wie man überall wußte , nur um ihren Aufenthalt wieder auf einige Monate mit dem Gemahl zu wechseln . Während der Präsident sich , bis man zu Tische ging , eifrig mit dem Maler unterhielt , gesellte sich Margot zu den beiden Frauenzimmern . Sie war immer der Liebling des Vaters gewesen und bildete , weil es ihrer innersten Natur widersprach , ausschließende Partei zu nehmen , eine Art von leichtem Mittelglied zwischen den zwei getrennten Teilen . Es war serviert , man setzte sich . Für jetzt betraf die Unterhaltung nur Dinge von allgemeinerem Interesse . Ein zartes Einverständnis der Gemüter schloß von selbst den Gegenstand geweihter Trauer für diese Stunde aus . Dagegen war der Augenblick , wo endlich das Gefühl sein Recht erhielt , einem jeden desto inniger willkommen . Wir sind genötigt , hier so manches bemerkenswerte Wort der wechselseitigen Aufklärung über die Eigentümlichkeit und allmähliche Verkümmerung von Larkens ' Wesen zu übergehen , und erzählen dafür mit den eignen Worten des Präsidenten , auf welche Art er zur Bekanntschaft des Schauspielers gelangte . » Vor einem Vierteljahr machte die hiesige Bühne den bis daher in Deutschland noch nicht erhörten Versuch , Ludwig Tiecks Lustspiele aufzuführen . Die Idee war von dem berühmten S * * - ausgegangen , welcher als Gast hier einige Monate spielte und für jenes enthusiastische Projekt weniger die Intendanz , als vielmehr die höheren Privatzirkel des gebildeten Publikums , denen er Vorlesungen hielt , zu elektrisieren wußte . Nach einer sehr gründlichen Vorbereitung unserer Akteurs , und nachdem er durch eine Reihe anderer , gewohnter Vorstellungen sich vorweg das Zutrauen sämtlicher Theaterliebhaber im höchsten Grade gewonnen hatte , ward endlich Die verkehrte Welt angekündigt . Die wenigen , welche diese geistvolle Dichtung kannten und schätzten , wollten freilich voraussehn , daß bei der Stumpfsinnigkeit , nicht nur der Menge , auf die man im voraus verzichtete , sondern der sogenannten Gebildeten die schöne Absicht im ganzen verunglücken müsse ; ja S * * selbst soll dies vorhergesehen haben , und man glaubt , er habe diesmal teils auf Kosten des großen Publikums , teils seines eigenen Rufs , einer Privatvorliebe zu viel nachgegeben . Auf der andern Seite ist seine Uneigennützigkeit zu bewundern , da ihm offenbar mehr daran lag , das Genie des Dichters vor den Einsichtsvollen zu verherrlichen , als ihn zur Folie seiner persönlichen Kunst zu gebrauchen . Da inzwischen auch die Eingeweihten das mögliche raten , um eine allgemeine Erwartung zu erregen , den Philistern eins anzuhängen und ihnen die Köpfe im voraus zu verrücken , so versprachen sich diese , vom Titel des Stückes verführt , ein recht handgreifliches Spektakelstück und alles ging glücklich in die Falle . Die Aufführung , ich darf es sagen , war meisterhaft . Aber , Gott verzeihe mir , noch heute , wenn ich an den Eindruck denke , weiß ich mich nicht zu fassen . Diese Gesichter , unten und auf den Galerien , hätten Sie sehen müssen ! Tieck selbst würde die Physiognomie des Haufens , als mitspielender Person , neben den unter die Zuschauer verteilten Rollen , sich nicht köstlicher haben denken können . Diese unwillkürliche Selbstpersiflage , dies fünf- und zehnfach reflektierte Spiegelbild der Ironie beschreibt kein Mensch . In meiner Loge befand sich der Legitationsrat U. , einer der wärmsten Verehrer Tiecks wir sprachen und lachten nach Herzenslust während eines langen Zwischenakts ( denn eine ganze Viertelstunde lang war der Direktor in Verzweiflung , ob er weiterspielen lasse oder aufhöre ) . Während dieses tollen Tumultes nun , während dieses Summens , Zischens , Bravorufens und Pochens hörten wir neben uns , nur durch ein dünnes Drahtgitter getrennt , eine Stimme ungemein lebhaft auf jemanden losschwatzen : O sehn Sie doch nur um Gottes willen da aufs Parterre hinunter ! und dort ! und hier ! der Spott hüpft wie aus einem Sieb ein Heer von Flöhen an allen Ecken und Enden hin und her - Jeder reibt sich die Augen , klar zu sehen , jeder will dem Nachbar den Floh aus dem Ohre ziehen und von der andern Seite springen ihm sechse hinein - Immer ärger ! - ein Teufel hat alle Köpfe verdreht - es ist wie ein Traum auf dem Blocksberg - es wandelt alles im Schlaf - Herrn und Damen bekomplimentieren sich , im Hemde voreinander stehend , glauben sich auf der Assemblee , sagen : Waren Sie gestern auch in der verkehrten Welt ? Gottlob nun wäre man doch wieder bei sich selbst usw. - Der alte Geck dort aus der Kanzlei , o vortrefflich ! bietet einer muntern Blondine seine Bonbonniere mit großmächtigen Reichssiegeloblaten an und versichert , sie wären sehr gut gegen Vapeurs und Beängstigungen . Hier - sehn Sie doch , gerade unterm Kronleuchter - steht ein Ladendiener vor einem Fräulein und lispelt Gros de Naples-Band ? Sogleich . Wieviel Ellen befehlen Sie wohl ? Er greift an sein Ohr , zieht es in eine erstaunliche Länge , mißt ein Stück und schneidet ' s ab . Aber bemerken Sie nicht den Inkroyable am dritten Pfeiler vom Orchester an ? wie er sich langsam über die Stirne fährt und auf einmal den Poeten embrassiert O Freund ! ich habe schön geträumt diese Nacht ! Ich habe ein winzig kleines Spieldöschen gehabt , das ich hier , schaun Sie , hier in meinen hohlen Zahn legte , ich durfte nur ein wenig darauf beißen und die ganze Zauberflöte , sag ich Ihnen , die ganze Oper von Wolfgang Amadeus Mozart , spielte drei Stunden en suite fort . Eine Dame , die neben mir stand , behauptete , es wäre ja Rataplan , der kleine Tambour , was ich spiele - Himmel ! sagt ich , ich kenne ja doch die Bären und die Affen und diese heilgen Hallen ! O göttlich war ' s - Nein ! - Aber da drüben , ich bitte Sie - - Erlauben Sie , unterbrach hier eine tiefe Baßstimme die Rede des Schalks mitten im Fluß erlauben Sie , mein lustiger , unbekannter Herr , daß ich endlich frage : wollen Sie mich foppen , oder wollen sie andere ehrliche Leute mit diesem Unsinn foppen ? Ach ganz und gar nicht , war die Antwort keins von beiden , ich bitte tausendmal um Vergebung - Aber was ist denn unserm Herrn Nachbar da zugestoßen ? der weint ja erschrecklich - Mit Erlaubnis haben Sie den Wadenkrampf ? - In diesem Augenblick öffnet sich unser Gitter , ein langes weinerliches Gesicht beugt sich herein mit den erbärmlichen Worten Ach , liebe Herren , ist es denn nicht möglich , daß ich durch Ihre Loge hinaus , fort aus diesem Narrenhaus , ins Freie kommen könnte ? Oder wenn das nicht ist - so sein Sie so gütig - nur eine kleine Bitte - Wie heißt denn das Indigo Perfektum von obstupesco , ich bin betäubt , verwirrt , bin ein Mondskalb geworden ? das Perfektum Indikativi wollt ich sagen - O lachen Sie nicht - ich bin der unglückseligste Mann , bin seit einiger Zeit am hiesigen Lyzeo Präzeptor der lateinischen Sprache , habe mir ' s recht sauer werden lassen - auch hatte es bis jetzt keine Gefahr , man war mit mir zufrieden - allein seit einer halben Stunde , bei dem verkehrten verfluchten Zeug da - ich weiß nicht - mein Gedächtnis - die gemeinsten Wörter - ich mache von Minute zu Minute eine Probe mit mir , examino memoriam meam - es ist mir , wie wenn mein Schulsack ein Löchlein , rimulam , bekommen hätte , zuerst nur ein ganz geringes , aber es wird immer größer , ich kann schon mit der Faust - o entsetzlich ! es rinnt mir schockweise alles bei den Stiefeln hinaus , praeceps fertur omnis eruditio , quasi ein Nachlaß der Natur - o himmelschreiend , in einer halben Stunde bin ich rein ausgebeutelt , bin meinem schlechtesten Trivialschüler gleich - Lassen Sie mich hinaus , hinaus ! ich sprenge die Verzäunung - Ich und der Legationsrat kamen ganz außer uns . Der Mensch aber , empört durch unser Lachen , schlug uns das Gitter vor der Nase zu und wir sahen ihn eine ganze Weile nicht wieder . Wir glaubten anfangs , es wäre etwa eine komische Figur aus dem Lustspiele , der Legationsrat schwur scherzend , gar Tieck selber müsse es gewesen sein . Indessen ging der letzte Aufzug an und ging gleich den ersten herrlich vorüber . Der Vorhang fiel . Das alterierte Publikum drängte sich murrend und drohend nach den Türen , einige wollten auf der Stelle Rechenschaft haben Sieh da ! rief der Legationsrat mir zu , ein Beispiel , ein erstes und letztes für ganz Deutschland , ein Wahrzeichen für alle Direktionen , welche auf Sinn und guten Geschmack bei uns rechnen ! Plötzlich antwortete eine ganz gelassene Stimme am Gitter mit den Worten Cäsars Pro ostento non ducendum si pecudi cor defuit . Und zugleich streckte sich wieder jenes Präzeptorsgesicht herein , aber ohne die vorige Grimasse und daher fast kaum mehr zu erkennen Glauben Sie mir , meine Herren ( denn ich habe mich unterdessen erholt und ein wunderbares Licht ging mir auf ) dieses Stück wird vergöttert werden bei unsern Landsleuten , und die Direktionen können für solche Abende das Entree getrost auf das Dreifache steigern , um den Pöbel zu verschmerzen . Denken Sie an mich . Ihr Diener . Während er das sagte , glaubte ich mich dunkel zu erinnern , daß mir dieses Gesicht nicht zum erstenmal begegne , ich wollte ihn schnell anreden , aber wie weggeblasen war er unter dem Gewühl . Ich und mein guter U. , nachdem wir von unserm Erstaunen einigermaßen zurückgekommen waren , beschlossen diesen Mann , wenn er sich anders hier aufhalte , was zu bezweifeln war , auszukundschaften , es koste was es wolle . Umsonst sahn wir uns auf den Treppen , an den Ausgängen überall um , fragten die Personen , denen er zunächst gesessen , niemand wußte von ihm . Nach acht Tagen dacht ich nicht mehr an den Vorfall und hielt den Unbekannten für einen Auswärtigen . - Ich befinde mich eines Morgens mit mehreren Bekannten auf dem Kaffeehause . Im Auf- und Abgehen klopf ich meine Zigarre am offenen Fenster aus und werfe zufällig einen Blick auf die Straße ; ein Handwerker mit Brettern unterm Arm geht hart am Hause vorüber , meine Asche kann ihn getroffen haben , kurz , er schaut rasch auf und bietet mir das ganze Gesicht entgegen , mit einem Ausdruck mit einer Beugung des Körpers , wie ich das in meinem Leben nur von einem Menschen gesehen hatte , und - genug , in diesem Momente wußt ich auch , wer er sei : der Komiker , den ich vor fünf Jahren im Geizigen des Molière bewunderte , Larkens . Unverzüglich schickt ich ihm nach , ohne mir gegen irgend jemand das geringste merken zu lassen . Er kam , in der Meinung , man verlange seine Dienste als Handwerker , ich ging ihm entgegen und ließ ihn in ein leeres Zimmer treten . Es gab nun , wie man denken kann , eine sehr sonderbare Unterredung , von welcher ich nur sage , daß ich mich ungewisser stellte als ich war , nur entfernt von großer Ähnlichkeit mit einem früheren Bekannten sprach , um ihm auf den Fall er sein Geheimnis lieber bewahren wollte , den Vorteil der Verleugnung ohne weiteres zu lassen . Hier aber erkannte man nun erst den wahren Meister ! Eine solche köstliche Zunftmiene , so eine rechtfertige Zähheit - kein Flamänder malt diesen Ausdruck mit solcher Wahrheit . Man glaubte einen Burschen zu sehen , auf dessen Stirne sich bereits die Behaglichkeit zeichne , womit er am ruhigen Abend beim Bierkrug und schlechten Tabak den Auftritt seinen Kameraden auftischen wollte , nachdem er ihre Neugierde durch etwas unnötig längeres Feuerschlagen gehörig zu schärfen für dienlich erachtet . Wie hätte ich nun nach allem diesen es noch übers Herz bringen können , dem unvergleichlichen Mann sein Spiel zu verderben oder länger in ihn zu dringen ? Ich entließ ihn also , konnte aber freilich nicht ganz ohne lachenden Mund mein Adieu , guter Freund , und nehm Er ' s nicht übel ! hervorbringen . Er sah mir ' s um die Lippen zucken , kehrte sich unter der Tür noch einmal um und sagte im liebenswürdigsten Ton Ich sehe wohl , der Schulmeister von neulich hat mir einen Streich gespielt , ich bitte , Euer Exz . mögen diese meine gegenwärtige Figur noch zur verkehrten Welt schlagen . Dürft ich aber vollends hoffen , daß dieser Auftritt unter uns bliebe , so würde ich Ew . Exz . sehr verpflichtet sein , und Sie haben hiemit mein Ehrenwort , daß mein Geheimnis ohne das mindeste Arge ist ; aber für jetzt liegt mir alles dran , das zu scheinen , was ich lieber gar sein möchte . Jetzt nahm ich länger keinen Anstand , ihn bei seinem Namen herzlich willkommen zu heißen . Da er natürlich geniert war , in seinem gegenwärtigen Aufzuge einen Diskurs fortzusetzen , und doch mein Interesse ihm nicht entging , so hieß er mich Zeit und Ort bestimmen , wo wir uns gelegener sprechen könnten , und so verabschiedete er sich mit einem unwillkürlichen Anstande , der ihm selbst in diesen Kleidern trefflich ließ . Um mir nun die ganze sonderbare Erscheinung einigermaßen zu erklären , lag freilich der Gedanke am nächsten , es habe dem Künstler gefallen , die niedrige Natur eine Zeitlang an der Quelle selbst zu studieren , wiewohl derselbe Zweck gewiß auf andre Art bequemer zu erreichen war . Als wir kurz nachher auf meinem Gute zusammenkamen , schien er mich auch wirklich auf meinem Glauben lassen zu wollen ; doch dachte er zu redlich , um nicht die wahre Absicht , deren er sich vielleicht schämen mochte , wenigstens als ein Nebenmotiv bemerklich zu machen , und da überdies eine hypochondrische Seite in seinem Gespräche mehrmals anklang , so erriet ich leicht , daß dies wohl der einzige Beweggrund sein müsse . Ich vermied natürlich von nun an die Materie gerne , aber auffallend war es mir , daß Larkens , wenn ich das Gespräch auf Kunst und dergleichen hinlenkte , nur einen zerstreuten und beinahe erzwungenen Anteil zeigte . Er zog praktische oder ökonomische Gegenstände , auch die unbedeutendsten , jedesmal vor . Mit wahrer Freude untersuchte er meine Baumschule und jede Art von Feldwerkzeug , zugleich suchte er sich beim Gärtner über alle diese Dinge gelegentlich zu unterrichten und gab mitunter die sinnreichsten Vorteile an , die ihm weder Handbuch noch Erfahrung , sondern nur sein glücklicher Blick gezeigt haben kann . Übrigens waren unserer Zusammenkünfte leider nicht mehr als drei ; vor sechs Tagen speiste er das letzte Mal bei mir . « Der Präsident war fertig . Eine tiefe Wehmut war auf alle Gesichter ausgegossen und keines wollte reden . Hatte man während dieser Erzählung , wenigstens in der Mitte derselben , nur das rege Bild eines Mannes vor sich gehabt , welcher , obgleich nicht im reinsten und glücklichsten Sinne , doch durch die feurige Art , wie er die höchsten Glanzerscheinungen des Lebens und der Kunst in sich aufnehmen konnte , mit Leib und Seele dieser Welt anzugehören schien , und konnte man also auf Augenblicke völlig vergessen , es sei hier von einem Verstorbenen die Rede , so überfiel nun der Gedanke , daß man in wenig Stunden werde seinen Sarg in die Erde senken sehen , alle Gemüter mit einer unerträglichen Pein , mit einer ganz eigenen Angst , und unsern Freund durchdrang ein nie gefühlter brennender Schmerz der ungeduldigsten Sehnsucht . Sekundenlang konnte er sich einbilden , sogleich werde die Türe sich auftun , es werde jemand hereinkommen , mit freundlichem Gesicht erklären , es sei alles ein Irrtum , Larkens komme frisch , und gesund unverzüglich hieher . Aber ach ! kein Wunder gibt es und keine Allmacht , um Geschehenes ungeschehen zu machen . Der Präsident trat stille auf Theobald zu , legte die Hand auf seine Schulter und sprach : » Mein Lieber ! es ist nun Zeit , daß ich eine Bitte , eine rechte Herzensbitte an Sie bringe , mit der ich seit gestern abend umgehe und welche Sie mir ja nicht abschlagen müssen . Bleiben Sie einige Tage bei uns . Es ist uns beiden unerläßliches Bedürfnis , des teuren Freundes Gedächtnis eine Zeitlang miteinander zu tragen und zu feiern . Wir werden , indem wir uns beruhigen , auch seinen Geist mit sich selber zu versöhnen glauben . Wir müssen , wenn ich so sprechen darf , dem Boden , welchem er seine unglückliche Asche aufdrang , die fromme Weihe erst erteilen , damit diese Erde den Fremdling mütterlich einschließen könne . Wenn Sie uns verlassen haben , so ist hier keine Seele außer mir , die Ihren Larkens kennte und schätzte wie er es verdient , und doch sollen zum wenigsten stets ihrer zwei beisammen sein , um das Andenken eines Abgeschiedenen zu heiligen . Ja , geben Sie meiner Bitte nach , überlegen Sie nicht - Ihre Hand ! Morgen reisen wir alle aufs Gut und wollen , traurig und froh , eines dem andern sein was wir können . « Nolten ließ den in Tränen schimmernden Blick freundlich auf Agnesen hinübergleiten , die denn , zum Zeichen was sie denke , mit Innigkeit die Hand Margots ergriff , welch letztere , diese Meinung liebreich zu erwidern , sich alsbald gegen beide Mädchen hinbeugte und sie küßte . » Wer könnte hier noch länger widerstehn ! « rief Nolten aus . » Ihre Güte , teurer Mann , ist fast zu groß für mich , ich nehme sie aber , wenn auch nur schüchtern , im Namen unseres Toten an . - Unsere Reise , meine guten Kinder « , setzte er gegen die Seinigen hinzu , » insofern sie dem Vergnügen gelten sollte , war ich seit gestern ohnehin entschlossen abzukürzen , ich wollte ungesäumt dem Orte unseres künftigen Bleibens und meiner Pflicht entgegengehn . Unvermutet hat sich uns nun eine dritte Aussicht eröffnet , die selbst mit ihrer schmerzlichen Bedeutung bei weitem den schönsten Genuß und die lieblichste Zuflucht verspricht . « Ein Bedienter kam und meldete einige Herren , welche der Präsident auf diese Stunde zu sich gebeten hatte . Es war der Regisseur des Theaters und drei andere Künstler , die sich für Nolten nicht weniger , als für den Verstorbenen interessierten , da ihnen der Maler durch Renommee schon längst nicht fremd mehr war . Der Regisseur kam vor Jahren einmal mit Larkens in persönliche Berührung . Er wollte , auf Anregung des Präsidenten und darum ohne Widerspruch von seiten der Geistlichkeit , ein Wort am Grabe reden ; Theobald hatte ihm hiezu die nötigen Notizen schon am Morgen zusammengeschrieben . Man beredete noch einiges wegen der Feierlichkeit . Indessen hatte sich der Tag schon ziemlich geneigt , und seine ahnungsvolle Dämmerung wälzte mit den ersten Trauerschlägen von dem Turme her langsam und feierlich das letzte größte Schmerzgewicht auf die Brust unsrer Freunde . Die Leiche mußte vor dem Hause des Präsidenten vorüberkommen , wo denn die ordentliche Begleitung mit einbrechender Nacht , Punkt neun Uhr sich aufstellen und ein Fackelzug von Künstlern und Schauspielern die Leiche abholen sollte , währenddessen die übrigen Fußgänger und die Wagen hier zu warten angewiesen waren . Nolten suchte noch einen Augenblick loszukommen , um in aller Stille einen letzten Gang nach des Tischlers Hause zu tun . Dort traf er bereits eine Menge Neugieriger in der engen Gasse versammelt , doch wagte niemand , ihm zu folgen , als der alte Meister ihm den Schlüssel zu der bekannten , weit nach hinten zu gelegenen Kammer reichte . Ein weißer , mit frischen Blumen behängter Sarg stand auf dem Gange . Köstliches Rauchwerk kam ihm aus dem Zimmer entgegen , als er eintrat . Aber aufs schönste ward er überrascht und gerührt durch einen Schmuck , den eine unbekannte Hand dem Toten hatte angedeihen lassen . Nicht nur war der Körper mit einem langen , feinen Sterbekleid und schwarzer Schärpe reinlich umgeben , sondern ein großer , blendend weißer Schleier , mit Silber schwer gestickt , bedeckte das Antlitz und ließ einen grünen Lorbeerkranz , der um die hohe Stirne lag , und selbst die Züge des Gesichts gar milde durchschimmern . Der Maler blieb nicht länger vor dem Bette stehn , als eben hinreichte , um jenes stumme , langgedehnte Lebewohl - sei es auf Wiedersehn , ach ! oder auch auf ewig Nimmersehn - durch das Tiefinnerste der Seele ziehn zu lassen und jeden stillen Winkel seiner Brust mit diesem Liebesecho schmerzlich anzufüllen . Er hörte Tritte auf dem Gang , schnell riß er sich los , in Eifersucht , daß diesen Ruheanblick , den er auf alle Zeiten mit sich nehmen wollte , kein anderer mit ihm teile . Wir sehen einen frischen Tag über der Stadt aufgehn , und sagen von dem gestrigen Abende nicht mehr , als daß die ganze Feier schön und würdig vollzogen wurde . Der heutige Morgen , es war ein Sonntag , ging mit Einpacken , oder mit Besuchen hin , die Nolten in der Stadt zu machen und zu erwidern hatte . Die außerordentliche Begebenheit erwarb ihm eine große Anzahl teils neugieriger , teils aufrichtiger Freunde , es kam nun eine Einladung nach der andern , darunter sehr ehrenvolle , die er nicht ablehnen durfte . Es wurde deshalb beschlossen , daß man nicht heute abend , wie anfangs verabredet gewesen , sondern morgen auf das Landgut fahre . Die Familie des Präsidenten war indessen in aller Frühe schon hier eingetroffen , und Nolten sah die Präsidentin auf kurze Zeit , neben dem Gemahl , doch war es ebendarum bei aller möglichen Artigkeit von ihrer Seite eine ziemlich frostige Bekanntschaft . Nannette , welche auch dabei zugegen , konnte sich nicht genug verwundern über die hohle Zärtlichkeit des vornehmen Ehepaars und sie machte gleich hernach Agnesen die ganze Szene vor , wie sich beide geküßt , wie zierlich die Frau ihr Sprüchlein gelispelt habe . Als Theobald wegen des dem armen Freunde gewidmeten Ehrenschmucks ein dankbares Wort an das Fräulein richtete - denn er vermutete sonst niemanden darunter - vernahm er , daß zwar der Schleier von ihr , das übrige jedoch von einer edlen Dame gekommen , welche den Schauspieler vor mehreren Jahren in einigen seiner vorzüglichsten Rollen gesehen habe . Margot nannte ihren Namen mit Achtung und erzählte , daß sie dieselbe Frau noch vor ganz kurzer Zeit gelegentlich in einer Gesellschaft sehr munter von jenen Vorstellungen habe erzählen hören . Montag mittag endlich verließen die Freunde erleichterten Mutes die Stadt . Die Neuburger Chaise mit einem Teil des Gepäcks sollte hier zurückbleiben . Unsre Gesellschaft teilte sich in zwei Gefährte des Präsidenten , so daß die Herren in dem einen , die drei Frauenzimmer in dem andern für sich allein waren . Nach einer Stunde schon sah man das Schloß vor sich auf der flachen Anhöhe liegen , am Fuße derselben ein kleines Landstädtchen , dessen Marken durch manches Bethaus am Wege , durch manches hölzerne Kreuz die katholische Einwohnerschaft im voraus verkündigen . Das Schloß selber ist ein altertümliches Gebäude , massiv von Stein , in zwei gleich lange Flügel gebaut , welche nach unsrer Seite her in einen stumpfen Winkel zusammenlaufen , so , daß der eine , mehr seitwärts gelegene , sich , je näher man dem Hauptportale kam , hinter den andern zurücklegen mußte . Das ernste und würdige Ansehn des Ganzen verlor nur wenig durch die moderne gelbbraune Verblendung . Überall bemerkte man vorspringende Erker und schmale Altane , ziemlich unregelmäßig , aber bequem und auf die Aussicht ins Weite berechnet . Man fuhr in den Schloßhof ein , der hinten durch eine im Halbkreis gezogene Kastanienallee gar schön geschlossen ist , indem dieselbe rechts und links auf beide Flügelenden zugeht . Die Mitte des Halbzirkels nimmt ein achteckig gefaßter See mit Springbrunnen ein , deren altfränkische Delphine nach vier Seiten hin ihr Wasser strahlen . Die Allee wird durch geradlinige Wege dreimal durchschnitten , um in die zunächst hinterliegenden Anlagen zu gelangen ; der mittlere Ausgang führt nach der Schnur auf ein ansehnliches Gartenhaus zu . Von der Herrschaft wurden im ganzen Schlosse bloß die beiden Etagen des einen Flügels bewohnt , die obern vom Präsidenten , unten befanden sich die Zimmer der Frau , wo nun auch die beiden Mädchen mit dem Fräulein einquartiert werden sollten . Das alles war , wenige Piecen ausgenommen , nach neuerem Geschmacke . An Bedienung , weiblicher sowohl als männlicher , fehlte es nicht . Nachdem die neuen Gäste einigermaßen eingerichtet waren , trank man den Kaffee in einem der vielen Bosketts im Garten und wandelte sodann , in zwei Partien abermals getrennt , die ganze Anlage durch . Ihr Umfang war , obgleich beträchtlich , doch kleiner als es von innen der Anschein gab , weil Bäume und Gebüsch die Mauer überall verbargen . Agnes und Nannette , ihre gefällige Freundin in der Mitte , empfanden sich in einem völlig neuen Elemente ; jedoch sein Fremdes ward ihnen durch Margots höchst umgängliches und ungeniertes Wesen mit jeder Viertelstunde mehr zu eigen . Überhaupt finden wir nun Zeit von der Tochter zu reden , und sie verdient , daß man sie näher kennenlerne . Das munterste Herz , verbunden mit einem scharfen Verstande , der unter dem unmittelbaren Einflusse des Vaters , verschiedene , sonst nur dem männlichen Geschlecht zukommende Fächer der Wissenschaft , man darf kecklich sagen , mit angeborener Leidenschaft und ohne den geringsten Zug von gelehrter Koketterie ergriffen hatte , schienen hinreichende Eigenschaften , um mit einem Äußern zu versöhnen , das wenigstens für ein gewöhnliches Auge nicht viel Einnehmendes , oder um es recht zu sagen , bei viel Einnehmendem , manches unangenehm Auffallende hatte . Die Figur war außerordentlich schön , obgleich nur mäßig hoch , der Kopf an sich von dem edelsten Umriß , und das ovale Gesicht hätte , ohne den aufgequollenen Mund und die Stumpfnase , nicht zärter geformt sein können ; dazu kam eine braune , wenngleich sehr frische Haut , und ein Paar große dunkle Augen . Es gab , freilich nur unter den Männern , immer einige , denen eine so eigene Zusammensetzung gefiel ; sie behaupteten , es werden die widersprechenden Teile dieses Gesichts durch den vollen Ausdruck von Seele in ein unzertrennliches Ganzes auf die reizendste Art verschmolzen . Man hatte deshalb den Bewunderern Margots den Spottnamen der afrikanischen Fremd- und Feinschmecker aufgetrieben , und wenn hieran gewisse allgemein verehrte Schönheiten der Stadt sich nicht wenig erbauten , so war es doch verdrießlich , daß eben die geistreichsten Jünglinge sich am liebsten um diese Afrikanerin versammelten . Die Späße der ballgerechten Stutzer waren indes , der Eifersucht zum Troste , unerschöpflich . So hatte ein Lieutenant , der sonst eben nicht im Geruche des witzigsten Kopfes stand , den köstlichen Einfall ausgeheckt : man bemerke an des Präsidenten Tochter , bei genauerer Betrachtung , ein feines Bärtchen um die Lippen , welches wohl daher komme , daß sie als Kind sich schon von den alten Knasterbärten , den Ciceros und Xenophons habe küssen lassen , und vergessen , sich den Mund rein zu wischen . Das Schönste war , daß Margot dergleichen Armseligkeiten , auch wenn sie darum wußte , im geringsten nicht bitter empfand ; sie erschien bei den öffentlichen Vergnügungen , wozu freilich mehr die Mutter als das eigene Bedürfnis sie trieb , immer mit gleich unbefangener Heiterkeit , sogar gehörte sie bei Spiel und Tanz zu den eigentlich Lustigen ; aber indem sie Wohlgesinnte und Zweideutige ganz auf einerlei Weise behandelte , zeigte sie , ohne es zu wollen , daß sie den einen wie den andern missen könne . Allein auch diese unschuldigste Indifferenz legte man entweder als Herzlosigkeit , oder Stolz aus . Agnes und selbst die leichter gesinnte junge Schwägerin huldigten dem guten Wesen von ganzem Herzen , ohne erst noch seine glänzendste Seite zu kennen . Die Mädchen saßen im Gespräch auf einer Bank und sahen jetzt einen jungen Menschen von etwa sechszehn Jahren , gewöhnlich aber rein gekleidet und einige Bäumchen im Scherben tragend , den breiten Weg herunterlaufen . Wie er an ihnen vorüberkam , nickte er nur schnell und trocken mit dem Kopfe vor sich hin , ohne sie anzusehn . Die zarte Bildung seines Gesichts , die ganze Haltung des Knaben machte Nannetten aufmerksam , und Margot sagte : » Es ist der blinde Sohn des Gärtners . Sie haben ihn mitleidig angesehn und es geht anfänglich jedermann so , man glaubt ihn leidend , doch ist er es nicht , er hält sich für den glücklichsten Menschen . Wir lieben ihn alle . Er hilft seinem Vater und verrichtet eine Menge Gartengeschäfte mit einer Leichtigkeit , daß es eine Lust ist , ihm zuzusehn , wenn ihm einmal die Sachen hingerüstet und bedeutet sind . Nichts kommt ihm falsch in die Hand , kein Blättchen knickt ihm unter den Fingern , eben als wenn die Gegenstände Augen hätten statt seiner und kämen ihm von selbst entgegen . Dies gibt nun einen so rührenden Begriff von der Neigung , dem stillen Einverständnis zwischen der äußern Natur und der Natur dieses sonderbaren Menschen . Da er nicht von Geburt , sondern etwa seit seinem fünften Jahre blind ist , so kann er sich Farben und Gestalten vorstellen , aber wunderlich klingt es , wenn man ihn die Farben gewisser Blumen mit großer Bestimmtheit , aber oft grundfalsch so oder so angeben hört ; er läßt sich seine Idee nicht nehmen , da er sie ein für allemal aus einem unerklärlichen Instinkt , hauptsächlich aus dem