nicht weiter zu verbreiten . Elisabeth hielt fest an ihrer Liebe , Jaromir selbst hatte diese Ueberzeugung gewonnen . Aber Thalheim war schmerzlichst bewegt . Er hatte Amalien wiedergesehen , seine treue Liebe zu ihr war plötzlich in all ihrer frühern sanften Größe wieder aufgewacht - da hatte sie ihm durch die halb wahnsinnig gesprochenen Worte gezeigt , wie unwerth sie seiner Liebe sei - und wie er jahrelang sie bei sich entsämldigt , mit ihr Geduld gehabt und Nachsicht mit ihrer Schwäche und ihren Launen , was Monate lang , als sie in steter Vereinigung zusammen lebten , ihm entgangen war , - das trat jetzt in dem einen Augenblick des Wiedersehens in seiner widerwärtigsten Gestalt vor ihn hin - als er Amalien wieder und gerade so gehässig sprechen hörte - so starb plötzlich seine Liebe zu ihr , endete sein Mitleid - er fühlte , wie sie beides nicht mehr werth sei , und sein Inneres wendete sich mit Verachtung von ihr ab . Nur fühlte er , daß sie darin Recht hatte : sie wollten sich nicht wiedersehen , sie waren getrennt für immer ; sie hatten einander auch Nichts mehr zu sagen . Am Liebsten wäre er nun gleich abgereist und hätte den Ort verlassen , wo er ihr wieder begegnen konnte . Aber Eduin von Golzenau wollte noch bleiben bis zu Jaromir ' s Rückkehr . Denn wie es manchmal geht , so hatte erst Eduin Jaromir in Hohenheim verfehlt und dann war Jaromir gerade in einer Stunde zu dem Rittmeister gekommen , als Eduin ausgeritten gewesen , so hatte Jaromir abreisen müssen und die beiden Verwandten , die einander von frühern Zeiten her noch innig zugethan waren , hatten sich noch gar nicht einmal begrüßt . - Die Gesellschaft war in dem Gartensalon des Rittmeisters von Waldow bereits versammelt - nur Jaromir fehlte noch . Eduin und Elisabeth warteten auf ihn mit gleicher Ungeduld . Dem unbestimmten Zuge der Herzen folgend , hatte dies Gefühl einer gewissen Leere und einer sehnsüchtigen Erwartung sie einander nahe gebracht , und sie freute sich innig der liebevollen Aeußerungen des Jünglings , mit welchen er schwärmerisch von ihrem Jaromir als seinem Ideal sprach . Auch Thalheim saß in ihrer Nähe und sie würde sich ganz dem freundlichen Behagen an diesem Zusammensein überlassen haben , wenn sie nicht mit einer noch süßern Erwartung für die kommenden Stunden beschäftigt gewesen wäre . Aarens war auch da , er behandelte Elisabeth mit kalter Höflichkeit und machte , wie es schien , auf eine ziemlich absichtlich bemerkbare und auffallend zudringliche Weise Aurelien den Hof . Diese , welche nicht wußte , welche andern Absichten er noch kurz vorher gehegt , nahm diese Huldigungen mit sichtlichem Wohlgefallen auf und ward durch sie in die heiterste und muthwilligste Laune versetzt . Waldow , der Neffe , war noch immer der treue Schatten der Geheimräthin von Bordenbrücken , welche , indem sie alle ihre Bemühungen , auf Szariny einen Eindruck zu machen , hatte scheitern sehen , gegen diesen nun einen erbitterten Groll gefaßt hatte , welcher sie , nachdem es ihr mißlungen war , ein blindes Werkzeug für die Untersuchungscommission ihres Gatten zu sein , vielleicht um so brauchbarer zu einem sehenden machte , da ihr gekränkter Stolz sich gern für ihre vernachlässigten Bemühungen an Jaromir gerächt hätte . Die übrige Gesellschaft bestand außer den bereits bekannten noch aus mehreren unbedeutenderen Badegästen und den Bewohnern und Besitzern benachbarter Rittergüter . Die Stunden waren vergangen - Jaromir war noch nicht gekommen . Man setzte sich zur Tafel und er war noch immer nicht da - Elisabeth ward blässer und stiller und suchte dann doch wieder durch lebhafteres Sprechen ihre innere Unruhe zu verbergen . Eduin stürzte in seinem Unmuthe manches Glas Wein hinunter und ward dadurch nur immer ungeduldiger . Die Gräfin Hohenthal sah sehr kalt und unbeweglich aus wie immer , wenn sie irgend eine innere Erregtheit zu verbergen hatte . Die Anwesenden flüsterten sich hier und da , mit Blicken auf Elisabeth , Bemerkungen zu , welche sie zum Gegenstand hatten , aber ja nicht von ihr gehört werden durften . Es schien Elisabeth , als habe man schon ewig bei Tafel gesessen , als man endlich aufstand , um in den Garten zu gehen , wo ein Feuerwerk angebrannt werden sollte . Eduin war vom Wein aufgeregter als gewöhnlich - er nahm Elisabeths Arm und sagte heftig : » Kommen Sie mit mir , denn die Andern amusiren sich und warum sollen Ihretwegen warme Herzen sich Zwang anthun und lachen , wo sie weinen mögten ? « Sie ging mit ihm . - Als sie dann im Garten von der Gesellschaft etwas entfernt im Gebüsch standen , rief es plötzlich hinter ihnen : » Elisabeth ! « Sie erkannte Jaromir ' s Stimme und sank in seine Arme . Dann bewillkommnete er Eduin : » Endlich ! « rief dieser . » Wie oft hab ' ich mich , seit ich in den Alpen Dein Bild fand , nach dieser Stunde gesehnt , nun hattest Du sie immer weiter hinausgeschoben und doch hatte ich gerade Dich jetzt Viel zu fragen , Du solltest mir erzählen von der herrlichen Frau , an die ich Dein Bild wieder zurückgab , ich muß sie wiedersehen , weißt Du , wo ich sie finden kann ? « Jaromir sah ihn verwundert an , denn er konnte ihn nicht verstehen . Aber aus Eduin sprach der Rausch , der sich jetzt nur noch vermehrt hatte , als er aufgestanden und in das Dunkel getreten war , aus dem doch jetzt die unruhigen Gebilde des Feuerwerks vor ihm aufzitterten , er rief laut : » Du liebst ja nur Elisabeth - gieb mir Bella , - aber sie liebt Dich auch - und Du konntest sie vergessen ! - Wie kann man jemals einer Bella untreu werden ? « Jaromir schwieg . » Sie ist in der Residenz - Jaromir ! - Du bist bei ihr gewesen ! « rief Eduin immer heftiger . Elisabeth trat zurück und lehnte bleich und halb bewußtlos an einem Baume . Wenn Du Deinen Rausch ausgeschlafen hast , Knabe , « sagte jetzt Jaromir stolz , » will ich Dich um Erklärung Deiner jetzigen Rede bitten . « In diesem Augenblick trat der Rittmeister zu dem neuangekommenen Gast . Er entschuldigte seine Verspätung mit der Wegsunkenntniß seines Kutschers . - Die Gesellschaft vereinigte sich wieder , dann fuhr der Graf Hohenthal mit Gemahlin und Tochter ab , ohne daß diese noch ein vertrautes Wort mit Jaromir hatte wechseln können . VIII. Der Aufstand » So mag denn über Dich , Du Brut , Du stolze Brut , das Aergste kommen ! « A. Meißner . Polizeirath Schuhmacher war triumphirend zurückgekehrt . Er hatte mit Erfolg seinen Unterricht ertheilt in der von ihm gerühmten Kunst , da hinein zu verhören , wo Nichts heraus zu verhören war ; und so hatte er denn glücklich erfahren , daß einer der gefänglich eingezogenen Eisenbahnarbeiter früher ein guter Freund von Franz Thalheim gewesen war und einen Brief von diesem an ihn ausgeliefert erhalten , in welchem Frau ; geschrieben hatte : daß die Fabrikarbeiter noch weniger verdienten , als die Arbeiter bei den Eisenbahnen . Diese Worte genügten , um die weitläufigsten Folgerungen und Combinationen daran zu knüpfen und die lange Reihe von Anklagen , welche man schon gegen Franz in Bereitschaft hatte , zu vervollständigen . Der Polizeirath brachte einen Polizeidiener und einen Verhaftsbefehl mit . Es schien ihm aber gerathener , den Befehl gleich in in aller Frühe , wenn Franz noch zu Hause , Alles noch still und dämmerig sei , als am hellen Tage , und vielleicht mitten unter den Arbeitern , zu vollziehen . Daher gingen der Polizeidiener , der Gensdarm des Ortes und noch zwei zuverlässige Männer in aller Frühe , da es noch dunkel war , nach Thalheims Wohnung . Aber so früh und dunkel es auch noch war , schon trieben sich viele Frauen und Kinder vor den Thüren herum und machten seltsame neugierige Gesichter . Wie die vier Männer an ihnen vorüberkamen , stießen ein paar beisammenstehende Frauen sich leise an und sagten : » Was wollen denn die ? « » Sie werden es doch nicht schon gehört haben mit ihren Maulwurfsohren ? « » Mit denen nehmen wir ' s auch noch auf , laßt sie nur kommen ! « » Sie machen grimmige Gesichter - « » So wollen wir ihnen bald noch bessere schneiden . « So murmelten die Frauen unter einander hin und her - Jetzt kam Franz mit gesenktem Haupte langsam des Weges her - zwei andere Männer folgten ihm . - Heute war nämlich der Morgen , an welchem Berthold ' s Weib sammt Kind begraben wurde . Alle Arbeiter waren leise aufgestanden und mit hingezogen auf den fernen Kirchhof . Auch Franz war mitgegangen - dieser neue Jammer hatte ihm in tiefster Seele weh gethan - - ihm selbst war wie einem Menschen zu Muthe , der aus hundert Wunden blutet und darüber nicht mehr fühlt , welche ihn am Meisten schmerzt . Aber er wußte noch nicht , was die Arbeiter sannen , warum sie gerade heute Alle einer Leiche folgten , da doch oft eine solche einsam hinausgetragen ward . Denn die Kameraden mißtrauten ihm jetzt und hielten deshalb ihre Absichten vor ihm geheim . Auch wußten eigentlich nur Wenige von einem bestimmten Vorsatz und Plan , die Meisten thaten aus einem blinden Instinkt wie die Andern . Draußen am Grabe hielt Wilhelm eine Rede : » Das ist das Loos unsrer Weiber und Kinder , « sagte er . » Uns macht man zu elenden Sklaven , unsre Weiber und Kinder mordet man ! - Ich brauche Euch nicht erst an unser ganzes erbärmliches Dasein zu erinnern - Ihr habt es ja täglich vor Augen ! Und Ihr habt es auch täglich vor Augen , wie , während man so mit uns verfährt , unsere Peiniger von unsrem Schweiß und Blut Paläste aufbauen und mit dem schwelgen , wovon uns ein gutes Theil gehört - eilen wir uns dieses Theil zu nehmen ! « Wildes Beifallsgeschrei folgte darauf . Ein Anderer sagte : » Und Ihr wißt auch , wie die verfluchten Maschinen daran Schuld sind , daß wir jetzt schlechtern Verdienst haben - sie machen unsere Hände entbehrlich - nun , so wollen wir auch hier das Ding umkehren und die Maschinen vernichten - sie sind unsre schlimmsten Feinde ! « » Weg mit den Maschinen , wir wollen sie alle zerstören ! « schrie die Menge . » Brüder , Kameraden , das wird nicht gut , hört mich , « begann Franz . » Laßt ihn nicht zu Worte kommen ! « riefen viele Stimmen . Franz suchte sie zu überschreien : » Hört mich dennoch ! wenn wir Recht haben wollen , dürfen wir nicht mit einem Unrecht anfangen ! - Wir wollen Einige hingehen und sagen , daß wir nicht länger arbeiten könnten , weil solche Theuerung geworden sei , wenn - « Aber die Andern übertäubten ihn . » So haben die Eisenbahnarbeiter angefangen und sind dafür bestraft worden und schlecht genug weggekommen ; wir müssen es gleich besser anfangen , nicht betteln , sondern zugreifen . « Franz hatte sich aus dem Gedränge zurückgezogen , er war tief bekümmert , denn er sah ein , daß Keiner auf seine Warnungen mehr hören werde . So ging er schnell und traurig von dannen . « Wie Andere dies bemerkten und ihn allein auf die Fabrik zugehen sahen , riefen sie : » Eilt ihm nach , damit er uns nicht verräth ! « » Das thut er nicht , « sagten Andere , » er hat nun einmal immer seinen Kopf für sich . « So folgten ihm zwei Arbeiter , gleichsam um ihn zu bewachen . Als sie so eine Weile gegangen waren , wurden sie die Vier von vorhin gewahr : den Polizeidiener , den Gensdarm und die zwei Männer . Diese traten auf Franz zu , griffen ihn und sagten roh : » Du kommst mit ! « » Wohin ? Und was wollt Ihr ? « fragte Franz und trat zurück . » Dich verhaften und einstecken ! « » Das ist nicht möglich , ich habe Nichts verbrochen , Ihr täuscht Euch ! « » Nein , denn Du bist Franz Thalheim , und hier gilt weiter kein Federlesen . « Der eine der Arbeiter , welche Franz begleitet hatten , stieß einen gellenden Pfiff aus und lief den Weg zurück , auf dem sie hergekommen ; der Andere holte weit mit dem großen Knittel aus , den er in der Hand trug , und schlug damit den Einen , welcher Franz binden wollte , daß er hinfiel . » Bindet ihn auch ! « rief der Gensdarm . Franz hatte sich geduldig den Strick umlegen lassen der Andere wehrte sich tüchtig mit seinem Stock . Da scholl hundertstimmiges Geheul durch die Luft - die ganzen Arbeiter kamen mit Stöcken , Knütteln und Steinen bewaffnet dahergezogen und überfielen jene Vier , die sich dessen nicht im Geringsten versehen hatten . Franz stand ruhig da und regte sich nicht - aber eine große Thräne trat in sein frei aufblickendes Auge . Diese Vier waren gekommen , ihn wie einen Missethäter zu verhaften , weil sie ihn anklagten gegen Ordnung und Gesetz , gegen das Bestehende aufgewiegelt zu haben - und jene wilden Rotten hatten ihm noch vorhin gezürnt und ihn einen Verräther genannt , weil er zur Ruhe geredet hatte - aber es waren seine Kameraden , welche jetzt kamen , ihn zu befreien und nicht duldeten , daß Andere ihm Unrecht thaten , wie sie ihm nur eben erst selbst gethan . Das war seine Genugthuung . Er hatte sich von beiden Partieien verketzert gesehen , eben weil er nur das Recht wollte und auf den beiden Seiten seiner Angreifer das Unrecht war - so sprach ihn sein Gewissen frei und unschuldig ! Und so stand er groß da , der Mann , den die Gesellschaft von sich ausstieß , dem sie ein paar Lumpen zuwarf und Brod , daß er nicht verhungerte - das war ihre ganze Gabe für ihn ! Und unter den Tausenden , welche schimmernd sich kleideten und in Prunkgemächern wohnten , schlug kaum ein Herz so groß wie dieses , an das sie niemals glaubten . August trat schnell vor und zerhieb mit seinem Beil die Stricke , welche um Franz geknüpft waren und dabei rief er : » Seht , der ließ sich für uns geduldig binden von unsern Feinden , den Ihr einen Verräther nanntet , hier bittet es ihm Alle ab ! « Andere Stimmen riefen : » Nun , Franz , siehst Du wohl , wie gut die es mit Dir meinen , für die Du bei uns sprechen wolltest ! Nun , siehst Du wohl , wie weit die armen Leute kommen , wenn sie von den Leuten des Gesezzes ihr Recht erwarten ! Nun hast Du eine gute Lehre empfangen , und wirst es nun doch mit uns halten ! Wozu Dich unser Zureden nicht brachte , dahin bringt Dich nun die Strenge des Gesetzes ! Was willst Du nun thun ? « » Am Liebsten an die Arbeit gehen wie alle Tage - und daß Ihr friedlich mit mir kämet ! « sagte Franz . Wildes Gelächter antwortete darauf . Während dem hatten Einige die beiden Männer mit denselben Stricken gebunden , welche für Franz bestimmt gewesen waren , während Andere sich noch mit dem Polizeidiener und Gensdarme herumprügelten . Unter Wilhelms Anführung zog ein ganzer Haufe gegen das Fabrikgebäude , in welchem sie meist zu arbeiten pflegten . Schreiende Weiber und Kinder schlossen sich jubelnd dem Zuge an - verwundert standen hier die Aufseher , daß noch Niemand bei der Arbeit erschienen war ; der unerhörte Fall konnte nichts Gutes bedeuten ; aber als jetzt die tobende Rotte herbeikam , so löste sich die Verwunderung jener bald in das größte Entsetzen . Einige fielen über sie her , mißhandelten sie und drangen dann in das Innere des Hauses . Unter Spotten , Fluchen und Lachen wurden hier die Maschinen mit Aexten , Stangen und Stämmen zerstört , und was etwa von den einzelnen , zertrümmerten Stücken an Eisenwerk brauchbar schien , damit bewaffnete man sich für spätere Zerstörungen . Am Aergsten trieb es hier die lange Lise : » Für jedes Kind eine Maschine ! « rief sie . » Da langen die Maschinen nicht zu , jede hat mehr als einen Kindermord auf dem Gewissen - unsre Vergeltung ist noch immer viel zu gnädig ! Ein Kind ist mehr werth als eine Maschine , das hat doch eine Seele und Leben - die Maschinen aber sind todt und lügen sich nur lebendig und sind doch schändlich genug , um morden zu können ! « Pauline ward von dem entsetzlichsten Geschrei aus sanftem , gaukelndem Morgentraume geweckt - sie wußte sich die Töne nicht zu erklären - auch im ganzen Hause hörte sie ein ängstliches Hin- und Wiederlaufen , Thürenöffnen und zuwerfen , lautes Rufen und leises Murmeln durch einander . Sie sprang auf , öffnete die Thüre und rief nach Friedericke . Dann eilte sie an das nächste Fenster - draußen lag in schöner Morgendämmerung der Wald dampfend von silberweißen Nebeln , und erste blitzende Sonnenlichter flatterten feeenhaft aus blühenden Himmelsrosen hervor - denn so zierten den Himmel morgenrothe Wolken wie ein Halbkranz gluthvoller Rosen . Und drunten in den zitternden Thautropfen auf dem sammtnen Rasengrün spiegelte auch dies Roth sich wieder , wie ein farbiger Schleier . Es war ein schöner Anblick - aber Paulinen faßte ein eigenes Grausen dabei . Waren vielleicht ihre Augen vom Schlummer noch blöde ? Dies Morgenroth sah ihr heute aus wie lauter Blut , und sogar im Rasenthau , wo es so sanft und schön sich spiegelte , schienen ihr blutige Bäche darüber hinzufließen . Das seltsame Stimmengewirr , wie sie es noch niemals gehört , hörte sie noch immer - die ganze Luft zitterte davon . Jetzt trat Friedericke ein , bleich und verstört , nachlässig angezogen und mit herabfallenden Haaren . Sie konnte ihr Schluchzen nicht verbergen . » Um Gottes Willen , was ist denn geschehen , Friedericke ? « fragte Pauline . » Ach , liebes Fräulein - das Unglück ! Die ganzen Arbeiter widersetzen sich - sie sind alle bewaffnet gekommen , und statt an die Arbeit zu gehen , sind sie jetzt Alle dabei , die Maschinen zu zerstören - dabei fluchen und schimpfen sie und singen gotteslästerliche Lieder , daß es ein Gräuel ist - ach , und das Allerärgste dabei bleibt doch - - « » Nun was denn , was kann es noch Schlimmeres geben ? Wo ist mein Vater - rede heraus und sage Alles ! « » Der Herr ist unten und wagt sich nicht heraus - aber was ich meine , das ist - : Wilhelm führt die ganze Bande an ! Ach , das hätt ' ich doch in meinem Leben nicht gedacht ! « » Und Franz ? « » Von dem weiß ich Nichts . « » Ich muß mit meinem Vater sprechen , « sagte Pauline , zog schnell einen dunkeln Morgenüberrock über und steckte die halb aufgelösten , goldenen Hagre unter ein Häubchen hinauf ; dann eilte sie die Treppe hinab und in das Comptoir . Herr Felchner war ganz außer Fassung - er hatte so zu sagen von dem ungeahnten plötzlichen Schrecken den Kopf ganz und gar verloren . Vor sich hinstaunend , die Hände auf den Rücken rannte er jetzt im Zimmer hin und her . Eine furchtbare Angst und Verzagtheit hatte ihn ergriffen . Wie jetzt Pauline eintrat , so lief er auf sie zu und faßte sie bei beiden Händen : » Du weißt es auch , Pauline ? Die Schändlichen zerstören meine Maschinen , meine schönen neuen Maschinen ! Erst vor wenigen Tagen kam die letzte aus England - und sie zerstören sie auf ' s Abscheulichste , sie werden gar nicht wieder herzustellen sein - Tausende sind vernichtet - ich bin ein geschlagener Mann ! « - » Ach , Vater , das ist wohl das Wenigste ! « » Das Wenigste ! Kind , rede nicht so unverständig ! Hast Du einen Begriff vom Gelde und wie mühsam man es erwerben muß , daß Du so sprechen kannst , als ob man Tausende wie Nichts zu verlieren hätte ? « » Ach , mein Vater , nur jetzt sprich nicht so , wo die Hunderte gegen uns wüthen , die nie Etwas erwerben konnten und sich dennoch immer mühen müssen . - Aber was willst Du thun , damit das Unheil nicht noch schlimmer über uns kommt , damit die tobenden Leute wieder zur Besinnung kommen ? « » Die Soldaten werden sie zur Besinnung bringen ! « » Willst Du ein Mittel der Güte nicht eher als das des Zwanges versuchen ? « » Was wäre das für ein Mittel ? - Meine Faktoren haben sie mit Steinwürfen zurückgejagt . « » Vater ! Du hörtest nicht auf mich , als ich die Einflüsterungen des Geheimraths widerlegen wollte ; daß Du jetzt meinen Worten folgtest ! « » Der Geheimrath hatte ganz Recht , wie Du siehst , daß diesem Volke nicht zu trauen war . « » Weil Du ihm vorher nicht trautest , das Mißtrauen hat sie verdorben - hättest Du sie zuletzt nicht härter behandelt , so hätten sie jetzt Nichts an uns zu rächen . « » Soll ich von einem Kinde und noch dazu von meinem Kinde in der Stunde des Unglücks auch noch Vorwürfe hören ? Doch der Schreck hat Dich verwirrt - wie kämst Du sonst zu solcher Auffassung ? « » Vater , nur ein Mal folge meinem Rath . Diese Leute haben vor Dir immer nur Furcht gehabt , alle schlimme Behandlung , die sie von den Factoren erfahren haben , schreiben sie Dir zu . - Was soll daraus werden , wenn sie jetzt so fortwüthen ? Siehe , ich bin ihnen manchmal freundlich gewesen und habe ihnen geholfen in meiner Weise - mich lieben sie , mir thut keiner Etwas zu Leide . Komm , Vater , wir wollen zusammen hinausgehen , wir wollen es wagen - und dann will ich sie fragen : was wollt Ihr ? Geht wieder heim in Eure Wohnungen und an Eure Arbeit , wir wollen Euch bessern Lohn dafür geben und Euere Kinder sollen Schule bekommen und nur vier Stunden des Tages arbeiten - aber wer von Euch nicht zu Hause geht , den wollen wir bestrafen lassen , wie es recht ist . Komm , Vater , komm , folge nur dies Mal Deinem Kinde ! « » Du bist irre geworden - ich folge keiner Närrin ! « » Vater , was hat es denn genützt , wenn Du dem Rath der Menschen folgtest , die Alles nur weise berechnen wollten ? Nur ein Mal wage mit mir den Versuch ! Was willst Du thun ? Eine Schlägerei anfangen zwischen diesen rohen Meschen ? Dann sie mit Soldaten zur Arbeit hetzen lassen ? Warum Gewalt , wo Du Alles in Güte kannst ? Sie werden Dich segnen - oder Dir fluchen , Dir und uns Allen . - Ach Vater , es ist hart , den Fluch so Vieler durch ein ganzes Leben mit sich schleppen zu müssen - und vielleicht noch über das Leben hinaus ! « Ueberwältigt von ihrer Angst , von der Wichtigkeit seiner Entscheidung , fiel sie ihm zu Füßen und umklammerte seine Kniee - da klangen von draußen die Stimmen wieder lauter , ein freches Spottlied singend mit pfeifenden und jauchzenden Lauten begleitet . Der Fabrikherr , wie er das hörte , stieß sein Mädchen mit dem Fuße zurück und machte sich los : » Für diese freche Bande kann ein sittsames Mädchen bitten ? Mußt Du nicht bei ihren schlechten Liedern erröthen ? - Draußen führen sie eine wahnsinnige Posse auf und Du willst mit Deinem Vater auch Comödie spielen - geh ' und besinne Dich ! Ich hätte Dir mehr weibliches Zartgefühl zugetraut . « » Vater , « rief sie außer sich , » ich erröthe nicht mehr über die grobe Gemeinheit schlechter Worte , als darüber , daß es solche verwilderte Menschen noch giebt - und über uns , die wir Schuld sind an dieser Entsittlichung . Vater - hast Du schon um militairische Hülfe gebeten ? « » Ja - sie kann schon diese Nacht kommen , wenn sie nicht langsam sind . « Sie wollte zur Thüre hinaus . » Wo willst Du hin ? « rief er und hielt sie fest . » Ich will es den Leuten sagen , daß sie ruhig werden , ehe man auf ihre Verzweiflung mit Waffen antwortet . « » Das fehlte noch ! « schrie Felchner vor Unmuth blaß und bebend , während seine kleinen Augen unheimlich funkelten . » Das fehlte noch , daß auch mein Kind gegen mich rebellirte ! - Geh ' hinauf in Deine Stube ! « Er führte sie bis an die Treppe ; sie ging schweigend hinauf von Friedericken gefolgt . Wie er hörte , daß Beide oben waren , lief er selbst nach , schloß sie leise ein , zog den Schlüssel ab und steckte ihn zu sich . IX. Ein Plan » Wird der Retter ihm erscheinen ? Bricht er dann das Joch entzwei ? « K. Beck . Am Morgen nach dem Waldowschen Fest kam Gustav Thalheim nach Hohenthal , um Abschied zu nehmen . Am Abend wollte er abreisen . Die Gräfin Mutter war unwohl von der Gesellschaft und nicht zu sprechen , der Graf war auf die Jagd gegangen , und so empfing Elisabeth Thalheim allein . Sie sah sehr blaß aus und ihre Augen waren matt wie von einer durchwachten Nacht und von Thränen . Sie trat ihm freundlich entgegen und sprach ihre Freude darüber aus , daß er noch ein Mal komme , um Abschied zu nehmen . Aber auch bei ihrem Lächeln entging es ihm nicht , daß sie im Innersten schmerzlichst bewegt war . Um ihm das eigne Weh im Herzen zu verbergen und es bei sich selbst nicht quälender aufkommen zu lassen , begann sie von Fremden zu sprechen - und zwar von Paulinen . » Seitdem ich weiß , was Liebe ist , « begann sie mit einem unterdrückten Seufzer , » kann mich Paulinens Schicksal auf das Tiefste bekümmern - was auch ihr Loos sein mag : glücklich wird sie niemals werden können ! « » Und fühlt sie das selbst schon , oder sprechen Sie nur aus der Erfahrung theilnehmender Freundschaft ? « » Ich habe sie plötzlich besser selbst verstehen lernen , als sie sich versteht - weil ich zum Bewußtsein der Liebe gekommen bin - sie ist ' s vielleicht noch nicht . « » So wissen Sie Alles - und bestätigen die Ahnungen meines Bruders ? « » Ja - ich habe es errathen . - Und was wird ihr Loos sein ? « » Sich dem Herkommen zu fügen - und die grauen Haare eines zärtlichen Vaters zu ehren . « » Eines Tyrannen , dem sie eben deshalb gehorcht , weil sie ihn weder achtet noch liebt - und er ihr doch das Leben gegeben hat . Und was hat Pauline mit dem andern Tyrannen - mit dem Herkommen zu thun ? Sie lebt hier still und abgeschlossen von der Welt , sie hat keinen Umgang mit ihr - die Leute wissen nur , daß der reiche Felchner ein Töchterlein hat - das wieder einen Reichen freien muß ! - Und so soll ihr Leben ein lächerliches Opfer sein , für gar Nichts gebracht , während , wenn sie ihrem Herzen folgte , sie Hunderte beglücken könnte ? « » Elisabeth - bevor die Erde kein Paradies ist , sind die Gefühle unsrer Herzen nicht immer zu verwirklichen . Prüfen Sie die Sache besser . Pauline giebt vielleicht einem Fabrikherrn , den sie achtet , die Hand und läßt es die Aufgabe ihres Lebens sein , indem sie ihn zur Milde und Menschenliebe stimmt , Einrichtungen zu verwirklichen , welche auch Tausende beglücken , oder wenigstens ihr Loos verbessern . « » Und Ihr Bruder ? « » Mein Bruder ist ein armer Arbeiter - und für einen solchen ist es schon eine Genugthuung , wenn das Weib , das er vor Allen hochstellte , ihr Leben dem Wohl seiner Kameraden weiht . « » Sie sind Brüder - ich habe mich gefragt : Wenn Sie um Paulinen geworben , wenn sie ihren Vater mit Bitten bestürmt hätte - vielleicht würde er sich haben erweichen lassen , denn er will sie im Grunde doch nur glücklich machen - aber auf seine Weise - aber Ihr Bruder ist ein armer Arbeiter - ist sein Sclave - er muß aufhören das zu sein ! « » Was meinen Sie ? ! « » Befreien Sie ihn aus dieser unwürdigen Lage , « sie stand auf und gab ihm ein versiegeltes Papier unter seiner Adresse . » Hier ist Geld , unnütz für mich , nützlich für ihn , wovon er leben kann , bis er eine andre Stellung sich erworben . Ich habe die Bücher gelesen , die er geschrieben - er hat Talente , die ihm weiter helfen können - dann kommt er vielleicht in Jahren wieder wie Sie - Pauline ist ihm treu geblieben - Felchner vielleicht todt - dem bescheidnen Mann , der mit der Feder sein Brod verdient , darf sie ihre Hand reichen vor den Augen der Welt - nur dem armen Proletarier nicht - und dann , o , dann wird aus den