, auf welchen wir dieses Mal das Ziel unserer Wanderschaft zu erreichen vermögen . Wir können dem Herrn Kornelius van der Mook von Stunde zu Stunde , von Station zu Station folgen und erzählen , wie es ihm gelang , sowohl den Baron Glimmern wie auch den Leutnant der Strafkompanie Kind einzuholen , wie beide ihm dessenungeachtet für alle Zeit entgingen und wie er im Grunde und seiner ganzen Charakterentwicklung gemäß über das letztere herzlich froh war , wenn er es sich gleich anständigerweise nicht merken lassen durfte . Wir können aber auch einen zweiten Pfad einschlagen , auf welchem die wilden Worte , die harten Taten , die schlimmen Verhängnisse uns nicht gellend und grell zu Ohr und Auge dringen , sondern nur leise aus der verschleierten Ferne uns mahnen , wie die Welt beschaffen ist , in der wir leben , unsere Freude haben und uns in allen unsern Kräften und Empfindungen zur Geltung bringen wollen . In utrumque paratus , zu beidem gerüstet , wählen wir die letztere Art zu endigen ; denn wir halten es weder für eine Kunst noch für einen Genuß und am allerwenigsten für unsern Beruf , das Protokoll bei einer Kriminalgerichtssitzung zu führen . Um zwölf Uhr mittags kam Leonhard Hagebucher mit der Frau von Glimmern in dem Walde von Fliegenhausen an , und zwar an derselben Stelle , von welcher aus man einst die bewußtlose Frau Klaudine zur Katzenmühle trug . Er geleitete die tief verschleierte Nikola durch den Wald , und nun klang nichts mehr um sie her als vielleicht der Schnee , welchen irgendein Zweig , der sich von seiner Last befreien konnte , abschüttelte . Lasset uns sehen ! Es war im Frühling , Sommer und im Herbst ein heftig Rauschen und Spülen der Wasser im obern Land . Sie wurden im hastigen Schuß über Räder gezwungen , sie wurden durch künstliche Maschinen , durch allerlei Kraft in die Höhe gezogen und abwärts gestürzt , je nach dem Willen des Menschen . Sie wurden aus ihren natürlichen Betten in künstliche Kanäle über und unter der Erde gedrängt und mußten in Schmutz und Verdrießlichkeit ihre klaren , reinlichen Gewänder zurücklassen . Wie der Mensch hatten sie wenig Vergnügen von ihrem Dasein ; es war eine ewige Qual , ein freudeloses Abarbeiten bei Tag und bei Nacht : lasset uns hören , was die einzelnen Tropfen , welche da drunten in der Tiefe , in dem abgeschlossenen Tal , bei den sieben Zwergen , über das alte , zerbrochene , vom grünen Moos überzogene Rad der Mühle klingen , von dem Leben da draußen vor den Bergen , von dem Gewühl und Treiben der Märkte und Gassen in Brabant , von dem Hofstaat der schönen Richilde zu sagen haben ! Still , still ! Der leise Fall der Tropfen an dem Rade war ja verstummt in dem weißen Walde , die Frau Klaudine hatte schon lange nicht mehr nach ihrem Klang die Zeit gezählt , und wer hatte das Recht , unter dem Dache und am Herde der Frau Klaudine nach dem Gewimmel von Brabant und nach dem Hofhalt der Prinzeß Richilde zu fragen ? Die Geduld , die Treue und mit ihnen der Sieg in seiner schönsten Gestalt standen auf der Schwelle des Hauses , die nahende , schmerzensreiche Nikola zu empfangen und zu sagen : » Sei uns gegrüßt , du bist heut noch tausendmal mehr willkommen als in jenen Tagen , in welchen du mit deinem hellsten Lachen hierhersprangest . Sei gegrüßt , wir beiden Schwestern wollen dein müdes Haupt im Arme halten ; solange du nicht über unsern Bann hinaustrittst , hast du nichts zu fürchten von den Mächten , welche dich zu diesem Orte jagten . Sei gegrüßt , wir heißen Geduld und Treue , die Menschen reden viel von uns , und wenige kennen uns ; wer aber stark ist , wie die alte Frau , deren Wohnung wir bewachen , dem gibt unser Bruder den Kranz , welchen er der Frau Klaudine gegeben hat . « Man vernahm in der Katzenmühle den Schall keiner Kirchenuhr ; aber es war zwölf Uhr mittags , und in Fliegenhausen setzten die Bäuerinnen eben den dampfenden Suppennapf auf den Tisch , als der Mann vom Mondgebirge mit der Frau Nikola die Mühle erreichte . Die Frau Klaudine schrie nicht auf und sprang nicht auf , sie streckte nur den Eintretenden beide Hände entgegen und rief : » Mein Kind , meine liebe , liebe Tochter , nun bist du heimgekehrt , nun hab ich dich ganz und lasse dich nimmermehr von mir . Siehst du , die Verlorenen , die Toten kehren doch zurück ! Die mit hundert Ketten in der tiefsten Knechtschaft gebunden lagen , können sich losringen oder können von ihren bösen Herren selbst mit Lachen in die Freiheit hinausgestoßen werden . Nikola , meine Tochter , jetzt hat niemand mehr einen Anspruch auf deine Seele als ich - hörst du ? Niemand ! Niemand ! Keiner in der Nähe und in der Ferne : keiner in der Vergangenheit und in der Zukunft ; keiner in der ganzen weiten Welt ! Die einen haben nun alle Rechte an dich aufgegeben ; die andern mußtest du selber von dir weisen ; nur mich allein darfst du jetzt lieben ; nur meine Tochter , mein Kind darfst du sein ; denn sieh , das ist das schöne süße Innerste des herbsten Schmerzes , daß , wenn es nicht so wäre , du ja auch gar nicht zu mir kommen durftest ! Du bist betäubt , aber die Stunde ist nicht fern , wo du selbst an deine Freiheit glauben wirst . Sei still und gedulde dich ; es gehen Jahre vorüber wie ein Tag , das ist ein altes Wort ; aber nicht immer ist der Mensch fähig , seinen ganzen guten und tröstlichen Inhalt zu fassen . « Es war im Anfange nur der Klang der Stimme der Frau Klaudine , welchen Nikola von Glimmern vernahm . Den Sinn der Worte begriff sie in ihrer jetzigen Betäubung noch nicht ; allein auch die Stunde war nicht fern , in welcher die Mutter von der Heimkehr des Sohnes klarer und bestimmter reden durfte und mußte und für das leiseste Beben und Schwingen ihres Herzens einen Widerhall fand . Das war noch eine schreckliche Stunde für Nikola , als ihr nun das volle Verständnis ihrer Lage zuteil wurde . Die Enthüllung geschah in der Abenddämmerung , als sich die Nebel und die Schatten des Waldes wieder dicht um die Katzenmühle zusammengezogen hatten und die Frau Klaudine , in ihrem Lehnstuhl sitzend , das Haupt der Frau Nikola im Schoße hielt . Der erste Eindruck war überwältigend und die Erschütterung fast größer als bei jener schrecklichen Szene in dem Ballsaal des Herrn von Betzendorff . Langsam , mit Augen starr und gläsern , erhob sich Nikola von Glimmern . Mit einem hellen Schrei riß sie sich aus den schützenden , den treuen Armen der Greisin los und stand aufrecht und lachte wild und rief : » Mutter , es war nicht recht , mir das zu verschweigen ! Auch das war ein falsches Spiel ! O wie grausam , mich hierherzuführen , um mir zu verkündigen , es sei auch an dieser Stelle kein Raum mehr für mich , es sei überhaupt kein Raum mehr für mich auf Erden und alles sei vorüber und jeder habe sein Teil dahingenommen und ich das meinige . « Und sie zog ihr Tuch mit hastiger Gebärde um die Schultern zusammen , sie eilte gegen die Tür , als sei ihres Bleibens in der Mühle , am Herde der Frau Klaudine keinen Augenblick länger , als müsse sie auf der Stelle hinausstürzen in die Nacht , in den Wald , in das Grab , gleichviel wohin und zu welchem allerletzten Schicksal . Noch einmal stöhnte sie laut , halb im wilden Schmerz , halb im wilden Zorn ; aber der Zorn galt doch nur ihr allein , und in dieser Trennung und Teilung ihres Gefühls war jetzt einzig ihre Rettung vor dem Wahnsinn und konnte sie von einer abermaligen ziellosen Flucht zurückgehalten werden . Der Schmerz gehörte auch der Frau Klaudine , und deren Macht über die Unglückliche lag in ihm verborgen . Leise und bittend und weinend rief die Frau Klaudine ihren Namen , da ließ sie die Hand von dem Türgriff sinken und stand einen Augenblick , die Hände gegen die Schläfen drückend , stürzte dann zurück und lag von neuem auf den Knien vor Unserer Lieben Frau von der Geduld , barg von neuem das Gesicht in ihrem Schoß und ließ sie ausreden und ließ sie erzählen , wie er heimkam , was er alles erlebte und wie er nun freudig und als ein besserer Mann gegangen sei und den Platz am Herzen seiner Mutter mit der frohen Überzeugung geräumt habe , daß alles sich zum besten wenden werde . Die Mutter verschwieg nichts . Sie schilderte den Sohn , wie er war , und zauderte nicht , ihn bis ins kleinste so darzustellen , wie das tolle , wüste Leben ihn herangebildet hatte . Nicht Leonhard Hagebucher , nicht Freund und Feind hätten ein unbefangeneres Urteil über ihn abzugeben vermocht . Sie entkleidete ihn von allem Glanze , der ihm nicht gehörte , sie verschwieg nicht , was ihm stets mangelte und was er dazu verlor ; aber sie verschwieg dann auch nicht , was er erwarb auf seinen abenteuerlichen Wegen . Sie zeigte , wie man ihm helfen , wie man ihn fördern könne ; sie zeigte , wie grade in dem Aufenthalt der Heimatlosgewordenen im Schutze und am Herzen der Mutter der größte Segen und die teuerste Bürgschaft des Friedens für den so lange heimatlos gewesenen Sohn liege . Zuletzt sprach sie von dem Leutnant Kind , und dichter drängte Nikola sich an sie , als dieser Name genannt wurde . Nikola von Glimmern kannte jetzt die Geschichte des Leutnants Kind ebenfalls . Auf dem schweren , tränenreichen Wege zu der Katzenmühle hatte Hagebucher sie vorsichtig und ganz allmählich damit bekannt gemacht , jedoch den Platz des Herrn van der Mook leer darin gelassen ; nun öffneten sich vor ihren Augen auf allen Seiten die Abgründe , zwischen denen sie gewandelt war ; nun blickte sie mit einemmal schaudernd in das Gewimmel gespenstischer Arme und fleischloser Hände , die sich von jeder Seite aus der Tiefe emporgereckt und nach ihr gegriffen hatten . Eine Gespensterfurcht kam über sie , von der sie in ihrem spätern Leben nie wieder ganz frei wurde ; und nie mehr konnte sie von der Stunde an ein Zimmer verlassen und eine Tür hinter sich zuziehen , ohne bis in alle Tiefen ihres Wesens ein Gefühl zu haben , daß sich in dem leeren , eben verlassenen Raume ein unheimliches Etwas aufrichte und mit einem öden , totenhaften , blöden Grinsen ihr nachstarre und zische . » Glaubst du , du seiest je allein und bei dir ? Wir sind da ! Wir sind da , sehen auf dich , hören auf dich , achten auf dich und lachen deiner ! Dir hilft kein Trotz , dich rettet nicht die Scham , wir sehen , wir hören , wir haben unsere Lust an dir , sind deine Feinde und wissen , daß wir dich mit unsern Blicken töten werden ! « - Die Genien auf der Schwelle und am Herde der Frau Klaudine hatten einen harten Stand gegen diese Feinde . » Ich will bleiben ; denn ich habe ja doch keinen Willen mehr « , sagte Nikola . » Ich habe ihn von neuem hinausgetrieben und mich an seinen Platz gesetzt . Du sagst , es sei gut so , meine Mutter , und ich will es versuchen , daran zu glauben ; aber denken kann ich nicht mehr darüber . « » Es ist gut so ! « sprach die Greisin und konnte weiter nichts sagen ; denn nun folgte für Nikola von Glimmern jener Zustand , welchen die Sieger wie die Besiegten kennenlernen , jener Zustand , in welchem man dem Patienten nichts weiter zuliebe tun kann , als ihm im Sommer die Fliegen abzuwehren und im Winter ihn liegenzulassen , wie er sich niederlegte , oder ihm höchstens das Kopfkissen zurechtzurücken . Es war keine Krankheit , von der Nikola ergriffen wurde , es war nur diese unendliche Müdigkeit und Schlummersucht , während welcher ein jegliches dem Menschen gleichgültig wird , nicht nur das Knarren der Tür , das Zurückschieben eines Stuhles oder Tisches , der Lärm der Gasse und die Besuche selbst der besten Freunde . Vor alle diesem aber war die Müde in dem winterlichen Walde , in der verzauberten Mühle ganz sicher . Der Ruf der Krähen und der wilden Gänse , wie sie ihren Flug über die Baumgipfel nahmen , störte nicht , sondern klang sogar wie eine tröstende Stimme aus dem großen wahrhaftigen Reiche der Natur herüber , und das nämliche tat der Wind im Leisen und im Lauten . Auch Leonhard Hagebucher , der einzige , welchem aus dem weiten vielgestaltigen Kreise , der einst seine Wirbel um die Frau Nikola zog , jetzt die Tür der Katzenmühle offenblieb , störte nicht . Er kam auf den Fußspitzen , ging auf den Fußspitzen und sagte wenig . Stundenlang saß er oft mit einem Buche in der Hand , ohne zu lesen , in einem Winkel oder am Fenster der Mühle und sah in den Wald hinaus . Und wenn man ihn gefragt hätte , an was er denke , an die Tante Schnödler oder den klugen Schneider Felix Täubrich , an die Madam Kulla Gulla zu Abu Telfan im Tumurkielande oder an Herrn Ferdinand Zwickmüller zu Montreux am Genfer See , so würde er gewiß häufig die Antwort auf solche Fragen schuldig geblieben sein . Aber doch gab es etwas , an welches er zu jeder Stunde denken mußte und auf welches er auch allstündlich mit dumpfer Unruhe wartete . Das war eine Nachricht von dem Herrn Kornelius van der Mook , welche dieser ihm weder mündlich noch schriftlich versprochen hatte und welche doch einmal von ihm an langen mußte : heute oder morgen , beim Frühstück oder beim Zubettegehen , am hellen , lichten Mittage oder um Mitternacht , in der Stunde , in welcher die Geister Erlaubnis haben , auf Erden zu erscheinen , welche letztere Zeit vielleicht die passendste genannt werden konnte . - Fünfunddreißigstes Kapitel Ist das nicht ein wunderliches Ding im deutschen Land , daß überall die Katzenmühle liegen kann und liegt und Nippenburg rundumher sein Wesen hat und nie die eine ohne das andere gedacht werden kann ? Ist das nicht ein wunderlich Ding , daß der Mann aus dem Tumurkielande , der Mann vom Mondgebirge nie ohne den Onkel und die Tante Schnödler in die Erscheinung tritt ? Wohin wir blicken , zieht stets und überall der germanische Genius ein Drittel seiner Kraft aus dem Philistertum und wird von dem alten Riesen , dem Gedanken , mit welchem er ringt , in den Lüften schwebend erdrückt , wenn es ihm nicht gelingt , zur rechten Zeit wieder den Boden , aus dem er erwuchs , zu berühren . Da wandeln die Sonntagskinder anderer Völker , wie sie heißen mögen : Shakespeare , Milton , Byron ; Dante , Ariost , Tasso ; Rabelais , Corneille , Molière ; sie säen nicht , sie spinnen nicht und sind doch herrlicher gekleidet als Salomo in aller seiner Pracht : in dem Lande aber zwischen den Vogesen und der Weichsel herrscht ein ewiger Werkeltag , dampft es immerfort wie frisch gepflügter Acker und trägt jeder Blitz , der aus den fruchtbaren Schwaden aufwärts schlägt , einen Erdgeruch an sich , welchen die Götter uns endlich , endlich gesegnen mögen . Sie säen und sie spinnen alle , die hohen Männer , welche uns durch die Zeiten voraufschreiten , sie kommen alle aus Nippenburg , wie sie Namen haben : Luther , Goethe , Jean Paul , und sie schämen sich ihres Herkommens auch keineswegs , zeigen gern ein behagliches Verständnis für die Werkstatt , die Schreibstube und die Ratsstube ; und selbst Friedrich von Schiller , der doch von allen unsern geistigen Heroen vielleicht am schroffsten mit Nippenburg und Bumsdorf brach , fühlt doch von Zeit zu Zeit das herzliche Bedürfnis , sich von einem früheren Kanzlei- und Stammverwandten grüßen und mit einem biedern » Weischt « an alte natürlich-vertrauliche Verhältnisse erinnern zu lassen . Es lebe Nippenburg und Bumsdorf , der Bierkrug und die Kaffeekanne , der Strickstrumpf und das Dintenfaß , es lebe der Boden , auf welchem wir stehen und in welchem wir begraben werden , es lebe der Herr von Bumsdorf , es lebe der Onkel und die Tante Schnödler , es lebe der Onkel und Stadtrat Hagebucher , es lebe die Kusine Klementine , und vor allen Dingen lebe der Vetter Wassertreter ! Der muntere Leutnant Herr Hugo von Bumsdorf hatte keinen Grund gehabt , nach seinem nächtlichen Ritt zur Katzenmühle unter den behaglichen Laren und Penaten seines Vaterhauses aus seinem überquellenden Herzen eine Mördergrube zu machen . Dagegen hatte er sein plötzliches Erscheinen unbedingt zu rechtfertigen und tat ' s auf die vollgültigste Art und Weise . Er holte weit aus und brach wie gewöhnlich häufig aus der Bahn ; aber dafür übersprang er auch nichts von Bedeutung , oder was sonst den » verruchten Provinzialsumpf zum Wellenschlagen bringen konnte « . Und die Provinz schlug Wellen ! So etwas war seit der Rückkehr Leonhard Hagebuchers aus der afrikanischen Gefangenschaft nicht erlebt worden und ließ sich jenem Ereignis ebenbürtig an die Seite setzen , wenn es dasselbe nicht sogar noch weit übertraf an allgemeiner und tiefgehender Bedeutung . In immer weiterer Schwingung setzte sich auch diesmal wieder die Bewegung vom Bumsdorfer Gutshofe über das Hagebuchersche Haus fort , erreichte Nippenburg auf den Flügeln des Windes und fand überall einen Widerhall , den sonst nur der Ruf der Feuerglocke zu finden das Vergnügen hat . Der Vetter Wassertreter hatte nachher das Recht , sich ganz passend und klassisch mit dem alten Römer Horatius Kokles , welcher allein die sublizische Brücke gegen die ganze Armee des Königs Porsenna verteidigte , zu vergleichen . Wie jener wackere Held verteidigte auch er solus die Chaussee nach Fliegenhausen gegen die vordringenden Nippenburger Neugierigen . Die Kusine Klementine Mauser hätte sich , freilich in einer andern Weise , mit der berühmten Jungfer Klölia vergleichen dürfen . Sie schwamm zwar nicht durch den Tiber , aber sie umging in Begleitung von zehn andern ältern Jungfrauen den Vetter Wassertreter und gelangte wirklich bis zum Roten Ochsen in Fliegenhausen , wo sie jedoch leider von Leonhard Hagebucher abgefangen und mit der Notiz , die Frau Baronin von Glimmern sei augenblicklich noch nicht imstande , Besuche zu empfangen - zurückgeschickt wurde . Der Vetter Wassertreter war auch in dieser Zeit wieder der einzige Trost und Stützpunkt , welchen Leonhard außerhalb der Katzenmühle fand , wie er auch der einzige war , mit welchem der Afrikaner über die Vorgänge der letzten Zeit und ihre Bedeutung wirklich reden konnte , ohne durch einen Schwall von Interjektionen betäubt und durch einen nicht geringern Schwall von Fragen platt darniedergelegt zu werden . Der Vetter Wassertreter als ein Mann , welcher noch den alten Goethe von hinten erblickt hatte , sagte einfach : » Mein Sohn , du hast deine Sache recht gut gemacht ; übrigens ist es meine Meinung , daß du anjetzo hier ebenso festsitzest wie ich , nachdem sie mich damals mit dem bekannten offiziellen Fußtritt aus dem Loch entließen . Laß es gut sein , auch er mußte in Weimar hocken , und die Welt kam doch an ihn heran . Ojemine , auch Nippenburg hat seine unaussprechlichen Verdienste , und du , mein Junge , kannst immer noch Ratsschreiber zu Nippenburg werden ; und wenn dein Ehrgeiz noch immer nicht damit zufrieden wäre , so verschaffen wir dir den Titel Stadtsekretär , worauf du dich auf die Nelken- oder Dahlienzucht legst , deine Schwester solide verheiratest und allmählich groß und ehrwürdig wirst , sowohl im Kreise deiner Neffen und Nichten wie auch im Goldenen Pfau , allwo deines Vaters Stuhl mit offenen Armen auf dich wartet . Ich glaube , selbst Luzifer würde sich nach den gemachten Erfahrungen keinen Augenblick besinnen , wenn man ein Auge zudrückte und ihm eine ähnliche Stellung und Existenz dort oben in den himmlischen Regionen anböte . « Was der Mann vom Mondgebirge dem grauen vergnügten Heimtücker auf dieses Ansinnen antwortete , verschweigt die Geschichte , allein es steht fest , daß er die eigentliche Meinung , den einfachen , aber tief philosophischen Grundgedanken wohl herauszulösen verstand und ihn nachdenklich aus des Vetters Hinterstübchen auf der Bumsdorfer Pappelchaussee nach Bumsdorf trug . Er hatte solche holden Vertröstungen auf eine behaglichere , ruhige Zukunft sehr nötig ; denn trotz der Stille , welche in dem Hause des seligen Steuerinspektors herrschte , war es augenblicklich ein ziemlich ruheloser Aufenthaltsort . Die alte Frau , die Mutter , trug doch schwer an dem Verlust des alten subtrahierenden und addierenden Murrkopfs , und wenn sie länger als vierzig Jahre schwer an seinem Erdendasein getragen hatte , so vermißte sie ihn desto schmerzlicher jetzt überall und suchte ihn in allen Winkeln , wo sie ihn früher nur mit großem Unbehagen gefunden hätte . Es ist so etwas um eine verklungene Stimme , und wenn sie auch noch so verdrießlich knarrend oder schneidend war ! Man kann selbst auf Fußtritte , die man innerlich bedeutend fürchtete , mit höchstem Verlangen warten und die Gewißheit , daß man dieselben nimmermehr in der Nebenstube oder draußen auf dem Gange vernehmen werde , nur mit wehmütig bangem Widerstreben an sich kommen lassen . Der » Vater « fehlte der Alten , wo sie ging und stand , und der Sohn konnte ihr den Abgeschiedenen nun keineswegs ersetzen . Ja die Tante Schnödler , die Base Klementine und die Onkel Sackermann und Hagebucher waren ihr jetzt ein viel größerer Trost und eine viel liebere Gesellschaft als der stumme , nachdenkliche , zerstreute Leonhard . Mit jenen konnte man doch sitzen und von dem Gewesenen sprechen , wie es sich gehörte : allein die Welt war überhaupt mit einemmal eine andere geworden , und der Tod hatte alles verschoben . Die Alte hatte sich sehr ducken und fügen müssen , solange der Alte an jedem Morgen grämlich die Wacht bezog , und nun ging sie , wie gesagt , ruhelos umher und sprach nur noch davon , wie es für sie doch keine bessere und liebere Stelle mehr gebe als die neben seinem Grabe und wie angenehm es sein werde , wenn man auch sie dort hintrage und zur Ruhe bringe , da nun doch einmal alles aus der Welt fortgenommen sei , was ihr Freude gemacht habe , und der auf Nimmerwiederkommen fortgegangen sei , der ' s allein in allen Stücken gut mit ihr gemeint habe . Auf leisen Sohlen schlich der Afrikaner der Mutter nach , und es kostete ihm nicht die geringste Mühe , sich in ihre tausend und aber tausend weinerlichen und krittligen Launen zu schicken . Aber an manchem dunkeln , stürmischen Tage sendete er das bleiche , betrübte , verschüchterte Schwesterchen fort aus dem Hause , hinüber auf den Gutshof zu den Freundinnen ; und der Herr Leutnant Hugo , der sich seinen Urlaub um ein nicht geringes hatte verlängern lassen , war ihm sehr dankbar dafür . Es waren andere Grillen , welche der Mann aus dem Tumurkielande am Fenster der Katzenmühle , und es waren andere Grillen , welche er daheim der alten Frau gegenüber fing . Dazwischen fielen dann allerlei Briefe . Täubrich-Pascha schrieb sehnsüchtig-unverständlich , der Professor schrieb wehmütig-grimmig und stellenweise ebenfalls etwas unverständlich ; doch eins ging aus den Seelenergüssen beider Korrespondenten unzweifelhaft hervor : die Aufregung über die Vorgänge der letzten Zeit war immer noch mächtig in der Residenz , und was die Privataufregung der zwei trefflichen Charaktere betraf , so hatte sich auch diese durchaus noch nicht gelegt . Leonhard antwortete , so gut er ' s vermochte . Er vertröstete den Pascha auf ein baldiges heiteres Zusammentreffen und setzte ihn fürs erste in den absoluten Besitz seines hauptstädtischen Nachlasses . Den Professor , welcher ihm auch die heitere Gegenwärtigkeit ( hicceitas , wie er ' s nannte ) des liebenswürdigen Herrn Ferdinand Zwickmüller meldete , vertröstete er auf die baldige Abreise desselben und warf ihm , d.h. dem Professor , die Entdeckung zwischen die Zähne , daß Bumsdorf wie so vieles andere im deutschen Lande seine Entstehung den Römern verdanke , lud ihn ein , sich in der Sommervakanz nach der Hochzeit der Tochter persönlich von der Richtigkeit der Sache zu überzeugen und den Stein , welcher das Ding bewies , abzuholen . Was bedeutete dieses alles ? Es hat Leute gegeben , die auf einer Watte , auf einem Felsenstück am Strande von der Flut überrascht wurden , die Wellen um sich anschwellen sahen und es dennoch vermochten , die Pfeife im Brand zu halten und die Uhr aufzuziehen , ehe die erbarmungslosen Wasser die Westentasche erreichten . Es waren nicht die schwächsten Charaktere , welche dieses konnten , und die Wahrscheinlichkeit , noch einmal aus der Gefahr gerettet zu werden , war für sie vielleicht größer als für alle jene , die in solchen Momenten nichts als ein verzweiflungsvolles Händeringen oder ein stumpfsinniges Hinstarren auf die graue tödliche Wüste übrig hatten . Der Herr van der Mook mußte im Laufe der Tage schreiben , und das einfachste und natürlichste war , so ruhig als möglich das Anklopfen des Briefboten zu erwarten und ihm nicht weiter entgegenzugehen , als eben unbedingt nötig war . Gegen Anfang des Monats Februar schrieb denn auch der Herr van der Mook , und zwar einen Brief folgenden Inhalts : » Southampton , an Bord der Borussia Lieber Hagebucher ! Ich besitze eine zähe Natur und befinde mich so wohl , als den Umständen angemessen ist ; allein die Umstände sind auch darnach , und der Teufel hole mich , wenn ich weiß , was für Gesichter Sie und andere , welche ich nicht zu nennen wage , zu diesem Schreiben machen werden . Als wir beide in Abu Telfan im Königreich Dar-Fur zusammentrafen und ich das Vergnügen hatte , Ihnen in jedenfalls nicht durchgängig angenehmen Situationen meine schwache Hülfe zur Verfügung zu stellen , da konnten wir keine Ahnung davon haben , welche Verhältnisse uns noch das Schicksal in Kompanie auf die Schultern laden würde . Ich drücke der Bestie , die in mir steckt , eben wieder einmal mit beiden Fäusten die Gurgel zusammen , allein es wäre ein Mirakel , wenn sie sich nicht doch in dem , was ich zu sagen habe , Luft machte ; und somit werden Sie nach der Mühle steigen , um den betrübten Seelen , den zwei armen Weibern den schmutzig blutigen Lappen in ein reinliches Tuch gewickelt zu überreichen . In Paris fand ich nicht , was ich suchte , und das war mir eigentlich nicht unlieb , denn ich bin dort früher recht vergnügt gewesen ; und in dieser verruchten Welt muß man sich solche unschuldig grüne Fleckchen möglichst unentweiht zu halten suchen . Bon , ich habe allerlei gejagt , Menschen und Vieh , und verliere nicht so leicht eine Fährte , wenn mir die Sache - das Leben , das Fell oder das Gefieder am Herzen liegt . Treffe einen alten Bekannten , einen Engländer , der wie ich allmählich ein solider Mann geworden ist und sich redlich von seiner Frau ernähren läßt . Die Dame hat ein sehr nützliches und gewinnreiches Institut gegründet , Adresse : Lying-in villa , Rue Chateaubriand No. 14 ( No sign ) ; und Monsieur geht auf den Boulevards spazieren und hat wohl einen freien Augenblick für einen guten Freund zur Disposition . Wir verstehen uns beide auf Flatterjagd und Kesseltreiben , kommen aber doch in Havre zu spät an , um mit dem Leutnant Kind dasselbe Paketboot zur Überfahrt nach England benützen zu können . Miß Julia Brown ist in unaufschiebbaren Angelegenheiten soeben aus Lancashire angekommen und an die Gattin meines Begleiters in der Rue Chateaubriand dringlichst empfohlen worden . Mr. Robinson hat natürlich keine Zeit mehr für mich , er hat Miß Julia heimzubegleiten und tut es ; ich genieße eine sehr stürmische Überfahrt , lande glücklich in Dover und habe bald das Vergnügen , unter meinem Fenster in Piccadilly den Strom , aus welchem ich die bekannten zwei Tropfen auffangen soll , rollen zu sehen und rauschen zu hören . Daß ich mit einigem Widerwillen an die Aufgabe ging , werden Sie mir glauben , mon cher , und daß mich mein Fatum wieder so tief als möglich in das Pech hinabdrücken würde , war mir bereits in dem Augenblicke klar , als ich die Katzenmühle und Ihre zuversichtliche Miene hinter mir hatte . Lieber Freund , Sie ahnen wohl schon , was ich Ihnen mitzuteilen habe - es war eine kurze Jagd , und der Kamerad ist so schnell und hitzig auf seinem Wege gewesen , daß ich nicht einmal beim Halali zugegen sein konnte . Da wäre ich denn wieder einmal mit meinen allerbesten Vorsätzen um eine Nasenlänge hinter dem festen Willen eines andern zurückgeblieben ! Und , bei meinem Leben , es tut mir nicht so leid , daß ich jetzt nicht zu Euch heimkehren und mich meiner Fahrt rühmen kann , als daß ein so starkes , ehrliches Leben an ein so schlechtes , niederes Wild gewendet werden mußte . Mein Kamerad , o mein Kamerad , mein wackerer , lieber Leidensgefährte aus dem Bagno ! Bah , ich glaube , er ist besser dran als ich ! Die Londoner Polizeibeamten sind liebe Leute . Ich habe bereits in früheren Jahren die Freude gehabt , ihre Bekanntschaft in einer andern Angelegenheit zu