Tür zu dem Marmorgange offen gesehen , « sagte ich , » man hat mir berichtet , daß Ihr hier oben sein könntet , und da bin ich herauf gegangen , Euch zu suchen . « » Daran haßt Ihr recht getan « , erwiderte er . » Warum habt Ihr mir denn nicht gesagt , « sprach ich weiter , » daß die Bildsäule , welche auf Eurer Marmortreppe steht , so schön ist ? « » Wer hat es Euch denn jetzt gesagt ? « fragte er . » Ich habe es selber gesehen « , antwortete ich . » Nun , dann werdet Ihr es um so sicherer wissen und mit desto größerer Festigkeit glauben , « erwiderte er , » als wenn Euch jemand eine Behauptung darüber gesagt hätte . « » Ich habe nämlich den Glauben , daß das Bildwerk sehr schön sei « , antwortete ich , mich verbessernd . » Ich teile mit Euch den Glauben , daß das Werk von großer Bedeutung sei « , sagte er . » Und warum haßt Ihr denn nie zu mir darüber gesprochen ? « fragte ich . » Weil ich dachte , daß Ihr es nach einer bestimmten Zeit selber betrachten und für schön erachten werdet « , antwortete er . » Wenn Ihr mir es früher gesagt hättet , so hätte ich es früher gewußt « , erwiderte ich . » Jemanden sagen , daß etwas schön sei , « antwortete er , » heißt nicht immer , jemanden den Besitz der Schönheit geben . Er kann in vielen Fällen bloß glauben . Gewiß aber verkümmert man dadurch demjenigen das Besitzen des Schönen , der ohnehin aus eigenem Antriebe darauf gekommen wäre . Dies setzte ich bei Euch voraus , und darum wartete ich sehr gerne auf Euch . « » Aber was müßt Ihr denn die Zeit her über mich gedacht haben , daß ich diese Bildsäule sehen konnte , und über sie geschwiegen habe ? « fragte ich . » Ich habe gedacht , daß Ihr wahrhaftig seid , « sagte er , » und ich habe Euch höher geachtet als die , welche ohne Überzeugung von dem Werke reden , oder als die , welche es darum loben , weil sie hören , daß es von andern gelobt wird . « » Und wo habt Ihr denn das herrliche Bildwerk hergenommen ? « fragte ich . » Es stammt aus dem alten Griechenlande , « antwortete er , » und seine Geschichte ist sonderbar . Es stand viele Jahre in einer Bretterbude bei Cumä in Italien . Sein unterer Teil war mit Holz verbaut , weil man den Platz , an dem es stand , und der teils offen , teils gedeckt war , zu häufigem Ballschlagen verwendete , und die Bälle nicht selten in die Bude der Gestalt flogen . Deshalb legte man von der Brust abwärts einen dachartigen Schutz an , der die Bälle geschickt herab rollen machte , und über den sich die Gestalt wie eine Büste darstellte . Es waren in dem Raume teils an den Bretterbauten , teils an Mauerstücken , aus denen er bestand , noch andere Gestalten angebracht , ein kleiner Herkules , mehrere Köpfe und ein altertümlicher Stier von etwa drei Fuß Höhe ; denn der Platz wurde auch zu Tänzen benützt und war an den Stellen , die keine Wand hatten , mit Schlinggewächsen und Trauben begrenzt , an andern war er offen und blickte über Myrten , Lorbeer , Eichen auf die blauen Berge und den heiteren Himmel dieses Landes hinaus . Gedeckt waren nur Teile des Raumes , besonders dort , wo die Gestalten standen . Diese hatten Dächer über sich wie die niedlichen Täfelchen , welche italienische Mädchen auf dem Kopfe tragen . Im übrigen war die Bedeckung das Gezelt des Himmels . Mich brachte ein günstiger Zufall nach Cumä und zu diesem Ballplatze , auf dem sich eben junges Volk belustigte . Gegen Abend , da sie nach Hause gegangen waren , besichtigte ich das Mauerwerk , welches aus Resten alter Kunstbauten bestand , und die Gestalten , welche sämtlich aus Gips waren , wie sie in Italien so häufig alten , edlen Kunstwerken nachgebildet werden . Den Herkules kannte ich insbesondere sehr gut , nur war er hier viel kleiner gebildet . Die Büste des Mädchens - für eine solche hielt ich die Gestalt - war mir unbekannt , allein sie gefiel mir sehr . Da ich mich über die reizende Lage dieses Plätzchens aussprach , sagte die Besitzerin , eine wahrhaftige altrömische Sibylle , es werde hier in kurzem noch viel schöner werden . Ihr Sohn , der sich durch Handel Geld erworben , werde den Platz in einen Saal mit Säulen verwandeln , es werden Tische herum stehen , und es werden vornehme Fremde kommen , sich hier zu ergötzen . Die Gestalten müssen weg , weil sie ungleich seien und weil Menschen und Tiere unter einander stehen , ihr Sohn habe schon die schönsten Gipsarbeiten bestellt , die alle gleich groß wären . Sie führte mich zu dem Mädchen und zeigte mir durch eine Spalte der Bretter , daß dasselbe in ganzer Gestalt da stehe und also die andern Dinge weit überrage . Man habe darum an dem oberen Rande der Balken , mit denen die Gestalt umbaut ist , einen hölzernen bemalten Sockel angebracht , von dem der Oberleib wie eine Büste herab schaue . Dadurch sei die Sache wieder zu den anderen gestimmt worden . Ich fragte , wann ihr Sohn hieherkomme , und wann das Umbauen beginnen würde . Da sie mir das gesagt hatte , entfernte ich mich . Zur Zeit des mir von der Alten angegebenen Beginnes des Umbaues fand ich mich auf dem Platze wieder ein . Ich traf den Sohn der Witwe - eine solche war sie - hier an , und der Bau hatte schon begonnen . Die alten , reizenden Mauerstücke waren zum Teile abgetragen , und ihre Stoffe waren geschichtet , um zu dem neuen Baue verwendet zu werden . Die Schlinggewächse und Reben waren ausgerottet , die Gesträuche vor dem Platze vernichtet , und man ebnete ihre Stelle , um dort Rasen anzulegen . Auf der Südseite baute man schon die Sockelmauern , auf welche die Säulen von Ziegeln zu stehen kommen sollten . Die Gestalt des Mädchens , von der man die Balkenverhüllung weggenommen hatte , lag in einer Hütte , welche größtenteils Baugeräte enthielt . Neben ihr lagen der Herkules , der Stier und die Köpfe , die , wie ich jetzt sah , alte Römer darstellten . Mir gefiel nun auch die früher nicht gesehene übrige Gestalt des Mädchens , die nicht wesentlich verletzt war , außerordentlich , und ich erhandelte sie , da die Dinge zum Zwecke des Verkaufes in der Bretterhütte lagen . Aber der Verkäufer sagte , er gebe von der Sammlung nichts einzeln weg , und ich mußte den Stier , den Herkules und die Köpfe mit kaufen . Der Kaufschilling war nicht geringe , da mein Gegenmann die Schönheit der Gestalt recht gut kannte und sie geltend machte ; aber ich fügte mich . Ich ließ Kisten machen , um die Dinge fortzuschaffen . Den Stier , den Herkules und die Köpfe verkaufte ich in Italien um ein Geringes , die Mädchengestalt sendete ich wohlverpackt , daß der Gips nicht leide , an meinen damaligen Aufenthaltsort ; ich kann Euch den Namen jetzt nicht nennen , es war ein kleines Städtchen an dem Gebirge . Mir fiel schon damals auf , daß das Fahrgeld für die Gestalt sehr hoch sei , und daß man sich über ihr Gewicht beklagt habe ; allein ich hielt es für italienische List , um von mir , dem Fremden , etwas mehr heraus zu pressen . Als ich aber nach Deutschland zurüchgekehrt war , und als eines Tages die Gipsgestalt , für deren gute Verpackung und Überbringung ich durch mir wohlbekannte Versendungsvermittler gesorgt hatte , in dem Asperhofe ankam , überzeugte ich mich selber von dem ungemeinen Gewichte der Last . Da der Bretterverschlag , in welchem sich die Gestalt befand , nicht so schwer sein konnte , so entstand in mir und Eustach , der damals schon in dem Asperhofe war , der Gedanke , die Gestalt möchte etwas naß geworden sein und durch die Nässe gelitten haben . Wir ließen das Standbild in die hölzerne Hütte schaffen , welche ich teils zu seinem Empfange , teils zur Reinigung von den vielen Schmutzflecken , die es an seinem früheren Standorte erhalten hatte , vor dem Eingange in den Garten hatte aufbauen lassen . Da es dort von den Brettern und von allen seinen andern Hüllen befreit worden war , sahen wir , daß sich unsere Furcht nicht bestätigte . Die Gestalt war so trocken , wie Gips nur überhaupt zu sein vermag . Wir setzten nach und nach die Vorrichtungen in Gebrauch , durch die wir die Gestalt in die Nähe der Glaswand der Hütte auf eine drehbare Scheibe stellen konnten , um sie nach Bequemlichkeit betrachten und reinigen zu können . Da sie auf der Scheibe stand und wir uns von der Sicherheit ihres Standes überzeugt hatten , gingen wir zu ihrer Betrachtung über . Eustach war über ihre Schönheit entzückt , und machte mich auf manches aufmerksam , was mir auf dem Tanz- und Ballplatze bei Cumä und später in der Bauhütte entgangen war . Freilich stand die Gestalt jetzt viel vorteilhafter , da durch die reinen Scheiben der Glaswand das klare Licht auf sie fiel und alle Schwingungen und Schwellungen der Gestaltung deutlich machte . Da wir die Überzeugung gewonnen hatten , daß ein edles Werk in das Haus gekommen sei , beschlossen wir , sofort zu dessen Reinigung zu schreiten . Wir nahmen uns vor , dort , wo der Schmutz nur locker auf der Oberfläche liege und dem reinen Wasser und dem Pinsel weiche , auch nur Wasser und den Pinsel anzuwenden . Leichtes Übertünchen und sanftes Glätten würde die letzte Nachhülfe geben . Für tiefer gehende Verunreinigung wurde die Anwendung des Messers und der Feile beschlossen ; nur sollte die äußerste Vorsicht beobachtet und lieber eine kleine Verunreinigung gelassen werden , als daß eine sichtbare Umgestaltung des Stoffes vorgenommen würde . Eustach machte in meiner Gegenwart Versuche , und ich billigte sein Verfahren . Es wurde nun sogleich ans Werk geschritten , und die Arbeit in der nächsten Zeit fortgesetzt . Eines Tages kam Eustach zu mir herauf und sagte , er müsse mich auf einen sonderbaren Umstand aufmerksam machen . Er sei auf dem Schulterblatte mit dem feinen Messer auf einen Stoff gestoßen , der nicht das Taube des Gipses habe , sondern das Messer gleiten mache und etwas wie die Ahnung eines Klanges merken lasse . Wenn die Sache nicht zu unwahrscheinlich wäre , würde er sagen , daß der Stoff Marmor sei . Ich ging mit ihm in die Bretterhütte hinab . Er zeigte mir die Stelle . Es war ein Platz , mit dem die Gestalt häufig , wenn sie gelegt wurde , auf den Boden kam , und der daher durch diesen Umstand und zum Teile durch Versendungen , denen die Gestalt ausgesetzt gewesen sein mochte , mehr abgenützt war als andere . Ich ließ das Messer auf dieser Stelle gleiten , ich ließ es an ihr erklingen , und auch ich hatte das Gefühl , daß es Marmor sei , was ich eben behandle . Weil der Platz , an dem die Versuche gemacht wurden , doch zu augenfällig war , um weiter gehen zu können und ihn etwa zu veranstalten , so beschlossen wir an einem unscheinbareren einen neuen Versuch zu machen . In der Ferse des linken Fußes fehlte ein kleines Stückchen , dort mußte jedenfalls Gips eingesetzt werden , dort beschlossen wir zu forschen . Wir drehten die Gestalt mit ihrer Scheibe in eine Lage , in welcher das helle Licht auf die Lücke an der Ferse fiel . Es zeigte sich , daß neben der kleinen Vertiefung noch ein Stückchen Gips ledig sei und bei der leisesten Berührung herabfallen müsse . Wir setzten das Messer an , das Stück sprang weg , und es zeigte sich auf dem Grunde , der bloß wurde , ein Stoff , der nicht Gips war . Das Auge sagte , es sei Marmor . Ich holte ein Vergrößerungsglas , wir leiteten durch Spiegel ein schimmerndes Licht auf die Stelle , ich schaute durch das Glas auf sie , und mir funkelten die feinen Kristalle des weißen Marmors entgegen . Eustach sah ebenfalls durch die Linse , wir versuchten an dem Platze noch andere Mittel , und es stellte sich fest , daß die untersuchte Fläche Marmor sei . Nun begannen wir , um das Unglaubliche völlig zu beweisen oder unsere Meinung zu widerlegen , auch an andern Stellen Untersuchungen . Wir fingen an Stellen an , welche ohnehin ein wenig schadhaft waren , und gingen nach und nach zu anderen über . Wir beobachteten zuletzt gar nicht mehr so genau die Vorsichten , die wir uns am Anfange auferlegt hatten , und kamen zu dem Ergebnisse , daß an zahlreichen Stellen unter dem Gipse der Gestalt weißer Marmor sei . Der Schluß war nun erklärlich , daß an allen Stellen , auch den nicht untersuchten , der Gips über Marmor liege . Das große Gewicht der Gestalt war nicht der letzte Grund unserer Vermutung . Durch welchen Zufall oder durch welch seltsames Beginnen die Marmorgestalt mit Gips könne über zogen worden sein , war uns unerklärlich . Am wahrscheinlichsten deuchte uns , daß es einmal irgend ein Besitzer getan habe , damit ein fremder Feind , der etwa seine Wohnstadt und ihre Kunstwerke bedrohte , die Gestalt als aus wertlosem Stoffe bestehend nicht mit sich fort nehme . Weil nun doch der Feind die Gestalt genommen habe , oder weil ein anderer hindernder Umstand eingetreten sei , habe die Decke nicht mehr weggenommen werden können , und der edle Kern habe undenkbar lange Jahre in der schlechten Hülle stecken müssen . Wir fingen nun auf dem Wirbel des Hauptes an , den Gips nach und nach zu beseitigen . Teils , und zwar im roheren , geschah es mit dem Messer , teils , und zwar gegen das Ende , wurden Pinsel und das auflösende Mittel des Wassers angewendet . Wir rückten so von dem Haupte über die Gestalt hinunter , und alles und jedes war Marmor . Durch den Gips war der Marmor vor den Unbilden folgender Zeiten geschützt worden , daß er nicht das trübe Wasser der Erde oder sonstige Unreinigkeiten einsaugen mußte , und er war reiner , als ich je Marmore aus der alten Zeit gesehen habe , ja er war so weiß , als sei die Gestalt vor nicht gar langer Zeit erst gemacht worden . Da aller Gips beseitigt war , wurde die Oberfläche , welche doch durch die feinsten zurückgebliebenen Teile des Überzuges rauh war , durch weiche wollene Tücher so lange geglättet , bis sich der glänzende Marmor zeigte und durch Licht und Schatten die feinste und zartest empfundene Schwingung sichtbar wurde . Jetzt war die Gestalt erst noch viel schöner , als sie sich in Gips dargestellt hatte , und Eustach und ich waren von Bewunderung ergriffen . Daß sie nicht aus neuer Zeit stamme , sondern dem alten Volke der Griechen angehöre , erkannten wir bald . Ich hatte so viele und darunter die als die schönsten gepriesenen Bildwerke der alten Heidenzeit gesehen , und vermochte daher zwischen ihren und den Arbeiten des Mittelalters oder der neuen Zeit zu vergleichen . Ich hatte alle Abbildungen , welche von den Bildwerken der alten Zeit zu bekommen waren , in den Asperhof gebracht , so daß ich neuerdings Vergleichungen anstellen konnte , und daß auch Eustach , welcher nicht so viel in Wirklichkeit gesehen hatte , ein Urteil zu gewinnen vermochte . Nur nach sehr langen und sehr genauen Untersuchungen gaben wir uns mit Festigkeit dem Gedanken hin , daß das Standbild aus der alten Griechenzeit herrühre . Wir lernten bei diesen Untersuchungen , zu deren größerer Sicherstellung wir sogar Reisen unternahmen , die Merkmale der alten und neuen Bildwerke so weit kennen , daß wir die Überzeugung gewannen , die besten Werke beider Zeiten gleich bei der ersten Betrachtung von einander unterscheiden zu können . Das Schlechte ist freilich schwerer in Hinsicht seiner Zeit zu ermitteln . Merkwürdig ist es , daß völlig Wertloses aus der alten Zeit gar nicht auf uns gekommen ist . Entweder ist es nicht entstanden , oder eine kunstbegeisterte Zeit hat es sogleich beseitigt . Wir haben in jener Untersuchungszeit viel über alte Kunst gelernt . Von wem und aus welchem Zeitabschnitte aber unser Standbild herrühre , konnten wir nicht ermitteln . Das war jedoch gewiß , daß es nicht der strengen Zeit angehöre und von der späteren , weicheren stamme . Ehe ich aber das Bild aus der Hütte , in welcher es stand , entfernte , ja ehe ich an den Platz dachte , auf welchen ich es stellen wollte , mußte etwas anderes geschehen . Ich reiste nach Italien und suchte bei Cumä den Verkäufer meines Standbildes auf . Er war mit den Umänderungen seines Platzes beinahe fertig . Dieser war jetzt eine Halle neuer Art , in welcher einige Menschen süßen roten Wein tranken , in welcher neue Gipsbilder standen , um welche grüner Rasen war , und aus welcher man eine schöne Aussicht hatte . Ich erzählte ihm von der Entdeckung , welche ich gemacht hatte , und sagte , er möge nun nach derselben den Preis des Bildes bestimmen . Er könnte es zu diesem Zwecke selber in Deutschland besehen oder es besehen lassen . Er fand beides nicht für nötig , sondern forderte sogleich eine ansehnliche Summe , die den Wert eines solchen Gegenstandes , deren Preise in den verschiedenen Zeiten sehr wechseln , darstellen mochte . Ich war damals schon in den Besitz meiner größeren Habe gekommen , die mir durch eine Erbschaft zugefallen war , und zeigte mich bereit , die Summe zu erlegen , nur möchte ich mich über das Herkommen des Standbildes noch näher unterrichten und mir die Gewißheit über das Recht verschaffen , das mein Vormann bei so veränderter Sachlage über das Bild habe . Meine Forschungen führten zu nichts weiter , als daß das Bild seit vielen Menschenaltern schon in dem Besitze der Familie sei , von welcher ich es habe , daß einmal Überreste eines alten Gebäudes hier gewesen wären , daß man das Gebäude nach und nach abgebrochen habe , daß man aus Wasserbecken , niederen Säulengittern und andern Dingen von weißem Steine Kalk gebrannt , und daß man aus den Resten des Gebäudes und mit dem Kalke Häuser in den Umgebungen gebaut habe . Es seien mehrere Standbilder bei den Trümmern gewesen und seien verkauft worden . Für das weiße Mädchen mit dem Stabe in der Hand habe man einmal einen Mantel aus Holz gemacht , darüber ist ein Streit in Hinsicht der Zahlung entstanden , und die Schrift , welche den Großvater des jetzigen Besitzers zur Zahlung verurteilte , ist mir in dem Amte zur Einsicht und beglaubigten Abschrift gewiesen worden . Nachdem ich mir noch einen Kaufvertrag über das Marmorbild von einem Notar hatte verfassen lassen und mich mit einer gefertigten Abschrift versehen hatte , erlegte ich die geforderte Summe , und reiste wieder nach Hause . Hier wurde beraten , wohin das nun mit allem Rechte mein genannte Standbild kommen sollte . Es war nicht schwer , die Stelle auszufinden . Ich hatte auf der Marmortreppe schon einen Absatz errichtet , der einerseits die Treppe unterbrechen und ihr dadurch Zierlichkeit verleihen , und andrerseits dazu dienen sollte , daß einmal ein Standbild auf ihm stehe und der Treppe den größten Schmuck verleihe . Nachdem wir uns durch Messungen überzeugt hatten , daß die Gestalt für den Platz nicht zu hoch sei , wurde der kleine Sockel verfertigt , auf dem sie jetzt steht , es wurde eine Vorrichtung gebaut , sie auf den Platz zu bringen , und sie wurde auf ihn gebracht . Wir standen nun oft vor der Gestalt und betrachteten sie . Die Wirkung wurde statt schwächer immer größer und nachhaltiger , und unter allen Kunstgegenständen , die ich habe , ist mir dieser der liebste . Das ist der hohe Wert der Kunstdenkmale der alten heitern Griechenwelt , nicht bloß der Denkmale der bildenden Kunst , die wir noch haben , sondern auch der der Dichtung , daß sie in ihrer Einfachheit und Reinheit das Gemüt erfüllen und es , wenn die Lebensjahre des Menschen nach und nach fließen , nicht verlassen , sondern es mit Ruhe und Größe noch mehr erweitern und mit Unscheinbarkeit und Gesetzmäßigkeit zu immer größerer Bewunderung hinreißen . Dagegen ist in der Neuzeit oft ein unruhiges Ringen nach Wirkung , das die Seele nicht gefangen nimmt , sondern als ein Unwahres von sich stößt . Es sind manche Männer gekommen , das Standbild zu betrachten , manche Freunde und Kenner der alten Kunst , und der Erfolg ist fast immer derselbe gewesen , ein Ernst der Anerkennung und der Würdigung . Wir , Eustach und ich , sind in den Dingen der alten Kunst sehr hiedurch vorgeschritten , und beide sind wir von der alten Kunst erst recht zur Erkenntnis der mittelalterlichen gekommen . Wenn wir die unnachahmliche Reinheit , Klarheit , Mannigfaltigkeit und Durchbildung der alten Gestaltungen betrachtet hatten und zu denen des Mittelalters gingen , bei welchen große Fehler in diesen Beziehungen walten , so sahen wir hier ein Inneres , ein Gemüt voll Ungeziertheit , voll Glauben und voll Innigkeit , das uns fast im Stammeln so rührt , wie uns jenes dort im vollendeten Ausdrucke erhebt . Über die Zeit der Entstehung unseres Standbildes können wir auch jetzt noch nichts Festes behaupten , auch nicht , ob es mit anderen aus dem Volke von Standbildern , das in Hellas stand , nach Rom gekommen ist , oder ob es unter den Römern von einem Griechen gefertigt worden ist , wie man es in jener Römerzeit , da griechische Kunst mit nicht hinlänglichem Verständnisse über Italien ausgebreitet wurde , in den Sitz eines Römers gebracht hat , und wie es auf ein ganz anderes , entferntes Geschlecht übergegangen ist . « Er schwieg nach diesen Worten , und ich sah den Mann an . Wir waren , während er sprach , in dem Saale auf und nieder gegangen . Ich begriff , warum er diesen Saal bei Abendgewittern aufsucht . Durch die hellen Fenster schaut der ganze südliche Himmel herein , und auch Teile des westlichen und des östlichen sind zu erblicken . Die ganze Kette der hiesigen Alpen kann am Rande des Gesichtskreises gesehen werden . Wenn nun ein Gewitter in jenem Raume entsteht - und am schönsten sind Gewitterwände oder Gewitterberge , wenn sie sich über fernhinziehende Gebirge lagern , oder längs des Kammes derselben dahin gehen - , so kann er dasselbe frei betrachten , und es breitet sich vor ihm aus . Zu dem Ernste der Wolkenwände gesellt sich der Ernst der Wände von Marmor , und daß in dem Saale gar keine Geräte sind , vermehrt noch die Einsamkeit und Größe . Wenn nun vollends schon eine schwache Abenddämmerung eingetreten ist , so zeigt die Oberfläche des Marmors den Widerschein der Blitze , und während wir so auf und nieder gingen , war einige Male der reine , kalte Marmor wie in eine Glut getaucht , und nur die hölzernen Türen standen dunkel in dem Feuer , oder zeigten ihre düstere Fügung . Ich fragte meinen Gastfreund , ob er das Marmorstandbild schon lange besitze . » Die Zahl der Jahre ist nicht sehr groß , « antwortete er , » ich kann sie Euch aber nicht genau angeben , weil ich sie nicht in meinem Gedächtnisse behalten habe . Ich werde in meinen Büchern nachsehen , und werde Euch morgen sagen , wie lange das Bild in meinem Hause steht . « » Ihr werdet wohl erlauben , « sagte ich , » daß ich die Gestalt öfter ansehen darf , und daß ich mir nach und nach einpräge und immer klarer mache , warum sie denn so schön ist , und welches die Merkmale sind , die auf uns eine solche Wirkung machen . « » Ihr dürft sie besehen , so oft Ihr wollt , « antwortete er , » den Schlüssel zu der Tür des Marmorganges gebe ich Euch sehr gerne , oder Ihr könnt auch von dem Gange der Gastzimmer über die Marmortreppe hinabgehen , nur müßt Ihr sorgen , daß Ihr immer Filzschuhe in Bereitschaft habt , sie anzuziehen . Ich freue mich jetzt , daß ich den Marmorgang und die Treppe so habe machen lassen , wie sie gemacht sind . Ich habe damals schon immer daran gedacht , daß auf die Treppe ein Bild von weißem Marmor wird gestellt werden , daß dann am besten das Licht von oben darauf herabfällt , und daß die umgebenden Wände so wie der Boden eine dunklere , sanfte Farbe haben müssen . Das reine Weiß - in der lichten Dämmerung der Treppe erscheint es fast als ganz rein - steht sehr deutlich von der umgebenden tieferen Farbe ab . Was aber die Merkmale anbelangt , an denen Ihr die Schönheit erkennen wollt , so werdet Ihr keine finden . Das ist eben das Wesen der besten Werke der alten Kunst , und ich glaube , das ist das Wesen der höchsten Kunst überhaupt , daß man keine einzelnen Teile oder einzelne Absichten findet , von denen man sagen kann , das ist das schönste , sondern das Ganze ist schön , von dem Ganzen möchte man sagen , es ist das schönste ; die Teile sind bloß natürlich . Darin liegt auch die große Gewalt , die solche Kunstwerke auf den ebenmäßig gebildeten Geist ausüben , eine Gewalt , die in ihrer Wirkung bei einem Menschen , wenn er altert , nicht abnimmt , sondern wächst , und darum ist es für den in der Kunst Gebildeten so wie für den völlig Unbefangenen , wenn sein Gemüt nur überhaupt dem Reize zugänglich ist , so leicht , solche Kunstwerke zu erkennen . Ich erinnere mich eines Beispieles für diese meine Behauptung , welches sehr merkwürdig ist . Ich war einmal in einem Saale von alten Standbildern , in welchem sich ein aus weißem Marmor verfertigter , auf seinem Sitze zurückgesunkener und schlafender Jüngling befand . Es kamen Landleute in den Saal , deren Tracht schließen ließ , daß sie in einem sehr entfernten Teile des Landes wohnten . Sie hatten lange Röcke , und auf ihren Schnallenschuhen lag der Staub einer vielleicht erst heute morgen vollbrachten Wanderung . Als sie in die Nähe des Jünglings kamen , gingen sie behutsam auf den Spitzen ihrer Schuhe vollends hinzu . Eine so unmittelbare und tiefe Anerkennung ist wohl selten einem Meister zu Teil geworden . Wer aber in einer bestimmten Richtung befangen ist und nur die Schönheit , die in ihr liegt , zu fassen und zu genießen versteht , oder wer sich in einzelne Reize , die die neuen Werke bringen , hineingelebt hat , für den ist es sehr schwer , solche Werke des Altertums zu verstehen , sie erscheinen ihm meistens leer und langweilig . Ihr waret eigentlich auch in diesem Falle . Wenn gleich nicht von der neuen , nur bestimmte Seiten gebenden Kunst befangen , habt Ihr doch Abbildungen von gewissen Gegenständen , besonders denen Eurer wissenschaftlichen Bestrebungen , zu sehr und zu lange in einer Richtung gemacht , als daß Euer Auge sich nicht daran gewöhnt , Euer Gemüt sich nicht dazu hingeneigt hätte , und ungefüger geworden wäre , etwas anderes mit gleicher Liebe aufzunehmen , das in einer anderen Richtung lag , oder vielmehr , das sich in keiner oder in allen Richtungen befand . Ich habe gar nie gezweifelt , daß Ihr zu dieser Allgemeinheit gelangen werdet , weil schöne Kräfte in Euch sind , die noch auf keinen Afterweg geleitet sind und nach Erfüllung streben ; aber ich habe nicht gedacht , daß dies so bald geschehen werde , da Ihr noch zu kraftvoll in dem auf seiner Stufe höchst lobenswerten Streben nach dem Einzelnen begriffen waret . Ich habe geglaubt , irgend ein großes allgemeines menschliches Gefühl , das Euch ergreifen würde , würde Euch auf den Standpunkt führen , auf dem ich Euch jetzt sehe . « Ich konnte eine geraume Zeit auf diese letzte Rede meines Gastfreundes nichts antworten . Wir gingen schweigend in dem Saale auf und nieder , und es war um so stiller , als unsere mit weichen Sohlen bekleideten Füße nicht das geringste Geräusch auf dem glänzenden Fußboden machten . Blitze zuckten zuweilen in den Spiegelflächen um und unter uns , der Donner rollte gleichsam bei den offenen Fenstern herein , und die Wolken bauten sich in Gebirgen oder in Trümmern oder in luftigen Länderstrecken durch den weiten Raum auf , den die Fenster des Saales beherrschten . Ich sagte endlich , daß ich mich jetzt erinnere , wie mein Vater oft geäußert habe , daß in schönen Kunstwerken Ruhe in Bewegung sein müsse . » Es ist ein gewöhnlicher Kunstausdruck , « entgegnete mein Gastfreund , » allein es täte es auch ohne ihn . Man versteht gewöhnlich unter Bewegung Bewegbarkeit . Bewegung kann die bildende Kunst , von der wir hier eigentlich reden , gar nicht darstellen . Da die Kunst in der Regel lebende Wesen , Menschen , Tiere , Pflanzen - und selbst die Landschaft trotz der starrenden Berge ist mit ihren beweglichen Wolken und ihrem Pflanzenschmucke dem Künstler ein Atmendes ; denn sonst wird sie ihm ein Erstarrendes - darstellt , so muß sie diese Gegenstände so darstellen , daß es