Ho ! « versetzte Dagobert , sich mit dem Zeigfinger auf die Stirne tippend : » Jetzt weiß ich mit einemmale , woher es blitzt . Wallradchen hat mein Bettlein aufgerüttelt , und mir ' s sein bequem gemacht im Vaterhause . Recht so ; wo sich der Teufel anlehnte , macht sich auch der weißeste Ärmel voll Ruß . Was lieb Schwesterlein indessen gesagt haben mag , ... glaubt mir , lieber Vater ; es ist erlogen . Was den würdigen Ohm betrifft , so muß ich lachen , und behalte mir vor , Euch kund zu thun , wie ich meine Hand von ihm abgezogen habe . Des Papstes Breve aber , aus dem man vielleicht ein Zeugniß meiner lüderlichen Sitten machen möchte , soll Euch Pater Johannes verteutschen . Bis dahin habt mich jedoch lieb , und laßt mich das Brüderlein küssen . « - » Deinem Wunsche kann alsobald Genüge geschehen ; « erwiederte Diether : » hier kömmt so eben die Mutter sammt dem Sohne . « Frau Margarethe erschien wirklich sammt dem kleinen Hans , und stutzte merklich bei Dagobert ' s Anblick , obschon dessen Ankunft ihr bekannt . Dieses Befremden fand indessen seinen Grund in Dagobert ' s Kleidung und Gestalt . Die Stiefmutter hatte darauf gerechnet den angehenden Mönch zu finden , mit hohlem Fastengesichte und härenem Gewande , und statt dessen stand ein kräftiger junger Mann vor ihr , im Schmucke des wohlhabenden Sohns eines altbürgerlichen Geschlechts , blühender noch , als da er von dannen gezogen . Wer mag dem Getriebe des Herzens folgerechten Zwang anlegen ? Auf dieses Befremden drängte sich augenblicklich die mächtige Erinnerung vor Margarethens Seele , .... das Andenken an ihren Eintritt in dieses Haus , an jene Zeit der Sehnsucht , in welcher die Jugend nur mit Widerwillen dem Alter gehörte , und eines jugendlichen Freundes begehrte . Dieser Freund , verboten ihr durch Sitte und Kirchengebot , dennoch erkoren von ihr mit leidenschaftlichem Verlangen , dieser Freund , der feindlich sie verschmähte , und in ihr jenes wunderliche Gefühl erzeugte , das uns öfter antreibt , mit blutendem Herzen diejenigen zu hassen , die wir demungeachtet dauernd und ewig lieben , ohne sie unser nennen zu dürfen , - dieser Freund stand nun wieder vor Margarethens Augen ; er malte ihr in seinem stummen Bilde eine schmerzlich selige Vergangenheit ; - zugleich auf ihre Wangen jene zauberische Röthe , ... der Schaam wie des Entzückens heilige Farbe . - Dagobert hatte sich vorgenommen , der Stiefmutter freundlich entgegenzukommen , um sie mitleidig der ersten so begreiflichen Verlegenheit zu entreißen ; aber ihr unerwarteter Empfang , ... die Überraschung , die sich in ihrem ganzen Äußern gestaltete wie die Verwirrung einer geschämigen Braut , übte gleichwirkende Kraft auf den Jüngling . Auch er fühlte seine Wangen glühen ; auch er verneigte sich stumm , stotterte alsdann einige Worte , die unzusammenhängend seinem Munde entschlüpften , und beugte sich schnell , um der Begrüßten das Schauspiel seiner Blödigkeit zu entziehen , zu dem Knaben , der fremd und verwundert zu ihm aufschaute . » Ach ! « rief er aus : » wie schön , wie stark , wie blühend ist der Junge geworden . Werthes Stiefmütterlein , empfangt meinen Glückwunsch ; und auch Ihr , mein guter Vater , erlaubt , daß ich Euch die Hand schüttle , wie ein Freund dem andern , und dem Buben einen Kuß auf den trotzigen Mund drücke , zum Pfand meiner Liebe . Ja , herziger Knabe , wir werden Freunde seyn ; Deine hellen Augen sprechen ganz anders zu meiner Seele als Wallradens stechender , nirgends verweilender Blick . « - Er küßte den Knaben , der auch seiner Seits freundlich die Arme zu ihm emporstreckte , und wie ein Eichhörnlein auf seine Knie kletterte . » Hast Du mich lieb , kleiner Hans ? « fragte Dagobert in seiner Fröhlichkeit kosend den Knaben . » Gewiß , lieber Herr ; « antwortete Hans , den zierlichen Bart des Jünglings streichelnd : » willst Du mein Väterlein seyn ? « - » Ei , du einfältiger Hans ; « erwiederte Dagobert lachend wie ein ausgelassener Gesell : » welch tolles Zeug bringst Du zu Markte ? Haben sie Dir in Frankfurt nichts bessres gelehrt ? Dort steht Dein Vater ; « er zeigte auf Diether , der , halb abgewendet , seinen steigenden Groll kaum mehr zu mäßigen vermochte : » auch mein Vater ist er , und wir beide wollen gute Brüder seyn . Herzgeliebte Eltern ; « fuhr er fort , indem er aufstand , und den Knaben wegsetzte : » Wallrade mag von mir geplaudert haben wie und was sie wolle , - ich bin dennoch nicht so schlecht , als sie Euch überreden mochte . Glaubt ja nicht , daß ich heim komme , um den kleinen Knirbs , mein Brüderlein , zu plündern und zu verkürzen um das Erbtheil , das ich ihm abgetreten . Davor bewahre mich der liebe Gott . Er hat mir schon genugsam bescheert , da er mich vom Pfaffenthum entbinden ließ , durch seinen Statthalter auf Erden . Was ich gelernt , bringt mich schon anderweitig durch , und komme ich vielleicht einmal aus irgend einer Fehde als ein lahmer Krüppel heim , und weiß mit meinem alten Arm nichts mehr zu gewinnen , so erinnert sich wohl der Johann der Liebe , die ich für ihn hatte , und füttert mich alsdann von seinem Überfluß . « - Die biedre klare und aus voller Brust gesprochne Rede Dagobert ' s preßte in Diether ' s Augen Zähren der Rührung ; sie waren aber nicht vermögend den Panzer zu erweichen , den der Geist des Verdachts um des Schöffen Milde gezogen . Der Verblendete hatte Margarethens , Dagobert ' s Erröthen gesehen ; er hatte , von Fieberfrost geschüttelt , des Knaben unschuldige Worte vernommen , und ihnen eine giftige Deutung untergelegt . Ein Felsen lag auf seiner unruhig steigenden Brust , und erstickte jedes Wort der Erklärung . Heftig wandte er dem Sohne den Rücken , und ging aus dem Gemach . Verwundert und gekränkt sah ihm Dagobert nach . » Ehrsame Frau , « begann er nach einer Weile zu Margarethen , die den Blick auf den Boden geheftet vor ihm stand , - unschlüssig , ob ihr zu gehen , ob ihr zu bleiben zieme , - zögernd , von dannen zu scheiden , ängstlich , noch länger in des Gefährlichen Nähe zu verweilen , - » Ehrsame Frau . Könnt Ihr mir nicht erklären , wie es eigentlich um den Vater stehe ? Welch unheimlich Geberden , welche grollende Verschlossenheit hat er angenommen ? « - » Sein Unfall ... « antwortete Margarethe stockend : » ... seine Wunde , die noch nicht geschlossen , .... « - » Ach , wehe uns ; « seufzte Dagobert : » wehe uns , wenn jener meuchlerische Bube tödtlich den Fleck verletzte , wo die Liebe für den treuen Sohn sitzt . Täuscht mich nicht , gute Stiefmutter . Ich will nicht glauben , daß Ihr mich so gänzlich hinterrücks aus dem Felde geschlagen . Ich habe Euch ja nie Leides gethan , und liebe Euern Sohn , als ob ihn meine eigne Mutter geboren ; aber , Wallrade ..... ? « - Margarethe nickte heftig mit dem Kopfe , und Dagobert fuhr fort : » Gelt ? ich hab ' s getroffen ? O die verläumderische Heuchlerin ! Doch will ich nicht verzweifeln . Den Vater will ich zwingen , seine Gunst mir wieder zuzuwenden , und Ihr , mein zweites Mütterlein , sprecht ein gutes Wort für mich . Ich bin ein ehrlicher Geselle ; verlaßt Euch darauf , und redet mir zur Minne . « - Bittend hatte er ihre beiden Hände ergriffen , die sie , erschrocken über die heftige Bewegung ihres Gemüths , schnell aus den seinigen zog , obgleich ihre Augen mit einem sanften Ausdruck auf dem Stiefsohne ruhten . - » Mißtraut mir nicht ; « sprach sie langsam : » ich hoffe , es wird sich Alles geben . Mein Herr wird nicht in seinem Irrthum beharren . Vor meinen Augen seyd Ihr rein , - rein , wie dieser ! « - Sie deutete auf das Bild des heiligen Georg , und verließ eilig mit dem Knaben die Stube . Dagobert konnte sich lange nicht von dem nie gehofften Eindruck erholen , den der Empfang im Elternhause auf ihn gemacht . Wehmüthig sinnend saß er da , den Kopf in beide Hände gestützt , wischte sich dann eine Thräne , wie nur gekränkte Treue sie weint , aus dem Auge , und richtete seine Blicke auf St. Georgii Bild . » Die gute Stiefmutter ! « sprach er halb lächelnd zu sich selbst : » Wenn sie recht hätte , und ich ein Gotteskämpfer wäre , wie der heilige Reitersmann dort oben . Den Teufel wollte ich mich um alle Wallraden und Prälaten des heiligen römischen Reichs scheeren , wären sie auch alle meine Schwestern und Vettern . Der Verläumdung stieße ich die Rennstange wohlgemuth zwischen die Zähne , bis sie verendete , und beim Vater müßte der liebe Herrgott ein Wort der Sühne einlegen , kräftiger als das Fürwort aus Frau Margarethens Munde , obschon dieser Mund allerliebst ist , und vielleicht nur von einem Einzigen in ganz Teutschland übertroffen wird . « Er schritt durch das Gemach , und blieb alsdann mit verschränkten Armen vor dem Bilde stehen . - » Ein schmuckes Gemälde ! « begann er , sein Herz durch Zerstreuung von schwerer Sorge abzulenken : » hab ' s noch niemals in Vaters Hause gesehen . Hu ! wie der Schimmel springt und steigt ! Wie des Reiters braune Locken im Winde flattern ! wie stolz und stattlich er im Sattel sitzt ! Ja ! solch ein Mann zu seyn .... das wäre eine Lust ! Die Dirne möchte ich sehen , die mir dann spröde widerstünde ! - Närrischer Schalk ! « unterbrach er sich , lachend : » als ob mir ' s darum zu thun wäre ! Wie sang der arme Barfüßer , der draußen im Haus der Aussätzigen verkümmert , während aus seinem fruchtbaren Kopfe unzählige Lieder der Minne und Geselligkeit entspringen , und in ganz Teutschland nach gefälligen Weisen gesungen werden ? Ein Fischlein mir gar wohl gefällt , doch darf ich sein nicht kosten ! Drum sey der Fischzug eingestellt ... Die Angel mag nun rosten ! Das ist auch mein Bescheid , und kalt , wie ein rechter Frosch will ich seyn , trotz dem wackern Kämpfer Georg , dessen anmuthig Gesicht ich schon irgendwo gesehen haben mag , so bekannt spricht mich ' s an . Und , wenn mir recht ist , so ist ' s gar mein Brüderlein Johann , das dem Heiligen gleicht . Wahrlich , wahrlich ! Ein feiner Sprößling , der Bube ; und eben dessen Züge waren mir beim ersten Zusammentreffen so wenig fremd , daß ich darauf hätte schwören mögen , ich hätte ihn vor Kurzem erst , zu Costnitz oder irgendwo , gesehen . Es mag aber leichtlich nur ein Traumbild gewesen seyn ; denn mein guter Predigermönch sagte gar vielmal , daß es Beispiele gegeben , wie gewisse Menschen andere im Traume gesehen , die sie nachher auf dem , Lebenswege angetroffen , und lieb gewinnen müssen . - Ach ! auch Esther war ein Bild meiner frühsten Träume ; nicht selten ist sie eine Erscheinung meiner jetzigen ; und zu verwundern ist ' s , wie einem frommen Christen von einer halben Heidin träumen , ... wie diese an des Rechtgläubigen Herz wachsen darf , während sie doch nimmer in seine Arme wachsen darf ! « Fußnoten 1 Versammlungshaus und Trinkstube der edelsten Geschlechter von Frankfurt . Drittes Kapitel . Was ist schärfer , denn ein Pfeil ? was giftiger als Schlangengeifer ? - Die Zunge des Bösen , der den Feind will verderben . Persisches Gleichniß . Am Morgen des Samstags in der heiligen Charwoche war ein reges Getreibe auf dem Römer . Die Osterfeiertage waren vor der Thüre , und alle Geschäfte des Raths , wie des Gerichts mußten bis auf den Punkt vorbereitet werden , die Ostertage hindurch ohne Gefahr und Nachtheil ruhen zu können . Die Kanzelleien waren angefüllt von fleißigen Schreibern , harrenden Boten , befehlenden und in die Feder sagenden Rathsherren ; die Vorgemächer wimmelten von ungeduldigen Clienten und Parteien , unter welchen wie geschmeidige Aale Fürsprecher und Momparne hin und her schlüpften , bald zu gütlichem Vergleich beredend , bald zu ernstem Streit vor dem Richter anhetzend . Gläubiger mit ihren Schuldnern , Treuenhänder mit ihren Mündeln , Tabellionen mit Kauflustigen gingen Thüren aus , Thüren ein , und ein schwirrendes Getöse erfüllte das weite stattliche Gebäude , die Säle ausgenommen , wo hinter schweren Flügelpforten die vierzehn Schöffen ihre Gerichtsbank hielten , oder Bürgermeister und Rath im weiten Kreise versammelt saßen , des Regiments zu pflegen . Wichtig thuende Schreiberknechte flogen mit Schriftbündeln beladen , die Treppen auf und ab ; mürrische Rathsdiener schreckten durch die Gänge . Altbürger , im Bewußtseyn ihres städtischen Ansehens , und Gewichts , stiegen gravitätisch umher , und maßen mit finsterm Blicke die zahlreichen Edelleute vom platten Lande , die , um Händel und Späne mit der Stadt beizulegen , herbeigekommen waren , um wider Willen ihr hohnlächelndes Haupt vor der Rechtspflege der reichsfreien Bürger zu beugen . Nebst all diesen , mehr oder weniger im Heiligthume der Gerechtigkeit beschäftigten Leuten , drehte sich noch in den Hallen eine nicht unbedeutende Anzahl müßiger Gesellen , die heute schon die Osterzeit begonnen hatten , um allenthalben ihr neugierig und faul Angesicht zur Schau zu tragen , - und eine Menge Gesindels , das , keinem zünftigen Gewerbe zugethan , sein elend Stücklein täglichen Brods täglich aus der blauen Luft holt , wie eine Lerche auf gut Glück den Acker bestreift und mit leichter Mühe aus der Furche den Waizen holt , der im Grunde nicht für sie bestimmt ist , und von welchem sie noch nicht wußte in verwichner Nacht . Die Einen dieses Gelichters hielten vor dem Gebäude die Pferde der Junker vom Lande , die Andern zeigten den Fremden die Eingänge zu den verschiednen Kanzleien ; die Trägsten endlich bettelten geradezu die Vorübergehenden an , oder bildeten , an Mauer und Treppengeländer gelehnt , eine Straße von Gaffern , durch welche Alles hindurch mußte , um gehörig bewitzelt und beräuchert zu werden . Für diesesmal hatte jedoch der Mund dieser Faulthiere Feiertag , wie ihre beständig ruhenden Hände , und eines unverwandten Blicks starrten sie hinab zur Eingangspforte , hinaus auf die Gasse , wie Menschen , die auf etwas Außerordentliches gespannt sind . Es war nämlich durch einen nicht allzuverschwiegnen Diener des peinlichen Stuhls ruchtbar geworden , daß heute der hundertjährige Jude und sein Sohn vor dem Oberstrichter im stillen Verhöre erscheinen würden . Dem Gesindel war es schon ein Fest , diejenigen von Angesicht zu sehen , gegen welche schon der Name ihres Volks den allgemeinen Hohn , die gräßlichste Erbitterung rege machte . Seit Wochen bereits lagen die Juden im Thurm , und noch war die Art und Gattung ihres Frevels nicht laut geworden unter dem Volke . Ursache genug , die grausame Neugier zu verdoppeln , und den Wunsch zu erhöhen , bald ein blutiges Urtheil aussprechen zu hören , vollstrecken zu sehen . Denn ; todeswürdig , - so vernünftelte das Volk - todeswürdig müßte ihr Vergehen seyn , und unmenschlich die Strafe . - Mit Ungeduld harrte die Menge auf ihre Opfer , um ihnen schon diesen ersten sauern Weg durch Verwünschungen und Schmähungen noch schrecklicher zu machen . Plötzlich lief ein Gemurmel durch die Reihen . » Seht ihr den Rothkopf .. ? « flüsterten sie unter einander : » Kennt ihr den Juden , der sich taufen ließ ? Dort schleicht er die Treppe hinan . Was will der hier ? « - Scheuen Blicks schritt Zodick durch das murmelnde Volk , grüßte hier demüthig einen ihm begegnenden Vornehmen , der vor ihm ausspuckte ; warf dort einem bösen Schuldner , der ihm auswich , einen drohenden Wink zu ; zog vor dem Kruzifix der Vorhalle andächtig kriechend den Hut , und berührte darauf furchtsam die Zizis , die er streng verborgen unter seinem Taufschilde und unter dem faltigen Wams auf der bloßen Brust trug , um den hochgelobten Gott der Sünde wegen , daß er den Sabbat entheiligen müsse , um Vergebung zu bitten . - Er verlor sich in den schwach erhellten Gang , der zu der Thüre der peinlichen Kammer führte . Während dessen entstand eine lebhaftere Unruhe unter dem in den Säulengewölben harrenden Pöbel . Von starker Wache geleitet , schleppten sich in schwerer , schwerer Eisenlast zwei lebende Bilder des Leidens über die Stufen des Gebäudes : Der Greis Jochai und sein Sohn . Das Elend einer kurzen , aber entsetzlichen Haft hatte Wunder des Jammers an Beiden gewirkt ; aber dennoch waren jetzo ihre todtenfahlen Wangen geröthet , ihre im Moderduft des Kerkers erloschnen Augen in flackernde Flämmchen verkehrt , denn vor einigen Augenblicken erst hatten sie sich wiedergesehen , die Nichts mehr von einander wußten . Sie hatten die schmerzliche Freude empfunden , sich in gleichem Leide als Genossen zu finden , und von halb menschlichen Wächtern begünstigt , des Glücks genossen , sich zu umarmen im Schmuck der Verbrecher . Sie durften zwar kein Wort wechseln , aber ihre Blicke sagten sich genug , hatten auch ihre Augen das Weinen verlernt . - Dieses Paar , in unscheinbare Überreste feiner Gewänder gehüllt , Haar und Bart triefend von Nässe , starrend von Schimmel und Moder , wankenden Fußes einherschreitend , niedergezogen von schleifenden Ketten , dieses Paar des Erbarmens , wurde mit Hohngelächter und Geschrei bewillkommt . Nicht die Leiden der Seele und des Körpers , die in unverkennbaren Zügen auf Ben Davids Gesichte verzeichnet waren , - nicht des höchsten Menschenalters rührende Ehrwürdigkeit auf Jochai ' s Antlitz rührte das unbarmherzige Volk . Die Wächter hatten zu wehren , daß nicht im Hause der Gerechtigkeit Frevel an den Gefesselten verübt wurden . Den Schmähworten konnten sie indessen nicht steuern , und beladen mit Drohungen und Flüchen aller Art erreichten die Gefangenen die Höhe der Treppe ; hier begegnete ihnen ein bekanntes Gesicht . Der Judenarzt Joseph war ' s , der gerade von einem , während der Sitzung unpäßlich gewordnen Rathsgliede kam . Kaum hatte er jedoch der Unglücklichen gewahrt , so wendete er scheu und verdrießlich den Kopf hinweg , übersah den Gruß Ben David ' s und schob sich , so schnell es seine Wohlbeleibtheit verstattete , die Stiege hinunter , tobend und scheltend gegen den Pöbel , der dem , wenn gleich vornehmern und höher gehaltnen Juden den giftigsten Spott nicht schenkte . Erst nachdem sich die Thüre der Kanzlei des peinlichen Gerichts hinter Ben David und seinem Vater geschlossen , waren sie dem schadenfrohen Getümmel entronnen , und nur die Zielscheibe der unziemlichen Scherze , welche sich Schreiber und Diener gegen sie erlaubten , bis sie auf das Zeichen einer Glocke in die Verhörkammer gebracht wurden , woselbst der Oberstrichter , umgeben von dem düstern Gepränge des Blutgerichts , ihrer harrte , sammt dem vereideten Geheimschreiber . - Nachdem der gestrenge Herr die Kettenbelasteten eine Weile mit finstern Augen gemessen , befahl er dem anwesenden Rathsknecht , ihnen die Bande abzunehmen , und sich zurückzuziehen . - Sobald dem Befehle gehorcht worden war , lehnte sich der Richter in den breiten Sessel zurück , winkte dem Schreiber , die Feder zur Hand zu nehmen , und wendete sich mit den hergebrachten Eingangsfragen an die Juden . Auf die Frage nach Namen und Stand erwiederte der hundertjährige Greis : » Gewaltiger Herr ! Ich nenne mich David Ben Jochai ; mein Sohn , Jochai Ben David , was so viel heißt , als : Sohn des David . Unsre Leute haben sich aber gewöhnt , uns zu nennen , der Kürze halber , mich Jochai ; meinen Sohn Ben David . Wir sind von jeher gewesen arme aber fleißige Leute im Handel und Wandel , Trödel und Schacher , und ehrliche Darleiher in guter Münze gegen billige Zinsen . Ich habe zurückgelegt das hundertste Jahr mit der Hülfe des barmherzigen Gottes , welcher zählt die Haare und die Tage des Menschen ; mein Sohn ist gewesen funfzig Jahre , wenn mich nicht trügt mein altes Gedächtniß . Der Herr in Israel hat uns auch gesegnet in der Fremde , bis wir sind gekommen in so viel Leid und Trübsal , als wir hier vor Euch stehen . Man hat uns gebunden mit Ketten ; man hat uns geworfen in fürchterliche Löcher , wo wir müssen waten bis an den Knöchel im Wasser , wo unser Angesicht bleich wird und unser Auge blöde ; und noch hat man uns nicht gesagt , wessen wir beschuldigt sind , und unser Herz ist doch rein wie das Ei , wenn es glatt und zu rechter Zeit aus der Schale geht . « - » Schweig ! « unterbrach ihn der Oberstrichter streng : » Deine Zunge rührt sich ungemessen zur unrechten Zeit . Die Ursache Eurer Haft sollt Ihr heute noch erfahren , ihr Ketzer , wenn ihr nicht vorziehen solltet , Euer Verbrechen reuig zu bekennen . « - » Wie können wir doch bekennen , was wir nicht wissen ? « fragte Ben David mit ängstlichen Geberden : » Wir wissen uns rein , und können auf die Thora , auf welcher Gottes Herrlichkeit ruht , beschwören , daß wir unschuldig sind an jedem Fehl . Der hochgelobte Fürst und Herr in Israel wird ' s uns sogar nicht anrechnen , daß wir jetzo den Sabbat entheiligen durch Zeugniß und Verantwortung vor Gericht ; denn Noth kennt kein Gebot . « - » Stille ! « rief der Oberstrichter ihnen auf ' s Neue zu : » Wer wird sich darum bekümmern ? Macht ihr ' s mit eurem Götzen aus . Wir wissen nichts von Eurem Baalsdienste . Eine Frage an Euch insgesammt , Vater und Sohn . Was ist aus dem Christenkinde geworden , das Einer von Euch vor fünf Monden etwa in Euern Schlupfwinkel in der Judengasse geschleppt hat ? « - Jochai , besonders aber Ben David stutzte heftig . - » Nun ? « fuhr der Richter barsch fort : » Wird ' s bald mit der Antwort ? Wahrheit oder Lüge ! Wo kam das Kind hin ? « - » Ich weiß doch von keinem Kinde , « antwortete Ben David schnell , ehe der zweifelnde Jochai durch ein schwankendes Wort das Gegentheil verrathen konnte . Der Greis , in dessen Augen schon Ängstlichkeit sichtbar geworden war , zögerte indessen nicht , wörtlich die Aussage des Sohns zu wiederholen . » Ihr wißt also nichts ? « fragte der Richter bitter lächelnd weiter : » Ihr habt wohl noch nie ein Christenkind in Eurem Hause gesehen ? « - » Als uns Gott soll helfen , « erwiederte Ben David ausweichend : » Wir wissen nicht , von welchem Kinde Ihr sprecht . « - » Mein Alter macht vergeßlich ; « fügte Jochai bei , welcher nicht bejahen , doch auch nicht ganz verneinen wollte : » Ich wüßte mich nicht zu besinnen , ob jemals .... « - » Ihr läugnet ? « sprach der Oberstrichter drohend : » Desto strenger wird das Urtheil fallen . « - » Gott soll uns helfen , und sich Israels erbarmen ! « klagten Vater und Sohn : » Wir sind unschuldig , man mag uns zeihen , wessen man begehrt . Wir haben stets gezahlt als redliche Leute unsre Abgaben , den Opferpfenning , die Kronsteuer , des Kaisers Hof- und Kesselgeld . Wir haben richtig eingeliefert Pfänder und Briefe von Herren und Edeln , als der König Wenzel es befohlen . Wir haben nicht beschnitten das Geld , noch böse gemünzt . Wir haben nicht betrogen , nicht geschunden ; wir haben vom ehrsamen Rath nur geringe Zinsen genommen , und ihm unser bischen Armuth immer offen gehalten . « Wir finden keine Schuld an uns , und sollten unsre Brüder gefrevelt haben , so kümmerts doch uns nicht , denn der heilige Gott , spricht : » Indem Einzelnen soll gethan werden nach seinen Werken . « - » Spricht Euer Götze so ? « erwiederte der Oberstrichter mit hartem Hohne : » Wohlan , so sey es auch also . Es ist hier nicht die Rede von Euern Ketzerbrüdern ; von Euch selbst , verworfnes Gelichter ; und da ihr nicht gestehen wollt , was Ihr begangen , so will ich ' s Euch beweisen lassen , von unverwerflichen Zeugen . « - Er zog die Glocke , und flüsterte dem eintretenden Diener ein Wort in ' s Ohr . Kurze Weile nachdem sich dieser wieder entfernt hatte , schlich Ben David ' s Sabbatmagd , die stumme Grete , herein ; mit gefalteten Händen , in welchen der Rosenkranz hing ; mit thränenden Augen und blassem Angesichte . Sie verneigte sich demüthig vor dem Richter und dem Bilde des Erlösers , das über dessen Stuhle hing , und schlug , seitwärts auf die Beklagten blickend , ein verstohlnes Kreuz . - » Die Schwörfinger in die Höhe ! « gebot der Richter : » Du schwörst vor der heiligen Dreifaltigkeit und bei dem Gedächtniß an unsers Heilands bittres Leiden die Wahrheit , sofern sie Dir bewußt , zu bekennen durch unverdächtige Zeichen ? Nicke mit dem Kopfe ! « - Die Alte that , wie man ihr hieß , und zitterte vor andächtiger Furcht an allen Gliedern . - Nachdem sie der Oberstrichter über ihren Namen , Gewerb und die Zeit , während welcher sie bei den Beklagten in Diensten gestanden , befragt , ging er zur weitern Untersuchung über , und auf seine dringenden Ermahnungen gestand nach und nach das arme Weib , so deutlich es nur aus seiner Zeichensprache anging , daß vor einiger Zeit Ben David einen Christenknaben in sein Haus gebracht , von einer fernen Wanderung zurückkommend ; daß sie selbst den Knaben zwei Nächte hindurch in ihrer Kammer beherbergt ; daß er aber in der dritten verschwunden , und nicht mehr zum Vorschein gekommen sey . - » Hast Du nicht wahrgenommen , « fuhr der Oberstrichter in seinem Verhör fort , » ob nicht Einer von diesen anwesenden Juden gegen den Knaben einen besondern Widerwillen und Haß bezeigt ? « - Grete nickte nach einigem Nachsinnen mit dem Haupte , und deutete auf den Greis Jochai . - » Nun denn , ihr schändliches Gesindel , « fuhr der Richter die Juden an : » Gesteht Ihr bis hieher ein , was die Alte angedeutet ? « » Ben David läugnete frisch weg die ganze Sache , und Jochai , der es erwartet hatte , wie sein Sohn sich benehmen würde , stimmte , ohne zu zögern , in das Läugnen ein . Der Oberstrichter wurde braunroth im Gesichte , zog zum Zweitenmale die Glocke , und nach einer kurzen von den Beklagten bang durchathmeten Stille trat , keck wie die sichre Wahrheit selbst , Zodick in die Kammer , achtete nicht des Schrecks , mit welchem Jochai und Ben David bei seinem Anblick zusammenfuhren , sondern näherte sich furchtlos dem Richter , dessen Gewand er unterthänig berührte , und vor dessen Gerichtstafel er sich mit erhobener Hand stellte , die frechen Augen auf das Kruzifix und den Verhörenden gerichtet , wie einer , der schon oft dabei gewesen . Die Geberde , die er machte , kam jedoch den Juden so unerwartet und so gräßlich vor , daß Jochai , seinen Unmuth vergessend , dem Menschen mit ängstlicher Stimme zurief : Zodick ! ach Zodick ! ist es denn wahr , was von Dir gesagt haben unsre Leute ? Hast Du abgeschworen den einzigen Gott , um zu opfern dem fremden ? « - » Zodick , was thust Du ? « setzte der von Nichts wissende Ben David überrascht hinzu . Der Oberstrichter rief aber dazwischen : » Schweigt , ihr Hundsjuden , sonst lasse ich euch stäupen zum Lohne für eure verfluchte Schwatzhaftigkeit . Laß Dich ' s nicht kümmern , Friedrich , setzte er gemäßigter bei , und schwöre vor der heiligen Dreifaltigkeit und ihren Heiligen , und bei dem kostbaren Blute unsers gekreuzigten Erlösers , den Du hast erkennen gelernt durch der heiligen Mutter Fürbitte und ihres barmherzigen Sohns unendliche Gnade , die Wahrheit zu sprechen , sonder Furcht und Mitleid . « - » Ich schwöre , « entgegnete Zodick kurz und fest , und nachdem er auf Befehl des Oberstrichters den Glauben gebetet und das Kreuz vor Stirn und Brust geschlagen hatte , - wobei Ben David unruhig den Kopf schüttelte , und Jochai mit geschloßnen Augen der jüdischen Schulen Bannformel zwischen den Zähnen murmelte , - begann er ein Zeugniß , oder besser , eine Klage abzulegen , während welcher die Stille des Grauens also eintrat mit ihren Schauern in das unheimliche Verhörgemach , daß auch keine Sylbe aus des Klägers Munde einem der Anwesenden entging . - » Es sind fünf Monden etwa verflossen , « sprach Zodick , - » und es war so gegen das Ende des Monds Monchesran , da die Juden , wie mich dünkt , den letzten Shabbat des Monds feierten , als Ben David , der hier steht in billiger Haft , - mein damaliger Herr , dieweil ich noch bin gewandelt im Finstern , - heimkehrend von einem Gang über Feld , wie er öfters zu thun pflegt , des Handels wegen , - ein Kind mit sich brachte , einen Knaben , und von