, daß die Frösche mit Jubel einfallen , die Heimchen mitschrillen ... Alles neckt sich ... Blume und Käfer ... bis endlich die Sonne am fernen Horizont mit rosigen Streifen sich ankündigt ... Willkommen o seliger Morgen ... Alles blitzt im Thau ... es läutet zur Messe ... dann Wagengerassel ... es kommen vornehme Abbates und Prälaten ... die Kinder des Hauses spielen mit ihnen nach der Andacht , spielen selbst mit dem Strick des Franciscaners , der am Abend die Noten umschlug , und lassen ihn Pferdchens springen ... dazu summen die Bienen , schwirren die Käfer ... und wenn bei Tisch auch noch soviel Wein aus schönen hochgespitzten bunten Gläsern getrunken wird und braunglänzende Braten hoch aufgetragen werden , wie in den Bildern des Paul Veronese ... es geht doch heilig und weltlich immer in eins ... die Reste des Mahls und Wein , diesen in einer hohen strohumwundenen Flasche , schickt man dem frommen Eremiten Federigo unter den Eichen von Castellungo , der dafür die Kinder mit Bildchen beschenkt , die er in seiner einsamen Hütte malt ... oder sie das schwere , wie Steine rasselnde Deutsch lehrt , wenn es zufällig Kinder eines italienischen Conte sind ... oder ihnen in seinen hohlen Eichen Rendezvous vermittelt , wenn sie größer werden und verliebt sind ... Doch sehen Sie nur , unterbrach sie sich in ihrer Schilderung plötzlich selbst ; es gibt wirklich ein Wetter ! Sie Glückliche , lachte Benno , Sie können Ihre Phantasie zu Hülfe nehmen , wenn nicht alles auf der Dechanei so zutrifft , wie Sie ' s sich gedacht und ausgemalt haben ! Ganz recht , bestätigte Lucinde , eben die Dechanei , die dacht ' ich mir so ... mutatis mutandis - Mutatis mutandis ? wiederholte Benno und sah sie , erstaunend über ihr Latein , an . Ich meine die Kinder ... Verstehe ! Verstehe ! Es trat eine Pause ein , in der Lucinde den Triumph genießen konnte , sich sagen zu dürfen : Du kalter , eingebildeter junger Mensch , glaubtest mich so über die Schultern ansehen und nach den Aussagen der alten Renate , Grützmacher ' s und wer weiß , ob nicht auch deines so grausamen , so tugendkalten und mich glücklichunglücklich machenden Bonaventura beurtheilen zu können ! Und auch Benno fühlte vollkommen , was sie dachte . Nach einer Weile sagte er : In der Hauptsache werden Sie es wirklich so in der schönen Dechanei finden ! Sie könnte allerdings ganz in ein Gedicht von Clemens Brentano passen ! Selbst die Pfauen fehlen nicht ! Noch mehr , der Onkel hat einen alten Diener , dem er gestattet in den Sternen zu lesen ... Das ist schlimm für seine Teller ! unterbrach sie . Aber ? Frau von Gülpen ... Frau von Gülpen ? Benno zuckte die Achseln und deutete an , daß mit diesem Namen die in Kocher am Fall zu erwartende Poesie ein Ende hätte . Lucinde verstand diese Geberde . Mit tiefschneidender Ironie sagte sie : Also Frau Renate die Zweite ! Und wie sie dann hinzufügte : O Männer ! Männer ! ... so war dies doch ein Ton , als hätte Benno aufspringen müssen , ihre Arme zu fassen und sie niederzudrücken mit den Worten : Schwaches Weib , glaubst du denn allmächtig zu sein ? ... Es war der Glutenstrom , den Armgart gestern aus ihr herausgehen gefühlt hatte , der Glutenstrom , unter dessen Gewalt vielleicht die Gräfin Paula vergangen wäre , wenn sie nicht Bonaventura durch ihre Entfernung gerettet hätte ; aber auch der Glutenstrom wieder , der ihm sympathische Naturen heben und zum Gefühl der Unsterblichkeit hätte beleben können und von dem sich trennen zu müssen einst Klingsohrn zur Verzweiflung brachte . Zum Glück für Benno ' s sich mehrende Aufregung gab es Zerstreuungen am Wege und bald auch kühlte er sich ab durch Lucindens rückkehrende Koketterie . Sie sprach von Armgart und verrieth ihre Absicht , ihren Begleiter zu Vergleichungen zu veranlassen . Nun war es aber doch wie eine sanfte Musik , die über Benno sich ergoß , als er Armgart so nennen hörte . Mit jener ironischen Schärfe , die seinen Zügen nicht bitter oder gar faunisch wie Klingsohrn , nicht elegisch wie Serlo stand , sondern die eine große Anmuth in dem männlichen , edelgeformten Antlitz verbreitete , die schönsten Zähne zeigte und den Augen eine schelmische Gutmüthigkeit lieh , sagte er : Lieber Himmel , mein Fräulein ! Sind Sie denn wirklich schon so alt , daß Sie sich an Armgart ' s Jugend ewig rächen zu müssen glauben ! Lassen Sie doch die Kleine noch so kindisch sein wie sie ist ! Hedemann , wie oft haben Sie ihr die Rettungsthat aus Canada erzählen müssen ? Hedemann wandte sich und sagte , er selbst hätte das nur einmal gethan , aber Herr de Jonge wol ein Dutzend mal . Herr de Jonge ! fuhr Lucinde , die Vennon über seine Aeußerung nicht zürnte , fort . Wer ist Herr de Jonge ? Ein Reisegefährte des Herrn Hedemann ? Erzählen Sie ! Wir genießen das Gefühl , noch im Trockenen zu sitzen ! Sehen Sie nur dort drüben , oberhalb der schwarzen Berge , wie es da schon niedergießt ! In Kocher am Fall ! bestätigte Benno mit nachdenklichem und zerstreutem Tone . Also , Herr Hedemann ! Die Rettung aus Canada ! Wer ist Herr de Jonge ? Sie werden ihn vielleicht in der Dechanei finden ! erwiderte Hedemann und um gleichsam auf diese Art der Erzählung überhoben zu sein . In der Dechanei ? Um so mehr müssen wir auf ihn vorbereitet sein ! Wer ist gerettet worden ? Wer hat gerettet ? Erzählen ! Erzählen ! Diesem Humor ließ sich nicht widerstehen ... Benno zündete sich eine neue Cigarre an und begann : Das beste Schiffsbauholz - Hedemann hielt sich auf dem Bock die Ohren zu , als wollte er sagen : Diese tausendmal wiederholte Geschichte ! Ich kann sie nicht wieder hören ! Das beste Schiffsbauholz , fuhr Benno mit um so größerm Nachdruck fort ... Die Cigarre war noch nicht im Gange ... Das beste Schiffsbauholz - wiederholte Lucinde , um gleichsam den Faden festzuhalten ... Bieten die Urwälder Canadas ! Sie wissen doch , Fräulein , wo Canada liegt ? Lucinde dachte an ihre Langen-Nauenheimer Wandlandkarte und zeigte mit dem Sonnenschirm fest und sicher nach Westen hinaus . Mutatis mutandis ! bemerkte Benno ... Es konnte heißen : Wer Latein kann , weiß auch das ! Oder : Da so herum ist allerdings richtig , aber Amerika besteht nicht aus Canada allein ! Das beste Schiffsbauholz , fuhr er fort , bieten die Urwälder Canadas , und die bequemste Gelegenheit , es auf dem Lorenzostrom und von da ins Weltmeer und nach England und Holland zu transportiren , findet man bei den vielen Nebenströmen des Lorenzo durch die furchtbaren Fälle derselben . Ich weiß nicht , ob sich unser Freund Thiebold de Jonge , Sohn der großen Handels- und Holzfirma » De Jonge ' s Erben « drüben in der Residenz des Kirchenfürsten , auf dem St.-Moritzstrome quer über die tausendjährigen Eichen setzte und mit ihnen die drei- bis fünfhundert Fuß stürzenden Fälle hinunterschwamm in seinen carrirten schottischen Inexpressibles ; nur so viel ist geschichtlich bekannt geworden und in Lindenwerth der abendliche Geisterspuk , wenn die Englischen Fräulein über die Lectüre des » Telemaque « einnicken , daß eines Tages , Sonntags , nicht wahr , Hedemann ? ... Sonntags ... antwortete dieser kopfschüttelnd ... Eines englischen Sonntags also , wo die Engländer auch in Canada daheimsitzen und keine Landpartieen aus Quebec oder Three Rivers in jene Gebirge hinauf machen , aus denen der St.-Moritz mit den tausendjährigen Eichen der Firma » De Jonge ' s Erben « niederstürzt - zwei so melancholische Hypochonder wie der Oberst von Hülleshoven und sein Freund und Rathgeber da , Remigius Hedemann aus Borkenhagen bei Witoborn , nach Montreal wollten oder nach Isle de Jesus , wo man noch eine gute und richtige römische Messe zu hören bekommen kann in dem abtrünnigen ketzerischen Amerika ... Hedemann schüttelte den Kopf ... Nicht ? fuhr Benno fort . Sieh ! Sieh ! Euch denuncir ' ich doch noch der Inquisition ! Ihr kommt mir beide schon lange so vor , als wenn Ihr in den alten Wäldern , wo die Indianer dem » großen Gotte « scalpirte Menschenköpfe zum Opfer bringen , heiligere Schauer verspürt haben wollt als in unserer alten borkenhagener Dorfkirche ! Schämt Euch ! Steigen die beide da nun herum über die Felswände in der Nähe des kleinen Patersonsees und träumen von vergangenen Tagen und künftigen englischen Halbsoldpensionen . Da scheu sie plötzlich einen jungen lustigen Dandy gerade unter dem letzten Sturz des St.-Moritz herumhüpfen , wie wenn er hätte eine von den Töchtern der hochmögenden Frau Walpurgis Kattendyk zum Tanze führen wollen ! Die reichste Familie drüben in der Residenz des Kirchenfürsten , Fräulein ! Keine Ausschmückungen ! sagte Lucinde . Der Oberst , fuhr Benno fort , zeichnet gerade den malerischen Sturz , Hedemann raucht eine transatlantische Originalcigarre , da verschwindet plötzlich der Tänzer und beide wissen nicht , war es ein absichtlicher oder unabsichtlicher Entrechat , nach dem die beiden Firnißstiefel plötzlich aufhörten in der Sonne zu glitzern . Von einem Hülferuf konnte nicht gut die Rede sein , denn der St.-Moritz donnert dort zwar nicht wie der Niagara , spricht aber doch immer noch vernehmlicher als unser immer zahmer und kleinlauter werdender Rheinfall bei Schaffhausen ... ( ob man sich gleich auch noch jetzt bei dem in der Taxe für die Ueberfahrt verhören und drüben einen Franken zahlen kann , wenn man hüben nur auf einen halben bedungen zu haben glaubt ) . Ringsum , wie gesagt , englischer Sonntag ! Man wußte , daß in einem Orte Namens Forges eine Colonie von Flößern wohnt , die jedoch auf keine sonntägliche Wasserpartieen begierig schien und daheim trotz der Hitze vielleicht irgendeinen soliden Gin-Punch braute . Nur jenen einen Tänzer hatte man bemerkt . Da er nicht wieder zum Vorschein kam , wurden unsere Menschenfeinde denn doch ein wenig unruhig , und der ärgste aller Timone , dort unser Hedemann , beliebte zu äußern : Wenn nur das Bürschchen nicht in den Sturz gefallen ist ! In den Sturz nämlich , von dem man die ganze Ausdehnung von dem Orte , wo sie sich befanden , nicht übersehen konnte ! Man macht sich nun allmählich auf , klimmt empor , erreicht den Rand der Felsen , durch die der St.-Moritz sich hindurchdrängend in einen Kessel niederstürzt , aus dem hochauf eine riesige Schaumkrone sich erhebt und dann pfeilgeschwind weiter gleitet dem Lorenzo zu . Sie entdecken da nichts . Alles still ; nur wilde Vögel fliegen quer über den Sturz , dessen Schaumtropfen hoch hinaufspritzen , daß die Dinger wie taumelnd mit benetzten Flügeln das Weite suchen ... Da plötzlich entdeckt Hedemann ' s scharfes Auge unten an einem Felsenvorsprung eine Mütze , eine so elegante , wie sie nur Herr Thiebold de Jonge getragen haben konnte . Nun stand es fest , daß der Tänzer verunglückt war . Zu sehen war nichts . Man rief englisch , deutsch , französisch . Keine Antwort . Aber die Mütze lag da auf der Felsenkante und erst von dieser an konnte man senkrecht in die Tiefe blicken . Nun wuchs die Besorgniß . Sie steigerte sich mit dem immer gleichen Donnern und Zischen der aufspritzenden weißen Strudel , die ihr Opfer verschlungen hatten , wenn der Gestürzte nur einen Fuß breit von der Felswand weiter entfernt lag und sich im Niedergleiten nicht an der Wand irgendwie noch hatte halten können . Wer stieg die Wand zuerst hinunter , Hedemann ? Der Oberst ! Erzählen Sie selbst , Herr Hedemann ! unterbrach jetzt Lucinde . Herr von Asselyn , scheint es , brodirt die Geschichte , wie wenn sie in den Exercices des strasburger Englischen Fräuleins gestanden hätte zum Uebersetzen ins Deutsche ! Da Benno es des drohenden Näherkommens der aus zwei Richtungen heraufziehenden Gewitter wegen für gerathen halten mußte , vorläufig das Hinterdeck der Chaise aufzuschlagen , wobei ihn der Quasi-Postillon hinunterspringend unterstützte , so nahm Hedemann nach Benno ' s Ausdruck nicht nur die Leine , sondern auch den Faden der Erzählung auf und berichtete schmuckloser . Er erzählte , daß anfangs der Oberst und er , beide zu gleicher Zeit , den Entschluß gefaßt gehabt hätten , sich gegenseitig unterstützend bis zu dem Vorsprunge niederzusteigen , wo die Mütze lag . Freilich war damit schon Lebensgefahr verbunden , doch rollte kein Steinchen von der fast senkrecht niedergehenden Felsmauer . Bedenklich wäre schon das Wagniß gewesen , sich nur überzubeugen und weiter in die Tiefe zu sehen . Der Oberst hätte das aber gethan , während Hedemann , sich mit den Fingern in die Wand einbohrend , ihn krampfhaft gehalten . Lautlos hätte er nach erstem Bekämpfen des Schwindels sich wieder zurückgelehnt und nur mit dem Kopfe genickt , als könnte schon der Schall der Worte die Kraft haben , die schmalen Steine , auf denen sie sich hielten , loszubröckeln . Mit Lebensgefahr wäre man emporgeklommen und nun hätte der Oberst berichtet , daß ein junger Mann dicht am Rande des tosenden Sturzes anscheinend todt läge . Er wäre dann gerettet worden ... Was ? Wie ? fuhr Benno auf . Wer erzählt so ! Zerschmettert vom Niedersturz , fuhr er mit pathetischer Stimme fort ; zerschmettert vom Niedersturz konnte der Verunglückte nicht gewesen sein , denn der Fall war dicht an der Felswand entlang ; ein Beweis , daß der Gefallene anfangs die Besinnung behalten hatte und an der Felswand niedergeglitten war . Unten aber konnte die Erschöpfung , ja schon der Luftdruck des niederstürzenden Flusses , der bereits an dem kleinen Pavillon zu Lauffen beim Rheinfall den Athem benehmen kann , ihn vielleicht nicht mehr zur Besinnung kommen lassen - Sie mußten wol , fragte Lucinde zu Hedemann , wie zu einer authentischem Quelle hinauf , nach jener Colonie , wo die Holzschläger wohnten ? Sehr richtig , mein Fräulein ! sagte Benno . Eine halbe Meile , und des beschwerlichsten Weges ! Es vergingen drei Stunden , bis man an der einzigen Stelle , wo die Rettung möglich war , mit Stricken , Leitern und Stangen ankam . Der Schrecken war nicht gering in der Colonie . Der junge respectable Herr Thiebold de Jonge hatte diesen Spaziergang auf eigene Hand gemacht , während zwei Commis , ein Diener und einer der besten Holzmesser des Geschäfts , der die jungen Leute auf dieser Gewinn versprechenden Unternehmung begleitet hatte , in der Niederlassung zum Studium canadischen Gin-Punsches zurückgeblieben waren . Die Verzweiflung derselben verdreifachte die Anstrengungen , die man zur Rettung machte , und doch würde sie nicht gelungen sein , wenn das schwierige Anbringen der Leitern , der Stricke und Stangen nicht von den beiden tapfern Soldaten geleitet worden wäre . Der Oberst war der erste unten . Der Verunglückte lebte noch . Er war allmählich von einer Betäubung erwacht , um mit Schaudern zu gedenken , daß er , wenn ihn niemand hier aufsuchte , des elendesten Todes hätte sterben müssen . Eine Stunde verging in dieser grauenvollen Vorstellung . Sein Rufen verhallte im Wassersturze . Endlich kam Rettung . Sie war schwierig , aber sie gelang , wie Sie heute noch an meinem Freund de Jonge sehen werden . Sie gelang auf folgende Art. Erstens ... Genug ! Genug ! sagte Lucinde und wandte sich an Hedemann : Das gab gewiß eine glückliche Scene ! Des Dankes ? Der Rührung ? Im Gegentheil ! antwortete pathetisch für diesen Benno . Unsere zwei Söhne der Moorheide enthüllten nur oberflächlich ihr Incognito , nahmen vor zwei Jahren den gleichgültigsten Abschied von ihrem ewigen Schuldner , nicht einmal einen schönen Gruß bestellten sie durch ihn nach Borkenhagen oder Westerhof oder Kocher am Fall . In Quebec erfuhr der Gerettete die Namen des deutschen Obersten und seines nicht im activen Dienste stehenden Gefährten ; er wollte ihre Rückkehr in Garnison abwarten , aber sein Schiff war » klar « , er reiste ab mit Hinterlassung einer Menge von Danksagungen und Geschenken . Erst hier in Europa sahen sie sich zufällig in der Residenz des Kirchenfürsten wieder . Heute in Kocher am Fall bei diesem Wolkenbruch werden sie sich an die Strudel des St.-Moritzflusses zurückversetzt fühlen ! In der That brach jetzt das Wetter auch über die Reisenden mit furchtbarer Gewalt aus . Man bot Hedemann an , daß auch das Vorderverdeck aufgeschlagen würde und er schleunigst hereinkäme . Hedemann öffnete aber nur den Soldatenmantel Benno ' s und lehnte einen Aufenthalt um so mehr ab , als ein in der Nähe liegendes Wirthshaus bei schnellem Zufahren sofort erreicht sein konnte . Dort wollte man Rast halten und den Wagen vollends verschließen . Das Wirthshaus lag an einem Kreuzpunkte mehrerer Landstraßen . Immer größer wurde die Zahl der sich eilenden soldatischen Kameraden , die in Blusen und Kitteln gen Kocher zogen . Manche Bekanntschaft gab es in der jähen Flucht der sich Bergenden mit winkender Hand zu grüßen . Auch der Major der Gensdarmen , unter dem Grützmacher stand , wurde auf einem Gaule dahinjagend ersichtlich ... Von der nördlichen Straße kam ein geschmackvolles Reisecoupé herangesprengt ... Zwei Uniformen saßen darin , die aus dem Wagen sich vorbeugten , eine , die einem Offizier , eine andere , die , wie Benno , einem Gemeinen angehörte .... Letzterer sprang in dem Gedräng an dem Wirthshause noch vor dem Offizier heraus .... Und wie fast zu gleicher Zeit auch das Gefährt aus St.-Wolfgang anhielt und der Soldat den im triefenden Mantel sitzenden Hedemann erkannt hatte , kam er zu diesem herangesprungen , ihm die Hand zu schütteln und ihn fast zu umarmen . Jetzt hielt ein Diener in Livree einen Regenschirm über dem Soldaten - ein wunderlicher Contrast zu seiner Jacke als Gemeiner . In dem Durcheinander des Erkennens , dessen Reihe nun auch an Benno kam , des Verfahrens , der Begrüßungen da und dort , des aus dem herabgelassenen Schlage Hinausspringens und unter das schützende niedere Dach Eilens auch von Seiten Lucindens war ihr vernehmbar und ersichtlich geworden , daß der neue Ankömmling Herr Thiebold de Jonge war . So eilig sie in die dumpfe , von Menschen überfüllte Wirthsstube lief , sah sie doch , daß der am Wasserfall von St.-Moritz Gerettete eine schlanke Gestalt von lebhafter Beweglichkeit und dreisten und gefälligen Formen war . Er trug helle Glacéhandschuhe , Firnißstiefel , eine Piquéweste unter der nur am obern Knopf geschlossenen Uniform vom feinsten Tuche und eine carrirte Reisemütze , wie sie mehr einem reisenden Engländer als einem Landwehrmann angehören konnte . In der Wirthsstube sah man Soldaten , Bauern , Viehtreiber , Hausirer , Geistliche , alles was der Regen nur hereinfegte . Lucinde hörte bald , daß der Vorfall mit dem Grabe in St.-Wolfgang schon allgemein bekannt geworden war ... Major Schulzendorf erörterte ihn draußen mit den eben Angekommenen und dem Landwehroffizier , dem Begleiter Thiebold ' s ... Hedemann war inzwischen verschwunden . Ohne Zweifel suchte er die nicht sichtbaren Italiener auf . Daß sie zugegen waren , sah Lucinde an ihrem ausgespannten Wagen vorm Hause . Angegriffen von der Fahrt , erregt von allen neuen Mittheilungen und Eindrücken , fast erstickend von der Schwüle des kleinen Saales und betäubt von den lärmenden Stimmen der vielen Menschen , stand sie am Fenster . Die Blitze warfen über die ganze Ebene hin ein magisches Licht . Seltsam glänzte und strahlte das graue Gestein der vulkanisch zerrissenen Gegend . Ihre Begleiter kamen nicht in den Saal und sie selbst mochte sie nicht aufsuchen . Sie erfuhr , daß es bis Kocher nur noch eine halbe Stunde zu fahren war . Schon nach kurzer Zeit hatte im Regen der Kutscher den Wagen draußen ganz geschlossen , wie sie am Fenster stehend beobachtete . Die Pferde wurden nicht ausgespannt und Lucinde konnte annehmen , daß ihre Begleiter sofort weiter zu fahren wünschten . Doch kamen sie lange nicht zurück ... Sie wartete und wartete ... Es verging fast eine halbe Stunde . Endlich ließen sich draußen schon die Italiener sehen . Auch der Regen hörte auf . Die Wolken theilten sich . Die Italiener schienen an ihre Weiterreise zu denken . Lucinde trat jetzt aus dem Saale hinaus , wo sie so lange am Fenster sinnend und träumend gestanden hatte . Sie suchte nach ihren Reisegefährten , die sie so auffallend vernachlässigten ... Eben war sie im Begriff , den Alten , Napoleone Biancchi , zu grüßen , als sie , unter dem Thorwege stehend , nach dem Hofe und Garten zu einen lauten Wortwechsel und plötzlich aufs allerheftigste eine Stimme : Hedemann ! rufen hörte . Sie wandte sich . Mehrere andere folgten ihrem Beispiel . Einige der Hausirer sprangen hinzu nach der Gegend hin , wo der Ruf hergekommen war . Das war ja Benno ' s Stimme ! sagte sich Lucinde . Wie sie dem Beispiel der andern folgend sich wandte , um dem Hofe zuzueilen , kreuzte ihre Schritte , wie auf der Flucht , leichenblaß und mit furchtentstellten Zügen , Porzia ... Ihr jüngerer Bruder Catone lief hinter ihr her und trug ihren Hut , der ihr entfallen gewesen schien . Trug diese Begegnung schon den Charakter eines Moments - denn ebenso schnell war Porzia verschwunden und auf dem Wagen bei ihrem staunenden Vater und ihrem ältern Bruder , der schon die Peitsche in der Hand hielt - , so war der Anblick , der sich allen nun schnell herbeigekommenen Beobachtern im Hofe darbot , wie die plötzliche Versteinerung der lebendigsten Scene . Der Hof und Garten gingen in Eins ... Unter der Kegelbahn schienen die Italiener ein einfaches Mahl gehalten zu haben ... Auch vom Hause aus konnte man in die Kegelbahn eintreten , wo man einen gedeckten Tisch sah ... Hedemann , Benno , Thiebold de Jonge und der Landwehroffizier bildeten eine charakteristische Gruppe ... Hedemann ' s breitkrämpiger Sommerhut lag auf dem nassen Boden im Garten draußen , er selbst stand wie wutschnaubend und wie zum Angriff ... Benno vor ihm , ohne ihn zu berühren , doch in der Geberde , die den gewaltigen Ruf : Hedemann ! begleitet haben mußte ... Thiebold de Jonge stand schützend vor dem Offizier , dem seinerseits die Mütze gleichfalls entfallen war und ein plötzlicher Schreck alle Farbe geraubt hatte ... Wie die Menschen neugierig herzugelaufen kamen , riß Benno den in jeder Ader zu einem Angriff gerüsteten Hedemann in den hintern Garten . Er folgte gelassen jetzt wie ein Kind und willenlos und nur noch das eine Wort kam allen hörbar von seinen bebenden Lippen : Herr - von - Enckefuß ! Jede Silbe war betont ... in jeder Schwingung der wenigen Worte lag die Andeutung , als wollte er sagen : Wir beide kennen uns doch wol ? Ein Aufenthalt in der Beurtheilung und Vermuthung über alles das war nicht möglich , denn Thiebold de Jonge trällerte soeben laut eine Arie und zog den Lieutenant , wie wenn nichts vorgefallen wäre , gleichsam tänzelnd fort . Er führte den Erschrockenen , der seine Mütze aufhob , auf einem andern Wege gleichfalls in die grünen Gebüsche hinaus ... Bald kam Benno , der Lucindens ansichtig geworden war , aus einem , wie man sah , mit den lebhaftesten Demonstrationen geführten Gespräch mit Hedemann nach vorn und sagte zu Lucinden : Bestes Fräulein ! Sie werden gutthun , lieber allein vorauszufahren ! In der Dechanei kommen Sie gerade noch zu einem Mahle an , das heute zu Ehren der fremden Geistlichen stattfindet ! Eilen Sie ! Sie finden den Onkel und die Tante dann im besten Humor ! Wir andern - wir bleiben noch eine Weile zurück - Gelegenheit , sehen Sie , gibt es genug nach Kocher am Fall und mein Absteigequartier ist ohnehin nicht in der Dechanei , sondern seitwärts in einem kleinen Weinberge , den der Oberst bewohnt ! Aber Hedemann ? ... fragte Lucinde forschend und um so teilnehmender , da sie der Name » von Enckefuß « an die alten düstern Begegnungen ihres Lebens , an den Rittmeister , den » schönen Enckefuß « , erinnerte ... Fährt mit uns oder geht nach dem Regen lieber zu Fuß ... Sehen Sie nur , dieser Thonboden saugt eine Ueberschwemmung ein , so durstig ist er ! Adieu , Fräulein ! Heut Abend oder morgen in der Dechanei ! Viel , viel Glück ! Diese Willennsäußerung und Verabschiedung waren zu bestimmend . Benno begleitete schon Lucinden an den Wagenschlag und half ihr mit Artigkeit einsteigen . Ehe sie sich noch gesammelt hatte , ehe sie nur ihre Frage : Aber was ist denn nur vorgefallen ? ausgesprochen , fuhr sie schon von dannen . Eine Aufklärung konnten die Italiener geben . Diese aber hatten schon eine andere der vielen hier sich kreuzenden Straßen eingeschlagen , nicht die , auf welcher sie nun selbst nach Kocher fuhr . Vom Kutscher konnte sie nichts Anderes über den Vorfall erfahren , als daß jener Herr von Enckefuß aus der Residenz des Kirchenfürsten und zu den Landwehrübungen kam wie alle andern . Bald aber glaubte sie den Vorfall so zu verstehen : Der Offizier verfolgte Porzia , Hedemann trat dazwischen , ein Wortwechsel entstand , ein Streit , Benno aber hielt Hedemann zurück , einem Offizier in Uniform eine Beschimpfung anzuthun , die diesen hätte zwingen müssen , vielleicht Hedemann zu - durchbohren ... In dem Ton , wie Hedemann den Namen : Herr von Enckefuß ! gerufen , lag eine Andeutung , daß sie sich kennen mußten . Was hinderte sie , anzunehmen , daß sie dem Sohne des » schönen Enckefuß « begegnet war , desselben Landraths und Freundes des Kronsyndikus , vor dem sie selbst oft genug ebenso , wie jetzt Porzia , entflohen war ? Nach einer halben Stunde , gegen halb zwei Uhr , sah sie am Rande eines eigenthümlich geformten , schroffen , fast sargähnlichen , dunkeln Bergrückens das Städtchen Kocher am Fall . Eine hohe Kuppel mit vier Thürmen ringsum gehörte ohne Zweifel dem Dom von St.-Zeno an ... Auf ihrer Brust wurde es schwerer und schwerer , je mehr sie hinüberblickte zu der Kathedrale , die mäßig hoch auf einer terrassenförmig sich erhebenden Anhöhe lag . Diese kleine Anhöhe beherrschte auf dieser Seite die Stadt , während auf der andern der düstere Sarg des Gebirges lag . Jetzt fuhr sie auf gekieselten Wegen durch smaragdgrüne , vom Regen funkelnde Wiesen ; dann lenkte der Wagen in Baumalleen ein , die von geschnittenen Hecken durchbrochen wurden ... Unmittelbar um ein im Quadrat liegendes kleines Schloß zwar nicht so phantastischen , wie sie in ihrer Vision gesehen , doch gefälligen alten Geschmacks zogen sich Blumen- und Gemüsegärten ... alles hatte einen vornehmen , sehr gepflegten Anstrich ... Das Schloß war mit mancher Bildhauerarbeit geziert . An der Pforte , wo zwei gewaltige Karyatiden einen Balcon mit einst vergoldet gewesenem Eisengitter trugen , fuhr der Wagen an , ohne sogleich empfangen zu werden . Der Kutscher mußte absteigen und klingeln . Es scholl weithin wie mit doppelten Zügen , die den Klang der ersten Glocke nach einer zweiten übertrugen . Ein alter freundlicher Diener in weißen langen Haaren - wahrscheinlich der in Aussicht gestellte Sternseher - erschien , spitzte klug die Augen , orientirte sich , lächelte wohlwollend und fein und öffnete den Schlag . Er hatte eine Serviette über dem Arm , zum Beweise , daß man im Hause mit dem Diner beschäftigt war . 6. Am Nachmittag desselben Tages stehen weit geöffnet die Flügel eines an der andern und gerade der Pforte entgegengesetzten Seite der Dechanei befindlichen hohen Fensters . Dicht beschattet sind sie von den Zweigen einer Linde , die sich von den fast mühsam durch das Laub hindurchdringenden Strahlen der wieder am blauenden Himmel hervorgetretenen Sonne die nassen Zweige und Blätter trocknen läßt . Die Vögel zwitschern , Käfer , die an den Simsen und in den Cannelirungen des Hauses vor dem Regen ihre Zuflucht gesucht hatten , summen wieder , und wirklich trottet ein Pfau unterm Fenster über die unten rings hinlaufenden feuchten Sandsteinvliesen und wiegt und hebt den bunten Schweif , fast wie um ihn nicht naß werden zu lassen und ganz wie eine Dame ihre Kleider schont . Sähe man nicht da und dort ein heiliges Emblem , am Eingang des engern Parks ein Marienbild , am Ausgang zur Kathedrale hin ein Crucifix , unter den Stuccaturen an dem Hause eine ehemals vergoldet gewesene Strahlenkrone , ein Kreuz , ein Dornenhaupt ; man würde den Eindruck haben , als müßte man sich hier umschauen nach einem Marmorbilde der Flora , nach einer Gruppe versteckter Satyrn oder Nymphen entführender Centauren . Am offenen Fenster gibt es einen traulichen grünen Winkel zwischen den fast hineinlangenden Zweigen der Linde und einem Studirtische , dessen Vorsprung den Vögeln ebenso zugänglich scheint wie eine Anzahl aus Fenster gerückter Sessel , auf deren Lehnen sie sich wagen . Der Greis , den die Vögel schon kennen und den sie sogar auf seinem Schreibtisch besuchen - er lockte sie durch seinen Morgenzwieback und sein Mittagsdessert - nennt diesen Winkel seine liebste Sakristei und seinen segensreichsten Beichtstuhl . Man sieht auch Bücher in glänzenden Einbänden mit geöffneten Kupfersticheinlagen in der Mitte des Zimmers auf einem runden Tische . Man sieht einen in Guache gemalten Christuskopf von Guido Reni über dem Schreibtisch . Die bunten Lithophanieen , die die Fensterscheiben verdecken , sind jetzt , da die Fenster offen , an die Wand gelehnt . Man sieht in Alabaster das Abbild der speerbewaffneten Göttin der Weisheit vom Parthenon auf einem kleinen weißen Porzellanofen . Auf dem eleganten Mahagonischreibtisch mit Fächern und kleinen durchbrochenen Galerieen aller Art liegen und stehen in Bronze bunterleigestaltete Nippsachen , Briefbeschwerer , Streusandschalen , Federgestelle , Federwischer von bunten Farben , ein gewaltiges Tintenfaß