Ich sprang auf , bog mich über den Altan und fragte halblaut : » Sind Sie es , Wilderich ? « » Freilich bin ich es , « rief er und sprang in großen Sätzen die Freitreppe zum Altan hinauf . » Aber warum so entsetzlich spät ? « fragte ich ganz matt und gab ihm die Hand . » Der Maschine des Dampfboots geschah ich weiß nicht was für ein Unfall , der uns über zwei Stunden aufhielt . Dann fand ich kein Pferd in Interlachen . Um die Nacht dort zu bleiben fehlte mir die Ruhe ; ich nahm einen Burschen der meinen Mantelsack trug , und wanderte zu Fuß von dannen . Eine unbestimmte Hofnung flüsterte mir zu , daß Ihre Gewohnheit tief in die Nacht hinein zu wachen Sie gewiß auf dem Altan festhalten würde . Da konnte ich Sie sehen , oder Ihr Kleid , oder das Licht in Ihrem Zimmer .... oder doch wenigstens die liebe Cottage ! - - und so bin ich hier .... selig wie nie ein Mensch gewesen ist . « Auf der Brustwehr des Altans stand eine Reihe von Nelkentöpfen . Aber nicht steif an Stäbe gebunden war die schöne Blume , sondern lang und geschmeidig , wie es der Gebrauch in den Schweizer-Bauerhäusern ist , fiel sie mit ihren feinen Blättern graziös über die Brustwehr herab und bildete eine Art von Teppich oder Behang über derselben . Ich hatte mir einen Strauß gepflückt dessen gewürziger Duft mich erquickte , und während Wilderich hastig bis zur Athemlosigkeit sprach , drückte ich mein Gesicht ein Paarmal in die frischen kühlen Blumen , denn es lastete eine gewitterhafte Schwüle auf der ganzen Natur . Als Wilderich schwieg nahm er mir plötzlich den Nelkenstrauß aus der Hand und bedeckte ihn mit Küssen . Ein namenloses Entsetzen kroch bei dieser leidenschaftlichen Bewegung wie eine Schlange an mich heran . Wir saßen auf dem Altan , der durch die Lampe im Salon und durch den überwölkten Sternenhimmel nur matt erleuchtet war , so daß ich Wilderichs Gesicht nicht deutlich sehen konnte ; allein es giebt Momente wo man den Ausdruck eines Gesichtes fühlt ohne ihn zu sehen , und dies Gefühl war nicht beruhigend . Indessen gab ich seinem letzten Ausruf mit Fassung zur Antwort : » Wir wollen über diese Seligkeit sprechen , kommen Sie herein , Wilderich . « Ich stand auf ; aber er blieb sitzen , umschlang mich heftig und rief mit gepreßter Stimme halblaut : » Nein nein nein ! ich mag nicht sprechen . « Ich wich zurück , ging in den Salon , trat an ein Fenster und sagte : » Wenn Sie zu müde oder zu aufgeregt sind um noch heute ein ernstes Gespräch führen zu können , so wollen wir es auf morgen verschieben . Gute Nacht , lieber Wilderich . « Ich schloß das Fenster . Er kam schnell herein . » Verzeihung , meine Gräfin ! sagte er wieder mit seinem alten lieben innigtreuen Ausdruck . Draußen ist Gewitterluft ; in mir ist ein wenig Fieber ; ich bin die vergangene Nacht und den heutigen Tag durchfahren , zuletzt tüchtig marschirt , dann die Ungeduld , endlich die Freude ! .... - - Hier sind auch die Nelken welche Sie draußen vergessen haben . « Er gab mir den Strauß zurück , schenkte aus einer Caraffe voll Limonade , die immer auf einer Console stand , ein Glas ein , leerte es und sagte indem er sich zu mir setzte : » Worüber befehlen Sie mit mir zu sprechen ? « » Nun , über das was Sie am meisten interessirt : über Ihr Glück . « » Darüber ist schwer zu sprechen , meine Gräfin ! « entgegnete er sanft und gedankenvoll und verschränkte die Arme über der Brust . » Vielleicht schwer mit mir ; mit Benvenuta wird es Ihnen leichter werden . « » Was könnte ich mit Ihrer Tochter über mein Glück zu sprechen haben ? Sie wissen ja daß es einzig in Ihrer Hand liegt . « » Ja .... als Mutter , « sagte ich bebend . » Wie das - ich verstehe Sie nicht , « erwiderte er unsicher und fuhr mit der Hand über die Stirn . » Sie werden mich sogleich verstehen wenn ich Ihnen sage , daß Benvenuta um Ihre Liebe weiß und sie erwidert , « entgegnete ich mit einer Entschlossenheit die aus einer innern Folterung entsprang . Ein dumpfer Schrei rang sich aus Wilderichs Brust und bewußtlos sank er im Lehnstuhl zurück . Mir war zu Sinn als müsse der Himmel auf uns herabstürzen und uns alle drei begraben . Durch starke Essenzen weckte ich ihn aus seiner Ohnmacht . » Ich will nicht leben wenn Sie mich nicht lieben ! « rief er mit einem Ausdruck von unerhörter leidenschaftlicher Verzweiflung , und begrub sein eiskaltes Gesicht in meinen Händen . Ich war keines Gefühls , keines Gedankens , keines Wortes mächtig . Krampfhaft schlugen meine Zähne an einander ; mein Herz klopfte so unbändig daß ich mich dem Ersticken nah fühlte . Ein Bild aus der Hölle umschwirrte mein Gehirn : der Mann den mein Kind liebte - liebte mich ! - Aber die Todesangst um dies Kind lieh mir Worte : » Wilderich ! rief ich , dies Alles ist ein Traum , ein Alp , ein Unsinn ! nicht wahr , lieber Wilderich , Sie lieben meine Tochter ? « » Meine Gräfin , sagte er traurig , wie käme ich dazu Ihre Tochter das liebe Kind .... aber doch ein Kind nur ! - zu lieben . Ich bin ihr gut wie einer kleinen Schwester ; ich beschäftigte mich mit ihr und interessirte mich für sie auf das Lebhafteste - weil sie Ihre Tochter ist , weil es Ihnen angenehm war uns in gutem Vernehmen zu wissen , weil es eine Verbindung zwischen Ihrem Herzen und mir war , weil ich ein Mittel darin sah Ihnen immer näher zu kommen - - o , Sie sehen wol aus diesen tausend » weil « , daß nicht ein Funke tieferer Empfindung sich in mir fand ! Mein Herz ist kalt für Ihre Tochter ; meine Seele weiß nichts von ihr ! und wie könnte das auch anders sein .... neben Ihnen ! Wer von uns bemerkt ein niedliches Kind wenn eine Göttin tiefsinnig und geheimnißvoll durch unser Leben geht ? « » Aber dies Kind ist ein junges Mädchen , unterbrach ich ihn , das in der zarten Einfalt seines Herzens Ihre Freundlichkeit anders - und weit natürlicher gedeutet , und sich dieser Deutung mit tiefer warmer Innigkeit hingegeben hat . « » Davor hätten Sie Ihre Tochter warnen sollen , gnädige Gräfin ! « sprach Wilderich eiskalt . » Aber , Unseliger ! rief ich händeringend , ich deutete Ihr Wesen in dem Sinn meiner Tochter ! Ich müßte rasend gewesen sein um Ihren Wunsch bei uns zu bleiben , mit uns zu leben , uns wiederzusehen - auf mich zu beziehen ! Die Jugend paßt zur Jugend ! Es ist unnatürlich in Ihrem Alter von einem sechszehnjährigen blühenden Mädchen sich wegzuwenden und zu deren Mutter hin , die zwanzig Jahr älter ist . « » Ich habe nie nach Ihrem Taufschein gefragt , gnädige Gräfin ! « sprach Wilderich immer eiskalt . » Es ist unnatürlich , fuhr ich fort , gleich beim Eintritt ins Leben die Blüte und Kraft der Empfindung in einer Richtung zu verschwenden , die mit dessen eigentlicher und ernster Bestimmung nichts gemein hat . Die Liebe soll uns tüchtig machen für die Mühsale die uns erwarten , indem sie unser Glück an ein bestimmtes Ziel knüpft : an ein gemeinschaftliches Leben mit einem geliebten Geschöpf , das uns ergänzt und vervollständigt . « » Der Meinung bin ich auch , gnädige Gräfin ! « » Nun Wilderich , wenn Sie dieser Meinung sind , wie können Sie dann Ihre Liebe an eine Frau verschwenden , die durch Alter , Erfahrung , Verhältnisse und Richtung gänzlich derjenigen Sphäre entrückt ist , welche Ihrer in der Gegenwart und für die Zukunft harrt ! Ich bin ermattet vom Leben - und Sie sind erwartungsvoll und dürstend nach seinen Gaben . Ich zweifle an dem menschlichen Glück - und Sie sehen es an diese Zweiflerin geknüpft . Ich glaube nicht an die Dauer der Liebe - und Sie lieben als müsse sie in Ewigkeit fortbestehen . Ich spreche nur von inneren Verschiedenheiten . Der äußeren mag ich nicht erwähnen . Sie würden erschrecken wenn ich sie Ihnen grell vor die Augen hielte . « Ich hätte lange fortreden können ; aber ich schwieg , denn Wilderich starrte mich wie geistesabwesend an . Er hielt seinen Kopf in beiden Händen , und zuweilen überlief ein Zittern seinen ganzen Körper . Als ich schreckenvoll verstummte sprach er matt und tonlos : » Es ist aber doch gräßlich so mißverstanden zu werden ! nicht verstanden - ist schon traurig ; allein so mißverstanden - das ist noch nie geschehen ! Sie Gräfin , Sie mit Ihrem tiefen Blick und Ihrer ernsten Erkenntniß , Sie konnten nicht das schlichte Herz begreifen , das sich Ihnen zu eigen gab ? .... O , das ist unnatürlich , meine Liebe ist es nicht ! - Das Schöne zu lieben sei die Glorie des Lebens - lehrten Sie mich . Ich hab ' es gethan .... weiter nichts . « » O Kind ! Kind ! rief ich mit herber Trostlosigkeit , was hilft der Tiefblick der Erfahrung und der Erkenntniß , wenn er unser Herz nicht zu Rath zieht ! das eigene Herz lehrt uns das fremde verstehen , und ich - Sie wissen es ja ! - lebe in meinen Gedanken und Träumen , jedoch nicht mit meinem Herzen . Drum war ich nicht glücklich an der Seite des besten und zärtlichsten Mannes ; - drum täuschte ich mich über Otbert in einem solchen Grade , daß ich an seine Liebe für mich glauben konnte ; - drum erkannte ich nicht die mächtige flammende Liebe , die Fidelis für mich empfand ; - drum wähnte ich daß Sie mit Dankbarkeit an mir und mit einer erwachenden Neigung an meiner Tochter hingen . O sehen Sie diese schauderhafte grenzenlose Verwirrung meines Daseins , Wilderich , und vermehren Sie sie nicht durch Hingebung an Ihre Schwäche . « » Ich hatte mir ein Leben geträumt , sagte Wilderich mit heißer Wehmuth , edel reich und gut , wie Sie mir den Impuls dazu gegeben hatten . Es ist etwas Großes in Ihnen , das meine Seele weit macht ; und da Sie dafür keinen festen Anknüpfungspunkt gefunden : so war ich stolz genug zu wähnen , daß Sie ihn in mir finden sollten und festhalten müßten . Ich wollte meinen Weg gehen , meine Laufbahn machen , meine Wirksamkeit auf mich nehmen mit jenem Bewußtsein der inneren Berufung , welche uns über all dessen Sorgen und Aengste erhebt . Ich wollte Sie stolz machen - ja ja , meine Gräfin , stolz darauf daß Sie dies stille Feuer einer unüberwindlichen Beharrlichkeit im Guten entzündet hätten . Ich wollte unausgesetzt mit Ihnen leben - nicht bei Ihnen - in der schönsten Gemeinschaft die zwischen Menschen denkbar ist : in einem Geist , mit einer Gesinnung , zu einem Ziel ; stets eingedenk daß das Leben göttlich sein kann , wenn wir das Gute thun und das Schöne lieben . « » O ! rief ich tief bewegt , das kann ja Alles so werden - nur ein wenig anders ! « .... - - » Nicht so und nicht anders ! unterbrach er mich schwermüthig . Denn ein Wort der Ermunterung wollt ' ich hören und das sollte heißen : Ich liebe dich , Wilderich . « » O Wilderich ! rief ich - ich will Sie lieben wie die zärtlichste Mutter den edelsten Sohn liebt , wenn Sie nur zur Besinnung über Ihre eigene Empfindung kommen könnten ! « » Ich bin über sie zur vollständigsten Besinnung gekommen .... und grade jezt , meine Gräfin ! - Da muß ich Ihnen denn der Wahrheit gemäß und auf meine Ehre bekennen , daß ich Sie nicht liebe wie ein Sohn seine Mutter . « » Ueber ' s Jahr wird es anders sein , Wilderich , oder doch in fünf oder zehn Jahren ! « » Ich weiß wol daß dies Ihre Ansicht ist . « » Und Sie vertrauen ihr ? « » Ich kann es nicht mehr da Sie mich so fürchterlich mißverstanden haben ! folglich muß Etwas in mir sein , das Ihr Auge nicht ergründet - und dies Unergründliche ist vielleicht meine Liebe für Sie . « » Mein Gott ! ächzte ich , welch ein Unstern waltet über meinem Leben , daß Alles mir zum Fluch wird , was einem Andern Heil und Segen bringt ! - Aber was liegt an mir ? - gar nichts ! - desto mehr an Ihnen und an ihr .... mein Gott , an ihr ! « » Ich fühle daß wir jezt nicht mehr wie sonst zusammen leben können , sagte Wilderich . Es soll auch sogleich anders werden ! « Er stand auf und ging einmal durch den Salon als wolle er jeden Gegenstand der ihn füllte in seine Seele prägen . Das Bild vom Rosenlaui , Original und Copie , zierlich in purpurfarbenen Sammt eingerahmt , stand auf der Staffelei . Er nahm eins derselben , betrachtete es und sagte : » Es ist gut ! .... ich nehme es mit mir ! « - kehrte dann zu mir zurück , kniete vor mir nieder und sprach in einem Ton der durch seine Ruhe mein Herz beben machte : » So leben Sie denn wol , meine Gräfin ! ich bitte Sie nicht um Verzeihung für meine Liebe ; das wäre eine Schmach für mein Herz ; - aber dafür daß ich Ihren Wunsch hinsichtlich Ihrer Tochter nicht erfüllen kann . Zum Beweis Ihrer Vergebung geben Sie mir einen Kuß - und dann leben Sie wol ! ich sehe Sie nie wieder ! ich verdamme mich selbst zur ewigen Trennung . « » Sie dürfen nicht fort , Wilderich ! sagte ich ganz außer mir und umklammerte seine Hände . Benvenuta liebt Sie . Ich selbst habe die Hofnung in ihr geweckt , die Gewißheit ihr gegeben daß Sie sie liebten . Sie zagte , sie zweifelte .... ich zweifelte nicht . Sein Sie barmherzig ! machen Sie mich nicht meiner Tochter gegenüber zur Lügnerin ! ersparen Sie ihr und mir den gräßlichen Schmerz , woran ich weiß nicht was für ein sündhafter verbrecherischer Anstrich klebt , daß Sie - die Mutter lieben ! besinnen Sie sich ein Jahr , zwei Jahr auf Ihren Irrthum , auf diese Täuschung Ihres schönen warmen dankbaren Herzens ! - O Wilderich ! wenn Sie mich je geliebt haben , so erbarmen Sie sich meiner ! « Er war aufgestanden und sagte nun langsam und beklommen : » Wie ist es denn aber möglich mich nicht zu verstehen , wenn ich doch sage und wieder sage : ich liebe Sie ! « » Ich verstehe nichts , nichts , gar nichts .... als daß ich meine Tochter vielleicht fürs Leben elend gemacht habe - wenn Sie nicht Erbarmen haben . « » Meine Gräfin , wie kann ich das ? « fragte er sanft . In einem Paroxismus von Schmerz sank ich vor ihm nieder und flehte mit gerungenen Händen : » Wilderich .... Sie müssen meine Tochter lieben ! « Angstvoll hob er mich auf und rief : » Um Gotteswillen , Sie sind außer sich ; fassen Sie sich .... dann werden Sie einsehen daß Sie Unmögliches von mir verlangen ! - Ich liebe nicht Ihre Tochter , kann und werde sie nie lieben , denn bei dem bloßen Gedanken packt mich ein namenloses Grauen . Und gar sie zu heirathen - das wäre sündhaft , das wäre verbrecherisch . Und dann wissen Sie ja auch , setzte er schwermüthig lächelnd hinzu , daß ich kein reiches Mädchen heirathen mag . « » Sie scherzen und mir zerspringt der Kopf oder das Herz , Wilderich ! .... was soll ich denn morgen meiner Tochter sagen ? wie soll ich ihr gegenüber treten ? wie ihre Fragen , ihre Unruh , vielleicht ihre Klagen oder Vorwürfe aushalten ? ich muß umkommen in dieser Qual . « » Sagen Sie ihr , meine Gräfin , ich sei todt . « » Wieder eine Lüge ! .... und sie wird es nicht glauben . « » Oder sagen Sie ihr ich hätte mich als unwürdig erwiesen ! ich sei ihrer nicht werth - leichtsinnig , Spieler , unbeständig - was Sie wollen . « » Ich soll Sie verleumden , Wilderich ? « » O , rief er lebhaft , es ist mir ganz gleichgültig was Benvenuta von mir denkt ! ich sinne nur auf Erleichterung für Sie . « » Wollen wir einmal ruhig überlegen ! sagte ich da ich ihn so sehr gesammelt sah ! Wilderich , erfinden Sie einen Brief von Ihrer Mutter , der Sie plötzlich zurückgerufen hätte ! - Eine Unzufriedenheit mit der Neigung welche Sie in so früher Jugend fesselt , ein Verlangen zuvor Rücksprache mit ihr zu nehmen , würde nicht ganz unwahrscheinlich sein . Einige Zeit würde darüber hingehen und Benvenuta vielleicht gleichgültiger werden - oder Sie können sich ändern ! Wenn Sie uns in zwei oder drei Jahren wiedersehen , staunen Sie vielleicht über Ihre jetzige Verblendung . « » Möglich , meine Gräfin ! möglich ! « sagte er mit einer himmlischen Sanftmuth , denn ich sah an seinen entstellten Zügen und seiner leichenhaften Blässe wie sehr er litt und welche ungeheure Gewalt er sich anthat um nicht in Ausbrüche von Schmerz und Leidenschaft zu verfallen . Aber ich hatte kein Mitleid mit ihm ; ich dachte nur an Benvenuta , nur an ein Mittel den Schlag zu lindern , der ihr bevorstand . Ich bat ihn einen Brief zu schreiben des obigen Inhalts . Er entgegnete : » Mir ist als käm ' ich von der Folterbank , der Kopf wüst und schwindelnd , die Hände lahm « ... - » Desto besser , d.h. unruhiger und schmerzvoller , also passender für unsern Zweck , wird er sein ; « - erwiderte ich unbarmherzig , drängte ihn zum Schreibtisch und schob ihm Papier und Feder zu . » Also in dieser Weise soll ich die letzte Stunde unsers Zusammenseins verbringen ? « rief er . Ich sah ihn nur bittend an . Er setzte sich und schrieb was ich ihm angedeutet hatte . Während er schrieb ging ich auf und nieder und überdachte Alles was ich an Benvenuta sagen wollte . Im September sollte eine Reise nach Italien und ein längerer Aufenthalt daselbst ihren Gedanken eine ganz andre Richtung geben ; und wie eine noch spätere Zeit sich gestalten würde , mußte ich äußern Fügungen und inneren Umgestaltungen überlassen . Nachdem ich mich einigermaßen über Benvenuta beruhigt hatte , kehrte sich doch endlich meine Theilnahme auf Wilderich . Er hatte den Brief vollendet , überschrieben und gesiegelt , und saß unbeweglich am Schreibtisch die Arme fest über der Brust verschlungen . Ich legte die Hand auf seine Schulter : » Dies ist Ihr erster Schritt ins wirkliche Leben , Wilderich , sagte ich ; das erste Glied der langen Kette genannt Enttäuschung aus der wir uns heraus oder hinein - ich weiß nicht recht ! - wickeln müssen . Das darf Sie nicht zu Boden werfen , nicht einmal momentan . Ich weiß auch daß Sie es überwinden werden - aber weil Sie doch einmal dahin kommen , so sei es lieber gleich . Werfen Sie mit einem starken Entschluß die unnütze Last ab , schütteln Sie den Druck von der Brust und die Wolke von der Stirn , und sein Sie tapfer . « » Wenn ich Ihrem Rath folgte , entgegnete er mit großem Ernst , so würde ich mich nur als leichtsinnig nicht als tapfer zeigen , meine Gräfin . Vielleicht giebt es Naturen von so merkwürdiger Spontaneität oder von so eiserner Willenskraft daß sie auf der Stelle Herr ihrer selbst werden können . Ich kann es nicht . Ich brauche Zeit um mich zu sammeln , zu fassen und zu trösten . Die Gaben sind verschieden ! Sie überwinden vielleicht in einer Minute wozu ich ein Jahr brauche . Und dann sind mir auch die Ereignisse meines Lebens wichtig - mögen sie Anderen noch so dürftig erscheinen ! Ich will sie nicht gleichgültig bei Seite schieben oder fallen lassen und zu etwas Anderem übergehen ; sondern vielmehr bis in den Kern hinein ihre Bitterkeit oder ihre Süße kosten und mein Wesen mit ihnen nähren , damit sie in dessen Nerv , Blut und Kraft übergehen . Gefühle , Begegnisse , Empfindungen die so zu sagen aus meinem Herzblut geboren sind , kann ich nicht willkürlich von mir abschütteln wie eine Last die etwa meinen Schultern aufgebürdet wird . Sie müssen sich in mir austoben bis zu ihrem Ziel , und dieses ist nicht der Tod - denn sie hatten ein organisches Leben - sondern eine Verklärung , eine Auferstehung , eine Befruchtung neuer Keime , ein Fortschritt in der Wahrheit oder Selbsterkenntniß , ein frischer Aufschwung . So , als eine organische Entwickelung , verstehe ich überhaupt das Leben ! so finde ich Zusammenhang und Einheit darin , und wo diese sind kann jenes zu einer großen herrlichen Harmonie ausgebildet werden . Fliegt Alles nur wie Staub an mich heran und wieder ab : so gewinnen die Gedanken und Bilder des Staubes die Oberhand , und ich werde untergewirbelt in ihrer Nichtigkeit . So bin ich beschaffen , meine Gräfin , und demgemäß muß ich handeln . « Ich faltete meine Hände über seinem Haupt und sagte mit maßloser Traurigkeit : » O des Jammers daß Sie nicht mein Sohn sein wollen ! O des Glückes mein Kind an Ihr Herz zu legen ! « Da sprang er hastig auf und sagte zum ersten Mal mit einer wilden Heftigkeit : » Dies will ich nicht hören ! es ist Lästerung meines Gefühls für Sie . In einer hohen Empfindung mißverstanden zu werden vom Pöbel - ist natürlich ; von Gleichgültigen - ist erklärlich ; aber von einem edlen und befreundeten Wesen - das ist ein scharfer Dorn , welcher den Schmerz sehr wild macht . Was soll mir dies Kind und immer dies Kind ! es ist mir verhaßt da ich die Mutter liebe . « - - Und sich mit aufflammender Leidenschaft vor mir niederwerfend rief er : » Ja ich hasse es , denn es steht zwischen Ihnen und mir ! Sie würden mich lieben , wenn es nicht da stände ! Sie opfern mich und vielleicht sich selbst den exaltirten Phantasien eines Kindes , das sich einbildet beim ersten Schritt aus der Kinderstube einen Geliebten finden zu müssen . Wie kommt sie dazu grade auf mich ihre Wahl zu werfen ? Vier Wochen voll brüderlicher Intimität berechtigen doch warlich nicht dazu ? « - - » Ich kann Ihnen mit denselben Fragen antworten , unterbrach ich ihn kühl . Wie kommen Sie dazu bei Ihrem ersten Schritt aus der Schule sich für eine Frau zu fanatisiren , die Ihnen während vieler Monate keine andre Berechtigung gegeben hat als die : eine mütterliche oder schwesterliche Freundin in ihr zu sehen ? « - - - Ich hob ihn auf und fuhr sanft fort : » Nein , Wilderich ! Schuld ist nicht bei Ihnen , nicht bei meiner Tochter ; - nur bei mir ! Weil ich ohne Herz bin - drum verstand ich Eure Herzen nicht und tappte so hin in der Dämmerung meiner uralten Träume . Vergeben Sie mir den Schmerz den ich Ihnen hätte ersparen können , mein lieber Wilderich ! ich will Ihre Vergebung als ein Wahrzeichen betrachten , daß keine Rachegeister aus diesem trüben Wirrsal sich gegen mich erheben . Wiedersehen können wir uns nur unter einer Bedingung , die ich nicht aussprechen darf « .... - - » Weil ich sie nicht erfüllen kann ! warf er ein . Auf diesen Brief , meine Gräfin , werden Sie schon eine Fabel zu bauen wissen , welche Ihre Tochter auf dasjenige vorbereitet was unvermeidlich ist . Unsre Trennung ist es auch - drum sei der Abschied kurz ! ich fühle daß ich matt werde . « Ein krampfhaftes Zittern flog um seine Lippen , und seine Augenlider sanken müde und krank über die trüben Augen herab . Ich dachte mit Entsetzen an die Möglichkeit daß er vor Erschöpfung vielleicht nicht mehr mein Zimmer verlassen oder auf dem Wege zum Gasthof ohnmächtig werden könne . » Kommen Sie , mein armes liebes krankes Kind , sagte ich und nahm seinen Arm ; ich bringe Sie zur Ruhe . « Mit unnachahmlicher Innigkeit des Ausdrucks und der Bewegung warf er einen langen Blick durch das ganze Zimmer , grüßte es mit der Hand und sagte : » Lebewol du liebes unvergeßliches Haus ! « Dann ergriff er das Bild und ließ sich von mir über den Altan , die Freitreppe hinab und auf den Weg zum Gasthof führen . » Schlafen Sie ein Paar Stunden , bat ich ihn unterweges . Sie sind noch angegriffen von Ihrer Badecur und die Nerven furchtbar erschüttert . Nicht blos den Festen des Lebens - wie ich Ihnen nach Baden schrieb - auch dessen Kämpfen und Schlachten muß man mit dem Panzer einer stählernen Gesundheit entgegen gehen . Wenn Sie mich wirklich lieben , so machen Sie mir Ehre und sein Sie stark . « » Ich werde es sein ! entgegnete er . Ich werde schlafen und morgen über den Rosenlaui-Gletscher nach Meyringen gehen . Das war der Weg der mich vor dreiviertel Jahr in dies geliebte Thal zur » guten Frau von Grindelwald « brachte , und beim Rosenlaui hatte ich meinen letzten seligen Tag . Mit diesen Bildern und Erinnerungen kehr ' ich heim nach Wildeshausen . Dann weiter in ' s Leben .... wie Gott will ! « Ueberwältigt von heimlich nagendem Gram sagte ich : » Es wird ein mühseliges Leben sein , mein Wilderich . Solche diamantene Herzen wie das Ihre schafft Gott nicht umsonst . Klar , rein , fest und schroff wie der Diamant , muß es in schwerer Arbeit sich selbst und Andere schleifen . Verbrennen kann der Diamant - nicht schmelzen wie der Rubin , der dann Glanz und Feuer verliert und trübe wird . Es giebt auch Rubinherzen , Kind ! aber ein diamantenes ist höher . Denk ' daran . « Meine Seele zitterte in der Erinnerung an Fidelis . - - So kamen wir zur Thür des Gasthofs . Wilderich pochte und bis Jemand von Innen öfnete , sagt ' ich : » Lebwol ! lebwol ! « - küßte flüchtig seine Lippen und lief rasch von dannen . Es dämmerte schon ; der Morgenwind löste die nächtlichen Gewitterwolken in einen starken Regen auf , der mich durchnäßte und erquickte . Ich trug ein weißes Musselinkleid , keinen Hut , keinen Shawl ; mein Haar hing aufgelöst über meine Schultern herab . So kehrte ich heim , stieg die Freitreppe hinan , ging langsam über den Altan in den Salon und sank unter einer plötzlichen Erstarrung meines Herzens bewußtlos zu Boden , als Benvenuta mir freudig mit der Frage entgegen trat : » Nicht wahr , er ist gekommen ? « - - - Mein altes Herzübel , das sich in dem verhältnißmäßig ruhigen Zustand des letzten Jahres beschwichtigt hatte , brach mit neuer Gewalt herein . Und doch mußte ich , kaum zu mir selbst gekommen , meiner Tochter Red ' und Antwort stehen ! - Leugnen war vergeblich ! Sie hatte seine Stimme gehört und es fehlte ein Bild vom Rosenlaui ! - Der Brief auf dem Schreibtisch befremdete sie freilich : war Wilderich hier , wozu der Brief ? - Ich half mir mit einer Unwahrheit und sagte : » Sein Inhalt ist so wichtig daß er ihn selbst bringen - und für ihn so peinlich daß er denselben nicht mündlich mittheilen wollte . Wider Erwarten traf er mich .... und sagte mir Alles ! - aber ich behielt dennoch den Brief - Deinetwegen ! « » Meinetwegen ? « stammelte sie erblassend , erbrach und las ihn aufmerksam , faltete ihn dann zusammen und sagte leise : » Er liebt mich nicht ! « Ich hatte nicht den Muth sie des Gegentheils zu versichern . Ich schwieg und zitterte wie eine Verbrecherin welche Entdeckung fürchtet . Es war mir lieb , daß jede Gemüthsbewegung mich paralysirte ; so litt ich weniger ; d.h. mehr physisch . Benvenuta schwieg auch . Sie sprach nicht mehr von Wilderich , sie fragte nie nach ihm . Es war als sei er gar niemals da gewesen ! Und nicht blos gegen mich beobachtete sie diese Zurückhaltung , sondern auch gegen Gabriele , welche ich gebeten hatte mit möglichst linder Hand die Wunde ihres Herzens zu sondiren . Nach einiger Zeit sagte mir Gabriele ihre Bemühungen wären umsonst , und fügte hinzu : » Es kommt mir vor als fände ich in ihr nicht sowol eine Wunde , als ein Grab . « » Und über dem Grabe wachsen Blumen , « sagte ich mit Zuversicht zu meinen Erfahrungen . Das war ein trauriger Sommer ! Ich , fast immer leidend ; Gabriele in Trauer um ihre Mutter ; Benvenuta still und ernst , vor der Zeit eingeweiht in das große Geheimniß des Schmerzes . Nichts interessirte sie ; sie sprach keinen Wunsch und keine Hofnung aus . Es war ihr gleichgültig ob wir zum Winter nach Italien oder nach Engelau gingen oder in der Cottage