ich mich dessen selbst versah , hatte sie die Thüre leise zugedrückt , so daß die Musik nur noch gedämpft herüberklang - dann stand sie mit wenigen Schritten hinter der Prinzessin . Dieses Geräusch ließ endlich die hohe Zeichnerin aufsehen - purpurn schoß ihr die Röte des Erschreckens über das ganze Gesicht ; aber sie sammelte sich unglaublich rasch , klappte das Buch zu und maß die Störerin über die Schulter mit einem indignierten , stolzen Blick . » Hoheit , ich weiß , daß ich eine schwer zu entschuldigende Taktlosigkeit begehe , « sagte Charlotte - an dem starken zuversichtlichen Mädchen bebte jede Fiber , ich hörte es an ihrer Stimme . - » Es ist ein günstiger Augenblick , den ich kühn erhasche , ohne die Erlaubnis zu haben , zu Euer Hoheit sprechen zu dürfen ; aber ich weiß mir nicht anders zu helfen ! ... Wenn Hoheit mir auch zu jeder Stunde eine Audienz im Schlosse gewähren wollten , ich würde den Mut nicht finden , das auszusprechen , was ich hier , unter dem Schutze dieser Augen « - sie zeigte nach Lothars Bild - » getrost wage . « Die Prinzessin wandte ihr im höchsten Erstaunen nun voll das Gesicht zu . » Und was haben Sie mir zu sagen ? « Charlotte sank in die Kniee , ergriff die Hand der fürstlichen Frau und zog sie an ihre Lippen . » Hoheit , verhelfen Sie mir und meinem Bruder zu unserem Rechte ! « flehte sie mit halberstickter Stimme . » Wir werden um unseren wahren Namen betrogen , wir müssen das Gnadenbrot essen , während wir vollgültige Ansprüche auf ein bedeutendes Vermögen haben und längst auf eigenen Füßen stehen könnten ... In unsern Adern fließt stolzes , edles Blut und doch fesselt man uns förmlich mit Ketten an dieses Krämerhaus und zwingt uns gewaltsam in bürgerliche Verhältnisse - « » Stehen Sie auf und sammeln Sie sich , Fräulein Claudius , « unterbrach sie die Prinzessin - die hoheitsvolle , tiefernste Gebärde , mit der sie winkte , hatte durchaus nichts Ermutigendes . » Sagen Sie mir vor allem , wer betrügt Sie ? « » Es will mir nicht über die Lippen , denn es sieht aus wie schwarzer Undank ... Die Welt kennt uns nur als die Adoptivkinder eines großmütigen Mannes - « » Ich auch - « » Und doch ist er ' s , der uns beraubt ! « fiel Charlotte wie verzweifelt ein . » Halt - ein Mann wie Herr Claudius raubt und betrügt nicht ! Da glaube ich weit eher an einen schweren Irrtum Ihrerseits ! « Ich hätte hervorstürzen und die Kniee der Dame umfassen mögen für diesen Ausspruch . Charlotte hob den Kopf - man sah , sie raffte all ihren Mut zusammen . Mit einer raschen Bewegung stieß sie auch die Thür zu , durch welche ein lautes , neckendes Gespräch zwischen der Hofdame und Dagobert herüberscholl . - » Hoheit , es handelt sich hier nicht um Geld - das ist vorläufig völlig Nebensache , « sagte sie fest . » Herr Claudius liebt den Besitz , aber ich selbst bin fest überzeugt , daß er streng jedweden unrechtlichen Erwerb von sich weist ... Dagegen werden Hoheit mir zugeben , daß schon mancher tüchtige Charakter in leidenschaftlicher Verfolgung einer Idee , einer hartnäckig verblendeten Ansicht zuerst zum Selbstbetrüger und schließlich zum Verbrecher an anderen geworden ist ! « Sie preßte die Hand auf die Brust und schöpfte tief Atem , während drüben die wundervollen Melodien hochauf rauschten - er ließ ahnungslos seine strengverschlossene Seele zum erstenmale nach langen Jahren wieder in Tönen ausströmen , und hier wurde sein reiner Name an den Pranger gestellt - und ich durfte ihn nicht einmal warnen , ich mußte aushalten auf dieser Folter ! Wie haßte ich in diesem Moment unbeschreiblicher Qualen die Anklägerin dort ! » Herr Claudius mißachtet den Adel , ja , er haßt ihn ! « fuhr sie fort . » Er ist selbstverständlich zu einflußlos , um an dem Bestehenden rütteln zu können ; aber wo es in seine Hand gelegt ist , das Erstarken der Aristokratie zu verhindern , da thut er es aus allen Kräften , ja , eben in diesem Punkte scheut er selbst den Betrug nicht ... Hoheit , mit meinem Bruder tritt ein neues Adelsgeschlecht in das Leben , und , ich sage es mit Stolz , eine neue , feste Stütze in das Fundament der maßlos beneideten hohen Kaste ; denn wir Geschwister sind durch und durch aristokratisch gesinnt ... Aber gerade deshalb sollen wir nie erfahren , wer uns das Leben gegeben hat . - Herr Claudius will das Wappenschild an dem alten Krämernamen nicht dulden . « Das Gesicht der Prinzessin wurde plötzlich weiß wie Wachs . Sie hob hastig unterbrechend die Hand und deutete nach Lothars Bild . » Und weshalb wollten Sie mir das alles gerade unter dem Schutze dieser Augen sagen ? « stieß sie mit völlig veränderter heiserer Stimme heraus . » Weil es die Augen meines lieben Vaters sind - Hoheit , ich bin seine Tochter ! « Die Prinzessin taumelte zurück und hielt sich an der Tischecke . » Lüge , abscheuliche Lüge ! ... Sagen Sie das nicht noch einmal ! « schrie sie auf - wie entsetzlich veränderte sich das liebliche Gesicht , wie hart und eckig hob sich der drohende Arm ! - » Ich dulde keinen Flecken auf seinem Namen ! ... Claudius war nie verheiratet , nie - das weiß die ganze Welt ! ... Er hat nicht einmal geliebt , nie geliebt - o mein Gott , nur diesen einen Trost raube mir nicht ! « » Hoheit « - » Schweigen Sie ! ... Wollen Sie wirklich behaupten , daß er sich vergessen habe , der stolze , unnahbare Mann ? ... Und wenn - o Gott im Himmel , es ist ja nicht wahr - aber wenn auch , möchten Sie in der That auf Rechte pochen , die Sie einer augenblicklichen Verirrung , nicht aber der Liebe danken ? « Mit welch beißendem Hohne warfen die schmerzhaft zuckenden Lippen diese Worte hin ! ... Charlotte war sprachlos vor Bestürzung in sich zusammengesunken ; die Beleidigung aber traf sie wie ein Schlag in das Gesicht und gab ihr die Fassung zurück . » Er habe nie geliebt ? « fragte sie . » Wissen Hoheit nicht , weshalb er freiwillig in den Tod gegangen ist ? « » Aus plötzlicher Schwermut - er war krank - fragen Sie alle , die ihn gekannt haben , « murmelte sie und legte die Hand über die Augen . » Ja , er war krank , er war wahnsinnig vor Verzweiflung über den Tod - « » Ueber wessen Tod ! Ha , ha , ha ! « Charlotte sank abermals auf den Boden und umfaßte mit hervorstürzenden Thränen namenloser Angst die Kniee der Prinzessin . » Hoheit , ich beschwöre Sie , hören Sie mich nur einen Augenblick ruhiger an ! « flehte sie . » Ich bin bereits zu weit gegangen , um zurückweichen zu können . Ich muß die Wahrheit sagen , schon um meines Bruders willen , denn ich darf nicht dulden , daß Sie in dem Glauben beharren , wir seien illegitime Kinder ... Lothar von Claudius war verheiratet - in geheimer , aber von der Kirche eingesegneter , rechtmäßiger Ehe hat er in der Karolinenlust gelebt - da sind wir geboren . « » Und wer war die Glückliche , die er so heiß geliebt hat , daß er um ihretwillen gestorben ist ? « fragte die Prinzessin mit unheimlicher Ruhe - wie eine Statue von Marmor stand sie da , und die Worte zischten klanglos von ihren Lippen . » Ich finde nicht den Mut , ihren Namen auszusprechen , « stammelte Charlotte wie erschöpft . » Hoheit haben meine Mitteilungen zu ungnädig aufgenommen - ich darf nicht weitergehen ! ... Der Mann da drüben , « sie deutete über die Schulter zurück nach ihrem Zimmer , » darf vorläufig nicht erfahren , daß ich um das Geheimnis weiß - haben wir doch ohnehin schon unsern Anker verloren , da Hoheit sich von uns verfolgten und verlassenen Geschwistern abwenden ... Ich habe vorhin bei jedem heftigen Wort , bei jedem Laut angstvoll gezittert und gefürchtet , daß sie dort hinüber dringen würden ... Ich weiß es , Sie werden den Namen nicht mit Ruhe anhören - « » Wer sagt ihnen denn das , Fräulein Claudius ? « unterbrach sie die Prinzessin , sich hoch aufrichtend - die letzten Worte Charlottens hatten genügt , den ganzen Fürstenstolz in ihr wach zu rufen . - » Sie sind auf völlig falschem Wege , wenn Sie meiner augenblicklichen Hast einen andern Grund , als den einer allerdings maßlosen Ueberraschung zuschreiben ... Was geht es mich schließlich an , wer die Frau gewesen ist ? ... Ich würde es Ihnen erlassen , den Namen zu nennen , wenn ich nicht gerade beweisen möchte , daß ich ihn sehr ruhig anhören kann ; und somit befehle ich Ihnen , Ihre Bekenntnisse mit dem Namen zu schließen ! « » Nun denn , ich gehorche , Hoheit ! ... Die Frau war die Prinzessin Sidonie von K. « - Sie hatte sich vermessen , die stolze Fürstin ! Sie hatte gewähnt , sie könne das verächtliche Lächeln auf den Lippen festhalten , das Blut gebieterisch in die Wangen beschwören , wie auch der Name lauten mochte - und jetzt fiel er wie ein Blitzstrahl auf ihr Haupt , und sie sank mit versagenden Blicken an die Wand zurück und stöhnte auf , als sei ihr ein Messer durch die Brust gestoßen worden . » Das ist wohl der grausamste Betrug , der je an einem Frauenherzen verübt worden ist ! « hauchte sie . » Pfui , pfui , wie schwarz und falsch ! « Charlotte wollte sie stützen . » Fort ! Was wollen Sie ? « zürnte sie und stieß die Hände des jungen Mädchens zurück . » Ein Dämon muß Ihnen den teuflischen Gedanken eingegeben haben , mich , gerade mich zu Ihrer Vertrauten zu machen ! ... Gehen Sie ! Ich gebe Ihnen Ihr Geheimnis wieder in die Hände - ich will nichts gehört haben , nichts ! Denn ich kann und werde mich nie damit befassen , Ihnen zu Ihren sogenannten Rechten zu verhelfen ! « Sie richtete sich empor , war aber genötigt , sich sofort wieder am Tisch festzuhalten . » Haben Sie die Güte , mein Gefolge herbeizurufen - mir ist sehr übel ! « gebot sie mit erlöschender Stimme . » Verzeihung , Hoheit ! « rief Charlotte außer sich . Die Prinzessin zeigte wortlos und gebieterisch nach der Thür , während sie in den nächsten Fauteuil sank . Charlotte flog über die Schwelle , und sofort füllte sich der Salon mit bestürzt herzueilenden Gestalten . Auch die Musik riß mit einem schrillen Akkord ab - Herr Claudius kam herüber . » Ein altes Leiden hat mich plötzlich überrascht , « sagte die Prinzessin matt lächelnd zu ihm . » Ich habe Herzkrampf . Wollen Sie mir Ihren Wagen leihen ? Ich kann unmöglich warten , bis der meine kommt . « Er eilte hinaus , und nach wenigen Minuten führte er die hohe Leidende die Treppe hinab . Sie stützte sich fest auf ihn ; die Art und Weise aber , mit welcher sie sich von ihm verabschiedete , bewies , daß Charlottens Mitteilungen auch nicht den allermindesten Einfluß auf ihre Hochachtung für ihn ausgeübt hatten . 30 Ich benutzte die allgemeine Bestürzung und Verwirrung , hüllte mich unbemerkt in Mantel und Kapuze und verließ das Vorderhaus . Noch zitterten mir die Kniee , und das Blut jagte mir fieberisch durch die Adern - die Szene war entsetzlich gewesen ! ... Die grenzenlose Unbesonnenheit , mit welcher ich mich mitten in die geheimnisvollen Beziehungen des Claudiushauses gestellt hatte , rächte sich grausam , in unerbittlicher Konsequenz . Glied um Glied der verhängnisvollen Kette wurde an meinem Auge vorübergeführt , und eine heimtückische Hand stieß mich stets mithandelnd und mitleidend in die verschiedenen Phasen der Entwickelung hinein ... Ich hatte mit anhören müssen , wie er , für den ich freudig mein Herzblut hingegeben hätte , nun in der That des notorischen Betruges angeklagt wurde . Jedes Wort war für mich ein Dolchstich gewesen und hatte mich mit heißen Rachegefühlen für die leidenschaftliche Anklägerin erfüllt ; und doch hatte ich mit geballten Händen und überströmenden Augen stillhalten müssen in meinem Versteck . Ja , gerade in jenen Momenten war ich der Wucht vernichtender Beschämung fast erlegen ... Hatte ich nicht auch einst bei Hofe vor dem Angesicht der Prinzessin , genau so wie jetzt Charlotte , den ahnungslosen Mann aus allen Kräften zu verlästern gesucht ? Hatte ich nicht damals grausamen Mutes entschieden erklärt , daß ich ihn nicht leiden könne ? ... Und wenn ich ihm mein Leben lang diente wie eine Magd , ich konnte nie sühnen , was ich ihm angethan in kindischer Verblendung ! ... Und das trieb mich aus seinem Hause , hinaus in die totenstillen Gärten ... Hätte ich doch so weiter wandern dürfen auf den glatten , beschneiten Wegen ! Immer weiter , bis tief in die Heide hinein , wo Ilse und Heinz jetzt friedlich neben dem großen Kachelofen saßen . Hätte ich mich auf das Fußbänkchen neben Spitzens zottigen Pelz setzen und wie sonst an den stillen , trauten Winterabenden Ilses liebe , harte Hand auf meinem Scheitel fühlen dürfen , vielleicht wäre Friede über mich gekommen , Friede ! Jetzt erst wußte ich die einstige köstliche Stille in und außer mir zu schätzen , seit mich der ungestüme Herzschlag ruhelos umhertrieb und mich bald in den Himmel hob , bald in den Abgrund bitterer Reue und Selbstanklagen stieß . Eine blendende Helle breitete sich jetzt über die weiten Gärten ; wie aus klingendem Silber geschnitten , schwebte die Mondscheibe scharf abgegrenzt am kalt gläsernen Himmel . Ich schritt über die Brücke . Drunten lag schlangenhaft gleißend der erstarrte Fluß zwischen dem blätterlosen Ufergebüsch , und im Boskett stäubte silbernes Geflimmer von den Zweigen . Die steinernen Titanen des Teiches lagen nicht mehr auf blauer Samtdecke - ein riesiger Eisbrillant trug sie in seiner Mitte , und sie hatten Schneeturbane über den bärtigen Gesichtern , und das leichtgeschürzte Florgewand der frierenden Diana säumte dicker , weißflockiger Winterpelz . Und alle Konturen des architektonischen Schmuckes auf dem Rokokoschlößchen hatte Frau Holle mit ihrem Federweiß zart und weich nachgemalt und auf dem Balkon vor den Glasthüren ein hochschwellendes , fleckenlos weißes Polster niedergelegt ... Wie kindlich harmlos war meine erste Vorstellung von dem Geheimnis der versiegelten Zimmer gewesen - ich hatte das Märchen drinnen wandeln sehen ! Und nun waren es eine Handvoll Papiere , die da spukten und von denen zwei schrankenlos ehrgeizige Menschen erwarteten , daß sie ihnen in der That das goldene Zauberthor öffnen sollten , aus welchem ihnen mühelos die Schätze der Welt in den Schoß fielen . Ich sah hinauf nach den Fenstern der Bibliothek . Die Lampe brannte noch auf dem Schreibtische , aber über den Plafond hin flog ein hastig auf- und ablaufender Schatten - das war mein Vater - er schien unruhiger und aufgeregter als je . Beklommen stieg ich die Treppe hinauf - die Bibliothek war verschlossen . Zwischen die unaufhörlich das Zimmer durchmessenden Schritte klang dumpfes Gemurmel , und hier und da schlug mein Vater mit knöcherner Faust auf die Tischplatte , daß sie dröhnte . Ich klopfte und bat ihn , zu öffnen . » Laß mich in Ruhe ! « rief er rauh und heftig drinnen , ohne sich der Thür zu nähern . » Gefälscht , sagt ihr ? « - Er stieß ein gellendes Gelächter aus . - » Kommt her und beweist ! ... Aber thut eure Stecken weg ! ... Was schlagt ihr mich denn auf den Kopf ? ... O , mein Gehirn ! « » Vater , Vater ! « rief ich angstvoll . Ich wiederholte meine Bitte , mich einzulassen . » Gehe - quäle mich nicht ! « rief er ungeduldig und wanderte wieder tiefer in das Zimmer hinein . Ich mußte gehorchen , wollte ich ihn nicht noch mehr reizen , und entfernte mich für den Augenblick . Drunten brannte ich die Lampe an und ging in sein Zimmer , um für die Nacht alles vorzurichten ... Da lagen die Zeitungen , die er heute erhalten , auf dem Tische , aufeinandergeschichtet und scheinbar unberührt , nur eine hatte er , zu einem Klumpen zerknüllt , auf den Boden geschleudert . Ich entfaltete sie und sah alsbald einen bezeichnenden roten Strich neben einem langen Artikel herablaufen . Wie ein Funke sprang mir der Name Sassen aus dem Buchstabengetümmel entgegen und erfüllte mich mit einem ahnungsvollen Schrecken . Ich überflog den Anfang und verstand ihn nicht ; er wimmelte von technischen Ausdrücken . Aber nun kam es , und ich schlug niedergeschmettert die Hand vor die vergehenden Augen . Da stand : » Mit diesem Münzenschwindel hat der Autoritätsglaube abermals einen empfindlichen Schlag erhalten - einer unserer ersten Namen ist für alle Zeit kompromittiert . Doktor von Sassen hat in unbegreiflicher Verblendung den Fälscher und seine Münzen , von denen auch nicht eine echt ist , an alle Höfe und Universitäten empfohlen ... Allerdings sagt Professor Hart in Hannover , welcher dem Betruge zuerst auf die Spur gekommen ist , die Fälschung sei eine meisterhafte - « Professor Hart in Hannover . Das war der Fremdwörterprofessor am Hünengrab , der Mann mit dem guten Gesicht und der rasselnden Blechbüchse auf dem Rücken ... Ich hatte ihn liebgewonnen , weil er in so gütiger Weise meine Heide verteidigte , und nun war dieser fast kindlich milde Greis ein so gewappneter Gegner meines Vaters und stieß ihn aus dem Sattel , wie heute Dagobert sagte ... Und das waren die Münzen gewesen , zu deren Ankauf ich so ungebärdig mein Vermögen von Herrn Claudius gefordert - und um seiner nur zu wohl begründeten Weigerung willen hatte ich ihn dann bei Hofe als anmaßenden Besserwisser angeklagt ... Jetzt sah ich ihn wieder vor seinem Münzenschatz stehen , so weise und bescheiden , aber auch so ruhig fest in seinem Urteile . Und weil es der Kenntnisreiche verschmähte , sein Wissen prunkend auf dem großen Markte auszubreiten , so mußte er sich von Dagobert unverschämt schelten lassen , und ich hatte als dankbares Echo dieses häßliche Wort wiederholt ... Wie glänzend gerechtfertigt stand der stolz schweigende Mann nun da ! ... Gerade diese Münzengeschichte führte den Sturz meines Vaters bei Hofe herbei - das war ' s , was der charakterlose , erbärmliche Dagobert mir heute abend in dunklen , spöttischen Worten hingeworfen hatte ... Armer Vater ! Dieser eine Irrtum schleuderte ihn von seiner Höhe herab unter die Füße seiner Feinde und Neider ... Das mochte freilich genügen , um den armen Kopf des kränklich schwachen Mannes , der Tag und Nacht im Interesse der Wissenschaft angestrengt arbeitete , zu verwirren . Wie ohnmächtig stand ich junges , unerfahrenes Geschöpf seinem Mißgeschick gegenüber ! Ich begriff sehr wohl , daß dem Manne in solchen Stunden selbst die geliebteste Stimme keinen Trost zu geben vermag - und was konnte ich ihm auch sagen ? ... Aber allein lassen durfte ich ihn nicht ; er mußte die stillwaltende Liebe doppelt fühlen , ohne daß sie ihm in Worten beschwerlich fiel . Eiligst verließ ich sein Zimmer , um hinaufzueilen und mit Bitten nicht abzulassen , bis mir das Bibliothekzimmer geöffnet wurde . Da blieb ich plötzlich stehen und horchte - aus meiner Schlafstube drang ein Geräusch , als ob Möbel gerückt würden - ich riß die Thür auf ; der Mondschein flutete mir blendend entgegen , denn beide Fenster standen noch offen - in meiner Aufregung über die Ankunft der Tante hatte ich vergessen , sie zu schließen und die Läden vorzulegen . Mit einem Aufschrei prallte ich zurück - ein Mann hielt den verhängnisvollen Schrank umklammert und schob ihn mit einem abermaligen Rucke seitwärts , so daß die Tapetenthür vollständig freigelegt war . Er fuhr herum - Dagoberts weiße Stirn leuchtete mir entgegen , und seine Augen sprühten mich an . Mittelst eines einzigen Sprunges kam er herüber , schlug die Thür hinter mir zu und zog mich tiefer in das Zimmer hinein . » Seien Sie jetzt einmal vernünftig , und bedenken Sie , daß mein und auch Ihr Lebensglück von diesem einen Augenblicke abhängt ! « flüsterte er . » Charlotte hat die Sache geradezu verrückt angefangen - sie hat der Prinzessin das Geheimnis mitgeteilt und ist mit der Thür ins Haus gefallen . Das Allerschlimmste , das uns passieren konnte , ist eine plötzlich wie vom Himmel fallende wahnwitzige Liebe der alten Hoheit , die meinen Vater selbst im Grabe keiner andern gönnen will ! ... Jetzt haben wir zwei Gegner zu bekämpfen , die sich möglicherweise heimlich verbünden - solch einer verrückt gewordenen alten Jungfer traue der Teufel ! ... Wer bürgt uns dafür , daß nicht eines Nachts das Gerichtssiegel von einer der Thüren fällt ? Das hat dann der Onkel nicht gethan - bewahre - die ganze Welt weiß , daß er gerade die Siegel streng hütet . Es kann ja zufällig abgestoßen worden sein ; und wenn dann die Papiere aus dem Schreibtische verschwunden sind , wer in der Welt erfährt das je ? ... Seien Sie kein Kind ! ... Hier in der Thür steckt der Schlüssel , ich brauche ihn nur umzudrehen - es ist kein Einbruch , wenn ich hinaufgehe und das in Sicherheit bringe , was mir von Rechts wegen gehört . « Ich weiß selbst nicht , wie es mir in jenem Augenblicke möglich geworden ist , so blitzschnell und aalglatt hinter ihm wegzugleiten , mit einem einzigen Griff den Schlüssel aus der Tapetenthür zu reißen und in meine Tasche zu stecken . » Schlange , « stieß er zwischen den Zähnen hervor . » Sie wollen sich teuer verkaufen ! Sie meinen , mit diesem Schlüssel in der Tasche sind Sie noch begehrenswerter für mich ! « Damals verstand ich den Sinn dieser abscheulichen Worte nicht im entferntesten ; wie hätte ich sonst den Elenden auch nur noch eines Wortes , eines Blickes würdigen können ? » Ich will Sie von einem Unrecht abhalten ! « sagte ich und lehnte mich entschlossen mit dem Rücken gegen die Thür . » Seien Sie offen und wahr gegen Herrn Claudius ; Sie werden damit weit eher zum Ziele kommen , als wenn Sie das Schloß droben erbrechen ... Ich will mit Ihnen gehen - wir wollen ihm noch in dieser Stunde alles sagen - « Ich verstummte , denn seine Augen glitten in beleidigender Weise langsam musternd über mich hin , und ein spöttisches Lächeln zuckte um seinen Mund . » Schön sind Sie , Barfüßchen ! Die schlanke Eidechse mit dem Prinzessinnenkrönchen ist in wenigen Monaten geradezu sirenenhaft geworden - wo aber ist die Eidechsen klugheit geblieben ? « - Er lachte laut auf . - » Eine reizende Situation , beim Zeus ! Wir treten in corpore vor das hehre Angesicht des Onkels , bringen ihm unser kostbares Geheimnis auf dem Präsentierteller und ziehen mit langer Nase wieder ab ! « - Er kam näher an mich heran , so daß ich mich angstvoll und noch fester als vorher gegen die Wand drückte . - » Nun lassen Sie sich Eins sagen : Noch halte ich an mich und berühre Sie nicht - das danken Sie meiner grenzenlosen Schwäche , meiner geheimen Abgötterei für Sie ! Ich will Sie grundsätzlich nicht reizen , denn ich weiß , daß Sie ein kleiner Teufel an Bosheit sind - ich glaube , in solchen Augenblicken unbezähmbarer Widerspenstigkeit sind Sie imstande , mir abzuleugnen , was ich Beglückter längst weiß ! ... « Was sollte das heißen ? Ich mochte ihm wohl ein sehr erstauntes Gesicht zeigen , denn er lachte abermals . » Ei , thun Sie doch nicht , als sei ich der Wolf und Sie das Rotkäppchen , das den Bösewicht mit großen , unschuldig fragenden Augen verständnislos ansieht ! « rief er . » Die Situation ist mir allerdings mit heute sehr erschwert worden - Ihre unbegreiflich geschwätzige kleine Zunge , die ich in unserem beiderseitigen Interesse bereits geschult zu haben meinte , hat den Makel des Judentums auf Ihre Abkunft geworfen ; desgleichen hat sich Ihr Papa bei Hofe unmöglich gemacht , - allein meine Leidenschaft für Sie überwindet alles ; auch meine ich , der Fürstenmantel meiner Mutter vermag Vieles zuzudecken « - er berührte mit seinen Lippen fast mein Ohr - » und ich will den sehen , der meine reizende , kleine Lenore - « Jetzt hatte ich ihn begriffen - ach , wie hart und bitter wurde in diesem Augenblick der blinde Enthusiasmus gestraft , mit welchem ich mich bedingungslos den Geschwistern hingegeben ! Außer mir , wandte ich mein Gesicht weg und hob drohend den Ellenbogen über den Kopf - ich glaube , ich habe in einer Art Fechterstellung ihm gegenüber gestanden . » Ah , da ist er ja wieder , der Dämon ! Wollen Sie nicht wieder nach mir schlagen , wie ? « höhnte er zwischen den Zähnen hervor . » Hüten Sie sich ! ... Ich habe Ihnen schon einmal gesagt - « » Ich weiß es wohl , daß Sie mich mit einem einzigen Druck Ihrer Hände erwürgen können - thun Sie es doch ! « rief ich unerschrocken . » Freiwillig gebe ich den Schlüssel nicht heraus ! ... Sie sind ein Ehrloser ! ... Ich bin das blöde Kind nicht mehr , das darin « - ich zeigte auf seine im Mondschein funkelnden Epauletten - » lediglich einen Schmuck sieht - ich weiß , daß sie nur in Ehren getragen werden dürfen ! Und da kömmt nun der stolze Offizier bei Nacht und Nebel als Einbrecher und bedroht ein wehrloses Mädchen . « » Ah , die kleine Viper versucht zu stechen ? « knirschte er und schlug seine Arme um mich ; aber meine Geschmeidigkeit kam mir zu Hilfe - aufschreiend entschlüpfte ich ihm und stand mit einem Sprunge auf der Fensterbrüstung . » Um Gottes willen , was ist denn das ? « rief draußen der alte Schäfer - er war auf dem Weg nach Hause und kam jetzt über das helle Schneefeld hergelaufen . » Kommen Sie herein - ach , schnell , schnell ! « stammelte ich , zwischen einem Thränenausbruch und dem Jubel des Erlöstseins schwankend . Mit einem Fluch sprang Dagobert durch das andere Eckenfenster , während der alte Gärtner die Hausfront entlang lief und gleich darauf eintrat . » Was hat ' s denn gegeben ? « fragte er , sich erstaunt im Zimmer umsehend . » Du lieber Gott , Fräulein , Sie sehen ja so erschrocken aus wie mein Kanarienvögelchen , wenn die Katze in der Stube gewesen ist ! ... Hat ' s vielleicht rumort im alten Hause ? Fürchten Sie sich nicht - das sind nur die Mäuse , Fräulein . Gespenster gibt ' s nicht , und wenn die Leute zehnmal sagen , es sei nicht richtig in der Karolinenlust . « Ich ließ den guten Alten , dessen Stimme mich so sanft zu beschwichtigen suchte , in dem Wahn , daß eine Art Phantom mich erschreckt habe , und bat ihn nur , die Fensterläden so fest wie möglich zu verrammeln , dann schloß ich alle Thüren ab und ging hinauf in das Bibliothekzimmer ... Ich fühlte mich so kampfmüde - der letzte Rest der bedeutenden Dosis von Trotz und Widerstandsfähigkeit , mit welcher ich der neuen Welt entgegengetreten , war erschöpft - und ich war noch so jung ! ... War das ganze Menschenleben solch ein Kampf mit den unerbittlichen Konsequenzen , die das eigene Irren heraufbeschworen ? Und sollte meine bange , geängstigte Mädchenseele nun fort und fort , auf ihr eigenes Ringen angewiesen , hilf- und stützelos in Nacht und Sturm auf- und niedertaumeln ? ... Ich schüttelte mich vor Grauen - ich mußte versinken in Angst und Not , wenn nicht eine starke Hand nach mir herübergriff ... » Mit meinem Mantel vor dem Sturm - beschützt ' ich Dich ! « - Ach ja , geborgen sein ! Wer doch mit lahmen Flügeln unter die Hut des Stärkeren flüchten und dort ausatmen durfte ! ... Wie hatte ich die Kraft der » Kinderhände « überschätzt , weil sie sich lustig durch den Frühlingssturm der Heide hindurchgekämpft ! Wie sanken sie schon jetzt ermattet nieder und tasteten nach Halt und Stütze ! ... Das Bibliothekzimmer war noch verschlossen , als ich hinaufkam , und soviel ich auch klopfen und rütteln mochte , ich erhielt keine Antwort . Im ersten Augenblick meinte ich , mein Vater sei fortgegangen - es war totenstill drinnen . Aber nun hörte ich von fern herüber ein dumpfes Gepolter , dem ein kicherndes Auflachen folgte - der Lärm kam aus dem Antikensaal , dessen Thüren jedenfalls weit offen standen . Mir klang es , als würden schwere , harte Massen niedergeworfen , und das Lachen war ein so seltsam unheimliches , daß sich mir unter einem Angstschauer leise die Haare sträubten ... Und jetzt flog ein Gegenstand in die Bibliothek herein und zersprang auf dem Fußboden klirrend in tausend Scherben . - ein wahres Triumphgeschrei folgte dem Geschmetter ... Ich schlug mit den geballten Händen auf die dröhnende Thür und rief verzweiflungsvoll unaufhörlich den Namen meines Vaters . Da ging jenseits des weiten Treppenhauses eine Thüre auf , und Herr Claudius trat aus seiner Sternwarte - fast tageshell floß das Mondlicht mit ihm heraus . Ich eilte zu ihm hin