zu besichtigen und besonders das merkwürdige Götzenbild aus nächster Nähe zu betrachten . Er legte die Hand an die verschiebbaren Blöcke , hielt sie jedoch plötzlich zurück . Durfte er das verschlossene Behältnis erbrechen und durch bloße Neugierde entweihen , was andere für heilig hielten ? - Durfte er da eindringen , wo man ihm den Zutritt unbedingt verweigert haben würde ? Robert schwankte nur kurze Zeit , dann hatte er sich überwunden , er wandte sich um und suchte das Zelt , in dem Mongo rauchend saß . » Du « , sagte er nach einer Pause , » das war kein Hokuspokus , wie ich erwartet hatte . « » Sicherlich nicht , Bob . Ich möchte überhaupt keines Volkes Religion mit dieser Bezeichnung herabsetzen . Eins ist in allen Irrtümern immer wahr , nämlich der Glaube an ein höheres Wesen , - und in dem Einen ist alles enthalten . « Robert antwortete nicht , nur nach einer Pause sagte er leise » Gute Nacht ! « - - Am nächsten Morgen begannen mit Tagesanbruch die Vorbereitungen zum Auf bruch . Als Robert und Mongo aus dem Zelt hervorkrochen , herrschte unten im Tal schon rege Tätigkeit . Die Lasttiere standen gekoppelt , die übrigen hatte man mit Glocken versehen , und mehrere Treiber , mit Stöcken und Lassos in den Händen , waren so aufgestellt , daß sie die zusammengetriebenen Tiere erfolgreich an jeder Flucht hindern konnten . Wo das Zelt des Zauberers gestanden hatte , wehte jetzt der Wind über die kahle Fläche . Es war abgebrochen und jede Spur beseitigt , ebenso fand sich unter den Lappen kein einziger , den Robert als den eisgrauen Oberpriester der letzten Nacht hätte wiedererkennen können . Alle Männer beschäftigten sich mit dem Abbruch des Lagers , sie bepackten die Rentiere und schnürten zusammen , was sie selbst auf ihren eigenen Rücken tragen mußten . Auch ein Wagen mit einem ledernen Schutzdach , halb Schlitten halb Karre , wurde hervorgezogen und mit zwei tüchtigen Rentieren bespannt . Dahinein setzte man die kleinen Kinder und die alten Frauen , während alle übrigen den langen Weg von sechzig bis achtzig Meilen auf ihren eigenen Füßen zurücklegen mußten . Robert und Mongo halfen überall , so daß gegen neun Uhr morgens , nachdem das Frühstück eingenommen war , die kleine Karawane ihren Zug beginnen konnte . Vierzig bepackte Rentiere , alle am Leitseil eines Führers oder einer Führerin , wanderten zu zwei und zwei gekoppelt mit der Sicherheit kletternder Ziegen über unwegsame Pfade , obgleich ihre Last keineswegs leicht war . Zelte , Decken , Brennmaterial , Kochgerät und die zum Verkauf angefertigten Waren , vor allem aber die gesammelten wertvollen Pelze lagen auf ihren breiten , geduldigen Rücken , und doch mußten sie sich an den Rastplätzen die spärliche Kost aus Rentierflechten selbst zusammensuchen , mußten sogar stellenweise den Schnee aufscharren , ehe sie Nahrung finden konnten . Die braune Alte verteilte dann warme Milch , Mehlkuchen und etwas Fleisch , das zu diesem Zweck schon vorher gekocht worden war ; der ganze Stamm lagerte sich um den Wagen , und mitten in der Wildnis wurde ein fröhliches Mahl gehalten . Bei solchen Gelegenheiten sah Robert auch den Zauberer , der auf seinem großen gezähmten Ren den Zug eröffnete und dem alle eine gewisse Ehrfurcht bezeugten . Roberts Wanderlust kannte keine Grenzen . Die ganze Sache erschien ihm wie der Zug der Israeliten durch die Wüste , dem gelobten Lande entgegen . Jetzt gab es keine Gefahren mehr , sondern nur die Beschwerden des Marsches , und die machten ihm trotz Mongos Seufzen und Brummen nur Spaß . » Siehst du das Gebirge dort ? « konnte er sagen . » Da möchte ich hinüberklettern ! « » So lauf , daß dir die Knochen knacken , du unkluger Junge . Als ob es noch nicht schlimm genug wäre , durch Sümpfe und über steinige Hügel zu pilgern ! « Robert lachte . » Sei doch nicht so unwirsch , Mongo . Es ist ja schon bedeutend wärmer , und an geschützten Stellen wächst ab und zu ein Bäumchen . Noch vierzehn Tage , dann haben wir die Weideplätze der reichen Lappenfürsten vor uns , dann folgt noch ein kurzer Aufenthalt in den Lofoten , und mit erster Gelegenheit geht es nach Bergen oder Trondjhem , wo um diese Zeit immer viele Schiffe liegen . Wir werden schon hinkommen , Alter . « » Aber wie ! Die Sohlen bluten und der Rücken schmerzt . O nein , ein Seemann , der meilenweit zu Fuß gehen muß , das ist ja schrecklich ! « Robert unterdrückte einen Seufzer . » Freilich , Mongo « , antwortete er , » wenn wir ein Boot hätten und Wasser , um darauf zu schwimmen , das wäre angenehmer . « Der Neger schüttelte den Kopf . » Ein Schiff , Bob , ein Schiff ! « rief er lebhaft . » Wie schrecklich es werden kann , nur Wasser und ein Boot zu haben , das läßt du dir nicht träumen . Nein , nein , da lobe ich mir noch das feste Land , wenn es auch ein bißchen steinig ist und die Füße zerreißt . « Robert horchte auf . » Du « , sagte er , » hast du solch eine Bootfahrt schon erlebt ? - Bitte , Mongo , erzähle , das hilft dir über die Fußschmerzen hinweg . « » Meinst du , Schlingel ? Ich finde , es ist dazu auch noch früh genug , wenn wir uns abends zur Erholung auf den harten Steinboden strecken . « Und dabei blieb es . Als die beiden , vom tüchtigen Marsch ermüdet , sich unter ihren Fellen zur Ruhe legten und sich rauchend und plaudernd die Zeit bis zum Einschlafen vertrieben , da erzählte Mongo von seiner unglücklichen Bootfahrt . » Es war auf einem Passagierschiff « , sagte er , » einer Bremer Bark , die Auswanderer nach Australien bringen sollte . Es befand sich darunter auch die Familie eines wohlhabenden Kaufmanns , der nach Sidney übersiedeln wollte , bei dem aber unterwegs eine schwere Lungenkrankheit zum Ausbruch kam . - Wir hatten eine ausgezeichnete Fahrt und befanden uns bereits im Indischen Ozean . Noch heute weiß ich nicht , wie es dazu kam , aber plötzlich in der Nacht ertönte aus dem Zwischendeck der Ruf : Feuer ! - Feuer ! Du kannst dir die Verwirrung denken , Bob , beschreiben läßt sich das gar nicht . Die Frauen kreischten oder wurden mitten auf Deck ohnmächtig , so daß man die armen , hilf losen Geschöpfe wie kleine Kinder forttragen mußte , die Männer kamen fassungslos die Treppe heraufgestürzt und jammerten , die Kinder schluchzten , weil sie alle Erwachsenen in Tränen und Aufregung sahen , und die Mannschaft arbeitete mit der Hast der Todesangst an den Booten , um sie aufs Wasser hinabzulassen und mit den nötigen Lebensmitteln zu versehen . Wir hatten in Anbetracht der vielen Menschen eine große Gig und noch drei weitere Boote zur Verfügung , aber was machte das aus , da mehr als achtzig Personen innerhalb kürzester Zeit darin Platz finden , oder mit dem brennenden Schiff untergehen mußten ? Und diese Erkenntnis verbreitete sich an Bord mit unheimlicher Schnelligkeit . In Todesangst drängte sich jeder an die Schanzkleidung , um in das nächste Boot hinabzuspringen . Solche Stunden bringen ja auch den Besonnensten außer Fassung und lassen alle menschlichen Überlegungen zurücktreten . Da kennt keiner mehr seinen Freund oder Bruder , da stößt er jeden mitleidslos zurück , um selbst der erste zu sein . Aber unser Kapitän war ein richtiger Mann , ein Kerl , der den Kopf auch im wildesten Sturm oben behielt , und dessen eiserner Wille sich immer durchsetzte . Er trat mit dem geladenen Revolver unter die erregte Menge . Ruhig , Leute , rief er gebieterisch aus , noch bin ich Kapitän auf diesem Schiff und verlange Gehorsam . Obersteuermann , nehmen Sie einen der drei Schiffsjungen , vier Matrosen und sechs von den Passagieren in die Gig . Hier , diesen Herrn mit den beiden Damen und drei Kindern . Gott befohlen , Roland , - kommen Sie glücklich an die nächste Insel . Er drückte die Hand des Offiziers , der ihm einige leise Worte zuflüsterte , worauf unser braver Kapitän mit einem Kopfschütteln antwortete . Dann wurden vier Mann ausgewählt - darunter ich , der heulende Junge mit Rippenstößen ermuntert und die Passagiere in das Boot hinunter befördert . Ach , Bob , das war ein schrecklicher Auftritt . Der Kapitän hatte sich in der Eile verzählt und nur drei Kinder gerechnet , es klammerten sich aber vier laut jammernd an die Kleider der Mutter , die natürlich kein einziges Kind zurücklassen wollte . Da half nichts , der Kapitän mußte nachgeben , obgleich schon die Anzahl von zwölf Personen für unsere Gig viel zu groß war . Wir stießen so schnell wie möglich von dem brennenden Schiff ab , während der Kapitän mit gespanntem Revolver die nachdrängenden Menschen abwehrte . Ohne seine kaltblütige Entschlossenheit hätten sich zwanzig auf einmal in das kleine Fahrzeug gestürzt und es rettungslos untergehen lassen . So sahen wir denn aus einiger Entfernung zu dem unglücklichen , brennenden Schiff hinüber und konnten beobachten , wie der Kapitän auch die drei kleineren Boote bemannte . In jedes kamen ein Steuerkundiger , ein Matrose , ein Junge und fünf Passagiere , immer Frauen und Kinder zuerst . Als das letzte Boot im Begriff war abzustoßen , wurde der mutige Mann , der an sich selbst keinen Augenblick gedacht hatte , von der Überzahl der Verzweifelten zurückgeworfen , und mindestens zehn Männer sprangen über die Schanzkleidung in das Boot . Natürlich entstand ein furchtbares Durcheinander , ein Rufen und Drohen , zuletzt ein vielstimmiger Schrei des Entsetzens , und dann sank das Fahrzeug vor unseren Augen pfeilschnell in die Tiefe . Bald darauf kam es kieloben wieder an die Oberfläche . Einzelne der Ertrinkenden tauchten noch ein paarmal aus dem Wasser auf und griffen mit den Armen hilflos um sich , - dann wurde es still um das Schiff , nur einige Matrosen schwammen zu dem gekenterten Boot , richteten es auf und nahmen die Plätze ihrer verunglückten , dem blinden Wahnsinn der Passagiere geopferten Kameraden ein . Der Wind wurde immer stärker , er blies mit kurzen Stößen in die schon zum Teil brennenden Segel und trieb das steuerlose Schiff vor sich her , während die rote , höllische Glut alles in ihren weiten Feuermantel hüllte . Der Kapitän stand mit verschränkten Armen am Heck und grüßte noch einmal zu uns herüber , dann entzog sich das Schiff unseren Blicken . Wir sahen noch die brennenden Masten stürzen , einen Augenblick lang verbreitete sich Tageshelle , und dann erlosch plötzlich alles . Die See war über ihre Beute dahingegangen . Wir durften uns dem Mitgefühl für die unglücklichen Kameraden nicht lange ungestört hingeben , denn unsere eigene Lage war bedenklich genug . Die Gig war etwa sieben Meter lang und anderthalb Meter breit , stellt man sich also darin dreizehn Menschen vor , darunter Frauen und Kinder , dann wird einem der Ernst der Lage vollständig klar . Überdies waren auch die Matrosen von Anfang an mutlos , weil sie die Unglückszahl Dreizehn fürchteten . Dreizehn Personen ! Wie konnte das gut gehen ? Ärgerliche Blicke verfolgten das kleinste Kind der Frau . Ein Murren durchlief den Kreis der Seeleute . Eins ist an Bord zuviel ! sagten sie ziemlich ohne Scheu . Roland , unser Steuermann , ließ aber nichts dergleichen aufkommen , er stellte sofort einen Mann an das Ruder , einen anderen an den Ausguck und ließ den Jungen Wasser schaufeln , so daß die beginnende Meuterei im Keim erstickt wurde . Aber die arme Mutter hatte doch verstanden , daß man ihr Kind verwünschte , und schluchzte krampf haft . Sie hielt jetzt durch diese Herzlosigkeit der Matrosen das kleine Geschöpf für gefährdet und fiel von einer Ohnmacht in die andere . Nun stell dir die Lage vor , Bob , ein hustender , kranker Vater , eine alte Großmutter , die vor Angst und Schrecken kaum noch ihr Bewußtsein behält , die ohnmächtige junge Frau , das schreiende Baby und drei andere , unruhig krabbelnde Kinder , - dazu ein Seegang , daß die Wellen nur immer so in die Gig hineinstürzten und der Junge gar nicht so viel ausschaufeln konnte , wie in derselben Zeit wieder zurückflutete . Die Lage der armen Frau war schrecklich , ich habe sie von Herzen bedauert . Dabei war kein trockener Faden an uns allen , die armen Kinder standen bis an die Knie im Wasser , und jede neue See überschüttete sie mit einem Sprühregen . Die Schiffsordnung wurde genau eingehalten , die Lebensmittel regelmäßig verteilt und das Wasser so sparsam wie möglich verbraucht , aber dennoch war die Stunde , wo wir alle vor Hunger und Durst umkommen mußten , mit ziemlicher Gewißheit vorauszusehen . Vierzehn lange Tage hatten wir schon in dem gebrechlichen , kleinen Fahrzeug auf hoher See verbracht , die Frauen und Kinder lagen im Fieber , der Schwindsüchtige hustete sich fast zu Tode , aber noch war kein Schiff , keine Küste in Sicht gekommen , und das Wasser in den Fässern begann abzunehmen . Die Matrosen versuchten wieder zu meutern : Dreizehn an Bord ! So können wir ja kein Land erreichen . Roland verbot solche Worte , aber heimlich wurden sie doch geflüstert , nur daß die arme Mutter sie nicht mehr hörte . Sie lag im heftigsten Delirium und mußte offenbar immer mit den Schrekkensszenen der Feuersnacht beschäftigt sein , denn alle ihre verworrenen Reden deuteten auf die Angst hin , die sie im Fieberwahn immer wieder durchlebte . Am fünfzehnten Tage besaßen wir nur noch einige wenige Stücke Brot und keinen Tropfen Wasser mehr , aber - es gab auch einen Menschen in dem verlassenen , verschlagenen Boot weniger . Die kranke Frau war ihren Leiden erlegen , ohne das verlorene Bewußtsein wiedererlangt zu haben . Auch der Säugling lag wie tot in den Armen seiner Großmutter , die immer noch bei jeder stärkeren Bewegung des Bootes ein Ach du allerhöchster Gott ! nicht unterdrücken konnte . Nie werde ich die Leidensgestalt dieser alten Frau vergessen , wie sie so wochenlang vor mir dasaß , unveränderlich mit dem weißseidenen Hut und dem grauen Kleid , auf dessen Schleppe die Matrosen bei jeder Bewegung traten . Die arme Alte war wie ein Steinbild , sie schien an ihren Platz festgewachsen , und selbst als wir die Leiche ihrer Schwiegertochter so schonend wie möglich über Bord gehen ließen , - selbst in diesem Augenblick liefen nur die großen Tränen über das runzelige , ganz weiße Gesicht herab , aber sie schluchzte nicht und rührte kein Glied . Am nächsten Tage starb auch das Kleine . Wir waren jetzt an Bord nur noch elf . Unsere Zungen klebten am Gaumen , unsere Lippen wurden schwärzlich und sprangen auf , unsere Kräfte , schon erschöpft durch den Mangel an Nahrung , drohten uns zu verlassen . Wir erwarteten in einer Art dumpfer Verzweiflung den Tod , die kleinen Kinder schliefen fast immer . Da , eines Morgens früh - ich werde den Augenblick nie im Leben wieder vergessen - erhob sich der Matrose am Ausguck plötzlich auf die Fußspitzen . Land ! rief er mit schwacher , aber vor Freude schluchzender Stimme , Land ! Alles taumelte auf . Unser Steuermann versuchte ein Hurra , das ihm in der Kehle stecken blieb , der Junge fuhr mit beiden Knöcheln seiner Daumen in die Augen , und der hustende Schwindsüchtige fragte in heiserem Ton : Ist es das Festland von Australien ? Er dachte nur an sich , und trotz seiner schrecklichen Krankheit war Rettung aus der augenblicklichen Gefahr der einzige Gedanke , den er fassen konnte , alles andere war ihm gleichgültig . Die alte Großmutter rührte sich nicht . Sie hatte wahrscheinlich den Ausruf des Matrosen nicht einmal verstanden . Und doch wiederholten alle von Zeit zu Zeit das erlösende , glückbringende Wort : Land ! - Land ! - Alle Blicke hingen an dem grünen , bewaldeten Ufer , an den immer näher und näher aus dem Wasser hervortretenden Umrissen der Küste . Es grünte und blühte in allen Farben , hohe Wipfel rauschten im Morgenwind , Kletterpflanzen schlangen sich von Zweig zu Zweig , bunte Vögel , besonders Papageien , wiegten sich in den Laubkronen , und hier oder da lugte ein Affe aus dem Gebüsch . Dazu die goldenen Sonnenstrahlen und die heitere , würzige Luft , die Aussicht auf Wasser , vielleicht auch auf frische Früchte , - kurz , wir waren in einer Art von Taumel . Ist es Australien ? krächzte wieder der unglückliche Kranke . Roland war der einzige , der vollkommen ruhig blieb und auch jetzt noch die Ordnung aufrecht erhielt . Es ist eine Insel , mein Herr , antwortete er , auf der unser Aufenthalt nicht von Dauer sein kann , weil dort wahrscheinlich Wilde hausen , und zwar ein bösartiger , grausamer Stamm , dessen vergiftete Pfeile auch bei dem geringsten Streifschuß töten . Der Kaufmann erschrak sehr . Mein Gott , ich gehe gar nicht an Land , stammelte er . Das ist auch keineswegs erforderlich , sagte Roland lächelnd . Die Küste war inzwischen erreicht , und wir sahen Kokospalmen mit reifen Früchten , Bananen und Feigen . Unsere Freude kannte keine Grenzen . Ich sage dir , Bob , das ging wie auf Flügeln , bis die reifen Nüsse angebohrt waren und jeder von uns diesen natürlichen Becher an die Lippen setzte . Der alten Frau und den armen kranken Kindern flößte ich selbst etwas Kokosmilch ein , obgleich es bei den Kleinen nicht viel mehr nützte , als sie vor dem Ende noch einmal zu erquikken , aber ich mußte immer an meine eigenen Kinder denken , die auch einst so schutzlos , fremder Gnade überlassen , in die Welt hinausgestoßen worden waren , und darum nahm ich mich der Verlassenen an . Ihrem Vater konnten wir trotz allen Zuredens keine Kokosmilch aufdrängen . Das reizt den Husten , antwortete er , Nüsse sind sehr schädlich . Und dann , nachdem der erste Heißhunger gestillt war , schafften wir Vorräte in das Boot . Zwei Mann gingen mit geladenen Gewehren tiefer in die Wildnis hinein und suchten eine Quelle , während zwei andere die nächststehende Palme in aller Eile fällten und die Früchte an Bord brachten . Auch Bananen und Feigen rafften wir zusammen , soviel sich tragen ließ , dann nahm unser Steuermann mit dem Oktanten genau die Sonnenhöhe , zeigte uns auf der Karte , wo wir waren , und nachdem die beiden vorhandenen Fässer mit wundervollem , frischem Wasser gefüllt waren , stießen wir vom Lande ab . In diesem Augenblick tönte uns aus den nächsten Büschen das Kriegsgeschrei der Malaien entgegen , und ein Hagel von Pfeilen schlug rechts und links ins Wasser . Die halbnackten gelben Gestalten , die häßlichen Gesichter und das wütende Geschrei übten im ersten Augenblick eine solche Wirkung , daß wir nicht schnell genug vom Lande fortkamen , um einem zweiten Hagel hölzerner Pfeile zu entgehen , obwohl wieder keiner traf . Nur ein einziger bohrte sich in den weißen Hut der alten Dame , die ihn ärgerlich ergriff und über Bord warf . Zugleich aber stürzten sich sechs oder zehn Wilde in das Wasser und schwammen aus allen Kräften dem Boot nach , offenbar um es zu entern . Der schwindsüchtige Herr stieß einen lauten Schrei aus . Leute , Leute , um des Himmels willen , erschlagt die Räuber , rief er . Unsere Matrosen machten auch wirklich Miene , die Lenkung des Bootes gänzlich fallen zu lassen und den Kampf mit den Malaien aufzunehmen , aber Roland verhinderte rechtzeitig dies tolle Wagnis , das unfehlbar unseren Untergang hätte herbeifuhren müssen . Seine Befehle , in festem Ton gegeben , brachten das kleine Fahrzeug in noch schnellere Fahrt , und bald hatten wir die schwimmenden Wilden weit hinter uns gelassen . Nur das teuflische Kriegsgeschrei gellte uns über den Ozean nach . Wir hatten aber doch wieder für mindestens acht Tage Proviant und Wasser , daher verspotteten wir aus sicherer Entfernung die wütenden Gelben und sangen ihnen Spottlieder zu oder warfen Kokosschalen nach den auf- und abtauchenden Köpfen . Der Kranke hustete , daß es in jedem Augenblick schien , als müsse seine eingefallene Brust springen . Und so fuhren wir auf gut Glück weiter . Tag um Tag verging , eine Kokosnuß nach der anderen wurde zersägt , wir alle waren krank von der unverdaulichen Nahrung , und ehe eine Woche seit der Landung auf der Insel vergangen war , starben die unglücklichen kleinen Kinder aus Mangel an richtiger Pflege vor unseren Augen , ohne daß wir Mittel besaßen , sie zu retten . Am neunten Tage hatten wir wieder keinen Tropfen Wasser mehr und lagen bei fast völliger Windstille fast verzweifelt auf dem Boden des Fahrzeuges . Nur Roland behielt seinen festen , unerschütterlichen Mut . Er zeigte uns auf der Karte , wo sich das Boot befand , und daß wir dem kleinen Hafen von Plangei auf Sumatra ganz nahe sein müßten , ja , daß das Land jeden Augenblick in Sicht kommen könne , aber - seine Worte machten keinen Eindruck . Wir hörten kaum auf ihn , sondern ergaben uns ohne Gegenwehr der tiefsten Mutlosigkeit . Es wurde Nacht , die See ging höher und höher , ein Sturm brach los und noch einmal hatten wir Glück , - Ströme von Regen fielen herab auf unsere brennenden Stirnen , wir konnten trinken , trinken ! Du ahnst nicht , Bob , was es heißt , langsam zu verdursten . Die schwerste Krankheit , der heftigste Schmerz sind dagegen Kinderspiel . Roland nickte zufrieden . Jetzt gebt acht , Leute , rief er . Es zieht ein Gewitter herauf , und wo die Blitze herabfahren , da ist Land ! Neu erfrischt und belebt hoben sich alle Köpfe . Wir waren bis auf die Haut durchnäßt , unsere Füße standen bis über die Knöchel im blanken Wasser , aber das ließ sich doch immer noch weit besser ertragen als vorher der quälende Durst . Neugierig sahen wir unserem Steuermann über die Schulter , als er in der Dunkelheit einen noch dunkleren Punkt bezeichnete . Ich möchte wetten , daß dort das Ufer liegt ! rief er . Wir strengten unsere Augen an und rieten hin und her , bis plötzlich der erste gelbe Blitz über den Horizont dahinlief und gedankenschnell herabzuckte , dann jubelte der Steuermann ein lautes Hurra . Seht ihr ' s , Kinder , seht ihr ' s. Dort ist Land ! Wissen Sie das genau , Herr ? fragte einer der Matrosen . So genau , wie man überhaupt derartige Regeln aufstellen kann , antwortete Roland . Nur ausnahmsweise schlägt der Blitz in der Nähe des Landes ins Wasser . Aber für diesen Fall befurchte ich nichts , da der elektrische Funke immer die gleiche Richtung verfolgt . Vor uns ist Land ! Diese sichere Überzeugung verfehlte ihre Wirkung nicht , obwohl jetzt eine neue schwere Sorge unsere Kräfte in Anspruch nahm . Wir hatten auf dem schwankenden Boot mit einem einzigen Segel und ohne eine Notspiere dem orkanartigen Gewittersturm standzuhalten . Blitz und Donner rasten immer stärker , der Wind heulte , und der Regen schoß in Strömen herab , aber doch waren wir voll Hoffnung , da das Land immer näher kam . Wir sahen es beim Schein der roten , zuckenden Blitze ganz deutlich . Nun mußt du wissen , daß Plangei zu dem von den Holländern beherrschten Teil der Insel Sumatra gehört und dort also durchaus schon europäische Einrichtungen bestehen . Der Strandvogt , ein wetterbrauner , tüchtiger Kapitän von der holländischen Marine , ließ ein großes , mit zehn Malaien bemanntes Boot auslaufen , um uns Hilfe zu bringen und uns zugleich als Lotsen zu dienen . Es gab noch einen harten Kampf mit den empörten Wellen , der Junge wurde über Bord gespült und konnte erst nach lange Anstrengung wieder aufgefischt werden , aber dennoch brachten uns die braven Seeleute schließlich wohlbehalten ans Ufer . - Ich sage dir , es war wie im Paradies , Bob , als wir endlich festen Boden unter unseren Füßen fühlten , als wir warme Speise bekamen und uns zum Schlaf so bequem wie möglich ausstrecken durften . Die schlechten hölzernen Häuser , die halbwilden Malaien , die harten Schlafstellen aus Seegras und Wolldecken , alles erschien uns wunderbar , berauschte uns förmlich . Wir tanzten und jubelten wie Kinder am Weihnachtsabend . Der Strandvogt behielt uns acht Tage lang in seinem gastfreundlichen Hause , dann ließ er unser Boot ausrüsten und mit Lebensmitteln versorgen , und nach einem herzlichen , dankerfüllten Abschied ging es wieder auf die Reise , um längs der Küste über mehrere kleine Fischerdörfer nach dem bedeutenderen Hafen von Padang zu kommen . Vorher jedoch hatten wir noch eine Szene zu bestehen , die uns allen ins Herz schnitt . Die alte Dame war durch das erlebte schreckliche Unglück vollkommen stumpfsinnig geworden , sie ließ sich aus dem Boot und in das Haus des Strandvogtes tragen , ohne von ihrer Umgebung irgendwelche Notiz zu nehmen , doch als wir an Bord gingen und ich sie sorgfältig an ihren gewohnten Platz setzen wollte , da schien eine Erinnerung des Überstandenen in dem gestörten Gehirn wieder aufzuleben . Sie sträubte sich wie in Todesangst , klammerte sich mit beiden Händen an die Türpfosten und zitterte wie ein erschrecktes Kind . Wir konnten es kaum mit ansehen , mußten aber doch freundliche Gewalt brauchen , denn in Plangei gab es weder zu Wasser noch zu Lande ein Beförderungsmittel nach anderen Hafenplätzen , während Roland trotzdem verpflichtet war , die beiden geretteten Passagiere des verbrannten Schiffes an das Bremer Konsulat abzuliefern und zu Protokoll zu geben , was im Boot geschehen war , seit es das untergehende Schiff verlassen hatte . Von den drei kleinen Booten , die mit uns zugleich abstießen , hatten wir , wie ich zu erzählen vergaß , nie etwas wiedergesehen . « Robert hatte der Schilderung des Alten gespannt zugehört . » Und ihr erfuhrt auch später nichts , Mongo ? « fragte er teilnehmend bei den letzten Worten . » Doch ! « nickte der Neger . » Ein aus der Sundastraße kommendes Schiff hat die vier treibenden , gekenterten Boote aufgefischt und eingeliefert . Sie trugen alle den Namen Susanna , erwiesen sich also dadurch als die zu der verbrannten Bark gehörigen kleinen Rettungsboote , - aber von den Insassen war keiner am Leben geblieben . Gottes Wege sind unerforschlich , Bob . So viele junge Menschen gingen mit dem Schiff in wenigen Stunden unter , und zwei Menschen , die dem Tode schon verfallen waren , kamen mit dem Leben davon . Wir brachten die geistesgestörte alte Frau und den kranken Mann wohlbehalten nach Padang , wo sie der Konsul in Empfang nahm und mit dem nächsten Dampfer nach Hause schickte . Wir Seeleute erhielten die Heuer ausbezahlt , man , sammelte für uns und tat alles Mögliche , um uns die Leiden dieser schrecklichen Reise vergessen zu lassen , dennoch aber wird mir jede Einzelheit der Fahrt ewig im Gedächtnis bleiben . Was wir während dieser Wochen ertrugen , das spottet aller Schilderung und läßt sich furchtbarer nicht denken . « Robert zog seine Decke über die Schultern herauf . » Ich glaube es dir , Mongo « , nickte er . » Die Tatlosigkeit , die enge Gefangenschaft auf so kleinem Raum muß ganz entsetzlich gewesen sein . Ich wäre gewiß - - « » Nun ? « fragte nach einer Pause der Alte . » Nichts , Mongo . Gute Nacht ! « » Gute Nacht , mein Junge . « Die beiden schliefen Seite an Seite unter den warmen Rentierfellen , bis am nächsten Morgen das gewohnte Zeichen , eine Art Kuhhorn , mit seinen melancholischen Brummtönen zur Weiterreise mahnte . Und wieder ging es über Berge und Täler , mit jedem neuen Sonnentag entfaltete sich alles ringsumher zum Erwachen , zum Leben . Der Boden verlor die Felsbildung , der Wind hörte auf , Kälte und Regen mit sich zu führen , überall begann es zu grünen und zu blühen , und der Baumbestand nahm immer mehr zu . Es gab jetzt schon Kiefern , Birken und schlanke Tannen , sogar einige kleine Eichen , es wurde wärmer , und dann kam endlich der Tag , an dem man bei dem großen Lappenlager am Fuße des Kilpis angelangt war . Der Maalself stürzte von einem hohen , stumpfen Kegel mit donnerndem Rauschen in sein steinernes Bett herab , die Abhänge des himmelhohen Felsens erhoben sich kantig und zackig fast bis zu den Wolken empor , und hohe Bäume ragten im Schmuck des jungen Grün aus dem tiefen Tal herauf . Hier war jeder Meter Boden fruchtbarstes Ackerland , hier gab es weite Rasenflächen , und überall weideten Rentiere , deren ausgedehnten Futterplatz man sorgfältig eingefriedet hatte . In der Nähe des Wasserfalles , an einer besonders geschützten Stelle , lagen die Wohngebäude , die Stall-und Arbeitsräume der Lappen , alles nur riesige Zelte , mit vier Stämmen in der Erde befestigt und durch Pflöcke gehalten , aber mit geteertem oder geöltem Segeltuch bespannt und gut eingerichtet . Während bei dem wandernden Stamm überall die bitterste , trostlose Armut zutage trat , herrschte hier bei den reicheren Verwandten offensichtlicher Wohlstand , der sich besonders in der Kleidung ausprägte . Statt der rohen , ungeschlachten Säcke aus Fellen trugen diese Hirten und Hirtinnen die Tracht der weißen Kolonisten , nämlich die