weiß ich noch nicht , aber weder das Geheimniß des Bildes noch Ihr eigenes dürfen Sie preisgeben . Nach dieser Behandlung ... nein , können Sie sich nicht entdecken ! Niemals ! Niemals ! Ich fühle Das , Wildungen ! Sie müssen für immer auf diesen Tag einen Schleier fallen lassen und das Übrige ... Das Übrige ? Dankmar stockte und sagte dann nachdenklich : Ist es nicht wunderbar , daß ich mit Ihnen durch das gleiche Schicksal verbunden bin ? Scheint es nicht ein Fingerzeig des Zufalls zu sein , der scherzend die ernsten Missionen des Verhängnisses erfüllt , wie wir so zusammengeführt werden durch eine ähnliche , ja fast gleiche Aufgabe ! Wie sich mir an jenen Schrein eine große Aufgabe knüpft , die ich Ihnen einst ausführlicher entwickeln werde , so verbirgt Ihr Bild ohne Zweifel Thatsachen , die tief in Ihr Leben eingreifen und der Schlüssel zu den dunkelsten Verwirrungen werden können , die Ihnen noch für Ihr Leben aufbewahrt scheinen ! Bedenken sie diesen verdächtigen Eifer einer Frau , die Ihrer Mutter Freundin war , dann sie haßte und sie nun auch im Tode verfolgt und jede Spur von ihrem Dasein - Sie sehen es ja - vertilgen möchte . Was man von dieser Pauline Harder weiß , sagte Egon ergriffen von der Theilnahme des Freundes , ist nur zu sehr geeignet , ihren Schutz für ebenso allmächtig , wie ihre Verfolgung für eine Hölle auf Erden zu erklären . Was beherrscht sie nicht ? Ich weiß es aus den diplomatischen Kreisen in Paris . Sie regiert durch die verzweigtesten Fäden ihrer gesellschaftlichen Beziehungen einen Theil der öffentlichen Meinung . Was hat sie nicht schon Alles unternommen ! Was nicht gefördert und gehemmt ! Wo nur eine Idee ins Leben treten soll , find ' ich ihren Namen , als Beschützerin oder Gegnerin und grade , weil sie Denen eine starke Macht verleiht , die sie aufsuchen , fürcht ' ich für Die , die sie vermeiden , umgehen wollen ... Eine Freundin von ihr , die Gräfin d ' Azimont ... Egon stockte . Sie nannten jene Dame , die Ihr Vater in seinem originellen Briefe erwähnte , bemerkte Dankmar . Der junge Fürst schwieg , fast verlegen . Dankmar schonte sein Gefühl , nahm das Wort und sprach die Vermuthung aus : Ihre Mutter hat ohne Zweifel Erinnerungen ihres Lebens geschrieben ; die große Welt fürchtet ihren Wahrheitseifer . Das Gerücht von Memoiren der Fürstin Amanda wird sich verbreitet haben , und diese , diese werden gesucht , vielleicht Briefe aus alten Zeiten , die manches Geheimniß enthüllen . Geben Sie die Eroberung nicht auf ! Aber wie ? sagte Egon . Ich bin gefangen und schon in diesem Augenblicke vielleicht ist der Wagen gepackt , schon jetzt rollt er vielleicht der Residenz zu und die genaueste Untersuchung eines vor Enthüllungen zitternden Weibes durchstöbert jedes kleinste Theilchen seines Inhaltes und wird auch bald entdecken , daß die Rückwand des Pastellbildes auffallend stark , ja fast einem Kästchen ähnlich ist ... In der That ? bemerkten Sie Das ? sagte Dankmar . Aufs Deutlichste . Geben wir dann nur Eins nicht auf , rieth Dankmar . Das ist die Zeit ! Jede Stunde kann noch einen Gewinn bringen , jede Minute das Schlimmste abwenden . Ich bin auf das Schloß geladen . Ich werde alle Fragen wegen meiner eigenen Angelegenheit fallen lassen , da ich Ihr Zeugniß habe , daß Schlurck meinen Verlust schon mit sich geführt hat . Sie und Ihr Interesse sollen mein einziges Augenmerk sein . Ich werde horchen , ich werde forschen , ich werde mir irgend eine Gelegenheit zu Nutze machen , Ihnen zu dienen ; aber Sie müssen sich entschließen - so peinlich der Gedanke ist ... Wozu ? sagte Egon , indem er Dankmar ' s , die kleine Zelle musternden Blicken folgte ; ... Sie meinen , ich muß den Gedanken an Freiheit für heute aufgeben - Das ist es ! sagte Dankmar . Nur um Zeit zu gewinnen , setzte er hinzu . Zeit , sich der einen Sache , der im Augenblick wichtigern , widmen zu können . Warum soll ich nicht das Gespräch auf dieses Bild führen können , es nicht ansehen dürfen , warum durch den raschen Druck auf das schützende Glas den Inhalt nicht zum Vorschein bringen ? Denken Sie sich diese Überraschung ! Ich würde sogleich als Jurist auftreten , ich würde Beschlag auf diese Papiere legen , ich würde sie nicht eher aus der Hand lassen , bis ich nicht den Gefangenen aus dem Thurm befreit hätte , dem sie allein gehören , dem Prinzen Egon von Hohenberg ! Wildungen ! rief Egon , sprang auf und warf sich ihm an die Brust , indem er mit stürmischer , Dankmarn fast seltsamer Freude den Bruderkuß auf die Lippen drückte . Wildungen ! Sei mein Bruder ! Dankmar , ablehnend , fast erstaunend , ungewohnt solcher Regungen in dieser kühlen Zeit , wollte scherzend erwidern . Aber Egon litt es nicht und sagte : Eine Vergleichung mit Posa und Carlos wäre lächerlich . Ich habe kein Spanien zu erben ! Aber ein Posa bist du , Freund , wie wir , weißt du , schon einmal scherzten . Das Kreuz des Malthesers würde deinen Mantel zieren , wie den tapfersten Ritter , der für das Grab des Erlösers focht ... Dankmar war erst erschrocken über diese stürmische , ihm doch etwas peinliche Empfindsamkeit , dann aber betroffen über diese Erinnerung an seine eigensten , geheimsten Ideengänge ... dachte er an Siegbert , an Ackermann und den Knaben ... und er hätte sie gern in diesem Bunde gehabt , in diesem Bunde der Freundschaft , der Liebe und des einen Geistes ! ... Eben sagte Dankmar liebevoll und gerührt : Egon ! Gibt es denn noch Freundschaften in unserer Zeit ? Egon wollte erwidern - Da hörten sie draußen den Riegel gehen . Der Schlüssel im Schlosse drehte sich und schon auf dem Vorplatz machte sich der Thurmhüter vernehmbar mit den Worten : Ich komme früher , als Sie mich rufen . Wie er die zweite Thür aufgeschlossen hatte und eintrat , reichte er Dankmarn einen Brief hin . Der sonderbare Mensch , sagte er , der nach Ihnen in der Krone fragte , hatte keine Ruhe und wollte Sie sprechen . Da Sie nicht kamen und ich ihn nicht herauflassen durfte , schrieb er diesen Zettel an Sie und hat ihn mit vier Siegeln zugeklebt , als fürcht ' er , ich würde seine Staatsdepesche lesen . Eigentlich lass ' ich mich da auf Sachen ein ... Dankmar nahm den Brief und erstaunte sowol über die wunderbar schöne , wie in Kupfer gestochene Handschrift , wie über die Adresse , die wörtlich lautete : » An den Ritter vom vierblättrigen Kleeblatt . « Dankmar mußte auflachen . Pfannenstiel spähte und fragte : Ist Das wirklich an Sie ? Er mußte wol glauben , hier hinter eine verzweigte Gaunerbande zu kommen , die sich in einer eigenen Spitzbubensprache verständigte . Egon las auch die Adresse und sagte : Aber Das ist ja erstaunlich ! Da ist ja der Ritter Posa schon anerkannt und von einem Schreiber - von einem Schreiber ... diese kupfergestochene Handschrift kenn ' ich - Sie ist von Hackert , der mich nicht nennen will ! sagte Dankmar . Jetzt glaub ' ich wol , daß er nicht die Peitsche zu führen versteht . Das ist ja meisterhaft geschrieben ! Er wollte mich nicht mit Namen nennen , der schlaue Fuchs , und so erinnert die Adresse an einige Erörterungen , die ich mit ihm über das Kreuz auf dem von Schlurck gefundenen Schrein hatte . Bester Pfannenstiel , der Brief ist an mich ... und enthält hoffentlich kein Gaunerlatein ! Schlurck ? sagte Egon und setzte leise hinzu : Alle Briefe , die ich von der Verwaltung meines Vaters empfing , waren von dieser nämlichen Hand geschrieben . Natürlich , sagte Dankmar ebenso . Hackert war Schlurck ' s Schreiber ... Und während noch der junge Fürst seinen Erinnerungen über diesen Gesellen und sein nächtliches Treiben nachhing , eröffnete Dankmar den Brief und las für sich . Betroffen fuhr er sich mit der Hand über die Stirn , las noch einmal , lachte dann , nahm rasch seinen Hut und sagte zu Egon : Nun keine weitern Erörterungen mehr , Freund ! Sie würden - er sah auf Pfannenstiel - hier nicht am Platze sein . Noch heute Abend oder morgen früh hörst du mehr von mir . Ergib dich in dein Schicksal ! Träume vom Genfersee , von Lyon , von Paris , von der Zukunft und wenn du willst , von der Gräfin d ' Azimont ! Leb wohl ! Und damit entfernte er sich wirklich zum großen Erstaunen des Schließers , der noch einige Worte mit dem Gefangenen wechselte , ihm alle Bequemlichkeiten versprach und dem » Ritter vom vierblättrigen Kleeblatt « folgte , den er unten an der Thurmpforte zu finden hoffte . Dankmar war aber schon weit von dannen ... Pfannenstiel schloß die Thür mit gewaltigem Schlüssel zu . Er dachte doch wol : Wir haben einen curiosen Fang gemacht ! Das Examen wird unserer Justiz viel Ärger und Mühe kosten . Egon nahm aber den Brief , den ihm Dankmar in seiner eiligen , ihn fast verwirrenden Entfernung zurückgelassen hatte . Er las : » Ew . Wohlgeboren werden heute Abend auf dem Schlosse sein . Sollte die Rede auf mich kommen , Fritz Hackert heiß ' ich , so können Sie Vieles von mir sagen , was Sie wollen , selbst daß ich Ihnen wie ein Esel erschienen bin . So etwas schadet mir da nichts , weil man meine Ohren kennt und was ich hinter ihnen habe . Aber , wenn Sie ein Mann von Ehre sind und Sie es gern hören , daß ich außer einem Wesen , das vielleicht kein Mensch ist , keinen Menschen in der Welt so lieb habe , wie ... nicht etwa Ew . Wohlgeboren , sondern Ihren Herrn Bruder , der mich in einem Augenblicke der Verzweiflung mit Menschenliebe erquickte , so beschwör ' ich Ew . Wohlgeboren , sprechen Sie von mir auf dem Schlosse nie wie von Ihrem Kutscher ! Ich bin ein elender Mensch und kämpfe mit allen niedrigen Leidenschaften eines jämmerlichen Kerls , der das Gute will , ohne die Organe dafür zu haben , aber ich unterliege wenigstens nicht ganz , wenn ich mich höher hinauf halte , als wohin mich ein grausames Schicksal geworfen hat . Erniedrigen Sie mich da nicht , wo Sie heute wahrscheinlich sehr hoch stehen werden ! Denn ich muß Ihnen im Vertrauen mittheilen , daß man im Orte unten und schon oben auf dem Schlosse anfängt , Sie für den Prinzen Egon von Hohenberg zu halten , der im Incognito hierher gekommen wäre , um sich vom Zustande seiner Güter zu unterrichten .... Vielleicht macht Ihnen dies von mir aus bester Quelle geschöpfte Misverständniß Spaß . Ich wünsche , daß Sie Ihren Schrein gefunden haben . Noch einen Rath : Reiten Sie nie mehr mit Pferden von Lasally ! Dies unter uns ! Übrigens nochmals : Nicht Kutscher ! Ich nenne Sie nicht , wie Sie heißen , sondern wie die Aufschrift lautet , weil es Sie vielleicht unterhält , das Vorurtheil zu benutzen und auf dem Schlosse einige Stunden lang den Fürsten Egon von Hohenberg zu spielen ! Etwas vom Teufel haben Ew . Wohlgeboren doch auch im Leibe oder sind wenigstens ein Mensch , der mir vorkommt , als könnte er mit der ganzen Welt Fangball spielen ! « Aus diesen zwar rasch , aber ebenso in der Rechtschreibung sicher wie in der Kalligraphie bewunderungswürdig correcten und gefällig geschriebenen , ihm in den Hauptsachen aber dunklen Worten , ersah Egon sehr wol den Grund , warum Dankmar plötzlich laut auflachte und rasch einen Entschluß fassend , so außerordentlich muthig und fast drollig aufbrach . Mit dem heitern und erwärmenden Gefühl , vorläufig einen wahren Freund gefunden zu haben , ergab er sich nun ruhig in ein Schicksal , das durch die Aussicht , wol gar von Dankmar Wildungen jetzt auf dem Schlosse vertreten zu werden , an wunderbarer Verwickelung und abenteuerlicher Verwirrung noch gewonnen hatte . Siebentes Capitel Der Doppelgänger Als Dankmar wieder auf seinem kleinen Zimmer in der Krone war und ihm der Wirth gesagt hatte , es gäbe täglich Gelegenheit , Briefe zu befördern , schrieb er aus Rücksicht auf einen nun wahrscheinlich sich etwas verlängernden Aufenthalt an seinen Bruder Siegbert Wildungen : » Lies den Ariost , theuerster Bruder , und du wirst eine Vorstellung von meinen gegenwärtigen Schicksalen haben ! Hätte jener fabelnde Sänger den Zug der Argonauten geschildert , die auszogen gen Kolchis , um das goldene Vließ zu holen , ich wette , seine Erfindungen würden den Abenteuern gleichen , die ich wirklich , ich sage wirklich erlebe . Über mein goldenes Vließ sei vorläufig beruhigt ! Ich glaube , daß es in sicherer Hand ist . Willst du ein Übriges thun , so besuche den Justizrath Schlurck und zeig ' ihm an , daß er keine Schritte thun möchte , den Eigenthümer des mit einem Kreuz bezeichneten von ihm gefundenen Schreins zu entdecken . Er würde in der Person deines liebenswürdigen ihm schon bekannten Bruders Dankmar sich ihm bald selbst vorstellen . Auch Peters beruhige und erfreu ' ihn mit der Nachricht , daß ich Bello mitbringe , leider nur mit einem solchen Bein , das sich wird heilen lassen , wenn man es noch einmal zerschlägt . Dies Hundeleid , lieber Bruder , ist das einzige Herzeleid dieser Hohenberg ' schen Reise ! Sonst rüste dich zu einer traulichen Winterabendstimmung , wenn ich anfange dir zu erzählen , was hier schon Alles hinter mir liegt , noch mehr , was bevorsteht . Am Webstuhl der Zeit sitzen doch immer noch recht alte verschlafene Heidenhexen und spinnen auch noch jetzt unsern überhellen Tagen träumerische Märchen und unglaubliche Fabeln . Ich sage dir , Horatio , es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden , als wovon die Zeitungen und die Staatsanwalte sich träumen lassen . Wenn es reif sein und ans Tageslicht kommen wird , dann sagt man vielleicht : es war gewöhnlich ! Aber im Werden erlebt und mit allen ungewissen , fragwürdigen Umständen der Schicksalszubereitung aus dem Kessel genossen , hat es etwas von Prospero ' s Insel . Ich wünschte , du sähest , wie ich in meinem Elemente plätschre ! Ich werfe mich jetzt eben auf diesen Brief an meinen sanften und vernünftigen Bruder nur , um mich nach allen Regeln des Anstandes zu sammeln vor Beginn eines der lustigsten Tage meines Lebens . Füge nur getrost hinzu : Er wird das Traurige haben , daß ich nach der ewigen Ordnung aller Dinge ihn dereinst mit vielen trüben Stunden werde bezahlen müssen . Aber Das ist hoffentlich das einzige » Aber « an meinem heutigen frohen Glauben . Zähme deine Neugier und erwarte nichts Gewöhnliches ! Die Welt war uns wirklich ein zu ernstes Drama geworden , Bruder , höchstens manchmal künstlich , ach gar , gar zu künstlich eine derbe Posse , wie sie Policinell mit der Pritsche und mit Prügeln im Kirchweih-Kasten spielt . Heute , lieber Junge , erlebt ' ich Dinge , die , wenn du willst , dem Sommernachtstraum angehören , den du so sehr liebst mit seiner Waldeslust , seinen verzauberten Eselsköpfen , seinen herablassenden kritischen Königswitzen und besonders dem Elfenspuke und ihrem die schmachtende Sehnsucht erweckenden Augenbalsam - auch wir verwandeln uns und werden verwandelt , Bruder , und wir wissen wol , Prinz , was wir sind , aber nicht , was wir sein werden ... Hamlet-Ophelia . Meine Gleichnisse erschöpfen sich . Du siehst , mein Junge , ich wollte gern in Deiner Sprache reden . Ich wollte gern deinen Düsseldorfer Senf mit seinen Bildern und Gleichnissen treffen . Was würdest du für gebeizte Augen machen , wenn dich Das träfe , was ich schon Alles hier sah und sehen werde , und wie würdest du dir vorkommen ? Ich sähe dich , Siegbert , umwunden von Blumen , mit einer Krone auf dem Haupte ... Elfen umtanzen dich und du guter frommer Sterblicher , der so etwas nur gemalt und gedichtet sich denken kann , sträubst dich vielleicht gar und sagst zu den neckenden Baumnymphen : Meine Damen ! Ich bitte , bitte Sie inständigst , inkommodiren Sie sich nicht ! Ich bin der Maler Siegbert Wildungen aus Angerode , der sich jetzt aufs Historienfach geworfen hat und von einem hochlöblichen Kunstverein den Ankauf eines Tendenzbildes vielleicht vergebens erwartet ; ich bin ein realistisches Wesen geworden ; laßt mich , ihr schönen Fräulein mit blauen Kränzen in dem Haar und dem Maaßliebchen auf der Brust , laßt mich in Ruhe ; unsere Schule träumt dergleichen nur und malt es in die Albums kunstliebender Salondamen , edler Diakonissen und Schwanenjungfrauen . So hör ' ich dich , du blöder , schnöder Vernünftling ! Aber es würde dir gar nichts helfen . Die Fräulein von der Wiese im Mondschein würden dich auslachen , dich kichernd verfolgen : Schaut ! Schaut ! Der sträubt sich und will nicht der Sohn des Königs Phantasus sein ! Der kennt uns nur aus Büchern und Bildern und weiß nicht , daß wir seine Schwestern sind ! Ach , ich wette , du schämst dich dann doch , Bruder , in der Kunst immer kühn und im Leben so bedächtig zu erscheinen , du fängst doch mit den kleinen Creatürchen zu tanzen an im Mondenschein unter den Sternen , die - siehst du denn Das auch jetzt des Nachts ? - so schwer und voll wie Traubengehänge auf dich niederlangen , und du nimmst auch das funkelnde Krönlein , das dir in grünen Livreen die Kammerherren der Mondfräulein , die Eidechsen , mit schwänzelnder Höflichkeit präsentiren ! Leider bist du nun aber nicht hier und deine Sommernachtstraum-Rolle muß ich spielen , so gut ich kann , wenn auch nimmer so würdig , wie du ! Und noch Eins : Erzähl ' ich dir einst meine Hohenberger Erlebnisse - ein Einst , das sich in drei Tagen höchstens erfüllen wird - , so setz ' dich nicht etwa wie ein Criminalrichter hin und ziehe zu Allem die Stirn , wie du sie gerunzelt hast im Pelikan unter dem Apfelbaum , als ich in feierlicher Stunde bei Froschgequak , Johanniswurmleuchten und beim Duft eines erinnerungsreichen Schnittlaucheierkuchens dir meine freie Maurerei im Tempelhause zu Angerode und den Fund der alten Wildungen ' schen Recesse und Cessionen erzählte ; jammre mir etwa nicht und lamentire über gewagte , unglaubliche , ungesetzliche Dinge und stell ' dich nicht wieder , als wolltest du eine Anstellung haben als officieller Pinsel , Constablerhutlackirer oder Criminalmaler , der die Verbrecher malt , die man in effigie verbrennt ! Ich sehe nicht ein , warum die Komödie der Irrungen nur auf der Bühne gespielt werden soll . Ist der Wald denn nicht wirklicher als eine Tapete ? Die Sonne nicht berechtigter als eine Öllampe ? Kann ... ich sage kann ... hörst du ? Kann der Acteur jemals stocken , der seine Rolle frei von der eigenen Leber erfindet und sich dabei , wenn nicht an die Regeln des Aristoteles , doch an sämmtliche Regeln des Anstandes und sogar die drei Einheiten des guten Tons hält ( Harmonie der Handschuhe , der Cravatte und der Weste ) , und sich nur Eines als freie Muse ausbedingt , die himmlische , märchengeborene , traumbeglückende , süße Unwahrscheinlichkeit ! Siegbert ! Siegbert ! Ich bestreite es dir mit dem übereinstimmenden Zeugniß aller Elemente , aller Jahreszeiten , aller Krebs- und Nicht-Krebs-Fischerei-Monate und aller himmlischen Zeichen des Thierkreises ... ich bestreite es mit dem Verdict deiner eigenen fünf Sinne , die doch die gewissenhaftesten Geschworenen unsers Urtheils sind ... Die Welt sieht nicht so aus , wie das hintere Zimmer eines Kaffeehauses , wo es nur Zeitungen , Kellner , Fidibus , Cigarren und klappernde Dominosteine gibt ! Ich bestreite dir , daß Coak-Gas das Hellste auf Erden ist und ein Tunnel das Finsterste . Wie ... o wie wünscht ' ich , daß ich - manchmal du wärest ... Wie wünscht ' ich , daß du zuweilen spazieren gingest aus deiner künstlichen , gemachten Phantasterei heraus und vor den Thoren die Romantik erlebtest , die du nur zu malen verstehst ! Reiße dich los , Bruder , von der classischen Walpurgisnacht deiner Anschauungen , wo nur theoretische Schemen und Larven dich umtanzen , nur alte Weiber , aufgeputzt mit Phrasen , beim Klitschklatsch der Theelöffel-Imagination , die Zaubereien bewundern , die du mit Hülfe der Bücher-Nekromantik , mit Hülfe der grauen Theorie und des ästhetischen Höllenzwanges aus dem Boden der Trompetta ' schen , Mäuseburg ' schen , Harder ' schen Salons steigen lässest ... wirf die Fesseln ab , die dich an diese tapezirte Welt des Scheines bindet , stürze dich ins Rauschen der Begebenheit , in die immer offenen Arme der Natur und Geschichte , wo du allein erwarmen und nur etwas Dauerndes wie deinen Molay schaffen kannst , auch wenn ihn der flammende Ketzerrichter des Geschmacks und rothe Kunstvereins-Cardinal Propst Gelbsattel verwirft . Dies schreibt dir dein aufrichtiger Bruder , sonst ein passives Meisterstück der Schöpfung , heut ' aber ein activer Stümper im Wettkampf mit dem großen Michel Angelo des Lebens , genannt : die Gottheit . « Wie Dankmar diesen tollen Brief überlas , that es ihm doch fast leid , daß eine so scherzhafte Absicht , die ihn anfangs im Schreiben allein geleitet hatte , zuletzt in eine ernste Wendung übersprang , die seinen Bruder vielleicht verwunden konnte . Er überlas ihn daher nochmals und voll Besorgniß . Doch ließ er ihn , wie er war , schloß ihn , siegelte mit einer Krone , dem Wappen des Kronenwirthes , und legte ihn getrost zum Absenden zurecht . Er hätte ja nur , sagte er sich entschuldigend , auf sein altes Thema spielend angestreift , das ihn im Gespräch mit dem Bruder schon so oft ergriff . Er hätte ihn ja nur wieder aufgefordert , sich freizumachen von einer gewissen mehr gelehrten als natürlichen Begeisterung für seine Kunst . Siegbert ' s Geschmack schien ihm zuweilen mehr der Geschmack der Schule als des eignen Bedürfnisses zu sein . Alle Anspielungen Dankmar ' s auf Meister William und die Elfen , auf Ariost und die Abenteuer , auf Goethe und die Gespenster waren kleine Spöttereien auf Siegbert , der sich zur Zeit in dieser vorgezeichneten Richtung des Schaffens noch sehr gefiel . Salonromantiker nannte ihn Dankmar oft , wenn Siegbert in vornehme Gesellschaften geladen wurde und mit Andacht zuhörte den Vorlesungen über Kunst und Poesie , die in gewissen Kreisen der Gesellschaft Mode waren , besonders als noch die jetzt politisch gestimmte Pauline von Harder in dieser Richtung den Ton angab und Alles um sich versammelte , was in Wissenschaft und Kunst glänzend hervortrat ... Mag er ' s nehmen , sagte sich Dankmar , wie er ' s immer genommen hat ! Als Anregung zur Selbstprüfung oder Gelegenheit , mich eines Bessern zu belehren und ihn um Verzeihung zu bitten . Mit diesem Briefe , mit den Erzählungen des Wirths über Hackert ' s ängstliches Forschen , mit der Nachfrage nach dem Befinden seines Gauls und einem Besuch im Stall , endlich mit der nicht leichten Aufgabe , aus seiner beschränkten Reisetoilette eine Art nonchalanten Reisenegligées herzustellen , verging die Zeit bis zur sechsten Stunde . Endlich setzte er den wohlausgebürsteten , von Staub gereinigten weißen Castor auf und musterte sich in dem kleinen Spiegel seines Zimmers , dem hier und da die hintere Metallbekleidung fehlte und der eigentlich nur Fragmente von Dem wiedergab , der sich in ihm erkennen wollte . Diese Fragmente sagten Dankmarn , daß er wirklich an Wuchs fast dem Prinzen gleich war . Er hatte sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm , nur daß sein bräunliches Haar heller , gelockter , das schlichtere kurzgeschnittene Egon ' s dunkler war . Sein kleines Stutzbärtchen kleidete ihn zierlichst und die klugen Augen funkelten so unternehmend , daß sie wol dem Zuge von Ironie und Schalkheit an den Mundwinkeln entsprachen , der Hackerten bestimmen konnte , mit soviel Respect von dem Manne zu reden , der ihn , ehe er ihn nachtwandelnd im Heidekrug gesehen , so kräftig im Zaume hielt . Gewöhnt , sich immer gut zu halten , konnte Dankmar keinen Anstoß nehmen , sich so wie er war auf dem Schlosse zu zeigen . Hatte er doch die Gesellschaft oben nicht selbst gesucht , ihre Einladung nicht erwartet . Sein zerknittertes Halstuch bügelte ihm die Magd frisch auf . Leicht schlang er es um den Hemdkragen , der ihn am meisten beunruhigte , wenn man nicht die Blicke , die er auf seine Handschuhe warf , noch besorgter nennen will . Indessen sagte er sich : Bin ich oben Dankmar Wildungen , so bin ich auf dem Impromptu einer Reise begriffen . Bin ich Prinz Egon , so hab ' ich noch den Vortheil voraus , als Tischlergesell direct aus Lyon oder Paris zu kommen und eine Art von Communisten zu spielen , das heißt , mit einer großartigen Verachtung des äußern Luxus meine geheimen Pläne unterstützen zu können . Als Dankmar zum Schlosse gegen Abend hinaufstieg , war es ihm unangenehm , daß er merken konnte , er vertriebe für heute die gewohnten Gäste . Einige Damen schritten an ihm vorüber und betrachteten ihn zwar höchst neugierig , aber misgünstig . Dankmar kannte nur zwei , die Eine , die ihm noch die freundlichste war , die Pfarrerin , die duldend und nachgiebig schien , und die Andere , die im vollen Staate befindliche aber zornglühende Frau Justizdirektorin von Zeisel , die Dankmar ' s Gruß höchst spöttisch erwiderte . Himmel , dachte Dankmar , du erregst schon Misgunst , statt Theilnahme . Das ist kein guter Anfang ! Und noch schlimmer , daß Niemand an mein Incognito glaubt . Hackert hat gelogen . Keiner denkt daran , mich als etwas Geheimnißvolles zu bewundern . Weiterhin rollte ein Wägelchen von einem knarrenden Hemmschuh gehalten an ihm vorüber und gleichfalls den steilen Berg hinunter . Eine Dame mit zwei Herren saßen darin . Alle Drei lorgnettirten ihn . In dem jüngern erkannte er den Stallmeister Lasally , von dem er oft einen Gaul gemiethet hatte , ohne indessen mit dem schroffen und etwas unzugänglichen Herrn selbst in Berührung zu kommen . Er warf Dankmarn einen entschieden verächtlichen Blick zu und musterte ihn von unten bis oben , sodaß sich Dankmar fast beleidigt fühlte . Unentschlossen , ob er dem Wagen irgend ein Wort nachrufen sollte , hörte er sich von einem andern ausfliegenden Gaste angeredet , von einem Manne , in dem er den Pfarrer erkennen mußte . Diesem schien die Abweisung am allerverdrießlichsten zu kommen . Das unheimliche Feuer des Neides glimmte aus seinen Augen , als er dem Günstling des Abends begegnete ... Sie sind erwartet , mein Herr , sagte Stromer . Man muß Sie glücklich preisen , mit Fräulein Melanie den Thee trinken zu dürfen ... Und ohne eine Antwort abzuwarten , ging der erzürnte , fast verwirrte Mann vorüber . Dankmar wußte nicht , wie ihm geschah . Er kannte alle diese Menschen nicht , in die er so plötzlich wie ein brennender Schwärmer hineinfuhr und die er zu ihrem Ärger auseinandersprengte ! Der Geistliche schien ihm vollends die Besinnung verloren zu haben . In seinem Auge lag etwas Irres . Er übersah sehr rasch , daß diese Gäste heute sich wie täglich von selbst eingefunden hatten und mit der Bitte begrüßt worden waren , sie möchten entschuldigen , daß sie diesmal nicht gebeten würden , den Abend über dazubleiben , da ein der Familie Schlurck sehr werther Fremder sie aus mancherlei Rücksichten allein in Anspruch nähme ... Wenn Dem so war , so durfte er darin eine höchst feierliche Vorbereitung erkennen und einen noch nicht sehr weit umgegriffenen Verdacht über seine Person oder eine Hackert ' sche Flunkerei . Als ihm aber dann doch der alte Herr , der ihn eingeladen hatte , auf halbem Wege entgegenkam und ihn versicherte , die Herrschaft wisse ihm für die Annahme seiner Einladung den größten Dank , als Dankmar sah , daß man ihn wirklich wie eine Standesperson einholte , konnte er nicht umhin , ganz aufrichtig zu sagen : Ich bin überrascht , mein Herr , wie die Reise , die ich zur Wiederauffindung eines mir sehr werthvollen Eigenthums machen mußte , mich in eine so freundliche Berührung mit der Familie des Mannes führt , dem ich ohnehin schon , wie ich zufällig unterwegs im Heidekrug erfuhr , die Rettung meines Verlustes verdanke . Bartusch fixirte Dankmarn mit halbzugekniffenem Auge , räusperte sich und bat den Gast , er möchte , er bäte sehr darum , des Schreins , von dem auch er schon gehört hätte , keine Erwähnung thun . Die Wiederauffindung desselben wäre zufällig mit Umständen verknüpft , die in Madame Schlurck gewisse unangenehme Empfindungen hervorriefen ... Gedanken , die sie doch lieber nicht wecken wollten . Es thäte ihm leid , darüber dunkel bleiben zu müssen . Eine so geheimnißvolle Äußerung mußte Dankmar ' s Neugier eher steigern ; doch fügte er sich gern der sonderbaren Bitte , die einen Gegenstand betraf , über welchen er sich jetzt vollkommen beruhigen zu dürfen glaubte . Auf dem Schloßhofe trafen sie dann den großen Transportwagen des Intendanten . Welch ein Ungethüm ! rief Dankmar . Das ist ja kein Wagen ! Das ist ein wandelnder Salon , in dem man tanzen könnte .... Bartusch erklärte ihm mit lauerndem Blicke die Bestimmung dieses großen Behälters . Doch nicht Alles schon gepackt ? fragte Dankmar dringend . Zum größten Theil ,