. Als sie ihrem Sohne begegnete , blieb sie stehen , und in der Gegenwart von einigen zwanzig Zeugen sagte sie plötzlich : » Sie wollen uns morgen verlassen ? Sie sind sehr eilig , Ihre schönen Besitzungen in Ste . Roche in Augenschein zu nehmen ! Doch müssen wir Ihren Eifer loben - mehrere Ihrer Vorfahren pflegten von Zeit zu Zeit sich dort aufzuhalten . Ihre Eltern haben diese Neigung nicht gefühlt - vielleicht werden Sie darin Ihren Ahnherren wieder ähnlicher . - Wir werden uns diesen Abend bei der Königin sehn ! « Als sie bei diesem Winke das Wort an einen Anderen richtete , fühlte Leonin zuerst etwas wie Groll in sich aufsteigen , und sein gequältes Herz malte sich in seinen bleicher werdenden Zügen . Mit demselben Ausdrucke noch sah ihn die sanfte Henriette von England am Abende bei der Königin , in dem ungewöhnlich vergrößerten Zirkel , und ihr theilnehmendes Lächeln wollte ihn aufrichten ; da sie hoffte , er würde durch ihre Vermittlung noch Alles diesen Abend erreichen , was seine sichtlich gekränkte Stimmung verrieth . Nach dem Erscheinen des Königs , der sehr bald seinen Platz neben seiner schönen Schwägerin einnahm , ward es Leonin möglich , sich Mademoiselle de Lesdiguères zu nähern , die mit der größten Theilnahme ihn aus der Ferne beobachtet hatte . Er fühlte sich , wie immer , an ihrer Seite erleichtert ; - sie schien ihm heute vor Allen das einzige menschliche Wesen in diesem Kreise , und er glaubte , nach der gewöhnlichen Weise der Männer , sich jeder Empfindung hinzugeben , ohne der nothwendigen Mißdeutung ihrer Aeußerungen gedenken zu wollen , daß er ihr endlich die ganze Weichheit und Erschütterung seiner Seele zeigen dürfe . Er sagte ihr , daß er am andern Morgen abreisen werde - er sagte ihr , wie schwer sein Herz sei , wie es ihm scheine , er werde nie wieder hierher zurückkehren ; wie alle Hoffnungen , alle Wünsche auf diesem Schauplatze des Lebens ihm versunken wären , und er sich nur wieder finden könnte in der Einsamkeit von Ste . Roche - er verließe hier Niemanden mit schwerem Herzen ; allein die Trennung von ihr bekümmere ihn tief - gern , gern würde er ihr sein ganzes Herz aufgeschlossen haben , aber er müsse fürchten , daß sie ihn alsdann für immer aus ihrer Nähe verbanne , und es würde die Brücke , die ihn zurückführen könne , völlig abbrechen heißen , wenn er Sie nicht als seine Freundin wieder zu finden wisse . - Er sagte ihr dies Alles mit einem Tone der Stimme , der die tiefste Herzensbewegung ausdrückte , und blickte sie dabei mit einer Bewunderung an , die ihre ungewöhnliche Schönheit ihm immer einflößte , und die ihm dies Mal durch den Ausdruck ihrer Züge , durch den Wechsel ihrer Farbe besonders auffallend schien . Viktorine fühlte seine Worte , seine Blicke , seine ganze Stimmung mit der vollkommen gerechtfertigten Ueberzeugung , von ihm geliebt zu sein und sich jetzt als die Ursache seiner Verzweiflung , seiner Abreise ansehen zu müssen . Hätte man Leonin die Aufgabe gestellt , Viktorine nach und nach von seiner Liebe zu überzeugen , die ihrige zu gewinnen , er hätte diese Aufgabe nicht besser , nicht vollständiger lösen können , als durch sein , seit Monaten verfolgtes Verhältniß zu ihr . Dessen ungeachtet glaubte er keine Berechtigung der Art verschuldet zu haben , da er nie förmlich um sie geworben , innerlich sich diese Absicht nicht eingestanden . Er hatte den Genuß des Augenblicks in ihrem Umgange gesucht , er hatte mit Eitelkeit nach ihrer Gunst gestrebt und wenig nachgefragt , ob die Mittel , die er zu Beidem wählte , das unbewachte , argwohnlose Herz eines Mädchens mit Hoffnungen erfüllten , die der ihr bewiesenen Liebe gemäß sein mußten . Er würde jeden Vorwurf voll Erstaunen zurückgewiesen haben , da er ja niemals um ihre Hand geworben hatte ; - und doch würde er dieses letzte Formular der Liebe selbst für überflüssig gehalten haben an einer andern Stelle , wo er doch nicht mehr hätte thun können , als hier , wenn er diese Absicht hätte ausdrücken wollen . - Was Leonin überdies nicht wußte , Viktorinen aber von ihrer geschwätzigen Mutter längst vor seiner Bekanntschaft verrathen ward , war das , zwischen der Marschallin und dem Hause Lesdiguères unter Genehmigung beider Majestäten , abgeschlossene dereinstige Ehebündniß ihrer beiden Kinder . Mademoiselle de Lesdiguères war allerdings an Rang und Reichthum die ausgezeichnetste Partie des Hofes - die Marschallin konnte nicht klüger wählen , und die Persönlichkeit des Fräuleins schien , selbst unter den später eintretenden Verhältnissen Leonin ' s , ihren Sieg zu sichern . Doch Viktorine grollte jedem Zwange , und sie beschloß , Leonin so abstoßend und hart zu behandeln , daß die Eltern ihre vorschnellen Pläne aufgeben müßten . Wie sie es versuchte , haben wir erwähnt ; eben so , wie sie nach und nach das Opfer jener gewöhnlichen , edeln weiblichen Täuschung in Bezug ihrer Einwirkung auf Leonin ' s Karakter wurde , der ihr noch unvollendet erschien . Jetzt liebte sie ihn - und nicht mehr , was er durch sie werden könnte , war die Frage - sondern , ob er ihr , so wie er war , gehören könne und wolle . Trotz dieser stärker werdenden Empfindung aber besaß sie zu viel Karakter , um einem Vorsatze untreu zu werden , der außerdem ihr edles Herz erfüllte - dieser war , ihre Gebieterin , die Königin , die sie anbetete , die Viktorine als Freundin und Vertraute zärtlich wieder liebte , nie gänzlich zu verlassen ; da sie sich bewußt war , mit ihrem allein treu und wohlmeinend gesinnten Herzen das vielfache Böse , das in dem Verhältnisse beider Ehegatten lag , zuweilen abhalten , mildern oder versöhnen zu können . Sie hatte daher der Königin , wie dem Könige in ihrer unumwundenen Weise erklärt , sie würde nur dann Leonin ' s Gattin werden , wenn seine Verhältnisse auch ihn auf irgend eine Weise an die Person der Königin fesselten , die sie nie verlassen wolle . Beide Majestäten hatten vielfach Gelegenheit gehabt , den Werth dieses edeln Wesens zu erkennen , sie waren daher dankbar für eine so hingebende Aufopferung und hatten längst eine solche Stelle bei der Königin für Leonin bestimmt , deren wirkliche Uebertragung nur durch die bereits mitgetheilten Kabalen der Marschallin und des Marquis de Souvré aufgehalten wurde . Viktorine konnte jedoch nicht zweifeln , daß Leonin von ihrer Weigerung , unter andern als den genannten Umständen die Seinige zu werden , unterrichtet sei , dies für Mangel an Liebe halten müsse , und dadurch in die Stimmung sich versetzt fühle , in der sie ihn vor sich sah . Hoch wallte daher ihr Herz dem Wunsche entgegen , ihm offen ihre wahre Empfindung gestehen zu dürfen , und mit der Gemüthsbewegung , die sie in Leonin ' s Augen so schön machte , horchte sie seinen Worten , das heraus zu finden , was ihr dazu Gelegenheit geben würde . Jedes schien ihr dazu Veranlassung ; aber ehe sie ihre stolze Schüchternheit überwinden konnte , erhoben sich die Majestäten , um einem Concerte beizuwohnen , welches Lully mit seinem ausgezeichneten Orchester im Nebensaale aufführte . Hier kam der verhängnißvolle Augenblick , wo der König , an Leonin vorübergehend , stehen blieb und , ihm mit dem wohlwollendsten Lächeln zunickend , sagte : » nun , Graf Crecy , Sie wollen Ihre Besitzungen von Ste . Roche übernehmen ? « Leonin beugte sich bejahend bis zur Erde . - » Bleiben Sie nicht zu lange fort - die Königin wünscht Sie um ihre Person zu beschäftigen - ich habe Sie heute zum Kammerherrn und Reisekavalier ernannt und werde mich freuen , wenn dies auch Ihre andern Wünsche zur Reife bringt . « » Madame , « sagte er , zur Königin sich wendend , » sind Sie zufrieden ? « Die Königin verbeugte sich gegen den König , der huldvoll grüßend voranging , während die Königin noch einige Augenblicke verweilte , um Leonin einige höfliche Worte zu sagen und seine Dankbezeigungen anzunehmen . Kaum hatten die Herrschaften den Saal verlassen , als der ganze Hof auf Leonin einstürzte , um ihm Gratulationen auszusprechen , die so den Stempel der herzlichsten Theilnahme trugen , daß , wer den Kreis nicht kannte , hätte glauben können , Leonin sei hier in dem Zirkel einer ihn zärtlich liebenden Familie . Eben so empfing die anwesende Marschallin die schönsten Worte des Antheils , die sie jedoch besonders kalt und übellaunig aufnahm , nur gegen den König und die Königin in ein Meer vorschriftsmäßiger Huldigungen übergehend . Ihr war allerdings ein bedeutender Grund zum Mißfallen gegeben , und um so mehr , da es ihr unerklärlich war , von welcher Seite ihr diese Störung ihres Planes kam . Die plötzliche Ernennung von Seiten des Königs sollte es Leonin unmöglich machen , nach Ste . Roche zu gehn , und eben der König erwähnte diese Reise als angenommen und erlaubt , die durch diese Erwähnung jetzt sogar unumstößlich geworden war . Die Marschallin konnte auch den Zusammenhang nicht ahnen ; denn die Ursache davon war die gute , empfindsame Gräfin Grammont gewesen , gegen die Leonin , als er die abschlägige Antwort der Prinzessin erhielt , in der gedankenlosesten Befangenheit eine Unruhe und Angst , nach Ste . Roche zu kommen , ausgesprochen hatte , von der die gute Dame so gerührt ward , daß sie ihm wenigstens diesen Dienst nach der mißglückten Audienz zu leisten wünschte und die Prinzessin mit Bitten bestürmte , diesen Wunsch des armen jungen Mannes doch beim Könige zu vertreten . Henriette hatte dies mit ihrer unbefangenen Gutmüthigkeit gethan , und der König es bewilligt . In welcher Bewegung jedoch Leonin durch die plötzlich auf ihn einstürmenden Eindrücke sich fühlte , würde unbeschreibbar sein ! Das angeregte Verhältniß zu Fennimor entkräftete zwar in etwas den Triumph dieses Abends ; aber er wurzelte schon zu tief in diesen Zuständen , um nicht das Aufbrausen des Ehrgeizes mit Wonne zu fühlen ; - und sich endlich sagen zu können , das er erreicht habe , was er gewollt , belebte sein Antlitz , daß Jeder darin das erfüllte Verlangen erkennen mußte . Auch Viktorine , während des Concertes hinter dem Stuhle der Königin gefesselt , erkannte mit höherem Herzschlage das veränderte Ansehen Leonin ' s ; ihre Blicke suchten und fanden sich , und das edle Mädchen , so nahe sich der Auflösung ihres Zwanges wähnend , ließ ihn in ihren Augen ihr ganzes Gefühl lesen . Jetzt erhoben sich die Herrschaften und begaben sich , von ihren nächsten Umgebungen gefolgt , grüßend an der Menge vorüber , in ihre Zimmer . Leonin stellte sich Viktorinen bei diesem langsamen Zuge absichtlich in den Weg . Sie sollte ihm Glück wünschen - freudig blickte er , herausfordernd zu ihr auf . Sie glaubte ihn zu verstehen . » Leonin « sagte sie , bebend mit glühenden Wangen und gesenkten Augen , » ich kenne die Wünsche unserer Freundin - ich kenne die Wünsche unserer Familien - ich habe Sie verstanden , und mein Herz widerstrebt diesen Wünschen nicht länger , da sie mein erstes Gelübde gegen die Königin nicht aufheben werden . Die Königin kennt unsere Wünsche und billigt sie . Nach Ste . Roche also ! Ich breche die Brücke nicht ab , die zu mir zurück führt ! « Schnell folgte sie dem Zuge . Es war ein Glück - Leonin war an ihren Worten zur Salzsäule geworden ; - sie sah es nicht mehr . » Wollen Sie mir Ihren Arm geben , mein Sohn ! « sagte die Marschallin in diesem Augenblicke . » Sie werden , denke ich , nicht eher abreisen , bis Sie Ihrem Vater Ihre so überaus ehrenvolle Anstellung mitgetheilt haben . « » Gewiß nicht , « erwiederte Leonin und führte die Marschallin zu ihrem Wagen , bestieg den seinigen und eilte in sein Zimmer , alle Bedienung fortschickend , um allein zu bleiben - der unglücklichste Mensch der Erde , wie er wähnte . Die Wälder von St. Roche , die Gärten , die das Schloß zunächst umgaben , die Weideplätze und Wiesengründe , die daran stießen , Alles prangte in dem schönen Grün des Juni-Monats , und schien der Seligkeit einer vollständig erreichten , üppigen Entwickelung hingegeben . Täglich sich nachdrängende bunte Blumen , die zarten ersten Früchte , die an Sträuchern und Pflanzen glänzten , Alle schienen sich in den grünen Hallen ein Willkommen zuzujauchzen , als heitere Gespielen , für die der Boden ergrünet . - Auch standen diese schönen Ankömmlinge an einander gereiht , wie reizend geschmückte Tänzer , bereit , den schönen Sommerreigen über die Erde zu tanzen ; und in den blauen Lüften , in den schattigen Lauben erklang dazu aus tausend kleinen verschiedenen Kehlen ihr melodisches Orchester . Warme Sonnenstrahlen belebten den langen Tag , tauige Nächte erfrischten die duftende Schönheit der ganzen Natur . Leise aufhorchend so vielen Wundern , sie alle belauschend mit kindlich wachsamem Auge , so vertraut damit , so beseligt dadurch und zugleich so schüchtern , so behutsam , als könnte ein zu kühnes Hinblicken oder Berühren die kleinen fleißigen Arbeiter in ihrem Aufblühen , Duften und Reifen stören - so glitt Fennimor ' s leichter Fuß durch die Pracht des Sommers ! Sie wußte nicht , daß sie keine aufblühende Blume zu beneiden hatte - selbst so reizend erblüht , daß sie zu ihnen zu gehören schien ; und wenn das kindliche Antlitz aus den volleren Falten ihrer Kleider schaute , konnte man vergleichend sagen : die Knospe beuge sich über die aufgeblühte Blume , an demselben zarten Stengel getragen . Sie wollte immer unglücklich sein , da Leonin noch fehlte ; aber sie konnte doch nicht Zeit dazu finden vor all der Herrlichkeit in und außer ihr . Die Thränen , die sie weinte , waren wie die kurzen Nächte , sie dauerten nicht lange ; denn mit der Sonne - was kamen da all für süße Gedanken ! - Emmy Gray hatte ihr endlich entdecken müssen , was ihr geschah ; und nun war es ihr , als ob der Altar des Herrn in ihr errichtet sei , und sie hätte in aufhorchender Stille auf ihren Knien , auf denen sie Emmy ' s Verkündigung erfuhr , liegen bleiben mögen , damit sie heilig würde zu der großen Gemeinschaft mit Gott , wie sie sagte . - Wie lange konnte sie still und in sich gewendet zwischen den Blumen sitzen , und gar Nichts wollen , als voll anbetenden Erstaunens das Wunder bedenken , zu dem Gott auch sie berufen . Ihre Augen waren so ernst , so tief und forschend auf dies heilige Geheimniß gerichtet , und um ihren Mund nur schwebte das kaum angedeutete Lächeln unaussprechlicher innerer Wonne - und all die kleinen unschuldigen Kindereien , die dazwischen ihre Gedanken berührten und sie in die seligsten Spielereien mit dem kleinen , noch verhüllten Gefährten versenkten , flatterten durch den ernsten Kultus ihrer Empfindungen , wie geflügelte Engel um die Glorie der Mutter Gottes . Mit Lesüeur hatte sie auch ihre große Noth gehabt , weil er von Gott gelassen und sich nun vor ihm fürchtete ; aber sie hatte sich schnell daran gemacht und traute sich überdies jetzt mehr zu , da sie dachte , in ihrem Zustande müsse man ihr auch mehr Glauben schenken . Da war ihr denn auch Alles mit ihm gelungen , wie wir schon wissen , und sie war dessen recht froh und sagte oft zu Emmy : » was wollen sie doch machen , wenn eine Mutter zu ihnen redet - da ist ihr Unglaube ja gleich überwunden ; das größte Wunder steht vor ihnen , sie müssen glauben lernen ! « Doch vergeblich sah Emmy Gray vor ihren Augen das rührendste und reinste Bild göttlicher Gemeinschaft und des daraus entstehenden heitern Friedens , der alle Angst der Welt besiegt - ihr armes , leidenschaftliches Herz faßte es nur auf , um sich zu kränken , zu erzürnen , und der Heiligenschein , den sie um ihren Liebling leuchten sah , steigerte nur ihre Ansprüche für eine irdische Welt , die ihr dafür einen Lohn zahlen sollte , ihren eiteln Wünschen gemäß ; - die Bitterkeit darüber , daß er ihr noch immer verweigert sei , verzehrte sie fast . Wenn Fennimor den Zustand ihrer Gefährtin erkannt hätte , würde sie gewiß mit dem Uebel in Kampf getreten sein . So aber verdeckte Emmy mit unerschütterlichem Schweigen ihr Inneres ; denn konnte sie auch ihren Abgott in Nichts nachahmen , so flößte Fennimor ihr doch eine an Ehrfurcht grenzende Schonung ein ; und wie ihr Nichts gut genug für sie schien , so nahm sie auch sich davon nicht aus , und es war in ihrem Grolle mit begriffen , daß ein solcher Engel keinen andern Umgang haben solle , als so ein geringes Weib , wie sie . Lesüeur ' s Ankunft erfüllte sie zuerst mit Hohn , Verachtung und Mißtrauen : er käme nur , damit der Herr Graf wegbleiben könne - er solle ein Gesellschafter sein , wozu dieser sich zu gut halte . Von Malern hatte sie überhaupt geringe Begriffe ; sie schienen ihr durchaus unnütz , umsonst da ; - und daß dieser kranke , bleiche , verfallene Mann in die Gesellschaft ihres Engels treten sollte , schien ihr ein wahrer Spott . Dagegen schlug Fennimor vor Freuden in die Hände , daß sie endlich einen Maler sehen sollte , weil sie von dessen Berufe auf Erden die größten Begriffe hatte , und so gern wissen wollte , wie ein Mensch aussehe , der sich begeistert fühle , Gottes Werke nachzubilden . Emmy hörte kopfschüttelnd , wie sie sich freute und den Gast einzuführen gebot . » Ach , « sagte sie , » Alles muß ihr den Willen thun und was Schönes werden , woran sie sich erfreuen kann . Gott mag es denen verzeihen , die ihr nicht das schicken , was ihrer würdig ist ! « Als Lesüeur darauf eintrat , verbeugte sich Fennimor so tief vor ihm , daß der stolze Künstler erröthete und sich noch tiefer vor der wunderbaren Schönheit neigte . » Gott segne Euch ! « sagte sie leise , wie ein Kind so schüchtern , » und Gott segne dieses Haus , wo ein Künstler eintritt - ein Schüler Gottes - ein Berufener , seine Wunder nachzuahmen , wo wir andern nur zusehen können ! Es muß eine große Gnade sein , das zu empfinden , « fuhr sie fort , und schritt dabei neugierig , obwol noch schüchtern , auf den erstaunten Lesüeur zu , um ihn recht genau zu betrachten , der indessen , durch eine so fremde Anrede um seine ganze Fassung gebracht , unsicher war , ob das liebliche Räthsel vor ihm ein Kind , eine Frau oder ein Engel sei . Als Beide sich nun ganz nahe standen , und Fennimor ' s Augen den ersehnten Anblick eines Malers hatten - ward sie sehr verwundert , daß ein Maler gerade so aussehen mußte . Sie hätte sich weniger erstaunt gefühlt , wenn er einen Purpurmantel um eine Tunika getragen hätte und den Lorbeerkranz um die Schläfe - als daß er müde und krank , mit bleichen Wangen und schwankender Gestalt , in Kleidern , wie andere Menschen trugen , die ihm aber nicht wohl saßen , nun vor ihr stand und Nichts hatte , als Augen , aus denen sie später das Geheimniß erklärte , und die auch jetzt so verständlich zu ihr redeten , daß ihr sogleich eine andere Ansicht kam , die nicht minder ihr Gefühl weckte , wenn auch ihren Pathos verdrängte . » Ach Gott , Ihr seid ja krank , lieber Herr ! « sagte sie mit dem weichsten Mitleidstone . » Wie wollen wir es denn machen ? Ruht erst hier etwas , bis Eure Zimmer durchwärmt sind ! 1 Wir lassen dies Ruhebett an den Kamin tragen - da legt Ihr Euch nieder , und wir breiten Decken über Euch , daß Ihr Euch erwärmt . Ich kann auch gehn , wenn Ihr lieber allein bleibt , oder Euch etwas erzählen , bis Ihr einschlaft - oder vielleicht thut Euch etwas Wein gut ? « Lesüeur war freilich nicht kränker , als gewöhnlich ; aber fast wünschte er sich , das zu sein , was ihn so in unmittelbare Beziehung zu ihrer Theilnahme brachte , und ohne den Willen dieser kleinen Heuchelei , ließ er sich von ihr , als der Hülfe bedürftig , leiten . - Wie drang sie dann in ihn , als sie ihn für erfrischt und gestärkt hielt , ihr von all ' den Wundern zu erzählen , von denen sie seine Seele erfüllt glaubte ; und wie andächtig , scheu und ehrerbietig behandelte sie ihn - wie festlich und schön ließ sie Alles für ihn bereiten , so froh der Ehre , mit einem Künstler zu leben ! Und Lesüeur war in eine Welt der Ideale getreten , deren Dasein er nicht für möglich gehalten hatte . Was von der Geltung , dem Berufe des Künstlers die Blütenzeit seines Lebens als süßer Traum umgaukelt hatte , und den Raum des Entstehens - den heitern Boden der Phantasie nicht verlassen durfte , um es nicht an der Außenwelt verflüchtigt zu sehn - dies ward ihm hier mit einem Ernste als Erwartetes , Wirkliches , Begehrtes abgefordert , und fand Raum und Existenz unter Umständen , die selbst einem Wunder glichen , aber dennoch Wahrheit waren . Unter dem schuldlosen Betasten dieser Kinderseele fand er die Künstlerseele wieder - ihre Träume und Entwürfe , ihre Absichten und ihr ganzes heiliges Selbstgefühl durfte er wieder erwecken , eingestehen ! Ja , er mußte sich mit dem ganzen Schmucke bekleiden , damit sie ihn erkannte für das , was sie in ihm suchte . Vor ihrem Bilde mit einer Begeisterung malend , wie einst St. Lukas vor der heiligen Jungfrau , fühlte Lesüeur dennoch die Sonne des Lebens immer tiefer sinken ; - aber täglich sagte er sich : » es sei ! Ist diese letzte Zeit meines Lebens doch die Erfüllung des ganzen Vorangegangenen ! Weiß ich doch jetzt , daß die große , heilige Bevorrechtigung , ein Künstler zu sein , kein Gespinnst meines erhitzten Gehirns ist , daß es sich erfüllt findet in Anerkennung und freudigem Festhalten da , wo die Seele der Menschen noch das unschuldige Auffassen behalten hat , das ohne den Conflikt mit der Welt die Wahrheit erkennt . « - Aber wie war Fennimor dagegen erstaunt , daß ein Künstler von Gott hatte abfallen können , wie sie es nannte , und ein wahrer Heide werden , der viele kleine Götter anbetete , die ihn sein Herz in der Welt hatte suchen lassen - - » und natürlich , « sagte sie , » daran zu Grunde geht in Mißmuth und Bitterkeit . - Denn , wie sollten sie Dir treu bleiben , da Du den allein Treuen um sie verlassen hast ? Hättest Du Gott vor Augen gehabt , was hätte Dir Lebrun wohl thun können , als Liebes und Gutes durch seine herrlichen Werke , wie Du selbst von ihm rühmst - und hättest Du die rechte Liebe gehabt , so hättest Du auch den rechten Frieden bekommen ! « Mit protestantischem Ernste griff sie sein mattes , inneres Treiben an , was , leidlich zur Ruhe gesprochen von äußeren Gebräuchen und Hülfsmitteln des katholischen Priesterthums , ihm keine Heilung der Seele geben konnte ; da es ihn fern hielt von strenger Selbstrechenschaft , die , in das Formenwesen von Beichte und Absolution hinüber gezogen , ihn ganz von der Möglichkeit entfernt hatte , auf dem Wege der Religion sich mit der Welt wahrhaft zu versöhnen . » Was kann Dir denn das helfen , wenn ein Mensch Dich absolvirt , « sagte sie eifrig - » weißt Du nicht , daß Keiner ohne Fehl vor Ihm befunden ist ? Warum thust Du nicht nach Gottes Geboten , der eben durch seine Offenbarung in Christo Dir sagt , Du sollst Ihn anbeten im Geiste ; denn er ist ein Geist ! Du bist getödtet durch Deine Priester , die sich zwischen Dich und den Geist Gottes drängen ; denn das Fleisch - das heißt , ihr fleischlich Wort - tödtet ! Der Geist allein macht lebendig ! Siehst Du nun wohl ein , welche Sünde es ist , die Andacht aus den Händen zu geben und träge zuzusehen , was Dir Andere zurecht machen und Dir davon überlassen nach ihrer sündigen , menschlichen Einsicht ? Ja , das sollte uns schon gefallen , wenn es so leicht abgethan wäre ! Wir aber , wir Protestanten , die wir nach der Lehre Christi leben müssen , wie die Evangelien sie lehren , wir wissen , daß es keine andere Rechtfertigung vor Gott giebt , als im Glauben an unsern Heiland , durch den wir alsdann die Kraft empfangen , die Sünde von uns abzuhalten und der Vergebung theilhaft zu werden , die er Allen verheißen , die an seine Versöhnungskraft glauben . Wie kannst Du Dir also weiß machen lassen , ein Priester , der so gottlos ist , sich für den auszugeben , der Gottes Gewalt an Dir erfüllen könnte , also ein Gott selbst sein müßte , könnte Dir sagen : Deine Sünde sei Dir vergeben ! « Dann erzählte sie ihm von Ihrem Vater , wie demüthig er vor Gott gewesen und Alles an ihn verwiesen habe - und von der Scheu vor sich selbst , die allein zu ihm führe . Während dem malte Lesüeur seine Lehrerin - und kaum hatte er einen Entwurf beendigt , so begann er schon den zweiten . Hundert Mal glaubte er sie malen zu können , immer neu , immer sie selbst und das größte Wunder , das ihm vorgekommen . - Dann las sie ihm mit ihrer Engelstimme die Evangelien vor , die er nie gehört , und vor deren heiligem Geiste er den ersten Schauer der Andacht fühlen lernte , der bis dahin seinem Leben fremd geblieben war . Beide führten so ein lebhaft angeregtes Leben ; - in Fennimor aber tauchte eine Ahnung der verderbten Welt auf , die ihr bis dahin fremd geblieben war , und sie mußte viel nachdenken ; denn sie wollte das , was sie nicht mehr läugnen konnte , doch gern in Ordnung bringen , um Gottes Welt zu retten , wie sie dachte , damit auch das Böse seinen Platz bekäme zu irgend einem guten Zwecke , da dies doch nothwendig sein müsse , wenn man auch zuerst so sehr darüber erschrecke und erstaune . Oft nahm sie Lesüeur in Rath , der seine längst verloren gegangene und vergessene Unschuldsseele mit heißer Sehnsucht um ihretwillen wieder suchte ; und wenn er hörte , wie scharfsichtig , wie tief denkend das Kind bloß aus Liebe zu Gott sich bestrebte , die Angelegenheiten der Erde zu ordnen und zu erklären - hätte er sie zum lauten Predigen in der Wüste des Lebens auffordern mögen . Denn Offenbarungen des Höchsten schienen ihm ihre Worte , und hätte er nicht ihren strengen , aufrichtigen Tadel gefürchtet , auf seinen Knieen hätte er ihr zuhören mögen . - Dagegen dachte Fennimor , wie herrlich ihr Leonin sein müsse , von der bösen Welt umgeben , die er ertrüge um Gottes Willen , und um die schöne heilige Welt , der er zugehörte , dort zu zeigen und zu schützen vor der fremden . » Aber mir wäre es lieber , « dachte sie , » ich bliebe daraus weg , und mit Leonin käme die schöne edle Mutter , der liebe alte Vater und Louise hieher zu uns ; denn wir sollen doch keine Versuchung aufsuchen - also , was thun sie dort , wenn sie es hier besser haben können . Die hat auch Gott nicht zum Streite dorthin berufen , denen er zwei Stellen auf Erden gegeben , wo die eine ihm so viel näher ist ! Nur , wenn Leonin es will , daß ich ihm folge , darf ich hier fort - freiwillig muß ich nicht gehen - dann aber ist es wieder Gottes Gebot , weil Leonin mein Mann ist ! « Wie erstaunte Lesüeur über die sichere Berechtigung , die sie zu ihren Verhältnissen fühlte , da er der untrüglichsten Ueberzeugung war , wie keines der Rechte , die sie ruhig zu besitzen glaubte , in der Welt eine Geltung haben würde , welche sie mit Recht zu berühren fürchtete . » Gott , « rief er oft , wenn er allein war , die Hände ringend - » wenn Leonin sie auch verließe , wenn sie auch an ihm den Anhalt verlöre und den Glauben - wie nur zu gewiß die Eltern gar nicht für sie existiren ! « Auf diesem Wege fand sich nach und nach eine natürliche Annäherung zwischen ihm und Emmy Gray . Beide hofften Manches von einander zu erfahren , und die Sorge um Fennimor erhob dies gegenseitige Forschen zu etwas Edlerem , als Neugierde . Emmy Gray lockte bald aus Lesüeur heraus , was ihre argwöhnische Seele schon voraussetzte , und was ihm unter so entgegenkommenden Fragen unmöglich ward , zu verbergen . Von da an hielt sie den Abgott ihres Herzens für verloren , und der Welt nur noch bitterer grollend , schien sie sich bald der einzige sichere Anhaltspunkt für Fennimor . Sie erfaßte diese Ueberzeugung mit einer Energie und einer Belebung ihres Geistes , die ihrer besonderen Befähigung trotz des Mangels der Bildung zuzurechnen war ; und wenn ihre Gemüthsart nur finster und herrschsüchtig sein konnte , trat sie doch , von