« rief er fröhlich und trat an den Schlag . » Welcher gute Wind bringt Euch her ? ... Aber bringt Ihr Euren Reb Hirsch nicht mit ? « » Der kommt morgen « , sagte sie unsicher und sah ihn aus den braunen Augen , die sonst so munter und durchdringend blickten , fast zaghaft an . » Wie - wie geht ' s Euch , Sender ? « » Dank ' der Nachfrag ' « , rief er lustig . » So gut wie noch nie ! Euer Vater sagt Euch den Grund ! « » So ? « fragte sie befangen und seufzte tief auf . » Und wie geht es - « Sie stockte . » Aber ich will Euch nicht aufhalten . « » Habt Ihr in der Zwischenzeit das Seufzen gelernt ? « fragte er lachend . » Reb Hirsch kommt doch gewiß morgen ? « » Gewiß « , erwiderte sie gedrückt , » wenn es nötig ist ! « » Dann kommt er « , lachte Sender . » Denn es ist dringend nötig . Auf Wiedersehen ! Und grüßt Malke . Ich komm ' Abends , wenn nicht schon früher ! « » Auf Wiedersehen ! « murmelte sie betrübt und ließ den Kutscher weiterfahren . Er machte sich nicht viel Gedanken über das veränderte Wesen des Mädchens ; daheim erzählte er der Mutter doch davon lachenden Mundes . Auch sie lächelte . » Merk ' dir ' s , Sender ! Jedes arme Mädchen , das noch keinen Bräutigam hat , seufzt bei der Verlobung ihrer reichen Freundin . Jütte wünscht deshalb doch dir und Malke gewiß das Beste . « Er nickte fröhlich . Leise pfeifend ging er in den Laden zurück und an die Arbeit . Während er aber der Frau Putkowska einen Traum auslegte - diesmal hatte ihr nicht von einem rosa Seidenkleid geträumt , sondern von einer Geißel , - stürzte Mosche Grün herein , legte ein Briefchen vor ihn hin und lief davon . Pochenden Herzens besah er die Adresse : » An Herrn Sender Kurländer , Wohlgeboren hier . Durch Güte . « Wie fein und zierlich sie schrieb . Drinnen stand : » Lieber Freund ! Ich habe Sie dringend zu sprechen . Kommen Sie heute nachmittag vier Uhr zur Ruine . Ich werde Sie dort mit meiner Freundin Jütte erwarten . Mit herzlichem Gruß Ihre treue Freundin Regina Salmenfeld . « Selig , verzückt starrte er auf das Blättchen . Die Liebe , Gute wußte , wie sehr er sich nach ihr sehnte , und gewährte ihm freiwillig ein Stelldichein , nur um ihm für seine Werbung » zu danken « . Du lieber Himmel , sie ihm » danken « . Das hätte eine Barnowerin nicht getan , aber er hatte eben das Glück , eine » aufgeklärte « Braut zu haben . Jütte würde dabei sein , schrieb sie , natürlich , aber der alte Schloßhof war groß .... Es war halb vier . » Ich muß nun doch fort « , sagte er Dovidl , der ihn denn auch sofort entließ . » Ich muß doch als der Erste da sein « , dachte er und eilte über die Seredbrücke den Hügel empor , in den Schloßhof . Aber als er den wüsten Raum betrat , sah er schon ein Frauengewand durch das kahle Geäst schimmern . Es war Jütte . Sie saß auf der Bank neben dem verschütteten Brunnen und starrte gesenkten Hauptes vor sich hin . Als er näher trat , fuhr sie empor . » Ihr - Ihr allein ? « rief er und als er sah , wie bleich sie aussah und daß ihre Augen gerötet waren , stieß er zitternd hervor : » Was - was ist geschehen ? « In ihr Antlitz schlugen die Flammen . » Nichts « , murmelte sie . » Malke ist wohl , aber sie kommt nicht . Sie wollte es , aber es wäre ... es wäre doch wohl über ihre Kraft gegangen .... Die Ärmste , welche furchtbaren Aufregungen hat sie in letzter Zeit erlebt ! Aber auch um Euretwillen , Sender , habe ich sie davon abgebracht .... Derlei hört man aus fremdem Munde leichter . « » Um meinetwillen ? « ... Er schwankte und griff nach dem steinernen Rand des Brunnens , sich zu halten .... » Was redet Ihr da ? « » Hört mich an « , bat sie und faltete die Hände , » hört mich ruhig an . Es wird Euch hart treffen , ich weiß , sehr hart . « Wieder schossen ihr die Tränen in die Augen . » Aber es ist niemand daran schuldig .... Vielleicht mein Vater , aber auch er hat es gut gemeint . « Die Tränen erstickten ihre Stimme . » Sprecht ! « murmelte er . Sie nickte . » Ich will es kurz machen . Aus Eurer Verlobung mit Malke kann nichts werden . Sie liebt seit ihrer Kinderzeit einen anderen , ihren Vetter Bernhard . Vor zwei Jahren hat sie sich mit ihm verlobt . Reb Hirsch wollte nichts davon wissen ; ein Deutsch , der Schweinefleisch ißt - Ihr versteht . Es waren furchtbare Auftritte im Hause , auch die Stiefmutter war dagegen . Und die Frau ist sehr bös . Sie haben beschlossen , Malke mit einem Frommen zu verheiraten , auch gegen ihren Willen ... Mein Vater hat sie vielen angetragen , aber - es ist ja ein Getaufter in der Familie - es ist nicht gegangen . Darum war Reb Hirsch schließlich auch mit Euch zufrieden , obwohl Ihr auch Deutsch gelernt habt . Aber da war ja ein anderes Hindernis , Ihr wolltet ja nicht heiraten wegen Eurer Pläne . Ihr wollt ja Schauspieler werden .... « .... « Er hatte ihr wie betäubt zugehört , bleich bis in die Lippen , aber ohne Regung . Bei diesem Wort ging ein Zucken durch sein Antlitz . » Erschreckt nicht ! « sagte sie hastig . » Ich bin zuerst auf den Gedanken gekommen , Malke hat es dann aus Euren Gesprächen ganz erkannt . Aber von uns beiden erfährt es niemand . « » Weiter « , sagte er tonlos . » Da hat also mein Vater seinen Plan geschmiedet . Ein halber Deutsch ist er , da soll er sich auch so verloben . Ich sollte mit Malke herkommen , Eure Bekanntschaft vermitteln , Euch und ihr zureden . Aber ich hab ' nein gesagt . Mein Vater hat gejammert , Reb Hirsch hat gedroht , mich aus dem Haus zu geben . Ich bin fest geblieben . « Ihre Augen blitzten . » Zu einem solchen Spiel zwischen zwei guten Menschen hab ' ich nicht mithelfen wollen .... « » Und da haben sich die anderen gefunden « , sagte er . » Der Vorsteher und Taube und die ganze Stadt . Und jetzt « , fügte er knirschend hinzu , » bin ich zum Gespött für sie alle geworden .... « » Nur die beiden haben es gewußt « , sagte sie schüchtern . » Und zum Gespötte , sagt Ihr - wer dürft ' Euch verspotten ? Ihr habt ehrlich ... « » Dann war « , unterbrach er sie finster , » natürlich auch das mit Mosche eine Lüge . « » Ja « , sagte sie . Er nickte . Nun war ihm alles klar . Er schlug die Hände vors Gesicht , ihm war so weh , so furchtbar weh zu Mute , wie nie zuvor im Leben . Als hätten ihm die Leute das Herz aus der Brust gerissen und in den Schlamm geworfen .... Er stöhnte leise auf , auch aus körperlichem Schmerz , nun empfand er wieder ein Stechen bei jedem Atemzuge . » Was liegt daran « , dachte er , » wenn ich jetzt sterbe ... « Dann aber raffte er sich empor . » Es ist gut « , sagte er und ließ die Hände sinken . » Geht Jütte ! « Sie blickte ihm ins Gesicht und schlug erschreckt die Hände zusammen . Wie entstellt er war , wie jählings gealtert . » Sender « , rief sie schluchzend , » habt Ihr sie denn so lieb ? Ich kann mir ' s ja denken , sie ist so schön , so gebildet . Aber bedenkt , wär ' das ein Glück geworden ? Sie will ja einen anderen und denkt nur an ihn ... « » Darum hat sie sich auch hierher schicken lassen « , fiel er bitter ein . » Was liegt an einem Pojaz ? Der muß die Komödien früh gewohnt werden ! « » Das glaubt Ihr selbst nicht ! « rief sie . » Sie hat freilich ihre Fehler wie jeder Mensch , und so lieb ich sie hab ' , ich kenne diese Fehler . Sie ist ein anderer Mensch als Ihr , vielleicht auch - vielleicht auch als ich - bei Euch kommt alles aus dem Herzen und bei ihr alles aus dem Verstand . Und darum - « sie errötete bis ans Stirnhaar - » ich sag ' s nicht , um Euch zu trösten , ich mein ' s wirklich so , bei Gott - vielleicht wär ' s doch zwischen Euch beiden nicht gut geworden , auch wenn sie nicht mit ihrem Doktor versprochen wär ' . Sie ist sehr gebildet , aber sie weiß auch , daß sie es ist , und wer nur ein Tüpfele weniger weiß als sie , ist nichts in ihren Augen , auch wenn er das beste , treueste Herz hätt ' . « Sie sprach immer hastiger . » Sie hat vielleicht hundert Bücher gelesen , ja , oder gar noch mehr , aber glaubt Ihr , daß sie nur ein bissele Supp ' für einen Kranken kochen kann ? Oder nähen und stricken ? Nur immer lesen und an den Bernhard denken . Er war ihr Lehrer und weiß mehr als sie , und wenn sie ihn bekommt , ist sie eine Frau Doktorin und kann in einer großen Stadt leben -- « » Aber was red ' ich da ? « unterbrach sie sich , wieder flammte das rundliche Antlitz purpurn .... » Ich wollt ' nur sagen , Ihr dürft ' s ihr nicht verargen , daß sie hergekommen ist . Sie hat die Höll ' im Haus und fürchtet den Vater , und so denkt sie : Du hast die Gewalt - und ich den Verstand . Sie hat sich zum Schein gefügt , und vielleicht hab ' auch ich etwas Schuld . Ich hab ' ihr gesagt : Dieser Sender hat etwas ganz anderes vor , als heiraten . So ist sie gekommen mit dem Vorsatz , Euch so schlecht zu behandeln , daß es zu nichts kommt . Aber da habt Ihr ja zum Unglück gleich am ersten Abend gesagt , daß auch Ihr nicht wollt - « » Ein Mißverständnis « , sagte er . » Und auch das gestern abend . Ich hab ' Mosche gemeint und sie mich . « Seine gequälten Nerven überkam plötzlich ein Lachreiz . » Hahaha ! « » Sender « , rief sie ängstlich , » ich bitt ' Euch , weint , wenn es Euch so ums Herz ist , aber lacht nicht . Mir ist so bang um Euch . Ihr tut mir so leid . Und ich kann Euch doch nicht helfen . « Sie hob schluchzend die gefalteten Hände zu ihm empor . » Beruhigt Euch ! « Er verstummte , dies Lachen hatte ihm selbst zu wehe getan . Und wie er sie so weinend vor sich stehen sah , rührte ihn ihre Teilnahme . » Ich dank ' Euch , Jütte « , sagte er . » Aber nun verzeiht - « Seine bleichen Lippen versuchten ein Lächeln .... » Es ist doch etwas plötzlich gekommen ... « » Ihr wollt allein sein ! Aber wir müssen doch erst verabreden , wie die Sach ' zu beenden ist ... « » Sie ist zu Ende . Sie will mich nicht , ich werd ' sie nicht zwingen . « » Aber was fangen wir mit ihrem und meinem Vater an ? « fragte sie angstvoll . » Beide ahnen natürlich nicht , daß ich mich da eingemengt hab ' . Was mich erwartet , wenn sie es erfahren , könnt Ihr Euch denken . Aber das braucht Euch nicht zu bekümmern . « Die kleine untersetzte Gestalt reckte sich energisch auf , die braunen Augen blitzten .... » Immer gradaus , und wenn ein Mensch das Rechte tut , muß er auch die Folgen auf sich nehmen . Meinetwegen also braucht Ihr meine Bitte nicht zu erfüllen . Nämlich als gestern das Telegramm meines Vaters kam , Reb Hirsch möchte gleich kommen , sagte er mir : Ich hab ' morgen ein großes Geschäft , fahr ' du hinüber , red ' ihr zu , sag ' ihr , was ich ihr antue , wenn sie nein sagt , vielleicht geht es auch ohne mich ; denn bei der Verlobung kann mich ja Reb Jossef vertreten . Geht ' s nicht , so mag mir dein Vater morgen telegraphieren , und ich komm ' übermorgen . Ich muß meinem Vater bis zum Abend Bescheid sagen , natürlich Nein . Dann kommt Reb Hirsch morgen - und das wird furchtbar sein . Also - « » Soll ich Eurem Vater sagen , daß ich ' s mir anders überlegt habe ? « » Ja - darum läßt Euch Malke anflehen . Ich soll , sagt sie , auch für mich bitten , das kann ich nicht . Und Euch vorstellen , daß es für Euch das beste ist , auch dies wär ' nicht ehrlich . Denn wohl steht Ihr dann vor der Welt stolz da , aber Eure Mutter hättet Ihr schwer gekränkt . Um Malkes willen aber - ja , da kann ich bitten , und ich tu ' s aus ganzem Herzen . « Wieder hielt sie ihm die gefalteten Hände entgegen . » Ihr bewahrt sie vor Bösem , vor dem Schlimmsten . Ihr kennt Reb Hirsch und seine Frau nicht , ich aber kenne sie ... Und Malke ist Euch ja lieb « - sie errötete - » Ihr habt die Liebe zu ihr bekommen . Ich weiß nicht , was das ist , aber es muß etwas Großes sein . - Sender , wenn Ihr sie sehen könntet , wie eben ich , als ich von meinem Vater kam und ihr alles aufklärte - so verzweifelt , die schönen , blauen Augen starr vor Furcht und Entsetzen .... Sender , sie ist ein armes Geschöpf , und weil sie Euch so teuer war und weil Ihr ein guter Mensch seid ... « » Ich will ' s tun « , murmelte er . » Verlaßt Euch drauf .... Noch heute sag ' ich ' s Eurem Vater ... « » Sender « , rief sie , » das tät ' kein anderer ! ... Wo Ihr Eure Mutter so lieb habt ! Was habt Ihr für ein Herz ! Gott wird ' s Euch lohnen ! Mit einem treuen Weib , das Euch liebt , wie Ihr ' s verdient , und mit Glück und Gedeihen bei dem , was Ihr vorhabt ... « » Dabei vielleicht , wenn Er barmherzig ist « , erwiderte er mit zuckenden Lippen . » Aber ein Weib ... ich werd ' allein bleiben ... « Er wandte sich ab und schritt dann rasch tiefer ins Gemäuer hinein . Sie schlug den Blick zu Boden . » Ich will nicht sehen , wie er weint « , murmelte sie . Ihr selbst aber rannen unablässig die Tränen über die runden Wangen , während sie ins Städtchen hinabschritt .... Sechsundzwanzigstes Kapitel Der düstere Versöhnungstag , das heitere Fest der Laubhütten war vorüber ; noch schien die Sonne Tag für Tag fast sommerlich warm vom unbewölkten Himmel nieder , aber die Juden von Barnow hatten ihr winterliches Leben begonnen ; sie richten sich ja in allem nicht nach der Natur , sondern nach den Satzungen ihres Glaubens . Jeder spann sich in seinen vier Wänden ein , legte seine Sorgen und Hoffnungen für den Winter zurecht und begann die Arbeit , wie er sie nun bis zum Osterfeste zu üben gedachte . Das abendliche Treiben auf der Straße war zu Ende , dafür besuchten die Nachbarn einander häufig , und jeden Sonnabend nachmittag stand das Haus jedes Reichen gastlich offen . Sender ließ sich dabei nirgendwo blicken , man lud ihn auch nicht ein ; zwar stimmte nicht jeder bei , wenn ihn sein Feind Jossele Alpenroth eine » Schande Israels « nannte , aber die Meinung des Ghetto hatte sich doch wieder gegen ihn gekehrt und kaum minder heftig als im Frühling . Denn fast ebenso schlimm wie heimlich deutsche Bücher zu lesen , erschien es ihnen , ein unbescholtenes Mädchen , das man ins Gerede gebracht , sitzen zu lassen . Sie stritten darüber , ob nicht auch Jossef Grün mitschuldig sei , weil er dies unerhörte Hofmachen , » fast wie bei Christen « , geduldet , aber in Senders Verurteilung waren alle einig . Er verteidigte sich auch gar nicht , wenn ihm einer im Laden oder in der Schul ' Vorwürfe machte , sondern erwiderte nur : » Ihr habt recht , ich hätt ' s mir früher überlegen sollen , aber nun ist ' s geschehen . « Da verdiente er ' s redlich , daß ihm Naphtali Ritterstolz einmal vor aller Welt sagte : » Und wenn du noch zehnmal in deiner Lotterie gewinnst , dir gibt nie ein ehrlicher Jud ' sein Kind . « Nur zwei Menschen schwiegen , und gerade die zunächst Beteiligten . Der Marschallik hatte geflucht und gejammert , als ihm Sender an jenem Abend seinen Entschluß mitgeteilt , er hatte alles aufgeboten , um ihn umzustimmen , aber nun machte er ihm keine Vorwürfe . Noch mehr , er schlich sich still davon , wenn andere über Sender loszogen , und fuhr fort , die beiden Bewohner des Mauthauses , die nun wieder einsam wie auf einer Insel dahinlebten , freundschaftlich zu besuchen . Alle seine Schwänke kramte er aus , um sie zu erfreuen - sie hatten ja beide ein bißchen Lachen nötig . Aber da versagte seine Kunst , Frau Rosel hörte ihn kaum an , und auch Sender verzog sein Gesicht nur zuweilen aus Höflichkeit zu einem Lächeln . » Seid nicht hart gegen ihn « , mahnte einmal Türkischgelb die Mutter . » Ich sag ' ihm kein Wort « , erwiderte sie . Es war so , auch sie schwieg . » Sie wissen eben beide die Wahrheit « , dachte Sender , » dafür kann ich nichts . « Er irrte . Nur der Marschallik dachte grimmig : » Die Schamlose hat ihm vielleicht von ihrem Bernhard erzählt . « Die Mutter hatte einen anderen Verdacht : » Er hat ja was vor , was es ist , mag Gott wissen , aber ich fühl ' s , er will was Unerhörtes beginnen . Anfangs hat sie ihm zugestimmt , im letzten Augenblick nicht . Da hat er lieber sie gelassen , als seinen Vorsatz . « Ihr Herz krampfte sich in Zorn und Sorge zusammen . Dennoch hatte sie Mitleid mit ihm , sie sah ja , wie es um ihn stand . » Er ist ja verzweifelt « , dachte sie , » da jage ich ihn durch Vorwürfe gar aus dem Hause . « Und in der Tat , schlimm genug stand es in dieser ersten Zeit um ihn . Da hatte er nur eine Empfindung . » Wär ' ich doch tot , wie soll ich ohne sie leben ? « Zuweilen zürnte er ihr und klagte sie der Hinterlist an , - wie hatte doch Jütte gesagt : » Bei ihr kommt alles aus dem Verstand ! « - oder er empfand eifersüchtigen Groll gegen » diesen Doktor « , aber zumeist seufzte er nur : » Sie hat recht gehabt , aber was fang ' ich nun an ? « Unablässig schwebten ihm die blauen Augen vor , und den Klang ihrer Stimme verlor er vollends nie aus dem Ohr ; selbst durch die Schimpfreden Dovidls tönte er hindurch , ja sogar durch die Worte des Pater Marian , und denen horchte er doch gewiß mit voller Hingabe . Denn die Lehrstunden in der Bibliothek hatten wieder begonnen . Der edle Greis hatte ihn gütig aufgenommen und widmete sich ihm nun mit vermehrtem Eifer . Er wußte nicht , warum der junge Jude so bleich und verwandelt zu ihm zurückgekehrt , er fragte nicht danach ; ihm genügte es , daß er seiner Hilfe nun noch mehr zu bedürfen schien als vordem , um sie ihm verdoppelt zu widmen . » Es ist nur Egoismus « , wehrte er lächelnd ab , wenn ihm Sender dankte , » sonst habe ich ja nichts zu tun , nicht einmal meine Sünden habe ich mehr zu bereuen . « Der neue Prior war weder ein Gelehrter , noch ein freier Geist , aber ein verständiger , duldsamer Mann . Er hatte das Los des berühmten Ordensbruders , dessen Buch über die Sittenlehre des Urchristentums so viel Lärm machte , nach Kräften gelindert , so weit er es ohne Zustimmung der Oberen vermochte ; ihm eine Tätigkeit in der Schule oder Seelsorge einzuräumen , lag nicht in seiner Macht . » Egoismus ! das ist meine einzige Arbeit , und ohne zu arbeiten , kann man nicht leben . Die Arbeit allein hilft uns über alles hinweg . « Als Sender dies Wort zum ersten Male hörte , glaubte er nicht recht daran . Freilich , er wollte arbeiten , sein Ziel war ja das einzige , um dessentwillen er noch lebte , für seinen Schmerz jedoch schien es ihm kein Trost . Aber allmählich kam es doch so , je mehr Zeit verstrich , je größer die Freude an der Arbeit wurde . Sie hatten » Die Räuber « zu Ende gelesen und nahmen nun den » Fiesko « durch . Es ging jetzt rascher , weil die Einsicht des Schülers wuchs , sein Instinkt sich immer mehr schärfte . Oft genug mußte der Pater über die Raschheit staunen , mit der sich Sender in so wildfremde Dinge wie die genuesischen Verhältnisse des sechzehnten Jahrhunderts hineinfand - jedes erläuternde Wort , jedes Gleichnis wurde ihm zur sicheren Stütze - noch mehr über seine Treffsicherheit in der Beurteilung von Charakteren und Situationen . An komischen Mißverständnissen fehlte es nicht , aber im wesentlichen begriff er doch fast immer , wie sich der Dichter eine Gestalt gedacht und worauf es ihm ankam . » Brav ! « sagte der Greis immer wieder . » Ich glaube , aus dir wird was « , und steigerte seine Bemühungen immer mehr . Er ahnte nicht , welche Wohltat er dadurch seinem Schützling gerade in diesen Zeiten erwies . Nun war Sender nicht mehr ganz verzweifelt , mit leiser Wehmut konnte er der Verlorenen gedenken , und zuweilen ging es ihm tröstlich durchs Herz : » Wär ' ich nicht unglücklicher , wenn ich sie gewonnen und mein Ziel verloren hätte ? Die gute Jütte hat mich getröstet , daß Malke ohnehin nicht für mich getaugt hätte , nun - vielleicht doch ! Aber beherrscht hätte sie mich gewiß mein Leben lang , - wie , wenn ihr , die so vernünftig ist , die Schauspielerei als zu unsicheres Brot erschienen wäre , wenn sie es mir verboten hätte ? Ich hätte mich nicht gefügt , aber was dann ? « Da kam ein Tag , der ihm den Trost noch mehrte . Sie hatten den » Fiesko « beendet ; nun sollte Sender versuchen , die Rolle des Mohren zu lesen , die ihn besonders angezogen hatte . Er machte es so gut , daß der Pater freudig ausrief : » Wahrhaftig ! Ich hätt ' s kaum für möglich gehalten ! Du bist wirklich zum Schauspieler geboren ! « Senders Augen leuchteten . » Ich dank ' Ihnen « , rief er . » Und Sie verstehen was davon . « » Nicht allzuviel , aber darin glaube ich mich doch nicht zu irren . Nur um die Aussprache steht ' s noch schlimm , aber auch die bessert sich etwas , dank deiner Ausdauer . « Mit Recht hätte der gute Priester sagen dürfen , dank unserer Ausdauer . Er schrie sich täglich die Kehle heiser , daß man es bis auf den Korridor der Pönitenz hörte , und Sender vollends brüllte die » a « und » o « , daß die Fenster klirrten . » Wenn dein Fleiß nicht ermattet « , schloß Marian , » freilich nur dann , wird was Rechtes aus dir . « » An mir soll ' s nicht fehlen « , beteuerte Sender . » Ich seh ' ja ein , ein Schauspieler muß sehr fleißig sein , fleißiger als jeder andere Mensch . Es ist da so schrecklich viel zu lernen . Da darf man an gar nichts anderes denken . Für mich wär ' s vielleicht sogar nicht gut gewesen , wenn ich geheiratet hätt ' , eh ' ich was geworden bin . « Es war ihm unwillkürlich entfahren ; er fühlte nun , wie sein Gesicht zu flammen begann . Der Geistliche lachte laut auf . » Heiraten ! « rief er . » Das ist das letzte , wozu ich dir jetzt raten möchte . In zehn Jahren , wenn du als Künstler durchgedrungen bist . Aber warum wirst du so rot ? ... Du , ich glaube gar ... « Er hob drohend den Finger , aber Sender beteuerte so nachdrücklich , damit wäre es nichts , daß ihm der Pater endlich glauben mußte . » Das freut mich « , sagte er , » denn es wäre ein rechtes Unglück für dich . Sogar eine Liebschaft kannst du jetzt nicht brauchen . « Leichteren Herzens als seit Wochen ging Sender heim . » Mein Pater « , dachte er , » ist ja sonst ein kluger Mann , wahrscheinlich hat er auch darin recht . Unsere Weisen sagen : Es ist alles auch zum Guten . Vielleicht ist der Schmerz , den ich um Malke gelitten hab ' und noch leide , nur die gerechte Strafe dafür , daß ich an etwas anderes gedacht hab ' , als an mein Ziel . « Er seufzte tief auf . » Aber freilich , dann muß die Schuld groß gewesen sein . « Aber als er am nächsten Tage in die Bibliothek trat , begann Poczobut wieder : » Du , Sender , mir kommt die Sache doch verdächtig vor , trotz deiner Schwüre . Warum gehst du nicht nach Lemberg ? Du wolltest Mitte September fort , nach euren Feiertagen . In vier Tagen haben wir den 1. November , und du denkst noch nicht daran . « » Das hat einen anderen Grund « , erwiderte Sender seufzend . » Haben Sie den Wolczynski vergessen ? « Sein Liebesschmerz hatte diese Sorge in den Hintergrund gerückt , nun wuchs sie ihm über den Kopf . Der erste November war ja der Termin , wo die Maut zur Bewerbung ausgeschrieben werden sollte . Sender bereitete auch die Eingabe der Mutter vor ; daß sie , gleichviel , was Frau Rosel bot , erfolglos bleiben würde , sofern Wolczynski nicht wollte , wußten beide . Und der wackere Edelmann schien ja unversöhnlich . Die Mutter klagte nicht , aber die zehrende Sorge stand ihr auf dem Antlitz geschrieben - er wußte nicht , daß daneben auch die Angst vor Froims Wiederkehr ihre Nächte schlaflos machte . » Was soll ich beginnen ? « klagte Sender dem Pater . » Abwarten - aber ich kenn ' ja die Entscheidung schon heute , was dann ? Die Hoffnung auf Nadlers Hilfe habe ich aufgegeben , und der Mutter mein Geld lassen und ohne Mittel in die Welt gehen , ist auch schwer möglich . Freilich wird mir nichts anderes übrig bleiben . « » Und dieser Wolczynski glaubt auch ein Christ zu sein « , rief Marian schmerzvoll . » Und erst dieser Strus , ich kenn ' ihn ja aus der Kirche , der fromme Heuchler beichtet sogar wöchentlich . Als ob sich Gott so betrügen ließe wie die Menschen . « Aber er konnte nur an Senders Sorgen teilnehmen , helfen nicht . Am nächsten Tage jedoch schien sich auch diese Wolke zu lichten . Als Sender da - es war der 29. Oktober - zum Essen heimging , begegnete ihm Herr v. Wolczynski . Sender wollte rasch an ihm vorbei , er aber blieb stehen und winkte ihm freundlich zu : » Nun , lieber Senderko , wie geht ' s ? Warum besuchst du mich nicht ? Ich habe ja deiner Mutter gesagt , daß ich dich erwarte . « » So ? « sagte Sender . » Da hat sie nicht gut gehört . Sie hat verstanden , daß nicht Sie , sondern Ihre Hunde mich erwarten ... « Der Edelmann lachte . » Behüte ! Einen klugen Burschen wie dich ? Mit dem verständigt man sich . Aber bald müßte es sein « , fügte er bedeutungsvoll hinzu . » Ich verstehe « , sagte Sender . » Vor dem Ersten . Morgen vormittag bin ich bei Ihnen . « Die Mutter blickte erstaunt auf , als er bei ihr eintrat . Heut ' lächelte er wieder . » Ich hab ' s dir ja