litten es nicht , daß Antonie noch länger die Augen mit der Hand beschattete . Emanuele zog ihr liebkosend die Hand herab und nannte sie ein dummes , süßes , zuckersüßes Herzchen . » Antonie , um Gottes willen ! « rief der Junker von Lauen . » Antonie ! Antonie ! « Sie sahen ihn alle darauf sehr verwundert an , und vor allen übrigen der Graf Basilides , welcher jetzt auch am meisten das Recht dazu hatte . » Meine Herren - meine Damen - Herr Graf , das ist eine Grausamkeit ! Das ist eine - « Tonie Häußler erhob die Hand wieder und winkte dem armen Teufel : » Sei still , lieber Freund ! Es ist nichts ; - ich bin wohl und - sehr glücklich . « Sie blickten sämtlich wahrhaftig mit großer Verwunderung auf den Junker von Lauen , und Zoe klopfte ihm mit dem Fächer auf den Arm : » Liebster , wir sind en famille . Weshalb sollten wir uns nicht glücklich fühlen ? « Und Emanuele drohte ihm lächelnd mit dem Finger und legte denselben zierlichen Finger in demselben Augenblick bedeutungsvoll auf die Lippen . Unterdessen war wieder ein Wagen vorgefahren , und ein alter Herr war mühselig ausgestiegen , hatte die Nummer des Hauses mit einer Notiz in seiner Brieftasche verglichen und war mühsam die Treppen hinaufgestiegen . Niemand hatte den Klang der Türglocke vernommen , niemand den schweren greisenhaften Schritt im Vorzimmer . » Der Herr von Glaubigern ! « sagte die hübsche Kammerjungfer , voll zweifelhaften Staunens den neuen Besucher meldend , und mit einem lauten Schrei richtete sich das Pflegekind des Herrn von Glaubigern empor , stieß mit heftiger , krampfhafter Bewegung die sie auf beiden Seiten Umgehenden zurück und sank langsam in die Knie , beide Arme nach dem Retter ausstreckend . Daß der Edle von Haußenbleib nicht in die Knie sank , hatte seinen Grund einzig und allein in der vollkommenen Versteinerung des Mannes . Er wußte die Bedeutung des Besuches sehr gut zu würdigen und sah gläsern auf den alten Mann und wiederholte tonlos die Meldung der schönen Kammerjungfer : » Der Herr Ritter von Glaubigern ! « - Fünfunddreißigstes Kapitel Ja , da stand er ! - so alt , so kümmerlich , halb blind und tief gebückt , und doch ein Ritter und ein Held , dieser Chevalier Karl Eustach von Glaubigern - wie vielleicht in diesen Tagen die menschenbevölkerte Erde keinen zweiten aufweisen konnte , um damit vor dem milden Auge der Sonne zu prangen und sich zu rühmen ! Es war ein weiter Weg aus dem chinesischen Gartenhäuschen auf der Terrasse zu Krodebeck in die Vorstadt Mariahilf ; aber es war ein noch viel weiterer und wunderbarerer Weg aus der müden , schlaftrunkenen , längst wie in sich selber verlorengegangenen Existenz des Greises in diese helle , grelle , wirbelnde gegenwärtige Stunde hinein . Wahrlich lag ein Heroentum sondergleichen in dieser Kraft , mit welcher der alte Mann aus der vergangenen Zeit den Leuten der Gegenwart unter die Augen trat - ein vom Kopf bis zu den Füßen geharnischter Streiter , ein waffenrasselndes Gespenst , das den besten Willen hatte , den Kampf auf Leben und Tod mit den erstaunten und bestürzten Herrschaften aufzunehmen , und welches sich durchaus nicht aus dem goldenen , heiterblauen , vergnüglichen Tage , aus dem hellen Mittage hinweglächeln ließ . Was der Edle von Haußenbleib auf der Stelle wußte , das ahnten die übrigen bereits im nächsten Moment so bestimmt und deutlich , daß der Herr des Hauses sich jede weitere Erklärung ersparen mochte . Der Graf Basilides Conexionsky wußte ganz genau , was ihm die Ankunft dieses wunderlichen Ritters bedeute ; er erschien als der Ruhigste im Kreise , und da wir die Ehre hatten , ihn ziemlich genau kennenzulernen , so wissen wir , daß er auch wirklich vielleicht der Ruhigste war . Er lehnte sich jetzt freundlich-nachdenklich auf den Sessel der schönen Zoe , und um Augen und Mund zwinkerte und zuckte ein gar nicht geheimgehaltenes Ergötzen über die händereibende Verlegenheit seines lieben , teuern , verehrungswürdigen und verehrten Geschäftsfreundes , seines Nonno Teodorico von Haußenbleib , seines babbo carissimo , oder wie er ihn sonst in den Momenten zärtlichster Vertraulichkeit zu nennen beliebte . Der Edle war in der Tat verlegen und rieb sich wirklich die Hände . Er sprach von der großen Ehre , die ihm und seinem Hause widerfahre , er bat seine Enkelin , sich doch zu fassen und zu beruhigen ; er bat mit dem kläglichsten Blick im Kreise umher um Hülfe , und vor allen Dingen wünschte er den Chevalier von Glaubigern , die holde Zoe , die heitere Emanuele , den norddeutschen Krautjunker und - sich selber zu allen Teufeln oder - mit Ausnahme der letzterwähnten Persönlichkeit - in die allerunterste , tiefste und kühlste Kasematte der von ihm so unendlich geliebten und verpflegten Festung Verona . » Sollen wir gehen ? « flüsterte Emanuele Werdenberg der Freiin von Wanesch zu , und Zoe bewegte leise das Haupt : » Nein ! ... Natürlich nicht ! « Sie blieben natürlich , und sie blieben auch nicht die einzigen , welche an diesem seltsamen Morgen dem Edlen von Haußenbleib und seiner Enkelin einen Besuch machten . Es hielten noch mehrere Wagen vor dem Hause , und die Türglocke klang , und Toinette meldete manchen wohlklingenden Namen . Es rauschten Schleppen herein , und Kavaliere von allen Lebensaltern und Stellungen kamen , ihre Glückwünsche zu bringen ; die glänzenden , im Sonnenschein tanzenden Wogen stiegen immer höher um den Greis und sein Pflegekind , und beide sahen und hörten nichts mehr von dem , was sie umgab , umflüsterte und in wachsender Verwirrung umdrängte . Der Ritter von Glaubigern hatte seinen Pflegesohn zurückgeschoben und sich über die Tonie geneigt . Er hatte sie wortlos aufgehoben , und sie hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen und hing an ihm , und er war stark genug , sie zu halten und zu stützen . Sie weinte laut und bitterlich , als ob sie beide allein miteinander in einer Wüste gewesen wären . Es war für beide die Zeit vergangen , wo sie auf die Gefühle der Leute um sie her Rücksicht nahmen , den Anstand bewahrten und Furcht hatten , sich lächerlich zu machen . Sie waren ja allein in einer Wüste allein in der Wüste des Lebens , der Lebendigkeit . Sie fühlten wohl den Boden , den Fels , auf welchem sie standen , unter sich wanken , sie wußten , daß die Wogen um sie her wuchsen , daß das Leben , die Lebendigkeit immer recht behält , sie wußten , daß sie verloren waren , und sie waren doch glücklich und sicher - gerade darum waren sie glücklich und sicher . Mit zärtlicher , liebkosender Hand streichelte der Ritter von Glaubigern unter den Blicken des Edlen von Haußenbleib , des Grafen Basil , der schönen Damen und des Junkers Hennig von Lauen der Tonie Häußler die Wangen : » Mein Kind ! ... Mein liebes , liebes Kind ! Da bin ich ; ich bleibe bei dir . Sei still , mein Kind . « » Ich kann nichts sagen ! Mein Vater , mein Vater ! Und ich habe gedacht , daß niemand mir helfen würde ! Mein Freund mein Vater , wie bin ich nun in Sicherheit ! Hab Dank - Dank- « Sie schloß die Augen und glitt mit einem schweren schmerzlichen Seufzer langsam an der Brust des Greises herab . Der Ritter von Glaubigern sah mit einem wilden , zornigen Blick umher ; er schwankte unter der Last , und Tonie würde ihn mit sich zu Boden gezogen haben , wenn jetzt nicht Hennig und die Kammerjungfer beide aufgefaßt hätten . » Pardon « , sagte der Graf , » das gnädige Fräulein « - aber er vollendete nicht ; der Chevalier winkte ihm zu schweigen , und er schwieg wirklich . Für die übrigen Herren und Damen wurde die Szene allmählich ein wenig peinlich trotz dem Interesse , welches sie so überreichlich darbot . Es wurde leer in dem Salon des Edlen von Haußenbleib , und selbst Zoe von Wanesch und Emanuele Werdenberg nahmen endlich mit Tränen in den Augen und wiederholten heftigen Küssen von der wehrlosen , halb bewußtlosen jungen Freundin Abschied und entrauschten , um mit lebhaftesten Farben und glühender Phantasie das Erlebte weiterzutragen im Kreise der Bekannten und Freunde des Hauses und überall eine lächelnde Verwunderung zu erregen . Die Nächstbeteiligten fanden sich allein , und mit einem Ton und Ausdruck , den wir bis jetzt noch nie von ihm vernahmen , sprach der Ritter von Glaubigern , die Hand seines Pflegekindes fest in der seinigen und ihr Haupt auf den Kissen des Diwans im Arm haltend : » Meine Herren , ich habe vielleicht in irgendeiner Weise die Formen des heutigen Tages verfehlt , und ich bitte , das zu entschuldigen . Ich bin sehr alt , um ein bedeutendes älter als der Herr von Häußler , und der Herr von Häußler weiß , aus welchem abgeschlossenen Dasein ich hierherkomme , und wird dem Herrn Grafen gewiß später das Notwendige darüber mitteilen . Ich bitte , Geduld mit mir zu haben ; denn ich komme , vieles zu fordern - ein ungeschriebenes Recht , mein Recht an dieses Kind - diese junge Dame . « Der Graf Basilides verbeugte sich stumm vor dem alten Herrn . Er stand da wie Buffon mit dem Knochen eines vorsintflutlichen Tieres vor sich , und nicht ohne einen geheimen Reiz baute auch er aus der Erscheinung , den ersten Worten und Gesten des Chevaliers eine untergegangene Welt auf . Der Edle aber ergoß sich wiederum in einen Schwall von Worten und konnte doch nicht Worte genug für seine Gefühle finden . Mit der Hand auf dem Herzen versicherte er immer von neuem , daß er sich unendlich geehrt durch diesen Besuch des Herrn von Glaubigern und durch dessen Teilnahme an dem Wohle seiner Familie tief gerührt fühle . Er habe es nie vergessen und werde es nie vergessen , was das berühmte , edle , alte Haus unter den Harzbergen für ihn - den Edlen von Haußenbleib - und seine Enkelin getan habe . Daß das Haus derer von Haußenbleib dem Herrn Leutnant zur unbeschränkten Verfügung stehe , sei so selbstverständlich , daß er hoffentlich darüber kein Wort zu verlieren brauche . Der Ritter von Glaubigern neigte das Haupt und verwendete diese Verbeugung zu gleicher Zeit mit zu einem kurzen Gruße für Hennig , den er bis jetzt von allen Anwesenden am wenigsten beachtet hatte . Dann sagte er ruhig : » Ich danke Ihnen , mein Herr von Häußler . Ich werde Ihre Freundlichkeit nicht mißbrauchen . Ich werde niemand ein wirkliches Recht streitig machen : aber auch das meinige wünsche ich mir zu erhalten und bitte deshalb , mein Erscheinen allhier so ernsthaft als möglich zu nehmen . Herr Graf , ich bitte Sie , sich der Vorteile der Jugend nicht überall in unserm Verkehr miteinander zu erinnern . « » Mein Herr « , sagte der Graf sehr ernsthaft , » ich fühle mich so alt wie Sie , und ich vertrete eine Welt , die nicht jünger ist als die Ihrige . Ich bin mir keines Vorteils gegen Sie bewußt . « Zitternd faßte die Hand des Mädchens den Arm des Greises fester ; aber der Chevalier legte der Tonie seine Hand auf die Stirn und sprach : » Der Herr Graf hat recht , Tonie , und wir werden freundlich miteinander verkehren und friedlich miteinander auskommen . Liege still , mein Kind ! Du liegst wie auf dem Strohlager der Hanne Allmann im Siechenhause zu Krodebeck ; - der Schnee fällt draußen - liege still , wir wachen . « » Herr von Glaubigern , Herr von Glaubigern , ich bitte Sie ! « rief der Edle von Haußenbleib trotz aller seiner Selbstbeherrschung in halber Verzweiflung und sah wie hülferufend auf den Grafen ; allein dieser kam ihm keineswegs zu Hülfe , sondern sagte mit einem eigentümlichen Blick auf den Edlen : » Unsere arme Antonie scheint in der Tat durch die plötzliche und heftige Gemütsbewegung sehr angegriffen worden zu sein . Mein Herr von Glaubigern , ich finde mich plötzlich sowohl dem Fräulein wie Ihnen gegenüber in einer ziemlich verlegenen Stellung . Ach , Antonie , Sie werden nicht an meiner Aufrichtigkeit zweifeln , wenn ich Ihnen sage , daß ich von ganzem Herzen wünsche , daß dieser - dieser Besuch für Sie , für uns alle seinen Zweck erreiche ! Wenden Sie sich nicht ab , Antonie ; ich habe Ihnen nie einen Grund dazu gegeben , an meiner Ehrlichkeit zu zweifeln , und ich habe Sie mir nur gewonnen , um Sie glücklich zu machen ! « Antonie Häußler schauderte leise , und der Ritter von Glaubigern fühlte , wie ihr ganzer Körper erzitterte . » Wir haben einander beide sehr erschreckt , das Kind und ich « , sagte der Ritter . » Die Herren sollten uns einen Augenblick allein lassen . Es ist eine Bitte , Herr Graf . « » Die ich vollständig erklärlich finde und der ich gern und willig Folge leiste , mein verehrter Herr ; Sie werden in allen Dingen während Ihres hiesigen Aufenthalts verfügen - in allen Dingen , mein teuerer Herr von Glaubigern ; und wo wir einander als Gegner finden , da wollen wir wenigstens mit ehrlichen Waffen kämpfen . Kommen Sie , Haußenbleib . « Er winkte dem Edlen , und dieser sah zum erstenmal in dieser Geschichte dumm aus , vollendet dumm . Er blickte auf Antonie , er sah auf den Ritter , und er sah sehr fragend auf den Grafen Basil . Aber der letztere zuckte ungeduldig die Achseln und trat leise mit dem Fuße auf . So blieb denn dem Edlen nichts übrig , als dem Winke des Grafen zu folgen . » Kommen Sie denn , mein lieber junger Freund « , ächzte er , seinen Arm zärtlich in den des Junkers von Lauen schiebend . » Vielleicht ist es wirklich das beste , daß wir den Herrn Ritter und meine Enkelin einige Augenblicke allein lassen . « Das war der schlimmste Moment , den Hennig je in seinem Leben durchlitt . Zorn , Angst , Selbstvorwürfe ballten sich zu einem Chaos in seiner Brust . Er warf einen ratlosen , hülfeflehenden Blick auf den Chevalier , welcher denselben gänzlich unbeachtet ließ . Betäubt und zerschmettert hatte der Junker den dringenden Nötigungen des einstigen Barbiers von Krodebeck zu folgen , und vor der Tür blieb der Graf Basilides Conexionsky kurz stehen , klopfte den Herrn des Hauses auf die Schulter und sagte sehr kühl und ruhig : » Babbo Teodorico , ich rate Ihnen herzlich , einen genügenden Vorrat philosophischer Trostgründe einzulegen . Ich hoffe übrigens , daß Sie fest im Auge halten werden , bis zu welcher zarten Nuance des Lächerlichwerdens Sie mich kompromittieren dürfen . Meine Herren , ich habe die Ehre , mich zu empfehlen . « Hennig war zu betäubt , um ihn aufhalten oder ihm folgen zu können . Der Graf Basilides sagte auf der ersten Treppe : » Maledetto ! « , auf der zweiten : » Ah , ah , on n ' a pas toutes ses aises en ce monde ! « , und als er in der Gasse sein Pferd bestieg , murmelte er : » Das war freilich ein raffinierter Geschmack , sich in eine Sterbende zu verlieben , und noch dazu unter den übrigen lächerlichen Umständen . Da ist es freilich kein Wunder , wenn die Toten am hellen Mittag aufstehen , um das Ihrige in Anspruch zu nehmen ! « Er blickte grimmig an dem Hause hinauf und stieß mit einem slawischen Fluch seinem Pferde die Sporen in die Seiten , daß es hoch aufstieg . So ritt er davon . » Sie sind alle fort - wir sind allein « , flüsterte der Ritter von Glaubigern , und sein Pflegekind legte das Haupt an seine Brust und küßte seine Hand . » Wir sind allein , Tonie « , sagte der Ritter . » Aber sie mögen zurückkommen - fürchte dich nicht - wir bleiben zusammen . Hast du wirklich gedacht , daß Krodebeck dich ganz und gar im Stich lassen würde ? « Das junge Mädchen schüttelte den Kopf : » Ich konnte es mir nicht Vorstellen aber so schön hab ich ' s mir doch nicht gedacht ! Es war mir immer , als könne ich die Heimat zuletzt doch noch mit meinem Herzen herziehen ; aber jetzt ist die Wirklichkeit doch viel wundervoller als jeder Traum , als jeder heiße , weinende Wunsch und Gedanke . Mein Vater , mein einziger Freund , wie hat man Ihr armes Kind gequält ! Ist es Ihnen in der Nacht langsam , langsam wie heiße Blutstropfen auf Ihre Seele gefallen ? Haben Sie so tief fühlen müssen , wie ich mich nach Ihnen sehnte , daß auch Sie keine Ruhe mehr in der Heimat hatten , daß Sie einen so weiten , weiten Weg kommen mußten , um mir zu helfen , um mir Ruhe und Erlösung zu bringen in meiner Not ? « » Freilich , freilich hab ich das , und der Hennig hat geschrieben , und es war schlecht bestellt um unsere Ruhe und Freude dort oben . Von dem weiten Wege habe ich nichts gespürt . Da richtet das arme , gemeine Volk , auf seinen Wegen übers Meer in fremde Wildnisse hinein , größere Wunder aus ! Lache mich nicht aus , Tonie ; ich bin noch sehr jung , und die Reise hat mich noch jünger gemacht ; - wenn wir beiden zusammenhalten , können wir es noch mit vielen Leuten aufnehmen . Und höre - ich bringe die allerschönsten Grüße von Krodebeck , dem alten Hause , deinem Gärtchen und dem Fräulein Adelaide , von der Jane Warwolf - ja , die läßt dich tausendmal grüßen - und hundert andern Leuten und Dingen , welche allesamt eine große Sehnsucht nach ihrer kleinen Wiener Freundin haben und sie auf das feurigste zu sich zurückwünschen . « » Sie werden mich nicht wiedersehen « , sagte Antonie Häußler . » Für die Hoffnung ist es zu spät ; aber ich bin so glücklich , so glücklich in der Gegenwart , daß die über alle Träume und Hoffnungen geht . « » Kind , Kind , das dürfte ich sagen ; aber nicht du , mein liebes Kind ! « rief der Chevalier . » Doch , mein Vater , ich darf es auch sagen , denn es ist die Wahrheit , und gerade in dieser Wahrheit bin ich ruhig und glücklich und verlange nichts mehr . Die Heimat wird mich nicht wiedersehen ; aber sie hat mir ihren liebsten Abgesandten geschickt , und der soll ihr nachher von meiner Liebe und Dankbarkeit erzählen . « » Nachher , nachher ! « murmelte der Greis . » Nachher ist ein Wort , das für fünfundsiebenzig Lebensjahre und diesen kahlen Schädel nicht mehr paßt , von einem solchen jungen Munde gesprochen . « » Es ist doch wahr , mein Vater ! Du von allen , die mich liebgehabt haben im Leben , hast zuerst gewußt , wie schwer es sein werde , eine ruhige Stelle für mich in diesem Leben zu finden . Du hast vielleicht Freude an mir gehabt , denn ich habe das sehr gewünscht ; aber die schwere Sorge um mich bist du nie losgeworden . Und weshalb wärst du jetzt zu mir gekommen ? Hast du einen Platz auf Erden gefunden , wohin du mich führen und allein lassen und lächelnd sagen könntest : Da sitze still und sei zufrieden , denn du bist geborgen ! ? - Nein , mein Herr Ritter , in jener Nacht , in welcher der alte Mann aus dem Siechenhause mir am Grabe meiner Mutter die Hand auf die Schulter legte , bin ich zum Tode erschreckt worden . Seit der Nacht friert mich in der Sonne . Seit jener Nacht habe ich angefangen , mich vor der Sonne zu fürchten . Der Chevalier von Glaubigern wird nach Krodebeck zurückkehren und den Leuten sagen , wo das Kind , das mit der schönen Marie ins Dorf gebracht wurde , geblieben ist . Ach , er wird den Leuten nicht erzählen , welch einen Segen er jenem Kinde in der letzten Stunde aus seinem treuen guten Herzen brachte ! « » Und mit einem solchen Glauben , mit einer solchen Gewißheit in deinem Herzen hast du dem Mann , welcher da eben hinausging , deine Hand gegeben ? « » Mein Großvater hat das getan , und Sie , mein Vater , sind zu mir gekommen , als Sie davon hörten . Nicht wahr , Sie sind nicht zu mir gekommen , um mich so schlecht Komödie spielen zu sehen ? Ach , das ist heute nicht anders , als es gestern , als es vor einem Jahre war , als es seit dem Tage ist , an welchem man mich von dem Lauenhofe fortführte : ich habe immer Komödie spielen sollen , und weil ich stets meine Rolle schlecht machte , habe ich schlechte Tage und Nächte gehabt . Nun hat man mir meine letzte Rolle gegeben . Sie glauben es nicht , daß es meine letzte sein wird ; aber ich weiß es , und da lache ich zum erstenmal über das Spiel , in welchem ich selber von den harten Händen um mich her vor- und zurückgeschoben werde . O mein Vater , dies Lachen müssen Sie mir gönnen ; es ist der einzige Gewinn , den ich mir aus meinem Leben , meinem schrecklichen Leben in dem Hause meines Großvaters erworben habe . « » Wehe über sie alle , welche dich so lachen machten ! « rief der Ritter von Glaubigern . » Du hast recht ; ich bin zu dir gekommen , nicht um dein hiesiges Leben persönlich zu erkunden , sonder um dich mir zurückzufordern . Du sollst mit mir heimgehen , Antonie ! Sie haben ja jetzt erfahren , daß du nicht zu ihnen gehörst - der alte Mann haßt dich und fürchtet dich ; er wird dich gern freilassen . Du spielst nicht Komödie ; aber nun mache dem Spiel der andern mit dir ein Ende - dieser Graf wird dich nicht halten , ich habe in seiner Seele wie in der deines Großvaters gelesen . Sie wissen , warum ich hier bin ; sie haben heute Furcht vor mir gehabt . Sie wissen , daß sie keine Macht mehr über dich haben ; sie haben Furcht auch vor dir , und du hast gesiegt in diesen Jahren , nicht sie ! Sie wissen das ganz genau und werden uns nicht auf unserm Wege aufhalten ! Ich führe dich heim nach dem Lauenhofe . « » Nach dem Lauenhofe ? « rief Antonie , in Angst und Scham und Schrecken die Hände erhebend . » Nach dem Lauenhofe ? Wissen Sie nicht , mein Freund , daß Hennig mich aus Mitleid dahin führen wollte ? Da ist der Tod unwiderruflich in mein Herz getreten , als er mir seine Hand aus Mitleid anbot . Mein Vater , mein Vater , ich rede zu Ihnen über die Schulter , schon halb verdeckt von dem Schatten , der nach dem Tage kommt und zur ewigen Dunkelheit wird - deshalb allein kann ich so zu Ihnen sprechen ! Ahnen Sie nicht , weshalb mein Heimatsrecht an den Lauenhof nur bei Ihnen ist und bei den zwei Gräbern auf dem Kirchhof , dicht an der Hecke des Siechenhauses ? « Sie barg von neuem ihr Gesicht an der Brust des Greises und weinte sehr . Der Ritter von Glaubigern sah in ratloser Verzweiflung umher - er wußte freilich jetzt alles . Er wußte vor allen Dingen , weshalb das Kind der schönen Marie , sein Pflegekind , die arme Antonie Häußler , so wenig Widerstand gegen den Willen ihres Großvaters in betreff des Grafen Basilides Conexionsky geleistet hatte . Sie spielte doch Komödie ! Das Herz zerbrach ihm im tiefen Schauder über die tragische , entsetzliche Rolle , die sie diesmal auf sich genommen hatte . » Sie liebt den Knaben - den törichten , nichtigen Knaben , der nichts als ein halb unbewußtes , ein schnell vergehendes Mitleid für sie hat ! « murmelte er . » O sie sieht furchtbar klar - sie wäre doch verloren in der Heimat . Sie hat recht , sie hat keine Heimat - dort nicht - dort nicht . Und weil sie weiß , daß man an einer Rolle wie der ihrigen wirklich stirbt , so hat sie sich in dieselbe hineingeflüchtet , und ich - ich habe ihr nichts mehr zu sagen , nichts mehr zu bieten ! « - Da merkte er , daß er nicht umsonst mehr denn siebenzig Jahre alt geworden war und das Vermögen , über sein eigen Dasein und das seiner Brüder und Schwestern im Leben nachzudenken , behalten oder doch für einen kurzen Augenblick wiedererhalten hatte . Grimmig richtete sich die furchtbare Sphinx vor ihm empor und sah ihn an mit den großen , kalten , unergründlichen Augen . Was war es auch , was ihn hier in dem Geschicke seines Pflegekindes so tief bewegte ? War es wirklich so spät am Abend der Mühe und der Tränen wert ? So spät am Abend ! Was hatte er selber dadurch gewonnen , daß er siebenzig Jahre alt geworden war und daß er es , wie die Leute in Krodebeck sagten , in seinem Leben gut gehabt hatte ? - Hatte er es in seiner träumerischen , einsiedlerischen , verlorenen Abgeschiedenheit wirklich so gut gehabt , wie die Leute in Krodebeck meinten ? Ach , er fühlte sich als ein gar armer Mann , als er so spät am Abend seinen Gewinn zusammenzählte , während das bleiche Pflegekind von seinen Kissen ihn ebenfalls mit großen , unergründlichen Augen anblickte , als warte es darauf , daß er ihm das Ergebnis seiner Rechnung leise sage . Er hatte hier Hülfe bringen wollen ? Er ? - - - So alt , so alt und ebenso allein und hülflos in dem wilden , wimmelnden , vorwärts stürzenden Leben wie dieses junge Wesen - ja hülfloser noch ! Er blickte auf den Weg zurück , auf welchem er gekommen war , und er sah ihn leer . Nur die Nacht schritt hinter ihm her , die Schatten wuchsen um ihn . » Ach , lebte doch die Frau Adelheid noch ! « sagte er , und dann dachte er an die zwei andern alten Weiber , die noch auf dem Lauenhofe saßen ; aber was konnten die ihm und der Tonie helfen ? Er dachte an das hohe Alter der beiden , und das kam ihm auf einmal ganz außergewöhnlich gespenstisch vor , und dann blickte er sich von neuem in seiner Umgebung um und besann sich mühsam , wo er sich befinde . Er strich langsam über die dünnen weißen Haare und murmelte ganz ängstlich fragend : » Tonie , Tonie ? « Sie verstand schnell , was das bedeute , und faßte seine Hand und flüsterte ihm zärtlich ermutigend zu : » Fürchte dich nicht , Vater . Du bist bei mir - bei deinem Kinde ! Wir halten zusammen , wir bleiben zusammen . Niemand kann uns mehr ein Leid antun . O wir können ruhig sein , ganz ruhig , mein Vater ! « Da nickte er mit dem Kopfe , und das Kinn sank ihm tiefer auf die Brust herab . Die greisenhafte Erschöpfung gewann langsam wieder ihr Recht über ihn . Noch wehrte er sich tapfer und ritterlich dagegen ; aber schon wußte er , daß er unterliegen müsse , und jammernd rief er : » Tonie , Tonie , weshalb bin ich denn hier ? Weshalb bin ich hergekommen ? Wo bin ich ? « » Du bist zu meinem höchsten Glück zu mir gekommen . In der höchsten Not . Nun bist du bei mir , mein Vater , und ich bin bei dir , und wir bleiben zusammen , niemand soll uns voneinander trennen . Sei ruhig , wir gehen denselben Weg , mein Vater ! « Noch einmal und zum letztenmal ging eine große Helle , ein großes Licht durch die Seele des Ritters Karl Eustach von Glaubigern . Noch einmal sah er sein Leben vom ersten Augenblick des selbständigen Denkens bis in diese feierliche Stunde in höchster Klarheit vor sich , und ganz klar erkannte er plötzlich , inwiefern seine tapfere Fahrt vollkommen mißlungen war und inwiefern dieselbe vollständig ihren Zweck erfüllte . » Du sagst die Wahrheit , Tonie « , sprach er . » Wir wollen zusammenbleiben und zusammengehen , mein Kind , denn wir treffen auf ein und demselben Wege zusammen ; ich komme nur ein wenig weiter her . Das sind deine jungen Locken , mein armes Kind ; - man sollte es nicht denken , daß wir auf demselben Wege zusammentreffen könnten ; aber es ist so . Wir können in dieser Welt einander nicht helfen , Tonie ; wir können nur den Rest unseres Weges zusammen gehen . « » Mein Glück , das ist mein Glück , lieber Vater ! Und jetzt wollen wir die anderen Herren zurückrufen , und wir wollen verschwiegen sein und haben das leicht ; denn wir müßten laut rufen , um uns hörbar zu machen . « - Gerufen von Toinette , kam der Edle von Haußenbleib mit dem Junker von Lauen , stumm , sorgenvoll , verlegen und verstört . Sie hatten allen Grund , über den Ritter und sein Pflegekind zu erstaunen , denn Tonie empfing sie