durch die Thür , welche in die rothe Stube führte . Oldenburg hatte sich an den Kamin gestellt , seine kalten Hände zu wärmen . Tausend Gedanken auf einmal wirbelten durch sein Hirn , er schritt ein paarmal durch das Gemach , dann stellte er sich wieder an den Kamin . Melitta hatte Recht , murmelte er . Ehe dies Unrecht nicht gesühnt ist , kann von Glück für mich nicht die Rede sein . Und wie soll es gesühnt werden ? Ist es doch der Fluch der bösen That , daß sie fortzeugend Böses muß gebären . Es war der Schatten von heute , der gestern schon auf unsere Seele fiel . Wie stumpfsinnig war ich , wie verblendet von Leidenschaft , daß ich die Mahnung nicht verstand ! Aber es ist entsetzlich , daß die Erinnyen uns bis in den Tempel verfolgen , wo wir uns reinigen wollten von aller Schuld , bis in das Heiligthum , das unser ganzes Glück umschließt . Das Rauschen eines Gewandes hinter ihm schreckte ihn empor . Er wandte sich um , und vor ihm stand Melitta , blaß und ernst , die schönen , lieben Augen glänzend von der Spur frisch geweinter Thränen . Melitta , sagte Oldenburg , die Hände nach ihr ausstreckend , kannst Du mir verzeihen ? Ich habe Dir nichts zu verzeihen , Adalbert , erwiderte sie , ihre Hände in die seinen legend , laß uns geduldig tragen , was wir doch tragen müssen . Sie sahen sich ein paar Momente schweigend in die Augen . Es liegt noch Manches zwischen uns , sagte Oldenburg traurig , ich kann Dir nicht bis auf den Grund der Seele schauen . Wir müssen eben geduldig sein , sagte Melitta . Oldenburg ließ ihre Hände los . Wie geht es ihr ? Sie ist sehr schwach ; in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen ; aber sie erkennt mich wohl und hat schon mehrmals nach Dir gefragt . Ist Czika bei ihr ? Ja . Darf ich sie sehen ? Laß mich erst einmal allein hingehen . Ich komme alsbald zurück . Nach einigen Minuten , während deren Oldenburg mit untergeschlagenen Armen , die Augen nicht vom Boden hebend , in dem Saale auf- und abgegangen war , erschien Melitta wieder in der Thür : Komm ! Oldenburg folgte ihr durch die rothe Stube , in ein halbdunkles Gemach , Melitta ' s Schlafgemach . Es war das erste Mal in seinem Leben , daß er es betrat , und während sie hindurch gingen , fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf , welch ' verhängnißvoller Augenblick ihm dem Zutritt in dieses Heiligthum verschaffte . An der Thür auf der entgegengesetzten Seite blieb Melitta stehen und flüsterte : hier ist sie . Sie traten ein . Es war ein großer , äußerst stattlicher , in der Rococomanier überladen decorirter und möblirter Raum , der zu den Fremdenzimmern in der Fronte des Hauses gehörte . Schwere gelbseidene Vorhänge verhüllten die Fenster ; die Stühle und Sophas waren mit demselben Stoff überzogen , der getäfelte Fußboden blinkte in dem Schein des Feuers , das in dem Kamin brannte . Auf dem von Amoretten getragenen Sims des Kamins stand eine vergoldete Stutzuhr , die den von Genien und Schmetterlingen umflatterten Eingang einer Grotte darstellte , aus deren Oeffnung , so oft die Stunde schlug , ein Sensenmann hervortrat . Gemälde im Geschmack jener Zeit , mit gezierten Schäfern und wohlfrisirten Schäferinnen in breiten , verschnörkelten Goldrahmen schmückten die Wände . Von der Stuckdecke hing ein mächtiger Kronleuchter von Glaskrystallen , die bei dem wechselnden Licht , das in dem Gemache herrschte , in allen Farben des Regenbogens spielten . Und inmitten dieser Pracht , in einem großen Himmelbette , dessen seidene Vorhänge halb zurückgeschlagen waren , ruhte auf schneeigen Kissen , ein armes , todtkrankes Weib , das im fernen Ungarlande hinter einer Hecke das Licht der Sterne erblickt und Zeit ihres Lebens nur in Scheunen und Ställen und öfter noch auf der öden Haide unter freiem Himmel , oder im wilden Walde unter hohen Buchenhallen die Nächte zugebracht hatte . Ihre großen , im Fieber erglänzenden Augen wanderten unruhig über all ' die Herrlichkeiten , die sie umgaben , hin und blieben dann immer wieder auf ihrem Kinde haften , als sei dies der einzige Punkt , wo ihr geängstigter Geist sich wieder auf sich selbst besinnen könnte . Czika stand vor dem Bett , gekleidet in die phantastisch bunte Tracht , die sie zu tragen pflegte . Ihr schönes Gesichtchen war noch ernster und sorgenvoller als sonst . Sie verwandte keinen Blick von der Mutter . Man sah ihr an , daß sie ein volles Verständniß der Lage hatte ; daß sie sehr wohl wußte , daß es der Tod sei , der ihrer Mutter braune Wangen so gelb und die rothen Lippen so bleich machte , und mit so großen kalten Schweißtropfen die schmerzlich gefurchte Stirn bethaute . An einem Tischchen in der Nähe des Bettes stand der alte Baumann . Er war eifrig beschäftigt , einen kühlenden Trank zu bereiten , und er blickte von seiner Beschäftigung kaum auf , als jetzt Melitta und Oldenburg geräuschlos in das Zimmer traten . Aber das scharfe Ohr der Kranken hatte sie wohl gehört . Ein schwaches Lächeln der Befriedigung flog über ihr verwüstetes Gesicht . Sie winkte die Beiden mit den Augen zu sich heran . Czika war , wie sie an das Bett traten , zwischen sie zu stehen gekommen . Xenobia schien das mit Befriedigung zu sehen . Das Lächeln wurde heller , dann verschwand es wieder , und in ihrem gebrochenen Deutsch sagte sie : Legt Eure Hände auf Czika ' s Kopf ! Oldenburg und Melitta thaten es . Oldenburgs Hand zitterte , als er die weichen Locken des schönen jungen Hauptes berührte . Und gebt mir die beiden andern Hände ! Xenobi nahm die Hände und als sie die Kette so geschlossen sah , murmelte sie etwas , das Jene nicht verstanden und das ein Fluch oder Segen , oder Beides sein mochte , denn der Ausdruck ihres Gesichts wechselte bei jedem Wort . Dann sagte sie : Schwört , daß Ihr die Czika nicht verlassen wollt . Wir schwören es , antwortete Oldenburg , während Melitta , unfähig , ein Wort hervorzubringen , nur die Lippen bewegte . Xenobi ließ ihre Hände los , um ihre eigenen Hände über die Brust zu kreuzen . Nun laßt Xenobi allein , sagte sie mit sehr leiser Stimme , nur Czika soll hier bleiben und der alte Mann . Oldenburg und Melitta blickten sich und dann den Alten an , der jetzt mit dem Trank in der Hand an das Bett trat . Er nickte mit dem ehrwürdigen grauen Haupte , als wollte er sagen : Thut , was sie verlangt ! Oldenburg wagte nicht zu widersprechen . Er nahm Melitta ' s Arm und führte sie aus dem Zimmer . Die Uhr auf dem Kamin hackte zum Schlagen aus . Der Sensenmann drinnen machte sich bereit , aus seiner Höhle hervorzutreten . Sie gingen in den Gartensaal zurück . Keines sprach ein Wort . Oldenburg warf sich am Kamin in einen Lehnsessel und starrte düster in die verglimmten Kohlen ; Melitta ' s Hand legte sich auf seine Schulter : Adalbert ! Er schaute fragend zu ihr empor . Nicht wahr , Du reisest nicht fort ? Wenn Du es nicht wünschest - nein ! Und Du willst geduldig warten , bis - bis Du mir auf den Grund der Seele schauen kannst ? Ja . Gieb mir die Hand darauf . Oldenburg drückte ihre Hand gegen sein Gesicht ; sie fühlte seine Thränen fließen . Dann setzte sie sich ihm gegenüber und versank , wie er , in stilles Brüten . Das Klingeln eines Schlittens unterbrach das Schweigen . Es war Doctor Balthasar . Oldenburg sagte dem alten Herrn , während er sich die Hände am Kaminfeuer wärmte , um was es sich handle . Hm ! Hm ! sagte Doctor Balthasar ; weiß schon , war schon damals herzkrank - rheumatisches Fieber - Reise bei dem Hundewetter - kommt nicht wieder auf - hm , hm - wo ist sie denn ? - wollen mal nachsehen . Als die Drei sich zu gehen wandten , that sich die Thür des Saales auf und der alte Baumann trat , Czika an der Hand , herein . Sie kommen zu spät ! sagte er zu Doctor Balthasar . Melitta zog Czika unter lautem Weinen an ihr Herz . Hm , hm ! sagte Doctor Balthasar ; alte Geschichte - immer gerufen , wenn nichts mehr zu thun ist - hm , hm - wollen mal nachsehen . Einunddreißigstes Capitel Zwei Männer aus dem Dorfe hatten unter Aufsicht des alten Baumann in dem Park von Berkow auf einer Stelle an dem Rande des Buchenwaldes den tiefen Schnee weggeschaufelt und in der schwarzen Erde ein tiefes Grab gehackt und gewühlt , und in dem tiefen Grabe schlief nun die Zigeunerin nach ihrer ruhelosen Wanderung durch das bunte ruhelose Leben , das ihr so wenig Glück gebracht , den tiefen , ewigen Schlaf . Als nach einigen Tagen das Wetter sich aufgeklärt hatte und es möglich gemacht worden war , die Gänge im Garten und durch den Park bis zu der Stelle am Waldesrande frei zu machen , wanderte Melitta mit ihrem Juluis und der kleinen Czika den Weg nach dem Grabe , das jetzt mit einem Granitblocke bedeckt war , auf dessen einer glattpolirten Seite der Name Xenobi stand . Melitta führte das braune Kind an der Hand und sprach mit ihm viel öfter , als mit ihrem Sohne , der aber auch seinerseits mit einer Art von ritterlicher Zärtlichkeit um das Kind bemüht war . Wenn die Bahn erst ein bischen besser ist , dann will ich Dich im Schlitten fahren , Czika . O , ich habe einen wunderschönen Schlitten ; ich will ihn Dir zeigen , wenn wir wieder nach Hause kommen . Und wir wollen beide ganz allein fahren ; der Pony kennt mich besser , als irgend Einen ; ich brauche blos mit der Zunge zu schnalzen , so geht er davon wie der Wind , und wenn ich sage : Brrr , Pony ! so steht er still wie ein Lamm . Nicht wahr , Mama , ich darf mit Czika ganz allein spazieren fahren ? Wenn Czika mit Dir fahren will , warum nicht . Czika ' s dunkles Gesichtchen hatte sich bei Juluis ' kühnen Worten ein wenig aufgehellt ; aber alsbald zog wieder eine Wolke über ihre Stirn . Czika wollte , sie hätte Hamet wieder , sagte sie , mit den braunen Gazellenaugen in die Ferne starrend . Wer ist Hamet , Czika ? fragte Julius . Hamet ? Hamet ist Czika ' s Esel . Pah , ein Esel ! rief der Knabe , die Oberlippe verächtlich krümmend ; aber ein Blick der Mutter genügte , ihm eine fliegende Schamesröthe über das ganze Gesicht zu jagen . Wo ist Dein Esel , Czika ? fragte er mit freundlicher Theilnahme . Hamet ist todt . Mutter und ich haben ihn im Walde eingescharrt . Ach , das ist ja schade . Laß es gut sein , Czika ; ich will Dir einen andern kaufen . Weißt Du , Mama , der Förster Griebenow in Faschwitz hat einen großen Esel , mit so langen Ohren , Czika ! der Pony scheut immer , wenn wir ihm begegnen . Aber das schadet nichts . Er muß sich d ' ran gewöhnen , sonst giebt ' s was - bei diesen Worten schwang Juluis seine Gerte - ich will ' s ihm schon austreiben . Nicht wahr , Mama , ich darf mit Baumann hinüberreiten und Czika den Esel kaufen ? Griebenow hat ihn mir schon ein paarmal angeboten . Nicht wahr , Mama ? Gewiß , sagte Melitta ; er soll auch Hamet heißen . O , das wird schön , rief Julius ; und dann reiten wir alle Drei spazieren . Du auf der Bella , ich auf dem Pony und Czika auf dem Hamet , und dann - aber , ich fürchte , Hamet wird nicht mitkommen können , unterbrach er sich selbst und machte dabei ein sehr bedenkliches Gesicht . So reiten wir langsam . Ja , das ist auch wahr . Wir wollen ganz langsam reiten , Czika ; ich möchte um Alles nicht , daß Du herunterfielst . So plauderte der Knabe und Melitta sah mit innigster Freude , daß sein Geplauder und munteres Wesen auf Czika nicht ohne Wirkung blieben . Sie dachte der Zeit , wo die Braune Gräfin zum ersten Mal nach Berkow kam und wie sie schon damals , ehe sie noch eine Ahnung davon hatte , daß dies Kind Oldenburgs Kind sei , den Wunsch gehabt , es bei sich zu behalten und mit ihrem Julius zusammen zu erziehen , und wie wunderbar ihr Wunsch nun doch endlich in Erfüllung gegangen . Und dann schweiften ihre Gedanken in die Zukunft hinaus , ob wohl eine Zeit kommen werde , wo sie von diesen Kindern als von » unsern Kindern « sprechen dürfte ; und als sie jetzt an dem Granitblock angelangt waren und sie einen Kranz von Immortellen darauf gelegt hatte , da schloß sie die Beiden in ihre Arme , herzte und küßte sie und sagte : meine Kinder , meine lieben , lieben Kinder . Melitta beschäftigte sich so viel mit Czika , daß Julius , wenn er das hübsche kleine Mädchen nicht selbst so lieb gehabt hätte , deswegen hätte leicht eifersüchtig werden können . Czika schlief auch bei der Mama und die Mama brachte sie alle Abend selbst zu Bett - oder vielmehr auf ihr Lager , denn Czika ' s Bett bestand vorläufig noch aus wollenen , auf der Diele ausgebreiteten Decken , da sie mit ihrem gewöhnlichen , melancholischen Ernst erklärt hatte , Czika stirbt , wenn Ihr sie in ein Bett legt . Die Kleine suchte ihr Lager sehr früh auf , meistens sobald es draußen dunkel geworden war , so daß Oldenburg , der erst immer um diese Zeit von Cona herüberkam , sie nicht mehr im Zimmer fand . Einigemal war er dann mit Melitta an das Lager getreten , aber er that es jetzt nicht mehr , da das Kind einen so leisen Schlaf hatte , daß das leichteste Geräusch es erweckte . Er begnügte sich deshalb , von Melitta zu hören , daß es » ihrer Tochter « wohl gehe , daß sie mit » ihren Kindern « spazieren gewesen , oder ausgefahren , daß » ihre « Czika sie heute zum ersten Male » Mutter « genannt habe . Ich fürchte , sie wird mich niemals Vater nennen mögen , sagte Oldenburg traurig . Wir müssen Geduld haben , Adalbert , erwiderte Melitta . Hermann hatte die Koffer seines Herrn mit größerem Vergnügen wieder ausgepackt , als er sie an jenem melancholischen Tage vollgepackt hatte . Oldenburg dachte nicht mehr daran , zu reisen , seitdem Melitta ihn zu bleiben genöthigt hatte , und das Haus von Berkow jetzt Alles umschloß , woran sein Herz hing . Jeden Tag gegen Dunkelwerden klingelte sein Schlitten auf dem Hof von Berkow , und die junge Frau begrüßte oft noch auf der Hausschwelle ihren täglichen Gast . Seit dem Abend , der ihm sein Kind wiedergeschenkt hatte , war Oldenburg ruhiger und heiterer , als er es je gewesen . Er schien sich Melitta ' s Wort , daß sie am besten geduldig trügen , was sie doch einmal tragen müßten , zu Herzen genommen zu haben . Er wußte recht gut , was die Geliebte damit hatte sagen wollen ; recht gut , warum sie ihm noch immer nicht mit ihren lieben , schönen Augen klar in die Augen sehen konnte . Er beklagte es , daß es so war , aber er , der den Adel von Melitta ' s Seele besser kannte , als irgend Jemand , hätte sich am meisten gewundert , wenn es anders gewesen wäre . Melitta liebte den Mann nicht mehr , der ihr Herz in einer unbewachten Stunde im Sturm der Leidenschaft eroberte , aber die Wunde , die dieser Liebe Lust und Leid ihrem Herzen geschlagen , blutete noch und auch hier mußte die Zeit bewirken , was dem Raisonnement nicht möglich war . Die eigenthümliche Situation , in welcher Oldenburg sich Melitta gegenüber befand , war nicht ohne Einfluß auf seine ganze augenblickliche Denk- und Empfindungsweise . Die Geduld , die Klugheit , die Vorsicht , deren er bedurfte , um das Fahrzeug seines Glücks endlich in den Hafen zu steuern , ließen ihn auch die Weltverbesserungspläne , mit denen er sich früher trug , als unausführbar , bei Seite legen . Dafür widmete er sich mit allem Eifer der Verwaltung seiner Güter und verfolgte die Politik des Tages mit nimmer müdem Interesse . Er bedauerte , daß er , als im Sommer der Landtag zusammentrat , die Zeit , welche er dem Vaterlande schuldete , an den Ufern des Nil verträumt hatte . Neue Quellen des Volkswohls zu öffnen , schien ihm jetzt wichtiger , als die des Nil zu entdecken . Er spürte in seiner stillen Solitüde den Sturm der Revolution , der aus Frankreich heraufdrohte und der mit seinem ersten Stoß das Gewitter , das dumpf über dem eignen Vaterlande brütete , entfesseln konnte . Melitta nahm Theil an seinen Hoffnungen , Befürchtungen , an seinen Wünschen , seinen Plänen , selbst an seiner Ungeduld , daß die Stunde , von der er fühlte , daß sie kommen müsse , bald kommen möge . Sie begriff es vollkommen , daß er nach Paris zu gehen wünschte , um mit den alten Freunden , die er dort hatte , die neu gewonnenen Ansichten auszutauschen . Er wußte , daß sie nur an ihn dachte , und gerade deshalb entschloß er sich zur Reise . Kurz vorher erfuhren sie von der jetzt mittheilsameren Czika einen wunderlichen Umstand . Das Kind fing plötzlich , nachdem in ihrer Gegenwart Paris mehreremal genannt war , an , von einem alten Manne zu sprechen , der schon längere Zeit bei ihnen gewesen sei , und zuletzt die Mutter und sie hierher geleitet habe . Nicht weit von dem Hofthore von Berkow sei er erst umgekehrt . Der Mann habe auch nach Paris gewollt . Sie drangen weiter in das Kind und konnten nicht zweifeln , daß der alte Mann , von dem es sprach , Berger gewesen war . Warum er die so treu Begleiteten an der Schwelle des Hauses fast verlassen hatte ? was er in Paris wollte ? Vielleicht , meinte Oldenburg , will er sich überzeugen , daß der kreisende Berg der Revolution abermals ein Nichts gebären wird . Dennoch berührte ihn die Nachricht seltsam . Er hatte Berger in Fichtenau kennen gelernt , als er während des Sommers Melitta dort besuchte , und damals mit dem scharfsinnigen , enthusiastischen Manne manches philosophische und politische Gespräch geführt , in welchem das Wort Revolution häufig genug vorkam . Der Moderdunst der Festungscasematten und die Stickluft des Polizeistaates , welche ich mein Leben lang habe einathmen müssen - das hat mich gemacht , was die Leute verrückt nennen - hatte der Professor einmal gesagt ; mir ist manchmal , als ob nur ein Athemzug freier Luft im Vaterlande mir die Last wegheben würde , die hier ruht ; und dabei hatte er auf die Brust gedeutet . Ein Athemzug freier Luft im Vaterlande ! Oldenburg wiederholte sich das Wort , während er seinen Koffer packte ; ja wohl ! das wird uns Allen , Allen , die Brust leichter machen . Zweiunddreißigstes Capitel Felix von Grenwitz hatte die von den Aerzten verordnete Reise nach Nizza angetreten . Er war gern in die Verbannung gegangen . In Grünwald hatte er nichts mehr zu gewinnen und höchstens den letzten Hoffnungsschimmer auf Genesung zu verlieren . Seine Existenz in Italien war ihm von seiner großmüthigen Tante , die recht gut wußte , daß er kaum noch ein paar Monate zu leben habe , auf mehrere Jahre hinaus zugesichert worden . Er hatte alle seine Angelegenheiten geordnet , über Alles mit seiner Tante gesprochen , und nur über die eine fatale Geschichte mit dem Menschen , dem Timm , nicht . Er ließ Anna-Maria in dem guten Glauben , daß der freche junge Mann von ihm vollständig eingeschüchtert und mit ein paar Hundert Thalern abgefunden sei , da er selbst durchaus keine Lust hatte , seiner Tante durch Anrühren dieses wunden Punktes die so nothwendige gute Laune zu verderben . Brieflich , dachte Felix , arrangirt sich so etwas am besten und wenn sie sieht , daß das Ding nicht zu ändern ist , wird sie sich schon darein finden . So reiste er denn ab , begleitet von den aufrichtigen Glückwünschen seines Oheims und den Ermahnungen seiner Tante . Gott sei Dank , daß er weg ist , dachte die Baronin , während sie , das Taschentuch vor die Augen drückend , durch die Schaar der Dienstboten nach ihrem Zimmer zurückschritt ; jetzt unverzüglich Helene wieder her - das Andere findet sich . Noch an demselben Tage machte sie einen Besuch in der Pension und hatte zuvörderst eine lange Unterredung mit Fräulein Bär . Die Baronin war heute sehr weich . Sie hatte so eben einem lieben Verwandten , dessen Schicksal ihr unendlich am Herzen lag , voraussichtlich auf lange Zeit , vielleicht für immer Lebewohl gesagt . Ihr Herz war in Folge dessen tief betrübt . Ach glauben Sie mir , mein liebes Fräulein , sagte sie , es ist hart , sich von einem Jüngling , den man wie seinen eigenen Sohn geliebt hat , in dieser Weise trennen zu müssen ; sehen zu müssen , wie eine fröhliche , junge Kraft so grausam gebrochen ist und mit ihr all die Hoffnungen geknickt sind , die man für die Zukunft auf sie gesetzt hatte . Und auch die arme Helene wird den Schlag schmerzlich empfinden . War doch , wenn mich nicht Alles trügt , eine reine Neigung zwischen den beiden jungen Verwandten , die vom Himmel selbst so sichtbar für einander bestimmt waren , emporgeblüht , eine Neigung , die sich , wie das ja so häufig ist , anfänglich hinter einer scheinbaren Aversion keusch verbarg , daß ich selbst eine Zeitlang getäuscht wurde , und - ganz entre nous , liebes Fräulein - dem armen Kinde deshalb recht böse war . Jetzt weiß ich es besser . Aber um so größer ist mein Verlangen , das liebe Kind wieder bei mir zu haben . Würden Sie mir es sehr übel nehmen , liebes Fräulein , wenn ich das Ihren gütigen , klugen Händen anvertraute theure Kleinod so bald wieder entführte ? Fräulein Bär ' s klarem Verstande entgingen die Widersprüche zwischen dem früheren und dem jetzigen Benehmen der Baronin keineswegs . Sie nahm also das Vertrauen der gnädigen Frau mit Zurückhaltung entgegen und fragte blos , ob Helene gleich jetzt , oder erst später in das elterliche Haus zurückkehren solle ? Ich denke , wir überlassen das dem lieben Kinde selbst , erwiderte Anna-Maria , die noch immer eine mögliche Weigerung Helenens fürchtete , ich weiß , sie ist sehr gern bei Ihnen und überdies möchte ich sie durchaus nicht in ihren Studien , Liebhabereien und Plänen derangiren . Helene ist bereits von meinen Wünschen unterrichtet . Im Augenblick wollte ich weiter nichts , als Sie , liebes Fräulein , bitten , Ihren Einfluß auf das Kind zu meinen Gunsten , zu Gunsten einer armen , durch einen schweren Verlust betrübten Frau geltend zu machen . Anna-Maria hatte kaum die Pension verlassen , als Fräulein Bär sich zu Helene begab , ihr die eben stattgehabte Unterredung mitzutheilen . Sie hatte zu diesem Zweck ihre goldene Brille abgenommen und die officiellen Falten von der Stirn gewischt . Lassen Sie uns offen gegen einander sein , liebe Helene , sagt sie , die schlanke , weiße Hand der jungen Dame vertraulich in ihre knöchernen Finger nehmend ; meine liebe Sophie hat mir gleich im Anfang unserer Bekanntschaft Andeutungen gemacht , welche das sonst unbegreifliche Benehmen Ihrer Frau Mutter einigermaßen erklären . Sie brauchen nicht roth zu werden , liebes Kind . Es ist dabei kein Wort gesprochen worden , das Ihnen irgendwie zur Unehre gereichte ; im Gegentheil , wir Beide , Sophie und ich , haben Sie , die Sie in so frühen Jahren so Vieles zu erdulden hatten , nur innig bedauert . Wir sahen in Ihrer Entfernung aus dem elterlichen Hause nur eine Art von Verbannung , zu gleicher Zeit aber meinten wir , daß mein Haus unter diesen Umständen Ihnen ein wünschenswerthes Asyl gewähren könnte . Sollte dies wirklich der Fall gewesen sein , sollten Sie vielleicht selbst jetzt noch dieses Asyl bedürfen , so sagen Sie es mir . Es ist nicht meine Art , Zwietracht zu säen , noch dazu zwischen Mutter und Tochter , aber wie die Sachen einmal liegen , halte ich es für kein Unrecht , Partei zu ergreifen . Das alte Fräulein schwieg , Helene war bewegter , als es wohl sonst ihre Art war , aber ihre Selbstbeherrschung verließ sie doch auch jetzt nicht . Mit einem beinahe heiteren Tone sagte sie : Sie sind sehr gütig gegen mich , Fräulein Bär , gütiger als ich es verdiene ; aber Ihre fürsorgliche Güte hat Ihnen , glaube ich , mein Verhältniß zur Mutter in einem allzu ungünstigen Lichte gezeigt ; wir haben uns eine Zeit lang etwas schroffer gegenüber gestanden , doch das ist Alles von meiner Mutter hoffentlich so vergessen , wie es von mir vergessen ist . Sie wissen , wie gern ich in Ihrem Hause bin , wie wohl ich mich hier fühle ; sollte aber meine Mutter , wie es den Anschein hat , wünschen , daß ich zu ihr zurückkomme , so halte ich es für meine Pflicht , diesem Wunsch zu gehorchen , ohne danach zu fragen , ob es mit meinen persönlichen Neigungen übereinstimmt oder nicht . Fräulein Bär war durch diese Antwort keineswegs angenehm überrascht . Sie war dem jungen Mädchen mit offenem Herzen entgegengekommen ; sie hatte sich gewissermaßen , um Helene Vertrauen einzuflößen , bloßgestellt , und nun anstatt des Vertrauens , anstatt der Offenheit Zurückhaltung und diplomatische Kälte ! Die gute alte Dame fühlte sich tief verletzt und verließ in dieser Stimmung das Zimmer , nachdem sie mit vielem Geschick das Gespräch auf gleichgültigere Dinge hinübergespielt hatte . Daß die Baronin das Herz ihrer Tochter , zum wenigsten nach einer Seite hin , kannte , hatte sie heute durch ihr Benehmen bewiesen . Es schmeichelte Helenens Stolz , daß die Mutter sich mit ihrem Wunsche nicht einmal direct an sie zu wenden wagte , sondern sich dabei hinter Fräulein Bär steckte . Ihr Entschluß , in das Haus ihrer Eltern zurückzukehren , war bereits an dem Abend gefaßt , als sie den letzten Brief an Mary Burton schrieb . Die junge Engländerin hatte , aus ihrer Hamburger Pension kaum in ihr Vaterland zurückgekehrt , eine der glänzendsten Partien gemacht , die zu jener Zeit in England gemacht werden konnten . Helene erinnerte sich noch recht gut , wie der Roman , der so unerwartet schnell und glücklich zu Ende gespielt worden war , angefangen hatte . Sie und Mary hatten als Mädchen von vierzehn Jahren in Gesellschaft der Pensionsvorsteherin und eines halben Dutzend anderer jungen Mädchen von Hamburg aus einen Ausflug nach Helgoland gemacht und bei dieser Gelegenheit ein englisches Kriegsschiff , das dort vor Anker lag , besichtigt . Die Officiere hatten die reizende Gesellschaft mit größter Zuvorkommenheit empfangen und bewirthet ; ja zuletzt noch auf dem Quarterdeck einen Ball arrangirt , der überaus heiter gewesen war . Besonders hatte der Capitän der Fregatte , ein noch junger , schöner , von der südlichen Sonne gebräunter Mann , den jungen Damen gefallen und würde ihnen noch mehr gefallen haben , wenn er seine Landsmännin Mary Burton nicht so sehr vor den übrigen Schönheiten ausgezeichnet hätte . Miß Mary Burton mußte sich in Folge dessen hinterher gar viel mit ihrem Fregattencapitän necken lassen , bis man die Fahrt nach Helgoland und Alles , was damit zusammenhing , über neueren und wichtigeren Ereignissen allmälig vergaß . Aber zwei hatten die Sache nicht vergessen und das waren eben der Fregattencapitän und Miß Mary Burton . Als die junge Dame drei Jahre später nach England zurückkehrte , war eine der ersten Personen , denen sie in dem Salon einer vornehmen Verwandtin begegnete , Capitän Crawley , oder vielmehr , da sein Vater und ein älterer Bruder inzwischen gestorben und er so ganz unerwartet die Titel und die Reichthümer der Familie geerbt hatte : Lord Crawley de Crawley . Acht Tage später wurde die vornehme Welt durch die Verlobung Seiner Herrlichkeit mit Miß Mary Burton ( einer Dame , die schlechterdings Niemand kannte ) auf das höchste überrascht . Niemand aber konnte durch diese Nachricht eigenthümlicher berührt werden , als Helene von Grenwitz . Sie war die intimste Freundin Mary ' s gewesen ; man hatte sie stets mit Mary zusammen gesehen , zusammen genannt , aber man hatte sie auch immer für die bei weitem Schönere und Bedeutendere gehalten , und Niemand hatte diesem Urtheil freudiger beigestimmt , als die bescheidene Mary selbst . Mary betete ihre glänzende Freundin an ; Helene Grenwitz war in ihren Augen ein unerreichbares Ideal ; sie ordnete sich ihr bei jeder Gelegenheit unter , und wenn die jungen Mädchen für die Zukunft sich ihre Pläne und Hoffnungen mittheilten , so baute Mary für Helene die prachtvollsten Schlösser , während sie sich mit einer strohbedeckten Hütte am Rande eines murmelnden Baches begnügte . Helene hatte diese Huldigungen entgegengenommen , wie