickt auf - und da fiel ihm plötzlich etwas wunderbar Poetisches ein : » Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar ! « Er wußte nicht mehr , wo und von wem er das gehört hatte , vielleicht von der Gusti oder vom Jean , wenn sie abends an den Hoffenstern ihre Gefühle austauschten und die Buben mit brennenden Wangen lauschten , - aber famos war es gewiß . Den Zeigefinger auf das emporgehaltene Schneckenhäuschen richtend - » Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend - « Was war das ? » Ach Gott , Mama , warum schlägst Du mich ? « Und mit einem Satz war er auf dem Boden und stand totenbleich vor ihr . » Mama , was hast Du gethan ? « Hatte sie wirklich mit dem Schirm nach dem deklamierenden Kind geschlagen ? Sie konnte sich im Augenblick nicht deutlich Rechenschaft geben vor Erregung . Ein furchtbarer Vorwurf drohte ihr aus dem entsetzten Gesichte des Knaben . So waren sich Stiefmutter und Stiefkind noch nie gegenüber gestanden . Hermann kam herbei . Er hatte den Vorgang nur halb gesehen . » Was gibt ' s denn ? « Um sich Fassung zu geben in dieser seltsamen Ratlosigkeit , herrschte sie ihn an : » Geh mit dem Franz heim , er war unartig . Eugen bleibt bei mir . « Hermann betrachtete bald die Stiefmutter , bald den Bruder . Dann schüttelte er den Kopf , faßte Franz am Arm und sagte : » Gut , gehen wir heim . Komm ! « » Darf ich nicht auch mit heim ? « fragte Eugen schüchtern , mit einem fragenden Blick auf die Hand in Hand davongehenden Brüder . Was wollte sie eigentlich nun selbst ? Sie reichte Eugen schweigend die Hand und ging mit ihm der Brücke zu . Kaum war sie in der Mitte derselben angelangt , stieß sie in einer Lichtung des Gewühls auf den Professor Hirneis . Seine Freunde hatten immer behauptet , daß er zwei linke Beine habe , denen schwer auszuweichen . Diesmal schien die Unmöglichkeit des Ausweichens auf beiden Seiten gewesen zu sein . Sie waren sich fast schon auf die Füße getreten , als sie sich erst erkannten . » Ah , Frau Kommerzienrat , sieht man Sie auch wieder einmal ; welch ' angenehme Überraschung ! « » Die hätten Sie sich früher verschaffen können , Herr Professor , wenn Ihnen daran gelegen wäre ... « » Gnädige Frau , das Leben stellt Ansprüche ... Wollen Sie sich gütigst erinnern , daß ich einmal fünf Einladungen ausgeschlagen habe , nur um einen Abend in Ihrer Gesellschaft zubringen zu können . « » Das muß sehr lange her sein , Herr Professor ? « » Ja , nach den vielen Veränderungen , die wir seitdem erlebt , gewiß einigermaßen lange ... Wie geht es dem Herrn Gemahl ? « » Danke ... « » Was führt Sie zu so später Stunde in diese Vorstadtgegend ? Darf man so indiskret fragen als alter Freund ? « » Das Bedürfnis eines längeren Spaziergangs , Herr Professor , « antwortete sie nicht ohne Verlegenheit und Überraschung . Was berechtigte ihn zu dieser Aushorcherei ? War ihr Privatleben etwa wie ein Buch , in dem jeder blättern und nach Belieben Fragezeichen und Randglossen anbringen durfte ? Hat nicht jeder genug zu thun , sein eigenes Lebensbuch zu studieren und in Ordnung zu halten ? Oder erwirbt mit der Berufung auf alte Bekanntschaft jede Rücksichtslosigkeit einen Freischein ? » Wohnt nicht auch der Herr Baron von Drillinger hier in der Nähe ? In der Auenstraße ? « Er konnte sich diese unverschämte Anspielung nicht schenken . » Sie können versichert sein , daß mir das sehr gleichgültig ist . Mein Besuch in der Auenstraße gilt einer ganz anderen Person - einer - einer Kindspflegerin . « Das war ihr wie eine Eingednug gekommen . Vor einer Minute hatte sie selbst noch nicht daran gedacht . Aber jetzt war ' s doppelt gut , daß ihr diese Absicht nachträglich zu ihrem Spaziergang eingefallen . Die Kindspflegerin ! Der Gedanke an Elisa v. Hutzler war ihr durch den Kopf geblitzt . Aber warum Kindspflegerin ? Richtig , Eugens Amme wohnte mit ihr im nämlichen Häuschen . Und beiden Frauen stand sie als Wohlthäterin schon lange nahe . Jetzt , wo alles im tollen Wechsel kreist , wird es auch da eine Veränderung geben . Es ist gut , darauf vorzubereiten . Der Professor aber dachte : » Natürlich rückt sie ihm auf die Bude und schleift den armen Jungen als Aushängeschild der Harmlosigkeit mit . « Er stellte sich jedoch möglichst befriedigt von dieser Antwort : » Freilich , ja , ja , ich kann mir ' s denken ; ein Werk der Barmherzigkeit , so en passanr , wie es unsere im Wohlthun nie ermüdenden Frauen zu üben pflegen . Ich will Sie nicht länger aufhalten . Es ist mir eine große Freude gewesen . Habe die Ehre , Frau Kommerzienrat , habe die Ehre ! « Die , Ehre ! Ja , ja . Das war der berühmte Gelehrte und Schriftsteller , um den sich die , schöngeistigen Damen rissen , ihre Gesellschaftsabende mit ihm zu schmücken - und in seinem Gemüte doch nur ein roher Egoist und rüpelhafter Geck . Wie so viele andere hatte er auf den ersten kommerzienrätlichen Soireen Frau Leopoldine umschmeichelt und manch ein glühendes Gedicht in professorlichem Zopfstil gewidmet , sogar ein komisches Epos » das bräunliche Schinkenbein « hatte er sich ' s kosten lassen , sie wenigstens zur Bewunderung seiner universellen Begabung zu entflammen und ein dankbares Lächeln von ihr zu erhaschen ; denn ihr Lächeln , behauptete er damals , sei noch schöner , als ihr wunderschöner Mund , ihr Blick noch schöner , als ihr wunderschönes Auge ... Als sich jedoch sein von Frau Raßler nicht genügend gewürdigtes Genie zu innigerem Bunde mit der holden Psyche der Thusnelda Wechsler vereinigt hatte - » ich schwärme für das Abnorme , « rechtfertigte Thusnelda ihre neue Neigung - zog sich der Vielbegehrte zurück . Seine Besuche wurden seltener , dann hörten sie ganz auf . Und jetzt haderte - Frau Leopoldine mit sich selbst , daß sie ihm bei dieser zufälligen Begegnung noch Rede gestanden , statt sich auf eine förmliche und flüchtige Erwiderung seines Grußes zu beschränken . Ja , sie hatte ihn nunmehr im Verdacht , daß er vielleicht dem in Hexametern verfaßten anonymen Spottgedicht nicht ganz ferne stehe , das sie vor wenigen Tagen erhalten und worin in ziemlich schmutziger Geistreichelei auf das angebliche Verhältnis Drillingers mit einer kleinen Gesangskünstlerin angespielt war : nachdem er sich lange gemüht , mit markigem Strich der hochgereckten Baßgeige wonniges Getön zu entlocken , presse ein zierliches Violoncell er jetzt zwischen die ermüdeten Kniee - Leopoldine erinnerte sich der gekünstelten Wortfolge nur noch ganz lückenhaft und undeutlich , denn sie hatte das boshafte Pasquill im ersten Zorn sofort verbrannt . » Mama , gehst Du noch weit ? Du gehst so schnell ! « stieß der kleine Eugen hervor mit Thränen in der Stimme . » Armer Kerl , Dir geht ' s heute auch schlimm . Nein , wir gehen nicht mehr weiter . Nur noch ein paar Schritte . Wir fahren dann ein großes Stück mit der Trambahn zurück . « Sie beugte sich zu ihm nieder und streichelte ihm tröstend die Wangen und küßte ihn . Am äußersten Ende der Auenstraße lag hinter dem großen , eingeplankten Platze , der im Sommer als Nennplatz für die Radfahrer , im Winter als Eisbahn für die Schlittschuhläufer diente , eine Reihe von uralten , einstöckigen Hänschen , umgeben von Gärten , Gemüsefeldern und Schuttablagerungen . Die Bauart war die denkbar einfachste , ländlichste . Die Wände waren wettergrau , die Thüren und Fenster ohne Symmetrie , die Ziegeldächer saßen windschief . Aber es sprach etwas Trauliches , Anheimelndes aus diesen anspruchslosen Gebäuden . Das eins hatte eine gedeckte Treppe gegen den Garten , mit wildem Wein oder Epheu umrankt , das andere eine Art von Veranda , wo Rosmarin , Goldlack und rote Nelken in Töpfen blühten , das dritte eine Holzaltane , - wo seit Generationen die treue Hausschwalbe ihr Sommernest bezog - kurz , jedes hatte etwas , was die Freude seiner Bewohner an dieser stillen ländlichen Natureinsiedelei im Rücken der Stadt und fünfzig Schritte von der Isar , die zwischen hohen Bäumen und Büschen eilig dahinrauschte , zur Lust am Romantischen im stimmungsvollen Kleinleben der Armut erhöhen konnte . Meist wohnten hier Leute , die eine lange , billige Miete genießend , ein Stückchen Feld dazu gepachtet hatten und eine bescheidene Gemüsegärtnerei trieben , oder Schiffbrüchige des kleinen Gewerbestandes , die sich hieher wie auf ein Wrak gerettet hatten , oder solche , die in der Zurückgezogenheit ihr Leben fristen und die Wunden vernarben lassen wollten , welche ihnen der Kampf um ein eigenwillig , von der gewöhnlichen Ordnung abweichend gestaltetes Dasein geschlagen hatte . Zur letzten Gattung gehörten die Bewohner des abseits vom Landwege liegenden , nur auf einem schmalen , holperigen Pfade zu erreichenden Gartenhäuschens , über dessen vermorschte , ausgetretene Holzschwelle jetzt die Frau Kommerzienrat Raßler mit ihrem Söhnchen schritt . » Elisa v. Hutzler singt , « sagte sie und blieb einen Augenblick im dunklen Flur stehen , tief Atem holend und den seufzerartig anschwellenden und verwehenden Tönen der Sängerin lauschend . Es war eine kranke , müde Stimme , die sich an einem wenig bekannten pietistischen Liede aus dem vorigen Jahrhundert abmühte . Auf einem ausgespielten Harmonium wurden weinerliche Akkorde dazu angeschlagen . Der Text , soweit ihn Frau Raßler verstehen konnte , war sonderbar genug , rührte sie aber in seiner frommen Naivetät fast zu Thränen . Sie ließ sich auf die Treppe nieder und zog das Kind auf ihren Schoß . Draußen waren die Lichter des Sonnenuntergangs verglommen . Die Nacht sank dunkelnd hernieder ... Der seufzerartige Gesang , klang wie aus einer andern Welt ... An einzelnen Stellen fiel eine tiefe , zitterige Männerstimme mit ein , ganz geisterhaft ... Wo ist mein Schäflein , das ich liebe , Das sich so weit von mir verirrt , Und selbst aus eigener Schuld verwirrt , Darum ich mich so sehr betrübe ? Wißt ihr ' s , ihr Auen und ihr Hecken , So sagt mir ' s , eurem Schöpfer an : Ich will seh ' n , ob ich ' s kann erwecken Und retten von der Irrebahn . » Mama , wer singt so ? Mama , Du weinst ? « Und ängstlich umschlang das Kind den Hals seiner Stiefmutter . » Mama , müssen wir lange da bleiben ? Erwartest Du jemand , Mama ? « Sie preßte den kleinen , scheuen Frager an die leidenschaftlich wogende Brust . Von oben klang der Gesang fort : Ich will dir keine Ruhe lassen , Ich will dich locken bis du hörst Und dich von Herzen zu mir kehrst ; Ach , wie will ich dich dann erfassen Und an mein Herz ganz sanfte drücken , An Liebesseilen sollst du gehn , Dann wird kein Feind dich mehr berücken , In meinen Hürden sollst du stehn . » Mama , ist eine Kirche da droben ? Das klingt wie eine Orgel . « » Das ist mehr als Kirche und Orgel , mein Kind . Das ist ein frommes Herz in einem frommen Haus ... Komm jetzt ! « Das Stübchen lag im Dunkeln . Der Abendgruß Leopoldinens wurde zunächst mit dem Anzünden einer Stearinkerze beantwortet . Elisa v. Hutzler leuchtete dem späten Gaste ins Gesicht . » Ach Sie ! « » Ja , ich und hier mein Eugen . « Von der Ecke hinterm Ofen her eine zitterige Stimme : » Danken Sie Gott für Ihr Kind . Wo ist das meinige ? Räuber und Mörder ... Ich werde es nie wieder sehen ... « » Wenn es Gottes Wille ist , Knöbelseder , ja ! « unterbrach ihn beschwichtigend Elisa von Hutzler . Und sich zu Frau Raßler wendend , flüsternd : » Ach , es ist noch schlimmer mit ihm geworden , seit Sie zuletzt hier waren , edle Wohlthäterin . Er ist ganz erblindet und der Wohnungswechsel damals hat seinen Verfolgungswahn neu genährt . Und auch hier ist kein Bleibens . Es wurde uns fürs nächste Ziel gekündigt . Wie uns das bekümmert . Wir müssen fort und wissen nicht wohin . « » Ja , wir sind heimatlos auf heimischer Erde , « hob die zitterige Stimme hinter dem Ofen wieder an . » Wo man sich unter einem Dache glaubt , wird ' s abgerissen . Wir sind obdachlos . All ' die schönen , alten Häuschen ringsum an der Isar werden abgerissen - ist ' s wahr ? Zuletzt müssen wir armen Leute in den Steinbruch , wie der Maler Essenbach , wenn wir nicht vorher ins Grab sinken . Die Geldmenschen kennen kein Erbarmen . Warum verfolgt Gott die Armut so ? « » Lästere nicht , Gregor . Die Frau Kommerzienrat hat uns viel Gutes gethan , sie wird auch ferner ihre Hand nicht von uns abziehen . Wie dankbar müssen wir ihr sein ... « » Ich bin ja selbst bettelarm , und was ich Ihnen gegeben habe , war nicht von meinem Eigenen ; mir haben Sie nichts zu danken , außer der Vermittlung , denn nicht die Gabe war mein , nur die Hand , die sie dargereicht hat . « » Und das Herz ! Ihr großes , gutes , edles Herz ! « rief das alte , verrunzelte Fräulein mit einer Gewalt , der Empfindung , der ihre Stimme nicht gewachsen war , so daß sie überschlug und quicksend und weinerlich klang wie die eines Kindes . » Gott wird es tausendfach an Ihren Kindern lohnen , Frau Kommerzienrat ! « Und sie legte , ihre welke Hand segnend auf den Scheitel Eugens , der sein Köpfchen ängstlich senkte . » Wie ist der Junge gewachsen und schön geworden , seit wir ihn nicht mehr gesehen ... « » Ja , das Kind , das Kind , wie ist es schön geworden ... Wißt ihr ' s , ihr Auen und ihr Hecken ? O mein Schäflein ... Räuber , Mörder ... Mitmenschen ... « Frau Raßler kannte diese Jammerausbrüche des alten Mannes , aber nie waren sie ihr so zu Herzen gegangen wie heute . Eugen hing krampfhaft an ihrem Arm . Ja , sie mußte den Besuch abkürzen und gehen . Es war auch schon so spät . Nur noch die Frage nach der Barbara und ihren Pfleglingen - aber ob sie es über die Lippen bringen wird , eine mögliche Verkürzung der seither gewährten Unterstützung anzudeuten ? » Und Eugens Amme , die Barbara ? « » Das Mädchen von der Tochter des Barons in der untern Isarstraße hat sie aufs Land gegeben , nach Thalkirchen . Sie nimmt ein Geringeres an . Heut Abend ist sie fortgegangen , es abzuholen . Sie wollte der gnädigen Frau schon Mitteilung machen . Wenn wir umziehen müssen , o gnädige Frau , das vermehrt auch für die Kinder die Kosten ; wir haben wenig genug für uns übrig . « » Wie viele Pfleglinge hat jetzt die Barbara ? « » Drei mit dem , das sie heut Abend abholt ; sie wird Ihnen die Adresse der Wöchnerin schreiben . « » Nein , nicht schreiben , Fräulein Elisa ; es könnte doch einmal ein Brief in die Hände meines Mannes geraten , und wir stehen nicht so , daß ich ihm ohne Hader und Vorwürfe Aufklärungen geben könnte . Er hat jetzt noch weniger Verständnis für arme Kinder und Mütter als früher . Das muß alles heimlich bleiben , wie bisher , verstehen Sie ? Kein Mensch auf der Welt braucht , zu wissen , was ich für die Andern thue . « » Heimlichthun ist Unglück , « murmelte der Greis in der Ecke . » Ja , Frau Kommerzienrat , wie es in der Bibel heißt : die Rechte soll nicht wissen , was die Linke thut . Ach , wenn Sie nur noch zwanzig Mark zulegen wollten im Monat ... Die Not ist groß ... « brachte Elisa zaghaft heraus , aber man merkte doch , daß sie , zu fordern gewohnt war . Frau Raßler schüttelte traurig den Kopf : » Wüßten Sie , wie viele Verpflichtungen ich habe und wie schwer es mir oft wird , die Almosengelder zusammenzubringen ... « Nein , sie konnte heute nicht davon anfangen . » So sind die reichen Leute , « dachte Elisa v. Hutzler , denn sie hatte wirklich keine Ahnung , daß sie seit Jahren für sich , für Barbara und deren Pfleglinge nicht nur reiche Spenden , sondern schwere Überwindungen und Opfer von Frau Raßler geheischt und in unerschöpflicher Güte empfangen hatte . » Überlegen Sie sich ' s , gnädige Frau , nur zwanzig Mark ... « hob die Bittende wieder an . » Um der armen Kinder willen ... « » Wir wollen sehen . Gute Nacht . Einen Gruß an Barbara . « - - - - Gleichzeitig mit Hermann und Franz , die ohne Säumen heimgegangen waren , schritt ein modisch aufgeputzter , höchst eleganter und selbstbewußter Herr - in seinem Äußern eine Mischung von Künstler und Stutzer mit hochmütiger Bravour zur Schau tragend - die Treppe zu Raßlers Wohnung hinauf : der Neffe des Kommerzienrats , der berühmte Modephotograph . Er nickte den beiden Knaben nur flüchtig zu und im Vorzimmer angekommen , ging er sofort zur Thür , dem Diener von der Seite die Frage zuwerfend : » Der Herr Kommerzienrat ist allein zu Hause , wie ich unten hörte ? « » Zu dienen , aber ... « Der Neffe hatte die Thür bereits hinter sich geschlossen . Die Knaben legten ihre Hüte ab und sahen sich fragend an : sollten sie zu Papa hinein , oder sich still auf ihr Zimmer zurückziehen ? » Ich will Papa begrüßen , « entschied Hermann ; » Du kannst hinter gehn . « » Bitte , einen Augenblick , mein lieber Neffe , « sagte der Kommerzienrat weich , denn die sentimentale Stimmung hatte den ganzen Abend vorgehalten , » Du brauchst keine Entschuldigungen für Deinen Besuch und keine Vorreden , ich bin ganz allein und stehe Dir zu Diensten ... Guten Abend , Hermann ! Habt Ihr einen guten Spaziergang gemacht . Wo ist die Mama ? « » Ich bin allein gekommen mit Franz . Mama hat uns unterwegs plötzlich heimgeschickt . Sie ist mit Eugen weiter gegangen , wohin , weiß ich nicht . « » Heimgeschickt ? Allein weitergegangen ? Erzähl ' ! « » Sonst ist nichts zu erzählen . Ich weiß nur , daß Mama den Franz geschlagen hat ; er sei unartig gewesen , sagte sie , und dann hieß sie uns sofort heimgehen . « » Geschlagen ? « fragte der Kommerzienrat gedehnt und mit eurem Gesicht , als habe er falsch verstanden . » Geschlagen sagst Du ? Wirklich geschlagen ? « Der Neffe hatte voll angenehmster Überraschung diese Meldung gehört , sich dann geräuspert und in die Unterredung gemischt : » Erzähl ' nur , Hermann , verschweige nichts ! « » Ich weiß weiter nichts . Übrigens geht das nur Papa und uns an . « » Recht , mein Sohn . Franz soll nachher , hereinkommen ! « » Gewiß , « sagte der Modephotograph , » ich will mich in diese Kindergeschichten auch gar nicht eindrängen , aber sie können die Sache bestens beleuchten helfen , die ich Dir vortragen muß , verehrter Onkel . Ich werde mich kurz fassen . Ich habe nur wenig Zeit ... « Hermann war hinausgegangen mit der festen Miene eines Zeugen , der seine Schuldigkeit gethan . » Geschlagen ? « quackte der Kommerzienrat wiederholt und behielt den Mund offen . » Begreifst Du das , Neffe ? Ich kenne meine Frau nicht mehr . « » Das stimmt . Ich kenne sie um so besser und will sie Dich mit zwei Worten kennen lehren , denn es ist allerhöchste Zeit , daß Du erfährst , Onkel , was die ganze Stadt schon längst weiß und was jetzt die Spatzen von den Dächern der Quaistraße pfeifen . « » Schweig ' ! Keine Verleumdungen , keine Skandalgeschichten ... Davon will ich nichts hören ... « » Skandalgeschichten wohl , aber keine Verleumdungen , nur die pure Wahrheit , Onkel , hab ' ich Dir zu melden . « » Die Wahrheit der Kloake . Wer kennt die nicht ? Dort ist der Spucknapf , wenn Du ein Bedürfnis hast . Ich verstehe vieles nicht an meinem Weibe , aber das ist kein Grund , daß ich sie vom ersten besten begeifern lasse . Das mit dem Franz wird sich aufklären . Hast Du sonst noch Schmerzen ? « Etwas pikiert fuhr der Neffe fort : » Ich hab ' Dich seither für einen Mann von Ehre gehalten - - o , bitte , ich halte Dich noch dafür ! « Die Männer fixierten sich ... Unangemeldet war Gusti hereingetreten , eine Lampe in der Hand . » Was willst Du ? « schrie sie der Kommerzienrat an . » Verzeihung , gnädiger Herr , jene Lampe hat nicht genug Öl , ich will diese dafür hinstellen . « » Scher ' Dich zum Teufel , Du kluge Jungfer ! Ist Dir das Schlüsselloch zum Horchen nicht groß genug ? Hol ' mir den Franz herein ! « Franz erschien . Er strich verlegen mit der Hand durch sein Kraushaar . » Also , wie war ' s ? « Der Knabe wurde bald bleich , bald rot . Daß auch der unbeliebte Vetter da sein mußte ! » Ich , habe zum Spaß deklamiert , auf einem Baum , da hat die Mama zornig nach mir geschlagen mit dem Sonnenschirm ... Dann hat sie mich fortgejagt ... « » Und sie ist mit Eugen weitergegangen ? « » Ja . Hermann hat sie noch mit einem Herrn auf der Brücke stehen sehen . « » Mit was für einem Herrn ? « » Das weiß ich nicht . Hermann hat ihn auch nicht erkannt . Es war zu weit und schon dunkel . « » Geh ' ! « Franz ging . Er fühlte sich erleichtert , daß das Verhör so gut abgelaufen war . Der Neffe : » Arme Kinder ! « » Was soll das heißen ? « » Du wirst mir erlauben , Onkel Kommerzienrat , daß ich mir ein Bild von dem Vorgang mache . Deine Frau hatte , gleichgültig , ob zufällig oder verabredet , in der Dämmerung wieder einmal eine Zusammenkunft mit einem Herrn . Ohne Zweifel mit Drillinger . Um keine verständigen Zeugen zu haben , entledigte sie sich der älteren Knaben , selbst um den Preis einer Mißhandlung . Eine Stiefmutter - und eine Kurtisane ! Es ist dunkle Nacht - und sie ist noch nicht daheim . « Der Kommerzienrat schrie auf und drohte dem Sprecher mit der geballten Faust . Mit kaltem Hohn , unbekümmert um die Drohung , fuhr der Neffe fort : » Ich bin leider nicht so naiv , von der Geliebten eines Drillinger etwas anderes zu erwarten . Du freilich , eine so glückliche Natur ! Es würde Dir nur eine lustige Viertelstunde bereiten , wenn Du sie einmal zusammen im Bett überraschtest , so à la Venus und Mars . Du würdest Dir die pikante Szene vielleicht von Kropfhey oder Schnürle noch malen lassen und in Deiner Gallerie aufhängen ... Andere Leute haben nicht so viel Kunstsinn , dafür etwas mehr Sittlichkeit . Und diese andern Leute