Mutter von einem Jahre zum andern verschoben , und Meinau fuhr indessen fort , sich der Verwaltung der Güter anzunehmen , obgleich sein zunehmendes Alter ihm dieses Geschäft ziemlich zu erschweren begann . Eigentlich mochte er wohl selbst gewissermaßen sich davor fürchten , das , was er so mühsam erbaut und eben dieser Mühe wegen lieb gewonnen hatte , unter der Leitung eines gutmüthigen Schwächlings wieder zu Grunde gehen sehen zu müssen . Indessen schien ein vernichtender Geist über dem Hause der von Leuen zu walten und es dem Untergange zuführen zu wollen , denn auch Leo überlebte nicht lange den Tod seiner Mutter . Der Tag , an dem er seine immer aufgeschobene Reise wirklich antreten wollte , war bestimmt ; eine große Jagd , zu der die ganze Nachbarschaft eingeladen wurde , sollte den Vorabend derselben feiern . Hörnergetön und Hundegebell tönten lustig durch den Wald , wie an jenem verhängnißvollen Tage , an welchem Oskar Luisen von der Wuth des wilden Ebers errettet hatte ; doch die allgemein herrschende Freude ward auch diesesmal , und auf noch schrecklichere Weise in Trauer und Angst umgewandelt . Ein unglücklicher Fehlschuß von der Hand eines seiner Jugendfreunde gab dem armen Leo augenblicklichen Tod ; er fiel lautlos beinahe auf der nämlichen Stelle , wo seine Mutter einst in Todesgefahr geschwebt hatte . So schien denn nun wirklich der traurige Fall eintreten zu wollen , den Bernhard vorahnend gefürchtet und durch die Vermählung seines Bruders abzuwenden gehofft hatte . Der Stamm der von Leuen war anscheinend ausgestorben und die jetzt im blühendsten Zustande sich befindenden großen Besitzungen desselben standen , in Folge uralter Familienverträge , im Begriff , einem weit entfernten Zweige desselben zuzufallen , der einen ganz andern Namen führte , in einem ganz andern Theile von Deutschland wohnte und mit den ehemaligen Eigenthümern des Schlosses Leuenstein nie in persönlicher Verbindung gestanden hatte . Auch würde die Uebergabe der Güter in kurzem erfolgt seyn , wenn nicht Baron Meinau , dieser treuste Freund seiner Freunde , sich dem kräftig entgegengesetzt hätte . Alberts Andenken war nie in Meinaus Herzen erloschen ; eine leise Ahnung hatte stets ihn davon abgehalten , der Nachricht von dessem Untergange auf dem Meere unbedingten Glauben zu schenken . Späterhin erreichten ihn dunkle Gerüchte von Leuten , die den Verlorengeglaubten bald hier bald da in fernen Städten begegnet seyn wollten und bestärkten ihn in seinem Zweifel an Alberts Tode . Als Oskar , der Bruder seiner Frau , ihm in einer vertrauten Stunde den Inhalt seiner letzten Unterredung mit Albert entdeckte , als endlich Luisens leidenschaftliche Neigung für den Retter ihres Lebens sich immer deutlicher offenbarte , da gerieth Meinau , bei seiner genauen Kenntniß von Alberts Character , sogar auf Vermuthungen , die ihn das mehr als heldenmüthige Benehmen desselben und dessen Beweggründe , beinahe ganz der Wahrheit gemäß errathen ließen . Er versuchte daher in öffentlichen Blättern , dem einzigen Wege dazu der ihm offen stand , den allzu Großmüthigen durch dringendes Bitten zur Heimkehr zu bewegen . Alles blieb indessen vergebens , Albert schien durchaus bei seinem einmal gefaßten Entschlusse verharren zu wollen , und Meinau hielt sich zuletzt in seinem Gewissen für verpflichtet , ihn nicht weiter auf seinem Wege zu stören . Er schwieg also ebenfalls und setzte sich Oskars und Luisens Vermählung nicht entgegen , weil er überzeugt war , dadurch am sichersten in dem hohen Sinn seines edlen Freundes einzugehen , den er bewundernd verehren mußte . Jetzt aber waren die nun alle dahin , welche Albert durch sein Verschwinden zu beglücken gedacht hatte . Außer dem weit entfernten Oskar lebte niemand mehr , dessen Ruhe durch das Wiedererscheinen des Verschwundenen hätte gestört werden können , und keine Rücksichten waren noch vorhanden , welche den Baron Meinau abhalten konnten alles anzuwenden , um das von ihm redlich verwaltete Eigenthum seines Freundes so lange vor fremden Händen zu bewahren , als er selbst nicht von dem Tode des rechtmäßigen Eigners überzeugt wäre . Die Zeitung , welche den Schiffbruch gemeldet , hatte nur höchst unbestimmte Nachricht von diesem gegeben , nicht einmal den Namen des Schiffes genannt ; und obgleich Albert seit langen Jahren für todt geachtet wurde , so ließ sich wenigstens die Möglichkeit nicht abstreiten , daß sein damals unmündiger Sohn beim Schiffbruch gerettet und noch am Leben sey . Meinau entschloß sich daher , gleich nach dem Tode seines unglücklichen Mündels zu einer Reise in die Residenz , um dort der höchsten Behörde seine Zweifel an dem völligen Erlöschen dieses Hauses vorzulegen . Meinau war persönlich in jener Stadt sehr geachtet , es fehlte ihm nicht an bedeutenden Verbindungen und auch das Haus der von Leuen stand dort von jeher im hohen Ansehen . Selbst der Fürst hatte nicht ohne Schmerz von dessen Erlöschen gehört . Meinau erhielt also ohne große Schwierigkeiten den Aufschub der Uebergabe der Güter den er verlangte , bis er von dem Leben oder Sterben Alberts und seines Sohnes genügendere Beweise einziehen könne . Zugleich wurde ihm von hoher Hand die einstweilige Verwaltung der von Leuenschen Besitzungen abermals übertragen , weil man bei seiner allgemein anerkannten Redlichkeit und Einsicht überzeugt war , daß sich niemand besser dazu eigne . Alberts Name erschien jetzt abermals , vereint mit dem seines Sohnes , in allen öffentlichen Blättern , selbst in denen des Auslandes . Raimund las unzähligemal die Nachricht von denen im Schlosse Leuenstein so schnell auf einander gefolgten Todesfällen , ohne zu ahnen , daß hier von seiner Mutter und seinem Bruder die Rede sey . Noch weniger kam ein Gedanke daran in seine Seele , daß er selbst der Bernhard Raimund von Leuen seyn könne , der so dringend aufgefordert wurde , von seinem Leben und Aufenthalte Nachricht zu ertheilen . Auf Meinaus Veranlassung wurden indessen auch in Triest , wo Alberts Schiff ausgelaufen , und an der Küste , wo es gescheitert seyn sollte , die genaueste Nachfrage angestellt . Die weite Entfernung der Oertlichkeiten , die vielen Jahre , die verstrichen waren , seit jenes Unglück sich ereignet haben sollte , erschwerten jeden Schritt und es verging eine lange Zeit , ohne daß man nur irgend eine Auskunft erhalten konnte . Eben so wurde auch den Personen vergeblich nachgeforscht , die bald nach Alberts Verschwinden ihm im Auslande begegnet seyn wollten . Nirgends war eine Spur von dem zu finden , was man suchte , aber man stieß auch auf keinen neuen Beweis für Alberts und Raimunds Untergang . Undurchdringliches Dunkel ruhte über Beider Geschick . Durch ein sonderbares Zusammentreffen der Umstände war aber auch der nächste Agnat der von Leuen verschollen und wurde ebenfalls allgemein für verstorben gehalten , ohne daß seine Erben gültige Beweise seines Ablebens beibringen konnten . Er war während des Befreiungskrieges nach einem Gefechte vermißt worden , aber niemand hatte ihn fallen sehen , niemand ihn auf der Wahlstatt unter den Todten gefunden . Auch nach diesem wurde daher in allen Zeitungen Nachfrage gehalten und auf das dringendste um Nachricht von seinem Tode oder Leben gebeten , doch seine Erben waren in ihren Nachforschungen um nichts glücklicher als Baron Meinau in den seinigen . So gingen ein paar Jahre hin , während denen in dieser wichtigen und verwickelten Sache nichts entschieden wurde . Baron Meinau freute sich dieses Aufschubs und benutzte ihn nach besten Kräften ; doch als fortwährend keine Aussicht für die Erfüllung seiner Wünsche sich zeigen wollte , so begann freilich seine Hoffnung allgemach sehr zu sinken und Ahnungen stiegen in seinem Gemüthe auf , die ihn muthles zu machen drohten . Wie freudig mußte ihn daher ein Kurier überraschen , der aus dem Stifte von Anna von Falkenhayn an ihn abgesandt , ihm von ihr die Nachricht überbrachte , daß Bernhard Raimund von Leuen aufgefunden und noch am Leben sey ; daß er zwar für den Augenblick sich in einem fremden Welttheile befinde , jedoch hoffentlich bald wieder nach Europa zurückkehren werde . Rasch wie ein Jüngling , trotz seiner siebenzig Jahre und seiner Silberlocken , warf sich Baron Meinau augenblicklich in den Reisewagen , um zu ihr , die ihm eine so frohe Botschaft sandte , hinzueilen und sich von den nähern Umständen ihrer Entdeckung unterrichten zu lassen . Zwar hatte er Anna noch nie gesehen , aber aus seines entschlafenen Freundes Bernhards Briefen kannte er sie genugsam , um sie innig zu verehren und von ihrer Theilnahme an dem Hause von Leuen fest überzeugt zu seyn . Auch Anna ehrte und liebte in ihm den treuen Freund ihres Verklärten , sie wußte daß dieser ihm bis an seinen Tod stets das unbedingteste Vertrauen geschenkt hatte , und sah ihn und seine nähere Bekanntschaft deshalb mit verdoppelter Freude entgegen . So wie Meinau in Annas Wohnorte angelangt war , eilte diese ihm den Inhalt des elfenbeinernen Kästchens vorzulegen und zu seiner größten Freude fand er darin Beweise für Raimunds Ansprüche , welche ihm unwiderleglich scheinen mußten . Sogar das Taufzeugniß desselben fehlte nicht , denn Albert hatte in der Nacht , da er von Leuenstein sich auf immer entfernte , dieses zufälliger Weise unter den Documenten mitgenommen , die er damals zu seiner Legitimation als Erbe des Kardinals brauchte . Der Baron und Anna brachten miteinander einige Tage in Berathschlagungen zu über die Schritte , welche sie während Raimunds Abwesenheit zur Vertheidigung seiner Rechte gemeinschaftlich thun wollten . Auch die Beweise für seine Geburt wurden dabei nochmals ernstlich erwogen und genau untersucht . Meinau konnte nicht umhin , den seltnen Geist , den geübten Scharfblick zu bewundern , welchen Anna bei dieser Gelegenheit an den Tag legte . Die Leichtigkeit , mit welcher sie bei einem Geschäfte , das so weit außer dem gewohnten Bereich der Frauen lag , das Verworrenste zu durchschauen vermochte , setzte ihn oft in Erstaunen , doch noch weit inniger fühlte er sich bewegt , wenn der Gedanke an Bernhard sie lebhafter ergriff und sie für den Augenblick weit weg von dem Gegenstande , der Beide beschäftigte , in das dämmernde Reich der Erinnerung zurückführte . Dann feierte er mit ihr in mancher schönen ernsten Stunde das Andenken des hochgeliebten Freundes , dessen Bild auch er noch immer im treuen Herzen bewahrte . Beide tauschten gegen einander manchen schönen Zug aus seinem Leben aus , und das Gespräch schien nimmer enden zu wollen , bis sie verstummend , vom Gefühle inniger Wehmuth überwältigt , von einander scheiden mußten und Anna sich in ihr einsames Kabinet zurückzog , um ungesehen zu weinen . Meinau rüstete sich endlich zur Abreise in die Residenz , wohin Anna ihm auf einige Tage zu folgen versprach ; denn für den Augenblick hielten ihre eignen Verpflichtungen sie ab , sich wieder auf lange Zeit von ihrem Stifte zu entfernen . Sie war bereit , sobald dieses nöthig würde , als Zeuge für Raimund aufzutreten und die wichtigen Verbindungen , in denen sie selbst mit dem regierenden Fürstenhause stand , konnten allerdings , wenigstens zur Beschleunigung beitragen . Uebrigens war sie um ihre Lieben im Kleebornschen Hause unbesorgt . Angelikas Briefe zeugten von ungewohnter Heiterkeit , und Vicktorine , das wußte sie , bedurfte seit der Entfernung des Sir Charles für den Augenblick ihrer Gegenwart nicht , obgleich diese über der Tante lange Abwesenheit die bittersten Klagen führte und sie auf das dringendste beschwor , bald wieder zu ihr zurückzukehren . Die Tante kannte die heftige Natur dieses ihres Lieblings zu gut , um nicht den Entschluß zu fassen , die Entdeckung von Raimunds wahrem Stande und Namen Vicktorinen bis zur völligen Entscheidung seiner Angelegenheiten zu verschweigen . Und dieses war ein Grund mehr , um fürs erste deren Nähe zu meiden ; denn sie fühlte wohl , daß es ihr sehr schwer fallen würde , den unablässigen Fragen und Bitten des geliebten Kindes zu widerstehen . » Fast möchte ich auf meine alte Tage anfangen , recht modern abergläubig zu werden , « rief Meinau der Tante entgegen , als er in ihr Zimmer trat , um sich vor seiner Abreise in die Residenz bei ihr zu beurlauben . » Ich kann es mir beinahe nicht aus dem Sinne bringen , daß es der Schutzgeist des von Leuenschen Hauses gewesen sey , der mich inspirirte die Rechte eines Unsichtbargewordenen zu verfechten , welcher , nach dem Urtheil fast aller vernünftigen Leute , nur in meiner Einbildung noch existiren konnte . Auch war es gewiß nur dieser schützende Genius , der Ihnen zugleich so ganz zur rechten Zeit das elfenbeinerne Kästchen in die Hände spielte . Ihre wichtige Entdeckung hätte nur um einige Wochen sich verspäten dürfen und ich befände mich jetzt in nicht geringer Verlegenheit . Denn wunderbarer Weise ist auch Raimunds nächster , lange vermißter Agnat in diesen Tagen wieder von den Todten erstanden . So eben erhielt ich die Nachricht davon , die zum Glück uns jetzt ziemlich gleichgültig seyn kann . Ich hoffe , er soll keinen Prozeß gegen uns anstellen wollen , und thut er es ja - nun so ist das jetzt desto schlimmer für ihn . « » Wir leben doch in einer wunderlichen Zeit , « erwiederte Anna . » Ich habe schon oft daran gedacht , daß es den Romanschreibern in unsern Tagen gar nicht schwer fallen kann , die seltsamsten Verwickelungen zu ersinnen , ohne Furcht der Wahrscheinlichkeit damit zu nahe zu treten . Denn Verlorengehen und Wiederkommen , für Tod gehalten werden und Wiederauferstehen sind vollkommen an der Tagesordnung in der jetzigen Welt . « » Freilich , « antwortete Meinau , » freilich ist die Zeit vorbei , in der man von Tausenden nur mit Gellert sagen durfte : er lebte , nahm ein Weib und starb , um ihren ganzen Lebenslauf beschrieben zu haben . Auch der Unbedeutendste hat in den letzten Jahren etwas erlebt das des Erzählens werth ist . Man muß leider nur zu viel davon hören und lesen . « » Setzen Sie hinzu , « sprach Anna , » daß auch die Meisten mehr Städte und Länder gesehen haben , als ihre Großeltern nur recht zu benennen wußten . Wer selbst nie auf Reisen ging , hatte wenigstens zwischen seinen vier Pfählen überflüssige Gelegenheit , die Bewohner der entferntesten Länder kennen zu lernen . Die Welt kommt mir darüber als recht enge geworden vor , denn Rom , Moskau , London , Paris , Petersburg scheinen uns beinahe dicht vor der Thüre zu liegen und wir haben uns gewöhnt , die Bewohner dieser Städte fast wie Gevattersleute und Nachbarskinder anzusehen . « » Jetzt wäre es die rechte Zeit für den Kosmopolitismus , der in unsrer Jugend so Mode war wie vor kurzem die deutschen Röcke , « erwiederte Meinau , » aber von der großen Weltansicht mag niemand mehr etwas wissen , auch sie ist aus der Mode gekommen . Jeder will sich nur auf das Nächste , nur auf seine Landsmannschaft beschränken ! Doch lassen wir die Welt zusehen , wie sie mit sich selbst fertig wird und erlauben Sie mir für jetzt , Ihnen ganz in der Kürze die Abentheuer des zuletzt Wiedererstandenen mitzutheilen , von denen dessen Oheim mir Nachricht giebt . Sie sind an sich seltsam genug , und können wohl einiges Interesse für den armen Klarenau erwecken , gegen dem wir alle beide doch einen kleinen Widerwillen fühlen , welchen er wahrscheinlich nicht verdient . « Die Tante willigte freundlich ein , indem sie bemerkte , daß sie sich allerdings ein wenig geneigt fühle , es dem jungen Manne übel zu nehmen , daß er sich beikommen lasse noch am Leben zu seyn , und Meinau fing seine Erzählung an : » Daß Klarenau , « sprach er , » sich den Lützowschen Jägern zugesellte , um gegen den allgemeinen Feind zu Felde zu ziehen , ist Ihnen vielleicht bekannt . Gewiß aber haben Sie es eben so wenig wie ich selbst vergessen , auf welche unwürdige und empörende Weise diese tapfern Verfechter des Vaterlands von dessen Feinden für Räuberbanden erklärt , und mitten im Waffenstillstande überfallen , ja sogar größten Theils vernichtet wurden . Klarenau wollte gleich beim ersten Allarm des Ueberfalls sich auf sein Pferd schwingen , der Sattel war in der Eile nicht recht befestigt worden , das sehr muthige Thier bäumte sich , er fiel , brach ein Bein , blieb in dem allgemeinen Tumult unbemerkt liegen und gerieth völlig wehrlos in die Gefangenschaft der Feinde , ohne an der Seite seiner tapfern Kampfgenossen sich einen ehrenvollen Tod oder Befreiung erfechten zu können . « » Mehrere Monate hindurch wurde er als Kriegsgefangener von einem Lazarethe ins andere geschleppt , ohne daß sein Leben dem unbeschreiblichen Elende erlegen wäre , das er dulden mußte . Er war zu noch größerem aufgespart . Sein Fuß heilte bei der schlechtesten Behandlung halb durch ein Wunder und er nebst mehreren seiner Unglücksgefährten wurden zuletzt nach Frankreich in die Gefangenschaft abgeführt . Von den Mißhandlungen , der Noth , dem gräßlichen Hohn , kurz von allem , was diese Beklagenswerthen auf dem langen Wege durch ein feindliches Land ertragen mußten , schweige ich , um Sie nicht zu wehmüthig zu stimmen , meine Geschichte wird ohnedem noch traurig genug . Die mehrsten Gefangenen starben unterwegs , wo sie in Gefängnisse , in Zuchthäusern eingeschlossen wurden , so lange sie nicht wandern mußten ; nur einige wenige , und Klarenau unter diesen , langten an ihrem fürchterlichen Bestimmungsort , dem Arsenal von Toulon an , in welchem viele tausende von Galeerensclaven jeden Tag die Sonne anklagen , daß sie über solche Gräuel aufgehen mag . « » In diesen Aufenthaltsort für schwere Verbrecher wurden damals mehrere deutsche Gefangene gesendet , denn man nannte sie Räuber , Brigands , eben weil sie ihr Vaterland von Räubern zu befreien aufgestanden waren . « » Solch unermeßlich hartes Loos traf auch Klarenau . Gehüllt in elende Lumpen , den kahlgeschornen Kopf mit der rothen platten Mütze bedeckt , die den Galeerensclaven bezeichnet , wurde hier der unglückliche Jüngling von seinen Landsleuten sogleich getrennt . « » Alle Galeerensclaven werden gewöhnlich zu zweien und zweien vermittelst einer langen Kette aneinander geschmiedet , und auch er erhielt einen abscheuerregenden Missethäter auf diese Weise zum Gefährten , von dem er jetzt Tag und Nacht unzertrennlich blieb . Trocknes hartes Brod , Wasser , höchstens eine elende Wassersuppe , ist die einzige Nahrung jener Unglücklichen , sie war auch die seine und bei dieser mußte er Arbeiten verrichten , wie man sie kaum einem Lastthiere aufbürden sollte . Jedem seiner schrecklichen Tage folgte eine noch weit furchtbarere Nacht in dem untern Raume einer der Galeeren , denen alle diese Gefangene jeden Abend zugetrieben werden . In diesem düstern Aufenthalt , den die Hölle kaum an Gräßlichkeit übertreffen kann , mußte Klarenau , um nächtlich zu ruhen , mit seinem entsetzlichen Gefährten eine hölzerne enge Bank theilen , zusammengeschichtet mit mehreren Hunderten von Elenden , die hinabgesunken zu dumpfer Thierheit oder schaamloser Frechheit - - - hochwürdige Frau , es sind beinahe vierzig Jahre daß ich in meiner Jugend als neugieriger Reisender auch in diesen Abgrund aller Greuel einen Blick geworfen habe , und noch steht das Bild davon unauslöschlich in meiner Seele . Ihre Phantasie mag ich nicht damit beflecken , genug ich bin überzeugt , daß die wegen der Behandlung ihrer Christensclaven so übel berüchtigten Raubnester an der afrikanischen Küste , nichts entsetzlicheres aufzuweisen haben können . « » Klarenau sank eines Tages unter einer schweren Last , die ihm aufgebürdet worden war , ohnmächtig zusammen , denn seine Kräfte waren völlig erschöpft . Er wurde für krank erklärt und in eines der für die Galeerensclaven bestimmten Lazarethe abgeführt , einen dumpfen , düstern , grabähnlichen Kerker . Monate lang schmachtete er hier zwischen Leben und Sterben . Paris wurde indessen erobert , Deutschlands Befreiung war erfochten , die Kriegsgefangenen wurden losgegeben , er erfuhr nichts von alle dem und war vergessen . Die wenigen seiner Leidensgefährten , die in ihrem tiefen Elende diesen großen Tag erlebten , gedachten bei ihrer Befreiung seiner nicht mehr , oder zählten auch ihn zu den Todten , den sie seit ihrem ersten Eintritt in diesen Schreckensort nicht wieder sahen . « » Abermals genas Klarenau , unerachtet alles Mangels und Elends , in seinem traurigen Verpflegungsorte . Er wurde wieder an das Tageslicht gelassen , und mußte jetzt denen im Arsenal arbeitenden Handwerkern zur Hand gehen , da man ihn für schwere Arbeiten untauglich fand . Doch blieb er immer noch in Ketten und allnächtlich erwartete ihn noch immer die schreckliche Ruhestätte in der Galeere . Wer er sey , warum er hierher geführt worden , hatten seine durch den täglichen Anblick des höchsten menschlichen Jammers bis zur vollkommensten Gleichgültigkeit verhärteten Aufseher längst vergessen oder es nie erfahren . Keine Seele wandte theilnehmend sich ihm zu , und so blieb alles Große und Herrliche ihm verborgen , was während seines Aufenthalts im Lazareth die halbe Welt in einen Taumel von freudigem Entzücken versetzt hatte . Hoffnungslos schleppte er noch lange Zeit sein trauriges Daseyn und seine Ketten von einem Tage zum andern , ehe auch ihm die Stunde der Befreiung schlug . « » Doch endlich kam sie heran . Einer der angesehensten Beamten , der über die großen hydraulischen Arbeiten im Arsenal die Aufsicht führte , begegnete ihm eines Tages zufälliger Weise . Die Gestalt des Unglücklichen fiel ihm auf , er redete ihn an und erfuhr mit wahrem Entsetzen , wer er sey und wie schuldlos er leide . Der menschenfreundliche Mann eilte sogleich in die Stadt , um die Entdeckung anzuzeigen , daß noch ein Kriegsgefangener , vergessen , auf der Galeere schmachte , und er brachte es wirklich dahin , daß Klarenau schon am folgenden Tage die Jahrelang entbehrte Freiheit wieder erhielt . Sein gütiger Befreier versah ihn nicht nur mit der nöthigen Kleidung , sondern auch mit einer kleinen Summe Geldes , die Klarenau zu ersetzen versprach , sobald er die Heimath wieder erreicht habe . Schnell , als glühe der Weg ihm unter den Sohlen , floh er nun durch Toulon durch , hinaus ins Freie , um nur die Thürme dieser ihm entsetzlichen Stadt nicht länger sehen zu müssen , zu denen er aus seinem tiefen Elende so oft hoffnungslos hinaufgeblickt hatte . Denn ehe er sie aus dem Gesichte verlor , konnte er nicht mit voller Seele an seine wiedererlangte Freiheit glauben . « » Seine Kräfte , die dem fürchterlichsten Unglücke widerstanden hatten , erlagen dem freudigen Gefühle , mit dem er sich endlich am Ufer des Meeres , frei wie ein Vogel in der Luft , wiederfand . Mitleidige Fischer nahmen den bis zum umsinken Ermatteten in ihre kleine , von Olivenbäume umschattete Hütte auf , die unerachtet des darin vorherrschenden südlichen Schmutzes ihm ein Paradies zu seyn dünkte . Er sah sich genöthigt , mehrere Monate bei diesen guten Leuten zu verweilen , ehe er sich genugsam erholt hatte , um die weite Reise in das nun befreite Vaterland antreten zu können . In dieser Zeit schrieb er mehrere Briefe an seine Verwandte in Deutschland . Die Fischer nahmen sie mit , wenn sie ihre Fische nach Toulon zum Markte trugen , und versprachen sie dort auf die Post zu geben ; denn ihn selbst hielt ein unüberwindlicher Abscheu davon zurück , sich dem Schauplatze seines unvergeßlichen Elendes wieder zu nähern , das sich noch immer , so wie er die Augen schloß , in den allergräßlichsten Traumbildern ihm erneuerte . Wahrscheinlich aber müssen seine Hausleute mit dem Bestellen der Briefe nicht recht umzugehen gewußt haben , denn kein einziger hat je den Ort seiner Bestimmung erreicht . « » Klarenaus abgeschorne Locken waren indessen wieder gewachsen , seine Gesundheit erstarkte bei der gesünderen Kost und in der alles belebenden Seeluft , die mit erquickenden Düften beladen ihn umwehte . Müde des Wartens , da noch immer keine Antwort auf seine Briefe kam , ergriff er endlich den Wanderstab und machte sich zu Fuß auf den Weg , ohne zu wissen wie er , selbst bei dieser wohlfeilen Art zu reisen , mit den wenigen Franken auskommen werde , die er von dem durch seinen großmüthigen Befreier ihm vorgestreckten Gelde noch übrig behalten hatte . Er verließ sich dabei auf das Glück , das seit kurzem sich ihm wieder zuwenden zu wollen schien . Es war ihm auch günstig , wenn gleich es ihm zuerst diese Gunst ein wenig unsanft bewies . « » Der Wanderer war noch nicht weit von Toulon auf dem Wege nach Marseille fortgeschritten , als er sich plötzlich in einer als unsicher berüchtigten Gegend von Räubern umringt sah ; ein Schlag auf den Kopf streckte ihn bewußtlos hin , rein ausgeplündert blieb er regungslos liegen , während die Räuber , die ihn für getödtet halten mußten , mit seiner wenigen Habe entflohen . Wahrscheinlich wäre er nie wieder zum Leben erwacht , wenn nicht ein junger deutscher Kaufmann , der zufällig des Weges reisete - - - « » Ihn mitleidig aufgenommen hätte , « fiel hier Anna ein , die so lange mit immer steigender Aufmerksamkeit zugehört hatte . » Dieser Samariter , « fuhr sie fort , ohne durch Meinaus Erstaunen sich stöhren zu lassen , » dieser mitleidige Samariter ließ den Verwundeten fürs erste nach dem nahen Dörfchen Oliulles und dann nach Toulon ins Maltheserkreuz tragen , wo er selbst abgestiegen war . Dort pflegte er seiner mit großer Sorgfalt , bis er selbst nach einigen Tagen wieder abreisen mußte ; bei seiner Abreise übergab er ihn einem sehr angesehenen wackern in Toulon etablirten deutschen Kaufmann , Namens Weiler , in dessen Familie der Arme ebenfalls mit Herzlichkeit aufgenommen und mit der größten Aufmerksamkeit verpflegt wurde , bis er völlig genesen , ausgerüstet mit Geld und Empfehlungen - - - « » Hochwürdige Frau ! « unterbrach Meinau sie jetzt , der sich in seiner Verwunderung nicht länger mäßigen konnte . » Raimund war es ! « rief Anna , helle Freudenthränen im Auge und ohne ihm weiter zum Worte kommen zu lassen . » Raimund Holm , Raimund Bernhard von Leuen ! « Sie eilte jetzt , dessen Brief herbeizuholen , und dem Baron die auf dieses Ereigniß Bezug habende Stelle daraus mitzutheilen . » Nun wahrhaftig , das kommt immer besser ! « rief Meinau jetzt fröhlich aus , als Anna zu lesen aufgehört hatte . » So wäre denn der Roman völlig fertig , nur etwas Liebe muß noch hinein , die findet sich . Der gehörige Edelmuth wird auch am Ende nicht ausbleiben , denn hoffentlich wird doch Klarenau nicht mit dem Erretter seines Lebens einen Proceß anfangen wollen , um diesen um sein rechtmäßig ererbtes Eigenthum zu bringen ; und so wären wir ja mit einemmale aller Furcht vor Streit und Aerger entledigt . « Der Aufenthalt in Kleeborns sehr schönem Landhause , das er während der Sommerzeit mit den Seinen gewöhnlich zu bewohnen pflegte , gewährte den beiden Freundinnen Angelika und Vicktorine wenigstens ein ruhigeres Daseyn , als das Leben in der Stadt ihnen bieten konnte . An jedem schönen Abende wandelten sie Arm in Arm auf der hohen Terrasse vor dem Hause auf und nieder , bis die sinkende Nacht die weite Aussicht über Strom und Land und Meer mit ihrem dunkeln Schleier verhüllte . Sehnsuchtsvoll blickte Vicktorine dem majestätischen Laufe der mächtigen Schiffe nach , wenn sie auf dem prächtigen breiten Strome , der dicht am Garten vorüberfloß , mit geschwellten , von Abendschein gerötheten Seegeln dem lange ersehnten Hafen zueilten . Dann wandte sie seufzend das umdüsterte Auge der dämmernden Ferne zu , wo der Strom dem Meere sich vereint , bis es ' in Thränen überfloß und Himmel und Erde und Meer in eins ihr verschwammen . Angelika betrachtete vor allem gerne den tiefblauen Himmel , wenn an ihm ein Stern nach dem andern auftauchte . Auch ihrer müden Brust entrang sich dann manch leiser Seufzer , und ein trübes Lächeln schwebte um die bleiche Wange und den lieblichen festgeschlossenen Mund , der keiner Klage sich mehr öffnete . Beide Freundinnen suchten die Heimath ihrer Liebe auf , die eine dort oben , im glänzenden geheimnißvollen Reiche , von Tausenden im ewigen Sphärentanz einander umkreisenden fernen Sonnen ; die andere zwar noch auf der grünenden blühenden Erde , aber weit , weit weg , jenseits der immer bewegten Wogen , die , wie der nächtliche Himmel , dem Sterblichen ein Bild der Unendlichkeit sind . Agathe umflatterte zuweilen die Beiden , so wie ein leichter luftiger Schmetterling fröhlich die rothe und die weiße Rose umtanzt , welche die Kunst des Gärtners einem einzigen Stocke entblühen lies . Aber sie wußte doch dabei die zu schonen , welche nicht so glücklich waren als sie selbst , und hüthete sich sorgsam davor , sie durch unzeitig angebrachten Scherz zu verletzen . Ihr Lieblingsplätzchen im Garten war eine kleine Anhöhe , von der sie den Weg übersehen konnte , welchen Horst gewöhnlich kam , wenn er sie besuchen wollte . Mehr als zehnmal des Tages erstieg sie diese , sogar wenn sie wußte daß er heute unmöglich kommen könne , und war er nun da , so schalt sie ihn tapfer aus , denn er fing gewöhnlich an , die Tage und Wochen zu berechnen , die bis zu dem im Herbst angesetzten Hochzeitstage noch vergehen mußten . Die Kleine pflegte bei solchen Gelegenheiten sich gewaltig zu ereifern , was ihr indessen nach ihres Bräutigams Urtheil recht allerliebst stand , der daher auch nie unterließ , sie zum Zorne zu reizen . » Ich habe es Dir schon tausendmal gesagt , « sprach sie einst , » daß das eine ganz alberne und unnütze Rechnung ist . Wie kann ich denn heurathen ohne die Tante und wer kann vorher wissen , wenn die kommen wird . Daß sie mir den Kranz aufsetzt und keine andere , das steht nun einmal fest ; doch wo sie jetzt stecken mag , wissen die Götter . Sie schreibt