darum war ihm bange für Ulrich , weil er dessen hochfliegende Seele kannte ; sie konnte sich auch verfliegen und gleich der Motte , weil das Licht ihn anzog , im Lichte fangen und verbrennen . Weil er keine gemeine sinnliche Natur war , konnte es ihm um so eher geschehen , nicht auf gemeine leichtsinnige Weise , sondern durchdrungen von einer poetischen Schwärmerei sein Gelübde , das ihn alle Frauen meiden hieß , zu brechen - so daß doch immer das Resultat , der gebrochene Schwur , dasselbe blieb - ob nun die Verführung von einer realistischen oder idealistischen Anschauung und Seite kam , die Sache blieb sich gleich . Der Propst nahm Ulrich bei der Hand und sagte gutmüthig : » Vergieb dem älteren , erfahrenen Manne , der es recht gut weiß , daß Keiner so fest steht , daß er nicht falle . Mag es nun Zufall oder Absicht gewesen sein , was den Ritter und Dich um die Scheurlin zusammenführte - sei gegen sie auf Deiner Hut . « » Aber ich bitt ' Euch , unterbrach ihn Ulrich ärgerlich , » eine so stolze Patrizierin - und ein armer Steinmetzgeselle ; wozu hier noch eine Warnung , und sei sie noch so wohlgemeint . « Der Propst zuckte die Achseln . » So wie ich diese Frau kenne , ist es möglich , daß sie aus Stolz vor der Welt die Huldigung des römischen Königs und künftigen deutschen Kaisers annimmt und im Stillen ihn von sich weist , nicht mehr gestattet , als die Welt eben sehen darf - aber auch , daß sie im niedern Steinmetzgesellen den Kunstgenius herausfindet und ihm gegenüber keinen Stolz mehr kennt - wenn nur die Welt nichts davon erfährt . « Ulrich schüttelte den Kopf zu diesen Warnungen . Freilich war es ihm , seit er Elisabeth ' s Retter gewesen und seit sie , da er im Kampfe für sie in ihre Augen geschaut und sie über ihn gebeugt verzweiflungsvoll gehaucht hatte : » todt - und für mich « - als sei er dadurch nicht nur belohnt für das , was er für sie gethan , sondern auch geweiht , als sei er berufen , für sie noch mehr zu thun . Aber das lebte als ein so heiliges Gefühl in ihm , daß er es sich selbst und Andern verbarg , und weil ihm war , als habe er damals einen Blick in Elisabeth ' s Inneres gethan , nicht duldete , daß man sie verunglimpfe - ja , nach dem , was Kreß jetzt sagte , erschien sie ihm seiner Verehrung um so würdiger , weil sie von einem Buben gelästert ward sowohl , als auch dadurch , daß sie gerade im Gegentheil zu dem , was man ihr hier nachsagte , die stolzeste Zurückhaltung gegen ihn beobachtete . Wenig Tage nach diesem Zwiegespräch schlich der Jude Ezechiel im Abenddunkel in Ulrich ' s Wohnung , die er nach langen Nachforschungen ausfindig gemacht . Ulrich meinte , er komme , um sich doch noch für die im Kloster ihm übergebenen Kleider die Bezahlung zu holen , die er damals verweigert hatte . War Ulrich auch in manchen Beziehungen über die ärgsten Vorurtheile hinaus - er fühlte sich doch sehr gedrückt und erniedrigt durch den Gedanken , daß ein Geheimniß von ihm in den Händen dieses Juden sei ; denn wenn er auch nicht wußte , zu welchem Zweck er , Ulrich , im Kloster die Kleider bedurfte , so gab es doch , wie bei jedem Geheimniß , das nicht mehr unser alleiniges Eigenthum , Möglichkeiten und Zufälligkeiten genug , es theilweise wenigstens zu verrathen , oder doch diese Mitwissenschaft des Israeliten gefährlich werden zu lassen , um so mehr , da die Verschlagenheit dieser Leute und ihr Streben , keinen Christen zu schonen bekannt , und in der That mehr als Vorurtheil war . Deshalb galt auch allerdings vor Gericht ihr Zeugniß nicht , und darum war wieder ein Jude eine ungefährlichere Person in diesem Falle , als jede andere ; aber da eben dieser durch seinen Trödlerkram und sein großes » Geschäft « sich schon manchem Christen unentbehrlich gemacht und ihn sich verpflichtet , so hatte er überall Einfluß und Leute , die in seiner Hand waren und nach seinem Willen handeln mußten . Ulrich fühlte sich gedemüthigt , daß Ezechiel ihn diesen wohl gar schon beizählen könne . Kam er auch jetzt nur im Dunkeln und hatte er einen verhüllenden Mantel um sich , so lag doch die Möglichkeit nahe , daß Jemand ihn oder doch den Juden in ihm erkenne - und da der Umgang mit einem Juden , besonders für einen christlichen Baubruder , schimpflich war , so wollte er sich des unwillkommenen Besuchs so schnell als möglich entledigen , indem er sogleich fragte ; wie viel er ihm schulde ? Aber Ezechiel wies noch einmal standhaft jede Bezahlung zurück , und erzählte , daß er der Frau Scheurl den Ring gebracht , und wie diese ihm , dem Finder , selbst dafür danken wolle - denn es sei ihr gar viel an dem Ringe gelegen . Sie lasse ihn daher bitten , ihr eine Abendstunde zu bestimmen , in welcher er bei ihr selbst diesen Dank empfangen könne ; sie werde dann auch Alles einrichten , daß sein Kommen ganz unbemerkt bleibe , da ihm das wohl erwünscht wäre . Ulrich trat einen Schritt zurück . Im ersten Augenblick dachte er wohl an des Propstes Warnung , wie an dessen Urtheil über Elisabeth ; im nächsten aber , wo er einen Blick auf das cynischlächelnde Gesicht des Juden warf und dessen ganze widerwärtige Erscheinung - da begriff er , daß Elisabeth nicht einen solchen zu ihren vertrauten Aufträgen wählte , selbst wenn ein Zufall ihn wie durch die Uebergabe des Ringes in einer Angelegenheit vielleicht zu ihrem Vertrauten gemacht . Er fühlte sich versucht , den Juden zu packen und die Treppe hinabzuwerfen ; aber - er mußte ihn ja schonen , weil ein Geheimniß und mit ihm vielleicht er selbst und seine Ehre , vielleicht das Leben seines Vaters in den Händen des Juden war ; er mußte vermeiden ihn zu beleidigen , ihm seine Verachtung zu zeigen - er antwortete nur stolz : » Ein christlicher Baubruder bedarf nie eines Dankes dafür , daß er seine Pflicht thut - er nimmt ihn nicht an , selbst wo er ein Opfer gebracht hätte . Aber hier kann von gar keinem Dank die Rede sein - das ist die einzige Antwort , die ich für Frau von Scheurl haben kann . « » Die wird ihr sehr wenig gefallen , « sagte Ezechiel ; » eine schöne Frau , die einen jungen Mann auffordert zu kommen im Dunkeln in ihr Haus , die ist nicht zufrieden mit solcher Antwort . « » Kein Wort weiter ! « fuhr Ulrich auf , » und seid froh , wenn Ihr weiter keines von mir hört ! « » O ich merke wohl , « begann Ezechiel dessen ohngeachtet von Neuem , » ich merke wohl , daß Ihr nicht trauet dem armen Juden , und für diesen Fall hat mir die Frau Scheurl in der Eile auch ein Blatt gerissen aus einem schönen Buche und mir mitgegeben , darauf geschrieben steht ihr eigener Name von ihrer eigenen zierlichen Handschrift . « Ulrich griff nach dem Blatte : es war ein Titelblatt aus der Beschreibung Nürnbergs von Konrad Celtes ; unten am Rande stand mit blauen Buchstaben : » Elisabeth Behaim . « Ulrich schwankte einen Augenblick , ob er das Blatt zurückgeben sollte oder behalten . - » Darauf sollet Ihr schreiben die Antwort , wenn Ihr sie nicht wollt geben mündlich , « sagte der Jude . » Das Blatt muß ich wieder bringen . « » So bring es ihr , wie es ist , « sagte Ulrich nach einigem Besinnen : » das ist auch eine Antwort . « Vergeblich war alles weitere Reden des Israeliten . Ulrich mußte mit aller Gewalt an sich arbeiten , daß er ihn noch glimpflich statt schimpflich behandelte . Endlich mußte er doch unverrichteter Sache gehen . Das Titelblatt des Buches nahm er wieder mit . Ulrich glaubte nicht , daß Elisabeth den Juden zu ihm gesendet - und doch konnte er auch wieder nicht begreifen , zu welchem Ende derselbe irgend ein freches Spiel mit ihm treiben sollte ; er hatte ihm ja nur Gutes erwiesen , und Ezechiel selbst hatte sich in Lobreden und Dankesworten für ihn erschöpft . Aber um ein Geschäft zu machen , meinte Ulrich , sei solch ' einer Judenseele Alles möglich . War er nicht mit Streitberg in Verbindung , da er dessen Ring besaß ? - oder wieder , da er ihn an Elisabeth ausgeliefert , hatte er nicht diesem damit einen schlechten Dienst erwiesen , oder auch hiermit » ein gutes Geschäft gemacht « ? Und war es nicht einst Rachel gewesen , die Streitberg ' s Anschläge wider Elisabeth gekannt und ihm , Ulrich , zu ihrem Schutze zum Theil verrathen hatte ? Woher wußte sie das , wenn nicht ihre Umgebung wenigstens mit Streitberg in Verbindung war ? Hatte nicht dieser gegen Kreß ihm und Elisabeth versucht durch bösen Leumund zu schaden - hatte er nicht auch hier die Hand im Spiele ? Ulrich kam mit all ' diesen Fragen zu keinem klaren Resultat - und doch fühlte er , daß ihn und Elisabeth eine dunkle Macht bedrohe , und daß jetzt mehr als je etwas geschehen müsse sie zu schützen und selbst auf seiner Hut zu sein - aber es vergingen wieder Wochen , und es war Alles geblieben , wie es war . Da scholl die Kunde durch Nürnberg , daß der berühmte Reisende Martin Behaim zurückgekommen sei , und daß ihm wenige Meilen von der Reichsstadt entfernt und noch auf deren Gebiet der Wagen , der sein Reisegut geführt , überfallen und ausgeraubt worden von frechen Raubrittern und Straßenräubern . Den Seinigen und seiner Vaterstadt und deren Gemeinwesen habe er die herrlichsten Dinge mitgebracht , die nun in die Hände der Verbrecher gefallen , die nur den allerunwürdigsten Gebrauch davon machen oder sie gar vernichten würden . Und wie die Fama die Erzählung weiter trug von Ohr zu Ohr und von Mund zu Mund , so wurden die mitgebrachten kleinen Affen zu fürchterlichen Waldmenschen mit Schwänzen und die indianischen Raben zu fabelhaften Vögeln , die mit menschlichen Zungen redeten und goldene Eier legten , und die wundersamsten Schilderungen liefen um von Martin Behaim ' s indischen Schätzen . Nicht nur der Rath bot all ' seinen Scharfsinn und all ' seine Macht auf , die Thäter zu entdecken , sondern jeder einzelne Nürnberger schien es sich zur Ehrensache zu machen , so viel an ihm war auch mit zu forschen und zu spähen , ob nicht irgendwo etwas zu sehen und zu erhalten sei von dem absonderlichen Eigenthum ihres berühmten Landsmannes . Und diesmal - um ihres Bruders und um ihrer Vaterstadt Willen - schwieg auch Elisabeth nicht . Nach der Beschreibung des Boten nannte sie zwar nicht Streitberg , aber den Ritter von Weyspriach und einen Gefährten als die muthmaßlichen Thäter . Indeß das Wort gilt immer noch : die Nürnberger hängen Keinen , den sie nicht haben . Und wie konnte man der Ritter habhaft werden ? Die saßen sicher auf Weyspriach ' s alter Burg - und wer konnte sicher beweisen , daß dieser mit dabei gewesen ? Wie konnte man ihn zur Rechenschaft ziehen ? oder wie konnte man allein auf diesen Verdacht hin etwa mit reichsstädtischer Mannschaft ihm vor die Burg rücken und entweder Einlaß begehren , nach den geraubten Schätzen zu suchen , oder jene zu belagern ? Dann hätte Nürnberg zuerst den Landfrieden gebrochen , das so streng auf dessen Wahrung hielt , und nicht jener Ritter , der vielleicht ja doch unschuldig war , vielleicht auch das verrätherische Gut längst in einer sichern Räuberhöhle geborgen . So blieb es immer nur bei öffentlichen Erlassen und Preisaussetzen für Diejenigen , die irgend etwas von dem Gute gewahren , oder eine Auskunft darüber geben würden . Wie aber immer , bald mit Recht , bald mit Unrecht , Alles , was Schlechtes oder Unerklärtes geschah , auf die Juden geschoben ward , so geschah es diesmal wieder , nachdem einige Tage unter andern vergeblichen Bemühungen hingegangen waren . Das Volk grollte den Juden , hieß sie , wenn nicht die Stehler so doch die Hehler , und schon zeigte sich im dumpfen Grollen die Lust , das Judenviertel zu stürmen - bis jetzt aber war es noch bei einzelnen Excessen geblieben . Als Ulrich zu dieser Zeit einmal im Dunkeln nach Hause kam , kauerte eine weibliche Gestalt auf der Treppe . » Ulrich ! « flüsterte es leise . Unwillig erkannte er Rachel ' s Stimme . » Was willst Du wieder ? « fragte er rauh . » Euch bitten , mir zu helfen , tausende Unschuldige zu retten ! « flehte sie . » Ihr wißt ' s , ich habe nie gelogen - hört mich auch jetzt ! glaubt mir auch dieses Mal ! « » So rede wenigstens schnell , und sag ' es kurz , was Du willst ? « unterbrach sie Ulrich ungeduldig . » Hier hört uns doch Niemand ? « fragte sie ängstlich . » In der That , « antwortete er , » das hab ' ich wohl mehr zu fürchten wie Du ! « » So laßt mich mit in Euer Zimmer ! « bat sie , » und macht Licht , ich hab ' Euch etwas zu zeigen ! « Ulrich öffnete das Zimmer und schob sie mit hinein ; während er Feuer anschlug , sagte er : » Rede und fasse Dich kurz , denn lange dulde ich Dich hier nicht ! « Es war noch finster und er sah nicht wie sie erglühte und zitterte . » Ach , Ihr wißt es gewiß selbst ! « begann sie ; » unser Volk soll wieder die Schuld tragen von der Ungebühr , die einem christlichen Bürger geschehen , indeß die Uebelthäter doch Christen waren ! Ein wüthender Haufe zog durch unsere Gassen und verkündete , daß man uns die Häuser über den Köpfen anzünden werde , wenn wir nicht herausgeben , was dem Martin Behaim geraubt ist - wenn nicht bis morgen Alles zur Stelle - so lange lasse man uns Zeit - « » Aber was kann ich dabei thun ? « unterbrach sie Ulrich , der jetzt einen Kienspan in Brand gesetzt hatte , wieder ungeduldig . Sie hatte einen alten grauen Sack neben sich gelegt , in welchem sich etwas unruhig raschelnd zu bewegen schien ; jetzt hob sie ihn auf , streifte ihn zurück , und hervor kam ein wunderschöner Vogel mit purpurrothem Gefieder , das wie Atlas glänzte , und blau und grün , hell und dunkel schattirten Flügeln und langem Schwanz . » Seh ' t , « sagte sie , » da ist das Schönste von Behaim ' s Schätzen ; dies Thierchen hab ich heimlich gerettet , wie sie es mit den andern würgen wollten , und bring ' es Euch . « Ulrich betrachtete den Vogel , dergleichen er noch nie gesehen , mit unwillkürlicher Bewunderung , und dann rief er drängend : » Aber wo hast Du den Vogel her ? Also weißt Du doch um das geraubte Gut und Deine Glaubensgenossen sind schuld an dem Frevel ? « » Nein und tausendmal nein ! « rief sie ; » aber weil sie unschuldig sind , müßt Ihr die Schuldigen verkünden . Aber mich hört ja Niemand , mir glaubt ja Niemand - oder vielmehr , die Männer würden mich steinigen , wenn sie wüßten , daß ich verriethe , was verschwiegen bleiben soll . Da nehm ' t den Vogel - dem sichtbaren Zeichen wird man glauben , wenn nicht Euch ; geht damit zum Rath oder zu dem Behaim , oder Scheurl , oder zu wem Ihr wollt , und sagt , daß der Vogel Euch zugeflogen und es Euch gesagt habe : Die Ritter Weyspriach und Streitberg sind die Räuber und haben das Gut zum Theil auf ihrer Veste - ein anderer Theil davon aber ist in großen eisernen Kästen im Walde in einer Grube verscharrt . Führt nur die Leute hin rechts von der Heerstraße ; es stehen zwei hohe Tannen da , die sich einander zuneigen , dahinter liegen runde bemooste Steine , gleich Wellen übereinander geschichtet . Ihr könnt nicht fehlen , Ihr müßt die Stelle finden . « » Aber Kind , « sagte Ulrich staunend , » auch wenn ich Dir glauben will - ich kann doch nicht selbst die Stelle angeben und aufsuchen , ohne den zu nennen der sie mir gezeigt . « » Nein ! nein ! rief sie , » das werdet Ihr nicht thun ! - Nennt den Vogel da , Ihr könnt sicher sein , den Beweis zu liefern , daß er die Wahrheit geredet . « » Ich lüge niemals ! « fiel ihr Ulrich in ' s Wort ; » ich werde vor Gericht nicht lügen und alberne Mährchen werden nie über meine Lippen kommen . « » Hab ' t Ihr nicht auch Geheimnisse , « sagte sie plötzlich , ihn fest ansehend , » von deren Verrath vielleicht das Glück oder das Leben einer Person abhängt , die Euch theuer ist ? Ist da nicht auch selber Schweigen Pflicht - fordert Ihr es nicht von Andern ? « Er sah unwillkürlich beschämt zu Boden . Das war der Fluch , der über ihn gekommen , seitdem er die Eltern verloren , und noch mehr , seitdem er den Vater gefunden : er durfte nicht mehr in allen Fällen wahr und offen sein . - » Warum wählst Du immer mich zu Deinem Werkzeug in Dingen , die mich gar nicht berühren ? « sagte er . Sie sah ihn verwundert mit ihren dunklen Augen an , als begriffe sie diese Frage gar nicht . » Weil ich Euch allein traue von allen Christen ! « sagte sie einfach , und nach einer Pause fügte sie hinzu : » Ihr wißt , ich kann nicht schreiben . Könnte ich ' s , so hätte ich , was ich da vorhin Euch gesagt , auf einen Zettel geschrieben und den Vogel um den Hals gehangen , dann hätt ich ihn im Sack vor Eure Thür gelegt , ohne Euch selbst zu erwarten - und Ihr redet keine Unwahrheit , wenn Ihr sagt , daß Ihr so die Kunde von dem Vogel erhalten . Hab ' t Barmherzigkeit und thut also - wenn solch ' ein kleines Geheimniß meinem ganzen Volke Leben und Eigenthum retten kann , das es unschuldig verliere - « » Unschuldig ? « unterbrach sie Ulrich ; » wie kommst denn dann Du dazu , von dem Verbrechen und den Verbrechern genaue Kenntniß zu haben ? « » Frag ' t mich nicht weiter ! « rief Rachel sich groß aufrichtend . » Daß ich die Noth abwenden will von meinem Volke , unter dem nur Einer weiß , was ich weiß - das sollte Euch meinem Flehen geneigt machen und Euch genug sein , mich nicht mit Mißtrauen zu quälen - nicht mich zwingen zu wollen , noch durch ein weiteres Geständniß ein Verbrechen zu begehen , wo ich immer nur sinne , eines um das andere zu verhüten . « » Es ist gut , « sagte er milder ; » ich thue Deinen Willen - so bleibe auch das unser Geheimniß . « Er schrieb den Zettel so , wie sie gesagt hatte . Sie war damit zufrieden und schlich sich leise fort , wie sie gekommen . Drittes Capitel Begegnungen Noch an demselben Abend , wo Ulrich den indianischen Raben erhalten hatte , machte er sich mit diesem auf den Weg und ging zu Behaim ' s Haus , um hier denselben abzugeben . Aber er fand die Hausthür verschlossen und kein einziges Fenster des Hauses erleuchtet . Erst nachdem er lange geschellt , schaute ein Kopf aus einem Fenster im obern Stockwerk heraus und rief hinab : » Es ist gar Niemand zu Hause . « » Ich habe eine wichtige Meldung zu machen für Herrn Martin Behaim , « rief Ulrich hinauf . » Der wohnt gar nicht hier , sondern bei dem Herrn von Scheurl , « antwortete die Stimme , » da müßt Ihr dorthin gehen ; Alle sind da , denn man feiert den Geburtstag der Hausfrau . Hab ' t Ihr aber nichts Gutes , zu melden , so werdet Ihr nicht sehr willkommen sein . « - Damit war das Fenster wieder zugeworfen . Es blieb Ulrich nichts übrig , als dahin zu gehen . Der Weg war ziemlich weit , und es schlug eben zehn Uhr , als er » unter der Veste « ankam . In Scheurl ' s Hause standen alle Thüren offen . Aus den Fenstern fiel helles Licht auf die Straße . Muntere Weisen von Spielleuten klangen daraus hervor . Im Hausflur und auf der Treppe traf Ulrich Niemanden ; in den hell erleuchteten Corridor , aus dem offen stehende Flügelthüren in den Gesellschaftssaal führten , woraus das Gewirr lauter Stimmen , neben der Melodie auch das Geklirr von Speise- und Trinkgefäßen klang , mochte er sich nicht sogleich wagen . Es kam ihm plötzlich der Gedanke ein , da ihn bisher noch Niemand gesehen , den Vogel vielleicht unbemerkt in ein Nebenkabinet setzen und sich selbst wieder fortschleichen zu können , damit seine Einmischung in diese Angelegenheit ganz unbemerkt bleibe . Er öffnete darum eine der nächsten Seitenthüren und stand in einem kleinen Zimmer , über das eine von der Decke herabhängende Ampel ein zauberhaftes Rosenlicht goß . Darunter stand ein weißes Marmorbecken mit einem zierlichen Blätterkranz umgeben , aus dem Strahlen wohlriechenden Wassers emporsprangen . Eine seitwärts befindliche Nische umgaben Draperien von gelber Seide und purpurnem Sammet mit goldenen Fransen , Quasten und Schnüren , welche diese Vorhänge von einem gleichfarbigen Sammetpolster an der einen Seite zurückhielten . An dem einzigen hohen Bogenfenster zwischen den dicken Mauern standen hohe grünende und blühende Topfgewächse , eine Art Laube bildend . Hier dachte Ulrich den Vogel vielleicht passend anbringen zu können . Leise auftretend näherte er sich diesem künstlichen Garten , nahm den Vogel aus dem Sack , in dem er ihn bisher getragen hatte , und wollte ihn auf die Zweige setzen ; aber Ulrich hatte das Kettchen losgelassen , das an dem Hals des Raben befestigt war , und dieser flog , ein eigenthümliches Geschrei ausstoßend , auf das Marmorbecken . Da antwortete der erschrockene Ruf einer weiblichen Stimme aus der Nische - Elisabeth war auf dem Polster emporgefahren , auf dem sie eine Weile Ruhe gesucht hatte vor dem Lärm des rauschenden Festmahls , indeß ihre Gäste denken mochten , irgend eine Pflicht der wirthlichen Hausfrau habe sie abgerufen . Dort hätte sie Ulrich um so weniger bemerken können , als ihr rothes Schleppenkleid sich in die Farbe des Sammetpolsters verloren hatte und ihr Oberkörper von den Vorhängen verborgen gewesen war . Jetzt hatte sie sich aufgerichtet , hielt mit dem weißen Arm den einen Vorhang zurück und strich mit dem andern die goldnen Locken aus der edlen Stirn , als wolle sie sich besinnen , ob sie träume oder wache . Regungslos saß sie da , starrte bald auf den Vogel und bald auf Ulrich , leuchtender ward der Ausdruck ihrer Augen ; es war , als wage sie dieselben nicht zu wenden , sich nicht zu rühren , ja kaum zu athmen , daß sie sich nicht selbst ein wunderbares Traumbild zerstöre . Und so war es auch Ulrich . Zum ersten Male fühlte er die Macht der Schönheit des Weibes - eines solchen , das zugleich den Stempel geistigen Adels auf der reinen Stirne trug , noch mehr , die Siegeszeichen geistiger Kämpfe um den feinen Mund ; er dachte jetzt weder an eine Warnung , noch an all ' diese Zufälligkeiten oder Berechnungen Anderer , die sie und ihn zusammengeführt - er dachte wieder nur an den Augenblick , wo sie über ihn gebeugt seine Wunde untersucht hatte , die er für sie empfangen ; aber er faßte sich und griff nach dem Vogel , der auf dem Wasserbecken still saß , um zu saufen , und sagte : » Verzeiht , edle Frau , wenn ich hier eingedrungen . Ich meinte ungesehen kommen und mich wieder entfernen zu können - nur der Vogel sollte hier bleiben . Ihr solltet nicht wissen , daß ich ihn gebracht ; er sollte nur noch zur Feier Eures Geburtsfestes kommen und das Uebrige selbst Euch verkünden . « Er näherte sich ihr nicht , sondern schritt der Thüre zu . Sie sprang auf und rief : » Ulrich von Straßburg , diesmal dürft Ihr so nicht von mir gehen ! « Er stand still und sah sie fragend an . Sie faßte sich und sagte mit edler Würde : » Ihr seid der einzige Mensch , dem ich Dank schuldig bin , der einzige , der ein Recht hat , mich als undankbar zu verachten - das ertrag ' ich nicht ! « » Ich verdiene keinen Dank , « antwortete er ; » der Vogel , den Euer Herr Bruder Euch mitgebracht hat von den fernen , wunderreichen Inseln , hat sich nur zufällig zu mir verflogen , und ich konnte nur ihn bringen - er aber bringt die Kunde , wo die andern Schätze sind . « Erst jetzt begriff sie , daß Ulrich eben einen neuen Dienst ihr geleistet , einen größeren noch ihrem Bruder , obwohl sie seine Rede sonst noch nicht verstehen konnte , da sie den Zettel nicht gelesen . » Wie ? Ihr häufet neue Dankesschuld auf mich ? « rief sie , » und noch ist die alte nicht abgetragen ! Ihr dürft sagen , daß ich das noch nicht versucht , nicht einmal mit einem Wort ; aber da Ihr mit dem Tode ranget , rang ich auch damit , und dann hab ' ich Euch nur in Gegenwart Anderer gesehen . Dienste , wie Ihr sie mir geleistet , die bezahlt man nicht ; ich konnte deren Werth nicht durch Anerbietungen verringern , wie mein Gemahl sie Euch gethan ; mehr als dafür , daß Ihr Euer Leben für mich wagtet , muß ich Euch dafür danken , daß Ihr mein Geheimniß wahrtet , mich nicht zum Gegenstand einer abenteuerlichen Geschichte machtet . Was Ihr von mir erfahren , wollte ich selbst vergessen , wollte ich , daß Ihr es vergäßet und mich selbst dazu : und nun kommt mir immer wieder die neue Pein , daß Ihr mich trotzdem nicht vergessen habt , daß ich Euch keine Fremde geblieben - und daß Ihr mich doch - verachtet - verachten müßt . « Die Gluth höherer Erregung war in ihr Antlitz getreten , als sie so sprach ; aber jetzt erbleichte sie plötzlich , weil sie so gesprochen hatte . Sie lehnte sich an das Marmorbecken , um nicht umzusinken , alle ihre Pulse waren in fieberhafter Unruhe und die blauen Adern schimmerten dunkler durch das zarte Weiß der Haut . Ulrich beugte ein Knie vor ihr und sagte : » Ich knieete bisher nur in Kirchen und vor Altären - noch niemals vor einem Menschen ! Wenn Ihr nicht diesem Zeichen meines Glaubens an das edelste und tugendhafteste Weib vertraut - so habe ich kein anderes . « Sie faßte seine Hand , neigte sich über ihn , und ein Strom von Thränen stürzte aus ihren glänzenden Augen , die seit Jahren Niemand weinen gesehen . » Ihr seid ein geweihter Hohenpriester der Kunst , « sagte sie , » schaffet , was der Geist Euch eingiebt , und wenn Ihr es nicht verschmähet , so möcht ' ich in Euere Hände den Auftrag legen , das Grabmal meines Vaters Martin Behaim mit einem Kunstwerk zu zieren , wie Euer Genius es in sich trägt . « » Dann , « sagte er , » werdet Ihr im Stein verewigt daran stehen als der weinende Genius der Liebe . « Aber da er dieses Wort gesprochen und mit seinen glühenden Lippen zum ersten Male die weiche Sammethand eines Weibes berührt hatte , zum ersten Male seine lebenswarme Nähe gefühlt , den Hauch seines Mundes und die warme Thräne seines Auges auf seiner Stirn - da sprang er auf und sagte so gefaßt als möglich : » Vergebt meinem Eindringen , und wenn Ihr mir mit etwas danken wollt , so sei es damit , daß Ihr verschweiget , wer Euch den Vogel gebracht , sobald ich mich so unbeachtet entfernen kann , wie ich kam , « und um seine Bewegung zu bemeistern und zu verbergen , fing er den Vogel , der sich lustig auf den Zweigen einer kleinen Ceder wiegte . Elisabeth nahm ihn selbst auf ihren Arm und küßte sein schimmerndes Gefieder . Das schien ihm zu gefallen , er blieb ruhig sitzen , krauste seine Kopffedern auf und zupfte mit dem rundgebogenen Schnabel an den Falten ihres Leibchens . Sie wollte sich selbst zur Sammlung und Ruhe verhelfen und las den Zettel , den er an seinem Halse trug , worauf Ulrich in kurzen , aber deutlichen Worten niedergeschrieben , was ihm Rachel vertraut hatte . Gefaßter , als vorhin , sagte sie jetzt : » Vielleicht kann mein Bruder Martin Euch besser danken , als ich vermag . Ihr seid ja wohl bewandert in der Geometrie und Mathematik , deren ewigen Gesetzen er seine großen Entdeckungen verdankt . « » Ihr vergeßt , « fiel ihr Ulrich in ' s Wort , »