merkwürdig viele Menschen der Base Schlotterbeck das Geleit zu der Grube , die Hans auf dem Friedhofe gesehen hatte , und Hans führte den Oheim Grünebaum dicht hinter dem Sarge . Die Stadt wußte bereits , daß der Kandidat Unwirrsch angelangt sei , und richtete ihre Augen auf ihn , während der Leichenzug sich durch die Straßen wand . Manch alter Bekannter schloß sich dem Grabgefolge an , und auf dem Kirchhofe hielt der Hülfsprediger von der Valentinskirche eine wohlmeinende Rede über die Tote , den Oheim Grünebaum und den jungen geistlichen Kollegen . Nach dem Begräbnis kamen viele , um den beiden Leidtragenden die Hände zu schütteln , und darunter befand sich mehr als einer , der mit Hans auf der Schulbank vor dem Armenlehrer Silberlöffel und dem Professor Fackler gesessen hatte . Nun waren der Oheim und Johannes wieder zu Hause und hatten sich des Maurers und seiner Familie dadurch für eine Zeit wenigstens entledigt , daß sie die Tür des Stübchens der seligen Base verriegelten . Der Oheim setzte sich in den Lehnstuhl der Base , um vor Kummer und Ermüdung einzuschlafen ; der Kandidat Unwirrsch , zum erstenmal seit seiner Heimkehr sich selber überlassen , konnte zum erstenmal versuchen , es zu fassen , daß dies das Haus sei , in welchem er geboren wurde , in welchem die leuchtende Kugel hing , in welchem er eine so stille , so reiche Jugend verlebte . Er sah sich um in der Stube der Base und erkannte jeden Gegenstand wieder ; auch die Glaskugel des Vaters war am Platz , und ein Strahl der Abendsonne fiel darauf . Der alte Mann in dem Sorgenstuhl mußte wirklich der Oheim Grünebaum sein , und das war die Kröppelstraße - kein Zweifel , kein Zweifel daran ! Und drüben das alte , verfallene Haus mit der engen , niedern Tür und dem eisernen Arm und Haken an der Tür ! Alles , wie es war , nur , daß der königlich westfälische Lakai fehlte , und der hatte ja schon gefehlt , als Hans noch ein ganz junger Mann und ein angehender Student war . Nun war die alte Zeit ganz und gar wieder lebendig geworden ; Hans Unwirrsch sah so viele Geister in der Kröppelstraße , wie die Base Schlotterbeck nur jemals gesehen haben mochte . Sie stiegen herauf und gingen vorüber ; sie kamen zurück und versanken , um näher oder ferner wieder emporzusteigen . Immer mehr , immer mehr drängten sich heran - fast erdrückend war diese » Fülle der Gesichte « , man konnte wohl darüber sich und die gegenwärtige Stunde vergessen . Eine Bewegung des Oheims riß endlich den Kandidaten Unwirrsch in die Wirklichkeit zurück . Es war Dämmerung , der Oheim Grünebaum war aus dem Armstuhl in die Höhe gefahren und rief mit seltsam unheimlicher Stimme : » Alle Schuster ' ran ! Immer herein , immer herein , wer ' s Letzte von ' s Spiel sehen will ! Base Schlotterbeck , Sie hat doch recht gehabt : Lustig gelebt und selig gestorben , und auf den Rest kann ich mir nicht mehr besinnen . Bist du noch da , Hans , so komme heran und gib mir die Hand . Wir sind gute Kameraden und Verwandte gewesen , aber besser wär ' s vielleicht doch gewesen , wenn du ' n Schuster geworden wärest , wie alle andern Grünebäume und Unwirrsche , und kein Pastore . Base Schlotterbeck , ich grüße Ihr , ' s ist mir alleweile ein Kompliment und eine Ehre , in Ihre frivole und angenehme Gesellschaft zu sein . Wenn du was an Vatern und Muttern zu bestellen hast , Hans , so rücke ' raus damit , ' s ist , wie ich ' s sagte , ich sage dir Valet , und der Deibel - nein , na du weißt ' s ja . Gehab dir wohl , mein Junge , und habe dir nicht . Ich wünsche dir alles mögliche Pläsier und sage Amen , und der Stiebel ist fertig ! Amen , und der Stiebel ist fertig ! « Hans sprang entsetzt herzu und rief nach Licht und um Hülfe . Der Maurer mit seiner Familie pochte an die verriegelte Tür : Hans öffnete mit zitternder Hand Man beleuchtete den Oheim Grünebaum , und der Oheim Grünebaum war so gut gewesen wie sein Wort ; er war der Base Schlotterbeck nachgegangen , das aber , was er an Körper und sonstigem Eigentum auf der Erde zurückließ , wollte nicht viel bedeuten . Vergeblich wurde der Arzt herbeigerufen , der Oheim Nikolaus Grünebaum war tot , und keine menschliche Kunst konnte ihn wiedererwecken . Nachdem er sich so viele Jahre hindurch mit der Base gekatzbalgt hatte , fraß ihm der Tod derselben das Herz ab . Ein widerhaarigerer Schuster hatte seit lange nicht den Atem aufgegeben , und jeder , welcher den Mann näher gekannt hatte und nun von seinem Verscheiden hörte , fuhr mit der Hand durch die Haare , zog die Achseln in die Höhe und sprach seine Meinung dahin aus , daß es ein Verlust nicht bloß für das menschliche Herz , sondern auch für das menschliche Auge sei . Hans Unwirrsch wurde sehr bedauert , und mehrere Leute boten ihm ihren Beistand in dieser traurigen Zeit an , und der Maurer zeigte ihm an , daß er geneigt sei , jetzt , wo die beiden Alten tot seien , das Haus in der Kröppelstraße gegen ein nicht unbilliges an sich zu bringen . Und wieder stand Johannes auf dem Gottesacker , doch dieses Mal ganz allein . Das kleine Grabgefolge , das dem Oheim die letzte Ehre angetan hatte , hatte sich verlaufen : Hans hatte dem Totengräber versprochen , ihm den Schlüssel des Kirchhofes ins Fenster zu reichen - Hans Unwirrsch stand allein , und der Schlüssel wog schwer in seiner Hand . In dem gelben , zerwühlten Boden zu seinen Füßen lagen jetzt alle , die einst , jedes in seiner Art , so treu , freundlich und fest zwischen ihm und der harten , kalten Welt der Wirklichkeit gestanden hatten . Unter den Hügeln lagen die Wächter seiner Jugend , und er , den einst ein so mächtiges Sehnen aus ihrem Kreise weggetrieben hatte , er stand jetzt und sehnte sich wieder , doch nicht mehr in die Ferne . Der rostige Schlüssel in seiner Hand zog ihn fast zur Erde nieder ; es war kein Gewicht der Welt dem seinigen zu vergleichen . Hinter der Pforte , welche dieser Schlüssel öffnete , war alles vollendet , und Hans Unwirrsch hatte Lust , den andern nachzusteigen in die Tiefe . Da aber trat aus dem Dunkel und der Bedrängnis , die ihn umgaben , eine lichte Gestalt ; diese hielt ihn zurück , und um ihretwegen sagte er , daß seine Zeit noch nicht gekommen sei . Einen letzten Blick warf er über die Gräber , dann ging er fort und schloß die Pforte des Kirchhofes hinter sich , wie er es versprochen hatte . Er gab den Schlüssel , der so rostig war , obgleich er doch soviel gebraucht wurde , in der Wohnung des Totengräbers einem lachenden , hübschen Kinde , das versprach , ihn an den Vater abzuliefern . Wie er den Rest des Tages und die Nacht verbrachte , konnte er später nicht sehr genau angeben ; - er saß in dem Stübchen der Base Schlotterbeck in dem Lehnstuhl , in welchem der Oheim Grünebaum gestorben war , und sah die Lampe , die ihm in seiner Kindheit geleuchtet hatte , durch die gläserne Kugel scheinen . Er sah sie langsam erlöschen und sah den Morgen über dem Hause dämmern , das einst der Trödler Samuel Freudenstein mit seinem Sohn Moses bewohnt hatte . In den folgenden Tagen besuchte er alle Orte , an die sich eine Kindheitserinnerung knüpfte , und viele Menschen , die ihm einst nahegestanden hatten , besuchte er auch . Der Professor Fackler war jetzt auch ein alter Mann und ebenfalls ein wenig kindisch ; er konnte den Namen des Kandidaten Unwirrsch nicht behalten , und an Moses Freudenstein erinnerte er sich gar nicht . Seine Frau war gestorben , aber auch das vergaß er dann und wann und redete seine jüngste Tochter mit dem Vornamen der Gefürchteten an . Der Kanzleidirektor Trüffler hatte längst das Zeitliche gesegnet , und seine Nachkommen hatten die Stadt verlassen . Auf der Schwelle eines ärmlichen Judenhauses sah Hans auch Esther , die Haushälterin des Trödlers Freudenstein . Sie war das älteste Weib der Stadt , grade hundert Jahre alt . Der Segen des Herrn war bei ihr , ihre Augen waren noch hell , ihr Geist war noch scharf und klar ; doch in welcher Weise sie gegen Hans über Moses , den Sohn Samuels , sprach , darüber redete Hans niemals . Ein Schulgenosse , der das Jus studiert hatte und jetzt eine ähnliche Rolle in Neustadt spielte wie der Armenadvokat Siebenkäs in Kuhschnappel , ordnete währenddem die Vermögensverhältnisse des Kandidaten Unwirrsch . Das Haus in der Kröppelstraße wurde versteigert und dem Maurer für bare dreihundert Taler zugeschlagen . Fünfzig blanke bare Taler wurden gelöst aus der fahrenden Habe der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum , aber die Glaskugel wurde nicht verkauft . Hans Unwirrsch hatte soviel Geld niemals auf einem Tische zusammen gesehen , aber auch niemals hatte ihn ein Haufen so angewidert und so unglücklich gemacht . Mußte es ihm doch zumute sein , als ob er alle seine süßesten , liebsten Erinnerungen zu Gelde gemacht habe ; und von welcher Seite er auch den Mammon ansehen mochte und wie vernünftig und verständig er sich auch die Sache vorstellen mochte , seine Gefühle blieben dieselben . Und wenn ihm jemand das Geld gestohlen oder abgeschwindelt hätte , so würde er sich gewiß nicht an die Polizei gewendet haben , sondern wäre dem Halunken noch dankbar gewesen . Es kam der Tag - ein schneedrohender Novembertag war ' s - , an dem Hans Unwirrsch nichts mehr in seiner Vaterstadt zu schaffen hatte . Er konnte gehen , wann es ihm beliebte und eine große Öde ließ er hinter sich zurück . Für die Gräber auf dem Kirchhofe hatte er nach Kräften gesorgt : Abschied hatte er von den Toten und den Lebenden genommen ; der Advokat gab ihm das Geleit zum Posthause und sah ihn abfahren , kehrte frierend heim und dachte eine Viertelstunde nachher nicht mehr an ihn . Als die Post sich mühsam zu den Höhen hinaufarbeitete , fing es wirklich an zu schneien , und durch das runde Fenster an der Hinterwand des Wagens sah Hans seine Heimat im Dunst und Nebel versinken . Er war allein im Wagen und hatte Zeit und Gelegenheit zum Nachdenken , aber er war nicht dazu imstande . Nur verworrene Bruchstücke von allerlei Erlebnissen , Gedanken und Bildern durchfuhren seinen Geist . Körperlich und geistig durchgerüttelt und durchgeschüttelt , erreichte er am Mittag die Eisenbahnstation und kroch als der erste in einen leeren Waggon , der jedoch nach einigen Augenblicken voll wurde . Es stiegen verschiedene Damen und Herren ein , die der Kandidat Unwirrsch bereits kannte . Der Kasten mit dem Titi langte an unter dem Arme jenes großen Barbaren , der so unhöfliche Bemerkungen machen konnte . Die beiden jungen Damen mit dem Wilden-Tier-Geruch waren nicht verlorengegangen , und die Krone des Ganzen erschien , die Herrin der wandernden Horde , die dicke Madam mit der männerhaften Stimme und dem ausgezeichneten Pelzrock . Nichts von alledem , was die Herreise so gemütlich für Hans machte , fehlte auf der Rückreise , und da die Gesellschaft schlechte Geschäfte auf ihrer Razzia gemacht und dazu den Waschbären an der Schwindsucht verloren hatte , so war ihre Stimmung womöglich noch heiterer und liebenswürdiger als bei der ersten Begegnung . Mitten in der Nacht langte Hans in der Grinsegasse an und fand in seiner Wohnung nicht alles in der richtigen Ordnung . Es wurde viel Kinderwäsche darin getrocknet , und sehr böse Dünste herrschten darin . Mit grimmigem Kopfweh behaftet , saß Hans auf dem Rande seines Bettes , während die taube Wirtin das Gemach zu einem Aufenthaltsort für Menschen machte ; aber die Karte , die der Oberst von Bullau für den Kandidaten zurückgelassen hatte , vergaß sie natürlich und erinnerte sich erst am andern Morgen daran . Als am andern Morgen Hans die Karte erhielt , fuhr er freilich hoch empor von seinem Stuhl und überhäufte die gute Frau mit Fragen nach dem , welcher sie gebracht , wann er sie gebracht und was er gesagt habe . Die Wirtin erschrak nicht wenig vor der Heftigkeit , mit welcher diese Fragen gestellt wurden . Sie berichtete , es sei vor acht oder vierzehn Tagen ein alter Herr mit einem weißen Schnauzbart gekommen , der arg über die Treppe und die Dunkelheit auf der Treppe geschimpft und sich böse am Waschfaß vor der Tür die Knie zerstoßen habe . Die Kinder hätten vor Angst sehr geschrien , er aber habe jedem ein Viergroschenstück geschenkt und sich dann nach dem Herrn Kandidaten erkundigt und habe dabei sehr grimmig ausgesehen . Als er vernommen habe , daß der Herr Kandidat verreist sei , habe er wieder geflucht und habe die Karte auf den Tisch geworfen und gesagt , wenn der Kandidat Unwirrsch heimkomme , möge er in den Grünen Baum gehen , da werde er das Weitere erfahren . Darauf habe sie , die Wirtin , ihre Lampe anzünden und dem Alten die Treppe hinableuchten müssen , obgleich es heller Tag gewesen sei . Auf der Straße habe er gesagt , sie möge sich zum Teufel scheren , und die ganze Grinsegasse habe sich über diesen Herrn verwundert , und das sei auch nicht zum Verwundern gewesen . Nach dem Grünen Baum ! O Fränzchen Götz ! Achtundzwanzigstes Kapitel » Der Herr Oberst von Bullau ? « fragte Lämmert , der soldatische Wirt des Grünen Baumes , als Hans , nüchternen Magens , ganz außer Atem vor ihm erschien , und sehr phlegmatisch wiederholte er : » Ja , der Herr Oberst von Bullau ! « » Ist er nicht hiergewesen ? Hat er keine Bestellung für mich hinterlassen ? « rief Hans , der ebenso heiß erschien , als der Wirt kühl war . » Sie sind der Herr Kandidat Unwirrsch und sind hier einmal mit dem Herrn Leutnant Götz eingekehrt ? « » Jawohl ; - ich bitte Sie - « » Wenn Sie der Herr Kandidat Unwirrsch sind , so sind Sie der Mann ; allein , aber - der Herr Oberst von Bullau sind nicht mehr hier . « » Aber er hat vielleicht eine Bestellung für mich hier zurückgelassen ! Ich bin doch hierherbeschieden ! « Von neuem betrachtete Lämmert den Theologen vom Kopf bis zu den Füßen , verschlang das Wort : Putzig ! und sagte mit Gelassenheit : » Vielleicht wissen die Herren im Nest etwas davon , und wenn der Herr Kandidat heute abend zur bekannten Zeit einfliegen will , so wird es ihm und den Herren angenehm sein . « Hans Unwirrsch konnte trotz der Versicherung des Wirtes den Gedanken , heute abend die Gesellschaft der Neuntöter zu genießen , nicht so angenehm finden . Er sah befangen auf den Wirt , und der Wirt sah unbefangen auf ihn und meinte : » Wenn der Herr Kandidate etwas Herz- und Magenstärkendes zu sich nehmen wollten , so würde das an diesem kalten Morgen und bei solcher Gesichtsfarbe nicht von Übel sein . « » Ja , ich will kommen . Ich muß wohl . Es wird wohl nichts anderes übrigbleiben ! « seufzte Hans , Lämmerts menschenfreundliche Anlockung überhörend . Er nahm Abschied von dem Wirt zum Grünen Baum , und wenn derselbe vorhin seinem Herzen nicht Luft-gemacht hatte , so tat er es jetzt . » Sehr putzig ! « sagte er , dem Kandidaten Unwirrsch kopfschüttelnd nachblickend : » Solch ein Vogel fehlte uns grade noch . « Er trat in sein Haus zurück , um irgendeinem nachlässigen Kellner an den Kopf zu fahren , und Hans Unwirrsch eilte , immer noch nüchtern , nach dem Park , der Parkstraße und dem Hause des Geheimen Rates Götz . Da war es wieder , dieses Haus ! Unverändert , frostig elegant . Und scheu schlich Hans vorüber und sah nach dem Fenster des Zimmers , welches er selber bewohnt hatte , und sah nach einem andern Fenster . Die wahnsinnige Hoffnung durchfuhr ihn , es müsse jemand an die Scheibe klopfen , um ihn hereinzurufen ; aber da es nicht geschah , sagte er sich , daß es nicht geschehen würde , und schlich vorüber , durchkreuzte den Park , kam wieder in die Stadt zurück und suchte die Expedition der meistgelesenen Zeitung auf , um ein Inserat abzugeben . Er zeigte der Haupt- und Residenzstadt und - dem Fränzchen in dem Hause in der Parkstraße den Tod der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum an . Dann trank er in einer Konditorei Kaffee ; dann aß er irgendwo mit dem dumpfen Gefühl , dreihundert Taler zu besitzen , zu Mittag , und dann ging er nach Haus und erwartete den Abend . Er war sehr müde und dachte nicht daran , das Manuskript des Hungerbuches von neuem zu beginnen . An die Toten dachte er und an das Fränzchen , und dann stieg er auf den Tisch , um einen Nagel in die Decke zu schlagen . An diesen Nagel hing er die Glaskugel , bei deren Schein sein Vater Schuhe und Gedichte gemacht hatte , in deren Schein seine Mutter saß und ihre Wiegenlieder sang , in deren Scheine die Base Schlotterbeck auf ihrem niedrigen Schemel kauerte und ihre Märchen erzählte . Vieles hatte er als Kind , vieles als Jüngling in dem zerbrechlichen Dinge gesehen ; nun saß er als Mann dabei und sann nach über das , was sich verändert hatte , und das , was geblieben war . Dann stand er auf und ging ruhiger nach den Grünen Baum , um von irgendeinem der Neuntöter zu erfahren , was ihm der Oberst von Bullau zu sagen habe . Er hatte seinen Weg einem heftigen Winde abzukämpfen ; aber glücklich langte er zuletzt doch an seinem Bestimmungsorte an und stand in der Tür jenes Gemaches , in dem man ihm einst so viele und so merkwürdige Geschichten erzählt hatte . Alles noch ganz so , wie es damals war - der weise Heide Sokrates auf dem Ofen und der alte Schwede Lebrecht Blücher an der Wand ! Tabaksdampf zur Genüge , anmutige Dünste von Punsch , Grog und andern heißen und kalten Erquickungen ; - ein halb Dutzend Neuntöter um den runden , grinsenden Tisch und der einarmige Herr mit der » wackern « Geschichte von der Wütenden Neiße und dem ausgehungerten Bauernhaus auf dem Präsidentenstuhl ! » Der Herr Kandidatus Drumwisch ! « rief Lämmert in den Qualm hinein , und wer dem hülflosen Hans den Rücken zuwandte , drehte sich um , wedelte den Rauch vor den Augen weg und stierte auf den Kandidaten . » Holla « , rief der einarmige Herr , » eintreten ! Tür zumachen ! Abtreten , Lämmert - alles in der Ordnung . Hierher , Herr Pastore ! « Da war der Vogel , der bald rechts , bald links war ; da war der joviale Vogel mit dem seltsamen Husten ; da waren noch verschiedene andere Vögel , die der Kandidat Unwirrsch bis jetzt noch nicht kannte , denen er aber nunmehr Vorgestellt wurde , und zwar als junger Mann , der imstande sei , mehr zu halten , als er verspreche , und der einmal einen recht brauchbaren Feldprediger abgeben werde . Sie begrüßten ihn allesamt nach der Art der Neuntöter , und jeder sammelte feurige Kohlen nicht auf dem Haupte des Kandidaten , sondern unter seinen Füßen . » Sie sind der Mann meines Herzens « , sagte der einarmige Herr . » Setzen Sie sich doch ; ein Glas Grog sollen Sie auch haben . Setzen Sie sich ; Sie sehen wahrhaftig aus , als ob Ihnen etwas Warmes sehr gut bekommen würde . « » O Herr Hauptmann « , rief Hans , » Sie werden mir Nachricht von dem Herrn Oberst von Bullau und dem Herrn Leutnant Götz geben können ! Ich bitte Sie , sagen Sie mir , was mir die beiden Herren sagen lassen . Ich habe so viel Böses und Trauriges in der letzten Zeit erlebt , daß ich kaum noch weiß , wie ich mich dagegen wehren soll . Es ist nicht etwas Warmes , was ich bedarf . Gestern abend bin ich aus meiner Geburtsstadt hierher zurückgekehrt ; ich habe dort meine letzten Verwandten begraben ; - ich bitte Sie , teilen Sie mir mit , was Sie mir zu sagen haben . « » Aber mein Junge ! « rief der einarmige Herr , » wahrhaftig , bei meiner Seele ! Kommen Sie , setzen Sie sich . Sie sehen in der Tat jämmerlich aus , und da mag der Spaß aufhören . Was haben Sie denn ? Was ist Ihnen begegnet ? Ich für mein Teil habe Ihnen weiter nichts zu sagen , als daß Sie hinbeordert sind . « » Hinbeordert ? ! Wohin ? ! Zu wem ? ! « » Nun , alle Teufel , nach Grunzenow zum Kameraden Götz . Der Oberst wollte Sie auf der Stelle mit sich nehmen und hat nicht wenig räsoniert , als er Sie nicht in Ihrem Bau fand . Er hat mir aufgetragen , Sie ihm zu schicken ; das ist aber auch alles , was ich Ihnen sagen kann . Sie tun vielleicht ein gutes Werk an dem Kameraden Götz , wenn Sie sich so bald als möglich auf die Beine machen ; der arme Teufel scheint sehr festzusitzen und in großer Not zu sein wegen des kleinen Mädchens , seiner Nichte , die er vor einigen Jahren aus Paris holte . Sie werden die Verhältnisse besser kennen als ich oder irgend jemand hier im Nest . Da war das Fräulein in dem Hause des Geheimen Rates Götz , welches neulich mit dem Juden durch die Lappen ging , und noch manche andere Dinge . Wir haben allerlei darüber gehört ; aber wir halten es nicht für anständig , in den Familientopf der Kameraden zu schnüffeln , wenn das Ding ernst und nicht mit einem schlechten Witz abzumachen ist . Gehen Sie nach Grunzenow zu dem alten , braven Burschen ; wer weiß , was für einen Trost er von Ihnen erwartet . « » Morgen , morgen ! « rief Hans , und der Hauptmann gab ihm die Hand , welche nicht nach der Schlacht an der Katzbach den Weg alles Nahrhaften und Delikaten gewandelt war . » So ist ' s recht ! Sie sind ein wackerer Knabe und gefallen mir ganz merkwürdig , und etwas Warmes sollen Sie trotz allem trinken , und dann rücken Sie heraus mit ihrem eigenen Elend . Wir haben alle hier um den Tisch unser Teil Trübsal im Ranzen , und ich glaube , mehr als einer läßt manchmal innerlich das Maul hängen , wenn er mit Lachen auf den Tisch schlägt . Auf Ihr Wohl , Herr Kandidate , und nun geben Sie Ihr Ungemach von sich - Feuer ! « Hans sah ein , daß es vergeblich sein würde , sich gegen die gemütliche Teilnahme der Neuntöter zu wehren . Er erzählte deshalb in kurzen Worten von seiner Fahrt nach Neustadt und dem Tode seiner Base und des Oheims . Als er zu Ende war , tranken sämtliche anwesende Neuntöter auf das Wohl der Base und des Oheims und stießen ihnen zu Ehren die Gläser mit Gekrach auf den Tisch . Sie hatten auf diese Weise schon manchem Kameraden die » letzten Honneurs « gemacht ; es blieb Hans nichts übrig , als sich im Namen der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum zu bedanken . Die Sache hatte nichts Lächerliches und Possenhaftes an sich ; - der Kandidat Unwirrsch sprach seinen Dank für die Ehre mit Tränen in den Augen aus . » Na , Sie rücken sehr auf Ihrem Stuhle , junger Mann « , sagte der einarmige Hauptmann von der Wütenden Neiße . » Es wäre auch unrecht , Sie hier festhalten zu wollen ; machen Sie , daß Sie fortkommen , und gehen Sie nach Grunzenow . Der Mensch kann gesund von manchem Schlachtfeld marschieren , und wenn er ein gut , treu Angedenken für die behält , welche darauf verfaulen müssen , so wird ' s ihm niemand übelnehmen , wenn er daneben an das kommende Quartier denkt , ob ' s trocken , behaglich und wohlverproviantiert sein wird . Bestes Glück für die Zukunft , Herr Kandidate , marschieren Sie auf Grunzenow und grüßen Sie die beiden alten Kameraden , Schwerenöter und Neuntöter dort : wir wären alleweile noch auf dem Zweig ; aber der Kamerad Öchsler sei weggeblasen worden und wir hätten ihm vorgestern das Geleit gegeben . « Um den Tisch ging Hans , und jeder Neuntöter schüttelte ihm die Hand . Lämmert gab ihm das Geleit bis zur Haustür , nachdem er ihm eigenhändig in den Überrock geholfen hatte . » Es ist mich eine kuriose Ehre , Herr Pastore « , sagte er . » Ich werde mich freuen , Sie bei Kräften und bei besserer Witterung wiederzusehen . Meine gehorsamste Empfehlung an den Herrn Leutnant und den Herrn Oberst . « Auch dem Herrn Wirt zum Grünen Baum drückte Hans die Hand und merkte erst zu Hause , welch ein schwerer Gegenstand ihm unterwegs fortwährend gegen die Schenkel geschlagen hatte . Eine wohlverpichte Flasche alten Rums war ' s , gewickelt in einen Bogen weißen Papiers mit dem Vermerk von Lämmerts Hand : Zur Erquicklichkeit und Tröstung unterwegens ! Nach Grunzenow ! Nach Grunzenow ! Alle Ermattung war verschwunden , alle Steifheit aus den Gliedern gewichen . Mit weiten Schritten durchmaß Hans Unwirrsch beim Schimmer der schwebenden Kugel sein Gemach und überlegte . Der Gedanke , mit dem Leutnant Rudolf Götz über das Fränzchen und über das Haus des Geheimen Rates zu reden , stand so hell in seiner Seele , daß alles übrige davor mehr oder weniger in die Dunkelheit zurückwich . Ja , das war das Rechte : Nach Grunzenow , nach Grunzenow zu dem Leutnant Rudolf ! Dort war Rat und Hülfe ; von dort aus mußten sich alle diese Wirrnisse lösen . So leicht ums Herz wie in dieser Stunde war ' s dem Hungerpastor lange nicht gewesen ! Noch an demselben Abend wurde die taube Wirtin von der neuen Reise in Kenntnis gesetzt , und sie legte eine schickliche Verwunderung darob an den Tag . Hans Unwirrsch suchte von neuem sein Reisegepäck zusammen , und am folgenden Tage um Mittag folgte er bereits dem Rufe des Leutnants Rudolf Götz , nachdem er noch einen vergeblichen Versuch gemacht hatte , den Geheimen Rat Theodor Götz zu sprechen . Schnöde wurde er von Jean , dem Bedienten , abgewiesen , unter dem Vorgeben , der Herr sei nicht zu Hause . Die Karte , die er zurückließ , gelangte ebenfalls nicht an den Ort ihrer Bestimmung , Jean steckte sie aus alter Anhänglichkeit an den frühern Hauslehrer an den Spiegel in seiner eigenen Kammer , wo sie neben einer Pfauenfeder sechs neben schönen Liedern , gedruckt in diesem Jahr , und einem Billetdoux der Köchin ein verfehltes Dasein fristete . Nordostwärts lag diesmal der Weg des Kandidaten Unwirrsch , und mit welcher Hast sich auch die Räder des Dampfwagens drehen mochten , sie rissen den hungrigen Hans doch nicht schnell genug vorwärts . Er sehnte sich allzusehr nach Grunzenow und dem alten gichtbrüchigen » Bettelleutnant « , der dort dem Oberst von Bullau » auf der Tasche lag « . Seiner diesmaligen Reisegesellschaft wußte er sich später in keiner Weise zu entsinnen ; nur das wußte er , daß sich die Leute mit dem Titi und dem Klapperschlangenkasten nicht darunter befanden und daß er den mürrischen Herrn von damals fast herbeiwünschte als Dämpfer seiner Aufregung . Was hatte er alles dem Leutnant zu berichten ? Was konnte der Leutnant zu diesem und jenem sagen ? Wie mochte der Leutnant über sein Verhalten im Hause des Geheimen Rates denken ? Und dazwischen fuhren dann wieder die Gedanken an die beiden Särge und Gräber zu Neustadt , an den schweren Schlüssel , den er auf dem Kirchhof in der Hand gehalten hatte , an das alte Haus in der Kröppelstraße das nun einem andern gehörte , trotzdem daß er darin geboren und daß seine ganze Verwandtschaft darin gestorben war . Wahrlich , die Gedanken wirbelten schneller im Kreis , als sich die Räder um ihre Achse drehen konnten . Weder Kälte noch Hunger fühlte Hans auf dieser Fahrt , und die erquickliche und tröstliche Flasche des wackern Wirtes zum Grünen Baum hatte er in der Grinsegasse vergessen , ohne mehr an sie zu denken als an das Manuskript des Buches vom Hunger . Wohl aber dachte er viel an jenen Abend im Posthorn zu Windheim , wo er den Leutnant Götz und das Fränzchen zum erstenmal in seinem Leben sah . Dann auch an die betrübten Tage in Kohlenau und jenen Tag , an dem er im Fichtengehölz saß , auf das gute Glück wartete und den Herrn Leutnant um die Waldecke traben sah . An jene Wanderung nach der großen Stadt dachte er , jene Wanderung , während welcher er zuerst ausführlich die Geschichte der drei Bruder Götz und des Fränzchens vernahm . Als die neue Nacht kam und die vor den Fenstern des Wagens vorübergleitende Landschaft sich den Blicken entzog , dachte er an jenen Hügel , auf dem er mit dem Leutnant Rudolf stand und bänglich hinabsah auf das feurige Leuchten und