Du ? « rief ich unwillig . Sie zieht eilig den Vorhang wieder zu , und lautlos auf mich zurennend , flüstert sie : » St ! daß sie uns nicht hören ! Sie sitzen bei Würfeln und Karten , und die Wirthin steht bei einer Bowle Punsch , aus der sie ihnen fleißig einschenkt . « Die genauere Bezeichnung dessen , was neben mir an , getrieben ward , flößte mir Widerwillen und Bangigkeit ein . Die Scheidewand , welche mir bis jetzt unmittelbare Störungen abhielt , war eingefallen ; das Fensterchen mochte aufgesprungen sein , genug , ich unterschied plötzlich des Amtmanns Stimme , die durch Punsch und Spiel gehoben , etwas unbeschreiblich Verletzendes hatte . Die Karten schienen ihm unglücklich zu fallen . Er stieß mehr als einen Fluch aus . Mir war nicht anders , als müsse jeden Augenblick Einer von den wilden Gesellen zu mir hereintreten . Ich wollte fort , zu Fuß , in den Wald , nur hier nicht länger bleiben ! Johanna beschwor mich , ruhig zu sein . Ich stand zitternd an sie gelehnt , als ich den Amtmann zornig auffahren , und einen Knaben weinerlich sagen hörte : » Ich wollte Dich ja nur erinnern , daß es spät sei . Großmutter weint . « » Ach , geh ' zum Teufel mit deiner Großmutter und deinem Erinnern ! « schrie der Vater ganz außer sich . » Aber wartet nur , ich werde dem Dinge ein Ende machen ! Du mußt mir auf die Schule , « fuhr er hitzig fort . » Nun der kranke Wurm nicht länger bei uns bleibt , bekommt das Ding so eine Wendung ! « Sophie ! ich glaubte in die Erde zu sinken . Er redete von Georg ! Krank nannte er ihn , und jämmerlich , wie ein Wurm , dünkt ihm das blühende Kind ! Es war das erstemal , daß ich das hörte ; Niemand hatte mir früher eine Ahndung davon gegeben . Gespannt horchte ich , als die Fragen der Andere mir mehr Licht zu geben versprachen . Allein der Amtmann war in seiner Punschlaune ganz verwildert , er vermaß sich hoch und theuer , daß er sein halbes Leben darum schuldig sein wolle , wenn er nie an den vermaledeiten Ort gekommen wäre , wo sich das Unglück einquartirt habe . Viele der Anwesenden lachten ihn aus . Er schlug aber auf den Tisch , daß die Gläser klirrten , indem er schriee : » Lacht nur ! ich weiß doch , was ich weiß . « » Nun ? « fragten Einige , » was weißt Du denn ? « » Das weiß ich , « entgegnete er heftig , » daß mit dem Grafen alles Elend über uns gekommen ist . Wie der hier einzog , da starb mein Hannchen ; sie hatte ihn kaum gesehen , hernach - ! nun , das läßt sich ja an den Fingern abzählen , « bekräftigte er seine Aussage , ohne weitere Beweise anführen zu wollen . » Es wird noch Alles sterben , « fuhr der wilde Mann nach kurzer Pause fort , » Alles , was er verhext hat . Die Eine ist schon todt , die Andere so gut wie gestorben , und der arme Junge , der hat auch etwas weg , das wird gewiß kein Mensch leugnen . « Schrecklich ! Schrecklich ! wimmerte ich , die Hände ringend . Ich schrack zusammen , als die Gäste ungestüm nach Punsch und auch nach der Wirthin riefen . Sie mußte einen Augenblick hinausgegangen sein . » Sie ist dort in der Kammer , « sagte Einer , » hinter der Gardine schimmert ja Licht ! « » Holla ! « rief dieser zwischen dem Fensterflügel hindurch , den Vorhang aufhebend . » Ach ! gehorsamer Diener ! « setzte er verblüfft und blöde hinzu , indem er , mit dem Fuße scharrend , eine Verbeugung machte . Ich verbarg mein Gesicht an Johanna ' s Brust , doch hatten sich im Augenblick Mehrere an das Fenster gedrängt . Ich hörte sie zischeln : » Es ist die Präsidentin , da wird er auch nicht weit sein ! « » Nein ! « meinte ein Anderer , » es ist wegen dem Kleinen , der nun fort soll . Weiß man doch , wie sie ihn liebt . « » Ja , ja , « flüsterte der Amtmann , » und vollends die unversöhnliche Todtfeindin ! « Sophie ! ich hörte nichts mehr . Ich habe wohl eine Stunde in völliger Betäubung da gesessen . Ich bin wie verwirrt ! Hier kann oder will mir Niemand Auskunft geben . Sie müssen es . Ich beschwöre Sie auf meinen Knieen darum . Morgen frühe ! So bald Sie können . Hören Sie wohl . Denken Sie , daß die Nacht lang , daß jede Minute in der Angst verlebt , eine Ewigkeit ist ; daß ich auf der Folter bin , und Sie mich retten können , oder - ! Nein , das wird nicht sein , das darf nicht sein ! Sophie an Hugo Ich kann nicht einen Augenblick anstehen , Ihren Beistand für Elise in Anspruch zu nehmen . Ein höchst unangenehmer Vorfall hat die , nur allzuleicht mit sich einige , immer zum Aeußersten entschlossene Frau zu Schritten verleitet , die ärgerliche Folgen haben können . Lesen Sie Ihren letzten Brief an mich . Ich schicke Ihnen diesen , wie er ist . Er allein mag das Folgende erklären . Es war wohl natürlich , daß ich gleich nach Empfang desselben die Arme in ihrem Versteck aufsuchte . Nichts , selbst die Gegenwart der Oberhofmeisterin konnte mich daran verhindern . Wer hätte ahnden sollen , daß gerade diese Eile die widrigen Ereignisse beschleunigen , die Verwirrung vollständig machen würde ! Noch vor dem Frühstück hatte ich mich in den Wagen geworfen , und ohne Ihre Schwiegermutter zu sprechen , mich begnügt , ihr sagen zu lassen , ein dringendes Geschäft zwinge mich zu kurzer Abwesenheit , gegen Mittag würde ich gleichwohl unfehlbar zurückgekehrt sein . Tausend Sorgen im Herzen , komme ich nach dem Waldhäuschen . Ich steige aus , ich gehe hinein . Niemand begegnet mir . Sie ist krank , denke ich . Die Wirthin , ihre Leute sind um sie beschäftigt . Vorsichtig öffne ich die Thür nach dem hintern Zimmer . » Ach , Ihr Gnaden ! da sind Sie ja doch noch gekommen ! « ruft Johanna . Die Tannenhäuserin und sie standen zugleich vor mir und sahen theils verwundert , theils bestürzt aus . Ich fragte ängstlich nach Elisen . » Ach mein Gott ! « entgegnete das erschrockene Mädchen . » Ist denn die gnädige Frau nicht bei Ihnen ? Sie sagte doch , sie wolle sich bei Wehrheim übersetzen lassen und nach dem Stifte gehen . « » Wann war das ? « fragte ich , » wann ging sie von hier fort ? « Beide sahen sich an , und meinten , ein Paar Stunden sei es wohl her . Da müßte sie ja , dachte ich , Weg und Länge der Zeit gegen einander abmessend , schon dort gewesen sein , ehe ich noch von Hause ging . Doch fiel mir Wehrheim , und alles was sich daran knüpft , bei . Sie wird sich dort aufhalten , den neuen Bau besehen . Ich beschloß sogleich dahin zu fahren . Eilig forschte ich nur noch bei Johanna , wie das Befinden und die Stimmung ihrer Herrschaft gewesen sei ? Wie sie die Nacht zugebracht habe ? Und ob sie nicht geäußert , weshalb sie mich nicht hier abwartete , da sie doch gewiß sein konnte , ich würde nicht ausbleiben ? Was ich erfuhr , mehrte nur meine Besorgniß . Elise hatte in ungleicher , fieberhafter Ueberspannung bis zum Morgen geschrieben , das Geschriebene zerrissen , die Papierschnitzel verbrannt , dann aufs neue , und in größerer Lebhaftigkeit , ein Blatt gebrochen , ihre Gedanken eilig in großen Schriftzügen darauf hingeworfen . Bis sie es zuletzt zu sich steckte , damit zum Fenster trat , als warte sie nur den ab , dem sie es anvertrauen dürfe . Die Wirthin erbot sich unaufgefordert zu jeder ihrer Bestellungen . Elise sah sie gerührt an . » Ich danke , « lächelte sie , so weich und schmerzlich , daß Jener die Thränen noch jetzt von tiefer Rührung in die Augen traten . Darauf legte sie beide Hände auf der Tannenhäuserin Arm , und zog diese näher zum Fenster . Die Hände hätten gebrannt , wie Kohlen , und die Stimme sei stockend gewesen , als sie sagte : » Wissen Sie wohl noch , wie wir , die selige Amtmannsfrau und all die Kinder und ich hier Blindekuh spielten ? « Ich verband der lieben Seligen die Augen , da klagte sie : » Nicht so fest , nicht so fest ! « Ich lachte und neckte sie , als könne sie die Finger sehen , die ich ihr vorhalte . » Nicht einen Stich , « betheuerte sie , » es ist so dunkel wie im Grabe um mich . « Elise verzog das Gesicht sonderbar , als sie wiederholte : » Dunkel wie im Grabe ! « und dann hinzusetzte : » Nun liegt sie schon lange darin ! Nachher ward ich Blindekuh ! Und - « sie drückte das Gesicht gegen die Scheiben . Sie weinte aber nicht , doch flog ihr die Brust heftig , als unterdrücke sie ihre Thränen . Nach einer Weile soll sie gesagt haben : sie wolle nun gehen . Es komme doch Niemand . Johanna bezog das auf mich , und entgegnete : ich könne ja kaum erst den Brief haben . Elise schüttelte aber den Kopf , forderte Mantel und Handschuhe , zog den Schleier über den Hut herunter , und verließ mit den Worten das Haus : » seid unbesorgt , ich kenne hier Weg und Steg . « Liebster Hugo ! ich bin darum so weitläufig in Wiederholung aller dieser Aeußerungen , und ihrer begleitenden Nebenumstände , um mein damaliges Dafürhalten zu modiviren , daß jenes erwähnte Blatt an Sie gerichtet , Elise zu dem Gedanken gebracht haben könne , es Ihnen selbst nach Wehrheim hinzutragen , in der Hoffnung , Sie vielleicht dort zu treffen , oder doch Gelegenheit zu schnellerer Besorgung finden zu können . Wenn man einmal auf einer falschen Spur ist , so rennt man blindlings darauf fort . Meine gewonnene Ueberzeugung jagte mich um so eiliger nach Wehrheim , als ich Elisens Besonnenheit mehr als jemals mißtraute . Aufs Aeußerste betroffen , erfuhr ich indeß hier , daß weder unsere arme Freundin , noch sonst jemand Fremdes seit mehreren Tagen im Orte gewesen sei . Sollte sie wirklich bei mir sein , dachte ich ganz entsetzt bei der Vorstellung möglichen Zusammentreffens mit der Oberhofmeisterin ! Es lag soviel Unwahrscheinliches hierin . Und doch ! Ihre Ungeduld , Nachricht zu haben , die wachsende Angst , der fieberhafte Zustand ! Ich ging eilig , mit meiner eigenen Meinung streitend , am Ufer auf und ab . Die Sonne schien warm . Es wehte eine angenehme Luft . Einen Augenblick stehe ich stille , ich sah umher Dörfer und Schlösser liegen jenseits des Stromes . Das neue Dach von des Amtmanns Hause leuchtet besonders hell in dem frischen Morgenlicht . Des Amtmanns Haus ! - Gott ! wie Schuppen fiel mir ' s von den Augen . Da ist sie ! nirgends sonst wo . In der Nähe von dem Tannenhause , das Kind leidend . - Es war unbegreiflich , daß es mir nicht gleich im Augenblick einfiel . » Zurück ! zurück ! « rief ich dem Kutscher zu , jetzt doppelt ein unglückliches Mißverstehen und gehässige Eindrücke für Elise fürchtend . Es war über das Alles später geworden , als ich es in der innern Erregung voraussetzte . Die unseligen Irrfahrten , die Erkundigungen und Berichte hatten viel Zeit weggenommen . Als ich vor dem Amthofe hielt , saß die Familie schon bei Tisch . Madame Lindhof kam mir entgegen . Sie sah ungewöhnlich erhitzt aus . Aengstlich vermied sie meinen fragenden Blick . » Ist die Frau Präsidentin hier ? « flüsterte ich ihr im Aussteigen zu . » Nicht mehr , « lispelte sie leise . » Mein Gott , auch hier nicht mehr ! « rief ich ungeduldig . » Verweilt sie denn nirgend so lange , daß ihre Freunde sie treffen ! « » Dafür , « entgegnete die sanfte Frau mit bebender Stimme , » wissen Andere , als Freunde , sie zu treffen ! « Ich fuhr erschrocken zusammen . » Wo , « fragte ich zögernd , » ist Elise jetzt ? « » Mit meinem Sohne nach der Stadt gefahren , « war ihre Antwort . Verwirrte Ahndungen blitzten mir durch die Seele . Wir traten in das Eßzimmer , Georg sprang auf mich zu . » Wissen Sie schon ? Mama ist wieder hier ! « jubelte er , die hellen Freudenthränen in den Augen . » Ich reise nun mit Mama , « plauderte er lebhaft fort . » Nicht mit der großen , alten Dame , die Papa schickte . « Ich nahm die gute Lindhof unter dem Arm , und sie in ein Nebenzimmer führend , bat ich sie , mir ruhig und zusammenhängend zu erzählen , was sich hier zugetragen habe . Ich erfuhr nun leider , daß gerade das , was ich verhüten wollte , dennoch geschehen war . Elise und die Oberhofmeisterin trafen hier zusammen . Die Letztere , die Zeit meiner Abwesenheit auszufüllen , fuhr hierher , um das Nöthige wegen des Knaben Abholung mit seiner Pflegerin zu bereden . Sie fand Elise dort . Wie sich Beide begrüßten , was verletztes Muttergefühl Beide sagen ließ , wie sie schieden , wozu die Unglückliche jetzt verleitet ward ? Ich dränge es in die wenigen Worte zusammen : Elise ist auf dem Wege , eine Klage gegen Eduard , wegen Bruch des Scheidungsvertrags , gerichtlich einzugeben . Dies Aergerniß muß um jeden Preis hintertrieben werden . Ich beschwöre Sie deshalb , die Unbesonnene aus den Händen ihres schlechten Rathgebers , des Amtmanns , zu retten , sie zur Besinnung , zur Güte und Sanftmuth zurückzuführen . Sie oder Niemand , vermögen es über sie , daß sie nur erst stille stehe , sich sammle , und betrachte , was sie darf , wenn sie auch nicht aufhört zu wollen . Und auch Wollen wird sie nichts Unschickliches , nichts Gewaltsames , da sich wirklich Alles anders verhält , als es sie ihr rasch und heftiges Empfinden erkennen läßt . Sehen Sie , Eduard hat sich nie des Rechts , über Georg zu bestimmen , vergeben , nur der Mutter Wunsch , ihn bis zum siebenten Jahre der freien und sanften Leitung unserer Nachbarin zu überlassen , in soweit bewilligt , als dies nicht zum Nachtheil des Kleinen auszuschlagen drohe . Jetzt nun , da genaue Erkundigungen den Vater von der wüsten und rohen Lebensweise des Amtmanns in Kenntniß setzten , er hören muß , wie in jenem Hause schlechte Gesellschaft ein- und ausgehe , und auch Georgs Gesundheit sich nicht wieder herstelle , jetzt entschließt er sich , den Knaben zurückzufordern . Er schrieb mir deshalb , setzte alle seine Gründe auseinander , und bat mich , die Mutter darauf vorzubereiten . Ehe ich dies noch vermag , entfernt sich Elise von ihrem bisherigen Aufenthaltsort , sie ist schon auf der Reise , als die Oberhofmeisterin hier ankommt . Geschäfte , den Nachlaß ihrer Tochter betreffend , führen diese zu mir . Der Präsident , genau mit ihren Angelegenheiten bekannt , weiß von ihrem Vorhaben , er benutzt die sichere und bequeme Gelegenheit , das Kind in eine vortreffliche , auf ihrem Weg gelegene Anstalt zu bringen . Sie verspricht es , und trifft ihre Vorkehrungen , ohne Elise kränken zu wollen , ohne selbst von ihrem geglaubten Rechte zu wissen . Ich lege Ihnen natürlich und einfach vor Augen , was sich eben so natürlich und einfach zutrug , und nur auf der Oberfläche die gemischte , störende Farbe trägt . Ich gestehe , daß wie die Sache unter dem ungünstigsten Zusammentreffen von Umständen erscheint , Elise Härte und Willkühr darin finden kann . Allein wäre dem auch so , sie muß es dulden . Sie darf durch keine öffentliche Handlung hervortreten , am wenigsten durch einen Schritt gegen Eduard , um die Welt nicht auf ' s Neue an sich zu erinnern . Ich weiß nicht , ob Sie diese Meinung theilen ? Das aber darf ich versichert sein , Sie werden das Laute , Ungeziemende jeder Handlungsweise mißbilligen , und gern behülflich sein , kranke Leidenschaftlichkeit in die Gränzen sanften Widerstandes zurückzuführen . Antwort Ein Geschäft hielt mich bis jetzt von der Burg entfernt . Ich kehre zurück , finde Ihren Brief , gütige Sophie ! und eile , unbesonnene Maßregeln zu hintertreiben . Der Arzt an Sophie Zu manchen Zeiten sollte man wirklich glauben , es mischen sich böse Geister in unsere verständigsten Absichten , um sie zu Schanden und uns Kummer zu machen . Es geht auch hier so . Alle Ihre Vorsicht , verehrtes Fräulein ! hat es nicht hindern können , daß die übereilte Klage wenigstens abgefaßt , unangenehme Worte darüber gesprochen , feindliche Gesinnungen erregt worden sind . In dieser unseligen Stimmung aufs Höchste gereizt , durch die eigennützigen Einflüsterungen des Amtmanns gestachelt , krank , in heftiger Fieberwallung , verläßt die Frau Präsidentin die Stadt . Es dunkelte bereits . Der Abend war lau , sie litt durch innere Hitze . So befahl sie , den Wagen herunter zu schlagen . Noch dünkten ihr Hut und Schleier genügend . Frei und leicht saß sie ohne weitere Verhüllung , und schien , selbst dem bösen Einfluß der Nachtluft zu trotzen . So kommen sie an die Brücke , die jetzt ausgebessert wird , und nur eine schmale Ueberfahrt gestattet . Wagen , die einander begegnen , müssen dann anhalten , und sich über das Recht des Vorfahrens vereinen . Des Amtmanns Calesche , von zwei Pferden gezogen , bleibt billig bei der Annäherung einer großen , sechsspännigen Reisekutsche zurück . Diese rollt nun über die Brücke . Neugierig biegt sich ein Kinderköpfchen zum Schlage heraus . » Mama ! Mama ! da ist sie ja ! « ruft eine herzzerschneidende Stimme . Und gleich darauf : » O bitte , liebe Mama , komm doch mit ! O bitte , bitte ! « Zerrissen , verwirrt , von wilden Empfindungen um Bewußtsein und Fassung gebracht , stürzt die unglückliche Mutter zum Wagen heraus , dem rasch Vorüberfahrenden nachschreiend , händeringend sinkt sie in die Kniee , dicke Staubwirbel , und Georgs Klagen , ziehen vor ihr her , sonst ist es Nacht um sie . Sie sieht nichts mehr ! - In diesem Zustande trifft sie der Graf , welcher auf Ihr Geheiß , mein Fräulein ! nach der Stadt eilte . Sie erkannte ihn nicht . Seine Verzweiflung , wie mir der Amtmann sagte , war unbeschreiblich . Er trug die Ohnmächtige in den Wagen , und während seine Leute mich zu holen eilten , begleitete er jene nach dem Amthof . Ich kam in der Nacht hier an . Ich fand bedenkliche Anzeichen , und darf es nicht verschweigen , daß die Natur wohl einen harten Kampf vorbereitet . Der Graf sitzt stumm an dem Bette der Kranken . Er fragt nicht , er äußert nicht Angst noch Sorge . Doch wird die Falte zwischen seinen Augen immer tiefer , sein Blick immer finsterer , das Gesicht starrer , der Schmerz hat all das Fürchterliche bei ihm , was Diejenigen ihm geben , die ihn auf Kosten ihrer Existenz in sich erdrücken , und Gewalt gegen Gewalt anrücken lassen . Hier im Hause herrscht die größte Bestürzung . Der Umstand , daß die Symptome der Krankheit sich ungefähr wie bei der verstorbenen Amtmannsfrau äußern , ruft alle schmerzliche Erinnerungen in die Herzen der Umstehenden zurück . Man giebt in der Regel der einmal gemachten Erfahrung bei ähnlicher Veranlassung unumschränkte Gewalt über die Gefühle . Niemand glaubt deshalb an Rettung , Alle beweinen die Kranke schon wie eine Todte , man hat dies kein Hehl , und selbst die ruhige , gelassene Madame Lindhof , durch so viele widrige Ereignisse nicht gleich so furchtsam , kann sich dennoch zu keiner Hoffnung erheben . Diese lähmende Trostlosigkeit ist indeß für Pflege und Aufsicht nachtheilig . Ich wage daher , Sie , mein Fräulein ! hieherzurufen , und hoffe um so mehr auf Sie , als ich nur kluger Umsicht und gefaßtem Gemüth fernere Verhaltungsregeln anvertrauen kann , von deren Beobachtung während meiner unaufschieblichen Rückkehr nach der Stadt , sehr viel abhängt . Unheimlich ist es , und ich leugne nicht , auch für Stärkere möchte es peinlich sein , daß die Fremde , welche hier eingezogen ist , und die bei den Leuten unter dem Namen : das graue Nönnchen , ( der Farbe ihrer Kleidung wegen ) bekannt ist , gerade bei der Ankunft der Kranken ihren nächtlichen Umgang hielt , und bei dem Wagen stehen blieb , als dieser vor dem Hofe einen Augenblick hielt , bis die Thorflügel geöffnet waren . Selbst der Graf soll zusammengezuckt und ängstlich gestöhnt haben . Einige wollen deshalb gar nicht zugeben , daß es die Fremde gewesen sei ; sie halten die Gestalt für den Geist der verstorbenen Amtmännin , und vermehren dadurch nur die dumpfe Bestürzung . Alles dies , mein bestes Fräulein ! möge Ihre Ankunft beschleunigen . Ich erwarte Sie in wenigen Stunden . Der Geistliche an Leontin Das Vertrauen eines Menschen ist ein unschätzbares Gut . Er giebt sich uns in diesem überströmenden Augenblicke selbst . Das will viel sagen . Solch Geschenk kann nicht bescheiden , nicht berücksichtigend genug angenommen werden . Aus diesem Grunde allein , mein würdiger und verehrter Herr Baron ! ließ ich Ihren schönen , rührenden Brief bis heute unbeantwortet . Wäre ich unmittelbar meinem Herzen gefolgt , ich hätte Ihnen gleich gesagt , was dieses durch und durch erschütterte . Wäre ich späterhin meinem Kopfe gefolgt , ich hätte mehr und anderes gesagt , und doch wohl nicht das Rechte . Heute will ich nun nichts , als Ihnen danken , Sie um Vergebung bitten , und mich bei Ihnen entschuldigen , daß ich lieber schweigen , als zur unrechten Zeit reden mochte . Der Grund meiner größern Zaghaftigkeit lag wohl hauptsächlich darin , daß ich vor nicht allzu geraumer Zeit erst von der Nutzlosigkeit warnender Worte eine traurige Erfahrung machen mußte . Wo das Gefühl vorwaltet , verletzt jeder Laut , der diesem Gefühl Einhalt thut . Es ist gewiß nichts schwerer , als hier den rechten Ton zu treffen . Eine Aeußerung Ihres geehrten Schreibens getraue ich mir gleichwohl aufzunehmen , und was ich darüber denke , frei auszusprechen . Es betrifft die Selbstwahl der Buße , und den Loskauf der Sünde durch Opfer . Sie bestätigen Ihre Ueberzeugung , mein Herr Baron ! durch den Entschluß , der Welt , wie dem äußern Wirken in dieser , entsagen , auf jedes Vorrecht größerer Freiheit , auf häusliches Glück , auf Familienfreude verzichten zu wollen . Sie entwerfen den Plan einer heiligen Stiftung , Sie denken sich der kleinern , enger erwählten Gemeine anzuschließen , und im Verborgenen das heilige Licht der Verklärung ruhiger und reiner wirken zu lassen . Es soll gewiß Punkte auf den vielbewegten Planeten geben , die dem aufwärtssteigenden Strahl des Gedankens Schutz , der Zusammenziehung der Lichtstoffe Stille , ihrer Rückwirkung auf die Erde Raum sichern . Es liegt jedem ob , diesen Punkt nach dem Maße seines Dafürhaltens zu suchen . Niemand möchte dem Andern füglich sagen : » Hier ist er ! « Die innere Freiheit findet demnach ihre schönste Beglaubigung in dieser Wahl . Sie , mein Herr Baron ! hoffen gefunden zu haben , was Ihrem Streben nothwendig dünkt . Die Ertödtung der Wünsche , die Abgezogenheit des Blickes , die Scheidung von dem Ehemals und Jetzt . Nun , Schmerz und Verzweiflung waren die Pförtner zu diesem Asyl ! Möge sanfter Trost Ihr Begleiter darin bleiben ! Sie erwarten das wohl gewiß . Weshalb aber , wenn ich fragen darf , nennen Sie denn Buße und Opfer , was eher Lohn des 7Sieges und Frucht höheren Genusses heißen sollte ? Ich denke , wenn dies anders in meiner Macht steht , mir Ihren Zustand , wie den eines Menschen , der auf der großen Heerstraße von Räubern angefallen , geplündert ward , diesen entflieht , einen verborgenen Pfad entdeckt , ihm folgt , ein heimlich , stilles Thal erreicht , erschöpft auf seine Kniee sinkt , und zum erstenmal aus tiefer Brust ruhig aufathmet : » Hier ist Sicherheit ! « Mit gehobener , dankerfüllter Seele seufzt er dann : » Hier will ich leben und sterben ! « Erschrickt er vielleicht dennoch , nachdem er das rasche Wort gesprochen ! Bedenkt er , daß das Leben lang , das Sterben fern sein könne ! Treten die Bilder theurer Verlassenen , die Erinnerungen alles dessen , was dunkle Thalwände , starre Felsen , dichte Waldungen ihm verdecken , vor das innere Auge , und empfindet er das lastende Gewicht voreiliger Entschließung ! was macht er länger hier ? Was bürdet er sich im eitlen Selbstgefühl das willkührliche Opfer auf ? da er wohl nur nicht stark genug ist , das über ihn Verhängte , der Armuth und Entbehrung , nach dem Verlust seiner liebsten Güter , zu ertragen ? Denkt er diese Schwäche da , wo ihn nichts demüthigt , nichts mit falschem Besitz neckt , abzubüßen ? Und vergißt er die schönere Buße , für Andere freudig dulden zu können ? Was heißt es überhaupt , sich selbst eine Buße auflegen ? Ich bekenne , dies nicht ganz zu fassen . In wessen Dienst steht man auch da ? Wer den Befehlen seines Herrn gewärtig bleiben will , der macht sich nicht viel unnütz zu schaffen . Sie fürchten , mein junger , gewissenhafter Freund ! die Frau Gräfin allzusehr geliebt , die beherrschende Neigung nicht genug gezügelt zu haben ? Nun , sie ist nicht mehr unter uns , die Sie fliehen . Durch sie kommt Ihnen da länger keine Gefahr . Wenn es nun aber gerade das wäre , was Sie hinaustriebe ? Wenn Sie die verlorne Geliebte ungestörter , eigner wiederfänden , wohin Sie in schüchterner Reue zu fliehen gedenken ? Vergessen Sie denn aber Ihren alten , einsamen Vater , den Beruf des Standes , das Gebot menschlicher Verhältnisse , die Gott geordnet , die der Erlöser alle geheiligt , alle geweiht hat ? Einen Orden wollen Sie auf der Stelle stiften , die Ihre leidenschaftlichen Thränen Tag und Nacht fruchtlos benetzen ? Hier , wo Ihnen das Nichtige des irdischen Daseins so schreckend entgegen trat , hier wollen Sie die Bande brechen , die Sie an dies Dasein knüpft ? Aus der vernichteten Welt soll Ihnen die neue aufgehen , und warnend und beschützend gedenken Sie unerfahrne Jünglinge vor den Täuschungen zu bewahren , denen Sie fast erlegen wären ? Wie sind Sie denn aber eigentlich getäuscht worden ? Was haben Sie verloren , wenn Sie nichts besitzen konnten ? Mich dünkt , eine schöne , menschliche Liebe heilige uns die Menschheit aufs Neue , und die Welt , zu welcher das theuerste Wesen in unzerreißbaren Beziehungen stand , müsse uns theuer bleiben . Sollte man eine Ewigkeit in der Brust tragen können , und überall nur das Endliche empfinden ? Ich würde für die geträumte Ewigkeit zittern , oder viel für das Endliche hoffen müssen . Ich erinnere mich eines Ihrer Briefe an Tavanelli , Sie ermunterten ihn zur That , zur Rückkehr unter die Menschen , zur Theilnahme an ihrem geschichtlichen Fortleben , und verhießen ihm hier zuerst Heilung und Ruhe . Damals hegten Sie eine andere Ueberzeugung . Prüfen Sie doch wenigstens die jetzige . Ich möchte noch aus der eigenen Erfahrung erwähnen , das nämlich alles Bittere , was uns trifft , ungewöhnlich , und wir uns selbst leicht besonders erscheinen . So wird ein Ereigniß zum Wunder der Leidende zum Märtirer , seine Bestimmung , Beruf der Auserwählten , und was er thut und sagt , unmittelbare Eingebung . Ich habe eine schöne Seele so auf einem argen Irrwege lassen müssen . Das Schlimmste ist , daß man dabei nicht allein irrt , sondern viel , viel Treffliche in sich entzweit . Mein geehrter Herr Baron ! ich bin nicht über meine Gränzen hinausgegangen , wenn Ihr Herz mich nicht verkannte . Möge es uns zu fernerer Verständigung dienen , daß ich das Ihrige immer zu verstehen streben werde . Curd an seine Mutter Nein , sagen Sie doch ums Himmelswillen , auf und davon ! Auf Ehre fort ! Es ist um zu verzweifeln ! Aber nehmen Sie mir ' s nicht übel , liebe Mutter ! ein Bischen ist das Ihre Schuld . Wie zum Tausend wäre sie denn auf den Einfall gekommen , wenn Sie , statt ihr da viel Vorstellungen zu machen , die sie nur erbitterten , gar nichts von mir sagten , die Sache gehen ließen , und durch allerlei kleine Hemmungen und Hindernisse ihr den Gedanken an Entfernung und Reise verleideten . Eine Frau ist wie ein Pferd , voll Eigensinn und stätisch , wenn man auf brutale Weise ihrem Willen entgegen tritt , sie lenken will , und sie es merkt . Aber langweilen , langweilen , durch ewige Wiederholungen ermüden , und dann , so wie von ungefähr , einen Zügel über den Kopf geworfen , dann sind sie schon im halben