, von geheimnißvollem Dunkel umgeben , auf den schmalen , zwischen Abgründen hinlaufenden Pfad hinausgestoßen werden ! rathlos ! verlassen ! ohne eine leitende Hand , die mir zum Führer dienen konnte ! seufzte Richard . Dieses Warum kann mit sehr wenigen Worten Dir gelöst werden ; erwiederte der Fürst : Dir ward kein Führer beigesellt , weil Du auf dem Platze , an welchen Du gestellt worden warst , keinen bedurftest . Hast Du denn unsre Abschiedsstunde , vor Antritt Deiner Reise mit dem nervenkranken Schwärmer Iwan , so gänzlich vergessen ? und wie zutraulich ich damals mein ganzes Herz , alle meine Gedanken Dir offenbarte ? Erinnerst Du Dich nicht mehr Deines Versprechens : es komme was da wolle , mir unbedingten Glauben zu schenken ? Hättest Du Dir an dem Vertrauen genügen lassen , das ich Dir bewiesen ; wäre es nie Dir eingefallen , da selbstthätig eingreifen zu wollen , wo Du doch offenbar die Verknüpfung des Ganzen nicht überschauen konntest , ja freilich , dann stände Alles um uns her anders ! Der Mensch im Allgemeinen ist bestimmt , entweder Ambos oder Hammer zu sein , sagt ein berühmter deutscher Poet ; fuhr der Fürst fort : Du wardst zum Ambos geschaffen , Du meintest Dich geeigneter Hammer zu sein , und nun liegen die Folgen dieses stolzen Wahns , zu Deinem eigenen Entsetzen , in Trümmern um Dich her ! Richard erröthete ; es ward ihm schwer das zornige Gefühl zu unterdrücken , das bei dieser letzten Äußerung des Fürsten in ihm aufloderte ; doch behielt er sich genugsam in seiner Gewalt , um weder sich selbst zu viel zu vergeben , noch die dem edlen Greise schuldige Ehrfurcht zu verletzen , dem er so unendlich viel zu verdanken hatte . Hammer wollte ich nie sein , denn ich fühle zum Zertrümmern mich nicht geeignet ; doch wahrlich auch nicht der geduldige Ambos , der schwerfällige Klotz , auf welchem Jeder nach eigenem Gutdünken herumhämmern darf ; erwiederte er bescheiden , aber fest und bestimmt . Nur Ihr Unwille kann für den Augenblick mich so erniedrigen wollen ; all mein Hoffen , das ganze Glück meines Lebens geht an ihm zu Grunde ; wie ich es in Zukunft tragen werde , weiß ich nicht , wohl aber daß ich Ihrer Verachtung rettungslos erliegen müßte . Mein Fürst , fuhr er in steigender Bewegung fort : Sie , der Sie im niedrigsten Leibeigenen das Gefühl seines Menschenrechtes anerkennen , können Sie mir , dem Unglücklichen , den Sie einst Ihren Söhnen gleich stellten , es verargen , daß er zum blinden Werkzeuge sich nicht erniedrigen lassen konnte ? Mein Gleichniß hinkt , ich merke es wohl ; doch das ist nun einmal so in der Regel , mag es darum sein ! erwiederte der Fürst leicht hingeworfen , mit scheinbarer Gleichgültigkeit . Doch jetzt sprich ohne Scheu es aus , was Du etwa noch auf dem Herzen haben kannst . Ich möchte diese letzte Gelegenheit dazu , die sobald Dir nicht wiederkehren wird , Dir nicht verkümmern ; setzte er nach einigem Schweigen hinzu , während welches er Richard betrachtete , als wolle er die geheimsten Gedanken seiner Seele durchschauen . Durch Mitchell veranlaßt , entdeckte mir ein Zufall die Gefahr , welche dem Geheimnisse des Bundes drohte ; fing Richard an . Und Du meinst daß ich , ja daß selbst Pestel , sie nicht weit früher erkannt haben sollten , als Du und Dein weiser Landsmann ? fiel der Fürst ihm lebhaft ein . Richard erbleichte vor Schrecken . O hätte ich dies ahnen können ! rief er : hätten Sie damals , als ich , wahrscheinlich im Vorgefühle dessen , was jetzt geschehn , so ängstlich strebte - - Nach gewünschter Gelegenheit all Deine Zweifel , Deine Besorgnisse , zum - ich weiß nicht wie vielsten Male vor mir auszuschütten ? fiel Fürst Andreas abermals ihm ein . Ohne die Wahrheit im mindesten zu verletzen , könnte ich , bei dem seit Mitchells Hiersein besonders sich häufenden Andrange von Geschäften , den wirklichen Mangel an Zeit als erstes Hinderniß angeben , daneben aber auch , ganz unter uns , die heimliche Furcht vor dem Ennui , dem dabei nicht entgehen zu können , ich voraussah . Doch die ganze Sache ist für uns Beide zu ernst geworden , als daß ich nur den Anschein eines frivolen Scherzes darüber mir erlauben sollte . Da ich indessen von Allem was Dich angeht zu genau unterrichtet bin , um von Dir etwas Neues erfahren zu können , so höre lieber meine Bekenntnisse an : Stets ging ich darauf aus meine Menschenkenntniß zu erweitern , und machte mir daher , von Eurer frühesten Kindheit an , sowohl Deinen , als meiner eigenen Söhne Charakter zum Gegenstande aufmerksamster Beobachtung . Dein ahnungsvolles Wesen , Dein zu weiches , leicht zu verletzendes Gemüth , zeichneten vor allen Deinen Jugendgenossen sehr merklich Dich aus ; daher faßte ich , als Du völlig erwachsen warst , aus wahrhaft väterlicher Fürsorge für Deine künftige Ruhe , den festen Entschluß , von jenem Geheimnisse , auf welches ich damals noch meine kühnsten Hoffnungen gründete , Dich stets fern zu halten , und Deine Aufnahme in den Bund , so eifrig Dein Freund Eugen sie auch betreiben mochte , standhaft zu verhindern . Der Zufall wollte es anders ; wider meinen Willen machte er Dich zum Augenzeugen dessen , was ich Dir ewig verbergen wollte ; und um aus dringender , sehr großer Gefahr Dich zu retten , blieb mir nichts andres übrig , als zu dem einzigen Mittel zu greifen , das mir noch zu Gebote stand . Mein Beschützer , mein Wohlthäter , mein Vater , habe ich denn andres gewollt als dieses ? rief Richard gerührt bis zu Thränen : war denn , was ich mit dem beabsichtigte was ich gewagt , nicht ganz das Nämliche was Sie gewollt ? War nicht bei gänzlichem Vergessen meiner selbst mein einziger Zweck , Sie und die Ihrigen , Kaiser und Vaterland , vor schmähligem Untergange zu bewahren ? Der Fürst blickte düster vor sich nieder , schwere Wolken des Unmuths zogen auf seiner Stirne sich zusammen . Nie sollte der Mensch unternehmen , in den Lebensgang eines Andern einzugreifen , oder auch nur unberufen ihn bevormunden zu wollen , und in dieser Hinsicht haben , genau genommen , vielleicht wir alle Beide gefehlt ; sprach er sehr ernst und trübe vor sich hin . Doch aber will mir bedünken , als ob wir in diesem einzelnen Falle nicht auf ganz gleichem Boden einander gegenüber gestanden wären ; setzte er bitter lächelnd , fast höhnisch hinzu : ein geringer zwischen uns bestehender Unterschied läßt sich doch nicht ganz abläugnen , etwa wie der zwischen Vater und Sohn . Und so hätte ich denn damals mich doch nicht als ganz unberufener Vormund Dir aufgedrängt . O hätten Sie nie , nie Ihre väterliche Hand von mir abgezogen ! hätten nie meiner eigenen Leitung mich überlassen ! seufzte Richard . Im Gegentheil , nachdem Du gewissermaßen als mündig Dich emancipirt hattest , hätte ich meine Vormundschaft aufgeben , und gegen Dich vorsichtigere Maaßregeln in Anwendung bringen sollen , um Deinem Einmischen zur unrechten Zeit Schranken zu setzen , erwiederte Fürst Andreas mit sichtbar steigendem Unmuthe . Daß ich dieses versäumte , ist ein Fehlgriff von meiner Seite ; ein weit größerer aber ist es noch , daß ich so fest auf Dein mir gegebenes Wort mich verließ , als ob es mein eigenes gewesen wäre , auf Dein Versprechen , im Glauben an mich nicht zu wanken , mir unbedingt zu vertrauen . Ich sagte Dir , der Bund sei aufgelöst , er war es damals , und wäre für Dich es immer geblieben . Sogar mein Nichtbeachten Deiner Besorgnisse , mein Vermeiden Dich anzuhören , mußte , wenn Du mir recht vertrautest , in diesem Glauben Dich bestärken . Wie wäre , bei den Beweisen vom Gegentheile , die von allen Seiten sich mir aufdrängten , dieses möglich gewesen ! rief Richard : und als ich nun vollends mit eigenen Augen sehen , mit eigenen Ohren hören mußte - Was ich lange vor Dir gesehen und gehört hatte ; oder meinst Du wirklich , ich wäre etwa taub und blind geworden ? fuhr der Fürst , seinen Vorsatz , sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen , vergessend , sehr heftig auf . Voreiliger Thor ! rief er , wie kannst Du wissen , ob ich nicht noch vor der Stunde , in welcher Du auf Deinen irrenden Ritterzug auszogst , auf dem Wege nach Tangarog mich befand , und ob nicht der mich einholende Courier des Ministers mir Depeschen überbrachte , die zur Rückkehr nach Petersburg mich nöthigten , während jener auf seiner Sendung zum Kaiser nach Tangarog vorwärts eilte ? Des Fürsten Augen sprühten Feuer , flammende Röthe überzog sein Gesicht ; seine Haltung , seine hohe kräftige Gestalt gewannen den furchtbarsten Ausdruck höchster Entrüstung : Ich war Stifter des Bundes , rief er , und schlug mit geballter Faust auf seine Brust , daß es hohl wiederhallte : und ich , ich allein war berechtigt , ihn in seiner Entartung zu vernichten ; ich besaß die Kraft , den Muth , den Willen dazu . Eitler , Schwachsinniger , der Du Dich berufen , der Du Dich fähig wähntest , die Entscheidung des Schicksals unsers großen Monarchen und seines unabsehbar großen Reichs , mit all den Millionen Seelen , auf Deine schwachen Schultern zu laden ! Richards Blut wallte heiß auf , vor Zorn , und zugleich vor innerer tiefer Reue ; er fühlte ganz das Unhaltbare , Unzusammenhängende in dem was der Fürst , von wilder Leidenschaftlichkeit getrieben , zu seiner eigenen Vertheidigung , und zu Richards Anklage vorbrachte , und war doch außer Stande ihn deutlich und völlig zu widerlegen . Die noch immer fest auf ihn gerichteten Augen seines ehemaligen Wohlthäters brannten ihn wie glühende Kohlen . Daß ohne seine Einmischung alles vollbracht , vom Fürsten selbst vollbracht worden wäre , drückte bis zur Vernichtung ihn nieder . Hätte jetzt der Boden unter seinen Füßen sich geöffnet , und in den Mittelpunkt der Erde ihn geschleudert , in diesem Augenblicke wäre es ihm die höchste Wohlthat gewesen . Unhörbar leise schwebte jetzt Helena herbei ; sie stand gleich dem Engel des Friedens zwischen den Beiden , und schlug das dunkle , schmerzumwölkte Auge zu ihrem Vater auf . Ihr Anblick wirkte mit magischer Gewalt . Völlig umgewandelt in Ton und Stimmung , schloß er sie in seine Arme und berührte die schöne bleiche Stirn mit seinen Lippen . Du Beklagenswertheste unter uns , seufzte er leise vor sich hin , wie war es möglich , daß ich Deine Gegenwart vergessen konnte ! Sterbenden würde in der letzten Stunde Alles erlaubt , sagte man mir . Sterben , Scheiden , ist es nicht das nämliche , nur mit anderm Namen benannt ? flüsterte sie bittend , an die Brust des Vaters gelehnt . Sie hatte sich ausgeweint . Er entließ sie sanft aus seinen sie umschlingenden Armen , und sie stand jetzt vor ihm , das schönste , rührendste Bild der schwersten Aufgabe ihres Geschlechts , das Bild muthig duldender Ergebung . Arme Seele ! diese letzte , bängste , - ich mag in Verbindung mit Dir ihren Namen nicht nennen , - von mir bleibe sie Dir unverkümmert . Doch trage sie , wie es meiner Tochter ziemt ; erwiederte der Vater mit bedrückter , vor innerer Rührung bebender Stimme , und wandte sich dann an Richard . Unser beider Wirkungskreis geht von heute an weit auseinander ; nimm auf der neuen Bahn , die Du Dir selbst gewählt hast , die Versicherung mit , daß ich keinen Groll gegen Dich hege , und mögest Du mit nicht weniger Gelingen auf ihr fortschreiten , als Du auf der gethan , auf welcher ich bei Deinem Eintritte in die Welt Dich gestellt hatte ; sprach er mit würdigem Ernst . Suche die überschwängliche Gnade unsers großen Kaisers , die er Dir bezeigt , durch treuen Dienst zu verdienen ; fuhr er nach kurzem Schweigen fort , da er sah , daß Richard keine Sylbe ihm zu erwiedern vermochte . Hüte Dich vor dünkelhafter Übereilung , laß durch zu hoch gespannten Wahn Dich nie wieder verleiten , die Schranken übersteigen zu wollen , welche Natur und Verhältnisse um Dich gezogen ; das ist der letzte wohlgemeinte väterliche Rath , den Du von mir erhalten wirst . Die Blüthe des Lebens ist mit dem heutigen Tage Dir abgeblüht , Dir bleibt nur Erinnerung an ihre Herrlichkeit , mögest Du auch von dieser Dich losmachen können , damit sie auf Deinem neuen Lebenspfade Dir nicht zur lästigsten Begleiterin werde . Dies sei mein Abschiedssegen , und nun fahre wohl ! Der Fürst zog in das Innere seiner Zimmer sich zurück , und lautlos sah Richard ihm nach . Hast Du ' s vernommen ? es ist wie er sagt , diese Stunde ist die Scheidestunde , die Todesstunde unsres Glücks ; sie ist so kurz und doch hätte ich so vieles Dir noch zu sagen , mein Herz ist so voll , aber ich finde keine Worte , keine Ordnung in meinen Gedanken , mir ist so dumpf zu Sinn ! klagte Helena , und drückte , wie vom Schwindel ergriffen , beide flachen Hände gegen die Stirn . Und warum wäre es so ? warum scheiden ? rief Richard von der Gewalt des Augenblicks ergriffen , und hielt die in seine Arme hinsinkende leidenschaftlich fest an seine Brust . Helena , Geliebteste ! Du Stern meines Lebens , Du Licht meiner Augen , sieh wie der Weg zum Gipfel unsrer Wünsche im hellsten Sonnenscheine dicht vor uns liegt . Ein einziges hohles Hirngespinnst spreitzt an seinem Eingange sich uns entgegen . Habe den Muth es näher zu betrachten , und es wird vor Deinen Augen verschwinden ! flehte er mit bebender Stimme , glühend zitternd . Richard , ich verstehe nicht wie Du es meinst , ich kann nichts denken , nichts fassen , der Schmerz betäubt mich ; habe Geduld , ich hoffe ich werde mich wieder finden : erwiederte Helena . Was sollte , was könnte uns scheiden , was jetzt ? hat sich nicht Alles auf ' s Günstigste gestaltet ? Laß uns nur vorurtheilsfrei die Dinge sehen wie sie sind : fuhr Richard mit glühendem Eifer fort , wende Dein liebes Auge mir zu , holder , schöner Engel , sei aufrichtig gegen Dich selbst . Seh ' ich aus wie ein Verbrecher ? wie ein Frevler an allem , was dem Menschen heilig sein soll und muß ? Kannst Du , konntest Du jemals glauben , konnte in Deinem reinen Gemüthe der Argwohn jemals Wurzel fassen , daß ich , daß der Mann den Du Deiner Liebe werth gehalten , seine Seele , seine Ehre für Rang und Reichthum , ja selbst für das Höchste , für Deinen Besitz , verkaufen könnte ? Daß Meineid , daß Verrath , fuhr er immer begeisterter fort - nie , nie , nie , unterbrach ihn Helena , und hob die Hände bittend zu ihm auf , o lästre so nicht Dich und mich ! Ich wußte es wohl ; mochte immerhin der Anschein gegen mich zeugen , Du glaubtest an mich , Dich täuschte er nicht : fuhr Richard fort : auch Deinen Vater nicht , höchstens nur in der Überraschung des ersten Augenblicks . Was trennt uns dann ? ein Traum , ein kurzer Wahn , der vor dem Lichte der Wahrheit schwinden muß . Helena , o höre die Stimme der Natur ! die Stimme der reinsten innigsten Liebe ! höre , o höre die Stimme Deines Herzens . Richard , was verlangst Du ? ich verstehe Dich nicht ; Dein Auge flammt , Deine Lippen brennen auf meiner Hand , Du ängstigst mich , was willst Du , wie ist Dir ! sprach Helena . Rettung will ich ! Rettung für Dich , für mich , für Deinen Vater ; er wird es uns heimlich danken , wenn wir zu dem Schritte ihn zwingen , den er freiwillig zu thun sich nie entschließen kann und wird . Helena , Du einziger Stern meines Hoffens , meines Lebens , sei mein ! Die Stimme der Gottheit , die unser Schicksal lenkt , spricht aus mir . Unvorbereitet giebt sie mir ein , was , als ich hier eintrat , mir nie als möglich erschienen wäre . Fliehe mit mir , noch in dieser Nacht , die Zeit drängt , morgen ist es viel zu spät , morgen , morgen ist furchtbar ! Du darfst hier nicht wieder die Sonne aufgehen sehen , oder Du bist mir entrissen . Auf immer und ewig sind wir morgen getrennt . Flehend warf Richard sich vor sie hin , umfaßte ihre Kniee , ihre Hände , den Saum ihres Kleides , den Teppich den ihr Fuß berührte , erschöpfte alle Beredsamkeit , welche die glühendste Liebe nur eingeben kann . Helena bebte , erglühte , erbleichte , und sank in Schmerz und Liebe aufgelöst ihm an das Herz . Seines Sieges gewiß , hielt er sie in seinen Armen , vor Wonne kaum seiner selbst sich bewußt . Helena ruhte einige Minuten in dieser Stellung , ohne einen Laut , fast ohne zu athmen , still wie ein schlummerndes Kind ; ihr Leben schien in sich zurückgezogen , ihr Herzschlag stille zu stehn , um auszuruhen und neue Kräfte zu sammeln ; Richards Blicke wachten über sie : er selbst regte sich nicht . Sie schlug die Augen auf , sie löste sich sanft aus seinem Arme und richtete sich empor ; sie sah umher , wie aus einem Traume erwachend , und war wieder was sie immer gewesen , war wieder sie selbst , muthig , liebend und klar . Richard , sprach sie , zuerst mit unsichrer , bebender Stimme , dann immer gefaßter , je länger sie sprach : Richard , seit das Unglück über uns hereinbrach , ach seit jenem sonnenhellen Morgen in meinem Oratorium , weißt Du es noch wohl ? seitdem sehen wir uns zum erstenmal wieder . Ich habe so viel Dir zu sagen , und so wenig Zeit , so wenig Athem , so wenig Besinnung , habe Geduld , und höre mich an . Damals wußte ich nicht was aus Dir geworden sei , jetzt weiß ich es wohl , Du wurdest festgehalten , damit mein Vater nicht selbst nach Tangarog - doch das ist vorbei , und gehört nicht mehr hierher . Ach , mein Freund , ich gab Dich damals verloren , verloren für Alles , nur nicht für mich , nicht für meine Liebe , wenn es Gott nur gefiele , das Leben Dir zu fristen . Sprich nicht , rege Dich nicht , höre mich bis an ' s Ende : bat sie als Richard sie unterbrechen wollte . Ich wähnte als Verschworner Dich angeklagt , verhaftet , verurtheilt , die Leute um mich her sagten es so , ich glaubte ihnen . O Richard , Geliebter , Einziger , welch ein Traum schmerzlicher und reinster Seligkeit tröstete , erfüllte damals mich ganz und hielt mich aufrecht , mich allein , während alles um mich her in Trauer versank ! Du warst verurtheilt , nach Sibirien verbannt , die Kibitka , so glaubte ich es , die Wache , die Dich fortführen sollte , alles war bereit , aber auch ich war es . Vor aller Welt , vor meinem Vater , meiner Mutter , vor all ' meinen stolzen Anverwandten bekannte ich mich als Dein , als die unzertrennliche Gefährtin Deines Geschicks . Ich begleitete Dich , ich diente Dir , ich pflegte Dich , sorgte für Dich , und theilte mit Dir jede Entbehrung , Mangel und Noth . Ich wäre ja nicht das erste Fürstenkind ; hat Mentzikoffs stolze schöne Tochter , sie , einst als kaiserliche Braut dem Throne so nah , nicht Gleiches für ihren Vater erduldet und vollbracht ? Nichts sollte mich hindern meinen festen Vorsatz auszuführen , nicht das Urtheil der Welt , auch nicht das Gebot meines Vaters . Bis zu meinem letzten Athemzuge hätte ich der Gewalt widerstanden , hätte Mittel gefunden Dir zu folgen , wenn man mich hinderte Dich zu begleiten . Dein Unglück gab meiner Liebe den Freibrief alles zu thun , alles zu wagen für Dich ! Welch ein Bild rollst Du vor meinen Augen auf , wie weiß Deine Liebe selbst das Fürchterliche mit unnennbarem Liebreiz auszuschmücken , o wäre es , wie Du es malst ! seufzte Richard . Es ist anders , ganz anders gekommen . Ich weiß Du fühlst wie ich , ein mit Schande beflecktes , von der öffentlichen Meinung gebrandmarktes Glück - wer trüge das ? Von Tausenden gehaßt , verachtet , des Meineids angeklagt , Tausende die unser Glück auf den Trümmern des ihrigen erbaut wähnen - - Du trügst es so wenig als ich ! Dein Traum zerrinnt , meiner ist längst zerronnen ! Richard hatte keine Antwort ! jedes Hoffen auf die Zukunft , jedes glückliche Gefühl in seiner Brust erstarb vor der ihn überwältigenden Wahrheit , die furchtbar , gleich dem jedes warme Leben versteinernden Haupte der Medusa , ihm entgegen starrte . Fahre wohl ! fahre wohl ! o fahre wohl : seufzte Helena , immer leiser und leiser , das Wort erstarb auf ihren Lippen , entgeistert hing sie in Richards Armen , über sie hingebeugt unterstützte er sie , starr , bleich , regungslos wie ein Todter . Von ihm unbemerkt war Helenas Vater hinter ihn getreten ; sie zuckte schmerzlich , aber still , indem er sanft und mit höchster Vorsicht aus Richards Umarmung sie löste . Gott tröste Dich , und gebe Dir Muth , mein Sohn : sprach der Fürst sehr mild , und eine Thräne glänzte in seinem Auge , indem er die leichte , geliebte Last auf seinen Armen in sein Zimmer trug . Wunden wie die , welche das Leben dem armen Richard geschlagen , heilt erst nach dem Verlaufe vieler langen Jahre die Zeit ; wenn unser Haar bleicht , das Blut in unsern Adern langsamer pulsirt , und unser Wünschen und Hoffen über diese Erde hinweg in andern höheren Regionen sicheren Ankergrund suchet und findet . Einige Monate reichen bei weitem nicht hin , ein solches Wunder zu bewirken , aber sie beschwichtigen wenigstens den Schmerz durch den Zauber der Gewöhnung . Wenn uns alles Hoffen verläßt , wenn uns jeder Tag fester überzeugt , daß nun und nimmermehr eine Änderung unsres Zustandes eintreten kann , dann hören die Wunden auf zu bluten , die Klage verstummt , in verschwiegner Einsamkeit wird der Schmerz unser stiller Begleiter , den wir mit einer Art peinlicher Wollust pflegen , und der Zerstörung gelassen zusehen , die unser irdisches Dasein untergräbt . Doch dahin war Richard noch bei weitem nicht gelangt , obgleich es dem Laufe der Zeit gemäß wohl der Fall hätte sein können . Mehrere Monate hatte er seit jener Trennung von dem Leben seines Lebens still und trübe hingebracht , und immer noch erneuerten unter seinen Augen sich die Folgen seiner That , und frischten Erinnerungen in ihm auf , die seine Ruhe untergruben . Kaiser Alexanders stets zur Milde und Nachsicht sich neigendes Gemüth fühlte durch das frevelhafte Unternehmen seiner Unterthanen sich sehr tief und schmerzlich verletzt . Mehr betrübt als entrüstet , schämte sein hoher edler Sinn sich gewissermaßen des schwarzen Undanks , der , wo er es am wenigsten erwartet hatte , in so gräßlicher Gestalt ihm entgegen trat , und wünschte nichts sehnlicher , als diese traurige Erfahrung der ganzen übrigen Welt verbergen zu können . Er mußte leider strafen ; der damals schon körperlich leidende Monarch that es mit innerm Widerstreben , stets zum Verzeihen geneigt . Nur wenige bedeutende Familien befanden sich im ganzen Lande , die nicht wenigstens ein schuldiges Mitglied zu betrauern gehabt hätten . Doch die Kunde davon ward der Öffentlichkeit so viel als möglich entzogen , und um die schuldlosen Verwandten der Schuldigen zu schonen , wurde sowohl von den Vergehungen derselben , als von der darauf erfolgenden Strafe , so wenig als möglich im Publikum , besonders aber im Auslande ruchbar . So geschah es denn , daß die Hydra Empörung für den Augenblick zwar unterdrückt , doch bei weitem nicht ausgerottet wurde . Einige Monate später hob sie die giftgeschwollenen Häupter wieder , und jetzt erst traf sie der Arm der strafenden Gerechtigkeit mit vernichtender Strenge ; doch diese Ereignisse liegen weit hinaus über dem Ziele , das ich diesen Blättern gesetzt habe , welche auf historische Bedeutung keinen Anspruch machen . Den großen Schmerz abgerechnet , für den dieses Leben keinen Trost ihm zu bieten hatte , wurde Richards wundes Gemüth auch auf andre Weise vielfach verletzt . Schmeichler , die ihren Vortheil darin zu finden hofften , erhoben was er gethan bis in die Wolken , priesen als Retter des Vaterlandes ihn überlaut , und versuchten das Mögliche und Unmögliche , ihm recht bemerkbar zu werden . Sie meinten eine jener über Nacht pilzartig aufschießenden Erscheinungen in ihm zu sehen , wie jede an bedeutenden Ereignissen reiche Zeit sie erzeugt ; einen werdenden , dereinst vielleicht allmächtigen Günstling des mit so ausgezeichneter Gnade und Huld ihn überhäufenden Kaisers , den sie in der Folge für sich zu benutzen hoffen durften ; denn dem Gemeinen wird Alles gemein . Der Haß , der still verbissene Neid , und , so ungern er dieses sich selbst gestand , die kaum zu verhehlende Verachtung , mit welcher die große Anzahl derer ihn betrachtete , welche am meisten durch ihn gelitten , und die jetzt durchaus keine andre Triebfeder seiner That anerkennen wollten , als schmutzigen Eigennutz und den Wunsch , um jeden Preis sich empor zu schwingen , war ihm nicht minder peinigend , als die ihn anekelnde Kriecherei jener Elenden . Am drückendsten aber empfand er die Kälte , die überall ihm entgegen starrte , wo man sonst mit unverkennbarer Herzlichkeit sich ihm zu nähern pflegte . Es war als ob ein heimliches Grauen von ihm ausginge , das selbst diejenigen von ihm scheuchte , von denen er überzeugt sein konnte , daß sie ihm eigentlich nicht abgeneigt wären . Wo er auch immer sich zeigen mochte , er konnte darauf rechnen , mit einer Art förmlicher Höflichkeit behandelt zu werden , die ihn oft innerlich zur Verzweiflung brachte , doch artete diese nie in Hohn aus . Niemand erlaubte sich in seiner Gegenwart eine Anspielung , ein Wort , eine Miene , die ihn hätte beleidigen können . Alle Offiziere , mit denen er im Dienste in Berührung kam , bezeigten ihm die nicht nur seinem Range , sondern auch seiner Persönlichkeit gebührende Achtung , die mancher von ihnen auch wohl wirklich für ihn empfand . Keiner von denen , die bei seiner Erhebung übergangen worden waren , erlaubte sich die mindeste Äußerung darüber , die ihm hätte mißfallen können ; doch Alle hüteten sich dafür ihm näher zu treten , als gerade erforderlich war , und an ein kameradliches Verhältniß , wie es früher wohl Statt gehabt hatte , war für Richard gar nicht mehr zu denken . Sogar das Haus des Kapellmeisters Lange , das einzige , in welchem er alte Liebe und Treue und einen warm ihm entgegen kommenden Empfang zu finden gewiß war , wurde durch Frau Karolinens zu große Theilnahme an seiner Trennung von Helena , die sie weder begreiflich noch verzeihlich fand , ihm gewissermaßen verleidet . Mitten im Gewühle eines geräuschvollen Lebens , das jedes Interesse für ihn verloren hatte , von Keinem geradezu angegriffen , von Vielen gefürchtet , von Allen gemieden , kam er sich selbst wie ein abgeschiedener Geist vor , der verurtheilt war , zum Schrecken der Lebenden eine Zeit lang die Welt zu durchwandern , ehe ihm erlaubt wurde zur Grabesruhe einzugehen . Sehnsucht nach menschenfernster , stillster Einsamkeit bemächtigte sich seiner mit immer zunehmender , verzehrender Allgewalt , bis er endlich zu dem Entschlusse getrieben wurde , zur Herstellung seiner wirklich leidenden Gesundheit um seinen Abschied vom Regimente anzuhalten . Was er , bekannt mit den Schwierigkeiten , welche in Rußland die Gewährung solcher Bitten begleiten , kaum zu hoffen gewagt hatte , geschah ; auf Fürsprache des Ministers erhielt er seine Entlassung , und auf die schmeichelhafteste , ehrenvollste Weise . Da lag nun die Welt , die außerhalb dem russischen Reiche ihm völlig unbekannte , offen vor ihm da ; doch fühlte er sich nicht versucht , sie näher kennen zu lernen . Der Gedanke , in die Verhältnisse zurückzukehren , zu denen er in seinem eigentlichen Vaterlande geboren worden war , fand keinen Anklang in ihm . Rußland war sein , war Helenens Vaterland ; dort lebte sie , wenn gleich in weiter Ferne von ihm , und diesen letzten , kleinsten Trost aufzugeben , konnte er sich nimmer entschließen . Bei der vollkommensten Gleichgültigkeit gegen alles , was im gewöhnlichen Leben zu den Annehmlichkeiten desselben gezählt wird , trieb ihn eine Art von dumpfem Pflichtgefühle das weit entlegene Fleckchen Erde zuerst aufzusuchen , das er durch des Kaisers Gnade sein Eigenthum nennen durfte . Dort wollte er , mitten unter seinen Bauern , sich niederlassen , nach dem Beispiele und den Lehren des Fürsten Andreas für ihre geistige Bildung und die Verbesserung ihres Zustandes Sorge tragen , und in selbst gewählter , tiefer Einsamkeit sein hoffentlich kurzes Leben so beschließen . Bei seiner Ankunft in jenem abgelegenen Winkel der Erde , breitete ein viel weiteres Feld für seine wohlthätigen Absichten sich vor ihm aus , als er zu finden erwartete . Er hatte den besten Willen mit den , von allen Seiten