in uns zurück ; denn selten bleibt uns die Gelassenheit , die bloß das Rechte überhaupt vertheidigt . Leicht mischt sich Beschämung des Andern in unsere Worte , und so wird aus der Vertheidigung eine Art von Rache , die uns dann wieder selbst verwundet und vor uns selbst herabsetzt . Gewiß , versetzte Richmond , ist hierin die Lage einer Frau noch viel zarter , als die eines Mannes . Wir sind in den vielseitigeren Beziehungen unsers Lebens in viel größerer Gefahr der Mißdeutungen , und wir müssen uns fast an diese Voraussetzung gewöhnen und sie ertragen lernen , um unsere Handlungen nicht endlich beschränkt zu sehen von dem gefährlichen Ehrgeiz , jene zu vermeiden . Oft geht der Weg zu einer feststehenden Achtung und Anerkennung nur durch Ertragung uns fern liegender Anschuldigungen , und es gehört gewiß der wahre Muth der Tugend dazu , wenn wir schweigend unsere Rechtfertigung allein der Gerechtigkeit vertraun , die im Laufe der Zeit jedem wahrhaften Bestreben vorbehalten ist . Doch , wie auch dieser Grundsatz als ein allgemeiner Jedem gelten möge , in den meisten Fällen leidet eine Frau zu sehr unter dem leisesten sie treffenden Argwohn , als daß sie nicht eilen möchte , ihn von sich abzuwehren ; und ist der Zorn irgendwo Ihrem Geschlechte erlaubt , möchte es hier sein . O nein , auch da nicht ! rief Maria lebhaft . Ich träumte jetzt schon von der Erreichung einer so stillen in sich begründeten Würde , einer Sanftmuth der Seele , die in dem Ankläger oder Verläumder allein den Leidenden , den zu Beklagenden sieht ; dann aber muß der Zorn fern bleiben , und unsere Worte werden um so mehr den Karakter der Ueberzeugung tragen . Doch als die größte Sünde sollten Männer sich fürchten , eine Frau überhaupt in die böse Stimmung des Zorns zu versetzen . Denn wäre auch das größte Recht auf unserer Seite , wir werden uns doch stets im Nachtheil befinden , eben weil wir aus unserer Natur heraustreten . Es bleibt ein Mißlaut in uns zurück , hätten wir auch den glänzendsten Sieg davon getragen . Wüßten die Männer doch , wie dankbar wir denen sind , in deren Atmosphäre wir rein und furchtlos aufathmen , und sorgenlos unserer Natur uns hingeben können , ihres Schutzes gewiß und ihrer edeln Beobachtung aller feinen Begrenzungen unserer dann so glücklichen Existenz ! Richmond hob den sinnend niedergeschlagenen Blick bei diesen Worten zu ihr auf . Ein unbeschreibliches Gefühl sagte ihm , daß er es sei , den sie in der Lebhaftigkeit ihrer Rede bezeichnet hatte ; es ward ihm zur höchsten Süßigkeit , sich sagen zu können , er werde von ihr verstanden und anerkannt , und als sein Blick , belebt von dieser Empfindung , den ihrigen suchte , da sank er hinter den feinen Schleier der langen seidenen Augenwimper . Es blieb ihnen keine Zeit , diese zarte Verlegenheit zu bekämpfen ; die jüngere Herzogin erhob sich und forderte Richmond auf , sie nach ihren Zimmern zu begleiten . Er wußte es wohl , daß ihm hier das schwierige Geschäft oblag , seine leicht gereizte Mutter mit der bedrohten Lage ihres Vaters bekannt zu machen , und es kostete ihm in dem gegenwärtigen Augenblick eine besondere Ueberwindung , aus dem weichen Zustand , in dem er sich fühlte , zu all der Besonnenheit zurückzukehren , die der vorliegende Gegenstand nöthig machte . Es gelang ihm jedoch besser , als er sich zugetraut hatte ; ja , er fand heute sogar ein fast neues Talent in sich , das einer leichteren Auffassung der verwickeltesten Umstände , und da er auch seine Mutter von ihrer Sorge um seinen Bruder erleichtert antraf , der in einem langen kindlichen Briefe seiner Verbindung mit Anna Dorset mit der ruhigen Würde des entschlossenen Mannes gedacht hatte , fand er sie in einer ansprechenden Stimmung . Sie sah der Ankunft ihres Vaters mit kindlicher Freude entgegen und setzte zu viel Vertrauen in seinen hohen Ruf , um nicht jede Anklage dadurch entkräftet denken zu müssen . Vielleicht hätte es in Richmonds Auftrage gelegen , ihr diese stolze Sicherheit um etwas zu verringern ; aber sein stets gegen diese geliebte Mutter so zärtliches Herz vermochte es nicht , sie aufs Neue schon heute zu beunruhigen , wo sie eben erst eines solchen Gefühls in Bezug auf ihren ältesten Sohn sich entledigt hatte . Er glaubte nähere Nachrichten von seinem Oheim abwarten und ihre ihm so heilige Ruhe noch eine Zeitlang bewahren zu können . Ein Versuch , seine Mutter zu einiger Mittheilung über Lady Melville zu bewegen , scheiterte jedoch , da sie ihm mit der kühlen Ruhe einer Selbstherrscherin erwiederte , daß sie die etwa nöthigen Bestimmungen über dies Fräulein sich selbst vorbehalten und daher alle anderweitigen Bemühungen , ihr Schicksal aufzuklären , sich verbeten habe , indem solche der Ehre und dem Glück des armen Wesens wenig ersprießlich schienen . Sie ziehe vor , ihr auch ohne weitere Aufklärung ihren Schutz zu bewilligen ; worin sie sich jetzt bestärkt fühle , da die Befürchtung , durch sie die Ehre ihrer Familie bedroht zu sehn , nach Roberts männlicher Fassung verschwunden sei . Dagegen sprach die Herzogin sich sehr wohlwollend über ihre künftige Schwiegertochter aus , unterließ auch nicht der reizenden Ollonie zu erwähnen . Es ward ihr leicht , zu erkennen , wie fern Richmond jeder Gedanke an die Pläne seiner Familie liege , da er von der heranblühenden Jungfrau wie von einem lieben Schooßkinde sprach und in jener gleichgültigen Laune , die weder Lob noch Tadel widerlegen mag , den Versicherungen seiner Mutter zuhörte , daß sie von ausgezeichneten Tugenden des Geistes und Herzens sei . Auch schwieg die Herzogin gar bald , denn sie sah in dieser Vernachlässigung eines Mädchens , der sie im Geheim die Ehre zugestanden , ihre Schwiegertochter zu werden , eine Beleidigung sowol für sich , als für Ollonie ' s jungfräuliches Gefühl ; und sie konnte das selbst ihrem Sohne nicht schnell genug vergeben , um ihn so freundlich zu entlassen , als er es erwarten durfte . Doch auch dieser Wink sollte dies Mal verloren sein , denn Richmond ging in Gedanken vertieft von dannen , er frug sich nur , wie die Erwähnung der Lady Melville , die doch jetzt aufgehört habe , seiner Mutter Besorgniß zu erregen , sie so auffallend habe verstimmen können ? Die alte Herzogin wünschte die Gesellschaft um sich fest zu halten , bis sie selbst mit ihrer Familie nach Godwie-Castle zurückkehren würde , und sie war daher unermüdlich , in den Vergnügungen und Beschäftigungen um sich her die angenehmste Abwechselung zu erhalten . Es konnte ihr das nicht fehlschlagen , da ihr die reichsten Mittel nach Außen zu Gebote standen , da ihre stets gleiche Laune und ihre heitere Milde überall belebend eingriff , und Jeder durch ihren Beifall sich belohnt sah , wenn er zur Heiterkeit des Ganzen die Hand geboten hatte . Trotz diesem über alle wehenden Panier der Freude kann wohl Niemand bezweifeln , daß nicht allen das Herz zu dieser einen Losung schlug und Viele , von eignen Betrachtungen beschwert , nur jene schickliche Haltung beobachteten , die nirgends das eigene Interesse geltend zu machen sucht . Lord Ormond befand sich vornehmlich unter diesen letzteren , denn er war sich seiner bewußt geworden , und hatte sich mit einer unbeschreiblichen Erschütterung eingestehen müssen , durch Lady Melville aufs Neue mit einem Gefühl bekannt geworden zu sein , dem er sich nicht mehr zugänglich gewähnt hatte . Ja , er mußte diese Empfindung dies Mal in sich von einer Hochachtung und einer Theilnahme unterstützt fühlen , wie bei seiner früheren , so unglückselig leidenschaftlichen Liebe niemals der Fall gewesen . Er hatte anfänglich noch die Schwierigkeiten erwogen , die bei seiner Stellung und seinem Range in der Verbindung mit einem unbekannten Wesen , über dessen Leben noch so viel Dunkel und Zweideutigkeit lag , ihm zu besiegen oblagen . Aber er erkannte jetzt nur eine Schwierigkeit , nur die eine Furcht , ob er , der so viel ältere Mann , das Herz dieses Engels je gewinnen könne , und war zu jedem andern Opfer bereit , wenn er dies eine erlangt haben würde . Er wollte , im Fall man etwa Bedenken trüge , seine Gemahlin bei Hofe zu empfangen , seinen Abschied nehmen , und seine Güter durch allen Zauber von Kunst und Kultur zu einem würdigen Boden für sie umschaffen . Aber diesen wichtigen Augenblick , der darüber entscheiden sollte , wagte er nicht herbei zu führen ja , tausend Bedenklichkeiten ließen ihn vielmehr denselben stets weiter hinaus schieben . Er hörte indeß nicht auf , sie mit der zärtlichsten Aufmerksamkeit zu bewachen , und erkannte nur zu bald mit Sorge , wie die kindliche Ruhe und das herrliche Gleichgewicht ihres ganzen Wesens von ihr zu weichen begann , und bald einer schwermüthigen Stimmung , bald einer überreizten Lebhaftigkeit Platz machte , was auf einen innerlich leidenden Gemüthszustand schließen ließ . Er suchte sie stets zu unterstützen , seinen Worten ohne Beziehung einen allgemein beruhigenden Karakter zu geben , sie vor der neugierigen Zudringlichkeit Anderer zu bewahren und ihre eigenen Aeußerungen , die immer mehr den Ausdruck des Leidens trugen , vor Mißdeutungen zu schützen . Sie schien die Nähe eines sorgsamen Freundes in ihm zu ahnen , und es war ihm , als ob sie ihn stets unter allen ihren Umgebungen suche und in seiner Nähe allein zu der harmlosen Ruhe zurückzukehren vermöge , die sonst ihr eigenstes Element war . Wie konnte Ormond sich enthalten , auf diese ihm so süße Wahrnehmung die Erfüllung der Hoffnungen zu bauen , die ihn jetzt einzig belebten . Und dennoch wagte er das entscheidende Gespräch noch nicht mit ihr einzuleiten . Jeden Versuch , tiefer in ihr Vertrauen einzudringen und namentlich sie über ihr , ihm stets unbegreiflicher werdendes Verhältniß zu Lord Membrocke zum Vertrauen zu wecken , blieb nicht nur ohne Erfolg , sondern schien sogar jedes Mal so viel Unruhe , ja , Schmerz ihr zu verursachen , daß er nicht oft sich überwinden konnte , dazu erneute Veranlassung zu geben . Wie nahe aber auch dieses Interesse seinem Herzen lag , Ormond hatte sich zu lange gewöhnt , seinen Umgebungen eine größere Theilnahme , als sich selbst , zu schenken , um auch nicht jetzt noch für Alle theilnehmend zu bleiben , und so lag ihm zunächst ob , Ollonie zu beobachten , welche ihn in die schmerzlichste Unruhe versetzte . Das holde leidenschaftliche Kind schien jetzt über alle Grenzen erregt , in einem beständigen krampfhaften Zustande zwischen Lachen und Weinen zu schweben . Auch hier , wo sonst Ormond das unbedingteste Vertrauen fand , ward er jetzt zurück gewiesen , und seine väterlich ernsten Vorstellungen , ihr sonderbar übertriebenes Wesen mehr zu beherrschen , hatten sie laut weinend , wie in einem Zustande von Verzweiflung , zu seinen Füßen geführt ; ja , viele Tage später durfte nur sein Blick sie aufmerkend erreichen , um neue Thränen aus ihren Augen zu locken . Immer von der einen Idee erfüllt , in Richmond und Ollonie dereinst ein Paar zu sehen , begann Ormond ihren Zustand auf ihr erwachtes Gefühl für Richmond zu beziehen . Daß dies Gefühl bei dem geliebten Kinde für ihr ganzes Leben bedeutend sein würde , hatte der zärtliche Freund stets erwartet , und nur den Himmel angerufen , sie glücklich in ihrer Liebe sein zu lassen , da ihm die Leiden einer unglücklichen Liebe für dies Gemüth höchst gefährlich erschienen . Welches aber ihr Loos bei Richmond sein würde , das blieb ihm immer , je länger , je mehr ungewiß , denn Richmond hatte ein vorherrschend ernstes Betragen angenommen und hielt sich mehr , als gewöhnlich , von dem nähern Umgange der Dame zurück . Selbst eine frühere Vermuthung , daß Richmond , von den Reizen der Lady Melville hingerissen , sein Herz an diese verloren habe , bestätigte sich nicht , indem er auch sie zu vermeiden schien , und , sich auf seinem Zimmer in Bücher und Schriften vergrabend , den melancholischen Ernst seiner Züge hinreichend vor ihm durch die Sorge um Lord Bristol rechtfertigte , dessen Lage immer bedrohlicher sich zu gestalten schien . Ein auffallendes Ereigniß bestimmte endlich Ormond , den letzten , ihm so gewagt erscheinenden Schritt bei Lady Melville zu versuchen . Der jüngere Theil der Gesellschaft hatte sich durch eine Morgen-Promenade zu Pferde erheitert , und man hatte so eben den Schloßhof erreicht , als Lord Membrocke seinem Pferde die Sporen gab und pfeilschnell auf einen Jüngling in Reisekleidern zusprengte , der im Hofe harrend unter den übrigen Dienern stand und , sogleich dem Lord den Steigbügel haltend , ihm beim Absteigen ein Packet überreichte . Zwischen Ormond und Lady Arabella ritt Lady Melville still und gedankenvoll zunächst in den Schloßhof ein . Als sie sich so eben aus dem Sattel gehoben hatte , nahte ihr Lord Membrocke mit triumphirender Miene , hob das Briefpacket in die Höhe und rief , bedeutungsvoll sich neigend : Ich habe die Ehre , Mylady , Euch anzuzeigen , daß mein Page so eben von seiner Reise zurückgekehrt ist . Sogleich legte sich Todtenblässe über Maria ' s Angesicht ; aber als Membrocke noch einen Schritt näher trat , stieß sie einen herzzerreißenden Schrei des Entsetzens aus und sank , ohne daß die überraschten Anwesenden es hätten verhindern können , auf den Boden nieder . Sogleich ward Alles thätig . Mit einer wüthenden Heftigkeit stieß Richmond Lord Membrocke , der ihr zunächst stand und sie berühren wollte , zurück und richtete sie selbst auf , indem er mit lauter Stimme nach einem Sessel rief . Denn obwol sie vom Boden aufgehoben worden , so zeigte sie dennoch , daß ihre Besinnung noch nicht vollständig genug war , um sich auf den Füßen halten zu können . Sie öffnete jetzt die Augen und blickte Richmond an ; dann schlossen sich diese wieder , und sie schien aufs Neue ihrer Sinne beraubt . Richmond eilte , die Lady auf den herbeigetragenen Stuhl sanft aus seinen Armen niederzulassen , dann übergab er sie der Sorgfalt der Frauen , bestieg sogleich sein Pferd und ritt , die Herren flüchtig grüßend , langsam über den Hof , in der Richtung des eben zurückgelegten Weges . Von der heftigsten Bewegung ergriffen , brachte Ormond mehrere Stunden einsam in seinen Zimmern zu . Nein , er durfte dies geliebte Wesen nicht länger schutzlos den Verfolgungen des Mannes hingeben , der über sie ein unbekanntes Recht auszuüben schien , das sie mit Entsetzen erfüllte , und das sie doch anzuerkennen gezwungen schien . Noch heute wollte er ihr den Schutz anbieten , den seine ehrerbietige Liebe ihr gewähren konnte ; als ihr Verlobter hatte er das Recht , ihre Sorgen zu theilen und jeden ihr Ueberlästigen zu entfernen . Länger damit zurückzuhalten , schien ihm feigherzige Schwäche , und er eilte hinweg , um über ihr Befinden Erkundigung einzuziehn . Lord Membrocke begab sich indessen mit seinem wichtigen Paket nach seinem Zimmer , wohin ihm sein gewandter Page folgte . Er hob aus einem Briefe Buckinghams , zu seiner unsäglichen Freude , einen zweiten hervor , der , mit dem Siegelring des Prinzen von Wales verschlossen , die Aufschrift : An Lady Maria Melville , zeigte . Dies schien ihn so vollständig zu befriedigen , daß er fast Buckinghams Brief zu lesen übersah , indem er seinem Pagen unaufhörlich Aufträge gab , die , von dem listigen Knaben wohl verstanden , auf eine schnelle Abreise hindeuteten . - Wir wollen uns indessen mit dem Inhalte des ungelesenen Briefes bekannt machen , wie es der Lord , wenn auch später , doch wol schwerlich unterlassen haben wird . » Du hast aufs Neue gezeigt , « schrieb Buckingham , » daß Du eigentlich zu nichts taugst , was über den Gesichtskreis einer kopflosen Weiberintrigue reicht , und könnte ich in dem alten Eulennest bei diesen lächerlichen Tugendhelden , diesen Nottinghams , einen andern meiner Geschäftsleute brauchen , so würde ich Dir befehlen , angesichts dieses das Feld zu räumen . Denn wie Du auch die Sache einhüllst , es ist nur zu klar , Du hast wie der jämmerlichste Stümper das Mädchen verschüchtert , ehe Du sie sicher hattest . Du hattest vergessen , daß ich Dir befohlen , sie zwar zu entführen , aber dabei eingedenk zu bleiben , daß Du meine Nichte entführtest , die etwas zu weit über Deine Person erhaben ist , als daß Du mit Deinen gewöhnlichen Plänen an ihr nicht Deinen Hals wagen würdest . Genug , Dir bleibt nur das eine Verdienst , daß Du , als ein ausgearteter Verwandter dieser Familie Nottingham , auf eine Zeitlang unter ihnen geduldet werden kannst , und ich entsetze Dich Deines Amtes nicht , damit es Dir vergönnt bleibe , durch Dein ferneres Betragen mir noch einige Proben von Deinem bis jetzt nicht verspürten Witze abzulegen . Dein Einfall mit dem Briefe ist nicht übel , und wenn sie Dir darauf freiwillig folgt , so bist Du im Fall der Verfolgung gedeckt ; und erkenne ich sie später an , möchte es wenig darauf ankommen , ob auch die ganze Welt wüßte , sie wäre mit Dir davongegangen . Außer vor dem hohen Areopagus der Nottinghams wird die Nichte Buckinghams wol überall ihre volle Geltung behalten . Ein Hauptspaß ist es dabei , daß ich ihnen so , ohne daß sie es ahnen , einen Gegenstand aus den Händen spiele , den sie jetzt mit vornehmer Pietät dulden , und der ihnen so wichtig scheinen würde in ihrer verwickelten Angelegenheit mit Bristol ! So viel ist gewiß , Karl seufzt nach diesem Mädchen , wie eine Mutter nach ihrem Schooßkinde , und wären diese Nottinghams seine ärgsten Feinde , wie sie es überdies nicht sind , er würde ihnen den Dienst , ihr Leben gerettet zu haben , mit nichts glauben vergelten zu können und selbst auf meine Kosten mit diesem Bristol sie bezahlen . Dabei rückt die Zeit immer näher , welche das Wollen und das Können in eine Hand geben wird ; denn Vater Jakob sieht aus wie die verschossenen Gobelins im Ahnensaale , und selbst die große Abschließung von Babys Vermählung mit Frankreich vergißt er jeden Augenblick wieder , und glaubt , die Infantin werde erwartet . Beeile Dich jetzt , sie wegzubringen ; ich habe mehr zu bedenken , als dies Mädchen , und doch muß sie in meinem Gewahrsam bleiben , bis die französischen klugen Herren mir ihre Prinzessin überliefert haben und dieser Prozeß , der den hochmüthigen Bristol stürzen soll , beseitigt ist . Dann soll Frankreich , welches schon über meinen Einfluß zu triumphiren glaubt , erfahren , daß Buckingham gegen die Reize ihrer Prinzessin ein Gegengift in dem Besitz einer berechtigten Nichte hat , und die stolze Herzogin von Nottingham , die einst Buckingham verschmähen durfte , soll bejammern lernen , daß sie Buckinghams Nichte nicht früher erkannt hat , um ihren Vater damit retten zu können . Wenn Du Dich klug und bescheiden beträgst , wird Dein Verdienst beim Vater des Mädchens einzukleiden sein ; aber sei schnell und lasse mich nicht länger hören , daß Du sie mit Gewalt nicht entführen darfst . Folgt sie Dir nicht willig , so befehle ich Dir , entführe sie mit Gewalt ; denn sie muß verschwunden sein , ehe die Ahnung ihres Werthes laut wird . Bedenke , daß ich keinen Fuß eher aus England setze , bis ich sie gewiß habe . Du findest in Berrystreet Alles zu ihrem Empfange bereit , und wie es der Rang fordert , den sie beim Eintritte in mein Haus einzunehmen berechtigt ist . Du aber wirst sogleich mir selbst die Nachricht des glücklichen Gelingens überbringen , und dann die Ehre haben , mich nach Frankreich zu begleiten , wohin ich mich begebe , die Hand der königlichen Henriette zu empfangen und die schönste der Frauen wieder zu sehen . Warum hast Du mir nicht lachen helfen , als Tomson mit seiner geübten Feder den rührenden Brief verfaßte , der meine kleine spröde Nichte in meine Hände liefern soll . Ich schwöre Dir , daß ich , der ich täglich die Handschrift des Prinzen sehe , sie nicht unterscheiden konnte . Den Siegelring kennt sie auch , denn Karl schwatzt den ganzen Tag von den Wundern , die er und der steife Narr , der Nottingham , an dem Dinge wollen erlebt haben . Nun , mir kann es recht sein . Dabei merke ich wohl , daß diese Korporation von Heiligen mich als den nahen Blutsverwandten selbst in eine Art Heiligthum gehüllt hat , und daß sie meinen Namen mit gehöriger Hochachtung betrachtet . Viel zu viel habe ich Dir nach Maßgabe Deiner geringen Verdienste geschrieben , ich fürchte fast , es ist ein bischen Langeweile dabei , mitunter denke ich , daß Du mir fehlst . Deine Schulden sind abermals bezahlt , der Kastellan von Berrystreet hat für Dich einige Wechsel . Buckingham . NB . Damit Du den Inhalt des rührenden Oheims- kennst , erfolgt hier die Abschrift . « - Sie lautete , wie folgt : » O , weigere Dich nicht länger , dem Einzigen zu folgen , der sich dem gefährlichen Unternehmen unterzog , Dich zu mir zu führen ! Ein schreckliches Geschick macht die edelsten Menschen zu meinen bittersten Feinden ; Du darfst Dich ihnen nicht vertrauen , ohne großes Elend über mich zu bringen . Glaube nicht , daß ich über die Thorheiten dessen blind bin , dem Du Dich vertrauen mußt , aber es blieb mir keine Wahl . Mir ist er ergeben , davon habe ich Proben ; muthig und treu ist sein Sinn . Folge ihm ohne Verzug , ohne Sorge , nur an Deinem Herzen kann ich die Schmerzen ausweinen , die mich zerreißen . Ich unterschreibe mich nicht , Du kennst Handschrift und Siegel . « Zwar war Membrocke vom Inhalte beider Briefe wenig erbaut ; doch sein Leichtsinn ließ ihn bloß im Hintergrunde die Reise nach Frankreich sehn und im nächsten Augenblicke die Sicherheit , jetzt das stolze Fräulein in seinen Besitz zu ziehen . Trotz Buckinghams Droh-Brief behielt er sich doch vor , die Angelegenheiten hier nach seiner Ansicht zu ordnen und , so viel sich nur erreichen ließ , für sich zu gewinnen , denn bei seinem Mangel an aller Achtung für Frauen zweifelte er nicht , daß eine Fluchtreise tausend Verhältnisse herbeiführen müsse , welche dann zu seinen Gunsten zu leiten , ihm immer noch ein Leichtes schien . - Für den Rest des Tages blieb Lady Maria in Gesellschaft der Lady Arabella auf ihrem Zimmer . Lord Ormond und Membrocke mußten beide daher ihre Ungeduld bis zum andern Tage zügelu . Als Lady Maria am andern Morgen zum Frühstück erschien , trug sie den unverkennbaren Ausdruck des tiefsten Grames ; ihr Antlitz war blaß , und ihre Augen schauten so groß und kalt und mit einem so trostlosen Ausdrucke umher , daß sie Niemand ohne Antheil sehen konnte . Sie blickte von Einem zum Andern in gleicher Theilnahmlosigkeit , und schob ihren Sitz zwischen die jungen Damen ein , die sie alle mit Beweisen der größten Zärtlichkeit überhäuften . Ormond blieb in der bewegten Stimmung , die ihm der so nah rückende wichtige Augenblick gab , lieber fern von ihrer Nähe . Membrocke aber genoß die stolze Sicherheit des nahen Gelingens und fragte wenig nach der kleinen Gunst , die zu erringen hier sehr zweifelhaft war . Er kündigte dagegen der alten Lady seine Abreise nach London an , da Seine Majestät die Gnade gehabt habe , ihn zu der Gesandtschaft zu ernennen , die zur hohen Vermählungsfeierlichkeit sich mit dem Herzog von Buckingham nach Frankreich begeben werde . Man hörte die Nachricht mit so wenig Betrübniß an , als irgend die Höflichkeit gestattete , und der Lord wendete nun seine gnädige Aufmerksamkeit ausschließlich der Marquise Danville zu . Richmond allein näherte sich der Lady Maria . Als er sie anredete , bebte seine Stimme , und als Maria ihre schwermüthigen Augen , von der seelenvollen Stimme ergriffen , zu ihm aufschlug , da strahlte ihr eine solche Fülle des Gefühls aus seinen Zügen entgegen , daß augenblicklich das verschwundene warme Leben in ihren Busen zurückkehrte , und ihre Züge den bezaubernden Ausdruck wieder annahmen , der ihnen so eigen war . Richmond konnte diese von ihm bewirkte Veränderung nicht verkennen , und er gab sich dem verführerischen Vergnügen hin , an dem Geiste dieses schönen Wesens sich zu erfreuen . Sie hatten beide ziemlich die Welt um sich her vergessen , und Richmond gewahrte zu spät , daß die Augen seiner Mutter in starrer Prüfung auf ihm ruhten . Er hörte nicht mehr , was Maria ihm sagte , noch ein Mal blickte er sie an , als wollte er den Ausdruck ihrer Züge mit sich hinweg nehmen , dann verließ er sie mit der kalten Höflichkeit , die er seit lange allein für ihr Verhältniß passend erachtet hatte . Maria versank aufs Neue in die Apathie , aus der sie nur augenblicklich gerissen schien , und als Lord Membrocke sich ihr mit Zuversicht näherte und sie um eine Unterredung bat , neigte sie bejahend ihr Haupt mit einer Ergebung , als könne keine Gewalt der Erde mehr das drohende Schwert von ihrem Haupte abwenden . Was ich jetzt von Euch noch zu hören habe , macht es kurz , Mylord ! sprach Lady Melville , als sie in einer halb offenen Säulenhalle , die der Lord zu seiner Audienz erbeten hatte , ihn sich ihr nahen sah . Sie hatte alle ihr noch mögliche Kraft und Besonnenheit hervorgerufen , um sich durch nichts überraschen oder verführen zu lassen , und hoffte noch immer , er werde die ihm . über sie verliehenen Rechte nicht genügend beweisen können . Lord Membrocke fand es leicht , den bescheidenen Mann zu spielen , da er im nächsten Augenblicke seinen Triumph feiern konnte , und indem er ihr ehrerbietig einen Sessel zuschob , blieb er in gemessener Entfernung vor ihr stehen . Mylady , hob er an , meine Worte sollen Euch nicht länger belästigen . Ich bin nur der Ueberbringer eines Schreibens , das wahrscheinlich beredter zu Euch sprechen wird , und ich bin blos hier , um zu hören , was Ihr , nachdem Ihr den Inhalt kennt , mir zu befehlen haben werdet . Mit diesen Worten entfaltete er langsam vor den ihn scharf beobachtenden Augen der Lady ein Portefeuille , aus dem er den verhängnißvollen Brief hervorzog . Leichenblässe und hohe Glut wechselten in den Zügen Maria ' s , als er ihn ehrerbietig . hinhielt . Sie griff darnach , als sie ihn aber gefaßt hatte und die ewig theuern Züge der Handschrift dieses geliebten Oheims zu erkennen glaubte , als diese Ueberzeugung noch durch den Anblick des Abdrucks seines Siegelringes verstärkt ward , unterlag sie ihren mächtig sie überraschenden Empfindungen , und mit einem Strom von Thränen sank sie in den Sessel zurück . Ach , sie hätte sich verachtet , wäre noch ein Zweifel in ihrem unschuldigen Herzen geblieben ; und ehe sie noch den Inhalt kannte , war sie schon entschlossen , jede Bedenklichkeit zu unterdrücken und Alles zu befolgen , was ihr darin aufgegeben würde . Mit der kindlichsten Ehrfurcht las sie nun die liebevollen Worte , die so viel Schmerz und so viel Liebe und Vertrauen zu ihr ausdrückten ; sie preßte sie endlich an ihre Brust , hob die in Thränen schwimmenden Augen wie zu einem kurzen Gebete zum Himmel und erhob sich dann völlig entschlossen von ihrem Sessel . Ich bin jetzt überzeugt , daß mein Oheim mich selbst zu sich beruft , daß er selbst meine Verschwiegenheit gegen meine Wohlthäter verlangt , daß mir kein anderes Mittel übrig bleibt , die Befehle meines einzigen mir gebliebenen Verwandten zu erfüllen , als - Euch zu folgen und heimlich zu folgen . Sie sprach diese Worte mit einem Widerstreben , daß sie trotz der Absicht , den Vertrauten ihres Oheims nicht mehr zu beleidigen , doch nicht zu unterdrücken vermochte . Ich war dieses Eurer so würdigen Entschlusses gewiß , erwiederte Membrocke , und habe daher Alles zu meiner Abreise vorbereiten lassen . Ich werde , wenn es Euch also gefällt , morgen Mittag öffentlich abreisen , am Abend zurückkehren , und Euch mit einem raschen Pferde und sicheren Gefolge am nördlichen Ausgang des Parkes erwarten . Ihr müßt Euch dahin begeben , so bald Ihr Alles in Ruhe wißt ; denn uns bleibt in dieser ersten Nacht ein bedeutender Weg zurück zu legen , um uns vor den gewiß erfolgenden Nachstellungen verbergen zu können . Er hatte sich beeilt , Alles , was nöthig war und sie in seinen Einzelheiten erschrecken mußte , in diesen Augenblicken der ersten Ueberraschung vor ihr auszusprechen . Sie stand sprachlos vor ihm und er hätte noch lange sprechen können , ohne daß sie ihn unterbrochen hätte ; denn sie schauderte , während er seinen Plan vor ihr entwarf , über die schreckliche Lage , in die sie sich durch diesen Entschluß versetzte . Ihre kindliche Liebe , ihr Pflichtgefühl , alles , was einen Augenblick früher sie über jede Rücksicht erhoben hatte , reichte nicht mehr zu , wenn sie nun zugleich der Vertraulichkeit und Gewalt gedachte , die sie diesem Manne einräumte , und des schmählichen Verdachtes , den sie in dem Kreise ihrer bisherigen Beschützer über sich zurück ließ . Die theuern Gestalten in all ihrer ernsten Tugend gingen mahnend an ihr vorüber . Ach , wie schwer war es , auf ihre Achtung zu verzichten ! Wie erschwerte es die Trennung von ihnen , die auch ohne diese Zugabe ihr Herz zu zerreißen drohte , so grausam ! Sie erwog die Möglichkeit , sich rechtfertigen zu können , sie wollte