sein Frühstück zu genießen . Der törichte Franke lief jetzt durch die Stube indem er einen schönen jungen Mann an der Hand herzuführte , in dessen frommer Miene und stillem Wesen Leonhard jenen Lamprecht , den ihm der Unkluge geschildert hatte , zu erkennen vermeinte . Sie begrüßten sich gegenseitig und verabredeten mittags an der Wirtstafel sich wiederzufinden . Leonhard eilte in die Sebaldkirche , und die vollen Orgeltöne begrüßten ihn . Durch die gemalten , bunten Fenster schien die Sonne , und brach den scharfen Strahl in den schimmernden hellen und lieblichen Farben . Als wenn durchsichtige leuchtende Decken in Farbenpracht vom hohen Gewölbe niederhingen , so harmonisch verbanden sich die schönen Fenster mit dem ehrwürdigen schattenreichen Gebäude , das sie sanft erhellten . Die Kanzel , Sebalds schönes Grabmal , die merkwürdigen Bilder sah er jetzt nur aus der Ferne , um den Gottesdienst nicht zu stören . Auf die Predigt konnte er nicht eben achten , denn seine Träume übertönten das lehrende Wort des gutmeinenden Priesters . Er entfernte sich wieder still , um auch die schöne Lorenzkirche in dieser Stimmung zu besuchen , deren leichtere Bauart und schlankere Säulen fast fröhlich gegen des Sebaldus-Doms ernsteren Charakter abstechen . Er ließ seinen Genius gewähren , der heut in seinem Innern waltete , und den Vorhang vom Allerheiligsten zurückschlug . Wer diese Tempel-Empfindung niemals gefühlt und erlebt hat , der wird es schwerlich begreifen , daß Leonhard sich in einen Winkel verbarg , um seine Tränen unbemerkt strömen zu lassen . Als er sich an diesem wollüstigen Weinen ersättiget hatte , wandelte er wieder bei sonntäglicher Stille durch die herrliche Stadt , Wieder erfreute er sich , wie vor Jahren , der Blicke auf den Brücken über das Wasser hin , und die wundersamen hölzernen Galerien , die , geschnitzt , bemalt , häusliche Arbeiter zeigten , oder spielende Kinder , oder sinnende Menschen , die sich über das Geländer lehnten . Er trauerte über jede Veränderung , die er wahrnahm , und die die Einwohner wohl eine Verbesserung nennen mochten . Viele der wunderlichen Gemälde hatte man ausgelöscht ; so die Riesen in der Nähe des roten Rosses , welche Otnit , Hildebrand , Dietrich von Bern und andere Helden der alten deutschen Gedichte vorstellen sollten . Viele Häuser waren mit jenem aufgeklärten Weiß oder Hellgelb überzogen , an welchen vormals Engel und schwebende Marien prangten ; manche neue Gebäude zierten sich mit jenem negativen Stil der neueren Architektur , und nahmen sich in Leonhards Augen neben den echten alten Bürgerhäusern nur widerwärtig aus . So , geteilt in Zorn und Freude , kehrte er in seinen Gasthof zurück . Aber welch unangenehmes Gefühl überraschte und störte ihn , als ihm aus dem Eßzimmer ein rohes Geschrei entgegentönte , und er in der Ferne die fratzenhafte Figur jenes Wassermann unterschied , der ihm schon auf der Reise damals so verletzend entgegengetreten war . Er konnte es nicht über sich gewinnen , sich an derselben Tafel niederzulassen , weil ihm der Gedanke unerträglich war , von dem widerwärtigen Menschen wohl gar wiedererkannt zu werden . Er ließ sich also von dem willigen Kellner seine Speisen in das Nebenzimmer bringen , wo er , weniger gestört , das laute Schreien des Übermütigen nur wie aus der Ferne vernahm . Sowie die Tür geöffnet wurde , vernahm Leonhard die Worte des laut Sprechenden deutlich , und um so mehr , da die übrigen nur wenig und leise sprachen . Nach und nach gewöhnte sich der Einsame mehr an das Geräusch , weil ihn seine gerührte Stimmung , vom Wein erheitert und gestärkt , nach und nach verließ , und einer alltäglicheren Fröhlichkeit Platz machte . So war ihm endlich in dieser sichern Ferne der Herr Wassermann weniger verdrüßlich , und er konnte auf sein Geschwätz und seine Prahlereien , ohne sich zu ärgern , hinhören . Da vernahm er denn , wie der Schreier von seiner nahe bevorstehenden Heirat erzählte , und wie er dann wohl , zum zweitenmal vermählt , sich mehr zur Ruhe setzen würde , und weniger in den benachbarten Ländern umherreisen . Er kenne die Welt und habe sie gehörig genossen , daher sei ihm auch die Neugierde , die den jungen Gimpeln so eigen sei , völlig vergangen . Leonhard mußte lächeln , denn diese Äußerung traf ihn selbst am meisten , der diesen ganzen Vormittag in der Stimmung eines Jünglings geschwelgt hatte , der zum erstenmal seine eingewohnte Heimat verläßt . So fuhr nun Wassermann fort , seine Lebensansichten und seine Gedanken über Liebe und Ehe auszusprechen . War ihm die Liebe schon lächerlich , so war nach ihm die Eifersucht gar das Verächtlichste , wozu der Mann nur hinabsinken könne . Er verlangte für beide Geschlechter völlig dieselben Rechte und Befugnisse , und da keinem Richter und Gesetz das Recht zustehe , den Mann zu beschränken , wenn er nicht öffentlichen Skandal mache , so dürfe die Frau auch nicht wie eine Sultanin behandelt und eingesperrt werden . Wenn der Mann freilich Unrat merke , oder gar hinter eine Liebschaft komme , so sei es ihm natürlich erlaubt und geziemend , mit einem tüchtigen Stock vorzüglich an der Frau seine Genugtuung zu nehmen . Mehr als barbarisch aber , völlig abgeschmackt sei es , zu forschen , fragen , zanken über das , was vor der Ehe sich begeben haben könne . Eine europäische Narrheit sei es , von dem Mädchen und der Braut zu verlangen , daß sie keinen Mann vorher gekannt , oder geliebt , oder sich ihm ergeben habe , da es doch abgeschmackt herauskommen würde , wenn man den Bräutigam , ob jung oder alt , darüber examinieren oder erkommunizieren wolle . » Wahrlich « , rief er endlich , » auch hierin hat sich Moses als der größte Denker und Gesetzgeber erwiesen ; denn bei den Juden darf nach dem mosaischen Recht kein Ehemann das verlangen , was die anderen Religionen in ihrer Torheit so hoch stellen . « » Was wissen Sie vom mosaischen Recht ! « rief jetzt eine Stimme , die gegen jene des Wassermann nur dünn klang und in welcher Leonhard seinen gestrigen Reisegefährten wiedererkannte . - » Gewiß mehr , wie Sie « , schrie Wassermann , » denn ich bin ein ausgebildeter Mensch . « - » Ein Ignorant ! « rief der andere , » ein Inhumaner ! denn das charakterisiert die deutsche Roheit , sich ewig und immer wieder an den Juden reiben zu wollen , die wohl mehr Genie , Geist und Gelehrsamkeit zeigen , als die meisten jener eingefleischten Christen ! « - » Himmel-Tausend-Sakerment ! « schrie jetzt Wassermann - und man hörte einen Wurf Sturz und Aufschrei , dann ein lautes Getümmel , wie von einer Schlägerei . Als Leonhard die Tür öffnete , sah er auch schon das vollständige Handgemenge . Wassermann hatte nämlich , ohne nur zu rufen : » Vorgesehen ! « dem törichten Franke , der die Juden nicht wollte schmähen lassen , eine Weinflasche an den Kopf geworfen und so richtig gezielt , daß dieser , verwundet und betäubt , sogleich unter die Tafel stürzte . Sein Freund Lamprecht war mit dem Ohnmächtigen beschäftigt ; Wirt und Wirtin standen entsetzt beiseite und rangen die Hände , indes Wassermann sich gegen vier andere Männer als ein Held ebenso rüstig als gewandt verteidigte ; denn dem einen , der der Angesehenste schien , hatte er mit seinem Stuhle eine bedeutende Wunde an der Stirn beigebracht , so daß von dieser das Blut herniederströmte . Die anderen drei , nebst zwei Aufwärtern , hatten sich endlich des trunknen und wütenden Wassermann bemächtigt , hielten ihn fest und banden ihm Hände und Füße mit Servietten und Schnupftüchern . » Mein Herr « , rief jetzt der Verwundete , » nun sollen Sie erfahren , was das auf sich hat , in einer angesehenen Stadt , in anständiger Gesellschaft solchen Skandal aus Mutwillen anzufangen , und mich , einen Polizeibeamten , der den Frieden herstellen will , tätlich , einem wilden Tiere gleich , anzufallen . Dieser Rausch und diese Roheit wird Ihnen teuer zu stehen kommen . « » Ist der Jude da tot ? « fragte Wassermann , auf der Erde liegend und festgebunden . » Gottlob nicht ! « rief Lamprecht aus . » Nun so wird die Dummheit nicht viel zu bedeuten haben « sagte Wassermann ; » laßt mich nur wieder los , und ich gebe mein Ehrenwort , mich an keinem Menschen mehr tätlich zu vergreifen . « » Ihr Ehrenwort ? « rief der Polizeibeamte ; » ich möchte lachen wenn mir die Wunde am Kopfe nicht so unbequem fiele ; wie solche Menschen nur noch das Wort Ehre in ihren Mund nehmen können . « Einer der Aufwärter war indessen nach der Wache gegangen . Der Beamte befahl den Übeltäter , nachdem ihm die Beine waren frei gemacht worden , mit gebundenen Händen zum Gefängnis abzuführen , indessen er sich selbst in einem Wagen nach seiner Wohnung bringen ließ . Der verwundete Franke ward zu Bett gebracht . » O mein werter Herr « , sprach der Wirt in einem flehenden Tone , » rechnen Sie es uns ja nicht an , daß dergleichen in unserm stillen Hause hat vorfallen dürfen . Wie gern hätten wir dem furchtbaren Herrn Wassermann das Losement verweigert , weil er fast immer betrunken ist ; aber er hat uns guten Wein geliefert , und die letzte Rechnung ist noch nicht bezahlt , so daß wir ihn wirklich nicht abweisen konnten , ohne uns selbst Schaden und Verdruß zuzuziehen . Aber es ist ein gottloser Mensch , und ich hoffe , sie werden ihn nun diesmal recht ordentlich schröpfen , so daß er endlich Mores lernt , und seine Nebenmenschen nicht mehr auf so schändliche Art molestiert . « Jetzt trat auch der hübsche , stille Lamprecht in das Zimmer und sagte : » Der Wundarzt versichert , die Wunde habe an sich selbst nicht viel zu bedeuten , und nach ein paar Tagen , wenn der Kranke nämlich die gehörige Ruhe genossen , sei alles wieder in Ordnung . « Sehr erleichtert verließen der alte Wirt und die Wirtin das Zimmer , und Leonhard sagte , indem er sich zum stillen Lamprecht wandte : » Ihr Freund , der Verwundete , hat mir schon viel von Ihnen gesagt , und ich wünschte nur , wir hätten , ohne diese fatale Geschichte , unsere Bekanntschaft machen können . « » Der Herr « , erwiderte Lamprecht , » führt einen jeden auf eine eigene , und manchen auf eine wunderliche Weise . Schlägt es nur zum Heil aus , so ist es immerdar zu loben . « » Gut « , versetzte Leonhard , » aber war es wenigstens nicht unvorsichtig von dem jungen Israeliten , sich in diesen unnützen Streit mit einem Trunkenbold einzulassen ? Zwar ist der Arme auch an sich selbst gestört und seiner Vernunft nicht mächtig . « » Ach ! lieber fremder Herr « sagte jener seufzend und mit frommer , weicher Stimme , » es ist gar nicht so , Sie kennen Ihren Reisegefährten allzu wenig . « » Wieso ? « » Er ist nichts weniger , als ein Jude ; er ist ein ordinärer getaufter Christ , wie wir es alle sind ; er ist nur seit wenigen Tagen ein Jude , oder bildet sich ein , daß er einen solchen vorstelle . « » Ist es möglich ? « » Lassen Sie sich dienen « , fuhr Lamprecht fort ; » ist Ihnen noch niemals die Erfahrung geworden , daß gewisse Menschen zu manchen Zeiten , oft alljährlich , ihren ordinären guten Verstand einbüßen , und auf einige Zeit zu Narren werden ? « Leonhard sah den Sprechenden mißtrauisch an und sagte dann : » Lieber Mann , das begegnet uns wohl allen . « » Ich meine es nicht so « , erwiderte jener ; » denn das möchte wohl nur das allgemeine Menschenschicksal sein , dem nicht auszuweichen ist . Nein , mein lieber Herr , es gibt gewisse Temperamente , die , sei es im Frühling , Herbst , oder Sommer , geradezu überschnappen , in den Wahnsinn oder ins Delirium geraten , und zu diesen sonderbaren Wesen gehört mein Freund Franke . Wie sollte er denn ein Jude sein , da er hier in der Stadt geboren und erzogen ist ? Aber alljährlich , und zwar immer zu derselben Zeit , wird er unsinnig und bildet sich bald diese , bald jene Narrenposse ein . Einmal ist er Katze , oder Hund , oder Fledermaus ; ein andermal hat er einen Mord begangen und soll hingerichtet werden , oder er ist in eine Prinzessin verliebt , und dergleichen mehr . Seine alten Eltern wohnen vier Meilen von hier , dahin war er gewandert ; und da ich wußte , daß gestern sein kritischer Tag war , so wurde ich sehr besorgt um meinen Freund , weil er länger ausblieb , und unter diesen Umständen auf dem Wege leicht Schaden nehmen konnte . Ich war nun begierig , mit welcher Narrheit er durch das Tor schreiten würde , und , siehe da , er ist uns diesmal als Jude und Prätendent des preußischen Thrones wiedergekommen . « » Sonderbar ! « sagte Leonhard , » und doch hat er mir so umständlich die Sache erzählt . « » Ganz recht « , sagte Lamprecht ; » in diesen Krankheitsumständen ist er immer sehr redselig , und von seiner Ansicht so überzeugt , daß er wie heute solche bis aufs Blut verteidigt . Was gehen ihn die Juden und ihre Meinungen an ? Was brauchte er sich ihrer so lebhaft anzunehmen ? « » Was Sie mir da eröffnet haben , teurer Mann « , begann Leonhard wieder , » erfüllt mich mit dem höchsten Erstaunen . Ein Kranker aus diesem sonderbaren Spital ist mir bis jetzt noch niemals vorgekommen . Und es sollte noch mehr solcher Patienten geben ? « » Wer zweifelt daran ? « antwortete Lamprecht ; » ich muß mich bloß über Ihre Verwunderung verwundern . Wenn in uns allen wohl etwas ist , das den Organismus , oder unser Leben stören will , und das die Natur vielleicht im Ärger , oder Schnupfen , oder einer Leidenschaft , oder Prügelei , oder wie sonst hinwegschafft , damit der Mensch in seinem gewohnten Gleise bleibe - so gibt es auch immerdar so geformte Wesen , bei denen , ohngefähr wie beim Mondsüchtigen , eine zeitgemäße kürzere oder längere Verrücktheit eintreten muß , damit sie nachher nur ihrem Amte als sterblicher Mensch gehörig vorstehen können . So schütteln sie die Schlacken ab , und sind nachher so reputierlich , wie zuvor . So lebt in einer großen Stadt , nicht gar weit von hier , ein sehr gelehrter Mann ; dieser wird von hoch und niedrig besucht und verehrt ; er steht mit andern herrlichen Geistern in Korrespondenz , und man nennt ihn oft den Stolz seines Vaterlandes . Dieser Gelehrte fällt in jedem Jahr im Herbst , wenn die Tag- und Nacht- gleiche eintritt , in einen sonderbaren Zustand . Er reißt nämlich alsdann seinen Kachelofen ein , wirft die Kacheln umher und arbeitet dabei ohne Rock und Weste im Hemde so eifrig , daß ihm der klare Schweiß von der Stirne trieft . Nun nimmt er den Lehm und Ton , mit welchem der Ofen ausgefüttert ist , mischt diesen und weicht ihn höchst mühsam auf mit Wasser , bis er in seinen früheren bildsamen Zustand zurückgekehrt ist . Dann formt und backt er aus diesem Ton Kugeln von mäßiger Größe , und beschenkt , wenn die eigentliche Raserei vorüber ist , jeden seiner Freunde , auch jeden Vornehmen , selbst die Damen , die ihn verehren , mit einer dieser Kugeln , als einer untrüglichen Universalmedizin gegen alle Übel und Krankheiten . Im ersten Monat wenn die Wut schon ganz vorüber ist , geht er nie aus , ohne einige dieser Pillen bei sich zu tragen , um der leidenden Menschheit unter die Arme zu greifen . In jedem Jahr kommt der Töpfermeister von selbst und ungefordert in sein Logis , weil er schon weiß , welche Arbeit er dort zu tun findet , und nachher ist derselbe Mann so gelehrt und weise , als er es nur jemals war . « » Wohl dem « , fügte Leonhard hinzu , » an dem der Aberwitz dieser Vampyr , nur so genügsam zehrt , und ihn dann wieder freiläßt . Diejenigen , die sich ohne alles Talent für große Dichter , Staatsmänner , oder Weltweise halten , sind auf jeden Fall viel schlimmer daran . « » So gibt es wieder andere « , erzählte der sinnige Lamprecht weiter , » die ergreift in ganz unbestimmten Zeiten , bald nach längeren , bald nach kürzeren Fristen , der böse Geist . Es kommt über sie , wie ein Gewitter aus heiterm wolkenlosem Himmel . Wehe denjenigen , die alsdann in ihre Nähe kommen . Ein solcher Mann befindet sich als Mitgleid in unserer stillen Gemeine : das frommste , liebevollste Gemüt , wohltätig , menschenfreundlich , nachgebend , so sanft , daß ein Kind ihn einschüchtern könnte ; aber , wenn er vom Satan besessen ist , so ist kein Auskommen mit ihm , dann fürchtet er weder Himmel noch Hölle , dann achtet er weder Gott noch Menschen . Und auch bei diesem Subjekt hat das Schicksal einen artigen Ausweg gefunden , so daß alle , die ihn kennen , ihm an solchem Tage aus dem Wege zu treten vermögen . Er geht im Hause für alltäglich in einem einfachen Überrocke ; ergreift ihn aber jener höllische Geist , so empfindet er schon , indem er aus dem Bette steigt , ein sonderbares Gelüst , einen uralten feuerfarbenen Schlafrock , den er sonst niemals trägt , anzuziehen . So sitzt er denn wie ein altes Gespenst in seinem Zimmer , und ihm ist es selber ganz recht , wenn an diesem Tage Freund und Bekannter seine Nähe vermeidet . « Jetzt brach Lamprecht auf , um nach seinem kranken Freunde zu sehen ; Leonhard aber konnte es nicht müde werden , seine vielgeliebte Stadt zu durchwandern . Er mochte nicht aus dem Tore gehen , um die poetische Täuschung , in welcher er befangen war , nicht aufzulösen , weil er von ehemals wußte , daß die Natur und Gegend um Nürnberg her nichts Erfreuliches bieten . Er segnete eine Stadt , wie es freilich nur wenige gibt , deren Steine , Mauern und Türme den Wanderer so fesseln können , daß er keine Sehnsucht empfindet , die ihn hinaus in das Freie treibt . Leonhard hatte versprochen , am Abend , weil es Sonntag war , einer heiligen Versammlung beizuwohnen , welche zweimal in der Woche bei dem Brauer Lamprecht zu einer gottesdienstlichen Feier sich verband . Die Mitglieder dieser Gemeinschaft versäumten zwar die Kirchen nicht , um nicht aufzufallen und kein Ärgernis zu erregen ; sie hielten aber den öffentlichen Gottesdienst für etwas sehr Gleichgültiges , und sparten ihren Eifer und die wahre Andacht für diese fast heimlichen Zusammenkünfte . Leonhard bereute sein Versprechen , und begriff jetzt selbst nicht , wie er es zu geben sich hatte verleiten lassen ; indessen wollte er sein Wort nicht brechen und begab sich in das Zimmer , wo die übrigen schon versammelt waren . Er fand dort den Vorsteher , den Braueigner Lamprecht , und den eingebildeten Juden Franke , der mit verbundenem Kopfe , blaß und seufzend dasaß . Einige ältere und jüngere Männer waren noch zugegen , und Leonhard ließ sich denjenigen vom Vorsteher bezeichnen , welcher zuzeiten den feuerfarbenen Schlafrock anlege , um Freund und Feind zu schrecken . Er war offenbar der Älteste der Gesellschaft , ein blasser Greis , mit schlichtem weißem Haar , einer andächtigen , sanften Miene und mit dem Ausdruck stiller Frömmigkeit im Auge . » Unmöglich ! « sagte Leonhard , » dieser ist nicht fähig , auch nur ein Tier zu kränken , oder ihm wehe zu tun . « » Lieber Bruder « , sagte Lamprecht , » in uns allen liegt der Löwe nur an Ketten , und springt brüllend auf , sowie er sich frei fühlt . Ohne Gnade von oben und festen Willen von uns selbst , sind wir dem wilden Wahnwitz immerdar preisgegeben . Keiner halte sich für den Sichern , denn dieses Trotzen auf unsere Sicherheit ist eben unsere allergrößte Sünde . Wer sich bescheiden fürchtet und an seinen Kräften zweifelt , wird der Versuchung viel weniger unterliegen . « Man hörte die Glocke schlagen , und alsbald schwiegen alle und vereinigten sich zu einem stillen Gebet . Nun stand Lamprecht auf und hielt eine lange Rede , bei welcher Leonhard wohl einsah und fühlte , daß sie eigentlich zunächst auf seine Bekehrung abzwecke . Der junge Mann trug nicht ohne Beredsamkeit und Begeisterung den Gedanken vor , daß sich die Andacht jedes einzelnen , die oft den zerstreuten Weltmenschen sogar besuche , an dem Glauben und der Erhebung des zweiten Bruders stärken und kräftigen müsse . Nur so bewähre sich die Gnade und werde sichtbar , die sonst nur flüchtig , wie Sonnenglanz bei stürmischem Wetter , vorüberfahre und das Herz vielleicht nur leerer und dürrer ausschöpfe , als es sich vorher gefühlt habe . So sei das Bedürfnis der Gemeine früh empfunden worden , und darauf habe sich die Kirche begründet . In solcher Gemeinsamkeit wehe gleichsam ein Geist in allen Gliedern , und jeder sei zugleich Laie und Priester . Priester im schönsten Sinn des Wortes sei jeder , dessen Seele sich vom Anhauche Gottes erregt fühle , so sei es im Anbeginn der Christenheit gewesen , und dieses Vorrecht der Erleuchtung habe die Reformation auch wieder reklamiert . Nur habe sich leider , schon sehr früh , die Priesterherrschaft in anderer Gestaltung wieder eingeführt , welche ein Monopol mit Gnade und Glauben treiben wolle . Dies zwinge begeisterte Gemüter zu einer engern , aber stillen Verbindung , die sich der Öffentlichkeit entziehe , und nur in der Verborgenheit stark und segensreich bleiben könne . Dieses freie Christentum , vom Staate nicht sanktioniert , durch keine erteilte Priesterwürde gerechtfertigt , sei eben dadurch das wahre , ursprüngliche , welches die Apostel gegründet hätten , und welches auch alsbald seine Weihe und Wahrheit verloren , sowie ihm öffentliche Anerkennung und ein Privilegium geworden sei . In diesen Gemeinen aber , die nur das bewegte Herz und das Bedürfnis des Glaubens zusammenführe , sei nach der Verheißung der Heiland wahrhaft gegenwärtig ; er segne sie durch seine unmittelbare Liebe , die sich allen mitteile ; und in diesem Überschwung der Liebe , in dieser Einverleibtheit mit ihm sei die Vergebung aller Sünden und der Genuß der Gnade , sowie seiner persönlichen Gegenwart , und die Begeisterten bedürften also keines Symbols oder einer körperlichen , sichtbaren Überzeugung . Es war nicht zu verkennen , daß der Redner eine Erschütterung Leonhards erwartet hatte , die mit dem Bekenntnis und Entschluß endigen würde , daß er ein Mitglied dieser Sekte werden wolle . Als diese Entwickelung nicht erfolgte , war Lamprecht erst etwas verlegen ; dann entschloß man sich , gewöhlichere Gespräche zu führen , die das alltägliche Leben betrafen . Nach und nach entfernter sich die übrigen Mitglieder , und nur Leonhard , Lamprecht und jener stille Greis , welcher sich Alfert nannte , blieben beisammen , um bei vertraulichen Gesprächen ein leichtes Abendessen einzunehmen . Leonhard erzählte von sich und seinem Haushalt daheim , seiner Frau und seinem Pflegesohn , wie sich sein Geschäft ausgebreitet habe , und wie er als junger Gesell vor etwa zehn Jahren Franken , Schwaben , die Rheinländer und noch andere Gegenden durchstreift habe . Da jetzt nicht mehr von religiösen Gegenständen die Rede war , und seine Genossen den Anschlag auf ihn aufgegeben hatten , so wurde er um so redseliger , als er seit lange schon nicht mit solchen Menschen umgegangen war , die dasselbe bürgerliche Interesse am Leben hatten , als er . So hatte er auch des alten Magisters erwähnt , welcher seinen Pflegesohn unterrichte . Seit er jenen sonderbaren Brief gelesen hatte , war ihm die Gestalt des alten Mannes immerdar vor Augen . » Ei ! ei ! « sagte der greise Alfert nach einiger Zeit : » gar wundersam und gleichsam dem Märchenhaften nicht ganz unähnlich Dieser alte Mensch , wie Sie ihn beschreiben , ist öfter in dem Landstädtchen Jessen gewesen ; er hat in Wittenberg studiert und promoviert ; ja , ja , es wird schon mein lieber guter Fülletreu sein . Nicht wahr , das ist der Name jener alten Perücke ? « » Allerdings « , sagte Leonhard ; » ich sehe also wohl jemand vor mir , der ihn ebenfalls kennt , oder gekannt hat ? « Der Alte stand mit Feierlichkeit auf , trocknete sich eine Träne vom Auge , und sagte dann mit vor Rührung zitternder Stimme : » Mein Herr Leonhard , nehmen Sie diesen Handschlag und Druck , in die ich mein ganzes Herz und meine Jugend lege , und bringen Sie das der lieben , guten , frommen , demütigen Kreatur von Menschen , der allerbesten , die Gott erschaffen , oder die ich wenigstens habe kennen lernen . « Er setzte sich hierauf wieder an seinen Platz , und forderte Leonhard auf , ihm alles zu erzählen , was er nur irgend von dem alten Magister wisse . Dieser konnte fast nichts mehr mitteilen , als was er selbst an jenem Abend erfuhr , als der alte Mann zufällig in Elsheims Gesellschaft ein Fragment seines Lebens zum besten gab . Nachdem er geendigt hatte , sagte der greise Alfert : » Ei , du mein lieber alter Fülletreu , du Schulkamerad und Universitätsfreund , eine Zeitlang sogar mein Stubenbursche ! Ach , wo seid ihr hingeschwunden , ihr schönen Zeiten , in denen wir uns im Disputieren und in der Latinität übten ! Ja , mein werter Herr , ich bin derselbige Bruder , mit welchem er damals jene Wallfahrt zum Hause meines Vaters nach Jessen anstellte . Ich war auch nachher beim Disputieren sein Hauptopponent , und ich machte es der armen Seele recht sauer . Denn ob wir gleich vertraute Freunde waren , so war uns doch die Wahrheit und Gelehrsamkeit mehr , als unsere Liebe . Ich wußte damals auch nicht , daß er sich in meine Schwester so vergafft habe . Ja , die ist nun auch schon längst gestorben , und auch ihr versoffener , unglückseliger Mann . Ich bin durch mancherlei Schicksale hieher verschlagen worden , und habe endlich in dieser Stadt ein kleines Ämtchen errungen . Ich war in meiner Jugend ein froher , leichtsinniger Bursche , ganz das Gegenteil von meinem stillen Freunde , dem Fülletreu . Diese freundliche Seele war das Muster eines christlichen Jünglings , so sanft , treu , fromm , unschuldig und harmlos , wie das Lamm , das der Mutter zum erstenmal zur Weide folgt . Ach , lieber Gott ! ich habe noch das Buch , den Andreas Gryphius , in meinem Besitz , in welches er damals seinen Namen hineingeschrieben hat , als er es meinem alten Vater zum Präsent brachte . So ein Buch , so ein Schriftzug dauert länger , als der Mensch . Aber die Nachkommen , die Fremden , die es dann in die Hand nehmen , wissen nichts von den Schicksalen der Besitzer , von ihren Gefühlen und ihrem Unglück , und können sich also auch nichts dabei denken . « Der Alte war so weich geworden und fühlte sich so ermüdet , daß er alsbald aufbrach , nachdem er noch einmal mit vieler Rührung von Leonhard Abschied genommen , und ihm viele Grüße an den alten Magister aufgetragen hatte . Als Leonhard und Lamprecht allein waren , fing dieser noch einmal an , vom Zweck ihrer religiösen Gesellschaft zu sprechen , und wie gut und nötig es sei , daß gute Menschen , wie Leonhard , sich ihr anschlössen . Leonhard erwiderte ihm , daß ihm jene öffentliche Gemeinschaft und protestantische Kirche genüge , und daß in ihr dasselbe obwalte , was er an seiner abgesonderten rühme . Auch müsse nach seiner Überzeugung die Religion und die sie begründende Theologie , die Spekulation und Auslegung der Schrift nur Geschäft und Beruf des Priesterstandes sein ; dieser sei also als dirigierend , belehrend dennoch notwendig , obgleich beim Gottesdienst selbst jeder andächtige Teilnehmer Priester sei und sein dürfe . Diese Absonderung aber , indem jeder Teilnehmer immerdar nach Eingebung und Begeisterung strebe , führe in der Regel zur Schwärmerei und zum Aberglauben , zugleich aber , was erst wiedersprechend erscheine , oft auch zur freigeisternden Ketzerei und unchristlichem Wandel . » Schwärmerei ! « rief Lamprecht aus , » ja , das ist euer beliebtes Wort , ihr Weltlichen , womit ihr alles Geistige und Übersinnliche niederschlagen wollt . Euch graut immerdar vor dem Geheimnis , und , wenn ihr könnt , tut ihr alles in den Bann als Ketzerei , was eurem törichten Schwanken und allen den ungöttlichen Negationen in den Weg tritt , damit ihr nur für andere Zweifel schwärmen könnt . Für diese , für das Nichts seid ihr fanatisch , und verdammt den Bruder , der euch die blinden Augen öffnen möchte . Ist dies nicht sophistische Gleißnerei ? « » Lieber Freund « , sagte Leonhard , » ich bin viel zu unwissend , um mit Ihnen über so hohe Gegenstände disputieren zu können . Lassen Sie mich in meiner Bahn fortwandeln , und ich will Sie auf der Ihrigen nicht stören . Sollte es nicht viele Wege zum Himmelreiche geben ? « » Es ist uns so verheißen « ,