Franken am Rhodanus und Padus zu befahren . Die Scheinbewegungen Belisars unterstützten diesen Glauben : und so geschah das Unerhörte , daß die Heerscharen der Goten , die Schiffe , die Waffen , die Kriegsvorräte in großen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff hinweggeführt , daß Unteritalien bis Rom , ja alles Land bis Ravenna entblößt und alle Verteidigungsmaßregeln in den Gegenden vernachlässigt wurden , auf die alsbald die ersten Schläge der Feinde fallen sollten . An dem Dravus , Rhodanus und Padus wimmelte es von gotischen Waffen und Segeln , während bei Sizilien , wie wir sahen , sogar die nötigsten Boote zum Wachtdienst fehlten . Auch das ungestüme Drängen der gotischen Patrioten besserte daran nicht viel . Witichis und Hildebad hatte sich der König aus der Nähe geschafft , indem er sie mit Truppen und Aufträgen nach Istrien und nach Gallien entsandte : und dem argwöhnischen Teja leistete der alte Hildebrand , der nicht ganz den Glauben an den letzten der Amaler aufgeben wollte , zähen Widerstand . Am meisten aber ward Theodahad gekräftigt , als ihm seine entschlossene Königin zurückgegeben wurde . Witichis war alsbald nach der Kriegserklärung der Byzantiner mit einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen , wo Gothelindis mit ihren pannonischen Söldnern Zuflucht gesucht , und hatte sie bewogen , sich freiwillig wieder in Ravenna einzufinden , unter Verbürgung für ihre Sicherheit , bis in der bevorstehenden großen Volks- und Heeresversammlung bei Rom ihre Sache nach allen Formen des Rechts untersucht und entschieden werde . Diese Bedingungen waren beiden Parteien genehm : denn den gotischen Patrioten mußte alles daran gelegen sein , jetzt , bei dem Ausbruch des schweren Krieges , nicht durch Parteiung in der Oberleitung gespalten zu sein . Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen Witichis wider jede Anklage das Recht voller Verteidigung gewahrt wissen wollte , so sah auch Teja ein , daß , nachdem der Feind die schwere Beschuldigung des Königsmordes auf das ganze Volk der Goten geschleudert , nur ein strenges und feierliches Verfahren in allen Formen , nicht eine stürmische Volksjustiz auf blinden Argwohn hin , die Volksehre wahren könne . Gothelindis aber blickte jenem Verfahren mit kühner Stirn entgegen : mochten die Stimmen innerer Überzeugung auch gegen sie sprechen , sie glaubte ganz sicher zu sein , daß sich ein genügender Beweis ihrer Tat nicht erbringen lasse . - Hatte doch nur ihr Auge das Ende der Feindin gesehen . - Und sie wußte wohl , daß man sie ohne volle Überführung nicht strafen werde . So folgte sie willig nach Ravenna , flößte dem zagen Herzen ihres Gatten neuen Mut ein und hoffte , war nur der Gerichtstag überstanden , alsbald im Lager Belisars und am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen zu finden . Die Zuversicht des Königspaares über den Ausgang jenes Tages wurde nun noch dadurch erhöht , daß die Rüstungen der Franken ihnen den Vorwand gegeben hatten , außer Witichis und Hildebad auch noch den gefährlichen Grafen Teja mit einer dritten Heerschar in den Nordwesten der Halbinsel zu entsenden : mit ihm zogen viele Tausende gerade der eifrigsten Anhänger der Gotenpartei , - so daß an dem Tag bei Rom eine von ihren Gegnern nicht allzu zahlreich besuchte Versammlung sich einfinden würde . - Und unablässig waren sie tätig , sowohl ihre persönlichen Anhänger als alte Gegner Amalaswinthens , die mächtige Sippe der Balten in ihren weitverbreiteten Zweigen , in möglichst großer Anzahl zur Entscheidung jenes Tages heranzuziehen . So hatte das Königspaar Ruhe und Zuversicht gewonnen . Und Theodahad war von Gothelindis bewogen worden , selbst als Vertreter seiner Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu erscheinen , um durch solchen Mut und den Glanz des königlichen Ansehens vielleicht von vornherein alle Widersacher einzuschüchtern . Umgeben von ihren Anhängern und einer kleinen Leibwache verließen Theodahad und Gothelindis Ravenna und eilten nach Rom , wo sie mehrere Tage vor dem für die Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem alten Kaiserpalast abstiegen . Nicht unmittelbar vor den Mauern , sondern in der Nähe Roms , auf einem freien offnen Felde , Regeta genannt , zwischen Anagni und Terracina , sollte die Versammlung gehalten werden . Früh am Morgen des Tages , da sich Theodahad allein auf die Reise dorthin aufmachen wollte und von Gothelindis Abschied nahm , ließ sich ein unerwarteter und unwillkommener Name melden : Cethegus , der während ihres mehrtägigen Aufenthalts in der Stadt nicht erschienen : er war vollauf mit der Vollendung der Befestigungen beschäftigt . Als er eintrat , rief Gothelindis entsetzt über seinen Ausdruck : » Um Gott , Cethegus ! welch ein Unheil bringst du ? « Aber der Präfekt furchte nur einen Augenblick die Stirn bei ihrem Anblick , dann sprach er ruhig : » Unheil ? für den , den ' s trifft . Ich komme aus einer Versammlung meiner Freunde , wo ich zuerst erfuhr , was bald ganz Rom wissen wird : Belisar ist gelandet . « » Endlich , « rief Theodahad . Und auch die Königin konnte eine Miene des Triumphs nicht verbergen . » Frohlockt nicht zu früh ! Es kann euch reuen . Ich komme nicht , Rechenschaft von euch und eurem Freunde Petros zu verlangen : wer mit Verrätern handelt , muß sich aufs Lügen gefaßt machen . Ich komme nur , um euch zu sagen , daß ihr jetzt ganz gewiß verloren seid . « » Verloren ? « - » Gerettet sind wir jetzt ! « » Nein , Königin . Belisar hat bei der Landung ein Manifest erlassen : er sagt , er komme , die Mörder Amalaswinthens zu strafen ; ein hoher Preis und seine Gnade ist denen zugesichert , die euch lebend oder tot einliefern . « Theodahad erbleichte . » Unmöglich ! « rief Gothelindis . » Die Goten aber werden bald erfahren , wessen Verrat den Feind ohne Widerstand ins Land gelassen . Mehr noch . Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag , in dieser stürmischen Zeit als Präfekt ihr Wohl zu wahren . Ich werde euch im Namen Roms ergreifen und Belisar übergeben lassen . « » Das wagst du nicht ! « rief Gothelindis , nach dem Dolche greifend . » Still , Gothelindis , hier gilt es nicht , hilflose Frauen im Bad ermorden . Ich lasse euch aber entkommen - was liegt mir an eurem Leben oder Sterben ! - gegen einen billigen Preis . « » Ich gewähre jeden ! « stammelte Theodahad . » Du lieferst mir die Urkunden deiner Verträge mit Silverius - schweig ! lüge nicht ! ich weiß , ihr habt lang und geheim verhandelt . Du hast wieder einmal einen hübschen Handel mit Land und Leuten getrieben ! Mich lüstet nach dem Kaufbrief . « » Der Kauf ist jetzt eitel ! die Urkunden ohne Kraft ! Nimm sie ! sie liegen verwahrt in der Basilika des heiligen Martinus , in dem Sarkophag , links in der Krypta ! « Seine Furcht zeigte , daß er wahr sprach . » Es ist gut , « sagte Cethegus . » Alle Ausgänge des Palastes sind von meinen Legionaren besetzt . Erst erhebe ich die Urkunden . Fand ich sie am bezeichneten Ort , so werd ' ich Befehl geben , euch zu entlassen . Wollt ihr dann entfliehn , so geht an die Pforte Marc Aurels und nennt meinen Namen dem Kriegstribun der Wache , Piso . Er wird euch ziehen lassen . « Und er ging , das Paar ratlosen Ängsten überlassend . » Was tun ? « fragte Gothelindis mehr sich selbst als ihren Gemahl . » Weichen oder trotzen ? « - » Was tun ? ! « wiederholte Theodahad unwillig . » Trotzen ? das heißt bleiben ? Unsinn ! Fort von hier sobald als möglich ; kein Heil als die Flucht ! « - » Wohin willst du fliehn ? « - » Nach Ravenna zunächst - das ist fest ! Dort erheb ich den Königsschatz . Von da , wenn es sein muß , zu den Franken . Schade , schade , daß ich die hier verborgnen Gelder preisgeben muß . Die vielen Millionen Solidi ! « - » Hier ? auch hier , « fragte Gothelindis aufmerksam , » in Rom hast du Schätze geborgen . Wo ? und sicher ? « » Ach , allzusicher ! In den Katakomben ! Ich selber würde Stunden brauchen , sie alle aufzufinden in jenen finstern Labyrinthen . Und die Minuten sind jetzt Leben oder Tod . Und das Leben geht doch noch über die Solidi ! Folge mir , Gothelindis . Damit wir keinen Augenblick verlieren ; ich eile an die Pforte Marc Aurels . « Und er verließ das Gemach . Aber Gothelindis blieb überlegend stehn . Ein Gedanke , ein Plan hatte sie bei seinen Worten erfaßt : sie erwog die Möglichkeit des Widerstands . Ihr Stolz ertrug es nicht , der Herrschaft zu entsagen . » Gold ist Macht , « sprach sie zu sich selber , » und nur Macht ist Leben . « Ihr Entschluß stand fest . Sie gedachte der kappadokischen Söldner , die des Königs Geiz aus seinem Dienst verscheucht hatte ; sie harrten noch herrenlos in Rom , der Einschiffung gewärtig . Sie hörte Theodahad hastig die Treppe hinuntersteigen und nach seiner Sänfte rufen . » Ja , flüchte nur , du Erbärmlicher ! « sprach sie , » ich bleibe . « Zwölftes Kapitel . Herrlich tauchte am nächsten Morgen die Sonne aus dem Meer : und ihre Strahlen glitzerten auf den blanken Waffen von vielen tausend Gotenkriegern , die das weite Blachfeld von Regeta belebten . Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die Scharen herbeigeeilt , gruppenweise , sippenweise , oft mit Weib und Kind , sich bei der großen Musterung , die alljährlich im Herbste gehalten wurde , einzufinden . Eine solche Volksversammlung war das schönste Fest und der edelste Ernst der Nation zugleich : ursprünglich , in der heidnischen Zeit , war ihr Mittelpunkt das große Opferfest gewesen , das alljährlich zweimal , an der Winter- und Sommersonnenwende , alle Geschlechter des Volkes zur Verehrung der gemeinsamen Götter vereinte : daran schlossen sich dann Markt- und Tauschverkehr , Waffenspiele und Heeresmusterung : die Versammlung hatte zugleich die höchste Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung über Krieg und Frieden und die Verhältnisse zu andern Staaten . Und noch immer , auch in dem christlichen Gotenstaat , in welchem der König so manches Recht , das sonst dem Volke zukam , erworben , hatte die Volksversammlung eine höchst feierliche Weihe , wenn auch deren alte heidnische Bedeutung vergessen war : und die Reste der alten Volksfreiheit , die selbst der gewaltige Theoderich nicht angetastet , lebten unter seinen schwächern Nachfolgern kräftiger wieder auf . Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten das Urteil zu finden , die Strafe zu verhängen , wenn auch der Graf des Königs in dessen Namen das Gericht leitete und das Urteil vollzog . Und oft schon hatten germanische Völker selbst ihre Könige wegen Verrates , Mordes und andrer schwerer Frevel vor offner Volksversammlung angeklagt , gerichtet und getötet . In dem stolzen Bewußtsein , sein eigner Herr zu sein und niemand , auch dem König nicht , über das Maß der Freiheit hinaus zu dienen , zog der Germane in allen seinen Waffen zu dem » Ding « , wo er sich im Verband mit seinen Genossen sicher und stark fühlte und seine und seines Volkes Freiheit , Kraft und Ehre in lebendigen Bildern und Taten vor Augen sah . Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit besonders starken Gründen . Der Krieg mit Byzanz war zu erwarten oder schon ausgebrochen , als die Ladung nach Regeta erging : das Volk freute sich auf den Kampf mit dem verhaßten Feind und freute sich , zuvor seine Heeresmacht zu mustern : diesmal ganz besonders sollte die Volksversammlung zugleich Heerschau sein . Dazu kam , daß wenigstens in den nächsten Landschaften den meisten Goten bekannt wurde , dort zu Regeta sollte Gericht gehalten werden über die Mörder der Tochter Theoderichs : die große Aufregung , die diese Tat erweckt hatte , mußte ebenfalls mächtig nach Regeta ziehn . Während ein Teil der Herbeigewanderten in den nächsten Dörfern bei Freunden und Bekannten eingesprochen , hatten sich große Scharen schon einige Tage vor der feierlichen Eröffnung auf dem weiten Blachfeld selbst , zweihundertachtzig Stadien ( gegen sechsunddreißig römische Meilen zu tausend Schritt ) von Rom , unter leichten Zelten und Hütten oder auch unter dem milden freien Himmel gelagert . Diese waren mit den frühsten Stunden des Versammlungstages schon in brausender Bewegung und nützten die geraume Zeit , da sie die alleinigen Herrn des Platzes waren , zu allerlei Spiel und Kurzweil . Die einen schwammen und badeten in den klaren Fluten des raschen Flusses Ufens ( oder » Decemnovius « , weil er nach neunzehn römischen Meilen bei Terracina in das Meer mündet ) , der die weite Ebene durchschnitt . Andere zeigten ihre Kunst , über ganze Reihen von vorgehaltenen Speeren hinwegzusetzen oder , fast unbekleidet , unter den im Taktschlag geschwungenen Schwertern zu tanzen , indes die Raschfüßigsten , angeklammert an die Mähnen ihrer Rosse , mit deren schnellstem Lauf gleichen Schritt hielten und , am Ziele angelangt , mit sichrem Sprung sich auf den sattellosen Rücken schwangen . » Schade , « rief der junge Gudila , der bei diesem Wettlauf zuerst an das Ziel gelangt war und sich jetzt die gelben Locken aus der Stirne strich , » schade , daß Totila nicht zugegen ! Er ist der beste Reiter im Volk und hat mich noch immer besiegt ; aber jetzt , mit dem Rappen , nehm ' ich ' s mit ihm auf . « - » Ich bin froh , daß er nicht da ist , « lachte Gunthamund , der als der zweite herangesprengt war , » sonst hätte ich gestern schwerlich den ersten Preis im Lanzenwurf davongetragen . « - » Ja , « sprach Hilderich , ein stattlicher , junger Krieger in klirrendem Ringpanzer , » Totila ist gut mit der Lanze . Aber sichrer noch wirft der schwarze Teja : der nennt dir die Rippe vorher , die er treffen wird . « - » Bah , « brummte Hunibad , ein älterer Mann , der dem Treiben der Jünglinge prüfend zugesehn , » das ist doch all nur Spielerei . Im blutigen Ernste frommt dem Mann zuletzt doch nur das Schwert : wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den Leib rückt , daß du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf . Und da lob ich mir den Grafen Witichis von Fäsulä ! Das ist mein Mann ! War das ein Schädelspalten , im Gepidenkrieg ! Durch Stahl und Leder schlug der Mann als wär ' es trocken Stroh . Der kann ' s noch besser als mein eigner Herzog , Guntharis , der Wölsung , in Florentia . Doch was wißt ihr davon , ihr Knaben . - Seht , da steigen die frühesten Ankömmlinge von den Hügeln nieder : auf ! ihnen entgegen ! « Und auf allen Wegen strömte jetzt das Volk heran : zu Fuß , zu Roß und zu Wagen . Ein brausendes , wogendes Leben erfüllte mehr und mehr das Blachfeld . An den Ufern des Flusses , wo die meisten Zelte standen , wurden die Rosse abgezäumt , die Gespanne zu einer Wagenburg zusammengeschoben und durch die Lagergassen hin flutete nun die stündlich wachsende Menge . Da suchten und fanden und begrüßten sich Freunde und Waffenbrüder , die sich seit Jahren nicht gesehn . Es war ein buntgemischtes Bild : die alte germanische Gleichartigkeit war in diesem Reiche lang geschwunden . Da stand neben dem vornehmen Edeln , der sich in einer der reichen Städte Italiens niedergelassen , in den Palästen senatorischer Geschlechter wohnte und die feinere und üppigere Sitte der Welschen angenommen hatte , neben dem Herzog oder Grafen aus Mediolanum oder Ticinum , der über dem reichvergoldeten Panzer das Wehrgehänge von Purpurseide trug , neben einem solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher , riesiger Gotenbauer , der in den tiefen Eichwäldern am Margus in Mösien hauste oder der in dem Tann am rauschenden Önus dem Wolf die zottige Schur abgerungen hatte , die er um die mächtigen Schultern schlug , und dessen rauher erhaltene Sprache befremdlich an das Ohr der halbromanisierten Genossen schlug . Und wieder friedliche Schafhirten aus Dakien , die , ohne Acker und ohne Haus , mit ihren Herden von Weide zu Weide wanderten , ganz in derselben Weise noch , welche die Ahnen vor tausend Jahren aus Asien herübergeführt hatte . Da war ein reicher Gote , der in Ravenna oder Rom eines römischen Geldwechslers Kind geheiratet und bald Handel und Verkehr gleich seinem römischen Schwager zu treiben und seinen Gewinn nach Tausenden zu berechnen gelernt hatte . Und daneben stand ein armer Senne , der an dem brausenden Isarkus die magern Ziegen auf die magre Weide trieb , und dicht neben der Höhle des Bären seine Bretterhütte errichtet hatte . So verschieden war den Tausenden , die sich hier zusammenfanden , das Los gefallen , seit ihre Väter dem Ruf des großen Theoderich nach Westen gefolgt waren , hinweg aus den Tälern des Hämus . Aber doch fühlten sie sich als Brüder , als Söhne Eines Volkes : dieselbe stolzklingende Sprache redeten sie , dieselben Goldlocken , dieselbe schneeweiße Haut , dieselben hellen blitzenden Augen und - vor allem - das gleiche Gefühl in jeder Brust : als Sieger stehen wir auf dem Boden , den unsre Väter dem römischen Weltreich abgetrotzt , und den wir decken wollen , lebendig oder tot . Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und rauschten die Tausende durcheinander , die sich hier begrüßten , alte Bekanntschaften aufsuchten und neue schlossen und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen und zu können . Aber plötzlich tönten von dem Kamm der Hügel her eigentümliche , feierlich gezogene Töne des gotischen Heerhorns : und augenblicklich legte sich das Gesumme der brausenden Stimmen . Aufmerksam wandten sich aller Augen nach der Richtung der Hügel , von denen ein geschlossener Zug ehrwürdiger Greise nahte . Es war ein halbes Hundert von Männern in weißen , wallenden Mänteln , die Häupter eichenbekränzt , weiße Stäbe und altertümlich geformte Steinbeile führend : die Sajonen und Fronwärter des Gerichts , welche die feierlichen Formen der Eröffnung , Hegung und Aufhebung des Dings zu vollziehen hatten . Angelangt in der Ebene begrüßten sie mit dreifachem , langgezogenem Hornruf die Versammlung der freien Heermänner , die , nach feierlicher Stille , mit klirrenden Waffen lärmend antworteten . Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk . Sie teilten sich nach rechts und links und umzogen mit Schnüren von roter Wolle , die alle zwanzig Schritt um einen Haselstab , den sie in die Erde stießen , geschlungen wurden , die ganze weite Ebene , und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und Sprüchen . Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnüre auf mannshohe Lanzenschäfte gespannt , so daß sie die zwei Tore der nun völlig umfriedeten Dingstätte bildeten , an denen die Fronboten mit gezückten Beilen Wache hielten , alle Unfreien , alle Volksfremden und alle Weiber fernzuhalten . Als diese Arbeit vollendet war , traten die beiden Ältesten unter die Speertore und riefen mit lauter Stimme : » Gehegt ist der Hag Altgotischer Art : Nun beginnen mit Gott Mag gerechtes Gericht . « Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge ein anfangs leises , dann lauter tönendes und endlich fast betäubendes Getöse von fragenden , streitenden , zweifelnden Stimmen . Es war nämlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen , daß er nicht , wie gewöhnlich , von dem Grafen geführt war , der im Namen und Bann des Königs das Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte . Doch hatte man erwartet , daß dieser Vertreter des Königs wohl während der Umschnürung des Platzes erscheinen werde . Als nun aber diese Arbeit geschehen , und der Spruch der Alten , der zum Beginn des Gerichts aufforderte , ergangen und doch immer noch kein Graf , kein Beamter erschienen war , der allein die Eröffnungsworte sprechen konnte , ward die Merksamkeit aller auf jene schwer auszufüllende Lücke gelenkt . Während man nun überall nach dem Grafen , dem Vertreter des Königs , fragte und suchte , erinnerte man sich , daß dieser ja verheißen hatte , in Person vor seinem Volk zu erscheinen , sich und seine Königin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu verteidigen . Aber da man jetzt bei des Königs Freunden und Anhängern sich nach ihm erkundigen wollte , ergab sich die verdächtige Tatsache , die man bisher , im Gedräng der allgemeinen Begrüßungen , gar nicht wahrgenommen , daß nämlich auch nicht Einer der zahlreichen Verwandten , Freunde , Diener des Königshauses , die zur Unterstützung der Beschuldigten zu erscheinen Recht , Pflicht und Interesse hatten , in der Versammlung zugegen war , wiewohl man sie vor wenigen Tagen zahlreich in den Straßen und in der Umgegend Roms gesehen hatte . Das erregte Befremden und Argwohn : und lange schien es , als ob an dem Lärm über diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Königsgrafen der rechtmäßige Anfang der ganzen Verhandlung scheitern solle . Verschiedene Redner hatten bereits vergeblich versucht , sich Gehör zu verschaffen . - Da erscholl plötzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles übertönender Klang , dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetümes vergleichbar . Aller Augen folgten dem Schall : und sahen im Mittelgrund des Platzes , an den Rücken einer hohen Steineiche gelehnt , eine hohe ragende Gestalt , die in den hohlen , vor den Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen Schlachtruf ertönen ließ . Als sie den Schild senkte , erkannte man das mächtige Antlitz des alten Hildebrand , dessen Augen Feuer zu sprühen schienen . Begeisterter Jubel begrüßte den greisen Waffenmeister des großen Königs , den , wie seinen Herrn , Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer mythischen Gestalt unter den Goten gemacht hatten . Als sich der Zuruf gelegt , hob der Alte an : » Gute Goten , meine wackern Männer . Es ficht euch an und will euch befremden , daß ihr keinen Grafen seht und Vertreter des Mannes , der eure Krone trägt . Laßt ' s euch nicht Bedenken machen ! Wenn der König meint , damit das Gericht zu stören , so soll er irren . Ich denke noch die alten Zeiten und sage euch : das Volk kann Recht finden ohne König , und Gericht halten ohne Königsgrafen . Ihr seid alle herangewachsen in neuer Übung und Sitte , aber da steht Haduswinth , der Alte , kaum ein paar Winter jünger denn ich : der wird ' s mir bezeugen : beim Volk allein ist alle Gewalt : das Gotenvolk ist frei ! « » Ja , wir sind frei ! « rief ein tausendstimmiger Chor . » Wir wählen uns unsern Dinggrafen selbst , schickt der König den seinen nicht , « rief der graue Haduswinth , » Recht und Gericht war , eh ' König war und Graf . Und wer kennt besser alten Brauch des Rechts als Hildebrand , Hildungs Sohn ? Hildebrand soll unser Dinggraf sein . « » Ja ! « hallte es ringsum wider , » Hildebrand soll unser Dinggraf sein . « » Ich bin ' s durch eure Wahl : und achte mich so gut bestellt , als hätte mir König Theodahad Brief und Pergament darüber ausgestellt . Auch haben meine Ahnen Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten . Kommt , Sajonen , helft mir öffnen das Gericht . « Da eilten zwölf von den Frondienern herzu . Vor der Eiche lagen noch die Trümmer eines uralten Fanums des Waldgottes Picus : die Sajonen säuberten die Stelle , hoben die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und rechts zwei der viereckigen Platten an den Stamm der Eiche , so daß ein stattlicher Richterstuhl dadurch gebildet ward . Und so hielt , von dem Altar des altitalischen Wald- und Hirtengottes herab , der Gotengraf Gericht . Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel mit breitem , weißem Kragen über Hildebrands Schultern , gaben ihm den oben gekrümmten Eschenstab in die Hand und hingen links zu seinen Häupten einen blanken Stahlschild an die Zweige der Eiche . Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten und Linken auf : der Alte schlug mit dem Stab auf den Schild , daß er hell erklang , dann setzte er sich , das Antlitz gegen Osten und sprach : » Ich gebiete Stille , Bann und Frieden ! Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht , Hastmut und Scheltwort und Waffenzücken , und alles , was den Dingfrieden kränken mag . Und ich frage hier : ist es an Jahr und Tag , an Weil ' und Stunde , an Ort und Stätte , zu halten ein frei Gericht gotischer Männer ? « Da traten die nächststehenden Goten heran und sprachen im Chor : » Hier ist rechter Ort , unter hohem Himmel , unter rauschender Eiche , hier ist rechte Tageszeit , bei klimmender Sonne , auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund , zu halten ein frei Gericht gotischer Männer . « » Wohlan , « fuhr der alte Hildebrand fort , » wir sind versammelt , zu richten zweierlei Klage : Mordklage wider Gothelindis , die Königin , und schwere Rüge wegen Feigheit und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider Theodahad , unsern König . Ich frage ... - « Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten , schallenden Hornruf , der von Westen her näher und näher drang . Dreizehntes Kapitel . Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug von Reitern , welche die Hügel herab gegen die Gerichtsstätte eilten . Die Sonne fiel grell blendend auf die waffenblitzenden Gestalten , daß sie nicht erkenntlich waren , obwohl sie in Eile nahten . Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem erhöhten Sitz , hielt die Hand vor die falkenscharfen Augen und rief sogleich : » Das sind gotische Waffen ! - Die wallende Fahne trägt als Bild die Wage : - das ist das Hauszeichen des Grafen Witichis ! Und dort ist er selbst ! An der Spitze des Zugs . Und an seiner Linken die hohe Gestalt , das ist der starke Hildebad ! Was führt die Feldherrn zurück ? ihre Scharen sollten schon weit auf dem Weg nach Gallien und Dalmatien sein ! « Ein Brausen von fragenden , staunenden , grüßenden Stimmen erfolgte . Indes waren die Reiter heran und sprangen von den dampfenden Rossen . Mit Jubel empfangen , schritten die Führer , Witichis und Hildebad , durch die Menge den Hügel heran , bis zu Hildebrands Richterstuhl . » Wie ? « rief Hildebad noch atemlos , » ihr sitzt hier und haltet Gericht , wie im tiefsten Frieden : und der Feind , Belisar , ist gelandet ! « » Wir wissen es , « sprach Hildebrand ruhig , » und wollten mit dem König beraten , wie ihm zu wehren sei . « » Mit dem König ! « lachte Hildebad bitter . » Er ist nicht hier , « sagte Witichis umblickend , » das verstärkt unsern Verdacht . Wir kehrten um , weil wir Grund zu schwerem Argwohn erhielten . Aber davon später ! fahrt fort , wo ihr haltet . Alles nach Recht und Ordnung ! still , Freund ! « Und den ungeduldigen Hildebad zurückdrängend , stellte er sich bescheiden zur Linken des Richterstuhles in die Reihe der andern . Nachdem es wieder stiller geworden , fuhr der Alte fort : » Gothelindis , unsre Königin , ist verklagt wegen Mordes an Amalaswintha , der Tochter Theoderichs . Ich frage : sind wir Gericht zu richten solche Klage ? « Der alte Haduswinth , gestützt auf seine lange Keule , trat vor und sprach : » Rot sind die Schnüre dieser Malstätte . Beim Volksgericht ist das Recht über roten Blutfrevel , über warmes Leben und kalten Tod . Wenn ' s anders geübt ward in letzten Zeiten , so war das Gewalt , nicht Recht . Wir sind Gericht , zu richten solche Klage . « » In allem Volk , « fuhr Hildebrand fort , » geht wider Gothelindis schwerer Vorwurf : im stillen Herzen verklagen wir alle sie darob . Wer aber will hier , im offnen Volksgericht , mit lautem Wort , sie dieses Mordes zeihen ? « » Ich ! « sprach eine helle Stimme : und ein schöner , junger Gote , in glänzenden Waffen , trat von rechts vor den Richter , die rechte Hand auf die Brust legend . Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die Reihen : » Er liebt die schöne Mataswintha ! « - » Er ist der Bruder des Herzogs Guntharis von Tuscien , der Florentia besetzt hält . « - » Er freit um sie ! « - » Als Rächer ihrer Mutter tritt er auf ! « » Ich , Graf Arahad von Asta , des Aramuth Sohn , aus der Wölsungen Edelgeschlecht , « fuhr der junge Gote mit einem anmutigen Erröten fort . » Zwar bin ich nicht versippt mit der Getöteten : allein die Männer ihrer Sippe , Theodahad voran , ihr Vetter und ihr König , erfüllen nicht die Pflicht der Blutrache ; ist er doch selbst des Mordes Helfer und Hehler . So klag ' ich denn , ein freier unbescholtner Gote edeln Stammes , ein Freund der unseligen Fürstin , an Mataswinthens , ihrer Tochter , Statt . Ich klag ' um Mord ! Ich klag ' auf Blut ! « Und unter lautem Beifall