den Glauben als Tyrann und Aristokrat , der Zappler und Stänker schätzt ihn als geistiger Proletarier und Skandalmacher , beide aus Selbstsucht . Will man die Bedeutung des Glaubens kennen , so muß man nicht sowohl die orthodoxen Kirchenleute betrachten , bei denen der Institutionen wegen alles über einen Kamm geschoren ist und das Eigentümliche daher zurücktritt , als vielmehr die undisziplinierten Wildlinge des Glaubens , welche außerhalb der Kirchenmauern frei umherschwirren , sei es in entstehenden Sekten , sei es in einzelnen Personen . Hier treten die rechten Beweggründe und das Ursprüngliche in Schicksal und Charakter hervor und werfen Licht in das verwachsene und fest gewordene Gebilde der großen geschichtlichen Masse . Es lebte in unserer Stadt ein Mann , welcher sich ein Vergnügen daraus machte , den Leuten , welche sich mit ihm abgaben , allerlei Erfindungen und Aufschneidereien vorzutragen , um sie nachher ihrer Leichtgläubigkeitwegen zu verhöhnen , indem er erklärte , die Geschichte sei gar nicht wahr . Jemand anders aber mochte erzählen , was er wollte , so stellte der Mann es in Abrede und hatte eine ganz eigene tückische Manier , die Treuherzigkeit , mit welcher ihm etwas gesagt wurde , ins Lächerliche zu ziehen , auf die gleiche Weise , wie er die Treuherzigkeit derer , welche ihm glaubten , spöttisch zu machen wußte . Er aß keine Krume Brotes , die er sich Nicht durch eine Lüge verschafft ; denn er wäre lieber Hungers gestorben , eh als er in ein auf gradem Wege erworbenes Stück Brot gebissen hätte . Aß er aber sein Brot , so sagte er , es sei gut , wenn es schlecht war , und schlecht , wenn es gut war ; hatte er Hunger , so benagte er es zimpferlich und warf die Brocken umher ; hatte er keinen Hunger , so nahm er anderen den Bissen weg , den sie eben in den Mund stecken wollten , und fraß sich so voll , daß er krank wurde ; alsdann behauptete er , sich sehr wohl zu befinden ! Überhaupt ging sein ganzes Streben dahin , sich immer für etwas anderes zu geben , als er war , was ihm ein fortgesetztes Studium verursachte , so daß er , der eigentlich nichts tat und nie etwas genützt hatte , doch zu jeder Minute in der kompliziertesten Tätigkeit begriffen war . Hiezu bedurfte er eines fortgesetzten Schleichens und Lauerns , teils um die günstigen Momente zu erhaschen , um seine Narrheiten vorzubringen , teils um andere auf schwachen Seiten zu ertappen , da eine Hauptleidenschaft von ihm darin bestand , die ganze Welt der Unwahrheit und Lüge zu überführen , und es war nichts Lustigeres zu sehen , als wenn er , soeben hinter einer Tür , wo er gelauert hatte , auf den Zehen hervorhüpfend , plötzlich strack und steif dastand , mit rollenden Augen um sich stierte und mit bombastischen Worten seine Gradheit , Ehrlichkeit und arglose Derbheit anrühmte . Da er bei alledem wohl fühlte , daß jedermann besser daran war als er , so erfüllte ein unnennbar neidisches Wesen seine Seele , welches ihn verzehrte wie ein glühendes Feuer und welches sich dadurch äußerte , daß sein drittes Wort immer das Wort » Neid « war . Er versicherte , sich in einer ewig glückseligen moralischen Überlegenheit zu befinden , und sah daher in jedem Blatte , das nicht nach seiner Weise säuselte , einen neidischen Widersacher , und die ganze Welt war nur ein vor Neid zitternder Wald für ihn . Widersprach ihm jemand , so schrieb er jeden Widerspruch dem Neide zu , schwieg man während seiner Vorträge , so ward er wütend und konnte kaum das Weggehen des Schweigenden abwarten , um denselben des Neides zu beschuldigen , so daß seine ganze Rede durch das unaufhörlich wiederkehrende Wort Neid recht eigentlich zum neidisch tönenden Gesange des Neides selbst wurde . So war er in allem der persönliche Feind der Wahrheit und atmete nur in Abwesenheit derselben , wie die Mäuse auf dem Tische tanzen , wenn die Katze nicht zu Hause ist , und die Wahrheit rächte sich auf die einfachste Weise an ihm . Sein Grundübel war , daß er schon im Mutterleibe hatte gescheiter sein wollen als seine Mutter , und infolgedessen konnte er nur leben , wenn er nichts zu glauben brauchte , was irgend ein Mensch sagte , alle Menschen aber glaubten , was er sagte . Nun konnte er sich freilich stellen , als ob dem so wäre , und er tat es auch , was schon eine energische Zusammenfassung der einzelnen Verlogenheiten und seine Hauptlüge war ; allein der Beweis vom wahren Sachverhalte machte sich doch zu offenbar im Gelächter seiner Nebenmenschen . Daher fand er kurz und gut seinen besten Stützpunkt in derjenigen Lehre , welche den unbedingten Glauben zum Panier erhebt . Schon daß die allgemeine Richtung der Zeit sich vom Glauben abwandte und die Mehrzahl der denkenden Menschen , wenn sie sich auch nicht dagegen aussprachen , doch denselben gut sein ließen und in der Praxis nur auf das Begreifliche und Erkennbare bauten , war ihm Grund genug , sich dieser Richtung schnurstracks entgegenzustellen und dabei zu behaupten , der Hang und Drang der Zeit ginge unverkennbar auf den erneuten Glauben los ; denn er konnte das Lügen nirgends lassen . Diejenigen , welche wirklich glaubten , waren ihm höchst langweilig , und er bekümmerte sich nicht um sie , daher er auch nie in einer Kirche oder religiösen Gemeinschaft gesehen wurde . Dagegen hatte er es um so mehr mit denen zu tun , welche nicht glaubten . Nicht daß er sich um das Seelenheil derselben viel gekümmert hätte , obgleich er die Sache mit ängstlicher Hast verfolgte ; seine Angst war die hatte er einmal gesagt , daß er glaube , so mußten für ihn alle , welche nicht glaubten , Esel sein , und wenn dies auf sein Wort hin nicht angenommen wurde , so glaubte er selbst als ein Esel dazustehen . Er hatte sich im Mutterleibe schon gesagt wenn du nun ans Licht kommst , so wird die Frage deiner Existenz die sein : Entweder bist du ein Esel , oder alle anderen sind Esel ! Er verriet dies in schwachen Augenblicken des Streites , wenn er sich in eine Sackgasse verrannt , indem ihm alsdann das Wort entschlüpfte » Nun , da müßte ich also ein Esel sein , wenn ich so was glaubte , was nicht wahr wäre ! « und er bezeichnete damit , ohne es zu wollen , seinen Standpunkt und auch das Herz , welches er für seine Sache hatte . In der Tat könnte man den unseligen Streit die Eselfrage nennen , da gewiß von tausend Fanatikern , welche für ihre religiöse Meinung im Blute wateten , neunhundertneunundneunzig nur aus dem Grunde den Frieden verrieten und Scheiterhaufen anzündeten , weil ihnen aus dem Trotze der Verfolgten das Wort Esel entgegenzutönen schien . Nichts haßte der Mann mehr als die gewissenhafte und redliche Forschung und die Entdeckungen der Wissenschaft ; wenn irgendein Ergebnis derselben bekannt wurde , so zappelte er mit Händen und Füßen dagegen und suchte es lächerlich zu machen , und wenn es sich als richtig erwies und seine bedeutenden Folgen auf allen Gassen zu sehen und zu greifen waren , so tobte er erst recht und nannte es ins Angesicht eine Lüge . Das Einmaleins und eine chemische Schale waren ihm unerträglicher als dem Teufel Vaterunser und Weihkessel ; aber auch die Natur rächte sich lächelnd an ihm . Denn während er die fünf Sinne nicht gelten ließ , war er stets bemüht , dieselben durch einige erfundene Sinne zu vermehren , durch deren possierliche Ausmalung er die christliche Wunderwelt erklären wollte . Wenn er hiedurch vielfach gegen den christlichen Geist verstieß und man ihm dies durch das Neue Testament bewies , so sagte er , er pfeife auf das Neue Testament , er habe seinen eigenen Kopf , im gleichen Augenblicke , wo er es das Buch des Lebens genannt hatte . Trotz alledem glaubte er aufrichtig , denn nach irgendeiner Seite hin muß jeder Mensch sich ergeben , und er glaubte um so aufrichtiger , als einesteils der Gegenstand des Glaubens unerwiesen , unbegreiflich und überirdisch war , anderenteils ihn das innere Gefühl seines verunglückten Witzes sentimental und weinerlich machte . Eines Tages ging er mit einer lustigen Gesellschaft über eine Felsenhöhe am Seeufer . Er war ursprünglich gut gewachsen , doch die andauernde Verdrehtheit seiner Seele hatte seinen Körper ganz windschief gemacht , daß er aussah wie ein verbogener Wetterhahn . Sein schöner Wuchs war aber ein Lieblingsthema seiner Rede , und jeden Augenblick war er bereit , sich auszukleiden und ihn zu zeigen , während er an allen Sterblichen etwas auszusetzen hatte , ungefragt diesem einen Höcker andichtete , jenem krumme Beine . Als er nun etwas verstimmt vor den übrigen Gesellen herging , die ihn schon verschiedentlich aufgezogen hatten , rief plötzlich einer , welcher ihn zum ersten Mal genauer ins Auge faßte » Sie ! Herr Ölfinger ! Sie sind eigentlich verteufelt krumm ! « Erstaunt kehrte er sich um und sagte » Sie träumen wohl , oder soll das ein Witz sein ? « Der andere wandte sich aber zur Gesellschaft und forderte sie auf , ihn ebenfalls näher zu betrachten ; man hieß ihn einige Schritte vorwärts gehen , er tat es , und jedermann bestätigte nun ja , er sei schief ! Aufgebracht stellte er sich sogleich neben den Angreifer und wollte ihm beweisen , daß dieser selbst der Mißgewachsene sei . Der war aber schlank wie eine Tanne , und die Gesellschaft fing an zu lachen . Sprachlos und hastig kleidete er sich aus und ging splitternackt vor den übrigen her ; die rechte Schulter war vom unaufhörlichen spöttischen Achselzucken höher als die linke , die Ellbogen von seiner eitlen Gespreiztheit nach auswärts gedreht und die Hüften verschoben ; dazu wurde er durch das Bestreben , grade zu scheinen , nur noch krummer ; er machte in seiner Nacktheit die wunderlichsten Beine , als er so dahinschritt und sich dann und wann ängstlich umsah , ob ihm noch nicht Beifall und Achtung der Gesellschaft nachfolge . Als diese aber in ein maßloses Gelächter ausbrach , geriet er in großen Zorn und begann , um sich Achtung zu erzwingen , ungeheuerliche Sprünge und Kunststücke zu machen , um die Stärke seines Körpers zu zeigen . Das Gelächter wurde immer größer , und die Lachenden mußten sich auf die Erde setzen . An jener Stelle war vorzeiten ein Fichtenwald in den See gestürzt und wurde in der Tiefe durch die nachgerollten Felsblöcke festgehalten . Wie nun der nackt Umhertanzende sah , daß die lachenden Menschen sich bereits auf der Erde wälzten mit nassen Augen , sprang er plötzlich , in einem Anfall von unsäglicher Wut und irgend etwas Wunderbares erzwingen wollend , mit einem mächtigen Satz über den Rand hinaus in den See , hoch hinunter , wo der versunkene Wald lag . Erst eine geraume Weile nachher , als die lachende Gesellschaft sich einigermaßen gesammelt hatte , bemerkten sie sein Verschwinden , suchten ihn überall , traten an den Rand des Abgrundes , aber niemand hat ihn wiedergesehen . Dies krankhafte Beispiel von den wunderbaren Gängen , welche die Entstehung des » Glaubens « in den Menschen verfolgt , mag nun freilich sehr vereinzelt dastehen ; doch wenn sie auch bei der Mehrzahl einen edlern Grund und Boden hat , so werden ihre Schneckenlinien doch nicht grad . Ich würde mich schämen , wenn ich jemals dahin kommen würde , jemanden seines Glaubens wegen zu verachten oder zu verhöhnen oder den Gegenstand desselben nicht zu ehren , wenn der Gläubige darin seinen Trost findet ; aber die nackte und gewaltsame Forderung des Glaubens , sozusagen die Theorie des Glaubens selbst , ist eine so mißliche Sache für mich , daß ich , indem ich diese meine geheime Schreiberei übersehe , mein Herz durch die lange Kundgebung gegen den Glauben beinahe so staubig , trocken und unangenehm fahle , als wenn ich ein ehrbarer Theologe wäre und für den Glauben polemisiert hätte , und ich muß mich beeilen , aus diesem unerquicklichen Gebiete wieder zu den Gestalten des einfachen wirklichen Lebens zu gelangen . Die dritte Hauptlehre , welche der Geistliche uns als christlich vortrug , handelte von der Liebe . Hierüber weiß ich nicht viel Worte zu machen ; ich habe noch keine Liebe betätigen können , und doch fühle ich , daß solche in mir ist , daß ich aber auf Befehl und theoretisch nicht lieben kann . Inwiefern durch die stete Wiederholung des Worts das Christentum einen gewissen Bestand wirklicher Liebe in die Welt gebracht habe , wage ich nicht zu beurteilen ; doch dünkt es mich , es habe vor zweitausend Jahren auch Liebe gegeben und gebe auch jetzt noch , wo das Christentum nicht hingelangt ist , wenn man nur die verschiedenen Formen unterscheiden will , in welche das wahre Gefühl sich hüllt . Gewiß ist schon mancher einzelne Unglücksmensch und mancher arme rauhe Volksstamm durch das eindringlich und heiß ausgesprochene Wort Liebe aufgeweckt und einem hellern und schönern Dasein gewonnen worden ; wenn aber solche gewonnenen Völker , einmal dem Christentum einverleibt , endlich das ganze Bewußtsein und die Bildung der christlichen Welt , welche wir alle zusammen ausmachen , erreicht haben , dann wird jenes naive Morgengefühl der Liebe wieder untergehen in der allgemeinen Kälte der alten Christenwelt und nur da bestehen , wo es ursprünglich in den Menschen wurzelte , also zuletzt überall auferstehen . Schon die unmittelbare Rücksicht auf den lieben Gott ist mir hinderlich und unbequem , wenn sich die natürliche Liebe in mir geltend machen will . Da einmal bei unseren Handlungen das Denken an Gott und das Verdienst in den Augen Gottes so fest in die Menschenwelt gewebt ist , so kann man oft trotz aller Unbefangenheit nicht verhindern , daß bei guten oder vielmehr pflichtmäßigen Handlungen nicht im tiefsten Innern der Hinblick auf Gott auftaucht mit der eigennützigen Hoffnung , daß Er uns die Tat wohlgefällig gutschreiben werde . Schon oft ist es mir begegnet , daß ich einen armen Mann auf der Straße abwies , weil ich , während ich ihm eben das wenige geben wollte , das ich hatte , zugleich an das Wohlgefallen Gottes dachte und nicht aus Eigennutz handeln wollte . Dann dauerte mich aber der Arme , ich lief zurück ; allein während des Zurücklaufens dünkte meiner Selbstsucht gerade dieses Bedauern wieder artig und verdienstlich , ich kehrte nochmals um , bis ich endlich auf den vernünftigen Gedanken kam möge dem sein , wie ihm wolle , der arme Teufel müsse jedenfalls zu seiner Sache kommen , das sei die erste Frage ! Manchmal kommt dieser Gedanke aber zu spät , und die Gabe bleibt in meiner Tasche , wo sie mir alsdann unerträglich ist . Daher freue ich mich immer wie ein Kind , wenn es mir passiert , daß ich unbedacht meine Pflicht erfüllt habe und es mir erst nachträglich einfällt , daß das etwas Verdienstliches sein dürfte ; ich pflege dann höchst vergnügt ein Schnippchen gegen den Himmel zu schlagen und zu rufen » Siehst du , alter Papa ! nun bin ich dir doch durchgewischt ! « Das höchste Vergnügen erreiche ich aber , wenn ich mir in solchen Augenblicken denke , wie ich Ihm nun sehr komisch vorkommen müsse ; denn da der liebe Gott alles versteht , so muß er auch Spaß verstehen , obgleich man auch wieder mit Recht sagen kann , der liebe Gott verstehe keinen Spaß ! Das Heiterste und Schönste war mir die Lehre vom Geiste , als welcher ewig ist und alles durchdringt . Er war mächtig im Christentume , dessen Beweglichkeit und Feinheit die Welt fortbaute , solange es geistig war ; als es aber geistlich wurde , war diese Geistlichkeit die Schlangenhaut , welche der alte Geist abwarf . Denn Gott ist nicht geistlich , sondern ein weltlicher Geist , weil er die Welt ist und die Welt in ihm ; Gott strahlt von Weltlichkeit . Alles in allem genommen , glaube ich doch , daß ich unter Menschen , welche rein in dem ursprünglichen geistigen Christentum lebten , glücklich sein und auch nicht ganz ohne deren Achtung leben würde , und wenn ich dies Annas Vater , dem Schulmeister , eingestehen mußte , forderte er , das Wunderbare und die Glaubensfragen einstweilen freisinnig beiseite setzend , mich auf , das Christentum wenigstens dieser geistigen Bedeutung nach anzuerkennen und darauf zu hoffen , daß es in seiner wahren Reinheit erst noch erscheinen und seinen Namen behaupten werde ; etwas Besseres sei einmal nicht da noch abzusehen . Hierauf erwiderte ich aber der Geist könne wohl durch einen Menschen leidlich schön ausgesprochen , niemals aber erfunden werden , da er von jeher und unendlich sei ; daher die Bezeichnung der Wahrheit mit einem Menschennamen ein Raub am unendlichen Gemeingute sei , aus welchem der fortgesetzte Raub des Autoritäts- und Pfaffenwesens aller Art entspringe . In einer Republik , sagte ich , fordere man das Größte und Beste von jedem Bürger , ohne ihm durch den Untergang der Republik zu vergelten , indem man seinen Namen an die Spitze pflanze und ihn zum Fürsten erhebe ; ebenso betrachte ich die Welt der Geister als eine Republik , die nur Gott als Protektor über sich habe , dessen Majestät in vollkommener Freiheit das Gesetz heilighielte , das er gegeben , und diese Freiheit sei auch unsere Freiheit , und unsere die seinige ! Und wenn mir jede Abendwolke eine Fahne der Unsterblichkeit , so sei mir auch jede Morgenwolke die goldene Fahne der Weltrepublik ! » In welcher jeder Fähndrich werden kann ! « sagte freundlich lachend der Schulmeister ; ich aber behauptete die moralische Wichtigkeit dieses Unabhängigkeitssinnes scheine mir sehr groß und größer zu sein , als wir es uns vielleicht denken könnten . Der geistliche Unterricht ging nun zu Ende ; wir mußten auf unsere Ausstattung denken , um würdig bei der Festlichkeit zu erscheinen . Es war unabänderliche Sitte , daß die jungen Leute auf diese Tage den ersten Frack machen ließen , den Hemdekragen in die Höhe richteten und eine steife Halsbinde darum banden , auch die erste Hutröhre auf den Kopf setzten ; zudem schnitt jeder , wer jugendlich lange Haare getragen , dieselben nun kurz und klein , gleich den englischen Rundköpfen . Dies waren mir alles unsägliche Greuel , und ich schwur , dieselben nun und nimmermehr nachzumachen . Die grünen Kleider meines Vaters waren endlich zu Ende , und zum ersten Male mußte neues Tuch gekauft werden . Die grüne Farbe war mir einmal eigen geworden , und ich wünschte nicht einmal meinen Übernamen abzuschaffen , der mir noch immer gegeben wurde , wenn man von mir sprach . Leicht wußte ich meine Mutter zu überreden , grünes Tuch zu wählen und statt eines Frackes einen hübschen kurzen Rock mit einigen Schnüren machen zu lassen , dazu statt des gefürchteten Hutes ein schwarzes Sammetbarett , da Hut und Frack doch selten getragen und wegen meines Wachstums sowie wegen der Mode also eine unnütze Ausgabe sein würden . Es leuchtete ihr klar ein , um so mehr , da die armen Lehrlinge und Tagelöhnersöhne auch keinen schwarzen Habit zu tragen pflegten , sondern in ihren gewöhnlichen Sonntagskleidern erschienen , und ich erklärte , es sei mir vollkommen gleichgültig , ob man mich zu den ehrbaren Bürgerssöhnen zähle oder nicht . So breit ich konnte , schlug ich den Hemdekragen zurück , strich mein langes Haar kühn hinter die Ohren und erschien so , das Barett in der Hand , am Heiligen Abend in der Stube des Geistlichen , wo noch eine herzliche und vertrauliche Vorbereitung stattfinden sollte . Als ich mich unter die feierliche , steif geputzte Jugend stellte , wurde ich mit einiger Verwunderung betrachtet , denn ich stand allerdings in meinem Aufzuge als ein vollendeter Protestant da ; weil ich aber ohne Trotz und Unbescheidenheit mich eher zu verbergen suchte , so verlor ich mich wieder und wurde nicht weiter beachtet . Die Ansprache des Geistlichen gefiel mir sehr wohl ; ihr Hauptinhalt war , daß von nun an ein neues Leben für uns beginne , daß alle bisherigen Vergehungen vergeben und vergessen sein sollten , hingegen die künftigen mit einem strengern Maße gemessen würden . Ich fühlte wohl , daß ein solcher Übergang notwendig und die Zeit dazu gekommen sei ; darum schloß ich mich mit meinen ernsten Vorsätzen , welche ich insbesondere faßte , gern und aufrichtig diesem öffentlichen Vorgange an und war auch dem Manne gut , als er angelegentlich uns ermahnte , nie das Vertrauen zum Bessern in uns selbst zu verlieren . Aus seiner Behausung zogen wir in die Kirche vor die ganze Gemeinde , wo die eigentliche Feier vor sich ging . Dort war der Geistliche plötzlich ein ganz anderer ; er trat gewaltig und hoch auf , holte seine Beredsamkeit aus der Rüstkammer der bestehenden Kirche und führte in tönenden Worten Himmel und Hölle an uns vorüber . Seine Rede war kunstvoll gebaut und mit steigender Spannung auf einen Moment hin gerichtet , welcher die ganze Gemeinde erschüttern sollte , als wir , die in einem weiten Kreise um ihn herumstanden , ein lautes und feierliches Ja aussprechen mußten . Ich hörte nicht auf den Sinn seiner Worte und flüsterte ein Ja mit , ohne die Frage deutlich verstanden zu haben ; jedoch durchfuhr mich ein Schauer , und ich zitterte einen Augenblick lang , ohne daß ich dieser Bewegung Herr werden konnte . Sie war eine dunkle Mischung von unwillkürlicher Hingabe an die allgemeine Rührung und von einem tiefen Schrecken , welcher mich über dem Gedanken ergriff , daß ich , so jung noch und unerfahren , doch einer so uralten Meinung und einer gewaltigen Gemeinschaft , von der ich ein unbedeutendes Teilchen war , abgefallen gegenüberstand . Am Weihnachtsmorgen mußten wir wieder im vereinten Zuge zur Kirche gehen , um nun das Nachtmahl zu nehmen . Ich war schon in der Frühe guter Laune , noch ein paar Stunden , und ich sollte frei sein von allem geistigen Zwange , frei wie der Vogel in der Luft ! Ich fühlte mich daher mild und versöhnlich gesinnt und ging zur Kirche , wie man zum letzten Mal in eine Gesellschaft geht , mit welcher man nichts gemein hat , daher der Abschied aufgeweckt und höflich ist . In der Kirche angekommen , durften wir uns unter die älteren Leute mischen und jeder seinen Platz nehmen , wo ihm beliebte . Ich nahm zum ersten und letzten Male in dem Männerstuhle Platz , welcher zu unserm Hause gehörte und dessen Nummer mir die Mutter in ihrem häuslichen Sinne sorglich eingeprägt hatte . Er war seit dem Tode des Vaters , also viele Jahre , leer geblieben , oder vielmehr hatte sich ein armes Männchen , das sich keines Grundbesitzes erfreute , darin angesiedelt . Als er herankam und mich an dem Orte vorfand , ersuchte er mich mit kirchlicher Freundlichkeit , » seinen Ort « räumen zu wollen , und fügte belehrend hinzu , in diesem Reviere seien alles eigentümliche Orte . Ich hätte als ein grüner Junge füglich dem bejahrten Männchen Platz machen und mir eine andere Stelle suchen können ; allein dieser Geist des Eigentums und des Wegdrängens mitten im Herzen christlicher Kirche reizte meine kritische Laune ; zweitens wollte ich den frommen Kirchgänger für seine gemütliche Anmaßung bestrafen , und drittens tat ich dieses nur in dem Bewußtsein , daß der Abgewiesene alsobald wieder und für immer seinen gewohnten Platz einnehmen könne , und dieser Gedanke machte mir das größte Vergnügen . Als ich ihn meinerseits auch belehrt und ihn ganz verblüfft und traurig eine entfernte Stelle unter den unstet herumwandernden Besitzlosen aufsuchen sah , nahm ich mir vor , ihm am andern Tage anzudeuten , daß er sich immerhin meines Stuhles bedienen solle , indem ich denselben nicht brauche . Einmal aber wollte ich darin sitzen und stehen , wie es mein Vater getan . Derselbe besuchte an allen Festtagen die Kirche , denn alle hohen Feste erfüllten ihn mit heiterer Freude und tapferm Mute , indem er den großen und guten Geist , welchen er in aller Welt und Natur sich erfüllen sah , alsdann besonders fühlte und verehrte . Weihnachten , Ostern , Himmelfahrt und Pfingsten waren ihm die herrlichsten Freudentage , an welchen es mit edlen Betrachtungen , Kirchenbesuch , duftendem Mittagsmahl und frohen Spaziergängen auf grüne Berge hoch herging . Diese Art hat sich auf mich vererbt , nämlich das frohe Genießen der Festtage , und wenn ich an einem Pfingstmorgen auf einem duftigen Berge stehe in der kristallklaren Luft , so ist mir das Glockengeläute in der fernen Tiefe die allerschönste Musik , und ich habe schon oft darüber spintisiert , durch welchen Gebrauch bei einer allfälligen Abschaffung des Kirchentumes das schöne Geläute wohl erhalten werden dürfte . Es wollte mir jedoch nichts einfallen , was nicht töricht und gemacht ausgesehen hätte , und ich fand zuletzt immer , daß der sehnsüchtige Reiz der Glockentöne gerade in dem jetzigen Zustande bestehe , wo sie fern aus der blauen Tiefe herüberklangen und mir sagten , daß dort das Volk in alten gläubigen Erinnerungen versammelt war . In meiner Freiheit ehrte ich dann diese Erinnerungen wie diejenigen der Kindheit , und eben dadurch , daß ich von ihnen geschieden war , wurden mir die Glocken , die so viele Jahrhunderte in dem alten schönen Lande klangen , wehmütig ergreifend . Ich empfand , daß man nichts » machen « kann und daß die Vergänglichkeit , der ewige Wandel alles Irdischen schon genugsam für poetisch sehnsüchtigen Reiz sorgen . Der Freiheitssinn meines Vaters in religiöser Hinsicht war vorzüglich gegen die Übergriffe des Ultramontanismus und gegen die Unduldsamkeit und Verknöcherung reformierter Orthodoxen gerichtet , gegen absichtliche Verdummung und Heuchelei jeder Art , und das Wort Pfaff war bei ihm daher öfter zu hören . Würdige Geistliche ehrte er aber und freute sich , ihnen Ergebenheit zu zeigen , und wenn es womöglich ein erzkatholischer , aber ehrenwerter Priester war , welchem er Ehrerbietung beweisen konnte , so machte ihm dies um so größeres Vergnügen , gerade weil er sich im Schoße der Zwinglischen Kirche sehr geborgen fühlte . Zwinglis Erscheinung ist reiner und milder als diejenige Luthers . Er hatte einen freiern Geist und einen weitern Blick , war viel weniger ein Pfaff als ein humaner Staatsmann und besiegelte sein Wirken mit einem schönen Tode auf dem Schlachtfeld , das Schwert in der Hand . Daher war sein Bild meinem Vater ein geliebter sichrer Führer und Bürge . Ich aber stand nun auf einem andern Boden und fühlte wohl , daß ich bei aller Ehrerbietung für den Reformator und Helden doch nicht eines Glaubens mit meinem Vater sein würde , während ich seiner vollkommenen Duldsamkeit und Achtung für die Unabhängigkeit meiner Überzeugung gewiß war . Dieses friedliche und achtungsvolle Ausscheiden in Glaubenssachen zwischen Vater und Sohn feierte ich nun in dem Kirchenstuhle , indem ich mir den Vater noch lebend vorstellte und ein geistiges Gespräch mit ihm führte , und als die Gemeinde sein ehemaliges Lieblings- und Weihnachtslied » Dies ist der Tag , den Gott gemacht ! « anstimmte , sang ich es für meinen Vater laut und froh mit , obgleich ich Mühe hatte , den richtigen Ton zu halten ; denn rechts stand ein alter Kupferschmied , links ein gebrechlicher Chorherr , welche mich mit den wunderbarsten Variationen von der rechten Bahn zu locken suchten , und dies um so lauter und kühner , je standhafter ich blieb . Dann hörte ich aufmerksam auf die Predigt , kritisierte sie und fand sie gar nicht übel ; je näher das Ende rückte und mir die Freiheit winkte , desto trefflicher fand ich die Predigt , und ich nannte in meinem Herzen den Pfarrer einen wackern Mann . Meine Stimmung ward immer heiterer , endlich wurde das Nachtmahl genommen ; aufmerksam verfolgte ich die Zurüstungen und beobachtete alles sehr genau , um es nicht zu vergessen ; denn ich gedachte nicht mehr dabei zu erscheinen . Das Brot besteht aus weißen Blättern von der Größe und Dicke einer Karte und sieht feinem glänzendem Papiere ähnlich . Der Küster backt es , und die Kinder kaufen sich bei ihm die Abfälle als einen unschuldigen Leckerbissen , und ich selbst hatte mir manchmal eine Mütze voll erworben und mich gewundert , daß man eigentlich doch nichts daran äße . Zahlreiche Kirchendiener bieten es aus , den Reihen entlang , worauf die Andächtigen eine Ecke davon brechen und die Blätter weitergeben , während andere Beamtete den Wein in hölzernen Bechern nachfolgen lassen . Manche Leute , besonders die Frauen und Mädchen , behalten gern ein Blättchen zurück , um es andächtig in ihr Gesangbuch zu legen . Auf ein solches , das ich im Buche einer meiner Basen gefunden , hatte ich einst ein Osterlämmchen gemalt mit einem Amor , der darauf reitet , und bei der Entdeckung ein strenges Verhör nebst Verweis zu bestehen gehabt ; als ich jetzt mehrere solcher Blätter in der Hand hielt , erinnerte ich mich daran und mußte lächeln ; auch gelüstete es mich einen Augenblick lang , eins zurückzubehalten , um irgendein lustiges Erinnerungszeichen an meinen Abschied von der Kirche darauf zu malen . Aber ich besann mich , daß ich in dem väterlichen Stuhle stand , und gab das Brot weiter , nachdem ich eine Ecke davon in den Mund gesteckt zum andächtigen , aber allerletzten Abschiede von der Kinderzeit und der Kinderspeise , die ich beim Küster gekauft hatte . Als ich den Becher in der Hand hielt , blickte ich fest in den Wein , ehe ich trank ; aber es rührte mich nicht , ich nahm einen Schluck , gab die Schale