den Park ? fiel ihr der Knabe in die Rede , der sich nach Kinderweise schnell erheiterte und dadurch auf die angenehmen Vorstellungen verfiel , welche ihn im Stillen oftmals beschäftigt haben mochten . Nein , entgegnete sie , indem sie traurig auf ihn niederblickte , nie ! Wir kommen beide nicht hinein , nicht Du , nicht ich ! Aber leben wollen wir bleiben , leben will ich bleiben für die Eltern und für Dich ! - Leben ! rief sie noch einmal , tief Athem schöpfend , indem sie sich emporrichtete ; leben und lieben , helfen und retten , und auch mich selbst erretten will ich ! Eilftes Capitel Das Zerwürfniß zwischen dem Präsidenten und seiner Freundin war ein unheilbares geblieben , aber die Kriegsräthin hörte , als eine kluge Frau , bald auf , dies zu beklagen . Sie behauptete , in ihres Mannes Freundschaft Ersatz zu finden , und die Leute waren geneigt , ihr dies zu glauben . Sie erschien nicht mehr so oft allein in der Gesellschaft und an öffentlichen Orten , Herr Weißenbach verlegte sein Arbeitszimmer neben ihre Wohnstube , und wenn er sich gegen Herrn Flies auch häufig darüber beschwerte , daß es ihm gar zu viel Zeit und Geld koste , beständig den Begleiter seiner Frau zu machen , so mußte er doch seine Gründe haben , sie nicht mehr wie früher sich selber zu überlassen . Im Uebrigen änderte das Fortbleiben des Präsidenten in der Lebensweise der Familie nichts , bis kurz vor dem Herannahen eines neuen Jahres der Kriegsrath einmal eine lange und geheime Unterredung mit seinem Hausherrn gepflogen hatte . Was dabei verhandelt worden war , darüber sprachen beide nicht ; es fiel aber den Freunden der Kriegsräthin auf , daß sie von Neujahr ab ein paar Zimmer ihrer Wohnung an den Architekten überließ , den sie in der Familie ihres Wirthes kennen gelernt hatte . Jeder , der es von ihr hören wollte , konnte jetzt von der Kriegsräthin vernehmen , wie erwünscht die Gesellschaft eines Mannes von Herbert ' s Namen und Bildung ihr für ihre stille Häuslichkeit dünke ; aber sie war jetzt eben so wenig als früher in der Lage , sich den Anforderungen ihrer weit verbreiteten Geselligkeit zu entziehen , und Herbert hatte es auch nicht auf den Umgang mit der schönen Laura abgesehen , als er sich für die Wohnung entschied , welche sie zu vermiethen wünschte . Seit er , bei seinem ersten Verweilen in der Familie Flies , Seba ' s Zusammenbrechen bei der Erwähnung der sündhaften Wette des Grafen Berka erlebt , hatte sich Herbert überzeugt gehalten , daß sie selbst der unglückliche Gegenstand jener Wette gewesen sei . Er war bald wieder in das Haus gekommen , sich , wie die Höflichkeit es forderte , nach ihrem Ergehen zu erkundigen , und ihr tiefes , stilles Seelenleid hatte ihr sein männliches Mitleid gewonnen . Fern von jener Neugier , die für den Leidenden so quälend ist , weil sie für ihn die Nothwendigkeit der Selbstbeherrschung steigert , behandelte er sie mit der Voraussetzung , daß sie unglücklich sei , und die vorsichtige Weise , mit der er ihrem trüben Sinne hier und da eine freundliche Vorstellung unterzuschieben wußte , bot ihr durch eine lange Zeit das einzige Labsal , für das sie empfänglich war . Er muthete ihr nicht zu , sich des eigenen Daseins zu erfreuen , er verlangte niemals , daß sie von sich spreche ; aber er erzählte ihr von seinen Reisen , von seinen Erlebnissen , von seinem Aufenthalte auf Schloß Richten und in Rothenfeld ; und , herzenskundig durch den eigenen Schmerz , errieth sie , was er ihr nur zögernd anvertraute : den Zwiespalt , unter dem er sich zwischen der Gräfin und Eva bewegt , die Kränkung , welche er erfahren hatte , und die Ueberwindung , die es ihn jetzt kostete , so oft er nach Richten gehen mußte . Daß er nicht völlig mit sich einig , daß auch er noch ein in seiner Entwicklung Begriffener war , machte ihn Seba nur noch werther . Wenn sie ihn ermuthigte , sprach sie sich selber damit Muth ein ; wenn sie sich gelegentlich zu erheitern strebte , erheiterte dieses Bestreben sie selbst , und wenn sie , erhoben von dem Gedanken , daß sie einem Andern , einem edlen jungen Manne doch noch etwas zu leisten und zu sein vermöge , sich einmal freier gehen ließ , so ward er für seinen selbstlosen Antheil an ihr , durch den Einblick in ein liebevolles , reiches Herz belohnt , das glücklich zu sein verdiente und sich doch des Rechtes , es jemals zu werden , für verlustig hielt . Wie man nach langer , schwerer Krankheit mit Rührung aufs Neue ins Leben tritt und mit zagendem Erstaunen wieder die ersten Schritte wagt , so bewegt fühlte sich Seba , nachdem sie zu dem Entschlusse gelangt war , sich aufzurichten , um ihrer Eltern , um des fremden Knaben willen . Alles erschien ihr neu . Die Zärtlichkeit ihrer Eltern dünkte ihr größer , als je zuvor , denn sie nannte sie ein unverdientes Glück , dessen sie sich würdig machen müsse . Sie erschrak vor der langen Reihe von Tagen , die sie in ihrem dumpfen Schmerze verloren ; sie hatte sie den Eltern entzogen und mußte diese dafür entschädigen . Jede Stunde wurde ihr werth , jeder Tag kostbar , denn es galt , eine Schuld der Dankbarkeit zu zahlen , Liebespflichten zu erfüllen und dem Lebenszwecke zu genügen , den sie sich in der Erziehung Paul ' s gestellt hatte . Wenn die Mutter ihre Freude darüber aussprach , daß der Blick der Tochter sich erhelle , wenn der Vater es mit Genugthuung bemerkte , daß sie sich wieder mit erhöhtem Eifer ihren früheren Beschäftigungen und Studien überließ , und wenn beide geneigt waren , diese glückliche Wandlung auf Herbert ' s Einfluß zu schieben , so pflegte Seba Paul an sich heranzuziehen und mit ihrem schwermüthigen Lächeln freundlich zu sagen : Ich weiß wohl , wie viel Ermunterung ich Herbert schulde , aber daß ich für dieselbe empfänglich geworden bin , das danke ich dem Paul . Ich habe ihn an Kindesstatt angenommen und er muß doch ein gutes Beispiel an mir haben ! Man nahm das für einen Scherz , freute sich , daß Seba wieder scherzen mochte , und hinderte sie nicht , den Knaben so viel als möglich in ihrer Nähe zu haben , der still und ernsthaft , wie er sich von Anfang an erwiesen , zwischen seiner Beschützerin und ihrem Freunde Herbert heranwuchs . Er war keines der Kinder , die durch geistreiche Einfälle überraschen , durch lebhafte Gefühlsäußerungen für sich einnehmen , aber er beobachtete scharf , und weil er in dem Hause seiner Pflegeeltern niemals eine besondere Anregung zum Aussprechen seiner Gedanken erhalten , hatte er schweigen , sich beherrschen und seine Eindrücke in sich festhalten gelernt . Ohne ein Wort davon kund zu geben , ohne danach zu fragen , hatte er sich auf seine Art eine eigene Vorstellung davon gebildet , daß eine Aehnlichkeit zwischen dem Schicksale seiner Mutter und dem Schicksale Seba ' s obwalte , daß Graf Berka Seba eben so unglücklich gemacht habe , als der Freiherr von Arten seine Mutter , und wenn er auch nicht völlig verstand , was seine Beschützerin damit meinte , daß sie ihm ihre Wiederherstellung verdanke , so wußte er doch , daß seine Liebe ihr wohlthue , daß er die Macht habe , ihr Freude zu bereiten , und daß er Niemanden lieber habe , als sie . Er war fleißig , weil Seba ihn dann belobte ; er lernte die lebenden Sprachen gern und schnell , weil sie ihn darin unterrichtete , und unmerklich , wie unser ganzes Denken und Thun auf die Kinderseelen einwirkt , prägten sich ihm die Vorstellungen und die Anschauungsweise der Personen ein , denen er seine Liebe zugewendet hatte . Er hörte in der jüdischen Familie über die Vorurtheile klagen , welche die Menschen von einander halten , er hörte den Hochmuth und die Anmaßungen des Adels , die hohlen Ansprüche der Beamtenwelt , die Unduldsamkeit der verschiedenen Culte gegen einander bald bedauern , bald tadeln und verspotten , und seine eigenen kleinen Erlebnisse boten ihm Beweise und Erklärungen für die Grundsätze , welche er ohne das vielleicht nicht verstanden haben würde . Der Kriegsrath und seine Frau , wie freundlich sie der Flies ' schen Familie begegneten , sprachen doch immer mit einer gewissen Geringschätzung von ihrem Wirthe , weil er ein Jude und nur ein Kaufmann war ; aber was der Knabe sah und hörte , fiel Alles zu Gunsten dieses Juden und seiner Familie aus . Oben bei seinen Pflegeeltern hatte Alles ein doppeltes Gesicht , unten bei den Juden blieben die Dinge sich immer gleich . Der Kriegsrath und Laura waren im Beisein dritter Personen lauter Güte und Freundlichkeit mit einander ; befanden sie sich allein , so sprach Herr Weißenbach nur selten mit seiner Frau , und es gab Mißhelligkeiten und Verdruß von allen Arten . Weil man vor den Leuten den Aufwand zeigen wollte , der einer angesehenen Beamtenfamilie zukam , sparte und geizte man , wo Andere es nicht sahen , und während man überall von Menschenpflichten und christlicher Liebe sprach , war man für die Aufrechthaltung des äußeren Anstandes jedes Thalers und Groschens so benöthigt , daß man dem Nothleidenden beizuspringen sich versagen mußte . Der Kriegsrath litt von diesen Zuständen ganz unverkennbar . Er klagte , daß Alles theurer werde , ohne daß die Einnahmen des Beamten sich vergrößerten ; er wollte , daß sich Laura die gewohnten Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten versagte , und doch sah er selber es nicht gern , wenn sie weniger wohl gekleidet , weniger heiter schien , wenn den Standesgenossen und Collegen nicht die frühere Gastfreiheit bewiesen wurde . Was sollten sie von seiner Lage denken , wenn er bei gleichen äußeren Umständen nicht die gleichen Lebensgewohnheiten aufrecht erhielt ? Paul hörte ihn oftmals sagen , daß derjenige glücklich sei , welcher nur nach seinem eigenen Ermessen leben könne , der nicht zu überlegen brauche , wie Vorgesetzte und Collegen sein Thun und Treiben ansähen , und unwillkürlich , wenn der Kriegsrath dem Knaben Mitleid mit seinen Sorgen einflößte , dachte der Knabe , daß er niemals ein Beamter werden wolle , um thun und lassen zu können , was er wolle , und sich um Niemanden kehren zu dürfen , wie Herr Flies . Unfähig , in seinem Urtheile das Besondere von dem Allgemeinen verständig zu sondern , faßte er doch seine Meinung über die üble Lage der Beamten und über das beneidenswerthe Loos des Kaufmanns ; denn in gleichem Grade , wie bei seinen Pflegeeltern die heimlichen Verlegenheiten und Entbehrungen wuchsen , gedieh durch die Handelsspeculationen des Vaters Alles in dem Flies ' schen Hause . Das Nothwendige war im Ueberfluß vorhanden , alles Erwünschte konnte man sich bereiten und schaffen . Die liebevolle Sorgfalt , mit welcher die Eheleute einander begegneten , wurde nur von der Hingebung der Tochter für die Eltern übertroffen . Die alten Dienstboten , die Comptoir-Gehülfen waren wohl gehalten , kein Armer , kein Hülfsbedürftiger ging ungetröstet von dannen , und doch waren diese Menschen , die das Gute thaten , wo sie irgend konnten , keine guten Protestanten , keine Christen , wie seine Pflegeeltern ; doch hatten sie kein Amt , kein Ansehen vor der Welt , trotzdem die Personen , welche als Freunde ihr Haus besuchten , sie achteten und liebten , und Viele , die er in herablassender Vornehmheit von Herrn Flies sprechen hören , sich heimlich Rath und Hülfe suchend an denselben wendeten . Bei seinen Pflegeeltern urtheilte man wegwerfend über die Juden , mißtrauisch und widerwillig über die Katholiken , und bei seinen Freunden lächelte man über die Wunder , welche der Knabe in der Schule als Glaubenssätze hinzunehmen hatte . Niemand ließ es sich besonders angelegen sein , in ihm die dem Menschengeiste innewohnende Folgerichtigkeit des Denkens und Schließens zu Gunsten der uralten Mythen und der phantastischen Ueberlieferungen zu beschränken oder zu verwirren , aus denen sich das äußere Gewand aller positiven Religionen zusammensetzt . Er hörte , daß sein Vater katholisch sei , auch der Herr Caplan , der sich im Verlaufe der Jahre ein paar Mal nach ihm erkundigen gekommen , war ein Katholik , seine Pflegeeltern waren Protestanten , die ihm liebsten Menschen , Seba und ihre Eltern , waren Juden , und Einer wie der Andere sprach geringschätzend von dem Glauben , zu dem er sich nicht selbst bekannte . Das zerstörte in dem Knaben unmerklich aber sicher das eigentliche Glaubensvermögen , und die hingeworfene Aeußerung der Kriegsräthin , daß der Herr Caplan wohl daran denken möge , Paul einmal katholisch zu machen , da er ja auch die Frau Baronin bekehrt habe , brachte diesem frühzeitig den Begriff bei , daß die Religion dem Menschen nicht angeboren , nicht unzertrennlich Eins mit ihm sei , sondern daß man sie wählen oder wechseln könne . Sie däuchte ihm wie ein Stand , wie ein Beruf zu sein , den man sich erwähle , und da Kinder leicht von den Zufälligkeiten des einzelnen Falles allgemeine Folgerungen ziehen , überraschte Paul eines Tages Seba und ihren Freund mit der plötzlich ausgesprochenen Erklärung , daß er nicht katholisch , sondern ein Jude werden wolle . Man sah ihn verwundert an und lachte über ihn , wie man über Kinder zu lachen pflegt , wenn man sich nicht die Mühe nehmen will , ihren Aeußerungen nachzudenken ; aber Paul wiederholte seine Erklärung so bestimmt , daß Herbert , der um Seba ' s willen sich ihm zugewendet hatte , die Frage an ihn richtete , wie er darauf komme . Sie sagen ja , daß Sie wieder nach Richten fahren werden , da sollen Sie es dem Herrn Caplan bestellen , daß ich nicht katholisch werden will ! erklärte der Knabe . Aber weßhalb denn nicht ? fragte Herbert scherzend . Paul besann sich . Weil - hob er an , brach dann ab und sagte , als finde er nicht für gut , seine Gründe anzugeben , kurz und trocken : Ich will ein Kaufmann werden wie Dein Vater , Seba . Der ist gut zu Deiner Mutter und behält Dich bei sich ! Herbert und Seba verstanden beide die lange Gedankenreihe , welche sich hinter den Worten des Knaben verbarg und in der sich Richtiges und Falsches , scharfe Schlüsse und auffallende Begriffsverwechslungen mit einander nach Kinderart vermischten ; aber Herbert meinte , es sei nicht der übelste Gedanke , auf welchen der Knabe verfalle , wenn er Kaufmann werden wolle . Seba wendete ein , daß der Herr Caplan einmal geäußert , Paul solle , wenn er erwachsen sei , die Rechte studiren , da man ihn für den Staatsdienst bestimme ; Herbert jedoch legte darauf kein Gewicht . Der Herr Caplan wird nicht ewig leben , sagte er ; und was dann ? Seba antwortete ihm leise ; auch Herbert ' s Gegenrede wurde so leise gegeben , daß der Knabe fühlte , man wolle sie ihm entziehen ; indeß er hatte doch einzelne Worte vernommen , und diese reichten hin , ihn in der Voraussetzung zu bestärken , daß sein Vater sich nicht eben um ihn sorge , da in Schloß Richten Jedermann vollauf mit sich selbst zu thun habe . Am nämlichen Abende , als Seba sich mit dem Knaben allein befand , fragte er sie , was sie wohl thun würde , wenn ihr Vater sie nicht mehr liebte . Ich würde mich bemühen , seine Liebe zu verdienen ! gab sie ihm zur Antwort . Ja , wenn Du bei ihm wärest ! meinte er ; aber wenn man nicht bei seinem Vater ist ? Dann würde ich suchen , mich so tüchtig und so brav zu machen , daß er stolz auf mich werden und mich zu sich rufen müßte ! Der Knabe hatte jedoch offenbar einen anderen Bescheid erwartet , denn er blickte sie unbefriedigt an , als wisse er sich nicht zu helfen , bis er nach einer Weile , sichtlich beruhigt durch die Lösung , welche er in sich gefunden hatte , achselzuckend sagte : Freilich , Du bist auch nur ein Mädchen , Du kannst nicht in die weite Welt gehen ! Sie mochte das absichtlich gar nicht weiter berühren , denn je mehr Paul heranwuchs , um so lebhafter entwickelte sich seine Phantasie , und was diese erschaffen hatte , dessen bemächtigte sich die schweigende Beharrlichkeit des Knaben und spann es aus und hielt es fest , bis man bei irgend einem zufälligen Anlasse es gewahrte , daß er wieder eine neue und feste Vorstellung gewonnen , einen eigenen Gedanken gefaßt habe . Jeder selbstgewonnene Gedanke ist aber eine Stufe zu der Selbständigkeit , durch welche das Kind sich von seinem Ursprunge ablöst , um sich als gesonderte Persönlichkeit in die Gesammtheit einzureihen und in derselben zu behaupten . Es ist schwer zu bemerken , dieses allmähliche Aufsteigen zur Selbständigkeit , schwerer noch , anzugeben , durch welche unscheinbaren Mittel und Anstöße es gefördert und geleitet wird . Es waltet auch hier , wie über allem Werden ein Geheimniß , das sich in dem Einen langsam , in dem Andern plötzlich enthüllt , so daß wir bisweilen staunend da stehen und uns fragen : Ist dies dasselbe Wesen , das wir kannten ? Ist dies der Knabe , der Jüngling , der noch gestern vor uns stand ? Wir glauben ein Wunder zu sehen , weil wir nicht beobachtet , nicht verstanden haben , was geschah ; und nicht nur an Anderen , auch an sich selber glaubt man solche Räthsel , solche Wunder zu erleben , wenn man aus irgend einem Grunde sein Herz nicht prüfen , wenn man nicht untersuchen mag , was man fühlt und denkt . Zwölftes Capitel In der Lage , eine ernste Selbstprüfung zu scheuen , befand die Baronin von Arten sich seit langer Zeit . Sie war nicht wieder Herr über sich selbst geworden , seit sie es sich und der Herzogin eingestanden , daß sie Herbert liebe , und seit dieser vollends durch ihre Schuld das Schloß verlassen hatte , konnte sie nicht mehr zur Ruhe kommen . Getheilt zwischen ihrem Pflichtgefühl und zwischen der Leidenschaft einer ersten Liebe , die um so stärker in ihr brannte , als sie nicht in dem blöden Herzen eines Mädchens , sondern in der vollbewußten Seele einer reifen Frau entstanden war , eben so bange vor der Hoffnung , geliebt zu werden , als vor der Besorgniß , ihre Liebe nicht erwiedert zu finden , suchte sie Anfangs Trost in dem Rathe des bewährten Freundes , des Caplans ; aber ihr eigener aufgeregter Sinn und der Einfluß der Herzogin hatten auch Angelika ' s Verhältniß zu ihrem Beichtiger angetastet und getrübt . Wenn der Caplan ihr bewies , daß die Entfernung Herbert ' s nothwendig gewesen sei , sofern sie nicht habe eidbrüchig werden wollen , so konnte er bemerken , wie sich statt der Reue über ihre Liebe eine Empörung gegen ihre Ehe in ihr erhob und wie sie sich jetzt mit einer gewissen Befriedigung der Vergangenheit und der Abenteuer ihres Gatten erinnerte , um in ihnen eine Beschönigung für ihr eigenes schwankendes Herz zu finden . Alles , was der Geistliche ihr zu bedenken gab , wurde mit der Herzogin durchgesprochen , und da die Frauen trotz der großen Verschwiegenheit , deren sie fähig sind , in ihrem Vertrauen keine Grenze kennen , wenn sie den ersten Verrath an ihrem eigenen Geheimniß begangen , so erfuhr die Herzogin nicht nur Alles , was Angelika wollte und wünschte , hoffte und fürchtete , sondern auch Alles , was zwischen ihr und ihrem Beichtiger geschehen war und geschah . Selbst das stille , heilige Geheimniß seines Herzens , welches er der Baronin einst als Zeichen seines Glaubens an sie enthüllt , wurde der Herzogin Preis gegeben und von ihr gegen den Caplan benutzt . Sie tadelte ihn nicht , im Gegentheil , sie lobte , sie bewunderte seine Entsagung , aber sie beklagte es , daß sein Leben nicht reicher , seine Erfahrung nicht ausgebreiteter gewesen , daß er immer in den engen Kreis der freiherrlichen Familie gebannt geblieben sei . Sie nannte es ein Unglück , daß er auf diese Weise nicht habe begreifen lernen , wie es nicht Jedem gegeben sei , seinen Frieden auf die gleiche Weise zu finden , auf die gleiche Weise zum Abschlusse zu kommen , und sie erinnerte daran , daß es leichter sei , sich von einer sterbenden Heiligen loszureißen , deren achtender Liebe man sich sicher fühle , als von einem Manne , dem man in der Absicht , sich selbst zu erretten , eine Beleidigung zugefügt habe . Für einen irregeleiteten Sinn giebt es aber nichts Gefährlicheres , als einen falschen Freund , der ausspricht , was man sich nicht einzugestehen wagt , der vorschlägt , was man heimlich ersehnt , und der dadurch in demselben Grade an Herrschaft über den verblendeten Menschen gewinnt , wie dieser sie über sich verliert . Der Einfluß der Herzogin gründete sich auf Angelika ' s Liebe , an deren Entstehung jene weit mehr Antheil hatte , als die Baronin es für möglich erachtet haben würde . Diese Liebe und das aus ihr entspringende Schuldbewußtsein mußten also erhalten , mußten gesteigert werden , wollte die Herzogin ihre Herrschaft bewahren . Sie wurde überflüssig , wenn Angelika zum Frieden mit sich selbst gelangte ; ihre Macht in der freiherrlichen Familie wurde größer , wenn es ihr gelang , Angelika und Herbert einander näher zu bringen und dem Freiherrn auch nur den leisesten Zweifel an der unverbrüchlichen Tugend seiner Gattin einzuflößen . Die Herzogin hatte es daher seiner Zeit kaum bemerkt , daß Angelika die Härte bedauerte , mit welcher sie Herbert von sich aus und aus ihrer Gesellschaft entfernt , und daß sie ihn wiederzusehen , ihm die Kränkung zu vergüten wünschte , die sie ihm zugefügt , so war sie auch schnell bereit , den Fehler ungeschehen zu machen , den sie mit ihrem ersten Rathschlusse begangen zu haben fühlte . Sie gestand der Baronin , daß sie sich über die Stärke ihrer Leidenschaft getäuscht , daß sie gehofft habe , eine kurze Entfernung werde genügen , das Bild des jungen Mannes in der Phantasie der Baronin erbleichen zu lassen , und wie sie derselben jetzt keinen anderen Weg zu rathen wisse , als sich nun durch ein völliges und rückhaltloses Aussprechen mit Herbert , wozu ihr bei der nächsten Anwesenheit des jungen Mannes die Gelegenheit nicht fehlen könne , die nothwendige Befreiung ihres Herzens zu bereiten . Diese Vorstellung schmeichelte dem verschwiegenen Wunsche der liebenden Frau , und die Aussicht , Herbert wiederzusehen , nahm ihre ganze Seele gefangen . Indeß Angelika war es noch nicht gewohnt , sich in Zwiespalt mit sich und ihrem Gewissen zu finden , und wenn sie es sich eben mit aller Kraft ihres Herzens ausgemalt hatte , was sie alles Herbert sagen , was sie dabei empfinden , was er ihr antworten werde , so warf ein Blick auf ihren Sohn sie in die lebhafteste Reue zurück und sie fühlte sich unfähig , ihrem Gatten zu begegnen oder ihre Stirne vor dem sanften sorgenvollen Auge ihres geistlichen Berathers zu erheben . Ihre Liebe steigerte sich an ihrem innern Kampfe , und Herbert zögerte , zu kommen . In jeder Woche , an jedem Tage durfte man auf seine Ankunft rechnen , denn die Zeit der Arbeitseinstellung nahte für dieses Jahr heran , und auch der Amtmann hatte Gründe , dieselbe lebhaft zu ersehnen . Endlich , gegen das Ende des October , traf Herbert an einem Morgen im Amthause ein , und ritt am Nachmittage , als er den Bau in allen seinen Theilen besichtigt , nach Richten hinüber . Es war eine sehr quälende Empfindung , mit welcher er das Schloß betrat . Man sagte ihm , daß Besuch im Hause sei ; er ließ sich melden , wurde angenommen , und heiter und zutraulich wie in den besten Tagen kam der Freiherr ihm entgegen . Er hatte ein paar Edelleute bei sich , denen er Herbert als einen sehr verdienten jungen Künstler vorstellte , als den Sohn eines Freundes , an dem er also doppelt Theil nehme . Der Freiherr legte dabei jene bequemen weltmännischen Manieren an den Tag , die ihn so vortrefflich kleideten , aber sie machten auf Herbert nicht mehr den wohlthuenden Eindruck wie sonst , sie beleidigten ihn vielmehr . Er fühlte , daß diese liebenswürdige Herablassung nur eine Schaustellung sei , in welcher der Freiherr sich vor seinen Gästen gefiel , und er sagte sich , daß er ihn selbst mit seiner Freundlichkeit beleidige , da er , indem er sich es erlaube , ihn nach seiner jedesmaligen Neigung zu behandeln , das Rechtsverhältniß zwischen ihnen aufhebe , nach welchem jeder rechtschaffene Mensch von den Personen , mit denen er verkehrt , vor allen Dingen die ihm gebührende gleichmäßige Behandlung zu verlangen habe . Der Freiherr führte Herbert darauf in sein Arbeits-Cabinet , das Geschäftliche wurde mit gewohnter Leichtigkeit behandelt , es war auch gelegentlich von dem Baue des Pavillons oder Tempels wieder die Rede , und Herbert , der jetzt eben so viel Scheu davor trug , der Baronin zu begegnen , als er in früheren Tagen Verlangen gehegt , sie in dieses Zimmer treten zu sehen , wußte den Gang der Verhandlungen noch zu beschleunigen . Mehrmals glaubte er jenes Rauschen eines seidenen Kleides zu vernehmen , welches ihm sonst das Herz bewegt hatte . Aber Niemand erschien ; und als er auf des Freiherrn Worte , daß er ihn morgen wiederzusehen hoffe , daß er ihn morgen zur Mittagstafel erwarte , nothwendige Geschäfte vorgab , die ihn in der nächsten Frühe abzureisen nöthigten , nahm Jener das an , ohne ihm für den gegenwärtigen Tag eine Einladung zu machen , und entließ ihn freundlich , aber eilig . Es ward Herbert erst wieder frei ums Herz , als er das Portal des Schlosses hinter sich hatte und als er , durch den kalten , windigen Nachmittag den wohlbekannten Weg nach Rothenfeld zurückreitend , die Rauchsäule aus dem breiten Schornstein des Amthauses über die dasselbe umgebenden Bäume emporwirbeln sah . Die Sonne war im Untergehen , als er den Hof erreichte . Einer der Knechte nahm ihm das Pferd ab . Als er zu ebener Erde in die bereits geheizte Stube trat , fand er sie leer . Er setzte sich an das Fenster , in welches die helle Gluth des Abendrothes hineinstrahlte . Draußen fuhr ein vierspänniger Wagen , mit einem gewaltigen Eichenstamme beladen , langsam in den Hof , während die letzten Schläge der Dreschenden auf der Tenne verklangen , und die Krähen in wählerisch kreisendem Fluge ihr Nachtquartier auf den Dächern der Scheunen und Ställe aufsuchten . Er sah , wie man die Pferde von dem Wagen abspannte , wie man sie in die Ställe führte , wie die Thüren der Scheunen geschlossen wurden , wie die Arbeiter einer nach dem andern sich entfernten und wie die Gluth und Farbenpracht des Himmels erloschen , und in die Dämmerung versanken . Das milde Zwielicht , die Wärme des Zimmers , das bekannte Ticken der alten Uhr , das vom Flur hereintönte , waren ihm äußerst angenehm . Er wußte , daß seines Bleibens auch hier nicht sei , aber er fühlte seinen aufgeregten Sinn von dieser Umgebung , in welcher Alles von der ruhigen Dauer eingewohnter Zustände Kunde gab , angenehm besänftigt . Was denken Sie ? fragte ihn Eva , als sie , das große Schlüsselbund am Gürtel , in das Zimmer trat und in der Nähe des Ofens die Hände gegen einander rieb , die ihr beim Schaffen in Küche und Kammer kalt geworden waren . Ich denke , wie heimisch ich hier bin ! Heimisch ? wiederholte sie ; und das fällt Ihnen heute ein , da Sie eben so lange von uns fort gewesen sind ? Ja , eben deßhalb , denn es ist mir , als sei ich endlich wieder nach Hause gekommen ! Ich bin so gern hier ! Er sagte das ohne jede Galanterie , und sie nahm es eben so einfach auf , ohne sich in ihrer häuslichen Thätigkeit stören zu lassen . Sie langte einen Fruchtkorb aus dem großen Glasschranke herunter , füllte ihn mit den frischduftenden Aepfeln und Pflaumen , welche eine Magd ihr zutrug , zündete darauf die Lichter an und setzte sich Herbert gegenüber an das Fenster . Sind Sie mit meinem Bruder zufrieden ? fragte sie nach einer Weile . Er hat arbeiten lassen , so viel er irgend konnte , und mir scheint auch , als wäre man im Innern mit dem Baue tüchtig vorwärts gekommen . Waren Sie dort , liebe Eva ? Ja , alle Tage , versetzte sie , und ich habe den Bruder recht darum gequält , daß er hübsch viel Leute anstellen sollte , fügte sie hinzu ; aber Sie glauben gar nicht , wie er von allen Ecken und Enden geplagt wird . Sie gönnen ihm jetzt keine Stunde Ruhe , und es wäre bald nöthig , daß er und ich Alles mit eigenen Händen thäten . Denn wo ein Knecht oder eine Magd nur irgend anstellig ist , da werden sie jetzt zur Aushülfe aufs Schloß und zu den neuen Anlagen in den Treibhäusern befohlen , und alles Andere mag sehen , wie es fertig wird . Auch nach Ihnen haben sie in den letzten Wochen schon einige Male gefragt ! Der Freiherr wußte ja , bedeutete der Architekt , daß ich vor Ende dieses Monates nicht zu kommen brauchte