ihrer Bosheit , indem sie dem gemeinen Mann Gehorsam vorpredigten . Darum müßten sie sich alle zusammentun , die das Herz auf dem rechten Fleck , Liebe für die Befreiung des deutschen Vaterlandes und Sinn für den Fortschritt hätten ; und sie müßten es durchaus dahin bringen , daß Deutschland nicht hinter Amerika zurück und nicht in der Knechtschaft sitzen bliebe . Das wär ' eine Schande , sagte er . Und in diesem Ton ging das fort . So sprach er , so las er aus allerhand Schriften vor . Wer ihm glaubte - das war ich ! besonders dann , hochwürdiger Herr , wenn er den Schoppen dazu setzte . Ich hatte ja immer einen unruhigen Kopf , wie Sie ja wissen , und meinte , ich wäre zu was Besserem geboren ; ich wußte nur nicht zu was . Aber der Florentin steckte mir ein Licht auf - nur leider ein Irrlicht ! Ich wollte in Deutschland ein freier Amerikaner werden , und haßte deshalb Fürsten und Herren und Priester , und half Barrikaden gegen sie bauen . Ich warf grimmig den Stein gegen Ihr weißes Haupt , hochwürdiger Herr , als ich durch die Flur strich , um meine Kameraden aufzusuchen , mit denen ich , unter Florentins Anführung , den Marsch auf Windeck und die Plünderung der Gewehrkammer des Herrn Grafen verabreden wollte . Es kam aber nicht dazu ! Florentins Stirn war nicht eisern genug , um vor dem Schloß Stich zu halten , und Gräfin Regina ließ uns durchaus nicht herein . Aber , hochwürdiger Herr , da der Florentin , der doch auf dem gräflichen Schloß in Sammt und Seide und aller Gelehrsamkeit aufgewachsen und fast ein Grafensohn geworden , und dennoch statt mit seinem Schicksal zufrieden - mit der ganzen Welt mißvergnügt war : mußte ich da nicht leicht irre geführt werden und glauben , es gehe verkehrt auf der Welt zu ? « » Es war eine Versuchung , armer Wendel , und Du hättest ihr wohl widerstehen können . « » Freilich , hochwürdiger Herr ! aber ich war wie ein Mensch , der im Rausch umherrast , um etwas zu ergreifen , was in seinem verkehrten Hirn sitzt , aber sonst nirgends . « » Ach , Wendel ! « jammerte die Bäuerin , » hättest Du auf mich gehört und auf Dein armes Weib , so wärst Du nimmer in dies Elend geraten . « » Ich weiß ! ich weiß , Bärbel ! Ihr war ' t beide brav und gottesfürchtig und habt mir tausendmal gesagt : Wenn dich die bösen Buben locken , so folge ihnen nicht ; und habt mich bitterlich weinend gebeten , mich mit dem lieben Herrgott durch würdige Beicht und Kommunion zu versöhnen . Dafür hab ' ich Euch verlacht und verspottet , und mich trotzig abgewendet von Gottes Gnade und Herrlichkeit , und mein armes Weib ' in ' s Elend geschleppt , wo sie vor Hunger und Kummer umgekommen ist ohne Priester und Sakrament - und die Rosel verloren für Zeit und Ewigkeit - und den siechen Leib , den Bettelstab und die hungernden Buben in Dein Haus zurückgebracht , weil ich auf Gottes weiter Welt sonst nicht weiß wohin . Ja , Bärbel : Gottes Mühlen mahlen langsam , langsam , aber trefflich fein ; was durch Langmut er versäumet , holet er durch Schärfe ein . Das war ein Kernspruch von der Mutter selig ; weißt Du ' s noch , Bärbel ? ich vergaß ihn Zeit meines Lebens . Als ich drüben blind und krank an den Pocken lag - ein armer Lazarus vor des reichen Mannes Tür - da fiel er mir ein und kommt mir nicht mehr aus dem Sinn . Ja , ja , Bärbel ! Gottes Mühlen mahlen langsam , langsam , aber trefflich fein ! « » Wenn Du das einsiehst , armer Wendel , « sagte Levin mit zärtlichem Mitleid , so ist Dein Herz ja in der Tat trefflich fein ausgemahlen . « » Und ich wollt ' es schon aushalten , hochwürdiger Herr , wenn nur nicht der Gram um mein Weib und die Rosel wäre ! mir hat der Florentin den Kopf verdreht - der Rosel das Herz . « Regina hatte bisher schweigend zugehört . Jetzt stand sie auf und sagte mild wie der Engel der Barmherzigkeit : » Wendel , ich kann ' s nicht aushalten , eine so traurige Geschichte von der armen Rose zu hören . Ich will hinausgehen und die Buben ein wenig im Katechismus examinieren . « » Im Katechismus ? « sagte die Bäuerin , indem sie Regina begleitete ; » daß Gott erbarm ! Die Buben sind wie die Wilden , gnädige Gräfin , und wissen vom Katechismus so wenig , wie die Krähe vom Sonntag . « » Wo ist denn die Rose ? kann man ihr nicht helfen ? « fragte Levin , als er mit Wendel allein war . » Sie kann ja nicht im Bösen verhärtet sein ; sie ist ja so jung . « » Auf Georgi neunzehn Jahre , hochwürdiger Herr . Sie war von Kindesbeinen an ein sauberes Mädel , aufgeweckt und klug - aber hoffärtig ! den Sparren im Kopf hat sie richtig von mir geerbt : sie wollte hoch hinaus . Das grämte ihre arme Mutter ; mich freute es . Als der Florentin hier herum scharwenzelte , war sie blutjung ; aber sie suchte immer dabei zu sein , wenn er mit mir sprach , und begriff alles so gut , daß sie mir manches erklärte , was ich nicht begriff , so z.B. das Selbstregiment , welches das Frauenzimmer in der neuen Freiheit führen würde ; und die edle freie Liebe , die jede glücklich machen würde , wenn sie der Neigung ihres Herzens freien Lauf ließe . Ich meine , sie war damals schon in ihn vernarrt . Da ich aber meinen eigenen Grillen nachging und auch sah , daß der Florentin , trotz seiner glatten Reden , viel zu hochnasig war , um nicht lieber mit einer amerikanischen Prinzessin , als mit einem deutschen Bauernmädel zu charmieren : so kümmerte ich mich nicht weiter darum und arbeitete für die deutsche Freiheit , die mich und Rosel zu hohen Ehren bringen sollte . Statt dessen ging das Ding schief . Die Fürsten brauchten ihr Recht , wie ich jetzt sage ; damals sagte ich : Gewalt ! und ließen tüchtig auf die Revolutionäre schießen , was sie von Anfang an häten tun müssen , um die Rädelsführer zu ducken und die Betörten zu belehren , daß man sich beim Barrikadenbau ganz umsonst die Fäuste blutig arbeite . Bei dem Maiaufstand in Dresden im Jahre 1849 war ich noch ; denn ich zog umher , bald hier und bald da , und ließ mein Weib auf unserem Hofe wirtschaften , und ließ mir jeden Kreuzer schicken , den sie , Gott weiß wie sauer ! erarbeitete . Aber in Dresden bekam ich ' s satt . Da hieß es freilich , nun müßten alle tüchtigen Männer nach Holstein ziehen und den Dänenkönig aufs Haupt schlagen . Aber ich ging nicht mit ; sondern heim , verkaufte in der Stille meinen Bauernhof und erklärte dann meiner Frau , wir wären jetzt Auswanderer , die sich in Amerika ein Stück Paradies aussuchen würden . Ihr Jammergeschrei klingt mir noch in den Ohren ! - Der Hof war verschuldet , daß von der Verkaufsumme nicht einmal unser Reisegeld übrig blieb . Der Herr Graf und Sie , hochwürdiger Herr , mußten eine Beisteuer geben , die ich durch mein armes Weib erbitten ließ , wobei Sie noch sagten : es tue Ihnen recht leid wegen der guten Frau . Endlich mußte auch noch die Bärbel mit ihrem Sparpfennig herausrücken , damit wir nur fortkämen . Das war eine erbärmliche Reise , ein Stück vom Fegfeuer , hochwürdiger Herr ! mein jüngstes Kind starb auf der Überfahrt ; ein herziges Kind , die Theres , sechs Jahre alt , der Mutter Augentrost . Es konnte die Stürme und die Seekrankheit und das Elend der Zwischendeckspassagiere nicht aushalten ; es bekam ein Fieber , das immer stärker und stärker wurde und am neunten Tage war es tot . Unter den Passagieren der ersten Kajüte befand sich der Florentin , der inzwischen in Italien Revolution gemacht hatte - aber auch nicht auf die Dauer . Er war ja ein studierter Arzt und er besuchte auch die kleine Theres ; allein er sagte , gegen einen so heftigen Typhus sei nichts zu machen . Das Kind war kaum verschieden und noch nicht kalt , da schrie das ganze Schiff , man müsse es gleich über Bord werfen , damit es aus dem Wege komme und nicht Ansteckung verbreite . Sie hätten es schon gerne bei lebendigem Leibe über Bord geworfen , glaub ' ich ! Meine Frau wollte schier verzweifeln . Ach , erbarmt euch , ihr Leute , erbarmt euch ! schrie sie , und schafft mir einen Priester , daß er den letzten Segen über mein Kind spreche . Es war aber kein Priester auf dem Schiff , und die Leute , die umherstanden und hörten , wie sie nach einem Priester jammerte , brummten in den Bart oder grinsten höhnisch und einer sagte , man müsse nicht so viel Umstände machen mit dem Stückchen Fischfraß . Als nun meine Frau fortwimmerte : erbarmt euch meiner , ihr Leute ! es ist ja ein christliches Kind ! ein im heiligen Blut Jesu getauftes , unschuldiges Kind ! das kann man ja nicht dahinwerfen ohne priesterlichen Segen ! da trat die Rose auf sie zu , schüttelte sie am Arm und sagte ganz rot und verlegen : Mutter , schreit doch nicht so ! die Leute sehen Euch an und wundern sich , was ihr mit dem Priester wollt ! man muß sich ja schämen für Euch ! - Starr blickte die arme Frau die Rose an und sagte kein Wort mehr ; aber sie schluchzte , als ob ihr das Herz brechen wollte . Und nun nahm sie das Beste , was sie ihrem Kinde zu geben hatte , ihren Rosenkranz nahm sie vor , der am heiligen Blut zu Waldürn geweiht war , den sie manches Jahr in der Tasche bei sich getragen und hundert- und tausendmal gebetet hatte . Den zog sie hervor und küßte ihn andächtig , und küßte einzeln den lieben Herrgott und die Muttergottesmedaille , die daran hingen . Dann schug sie ihn um den Hals des Kindes und steckte das Kreuzchen mitten auf der Brust des Kindes mit einer Nadel ganz fest am Hemdchen an . Dann schlug sie die kleine Leiche von Kopf bis zu Fuß in eine ihrer Schürzen sauber und sorgsam ein und trug sie vorsichtig auf ihren Armen zu den Matrosen , welche sie in ein altes Stück Segeltuch wickelten , mit Stricken auf ein schmales Brett festschnürten , an dessen Fußende eine eiserne Kugel hing . Das sah sie alles mit an , die arme Mutter , und die drei Buben und ich sahen es auch mit an ; und darauf sagte sie : Nun kommt , ihr Kinder ! nun wollen wir fünf Vaterunser und fünf Gegrüßt seist du , Maria für unsere liebe kleine Theres beten , damit sie bald zur seligen Anschauung Gottes gelange ; kniete nieder mit ihren Buben und betete laut . Und ich betete mit , hochwürdiger Herr , aber leider nur ganz leise . Und ich kniete auch nicht ; mir waren die Knie steif von Trotz gegen Gott und von Menschenfurcht . Die Rose aber war gar nicht mitgegangen , hatte sich in ein Eckchen gedrückt und weinte da still vor sich ; denn nicht aus Bosheit hatte sie so hart zur Mutter geredet , sondern aus Menschenfurcht , besonders wegen dem Florentin ; und Sie sehen , hochwürdiger Herr , daß sie von mir auch den Sparren im Kopf geerbt hatte . Endlich hoben die Matrosen das traurige Brett auf . Da stieß mein armes Weib einen dumpfen Schrei aus und fiel wie tot zu Boden . Ich aber schaute starr aufs Meer und sah Etwas in die Wellen hineinschießen , die sich spalteten und wieder zusammenrauschten ; und es wurde mir schwarz vor den Augen . « - - Wendel schwieg erschöpft , drückte seine Hände krampfhaft an die Stirn und sagte nach einer Weile : » Ich will es kurz machen , hochwürdiger Herr , und Sie nicht ermüden mit der Erzählung von allem , was wir drüben gelitten haben . Es waren nur zwei Jahre , aber man könnte dicke Bücher davon schreiben . Das Schiff war ein Stück Fegfeuer ; ja ! aber da hoffte ich ! Drüben kam die Hölle , wo man nicht mehr hofft . Geht man hinüber , ledige Leute , kräftig , zu jeder Arbeit willig ; oder Vater und Mutter noch rüstig und mit erwachsenen rüstigen Kindern - nun ja , dann schlägt man sich durch unsägliche Mühsale durch , und muß auch die eine Hälfte darüber ins Gras beißen , so kommt die andere doch wohl auf einen grünen Zweig . Aber wir ! - wir waren unserer sechs , von denen die drei Buben nicht arbeiten konnten , weil der älteste erst zwölf Jahre alt war . Ich ging nicht nach Amerika , um zu arbeiten ; hätte ich das gewollt , so hätte ich daheim bleiben und Weib und Kinder ernähren können . Die Rose war ebenso arbeitsscheu wie ich , alle Untugenden hat sie von mir geerbt . Da war also niemand , der sich auf die Arbeit verlegte , als meine Frau . Essen und Obdach haben - wollten wir aber alle sechs . Es gibt auch gar keine Arbeit in den großen Seestädten für die armen Auswanderer . Die müssen gleich in die Landstrecken des Westens ziehen und ein kleines Betriebskapital mitbringen , um sich das Notwendigste an Lebensbedarf , Gerätschaften und was eine Niederlassung und Ackerwirtschaft in der Wildnis erfordert , zu kaufen . So machtens ein paar Schwaben , Vater und Sohn , brave Leute , mit denen wir zufällig den ersten Tag zusammentrafen . Der Sohn freite auf der Stelle um die Rose . Weibsbilder sind rar in Amerika ; da bleibt keine ledig . Aber Rose rümpfte gewaltig die Nase und meinte , es verlohne sich nicht der Mühe , nach Amerika zu gehen , um dort einen schwäbischen Bauern zu heiraten ; den könne man auch in Europa haben . Sie war wie behext von dem Florentin . Auf der Reise hatte das angefangen und es nahm zu , je mehr Florentin erkannte , daß in New-York die amerikanischen Prinzessinnen nicht herumliefen , die sich ihm in die Arme werfen würden . Da stieg denn das Bauernmädel ganz gewaltig in seinen Augen , und da er sich auch recht verlassen fühlen mochte , so tat ' s ihm wohl , daß sie ein Herz für ihn hatte . Es ging ihm schlecht , ich sah es an seinem abgetragenen Rock ; und er fing auch bald an , auf Amerika zu schimpfen , obgleich mehr und mehr von seinen Leuten , den Revolutionsmännern , herüber kamen . Es hatte aber jeder vollauf zu tun , um sich nur durchzubringen ; denn alles , was zum Lebensbedarf gehört , ist furchtbar teuer da drüben . Was man anschaut , kostet einen Dollar . Da kann nicht so leicht einer dem andern beistehen , wenn er auch wollte , und wenn er Zeit hätte , an einen andern zu denken , als an sich selbst . Jeder muß zugreifen und das Stück Arbeit , das er eben findet , geschwind verrichten ; sonst schnappts ihm ein anderer vor der Nase weg . Mit seinem Pulsfühler wird er sich den Geldbeutel wohl nicht sehr gespickt haben , der Florentin ! Kurz , er fing an von Kalifornien , dem Goldlande , zu sprechen ; denn er kam immer fleißig zu uns - versteht sich wegen der Rose . Mir aber fielen vor dem amerikanischen Paradiese die Schuppen von den Augen . Wir schmachteten im gräßlichsten Elend und ich glaubte auch an sein Goldland nicht . Ein Wort gab das andere ; und endlich verbot ich ihm , den Fuß je wieder über meine Schwelle zu setzen . Er ging - und am anderen Morgen war die Rose verschwunden . Wir haben sie nicht wieder gesehen ! « » Stelltet Ihr denn gar keine Nachforschungen an , Wendel ? « » Ach , lieber hochwürdiger Herr ! ein blutarmer Mann kann in Amerika keine anderen Nachforschungen anstellen als die , daß er Tag und Nacht Straß ' auf Straß ' nieder rennt und sein Kind sucht . Nachforschungen von den Behörden kosten viel Geld ! Der wackere Geistliche , bei dem mein Weib in die Messe und zur Beicht ging und an den sie sich in ihrem Herzeleid wendete , tat , was er konnte , um die Verlorene aufzuspüren ; er selbst und andere barmherzige Leute . Aber nirgends die geringste Spur ! sie wird sich eben mit dem Florentin auf ein Dampfschiff oder die Eisenbahn gesetzt haben und in die weite Welt - oder zur Hölle gefahren sein ! Mein Weib wurde ein Jammerbild . Hunger , Sorge , schwere Arbeit hatten ihr nicht so zugesetzt , wie der Gram um Rosel . Schau ' , Wendel ! sagte sie und sah mich an mit ihren hohlen eingesunkenen Augen ; schau ' , wohin der Mensch kommt , der den Glauben verliert . Für unsere kleine Theres ' hat die Rosel damals den priesterlichen Segen verachtet ; jetzt verachtet sie ihn für sich selbst und geht in blinder heidnischer Weis ' zu einem Mann , der sie in Schande und Unglück stürzen wird . - Es ging mir durch Mark und Bein , denn ich hatte ja auch den Glauben verloren und das hatte mein armselig Mädchen ebenfalls von mir geerbt ! ! - Der brave Geistliche hatte großes Erbarmen mit uns , das ich wahrhaftig nicht verdiente , denn trotz meines Elendes hatte ich mich nie im Gottesdienste , nie bei den heiligen Sakramenten eingefunden . Ein Farmer , der alle Jahr zur österlichen Zeit nach New-York kam und dreihundert englische Meilen nicht scheute , um seine Christenpflicht zu erfüllen , hatte den Pfarrer gebeten , ihm einen tüchtigen Knecht zu verschaffen . Der Pfarrer empfahl mich und stellte dem braven Farmer , der sein Weib verloren hatte und sich nicht zur zweiten Ehe entschließen konnte , so dringend vor , wie nötig ihm eine Magd sei , daß er ganz gern auch mein Weib als Haushälterin nahm ; und als er so weit war , da erklärte ihm der Pfarrer , die drei Buben müsse er obendrein nehmen - und so lange sprach er ihm zu und so innig verhieß er ihm die Seligkeit , welche die Barmherzigkeit erwartet , daß sich der gute Farmer endlich willig fand uns alle aufzunehmen . Wir zogen mit ihm in die Wildnis . Wäre meine Arbeitsscheu nicht mürbe geworden vom Hunger , hochwürdiger Herr , so hätte ich mich billig entsetzen dürfen vor der rauhen , schweren , mühseligen Arbeit , die mich erwartete . Hier war ich zu faul gewesen , um als Bauer meine Ackerwirtschaft zu bestellen , daß ich meine , ich hätte zuweilen Blut geschwitzt . Doch gleichviel ! der Herr war gut und teilte alles mit uns , das rohe Obdach und die grobe Kost ; wir konnten leben . Ein Stück Wald sollte in urbares Land verwandelt werden ; da mußte man alle Bäume und Sträuche nicht bloß fällen , sondern auch Wurzeln aus der Erde graben . Das war mein Geschäft ; die Frau besorgte die Küche , die Milchwirtschaft und was es im Hause zu tun gab . Die Buben gingen ihr und mir zur Hand , hüteten Pferde , Kühe und Hühner und halfen dem Herrn , der mit der Feldwirtschaft , der Jagd , dem in Stand halten seiner Gerätschaften vollauf zu tun hatte . Ein neues und größeres Blockhaus wurde gebaut . Das alte war zu eng und ganz vermorscht ; der Farmer hatte es bereits halb zerfallen vorgefunden . Als das neue fertig war , kam es uns vor wie ein Schloß so stattlich - und bestand doch nur aus Wänden von Baumstämmen mit Moos verstopft und aus dem natürlichen Estrich der Erde , nur festgestampft . Es war recht feucht , dies Schloß und wir ließen , als wir es bezogen , am ersten Tage das Feuer gar nicht in unserer Kammer ausgehen . Es brannte in einer Art von Kamin auf einem niedrigen Herd von Lehm . Zu beiden Seiten des Kamins waren Schlafstätten bereitet : rohe Bretter lagen auf dem nackten Boden , ungegerbte Tierfelle bedeckten sie und darauf war eine dicke Streu von dürrem Laub gehäuft . Hier bei uns hat kein Taglöhner ein so elendes Lager . Nun , ich war froh , daß wir wenigstens dies hatten und ich streckte meine totmüden Glieder recht bequem zur Ruhe aus . In der Nacht fuhr ich halb und halb aus meinem bleiernen Schlafe auf . Mir war , als hätte ich dumpfes Geräusch vernommen und tiefes Seufzen . Was gibt ' s ! rief ich schlaftrunken . Sei ruhig ! ich bin bei den glimmenden Kohlen ; antwortet mein Weib und ich schlafe wieder fest ein . Mit dem Tage erwache ich und was muß ich sehen , hochwürdiger Herr ! schwarz im Gesicht , steif gestreckt , liegt mein Weib tot am Boden - und in der Asche des Herdes eine zusammengeringelte Schlange ! Neben mir stand ein Holzklotz , auf dem wir das Brennholz spalteten . Ich hob ihn auf und warf ihn mit aller Macht auf die Schlange , die er zermalmte , und dann hieb ich ihr mit der Axt den Kopf ab . So waren die Buben gerettet - aber mein liebes , frommes Weib war dahin , kläglich umgekommen , ohne Priester und Sakrament . Wir huben ein Geheul an , daß es die Steine hätte erbarmen mögen . Der Farmer kam und weinte mit uns . Er war kreuzbrav und sehr fromm , wie die meisten Irländer sind . Er sprach viele Gebete bei ihrer Leiche und , nachdem wir sie armselig verscharrt hatten , an ihrem Grabe ; und er zimmerte ein Kreuz und steckte es darauf . Die Schlange hatte vermutlich halb erstarrt in ihrer Höhle unter der Erde und in der Nähe des Kamins gelegen , war durch das Feuer erwärmt und geweckt worden und hatte sich einen Ausweg gesucht , um in dessen Nähe zu kommen . Das geschieht nicht selten . Vermutlich hatte mein armes Weib bei den glimmenden Kohlen das Untier gesehen . Hätte sie es ruhig liegen lassen , so wäre es vielleicht nach einigen Stunden ohne Schaden zu tun fortgekrochen ; denn diese Art pflegt nur dann zu stechen , wenn man ihr irgendwie in den Weg kommt . Sie ist aber so giftig , daß der Mensch augenblicklich von ihrem Stich aufschwillt , stirbt und schnell in Verwesung übergeht . Wir glauben , daß mein armes Weib aus Angst um die Buben , die auf der anderen Seite des Kamins schliefen , den Kopf verlor und die Schlange zu erschlagen versuchte mit einem dicken Knüttel , den wir neben dem Herde fanden , und daß sie dadurch das Tier zum Stich aufreizte . So erkläre ich mir das dumpfe Geräusch , das mich weckte . Aber noch in ihrem Todesstöhnen dachte sie an mich und die Buben ! Sei ruhig ! sagte sie . Hätte sie mich geweckt , wie leicht hätten die Buben erwachen und Lärm machen und die gereizte Schlange uns alle in der Dunkelheit um ' s Leben bringen können . Sie war nun dahin , die gute Seele , und der liebe Gott schenke ihr die ewige Ruhe . Auf Erden hat sie nicht viel gute Tage gehabt - durch meine Schuld ! Mein Farmer vermißte sie sehr und sagte mir eines Tages , es ging nicht gut im Hause ohne Frau ; er müsse sich entschließen , ein Weib zu nehmen . Mir wurde das Herz ganz schwer bei dieser Rede ! ich weiß nicht warum ! aber ich konnte ihm nur denselben Rat geben . Er vertraute mir die Farm an , ritt von dannen und kam erst nach zwei Monaten wieder mit einer schönen jungen Frau und zwei Schwägern , stämmigen Burschen , die mich scheel ansahen und meine Buben noch mehr . Nach drei Tagen erkrankte die junge Frau und die Pocken brachen so furchtbar bei ihr aus , als sei sie nie geimpft worden . Wer in der Wildnis krank wird , muß von selbst gesund werden oder sterben ! Ärzte sind unerreichbar . Die Frau starb . Der Farmer hatte sie treu gepflegt und dabei das Pockengift eingesogen . Er wurde ebenfalls krank und starb in großen Qualen , der brave Mann ; die Schwäger aber sagten , nun hätten sie die Farm geerbt und sie brauchten keinen Knecht mit drei Kindern . Sie gaben mir das Notwendigste , um nach New-York zurückzukehren und so stand ich denn im vorigen Spätjahr wiederum bettelarm vor der Türe des braven Pfarrers . Da konnt ' ich aber die Last meiner Leiden und meiner Sünden nicht mehr ertragen . Der liebe Gott mußte sie mir tragen helfen . Ich erleichterte mein Herz durch eine reumütige Lebensbeicht und dann schrieb ich Ihnen , hochwürdiger Herr , und bat Sie um Reisegeld zur Heimkehr , und der brave Pfarrer schrieb Ihnen auch . Ehe das Geld aber ankam , ergriffen mich die Pocken und ich war so geschwächt von all ' meinem Elend , daß die heftige Krankheit mich fast um all ' meine Sinne brachte . Ich lag drei Monate im Spital , fast blind , halb taub , zitternd an allen Gliedern , und so bin ich denn , wie Sie mich jetzt sehen , aus dem amerikanischen Paradiese heimgekehrt . « - Es wurden Stimmen im Hofe laut und Männerschritte ließen sich vernehmen . Wendel blickte mit seinen kranken Augen scheu nach dem Fenster und Levin stand auf , um zu sehen , was vorfalle . Da flog die Türe auf und die Bäuerin stürzte mit den Geberden höchster Verzweiflung in die Stube und schrie : » Wendel ! sie sagen , die Rose sei eben gefunden , erstickt im Kohlendampf . O Jesus Maria ! ist sie denn nicht in Amerika geblieben , Wendel ! « - Zwei Gerichtsdiener folgten der Bäuerin ; die Buben drängten sich ängstlich herein und in eine Ecke ; Regina eilte schreckenvoll zu Levin und umfaßte seinen Arm ; Wendel rührte sich nicht ; alle sahen gespannt die Gerichtsdiener an . Diese grüßten höflich Levin und der eine sagte zur Bäuerin : » Heule Sie nicht , Frau , und komm ' Sie mit uns . Ist Ihre Nichte wirklich in Amerika , so kann sie freilich nicht bei uns erstickt im Kohlendampf liegen . Da aber die Leute sagten , es sei die Wendelrose , die vor dritthalb Jahren mit ihren Eltern ausgewandert sei und wir möchten uns bei Ihr , Frau , Auskunft holen : so sind wir gekommen , um Sie mitzunehmen . « » Wendel , hörst Du nicht ! « schrie die Bäuerin ganz außer sich . » Die Leute sprechen ja , Deine Tochter sei da - aber tot . « » Seine Tochter ! « rief der Gerichtsdiener erstaunt . » Ist denn der Wendel auch aus Amerika zurückgekommen ? Hätt ' ihn nimmer erkannt ! er sieht ja aus wie sein eigener Großvater . Nun Wendel , sprecht : kann das eure Tochter sein ? « » Gottes Mühlen mahlen langsam , « sagte Wendel stumpf , tat seine kranken Augen weit auf und blickte mit blödsinnigem Lächeln umher . » Auch das noch ! er ist irr ! « ächzte die Bäuerin und fiel auf die Bank . - Regina unterstützte sie und rief nach Essig und kaltem Wasser . Der Gerichtsdiener sagte ehrerbietig zu Levin , der den unglücklichen Wendel in seinen Armen hielt : » Hochwürdiger Herr , reden Sie der Frau zu , daß sie mit uns gehe . Der arme Mann ist ja seiner nicht mächtig . Vielleicht ist ' s auch nicht die Wendelrose . Die Bräuerin aus dem roten Ochsen kann sich ja irren . Man muß nur Gewißheit haben , ob Ja , ob Nein . « » Hat die Bräuerin aus dem roten Ochsen gesagt , daß es die Wendelrose sei : so ist sie es ; « nahm die Bäuerin mit schwacher Stimme das Wort ; » denn die ist aus der Verwandtschaft meiner Schwägerin selig . Wer von uns zur Stadt geht , kehrt bei ihr ein . Die kennt die Rose wie ihr eigen Kind . « - Man kam endlich dahin überein , daß die beiden ältesten Buben mit den Gerichtsdienern in das benachbarte Städtchen gingen . In einer Oberstube des Posthalterhauses lag auf dem Bette , völlig angekleidet und in einen schottischen Shawl gehüllt , eine weibliche Gestalt . Die Fenster des Zimmers waren geöffnet und die Türe verschlossen . Ein Gerichtsdiener hielt vor derselben Wache . Unten in der Wirtsstube drängten sich die Leute und besprachen das grausige Ereignis . Als die beiden Buben anlangten und die Treppe hinauf geführt wurden , wälzte sich ein Menschenstrom ihnen nach , und kaum öffnete sich ihnen die Zimmertür , so stürzten Beide mit dem Jammergeschrei : » Rosel ! ach Rosel ! « dem Bette zu . Nun wußte man , daß es die Wendelrose sei ! Das Gericht nahm ihren armseligen Reisesack in Verwahrung . Es fand