aber das ist nicht zu verkennen , daß er sich jetzt lauter ausspricht . Wenn dieß ist , erwiederte sein Oheim , so kann man ihn mit Klugheit für edle Zwecke benutzen , ohne ihn zu theilen . Zu dieser Höhe der Tugend kann ich mich nicht erheben , rief der junge Graf ; ich hasse alle Franzosen von ganzem Herzen und will meine besten Kräfte daran setzen , sie zu vernichten . Hassen Sie auch St. Julien und Dübois ? fragte der Graf , und sein Verwandter blickte verwirrt vor sich nieder und sagte endlich : Diese machen eine Ausnahme ; sie sind weit davon entfernt , den Druck zu billigen , den uns ihre Landsleute mit so empörender Anmaßung empfinden lassen . So lassen Sie uns denn , sagte der Graf , den Uebermuth , die Anmassung hassen und alle Kräfte anwenden , um von dem unwürdigen Druck , unter dem wir leiden , uns zu befreien . Daß dieß nicht ohne gerechten Zorn gegen die Unterdrücker geschehen kann , ist natürlich ; aber warum wollen Sie deßhalb der unedeln Empfindung des Hasses Raum in Ihrer Brust gestatten ? Der Zorn kann den Menschen erheben , der Haß wird ihn immer ungerecht machen und deßhalb erniedrigen . Ich verstehe nicht so fein zu unterscheiden , sagte der junge Graf , ich fühle nur , wie glühend ich Napoleon hasse , und kann mir diese Empfindung nicht abläugnen , setzte er mit einiger Heftigkeit hinzu , obgleich ich fürchten muß , daß sie mich in Ihren Augen erniedrigt . Der Haß , sagte der Graf , ist eine eben so wunderbare Empfindung in der Brust des Menschen , wie die Liebe ; ja Sie können mit dieser Gluth des Herzens gar nicht hassen ohne eine Beimischung von Liebe und Bewunderung für den gehaßten Gegenstand . Wie ! rief der junge Graf überrascht , ich sollte Napoleon lieben ? Mißverstehen wir uns nicht , sagte sein Oheim . Sie erkennen ohne Zweifel viele Vorzüge des Geistes in Napoleon , Sie müssen ihn als Feldherrn oft bewundern und als Staatsmann zuweilen achten , und es erregt eben Ihren Haß , daß er die Vorzüge des Geistes und das Glück seiner Waffen mißbraucht , um die Welt mit Krieg zu verheeren , die Völker zu unterdrücken und im Uebermuthe seines Glückes den heiligsten Empfindungen Hohn zu sprechen . Würden Sie in dem allgemeinen Feinde gar nichts Achtungswerthes finden , so würden Sie Ihr Gefühl nicht selbst glühend nennen , sondern ein kalter , auf Verachtung begründeter Haß würde Ihre Brust erfüllen , und dieser würde alles Andere eher , als eine Begeisterung gegen den gemeinsamen Feinb hervorrufen . Unser Gespräch hat uns weit von dem Gegenstande abgeführt , sagte der junge Graf , den ich zu berühren wünschte . Ich glaube nicht , erwiederte sein Oheim , denn ich bezweifle nicht , mein lieber Vetter , daß Sie seit Kurzem zu einem Bunde gehören , der sich vorzüglich auf Tugend gründen will , und darum haben wir uns wohl nicht zu weit von unserm Gegenstande entfernt , wenn wir gemeinschaftlich überlegen , welche Art von Zorn oder Haß mit der Tugend im Bunde sein kann . Da sein junger Verwandter mit Bestürzung schwieg , setzte der Graf hinzu : Ich will Ihnen kein Geheimniß entreißen und bin auch hiezu um so weniger berechtigt , als ich , um jedes Mißverständniß zu vermeiden , zugleich erklären muß , daß ich nach meinen Grundsätzen zu keiner geheimen Gesellschaft gehören kann . Sie würden sich also ausschließen , fragte sein Verwandter mit Bestürzung , wenn alle Edeln sich zu vereinigen strebten , um einen Zustand zu endigen , der uns alle erniedrigt ? Keineswegs , sagte der Graf , und ich hoffe noch den Zeitpunkt zu erleben , wo ich es beweisen kann , daß mein ganzes Vermögen und der letzte Tropfen meines Blutes meinem Könige und meinem Vaterlande gehören ; aber ich bin nicht für geheime Gesellschaften , obgleich ich es einsehe , daß Verhältnisse eintreten können , in welchen sie beinah nothwendig werden , und ich nicht so blind bin , nicht erkennen zu wollen , wie schwer , ja beinah unmöglich jetzt ein öffentliches Zusammentreten der Guten sein würde ; das traurige Ende des unglücklichen Palm hat uns gezeigt , wie weit die Machthaber im Stande sind zu gehen . Aber auch im gegenwärtigen Augenblicke kann ich solche Vereinigung nur wie ein nothwendiges Uebel betrachten . Es ist mir diese Ansicht um so mehr befremdend , sagte der junge Graf , als ich die Ueberzeugung habe , daß die bedeutendsten Staatsmänner entweder selbst an dieser Verbindung Theil nehmen oder sie doch wenigstens beschützen . Sie haben vielleicht eine ähnliche Ansicht von der Lage der Dinge , wie ich , erwiederte der Graf . Auch kann eine Verbindung kaum eine heimliche genannt werden , sagte sein junger Verwandter , die in allen ihren Bestrebungen von den einsichtsvollsten Staatsmännern gekannt und gebilligt wird . Eben darum , erwiederte sein Oheim , wird sie , geleitet von diesen Männern , in der nächsten Zeit unendlich viel Gutes leisten . Aber wenn die Drangsale der Gegenwart vielleicht besiegt sein werden , wird sie sich dann ruhig auflösen , wenn der angegebene Zweck erfüllt ist , oder wird sie fortbestehen wollen , um andere Zwecke , die ihr jetzt fremd sind , zu verfolgen ? Dieß ist eine Frage , die Sie mir nicht beantworten können , und dieß ist die Ursache , weßhalb ich mich unmittelbar nicht anschließen und durch keinen Eid mit einer Gesellschaft verbinden kann ; auch bin ich nicht mehr jung genug , um unbedingt fremden , unbekannten Obern folgen zu können , da ich seit lange gewohnt bin , nach eigener Einsicht zu handeln . So wäre denn die Hoffnung meiner Freunde und meine eigene auf Ihren Beistand vergeblich ? sagte der junge Graf . Das nicht , erwiedete sein Oheim , wenn ich auch nicht unmittelbar zu Ihrer Verbindung gehöre , so bin ich doch von ganzem Herzen bereit , jeden einzelnen guten Zweck , den Sie zu erreichen streben und mir mittheilen wollen , damit ich beurtheilen kann , ob auch ich ihn für gut halte , aus allen Kräften zu unterstützen , besonders wenn Sie mir versprechen wollen , sich sogleich von dieser Verbindung zu trennen , so bald der jetzt angegebene Zweck , die Befreiung des Vaterlandes von den Franzosen , erreicht ist . Wenn das erreicht ist , sagte der junge Graf mit glühenden Wangen , wofür wir alle bereit sind , unser Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergießen , wenn wir unser Vaterland vom fremden Drucke befreit sehen , wenn unser König wieder in der Mitte seiner Unterthanen mit Ruhe und Sicherheit für das Wohl Aller wachen , und Milde und Gerechtigkeit üben kann , dann bedarf es keiner Verbrüderung mehr , und gewiß kehren dann Alle wieder ruhig unter den Schutz der Gesetze zurück . Habe ich Ihr Wort , daß wenigstens Sie so handeln werden ? fragte der Graf . Gewiß , erwiederte sein Verwandter , indem er die dargebotene Hand des Oheims ergriff . Unter solchen Bedingungen , sagte dieser , können Sie mich gewissermaßen als ein Ehrenmitglied Ihrer Vereinigung betrachten , deren von mir gekannte und gebilligte Absichten ich aus allen Kräften unterstützen werde , und deren jetziges hochwichtiges Bestreben ich keinesweges verkenne . Es wurde über diesen in der damaligen Zeit höchst wichtigen Gegenstand noch Vieles gesprochen und erörtert , und der Graf sagte endlich : Nachdem wir nun so viel über öffentliche Angelegenheiten gesprochen haben , sollten Sie mir denn nichts über Ihr eigenes Glück zu vertrauen haben ? Der junge Graf bekannte seinem Oheim die lang genährte zärtliche Neigung für die schöne Therese und den Vorsatz , ihr seine Hand anzubieten , obgleich er ihr kein glänzendes Loos versprechen könne . Der Oheim billigte sein Gefühl für ein zärtliches , edles Wesen , dessen Neigung für seinen Verwandten er lange errathen hatte . Er freute sich über eine Verbindung , die , wie er glaubte , Beide beglücken müsse , und schloß endlich , indem er lächelnd sagte : Und nun lassen Sie auch mich Ihnen einen Plan mittheilen , den ich seit einiger Zeit mit stillem Vergnügen innerlich ausbilde , und der Ihr häusliches Glück und Ihr öffentliches Wirken vereinigt fördern könnte . Der junge Graf erwartete mit Spannung , was sein Oheim ihm mittheilen wolle , und dieser fuhr fort : Sie haben , mein lieber Vetter , so vieles Trübe im Leben erduldet , daß dieß einigermaßen in Ihren Charakter überzugehen droht ; deßhalb wäre es mein Rath , daß Sie ein Jahr Ihres Lebens daran wendeten , diesen Trübsinn wieder los zu werden und von der Welt etwas mehr kennen zu lernen , als den engen Raum , auf dem Sie sich bis jetzt unter ungünstigen Umständen bewegt haben . Dabei könnten Sie die Gesinnungen in Deutschland mit Behutsamkeit zu erforschen streben , vielleicht auch Verbindungen knüpfen , die in der Zukunft für Ihre Pläne dienlich wären ; zugleich könnten Sie sich die nöthigen Kenntnisse von der Landwirthschaft verschaffen , einen tüchtigen Mann in diesem Fache zu Ihrem Beistande auffinden , und wenn Sie mit einem solchen nach einem Jahre zurückkämen , dann würde ich Ihnen meine Güter zur Verwaltung übergeben und die Bedingungen natürlich so einrichten , daß Ihnen bedeutende Mittel bleiben , Ihre Pläne zu verfolgen ; dann könnten Sie Neuerungen einführen , ohne aufzufallen ; Sie könnten die Schulen verbessern und die Jugend in den Waffen üben , und käme die Zeit , so könnten Sie die jungen Landleute von meinen und Ihren Gütern wohl bewaffnet und wohl geübt dem Könige zuführen , und an deren Spitze selbst für unser aller Wohl fechten . Der junge Graf war entzückt über diesen Plan , nur betrübte es ihn , daß er sich von Neuem von seiner schönen Freundin trennen sollte . Auch für diese , sagte sein Oheim , ist ein Aufschub ihrer Verbindung heilsam . Das arme Kind hat so vielen Druck des Lebens erduldet , daß ihre Gesundheit darunter gelitten hat ; lassen Sie diese sich jetzt erst wieder befestigen und gönnen Sie ihr die Zeit , unter Anleitung der Gräfin ihre Bildung zu vollenden , die sie , durch ungünstige Umstände verhindert , früher hat versäumen müssen , und die sie um so weniger entbehren kann , da sie die Leitung eines Hauses , die Sorge für eine entstehende Familie ohne den Beistand einer erfahrnen Mutter übernehmen muß . Der junge Graf umarmte mit dankbarem Entzücken seinen gütigen Oheim und ging freudig in dessen wohlwollende Pläne ein . Es wurde nun noch beschlossen , die Mutter des jungen Grafen und seine Schwestern in Breslau wohnen zu lassen , damit die Erziehung der letzteren dort vollendet werden könne , und der junge Graf sowohl , als sein Oheim faßten den ernsten Entschluß , jede unnütze Ausgabe zu meiden , um den Ueberschuß ihrer Einkünfte zum Wohle des Vaterlandes verwenden zu können . Zuletzt erinnerte noch der Graf seinen Vetter an die Nothwendigkeit , die stattgefundene Unterredung dem Obristen Thalheim in so weit zu verschweigen , in wie weit sie das Wohl des Vaterlandes betraf , weil bei dessen heftiger Liebe für den König und daraus entspringendem heftigem Haß gegen dessen Feinde nicht Vorsicht genug von ihm zu erwarten war , und er also leicht , ohne es zu wollen , in freudiger Hoffnung Dinge verrathen könne , die durchaus verschwiegen bleiben mußten . Von neuen entzückenden Hoffnungen erfüllt erschien der junge Graf mit seinem Oheime zum Frühstück im Saal , wo man Beide schon erwartete . Aber er konnte nicht Theil nehmen an heiteren Gesprächen ; er sehnte sich nach der Einsamkeit und verließ deßhalb die Gesellschaft bald , um auf einem langen einsamen Spaziergange die mannigfachen Gefühle in seinem Busen gegen einander auszugleichen . Zum ersten Mal lachte ihm das Leben in heiterem Glanze entgegen , die Sehnsucht seiner Liebe , die er bis jetzt nur zaghaft zu nähren gewagt hatte , sollte nun auf ' s Schönste befriedigt werden , und zugleich zeigte sich ihm ein Weg , seine begeisterte Liebe für seinen König und sein Vaterland thätig zu beweisen , und er fühlte in dem Maße den persönlichen Haß in seiner Brust sich mildern , als sich ihm die Mittel zeigten , seiner Liebe genug zu thun ; so daß er sich leise im Inneren gestehen mußte , daß sein Oheim wohl Recht haben möge in seiner Andeutung , daß Liebe und Zorn vereinigt zu Thaten begeistern können , der Haß aber eigentlich durch das Gefühl der Ohnmacht erzeugt wird . Er dachte an seinen unglücklichen Vater , an dessen feindliche Stimmung gegen alle Menschen , und wie auch dessen Haß aus dem Gefühle entsprungen sei , daß er sich nicht aus den ihn bedrückenden Verhältnissen loszuwinden vermöge . Ach , armer Vater ! seufzte er , wenigstens darin hattest Du Recht , daß sich mein Loos glücklicher gestaltet , und daß es nicht Tugend in mir ist , wenn mein Herz wärmer für die Menschen schlägt , als das Deine , von Allen mißhandelte . Mit Beschämung dachte er daran zurück , in welcher feindlichen Stimmung er das Haus seines Oheims das erste Mal betreten hatte , dem er nun Alles verdanken sollte , die beglückende Befriedigung seiner innigen Liebe und die stolze Hoffnung , die seinen Busen erweiterte und schwellte , so oft sie in seinem Geiste Raum gewann , daß er einst an der Spitze von Braven dem gemeinsamen Feinde entgegen rücken und zur Befreiung des Vaterlandes beitragen würde . Er hatte sich , vertieft in solche Gedanken , weit vom Schlosse entfernt , ohne es zu bemerken , und suchte nun den Rückweg durch anmuthige , enge Schluchten , indem er dem Laufe der Bäche folgte . Er erreichte endlich die Ebene wieder , bemerkte aber , daß er sich dem Garten seines Oheims von der entgegengesetzten Seite des Schlosses her näherte . Ein Diener , der den kürzeren Weg zu einer nahe gelegenen Mühle gehen wollte , öffnete eben die Hinterthüre , die auf eine mit Bäumen bewachsene Wiese führte , und der junge Graf benutzte die Gelegenheit , den Garten von dieser Seite zu betreten . Wie er durch die schattigen Gänge hinging , hörte er mit Befremden ganz in der Nähe Schüsse fallen , und als er sich eilig der Gegend näherte , woher der ihn beunruhigende Schall kam , mäßigte er bald seine Schritte , denn er hörte St. Juliens Gelächter und erreichte auch bald eine kleine Ebene , die durch eine leichte Einfassung von dem übrigen Garten getrennt war , und die St. Julien zum Platze für Waffenübungen bestimmt zu haben schien , denn er und der junge Gustav waren eben damit beschäftigt , nach dem Ziele zu schießen , und St. Juliens Gelächter erscholl jedes Mal , so oft der junge Mensch fehlte . Der junge Graf hielt sich nah verborgen und bemerkte , daß St. Julien meisterhaft schoß , mit sicherer Hand und geübtem Auge beinah niemals fehlte , daß aber auch sein junger Freund nicht so viel Spott und Tadel verdiente , wie ihm durch seinen wohlwollenden Lehrer zu Theil wurde . Jetzt ist genug Pulver verdorben , hörte er St. Julien endlich sagen , jetzt zu den andern Waffen , und die Rapiere wurden von Beiden ergriffen , und hier erndtete der Schüler selbst von seinem Meister Lob . Der junge Graf hatte der Waffenübung eine Zeitlang mit Theilnahme zugesehen , ehe er seine Gegenwart bemerken ließ . Er betrachtete mit einem sonderbaren Gefühle den Eifer , welchen der junge Franzose anwendete , seinem aufmerksamen Schüler den Gebrauch der Waffen zu lehren , und konnte sich nicht enthalten , schaudernd an die Möglichkeit zu denken , daß dieser die erlernten Vortheile ein Mal gegen den Lehrer selbst anwende . Ja er dachte daran , daß er selbst , wenn seine Sehnsucht erfüllt werden sollte , dann auch dem Freunde feindlich gegenüber stehen müsse , und betete innerlich , daß nie eine Nothwendigkeit eintreten möge , die ihn zwänge , sein Schwert gegen dessen Brust zu richten . Um diesen peinlichen Gedanken los zu werden , machte er seine Gegenwart bemerklich , indem er St. Julien rief . Dieser warf die Waffen von sich und schwang sich mit Leichtigkeit über die niedrige Umzäunung ; nun ! rief er dem Freunde zu , haben Sie die Grillen auf den Bergen gelassen , die heute Morgen Ihre edeln Gedanken beschäftigten , und kann man wieder Antworten erwarten , wenn man Sie anredet ? Zunächst , sagte der junge Graf , danke ich Ihnen , daß Sie sich für die Ausbildung meines jungen Freundes bemühen . Ach , das thun wir gegenseitig , sagte St. Julien , Der dort ist gegen mich gerechnet ein Gelehrter , er steht mir mit den Gaben seines Geistes bei , und ich suche ihm das Aeußerliche beizubringen , und ich wollte nur , ihm gelänge es mit mir so gut , wie mir mit ihm ; denn betrachten Sie nur , wie er ganz das schulmeisterliche Ansehen unter meinen Händen verloren hat ; aber auch ich mache ihm wenigstens keine Schande , ja bei dem neulichen Konzert legte ich durch seinen Beistand selbst Ehre ein , denn er hatte mir meine Stimme vortrefflich eingeübt . So verstehst Du Musik ? fragte der junge Graf überrascht . Mein Vater war ein so gelehrter Musiker , erwiederte der junge Mensch mit Bescheidenheit , daß er Kantor an der Hauptkirche der größten Stadt hätte sein können , und er hat mich früh angehalten , Generalbaß und Kontrapunkt zu studiren ; ich hatte nur in der letzten Zeit keine Gelegenheit Musik zu üben und habe darum die Fertigkeit im Spielen verloren . Das ist nicht wahr , rief St. Julien , ich habe seit einigen Tagen ein Instrument auf meinem Zimmer und weiß darum , wie gut er spielt . Ach lieber Herr St. Julien , sagte der junge Mensch , Sie verstehen zu wenig von Musik , als daß Sie es recht beurtheilen könnten , ob ich gut spiele . Der junge Graf konnte sich des Lächelns über diese Treuherzigkeit nicht erwehren ; St. Julien aber brach in ein lautes Gelächter aus ; nein , mein Lieber , rief er , diese deutsche Aufrichtigkeit müssen Sie sich abgewöhnen , wenn Sie nicht gar zu oft gezwungen sein wollen , die durch meinen Unterricht erworbenen Fechterkünste zur Vertheidigung Ihrer Worte anzuwenden . Ich wollte Sie ja nicht beleidigen , sagte der junge Mensch verwirrt . Ich bin auch nicht beleidigt , erwiederte St. Julien , denn ich habe zu viel Selbsterkenntniß , als daß ich nicht einsehen sollte , daß Sie Recht haben ; aber man ist es doch in der feinen Welt nicht gewohnt , die Mängel des Nächsten so offenherzig rügen zu hören ; übrigens , fuhr er , gegen den jungen Grafen gewendet , fort , bin ich schon selbst so ehrlich gewesen , meine geringe Kenntniß und sein großes Verdienst öffentlich einzugestehen , denn ich konnte nicht das allgemeine Lob , wie gut ich neulich meine Stimme in unserm Konzert ausgeführt habe , ganz allein auf meine Rechnung hinnehmen , ich entdeckte also den Damen den heimlich mir geleisteten Beistand , und es wurde beschlossen , daß der junge würdige Mann die Stelle eines Kapellmeisters bei unsern musikalischen Uebungen übernehmen soll ; aber er weigert sich hartnäckig , wie ich auch auf ihn einrede , und er muß doch nachgeben , denn ich habe den Damen seinen Beistand versprochen . Weßhalb willst Du denn diese Gefälligkeit nicht haben , fragte der junge Graf den Jüngling . Weil der alte gutmüthige Aristokrat Dübois tausend Einwendungen hat , rief St. Julien , die Frage an des jungen Mannes Statt beantwortend . Ich werde Dübois bitten , sagte der junge Graf , meiner Tante seine Ansicht mitzutheilen ; wenn sie ebenfalls seiner Meinung ist , so können wir weiter nichts thun ; wenn sie aber Deine Theilnahme an der Musik wünschen sollte , so wirst Du Dich gewiß nicht weigern , Deine Freunde zufrieden zu stellen . Gewiß nicht , rief der Jüngling , sobald die Frau Gräfin es befiehlt und Herr Dübois nichts dagegen hat . In der That , sagte St. Julien lächelnd , wenn ich nicht von Natur bescheiden bin , so wird diese Aufrichtigkeit mich doch nach und nach dahin bringen , es zu werden . Er zeigt ganz unverhohlen , daß meine Bitten nichts wiegen in der Schale , auf der er seine Handlungen abmißt . Dieser scherzhafte Streit wurde durch einen Bedienten unterbrochen , der St. Julien aufsuchte , um ihm einen Brief abzugeben , der eben mit der Post gekommen war . Von meiner Mutter ! rief dieser freudig überrascht und verließ die Freunde , um in der Einsamkeit die Worte der Liebe zu lesen , die eine zärtliche Mutter an ihn richtete . Der junge Graf unterrichtete nun den Jüngling Gustav davon , daß er mit seinem Oheim den Plan zu dessen fernerer Ausbildung verabredet habe . Für ' s Erste sollte er nach Breslau , um auf der dasigen gelehrten Schule die lange unterbrochenen Studien fortzusetzen , und dann auf eine Universität , die er selbst wählen könne . Sein Beschützer nannte ihm die für ihn bestimmte jährliche Summe , die weit des dankbaren Jünglings Erwartungen übertraf . Ich werde selbst nur noch einige Wochen hier bleiben , schloß der junge Graf , und dann eine Reise antreten ; deßhalb bitte ich Dich , so lange ich jetzt hier bin , auch zu bleiben , denn es würde mir wehe thun , wenn Du Dich so schleunig von mir trennen wolltest . Bin ich denn nicht Ihr Eigenthum , rief der Jüngling , indem er sich seinem edeln Beschützer in die Arme warf ; wäre ich nicht ohne Sie verloren , wahrscheinlich im Elend umgekommen ? Und nun wollen Sie mich bitten , da Sie doch wissen , daß jedes Wort , jeder Wink von Ihnen mir Befehl und Gesetz ist ? Vergiß nicht , sagte der Graf bewegt , daß ich Deiner Liebe und Pflege ebenfalls mein Leben verdanke ; Verbindlichkeiten also , die wir gegen einander haben , sind einander gleich , und Du mußt Dich nicht wie einen Untergebenen , sondern wie meinen Freund betrachten , der nur darum von mir abhängt , weil ich älter als er und dadurch berechtigt bin , seine Schritte zu leiten . Diese freundliche Unterredung wurde durch St. Juliens Rückkunft unterbrochen , der sich mit ernsten Mienen und feuchten Augen den beiden Freunden näherte . Lesen Sie , sagte er zu dem jungen Grafen , indem er ihm den eben erhaltenen Brief hinreichte , Sie werden sehen , das schöne Leben hier ist bald geendigt , und Gott weiß , wohin mich mein Schicksal führt . Der junge Graf nahm den Brief , und indeß er ihn las , ging St. Julien schweigend in einem Baumgange auf und ab . Die Mutter des jungen Franzosen berichtete ihm in diesem Briefe , daß sie die persönliche Bekanntschaft des Generals gemacht habe , zu dessen Regiment er gehöre , und daß dieser die Gefälligkeit gehabt habe , ihr zu versichern , daß aus seiner langen Abwesenheit vom Regimente kein Nachtheil für ihn erwachsen solle , indem sie einzig seinen gefährlichen Wunden und der damit verbundenen Krankheit zugeschrieben werden sollte . Der Kommandant der Festung würde den Befehl erhalten , ihn als einen wegen Wunden und Krankheit zurückgebliebenen Kriegsgefangenen von der preußischen Regierung zurück zu fordern , und ihm dann noch einen Urlaub für zwei Monate gewähren zur völligen Wiederherstellung seiner Gesundheit . Nach Ablauf dieser Zeit müsse er sich aber bei seinem Regimente einfinden , dessen Bestimmung unbekannt sei , das aber vermuthlich nach Italien gehen werde . Vor Ablauf dieser Zeit , schloß die Mutter , würde sie unfehlbar auf Schloß Hohenthal erscheinen , um seinen edeln Freunden zu danken , und in der Gesellschaft des geliebten Sohnes nach Frankreich zurückreisen . Die Blicke des jungen Grafen ruhten noch ernst auf dem gelesenen Blatte , als St. Julien wieder zu ihm trat , um den Brief zurück zu nehmen . Nicht wahr , fragte er seinen Freund , es kränkt Sie auch , daß wir sobald uns trennen sollen ? Ja wohl , sagte der junge Graf mit einem tiefen Seufzer , und Gott weiß , wie wir uns noch einmal gegenüber stehen müssen . Sie werden doch nicht fremde Dienste nehmen wollen , um gegen uns zu fechten ? fragte St. Julien überrascht . Gewiß nicht , versetzte sein Freund mit bitterem Lächeln . Nun dann ist keine Gefahr vorhanden , sagte St. Julien leichtsinnig , daß wir uns gegenseitig erschlagen müßten , denn Preußen kann nicht mehr wider uns , sondern muß mit uns sein , und auf diesen Fall wären wir ja Freunde und Waffenbrüder . Junger Mann , erwiederte sein Freund , indem er beide Hände auf die Schultern des jungen Franzosen legte , ich wollte , Sie hätten etwas deutsches Blut in den Adern , dann würden Sie ahnen , was noch alles in dem dunkeln Schooße der Zukunft ruht ; doch wozu , fuhr er , sich selbst unterbrechend , fort , sollen wir noch Schreckbilder aus der Ferne herbeirufen , da unsere Trennung an sich betrübend genug ist . Ja wohl , seufzte St. Julien ; mit welchen Schmerzen werde ich von hier scheiden . Indem er dieß sagte , blickte er in die Ferne , und sein Freund bemerkte , indem er ebenfalls die Augen dahin richtete , Emilie und die Gräfin , die durch einen langen Baumgang sich dem Platze näherten , auf welchem die jungen Männer versammelt waren , die sogleich den Damen entgegen gingen . Der Jüngling Gustav wollte sich zurückziehen , aber St. Jülien bemerkte selbst in seinem Schmerze dessen Absicht . Er faßte deßhalb seinen Arm und zwang ihn so , sich ebenfalls den Damen entgegen zu bewegen . Emilie bemerkte den Kummer in den Augen St. Juliens , und ihr ängstlich fragender , theilnehmender Blick wirkte zauberhaft auf den jungen Mann . Die Wolken des Kummers schwanden und das reinste Entzücken leuchtete aus seinen Augen . Die Gräfin war heiter und fragte nach den ersten Begrüßungen lächelnd : Nun , haben Sie Ihren Kapellmeister geneigt gefunden , die ersten Proben zu Ihrem großen Koncert heut Nachmittag zu leiten ? Er schlägt mir hartnäckig allen Beistand ab , erwiederte St. Julien , wenn ihm Dübois nicht die Erlaubniß dazu ertheilt . Ich habe mit Dübois schon darüber gesprochen , sagte die Gräfin gütig ; er sieht es ein , daß es eine Thorheit wäre , wenn man um kläglicher Rücksichten Willen in seinem Hause nicht sein eigner Herr sein wollte . Nun , sagte St. Julien mit einem gutmüthig schadenfrohen Blick auf Gustav , der Sieg wäre also mein , und heut Nachmittag ist trotz Dübois Weisheit die erste Probe . Wenn Sie auch über mich spotten , erwiederte der Jüngling empfindlich , so bleibe ich doch dabei , daß ich nichts gegen Herrn Dübois Rath unternehmen werde . Er ist viel zu gütig gegen mich gewesen , als daß ich ohne Undankbarkeit anders handeln könnte . Sie haben Recht , sagte die Gräfin , indem sie ihm gütig die Hand reichte , die der Jüngling mit großer Ehrerbietigkeit küßte . Ich achte selbst Herrn Dübois so hoch , daß ich nichts thun möchte , was ihn kränken könnte , und ich würde lieber auf ein Vergnügen Verzicht leisten , als ihm einen Kummer verursachen , und Herr St. Julien denkt im Grunde eben so , wie ich . Ja wohl , rief dieser mit inniger Empfindung , ich glaube , ich bin ihm noch mehr Dank schuldig , als unser Freund Gustav , und mich freut es , setzte er lächelnd hinzu , daß er ihm erlaubt , die Würde unseres Kapellmeisters anzunehmen , denn sonst , sehe ich , hätten wir doch wohl darauf Verzicht thun müssen . St. Julien konnte sich nicht entschließen , die schöne Heiterkeit auf Emiliens Stirn durch die Nachricht zu trüben , daß er bald würde scheiden müssen ; auch schienen ihm zwei Monate in diesem Augenblick noch ein langer Zeitraum , in welchem jede Stunde eine neue Art von Freude brächte , so daß er selbst sich den Genuß nicht trüben wollte . Er beschloß aber , dem Grafen den Brief seiner Mutter mitzutheilen , weil nun doch bald auf die Forderung des französischen Kommandanten der Festung * * * von der preußischen Regierung demselben die Weisung zukommen müßte , den bezeichneten Kriegsgefangenen zu stellen . So war also nun der Jüngling Gustav , der als ein armer Knabe auf Schloß Hohenthal angekommen war , zum Erstaunen der Bedienten , erst von ihnen abgesondert , dann wie ein junger Edelmann gekleidet , endlich in den Saal ihrer Herrschaft eingeführt worden , und er nahm Theil an deren Gesellschaft und an ihren Vergnügungen . Die große Kenntniß der Musik , die er vor Allen voraus hatte , wurde nicht bloß St. Julien nützlich , sondern auch den Damen , deren Singübungen er besser zu leiten verstand , und den Bitten der schönen Therese gelang es sogar , daß der junge Graf sich entschloß , die fehlende Baßstimme zu übernehmen ; aber freilich verursachte er bei seinem gänzlichen Mangel an musikalischer Kenntniß dem jungen Kapellmeister die meiste Beschwerde , der gerade eine Ehre darin suchte , daß sein Beschützer sich besonders auszeichnen sollte . So schwanden die schönen Herbsttage dahin unter abwechselnden Spaziergängen , Vorlesungen und musikalischen Uebungen , und der Jüngling Gustav fehlte nie in dem freundlichen Kreise , der nur durch den Prediger , den Arzt und den Obristen vermehrt wurde , denn der Graf hatte sich von aller Gesellschaft zurück gezogen und als Grund offen