: » Ach , was wollen Sie da sehen ! Ich werde Sie abholen , wir gehen gegen Abend durch die Allee von Schönbrunn . « Gestern ging ich mit ihm in einen herrlichen Garten , in voller Blüte , alle Treibhäuser offen , der Duft war betäubend ; Beethoven blieb in der drückenden Sonnenhitze stehen und sagte : » Goethes Gedichte behaupten nicht allein durch den Inhalt , auch durch den Rhythmus eine große Gewalt über mich , ich werde gestimmt und aufgeregt zum Komponieren durch diese Sprache , die wie durch Geister zu höherer Ordnung sich aufbaut und das Geheimnis der Harmonien schon in sich trägt . Da muß ich denn von dem Brennpunkt der Begeisterung die Melodie nach allen Seiten hin ausladen , ich verfolge sie , hole sie mit Leidenschaft wieder ein , ich sehe sie dahinfliehen , in der Masse verschiedener Aufregungen verschwinden , bald erfasse ich sie mit erneuter Leidenschaft , ich kann mich nicht von ihr trennen , ich muß mit raschem Entzücken in allen Modulationen sie vervielfältigen , und im letzten Augenblick da triumphiere ich über den ersten musikalischen Gedanken , sehen Sie , das ist eine Symphonie ; ja , Musik ist so recht die Vermittelung des geistigen Lebens zum sinnlichen . Ich möchte mit Goethe hierüber sprechen , ob der mich verstehen würde ? - Melodie ist das sinnliche Leben der Poesie . Wird nicht der geistige Inhalt eines Gedichts zum sinnlichen Gefühl durch die Melodie ? - Empfindet man nicht in dem Lied der Mignon ihre ganze sinnliche Stimmung durch die Melodie ? Und erregt diese Empfindung nicht wieder zu neuen Erzeugungen ? - Da will der Geist zu schrankenloser Allgemeinheit sich ausdehnen , wo alles in allem sich bildet zum Bett der Gefühle , die aus dem einfachen musikalischen Gedanken entspringen , und die sonst ungeahnt verhallen würden ; das ist Harmonie , das spricht sich in meinen Symphonien aus , der Schmelz vielseitiger Formen wogt dahin in einem Bett bis zum Ziel . Da fühlt man denn wohl , daß ein Ewiges , Unendliches , nie ganz zu Umfassendes in allem Geistigen liege , und obschon ich bei meinen Werken immer die Empfindung des Gelingens habe , so fühle ich einen ewigen Hunger , was mir eben erschöpft schien , mit dem letzten Paukenschlag , mit dem ich meinen Genuß , meine musikalische Überzeugung den Zuhörern einkeilte , wie ein Kind von neuem anzufangen . Sprechen Sie dem Goethe von mir , sagen Sie ihm , er soll meine Symphonien hören , da wird er mir recht geben , daß Musik der einzige unverkörperte Eingang in eine höhere Welt des Wissens ist , die wohl den Menschen umfaßt , daß er aber nicht sie zu fassen vermag . - Es gehört Rhythmus des Geistes dazu , um Musik in ihrer Wesenheit zu fassen , sie gibt Ahnung , Inspiration himmlischer Wissenschaften , und was der Geist sinnlich von ihr empfindet , das ist die Verkörperung geistiger Erkenntnis . - Obschon die Geister von ihr leben , wie man von der Luft lebt , so ist es noch ein anders , sie mit dem Geiste begreifen ; - je mehr aber die Seele ihre sinnliche Nahrung aus ihr schöpft , je reifer wird der Geist zum glücklichen Einverständnis mit ihr . - Aber wenige gelangen dazu , denn so wie Tausende sich um der Liebe willen vermählen und die Liebe in diesen Tausenden sich nicht einmal offenbart , obschon sie alle das Handwerk der Liebe treiben , so treiben Tausende einen Verkehr mit der Musik und haben doch ihre Offenbarung nicht ; auch ihr liegen die hohen Zeichen des Moralsinns zum Grunde wie jeder Kunst , alle echte Erfindung ist ein moralischer Fortschritt . - Sich selbst ihren unerforschlichen Gesetzen unterwerfen , vermöge dieser Gesetze den eignen Geist bändigen und lenken , daß er ihre Offenbarungen ausströme , das ist das isolierende Prinzip der Kunst ; von ihrer Offenbarung aufgelöst werden , das ist die Hingebung an das Göttliche , was in Ruhe seine Herrschaft an dem Rasen ungebändigter Kräfte übt und so der Phantasie die höchste Wirksamkeit verleihet . So vertritt die Kunst allemal die Gottheit , und das menschliche Verhältnis zu ihr ist Religion , was wir durch die Kunst erwerben , das ist von Gott , göttliche Eingebung , die den menschlichen Befähigungen ein Ziel steckt , was er erreicht . Wir wissen nicht , was uns Erkenntnis verleihet ; das fest verschloßne Samenkorn bedarf des feuchten , elektrisch warmen Bodens , um zu treiben , zu denken , sich auszusprechen . Musik ist der elektrische Boden , in dem der Geist lebt , denkt , erfindet . Philosophie ist ein Niederschlag ihres elektrischen Geistes ; ihre Bedürftigkeit , die alles auf ein Urprinzip gründen will , wird durch sie gehoben , obschon der Geist dessen nicht mächtig ist , was er durch sie erzeugt , so ist er doch glückselig in dieser Erzeugung , so ist jede echte Erzeugung der Kunst , unabhängig , mächtiger als der Künstler selbst , kehrt durch ihre Erscheinung zum Göttlichen zurück , hängt nur darin mit dem Menschen zusammen , daß sie Zeugnis gibt von der Vermittelung des Göttlichen in ihm . Musik gibt dem Geist die Beziehung zur Harmonie . Ein Gedanke abgesondert , hat doch das Gefühl der Gesamtheit der Verwandtschaft im Geist ; so ist jeder Gedanke in der Musik in innigster , unteilbarster Verwandtschaft mit der Gesamtheit der Harmonie , die Einheit ist . Alles Elektrische regt den Geist zu musikalischer , fließender , ausströmender Erzeugung . Ich bin elektrischer Natur . - Ich muß abbrechen mit meiner unerweislichen Weisheit , sonst möchte ich die Probe versäumen , schreiben Sie an Goethe von mir , wenn Sie mich verstehen , aber verantworten kann ich nichts und will mich auch gern belehren lassen von ihm . « - Ich versprach ihm , so gut ich ' s begreife , Dir alles zu schreiben . - Er führte mich zu einer großen Musikprobe mit vollem Orchester , da saß ich im weiten unerhellten Raum in einer Loge ganz allein ; einzelne Streiflichter stahlen sich durch Ritzen und Astlöcher , in denen ein Strom bunter Lichtfunken hin und her tanzte , wie Himmelsstraßen mit seligen Geistern bevölkert . Da sah ich denn diesen ungeheuren Geist sein Regiment führen . O Goethe ! Kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht , und daß alle Kraft von ihm ausgehe , wie dieser Beethoven , der eben noch im Garten nach einem Grund suchte , wo ihm denn alles herkomme ; verstünd ich ihn so , wie ich ihn fühle , dann wüßt ich alles . Dort stand er , so fest entschlossen , seine Bewegungen , sein Gesicht drückten die Vollendung seiner Schöpfung aus , er kam jedem Fehler , jedem Mißverstehen zuvor , kein Hauch war willkürlich , alles war durch die großartige Gegenwart seines Geistes in die besonnenste Tätigkeit versetzt . - Man möchte weissagen , daß ein solcher Geist in späterer Vollendung als Weltherrscher wieder auftreten werde . Gestern abend schrieb ich noch alles auf , heute morgen las ich ' s ihm vor , er sagte : » Hab ich das gesagt ? - Nun dann hab ich einen Raptus gehabt « ; er las es noch einmal aufmerksam und strich das oben aus und schrieb zwischen die Zeilen ; denn es ist ihm drum zu tun , daß Du ihn verstehst . Erfreue mich nun mit einer baldigen Antwort , die dem Beethoven beweist , daß Du ihn würdigst . Es war ja immer unser Plan , über Musik zu sprechen , ja ich wollte auch , aber durch Beethoven fühl ich nun erst , daß ich der Sache nicht gewachsen bin . Bettine Meine Adresse ist Erdberggasse im Birkenstockischen Hause , noch vierzehn Tage trifft mich Dein Brief . An Bettine Dein Brief , herzlich geliebtes Kind , ist zur glücklichen Stunde an mich gelangt , Du hast Dich brav zusammengenommen , um mir eine große und schöne Natur in ihren Leistungen wie in ihrem Streben , in ihren Bedürfnissen , wie in dem Überfluß ihrer Begabtheit darzustellen , es hat mir großes Vergnügen gemacht , dies Bild eines wahrhaft genialen Geistes in mich aufzunehmen , ohne ihn klassifizieren zu wollen , gehört doch ein psychologisches Rechnungskunststück dazu , um das wahre Fazit der Übereinstimmung da herauszuziehen , indessen fühle ich keinen Widerspruch gegen das , was sich von Deiner raschen Explosion erfassen läßt ; im Gegenteil möchte ich Dir für einen innern Zusammenhang meiner Natur , mit dem , was sich aus diesen mannigfaltigen Äußerungen erkennen läßt , einstweilen einstehen , der gewöhnliche Menschenverstand würde vielleicht Widersprüche darin finden , was aber ein solcher vom Dämon Besessener ausspricht , davor muß ein Laie Ehrfurcht haben , und es muß gleichviel gelten , ob er aus Gefühl oder aus Erkenntnis spricht , denn hier walten die Götter und streuen Samen zu künftiger Einsicht , von der nur zu wünschen ist , daß sie zu ungestörter Ausbildung gedeihen möge ; bis sie indessen allgemein werde , da müssen die Nebel vor dem menschlichen Geist sich erst teilen . Sage Beethoven das Herzlichste von mir , und daß ich gern Opfer bringen würde , um seine persönliche Bekanntschaft zu haben , wo denn ein Austausch von Gedanken und Empfindungen gewiß den schönsten Vorteil brächte , vielleicht vermagst Du so viel über ihn , daß er sich zu einer Reise nach Karlsbad bestimmen läßt , wo ich doch beinah jedes Jahr hinkomme und die beste Muße haben würde , von ihm zu hören und zu lernen ; ihn belehren zu wollen , wäre wohl selbst von Einsichtigern als ich Frevel , da ihm sein Genie vorleuchtet und ihm oft wie durch einen Blitz Hellung gibt , wo wir im Dunkel sitzen und kaum ahnen , von welcher Seite der Tag anbrechen werde . Sehr viel Freude würde es mir machen , wenn Beethoven mir die beiden komponierten Lieder von mir schicken wollte , aber hübsch deutlich geschrieben , ich bin sehr begierig sie zu hören , es gehört mit zu meinen erfreulichsten Genüssen , für die ich sehr dankbar bin , wenn ein solches Gedicht früherer Stimmung mir durch eine Melodie ( wie Beethoven ganz , richtig erwähnt ) wieder aufs neue versinnlicht wird . Schließlich sage ich Dir noch einmal den innigsten Dank für Deine Mitteilungen und Deine Art mir wohlzutun , da Dir alles so schön gelingt , da Dir alles zu belehrendem , freudigem Genuß wird , welche Wünsche könnten da noch hinzugefügt werden , als daß es ewig so fortwähren möge ; ewig auch in Beziehung auf mich , der den Vorteil nicht verkennt , zu Deinen Freunden gezählt zu werden . Bleibe mir daher , was Du mit so großer Treue warst , sooft Du auch den Platz wechseltest und sich die Gegenstände um Dich her veränderten und verschönerten . Auch der Herzog grüßt Dich und wünscht , nicht ganz von Dir vergessen zu sein . Ich erhalte wohl noch Nachricht von Dir in meinem Karlsbader Aufenthalt bei den drei Mohren . Am 6. Juni 1810 G. An Goethe Liebster Freund ! Dem Beethoven hab ich Deinen schönen Brief mitgeteilt , soweit es ihm anging , er war voll Freude und rief : » Wenn ihm jemand Verstand über Musik beibringen kann , so bin ich ' s. « Die Idee , Dich im Karlsbad aufzusuchen , ergriff er mit Begeistrung , er schlug sich vor den Kopf und sagte : » Konnte ich das nicht schon früher getan haben ? - Aber wahrhaftig , ich hab schon daran gedacht , ich hab ' s aus Timidität unterlassen , die neckt mich manchmal , als ob ich kein rechter Mensch wär , aber vor dem Goethe fürchte ich mich nun nicht mehr . « - Rechne daher darauf , daß Du ihn im nächsten Jahr siehst . Nun antworte ich nur noch auf die letzten Punkte Deines Briefs , aus denen ich Honig sammle : Die Gegenstände um mich her verändern sich zwar , aber sie verschönern sich nicht , das Schönste ist ja doch , daß ich von Dir weiß , und mich würde nichts freuen , wenn Du nicht wärst , vor dem ich es aussprechen dürfte ; und zweifelst Du daran , so ist Dir auch daran gelegen , und bin ich auch glücklicher , als mich alle gezählten und ungezählten Freunde je machen können . Mein Wolfgang , Du zählst nicht mit unter den Freunden , lieber will ich gar keinen zählen . Den Herzog grüße , leg mich ihm zu Füßen , sag ihm , daß ich ihn nicht vergessen habe , auch keine Minute , die ich dort mit ihm erlebt habe . - Daß er mir erlaubte , auf dem Schemel zu sitzen , worauf sein Fuß ruhte , daß er sich seine Zigarre von mir anrauchen ließ , daß er meine Haarflechte aus den Krallen des bösen Affen befreite und gar nicht lachte , obschon es sehr komisch war , das vergesse ich gar nicht , wie er dem Affen so bittend zuredete ; dann der Abend beim Souper , wo er dem Ohrenschlüpfer den Pfirsich hinhielt , daß er sich darin verkriechen sollte , und wie jemand anders das Tierchen vom Tisch herunterwarf , um es tot zu treten ; er wendete sich zu mir und sagte : » So böse sind Sie nicht , das hätten Sie nicht getan ! « - Ich nahm mich zusammen in dieser kitzligen Affäre und sagte : » Ohrenschlüpfer soll man bei einem Fürsten nicht leiden « ; er fragte : » Hat man auch die zu meiden , die es hinter den Ohren haben , so muß ich mich vor Ihnen hüten « ; auch die Promenade zu den jungen ausgebrüteten Enten , die ich mit ihm zählte , wo Du dazu kamst und über unsere Geduld Dich schon lange gewundert hattest , ehe wir fertig waren , und so könnte ich Dir Zug für Zug jeden Moment wieder herbeirufen , der mir in seiner Nähe gegönnt war . Wer ihm nah sein darf , dem muß wohl werden , weil er jeden gewähren läßt und doch mit dabei ist , und die schönste Freiheit gestattet und nicht unwillig ist um die Herrschaft des Geistes und dennoch sicher ist , einen jeden durch diese großartige Milde zu beherrschen . Das mag ins Große und Allgemeine gehen , so wie ich ' s im Kleinen und Einzelnen erfahren habe . Er ist groß , der Herzog , und wächst dennoch , er bleibt sich selber gleich , gibt jeglichen Beweis , daß er sich überbieten kann . So ist der Mensch , der einen hohen Genius hat , er gleicht ihm , er wächst so lange , bis er eins mit ihm wird . Danke ihm in meinem Namen , daß er an mich denkt , beschreibe ihm meine zärtliche Ehrfurcht . Wenn mir wieder beschert ist , ihn zu sehen , dann werde ich von seiner Gnade den möglichsten Ertrag ziehen . Morgen packen wir auf und gehen hin , wo lauter böhmische Dörfer sind . Wie oft hat mir Deine Mutter gesagt , wenn ich ihr allerlei Projekte machte : » Das sind lauter böhmische Dörfer « , nun bin ich begierig , ein böhmisches Dorf zu sehen . Beide Lieder von Beethoven sind hier beigelegt , die beiden andern sind von mir , Beethoven hat sie gesehen und mir viel Schönes darüber gesagt , daß wenn ich mich dieser Kunst gewidmet hätte , ich große Hoffnungen darauf bauen könnte ; ich aber streife sie nur im Flug ; denn meine Kunst ist Lachen und Seufzen in einem Säckelchen , und über die ist mir keine . Adieu ! Vieles hole ich noch nach im böhmischen Schloß Bukowan . Bettine An Goethe Bukowan im Praginer Kreis : Juli Wie bequem ist ' s , wie lieblich an Dich zu denken unter diesem Dach von Tannen und Birken , die den heißen Mittag in hoher Ferne halten . Die schweren Tannzapfen glänzen und funkeln mit ihrem Harze , wie tausend kleine Tagsterne , machen ' s droben nur noch heißer und hier unten kühler . Der blaue Himmel deckt mein hohes enges Haus ; ich messe rücklings seine Ferne , wie er unerreichbar scheint , doch trug mancher schon den Himmel in der Brust ; ist mir doch , als hab auch ich ihn in mir festgehalten einen Augenblick , diesen weitgedehnten über Berg und Tal hinziehenden : über alle Ströme Brücken ; durch alle Felsen , Höhlen ; über Stock und Stein in einem Strich fort , der Himmel über mir , bis dort an Dein Herz , da sinkt er mit mir zusammen . Liegt es denn nur in der Jugend , daß sie so innig wolle , was sie will ? - Bist Du nicht so ? - Begehrst nicht nach mir ? - Möchtest Du nicht zuweilen bei mir sein ? - Sehnsucht ist ja doch die rechte Fährte , sie weckt ein höheres Leben , gibt helle Ahnung noch unerkannter Wahrheiten , vernichtet allen Zweifel und ist sie die sicherste Prophetin seines Glückes . Dir sind alle Reiche aufgetan , Natur , Wissenschaft und Kunst , aus allen sind den Fragen Deiner Sehnsucht göttliche Wahrheiten zugeströmt . - Was hab ich ? - Ich habe Dich auf tausend Fragen . Hier in der tiefen Felsschlucht denk ich so allerlei ; - ich hab mich einen halsbrechenden Weg heruntergewagt , wie werd ich wieder hinaufkommen an diesen glatten Felswänden , an denen ich vergeblich die Spur suche , wo ich herabgeglitten bin . - Selbstvertrauen ist Vertrauen auf Gott , er wird mich doch nicht stecken lassen ! - Ich lieg hier unter frischen hohen Kräutern , die mir die heiße Brust kühlen , viele kleine Würmchen und Spinnen klettern über mich hinaus , alles wimmelt geschäftig um mich her . Die Eidechsen schlüpfen aus ihren feuchten Löchern und heben das Köpfchen und staunen mich an mit ihren klugen Augen und schlüpfen eilig zurück ; sie sagen ' s einander , daß ich da bin ; - ich der Liebling des Dichters - es kommen immer mehr und gucken . Ach , schöner Sommernachmittag ! Ich brauch nicht zu denken , der Geist sieht müßig hinauf in die kristallne Luft . - Kein Witz , keine Tugend , nackt und bloß ist die Seele , in der Gott sein Ebenbild erkennt . Die ganze Zeit war Regenwetter , heute brennt die Sonne wieder . Nun lieg ich hier zwischen Steinen auf weichem Moos von vielen Frühlingen her , die jungen Tannen dampfen heißes Harz aus und rühren mit den Ästen meinen Kopf . Ich muß jedem Fröschchen nachgucken , mich gegen Heuschrecken und Hummeln wehren , dabei bin ich so faul - was soll ich mit Dir schwätzen , hier wo ein Hauch das Laub bewegt , durch das die Sonne auf meine geschloßnen Augenlider spielt ? - Guter Meister ! - Hör in diesem Lispeln , wie sehr Du meine Einsamkeit beglückst ; der Du alles weißt und alles fühlst , und weißt , wie wenig die Worte dem innern Sinn gehorchen . - Wann soll ich Dich wiedersehen ? - Wann ? - Daß ich mich nur ein klein wenig an Dich anlehnen möge und ausruhen , ich faules Kind . Bettine Wie ich gestern aus meiner Faulheit erwachte und mich besann , da waren die Schatten schon lang geworden ; ich mußte mich an den jungen Birkenstämmchen , die aus den Felsritzen wachsen , aus meiner Untiefe heraufschwingen , das Schloß Bukowan mit seinen roten Dächern und schönen Türmen sah ich nirgends , ich wußte nicht , welchen Weg ich einschlagen sollte , und entschloß mich kurz , ein paar Ziegen nachzugehen , die brachten mich wieder zu Menschen , mit denen sie in einer Hütte wohnen , ich machte diesen verständlich , daß ich nach Bukowan wolle , sie begleiteten mich , der Tag ging schlafen , der Mond ging auf , ich sang , weil ich doch nicht mit ihnen sprechen konnte , nachher sangen sie wieder , und so kam ich am späten Abend an , ein paarmal hatte ich Angst , die Leute könnten mich irreführen , und war recht froh , wie ich in meiner kleinen Turmstube saß . Ich bin übrigens nicht ohne Beschäftigung , so einsam es auch ist , an einem Morgen hab ich mehrere Hundert kleine Backsteine gemacht , das Bauen ist meine Freude , mein Bruder Christian ist ein wahres Genie , er kann alles , eben ist das Modell einer kleinen Schmiede fertig geworden , das nun auch gleich im großen ausgeführt werden soll . Die Erfindungsgabe dieses Bruders ist ein unversiegbarer Quell , und ich bin sein bester Handlanger , soweit meine Kräfte reichen , mehrere ideale Gebäude stehen in kleinen Modellen um uns her in einem großen Saal , und da sind der Aufgaben so viele , die ich zu lösen habe , daß ich abends oft ganz müde bin , es hindert mich jedoch nicht , morgens den Sonnenaufgang auf dem Pedeetsch zu erwarten , ein Berg , der rund ist wie ein Backofen und hiervon den Namen trägt ( denn Pedeetsch heißt auf Böhmisch Backofen ) , etwas erhöht über hundert seinesgleichen , die wie ein großes Lager von Zelten ihn umgeben , da seh ich denn abermals und abermals die Welt dem Licht erwachen ; allein und einsam wie ich bin , kämpft ' s in meiner Seele , müßte ich länger hier bleiben , so schön es auch ist , ich könnt ' s nicht aushalten . Vor kurzem war ich noch in der großen Wienstadt , ein Treiben , ein Leben unter den Menschen , als ob es nie aufhören sollte , da wurden in Gemeinschaft die üppigen Frühlingstage verlebt , in schönen Kleidern ging man gesellig umher . Jeder Tag brachte neue Freude und jeder Genuß wurde eine Quelle interessanter Mitteilungen , über das alles hinaus ragte mir Beethoven , der große übergeistige , der uns in eine unsichtbare Welt einführte , und der Lebenskraft einen Schwung gab , daß man das eigne beschränkte Selbst zu einem Geisteruniversum erweitert fühlte . Schade , daß er nicht hier ist in dieser Einsamkeit , daß ich über seinem Gespräch das ewige Zirpen jener Grille vergessen möchte , die nicht aufhört mich zu mahnen , daß nichts außer ihrem Ton die Einsamkeit unterbricht . - Heute habe ich mich eine ganze Stunde exerziert , einen Kranz von Rosen mit dem Stock auf ein hohes steinernes Kreuz zu schwingen , das am Fahrweg steht , es war vergebens , der Kranz entblätterte , ich setzte mich ermüdet auf die Bank darunter , bis der Abend kam , und dann ging ich nach Hause . Kannst Du glauben , daß es mich sehr traurig machte , so einsam nach Hause zu gehen , und daß es mir war , als hänge ich mit nichts zusammen in der Welt , und daß ich unterwegs an Deine Mutter dachte , wenn ich im Sommer zum Eschenheimer Tor hereinkam vom weiten Spaziergang , da lief ich zu ihr hinauf , ich warf Blumen und Kräuter , alles , was ich gesammelt hatte , mitten in die Stube und setzte mich dicht an sie heran und legte den Kopf ermüdet auf ihren Schoß ; sie sagte : » Hast du die Blumen so weit hergebracht , und jetzt wirfst du sie alle weg « , da mußte ihr die Lieschen ein Gefäß bringen , und sie ordnete den Strauß selbst , über jede einzelne Blume hielt sie ihre Betrachtung und sagte vieles , was mir so wohltätig war , als schmeichle mir eine liebe Hand ; sie freute sich , daß ich alles mitbrachte , Kornähren und Grassamen und Beeren am Aste , hohe Dolden , schöngeformte Blätter , Käfer , Moose , Samendolden , bunte Steine , sie nannte es eine Musterkarte der Natur und bewahrte es immer mehrere Tage ; manchmal bracht ich ihr auserlesene Früchte und verbot ihr , sie zu essen , weil sie zu schön waren , sie brach gleich einen schöngestreiften Pfirsich auf und sagte : » Man muß allem Ding seinen Willen tun , der Pfirsich läßt mir nun doch keine Ruh , bis er verzehrt ist . « In allem , was sie tat , glaubt ich Dich zu erkennen , ihre Eigenheiten und Ansichten waren mir liebe Rätsel , in denen ich Dich erriet . Hätt ich die Mutter noch , so wüßt ich , wo ich zu Hause wär , ich würde ihren Umgang allem andern vorziehen , sie machte mich sicher im Denken und Handeln , manchmal verbot sie mir etwas , wenn ich aber doch als meinem Eigensinn gefolgt war , verteidigte sie mich gegen alle , und da holte sie aus in ihrem Enthusiasmus wie der Schmied , der das glühende Eisen auf dem Amboß hat , sie sagte : » Wer der Stimme in seiner Brust folgt , der wird seine Bestimmung nicht verfehlen , dem wächst ein Baum aus der Seele , aus dem jede Tugend und jede Kraft blüht , und der die schönsten Eigenschaften wie köstliche Äpfel trägt , und Religion , die ihm nicht im Weg ist , sondern seiner Natur angemessen , wer aber dieser Stimme nicht horcht , der ist blind und taub und muß sich von andern hinführen lassen , wo ihre Vorurteile sie selbst hin verbannen . Ei « , sagte sie , » ich wollte ja lieber vor der Welt zuschanden werden , als daß ich mich von Philisterhand über einen gefährlichen Steig leiten ließ , am End ist auch gar nichts gefährlich als nur die Furcht selber , die bringt einem um alles . « Grad im letzten Jahr war sie am lebendigsten und sprach über alles mit gleichem Anteil , aus den einfachsten Gesprächen entwickelten sich die feierlichsten und edelsten Wahrheiten , die einem für das ganze Leben ein Talisman sein konnten ; sie sagte : » Der Mensch muß sich den besten Platz erwählen , und den muß er behaupten sein Leben lang , und muß all seine Kräfte daran setzen , dann nur ist er edel und wahrhaft groß . Ich meine nicht einen äußern , sondern einen innern Ehrenplatz , auf den uns stets diese innere Stimme hinweist , könnten wir nur das Regiment führen in uns selbst , wie Napoleon das Regiment der Welt führt , da würde sich die Welt mit jeder Generation erneuern und über sich selbst hinausschwingen . So bleibt ' s immer beim Alten , weil ' s halt keiner in sich weiter treibt wie der vorige , und da langweilt man sich schon , wenn man auch eben erst angekommen ist , ja , man fühlt ' s gleich , wenn man ' s auch zum erstenmal hört , daß die Weisheit schon altes abgedroschnes Zeug ist . « - Ihre französische Einquartierung mußte ihr viel von Napoleon erzählen , da fühlte sie mit alle Schauer der Begeisterung ; sie sagte : » Der ist der Rechte , der in allen Herzen widerhallt mit Entzücken , Höheres gibt es nichts , als daß sich der Mensch im Menschen fühlbar mache « , und so steigere sich die Seligkeit durch Menschen und Geister wie durch eine elektrische Kette , um zuletzt als Funken in das himmlische Reich überzuspringen . - Die Poesie sei dazu , um das Edle , Einfache , Große aus den Krallen des Philistertums zu retten , alles sei Poesie in seiner Ursprünglichkeit , und der Dichter sei dazu , diese wieder hervorzurufen , weil alles nur als Poesie sich verewige ; ihre Art zu denken hat sich mir so tief eingeprägt , ich kann mir in ihrem Sinn auf alles Antwort geben , sie war so entschieden , daß die allgemeine Meinung durchaus keinen Einfluß auf sie hatte , es kam eben alles aus so tiefem Gefühl , sie sagte mir oft , ihre Vorliebe für mich sei bloß aus der verkehrten Meinung andrer Leute entstanden , da habe sie gleich geahnet , daß sie mich besser verstehen werde . - Nun , ich werde mich noch auf alles besinnen ; denn mein Gedächtnis wird mir doch nicht weniger treu sein wie mein Herz . Am Pfingstfest , in ihrem letzten Lebensjahr , da kam ich aus dem Rheingau , um sie zu besuchen , sie war freudig überrascht , wir fuhren ins Kirschenwäldchen ; es war so schön Wetter , die Blüten wirbelten leise um uns herab wie Schnee , ich erzählte ihr von einem ähnlichen schönen Feiertag , wie ich erst dreizehn Jahr alt gewesen , da hab ich nachmittags allein auf einer Rasenbank gesessen , und da habe sich ein Kätzchen auf meinen Schoß in die Sonne gelegt und sei eingeschlafen , und ich bin sitzen geblieben , um sie nicht zu stören , bis die Sonne unterging , da sprang die Katze fort . Die Mutter lachte und sagte : » Damals hast du vom Wolfgang noch nichts gewußt , da hast du mit der Katze vorlieb genommen . « Ja , hätte ich die Mutter noch ! Mit ihr brauchte man nicht Großes zu erleben , ein Sonnenstrahl , ein Schneegestöber , der Schall eines Posthorns weckte Gefühle , Erinnerung und Gedanken . - Ich muß mich schämen vor Dir , daß ich so verzagt bin . Bist Du mir nicht gut und nimmst mich auf wie eine gute Gabe ? - Und kann einer Gabe annehmen , der sich nicht hingibt der Gabe ? - Und ist das Gabe , die nicht ganz und immerdar sich gibt ? - Geht auch ein Schritt vorwärts , der nicht in ein neues