! Der Segen des Ehestandes ! - Und was bringen denn nun diese schönen Dinge bei vielen hervor ? Daß sie einen Stillstand in ihrem Leben machen , daß die edelsten Verhältnisse , die unschätzbarsten Verbindungen ihren Reiz verlieren , die zarte Berührung mit dem Leben und den Menschen aufhört , und am Ende jene dumpfe Erstarrung eintritt , welche für das Ziel des Daseins ausgegeben wird . Man sollte daher auch über diesen Gegenstand natürlicher zu denken anfangen und sagen , daß der Staat der Sache bedürfe , um nicht selbst sich mit der Sorge für die Kinder befassen zu müssen , und folglich von Rechts wegen sie beschütze . Oder wenn man von einem Sakramente der Ehe und des Hauses reden wollte , so sollte man den Leutchen zurufen : Macht euren Bund durch ein erhöhtes Leben in Geist und Gemüt zum Sakramente , aber glaubt nicht , daß ihr den Stand der Gnade schon durch die Liebeleien des Brautstandes , durch das Wechseln der Ringe , und durch das Anschaffen von Linnen , Betten , Töpfen und Schüsseln erworben habt . « Sechstes Buch Medon und Johanna Nuptiae sunt conjunctio maris et foeminae , consortium omnis vitae , divini et humani juris communicatio . Modestinus Erstes Kapitel Die Reise ging ohne weitere Vorfälle Tag und Nacht fort . Eines Morgens rollte der Wagen durch breite , schnurgrade Straßen zwischen prächtigen Palästen hin und die Hauptstadt war erreicht . Der Postillon hielt vor einem geräumigen Gebäude , welches man für eine stattliche Privatwohnung hätte ansehen können , wenn nicht durch die eisernen Gitter vor den Fenstern seine Bestimmung klargeworden wäre . Hermann stieg aus und wurde eine breite Treppe hinaufgeführt . Auf der Mitte derselben kam ihm ein wohlgekleideter Mann entgegen , begrüßte ihn äußerst höflich und sagte : » Haben Sie die Güte , mir zu folgen , ich hoffe , Sie auf der Stelle entlassen zu können . « Oben im Verhörsaale öffnete sich eine Seitentüre und herein trat , von einem Schließer begleitet , der mecklenburgische Präses . » Kennen Sie den Herrn ? « fragte der Beamte den Mecklenburger . Dieser wälzte seine rollenden Augen nach Hermann und sagte : » Er ist der Bösewicht , der , Teutschlands Sache abtrünnig , auch uns mit vorgehaltner Pistole zum Abfall verleiten wollte . « - » Gut « , versetzte der Beamte sehr sanft , » bringen Sie , Schließer , den Mann wegen ungebührlicher Ausdrücke vor Gericht auf acht Tage in den einsamen Kerker bei Wasser und Brot ; und Sie , mein Herr , sind frei . « Nach der Entfernung des Präses erzählte der Beamte unsrem Freunde , daß ein Teil der Demagogen , welche dem Polizeikommissarius entgangen waren , sich in unbegreiflicher Verblendung nach der Hauptstadt gewendet habe , wo sie denn ihre unbedachte Einfalt gegenwärtig hinter Schloß und Riegel büßten . » Unter diesen befindet sich « , sagte er , » auch jener freche Mensch , welcher seines Verbrechens kein Hehl hat , vielmehr sich dessen rühmt . Er bekannte auf der Stelle die ganze Geschichte des sogenannten vierten Bundestags , und wie Sie , mein Freund , mehr wohl- als kluggesinnt , es unternommen hätten , die Versammlung zum Rücktritte von ihren Verirrungen zu bewegen . Nun waren in den obern Regionen allerhand Bedenken , ob man Sie nicht doch noch vorläufig festhalten müsse « , fügte der Beamte hinzu . » Diese hat ein Mann , der vielen Einfluß besitzt , zu überwinden gewußt ; ihm haben Sie daher für Ihre Freiheit zu danken . « » So bestände denn also das ganze Unglück darin , daß ich die Reise , die ich auf meine Kosten hätte machen müssen , auf die des Staats zurückgelegt habe ! « rief Hermann heiter . » Aber wo ist mein unbekannter großmütiger Wohltäter ? « Eine zweite Seitentüre öffnete sich , und ein großer , würdig , ja majestätisch aussehender Mann trat ein . » Glücklich los ? « fragte er Hermann mit freundlichem Tone . » Mein Herr « , erwiderte dieser , » niemals noch hatte ich das Glück , Sie zu sehn . Wer sind Sie ? Womit habe ich Ihre Güte verdient ? « » Ich finde es so natürlich , andern Ungelegenheiten zu ersparen , wenn man es kann , daß ich einen solchen Dienst nicht der Rede wert halte « , versetzte jener . » Zufällig wußte ich von Ihrer Reise , zufällig erfuhr ich , welche Hemmung Sie unterwegs angetroffen hätten , und zufällig ließ man mein Wort zu Ihren Gunsten gelten . Sie sind mir keinen Dank schuldig , denn in einem ähnlichen Falle erwarte ich dasselbe von Ihnen . Übrigens heiße ich Medon . « Wer beschreibt das Erstaunen Hermanns ? Er ging mit ihm die Treppe hinunter , keines Wortes mächtig . » Warum sind Sie doch so betroffen ? « fragte ihn Medon . » Freuen Sie sich lieber , daß Sie jemand , der Ihnen vermutlich wie ein Ungeheuer beschrieben worden ist , in ganz menschlicher Art und Gestaltung finden . Und nun entledigen Sie sich vor allen Dingen Ihrer Kommission und vertrauen Sie mir getrost den Brief an meine Frau , welchen ich nicht unterschlagen werde . « Hermann suchte den Brief aus dem Portefeuille , welches ihm wiedergegeben worden war , hervor , und sagte zu Medon : » Wie erfuhren Sie das , was meines Wissens niemand außer der Herzogin und mir bekannt war ? « » Die Herzogin « , versetzte Medon lächelnd , » welche nach Art der Frauen ihrer Natur entweder etwas halb tut , oder zuviel des Guten gibt , hatte den ersten Grundsatz der Diplomatie vergessen , durch Überraschung zu wirken , wenn man nicht mit ganz zureichenden Mitteln versehen ist . Sie vertraute ihren Plan einer hiesigen Bekannten und ersuchte sie , Johannen auf Ihren Empfang stimmend vorzubereiten . Die Gute , welche durch diesen Auftrag in einige Verlegenheit geriet , weil wir leider hier in ganz erträglichem Ruf und Ansehen stehn , suchte an dem verschwiegnen Busen einer Freundin Rat , welche ihrerseits , und so weiter ; Sie kennen diesen Hergang der Dinge . So kam es , daß wir Ihre Ankunft durch ein Stadtgespräch vorauswußten ; etwas verdrießlich für uns ; indessen läßt sich zu dergleichen nichts tun , man muß die abweichenden Ansichten der Menschen , besonders wo sich Stand und Befangenheit mit einmischen , schon in Geduld ertragen . « Er empfing den Brief der Herzogin , lobte die Handschrift der Adresse , und steckte ihn gleichgültig ein . » Ich würde Sie bitten , bei uns zu wohnen « , sagte er zu Hermann , » wenn wir nicht so beschränkt uns halten müßten , wie es überhaupt hier Ortssitte ist . Doch habe ich Ihnen ein Quartier nicht gar zu weit von uns gemietet , wo Sie aus Ihrem Fenster alle die neu aufsteigenden Bauten überschaun . « Er führte ihn nach einem großen Hause unter der Lindenallee der Stadt , in ein geräumiges heitres Zimmer . Wirklich überblickte Hermann von dort die großen , teils fertigen , teils der Vollendung entgegensteigenden Architekturmassen , zu welchen der Friede nun wieder die Kräfte und den Mut gegeben hatte . Medon verließ ihn , nachdem er ihn zu baldigstem Besuche eingeladen hatte . In ein neues wundersames Verhältnis zu freundlichen Feinden geklemmt , konnte Hermann den Schlummer nicht finden , durch den er sich auf die erzwungnen Nachtfahrten zu erholen gedachte . Er sprang von seinem Lager auf , und suchte in der Zerstreuung sich zu beschwichtigen . Er durchstrich die wohlbekannten Straßen und Plätze , erneuerte einige Bekanntschaften , und wünschte , daß der Tag vorbei sein möchte . An enghäusliche Zustände seit einiger Zeit gewöhnt , fühlte er sich ungeachtet der günstigen Wendung seines Schicksals in der weiten , breiten Stadt , unter den rasch und gleichgültig aneinander vorbeirennenden Menschenhaufen ziemlich unlustig . Daß er nunmehr am Sitze der Intelligenz sich befinde , ward ihm bald fühlbar . Denn er war noch nicht zwei Stunden in der Hauptstadt , als er bereits von mehreren Leuten aus der niedrigsten Volksklasse , mit denen er sich in nachfragende Gespräche eingelassen , ein unzweideutiges Verhöhnen seiner provinziellen Einfalt hatte erfahren müssen . Zweites Kapitel Einige Tage vergingen , bevor Hermann sich entschließen konnte , Medons Haus zu besuchen . Wie peinlich war seine Stellung Johannen gegenüber geworden ! Das Gefühl der Unhöflichkeit , welche in seinem Meiden lag , schien ihm erträglicher als der Gedanke an das Zusammentreffen mit einer Frau , welcher er , er mochte es deuten , wie er wollte , das Verletzendste überbracht hatte . Medon war einige Male gekommen , ohne ihn zu treffen , nachher hatte er diese Bemühungen eingestellt . Die alten Bekannten zeigten sich unverändert gegen ihn . Man wußte schon von seinem Abenteuer , die Männer lachten darüber , die Frauen , welche hier sämtlich sehr loyal waren , staunten seinen Heldenmut an , und beide Geschlechter vereinigten sich in dem Behagen , welches die Gesellschaft immer empfindet , wenn man ihr zu reden gibt . Er konnte in weniger Zeit einen großen Kreis durchlaufen , weil jedermann äußerst beschäftigt war , seine Stunden genau eingeteilt hatte , und man ihn nach fünf oder zehn Minuten überall gern entließ , um zu einer neuen Tagesobliegenheit übergehn zu dürfen . Freilich empfand er bald in diesem unruhigen Drängen , Treiben und Quirlen einen moralischen Schwindel . Um sich einigermaßen zu fassen , forschte er nach einem gemeinsamen Mittelpunkte aller dieser kurzen geistigen Wogenschläge , und fand denselben freilich da , wo er ihn am wenigsten wünschen konnte . Die Bewohner einer großen Stadt , von den auf sie einstürmenden Lebensreizen überdrängt , sind unfähig , wie die Pfahlbürger kleinerer Orte ihren stillen eigensinnigen Gang zu gehn . Ein Heerführer tut ihnen not , um ihr gefährdetes Inneres an ihn zu klammern . Es wird daher immer von Zeit zu Zeit irgend jemand Mode , welcher nun fast als ein weltlicher Messias dem der Erlösung aus Unsicherheit und Langeweile bedürftigen Geschlechte dasteht . Nicht selten entscheidet das Verdienst über die Wahl , mitunter freilich auch der Zufall , und im ganzen ist an diesem Vasallendienst auszusetzen , daß die Dauer dem Feuer , womit er begonnen wird , nicht gleichzukommen pflegt . Eben war Medon Mode geworden . In seinem Hause versammelten sich die bedeutendsten Gelehrten , Staatsmänner , Künstler und Dichter der Hauptstadt . Wohin Hermann hörte , überall vernahm er ein fast andächtig zu nennendes Lob . Die Männer wollten in ihm einen Charakter des Altertums finden . Es sei schön , sagten mehrere , daß einmal wieder jemand sich zeige , der ohne Gehalt , ohne Dienstpatent und Ordensband an den Geschäften des Staats teilnehme , denn man hielt es für ausgemacht , daß sein Rat bei manchen weitgreifenden Einrichtungen im stillen benutzt werde . Die Frauen schwärmten dagegen mehr über seine musterhafte Häuslichkeit . Kurz vor ihm war ein geistreicher Kopf Mode gewesen , welcher sich in witzigen Schlagreden auszeichnete , die seine Anhänger umhertrugen und groß nannten . An Medon fand man es dagegen groß , daß von ihm kein einziges Bonmot zu berichten sei , vielmehr das Anziehende der Erscheinung in ihrer ruhigen schlichten Kraft bestehe . Doch muß , um die diplomatische Treue dieser Denkwürdigkeiten nicht zu verletzen , bemerkt werden , daß mehr von Großartigkeit als von Größe die Rede war , denn dieses Zwitterwort besaß damals schon den Ruf , in welchem es sich noch jetzt erhält . Einem solchen Manne gegenüber , in diesem Ansehn gegründet , sollte also Hermann den Auftrag der Herzogin vollziehn . Ein tiefes , sonderbares Gefühl sagte ihm , daß sie recht habe , hörte er auf seinen Verstand , traute er so vielen klugen Leuten nur einiges Urteil zu , so mußte er seine Botschaft für unnütz und lächerlich erachten . Er konnte seinen Besuch nicht länger verschieben , und wählte dazu einen Abend , an welchem , wie er erfahren , bei Medon regelmäßig große Gesellschaft war . Unter vielen glaubte er am besten über die Verlegenheit der ersten Begegnung hinauszukommen . Wirklich waren die geräumigen , anständig verzierten Zimmer von den ausgezeichnetsten Personen mehr als gefüllt . Diplomaten , höhere Offiziere , Geschichtschreiber , Philologen , Länder- und Völkerkundige , Philosophen , Schriftsteller , Reisende und Maler standen in eifrig redenden Gruppen zusammen . Hermann wurde am Sofa der Frau vom Hause vorgestellt , trat aber , sobald es schicklich war , von ihr zurück und mischte sich unter die Redenden . Wie wohl fühlte er sich denn doch nach überwundner Beklemmung in diesem Kreise ! Politik , Geschichte , Sprache , die ganze Breite der Welt ging im Gespräche an ihm vorüber . Eine Masse von Ideen wurde angeregt , mit Einsicht besprochen und doch nicht erschöpft , sondern unendlicher Betrachtung aufbewahrt . Ein Strom des geistigen Lebens umwogte ihn , er fühlte sich engen kleinlichen Verhältnissen entrückt und wie nach einem stärkenden Bade auf heitrer Höhe . Der Philosoph verstand den Empiriker , dieser bekannte der Spekulation gegenüber die Grenzen seiner Kunde , die Praktiker ließen die Gelehrten gelten , und so umschlang ein Band gegenseitiger Achtung diesen Tauschmarkt , zu welchem die köstlichsten Güter : Kenntnisse und Wahrheiten , gebracht wurden . Eine ganz eigne Stellung nahm Medon zu seinen Freunden ein . Er enthielt sich des lebhaften Gesprächs und hörte viel zu . Waren aber die Meinungen zu ihrer letzten Divergenz gediehen , so wußte er auf die glänzendste Weise zu resumieren , wo dann jeder die seinige in so schöner Gestalt wieder erblickte , daß dem eifrigsten Streite ein allgemeines Wohlbehagen folgte , die Sache selbst freilich unerledigt blieb . Empfand nun Hermann schon am ersten Abende über diesen ihm neu gewordnen Verkehr die größte Freude , so läßt sich wohl denken , daß sein Fuß bald öfter das Haus betrat . Binnen kurzem genoß er den näheren Umgang der beiden Gatten , und erblickte ein Verhältnis , welches im Gegensatze zu der modernen Barbarei , klassisch genannt werden konnte . Hier hatte man die Ehe und das Haus nicht zum Polster nachlässiger Sitten gemacht ; die engsten Bande dienten nur dazu , Glanz und Strenge der feinsten Formen als etwas Natürliches herauszustellen . Selbst ein Anflug schmerzlicher Kälte , der ihm hin und wieder entgegenwehte , erhöhte den Ausdruck der Antike , welcher dieser Gruppe angehörte . Johanna trat wenig hervor , aber sie war eine der Frauen , hinter deren gemessnem Wesen man ein unendliches Lieben und Leiden vermutet . Von dem Briefe der Herzogin war nicht die Rede . Er schrieb an diese einige gefühlte Zeilen , worin er zwar die Ausrichtung seiner Kommission meldete , jedoch hinzusetzte , daß er die Umstände zu verschieden von seiner Erwartung gefunden habe , um ein ferneres persönliches Einwirken versprechen zu können . Drittes Kapitel In Medons Hause hatte er eine Dame kennengelernt , deren lebhafte Gesprächigkeit ihn anzog . Er folgte einer Einladung und war bald ihrem Kreise als willkommner Besucher einverleibt . Madame Meyer war eine enthusiastische Verehrerin des Schönen , besonders der bildenden Künste , in deren Wesen ihre Freunde ihr tiefe Einsichten zutrauten . Es machte auf Hermanns Augen einen sonderbaren Eindruck , als er zum ersten Male bei ihr vorgelassen wurde . Man führte ihn durch eine Reihe von Zimmern , worin Dämmrung und blendender Lichtglanz abwechselten . Denn , hatte er eins durchschritten , von welchem gemalte Fensterscheiben den Tag abhielten , so trat er in ein andres , in welchem goldgrundierte , heftig-bunte Gemälde die Wände bedeckten , und die Sehnerven sich fast verwundet fühlten . In diesem Hause war der eigentliche Sammelplatz der Künstler und Kunstfreunde , welche bei Medon mehr nur wie Zugvögel einsprachen , weil man ihm anmerken konnte , daß , so gefällig er auch auf artistische Gespräche einzugehn , und so verständig er sie zu führen wußte , sein Sinn und seine Neigung doch mehr andern Gebieten zugewendet waren . Zwei Abende in der Woche waren zu regelmäßigen Zusammenkünften bestimmt , in denen man sich über Gegenstände des Fachs unterhielt , Stein- und Handzeichnungen besah . Blieb nach diesen Beschäftigungen noch Zeit übrig , so pflegte man im Konzertzimmer Musik zu machen , zu welcher meistenteils altkatholische Hymnen auserwählt wurden . Madame Meyer hatte dieses Gemach wie eine kirchliche Kapelle aufschmücken lassen , und sich eine wohlklingende Haus- und Handorgel zu verschaffen gewußt . Das Bild der heiligen Cäcilia , augenscheinlich der ältesten Kunstepoche angehörend , wenn hier nicht etwa eine geschickte moderne Nachahmung sich ins Mittel geschlagen hatte , sah von einem Pfeiler hernieder . Da nun die Besitzerin , um die Illusion auf das Äußerste zu treiben , in diesen künstlichen Raum Altärchen und Meßbüchlein , ja sogar ein ewiges Lämpchen hatte stiften lassen , so befand man sich wirklich in der angenehmsten Täuschung , welche nur dadurch hin und wieder unterbrochen wurde , daß die Bedienten auch dort ohne Scheu mit dem Teebrette umhergingen , und die Gäste die geleerten Tassen nicht selten auf den Sockeln der Pfeiler , ja wohl gar auf dem Altare absetzten . Ein junger Dichter erhöhte von Zeit zu Zeit die Mannigfaltigkeit dieser Abende . Er hatte unternommen , das Leben der größten Maler in Terzinen zu beschreiben , war so gefällig , aus diesem Werke , wie es fortrückte , vorzulesen , und so durfte jeder , welcher an den Soireen der Madame Meyer teilnahm , hoffen , nach und nach die Kunstgeschichte in geglätteten Versen kennenzulernen . Es war um die Zeit , als die » Herzensergießungen des Klosterbruders « das Volk zu entzünden begannen , nachdem sie viele Jahre hindurch nur in einem engen Kreise weniger Geweihter Einfluß bewiesen hatten . Jetzt ist diese Zeit fast auch schon wieder verschollen . Wer erinnert sich aber nicht noch jenes Sturms und Dranges nach Kirchenfenstern , Schnitzwerk in Holz und Elfenbein , nach unscheinbaren Tafeln , auf welchen man , wenn Schmutz und Moder weggenommen waren , endlich ein rundes altdeutsches Gesicht erblickte . Madame Meyer teilte ganz diese Leidenschaft , ihr beträchtliches Vermögen gab ihr die Mittel , ein ansehnliches Besitztum jener Art um sich zu versammeln . Jedoch hielt sie , besonders was Gemälde anging , streng auf die älteste Periode , welche ihr allein Andacht und Begeisterung wiederzustrahlen schien . Von Raphael hätte sie vielleicht noch etwas an- und aufgenommen ; wer ihr aber mit einem Guido , oder gar mit einem der Caraccis nahegekommen wäre , würde sie gewiß tief verletzt haben . Ihr Kreis widersprach diesen Meinungen nicht , wiewohl man versucht sein konnte , manche Glieder desselben , namentlich die Bildhauer , andres Sinnes zu vermuten . Indessen mochte niemand es gern mit der angenehmen Wirtin verderben , welche die Güte und Gefälligkeit selbst war . Hermann , der sich überall zu finden wußte , beschloß , diese Gelegenheit , seine Kenntnisse zu erweitern , treulich zu nützen . Jene älteste Kunstregion war ihm , so gut , als fremd , jetzt suchte er sich nun auf alle Weise an den byzantinischen Tafeln aufzuklären . Die liebenswürdige Witwe war seine gewissenhafte Führerin durch diese Schätze , und ein steigendes Wohlwollen ließ sich ihrerseits bald nicht mehr verkennen . Die Gespräche der Künstler waren ihm immer lehrreich , besonders wenn sie die Empirie berührten . Weniger fand er sich erbaut , sobald die Unterredung zum Allgemeineren emporstieg , oder gar einen philosophischen Charakter annahm . Es war viel von der Auferweckung eines früheren , verlorengegangnen Stils die Rede , von der Wahl religiöser Momente , von dem Bunde der Kirche mit den Künsten , ohne daß ihm Gelegenheit gegeben wurde , bei diesen Worten etwas Bestimmtes zu denken , oder Hoffnungen auf das Gelingen eines Werks zu schöpfen . Ja , er nahm sogar bald wahr , daß hier mehr ein berechneter Austausch gewisser übereinkömmlicher Redensarten , als das Bekenntnis eines festen Glaubens und Erwartens zu walten schien . Wollte ihm jedoch diese Affektation Unbehagen verursachen , so stellte die Freundlichkeit der Wirtin immer bald seine Heiterkeit wieder her . Sie fühlte sich im Besitze ihrer Altertümer , und in dem Umgange mit den ersten Talenten der Hauptstadt so wohl , daß das Vergnügen , welches sie empfand , zum Teil wenigstens auf jeden übergehn mußte , der sich ihr näherte . Dabei tat es vielleicht auch etwas , daß die Augen an der noch immer sehr hübschen Frau , welche nur für ihre Fülle etwas zu klein war , ihre Rechnung fanden . Unerwartet führte ihn diese neue Bekanntschaft Johannen näher . Madame Meyer verehrte Medon und liebte seine Gattin zärtlich . Diese schien sich bei der Freundin wohler als im eignen Hause zu befinden , wo man ihr oft ein seltsam gespanntes Wesen ansah . Unter den fremden Umgebungen ruhte sie von unbekannten Schmerzen aus . Dort , in einem artigen , von mattlieblichem Lampenlichte erhellten Seitengemache , in welchem Madame Meyer die freundlichsten Madonnenköpfe versammelt hatte , pflegte sie zu sitzen , die großen , schönen Augen wie in eine weite Ferne richtend . Ihre Züge , welche sonst etwas Strenges hatten , bekamen in dieser milden Dämmrung einen unendlich sanften Ausdruck , selbst ihre Stimme wurde weicher . Hier fand sich Hermann , so oft er nur konnte , zu ihr , und manche Stunde verfloß ihnen beiden dort unter traulichen Gesprächen , während die andern sich in den hellerleuchteten Sälen mit Dürer und Hemling beschäftigten , oder den Chorälen Leos in der Kapelle horchten . In diesem Lichte , auf diesen Tönen schwebten ihre Worte am liebsten zu frühen Bildern zurück ; in der Nähe dieser Frau trat ihm seine erste Jugend wunderbar nahe , er wurde ganz Erinnrung , während sie die zarten Ranken aufblühender Hoffnungen an seine mutige Kraft zu knüpfen schien . » Was machen Sie nur mit Johanna ? « fragte ihn Madame Meyer . » Wir andern haben gepredigt und gescholten , um sie aus ihrer Resignation , worin sie nur noch mit den abgeschiednen Geistern der Vergangenheit zu leben schien , emporzurichten , aber alles war vergebens . Nun kommen Sie , und schon spricht sie von Reisen , Festen , die sie geben will , Bekanntschaften , die sie anzuknüpfen vorhat , kurz von lauter zukünftigen , angenehmen und vergnüglichen Dingen . « Die Gesellschaft unterhielt sich bereits von dem vertraulichen Verhältnisse beider . Und doch hatte sie unrecht . Hier war keine Spur von Leidenschaftlichkeit , von trübem Verlangen . Es war ihnen natürlich , zusammen zu sein ; sie folgten dieser Notwendigkeit , ohne selbst davon zu wissen . Eines Abends sagte Johanna zu ihm : » Wie preise ich meine Freundin glücklich , daß sie an diesen Zimmern , Gemälden und Putzsachen ihr Vergnügen haben kann ! Ich mag das alles auch , es ergötzt mich sogar , und doch wäre es mir nicht möglich , mich mit diesen oder andern dergleichen Dingen zu beschäftigen . Ach , die Natur ist oft recht grausam ! Man spricht von Mannweibern , man spottet ihrer , man glaubt von jeder Frau , welche sich nicht mit Kleidern , Zierat , oder , wie es jetzt Mode wird , mit Kunstsachen zu behaben weiß , oder keine Kinder , als eine andre Art von Spielwerk , um sich herstellen kann , sie gehe aus hochmütigem Gelüste über die Grenzen des Geschlechts hinaus , und doch ist es oft nur unser Eigenstes , des Weibes Kleinod und Perle , die tiefe Sehnsucht , das heiligste und hülfloseste Liebesbedürfnis , welches zu solcher Einsamkeit verdammt ! « » Sind Sie so unglücklich ? « fragte Hermann , und faßte teilnehmend ihre Hand . » Sehr ! « versetzte sie . - Er wagte die schüchterne Bitte um volles Zutraun . » Auch dazu wird die Stunde kommen « , antwortete sie , indem sie sich erhob . » Mein Schicksal ist wohl entschieden , aber der Himmel zeigt sich wenigstens darin der Geknickten gnädig , daß er ihr eine Stütze sendet , an welcher sie dem Kloster oder sonst einer verborgnen Freistätte entgegenwanken kann . « Viertes Kapitel Die Errichtung und Ausstattung des großen , den Kunstsammlungen des Staats gewidmeten Baues beschäftigte damals in hohem Grade die Gemüter . Schon überdeckte die Wände das Dach , Maler und Vergolder waren im Inneren tätig , man mußte nun daran denken , wie der aufgespeicherte Vorrat einzuordnen sei . Von allen Orten und Seiten her hatten diese Schätze sich zusammengefunden ; es war die Absicht der Herrschenden , daß die durch glorreiche Kriegstaten wiedererrungne Macht sich im mannigfaltigsten Besitze abspiegeln sollte . Nur über das Wie ? herrschte einige Verlegenheit . Nach der Weise früherer Zeiten auf das Geratewohl die vorhandnen Bilder aufhängen zu lassen , und nur dafür zu sorgen , daß jedes wertvolle Werk ein ziemliches Licht erhalte , war der Klarheit des Bewußtseins , womit in dieser großen Stadt alles betrieben wurde , durchaus zuwider . Es sollte , wie man sich hier auszudrucken pflegte , eine Idee im neuen Nationalmuseum herrschen , die Geschichte der Kunst sollte aus der Sammlung hervorleuchten , und zwar nicht eine Kunstgeschichte , wie sie herkömmlich falsch bisher überliefert worden , sondern die gereinigte , welche die neusten archäologischen Forschungen geschaffen haben . Hier zeigte sich nun aber , daß die Bestrebungen scharfsinniger Geister denn doch nur erst bis zum Zweifel geführt hatten . Die Zeitfolge , das Verhältnis der Schulen war angefochten worden . Ungewiß erschienen die Zeichen der Meister . Warnend hatten die Kenner auf die ausgebildete Technik so mancher geschickten Kopisten aufmerksam gemacht . Kurz diejenigen , welchen die Sorge des Geschäfts anvertraut worden war , trieben in einem Meere von Bedenken und Einwürfen um . Man wollte sicher zu Werke gehn , und sein Gewissen vor der Schande bewahren , einen Cinquecentisten übersehen oder irrtümlich angenommen zu haben , und über diesem kritischen Bestreben gelangten die Werkleute nicht zum Einschlagen der Nägel . Das Schlimmste war , daß , da Laien und Frauen eifrig mit einzureden begannen , und eine siegreich durchgeführte Meinung die Aussicht auf eine wohlausgestattete Pfründe bei der neuen Anstalt gab , die Leidenschaften sich mit in das Spiel mischten . Bald stritten die Kenner persönlich und feindselig gegeneinander , und man beobachtete in dieser Angelegenheit nicht immer die Urbanität , wozu die schönen Künste führen sollen . Eine andre Schwierigkeit entsprang aus der Beschaffenheit der vorhandnen Sachen . Man hatte vieles , aber unter diesem Vielen , was zum größeren Teile ganz gut war , gab es keine eigentlichen Haupt- und Glanzbilder ; es fehlten die Fürsten der Säle , um welche sich das übrige gruppieren ließ , solche Werke , welche einer Sammlung erst die rechte Haltung geben . Nimmt man nun dazu , daß eine bedeutende Partei , welche die Kunst vom ideellen Gesichtspunkte betrachtete , gegen die Aufnahme des Genres und der Landschaft sich erklärte , während andre , realistisch gesinnt , sich ebenso entschieden dafür aussprachen , so wird man einen Begriff von dem Chaos haben , in welches die beste und hochherzigste Gesinnung der Waltenden eine Menge verständiger Männer und Frauen gestürzt hatte . Was Madame Meyer betraf , so versetzte sie dieser Streit , so oft er bei ihr anzuklingen begann , in die übelste Lage . Sie hatte sich über die früheste Periode der Kunst so ziemlich unterrichtet , und da ihr hier und in Beziehung auf ihre Sammlungen keine unhöfliche Gegenrede der künstlerischen Freunde beschwerlich fiel , so wußte sie , wenn die Betrachtung sich in jenen Regionen verhielt , ein auslangendes Gespräch zu führen . Aber sobald man die erwähnten Streitpunkte aufregte , fühlte sie sich ganz verlassen , und indem sie als Sachverständige doch mitzureden die Pflicht empfand , gleichwohl eigentlich nichts beizubringen imstande war , kam nichts ihrer Verlegenheit gleich . Diese wurde ihr um so häufiger bereitet , als grade die gelehrtesten und hartnäckigsten Kämpfe sich nicht selten auf den Teppichen ihrer Zimmer entspannen . Welchen Stoff dieser Bilderstreit den lustigen Köpfen der Stadt , die allem ihre Einfälle anzuheften pflegen , gegeben , läßt sich denken . Ein Spottvogel äußerte , die Gemälde würden nicht eher hangen , als bis die Gelehrten hingen ; und ein andrer versetzte auf die Frage , wann die große Galerie zustande kommen werde : » Nach dem Dreißigjährigen Kriege . « Plötzlich erschien inmitten dieser Bewegungen ein fremder Handelsmann , welcher durch Gunst des Geschicks in Italien , Flandern und Deutschland die seltensten Stücke zusammengebracht hatte . Er kramte seine Sachen aus , und stellte sie in dem hellen Saale eines großen Gasthofs den Schaulustigen zur Betrachtung auf . Nicht leicht hatte man einen bestimmten Abschnitt der Kunstgeschichte in so stetiger Folge überschaut , als hier . Die Sammlung umfaßte den Zeitraum vom dunkelsten Altertume vor Cimabue bis auf Raphaels Jugend ; allem Späteren hatte der Besitzer Neigung und Geldbeutel versagt . Hier taten einem unter allem dem Gold , Lack , und bunten Farbengetümmel im eigentlichen Sinne des Worts die Augen weh . Niemand konnte einem so zusammenstimmenden Ganzen seine Achtung versagen , ohne daß gleichwohl der Gedanke entstand , diese Anhäufung von Inkunabeln werde einer in umfassenderem Sinne zu behandelnden Sammlung von erheblichem Nutzen sein . Madame Meyer geriet bei dem Anblicke der glänzenden Tafeln fast außer sich und der junge Dichter teilte ihr Entzücken . In seinen Produkten erschienen seitdem noch mehr Bronnen und Wonnen , Lichtstrahlen und Waldesnächte , Engelsköpfe und Tauben des Heiligen Geistes . Sie aber vernachlässigte über diesen Genuß fast eine Zeitlang ihre Freunde und den musikalischen Gottesdienst in der künstlichen Kapelle . Es war wunderbar anzuhören , auf welche Weise der Handelsmann in die enthusiastischen Reden dieser beiden Begeisterten einstimmte . Er hatte , von klugen , mit dem Geiste der Zeit vertrauten Männern unterstützt , das