augenblicklich bei sich zu sehen . » Jetzt ? jetzt ? in dieser Minute ? Nimmermehr ! jetzt nicht , jetzt kann ich nicht zu ihm , « rief Hippolit , bald erglühend bald erbleichend . » Nein , Sie können und dürfen es auch Ihrer Gesundheit wegen nicht , und ich selbst will dieses ihm erklären , « erwiderte Gabriele , gab dann schnell dem Bedienten Befehl , den Grafen in einer Sänfte nach Hause zu geleiten und ergriff die Gelegenheit , mit leichtem Gruß an ihm vorüber zu eilen , um Moritzen über sein Nichterscheinen zu beruhigen . Sie verschwand bald unter den Säulen der Vorhalle , und Hippolit starrte noch immer ihr nach . Er fühlte nicht , daß die Binde wieder um den verwundeten Arm gelegt ward , er merkte kaum , daß man dem Ausgange des Gartens ihn zuführte . Nur als er zu Hause in seinem eignen Zimmer , aus den Fenstern desselben , Gabrielens Pappeln wieder ganz in der Ferne erblickte , nur da kam ein lichter Gedanke an die zunächst vergangne Stunde in ihm auf . Ein schnell aufsteigendes Wetter thürmte sich schwarz und drohend hinter Gabrielens Garten am Himmel empor , schon fielen einzelne große Regentropfen schwer herab und die schlanken Wipfel der Pappeln beugten sich tief vor dem plötzlich sich erhebenden Gewittersturm . Mit bangem vorahnenden Herzen starrte Hippolit in den Aufruhr der Natur , der über Gabrielens Wohnung herein brechen zu wollen schien , als die Sonne die Wolken zerriß . Die Regentropfen wandelten sich in glänzend flüssiges Silber , und hoch über den Pappeln wölbte sich prächtig der leichte Farbenbogen des Friedens und der Hoffnung . Mit so anscheinender Kälte Gabriele auch immer die unerwartete Erklärung ihres jungen Freundes aufgenommen haben mochte , in ihrem Innern fühlte sie sich doch dabei von Mitleid , Schrecken und zürnendem Erstaunen bewegt . Vergebens versuchte sie das ganze unangenehme Ereigniß zu vergessen , sie konnte sich nicht enthalten in der Einsamkeit darüber nachzudenken . Seit Jahren hatte nichts ihre Ruhe in dem Gräde erschüttert , es war ihr als laste seit jener Minute ein innrer Vorwurf auf ihrem Gemüthe und doch war es ihr unmöglich , zu entdecken , wo und wie sie gefehlt habe . Mißmüthig über dieses beängstigende Empfinden , ergriff sie endlich die Feder , um sich gegen Frau von Willnangen über den Vorgang auszusprechen der es veranlaßte , und so vielleicht auch mit sich selbst darüber ins Reine zu kommen . Doch kaum hatte sie einige Zeilen geschrieben , als sie mit unwilligem Lächeln alles von sich schob und ihren Schreibtisch wieder zuschloß . » Bin ich nicht thöricht ! « sprach sie bei sich selbst . » Müßte Frau von Willnangen nicht laut auflachen , wenn sie läse wie ich eifrig ernsthaft , gleich einem sechszehnjährigen Mädchen , ihr in großer Herzensangst die Liebeserklärung eines kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings mittheile , und sie bitte , in dieser entsetzlichen Noth mir zu rathen ? Nein ! wahrlich nein ! so großen Lärmen wollen wir über ein solches Flackerfeuer nicht anstellen ! Ihre Wangen erglühten in tiefer Beschämung . Wie war es mir möglich , die brausenden Ausbrüche eines exaltirten jugendlichen Sinnes so zu mißverstehen ? « dachte sie , während sie den angefangnen Brief wieder aus dem Schreibtisch nahm und vernichtete . Weichheit des eben Genesenden , Frühlingsfreude nach langem Entbehren , ließen ihn sich selbst verkennen ; warum denn nicht auch mich ? Er wird froh seyn , wenn ich zu vergessen scheine , was ich nur vergessend verzeihen kann , und was er gewiß nie wieder wagen wird in Anregung zu bringen . Höchstens könnte nur durch Widerspruch erregter Eigensinn ihn zur Beharrlichkeit bewegen , und das muß vermieden werden . « Herrn von Aarheims Arzt erschien am folgenden Morgen , um Hippoliten die Erlaubniß zu erbitten , ihn am Abend besuchen zu dürfen . Moritz suchte seinen Jubel darüber in allen Sprachen , deren er mächtig war , auszudrücken und versicherte , nun ebenfalls in den nächsten Tagen wieder ausgehen zu können . » Wir wollen uns damit denn doch nicht übereilen , « erwiderte der Arzt , zu Gabrielen gewendet . Auch dem jungen Grafen wäre es sehr gesund , wenn er noch einige Tage daheim bleiben wollte , aber er läßt sich nicht halten und so ist es gerathner , wenn wir ihm das Ausgehen mit gehöriger Sorgfalt erlauben , als daß er uns , wie gestern geschah , entspringt , und unnützer Weise in Angst versetzt . Ich fand ihn Nachmittags in heftiger fieberhafter Bewegung ; auch seine Wunde schien sich wieder entzünden zu wollen , und doch war er augenscheinlich mehr exaltirt als krank . Ich wußte nicht , was ich aus dem wunderbaren Zustand machen sollte und war schon im Begriff , ihn im Verdacht eines bedeutenden Vergehens gegen die ihm vorgeschriebene Diät zu halten , als ich erfuhr , daß er in der Sonnenhitze von einem Ende der Stadt bis zum andern gelaufen sey . « Hippolit erschien gegen Abend . Gabriele war absichtlich bei seiner Ankunft in Moritzens Zimmer zugegen . Er erröthete , erbleichte und kam bei ihrem Anblick sichtbar außer Fassung , doch Moritzens ausgelassene Freude über das Wiedersehen seines Lieblings überstimmte alles , und verbarg auch die kleine Verlegenheit , deren Gabriele im ersten Augenblick sich doch nicht gänzlich erwehren konnte . Moritz war an diesem Abend , vielleicht zum erstenmal in seinem Leben , die Seele des kleinen Vereins ; er scherzte , lachte über seine eignen Einfälle , und ließ übrigens niemanden zum Worte kommen . Hippolit bemühte sich zwar , wie sonst munter und unterhaltend zu erscheinen , aber der Zwang , den er sich dabei anthat , konnte nur einem Beobachter , wie Moritz war , entgehen . Gabriele ward dessen wohl gewahr , sie nahm ihn als Beweis des beschämenden Gefühls , mit dem er des gestrigen Morgens gedenken mochte , und strebte nur , durch möglichste Unbefangenheit das Andenken einer Scene zu vernichten , die sie am liebsten ganz in Vergessenheit begraben hätte . Vierzehn Tage vergingen , während welchen Hippolit Gabrielen täglich , doch nie alleine sah . Er selbst schien dieses zu vermeiden und hütete seine Blicke wie seine Worte , so daß sie wiederum gegen ihn , sie wußte selbst kaum wie , in ihren gewohnten zutraulichen Ton gerathen konnte . Seine Genesung vollendete sich in dieser Zeit , und auch Moritz erholte sich genugsam , um Tagelang mit Planen für den Rest des Sommers sich zu beschäftigen . Jeden Tag wurde eine andere Reise in Vorschlag gebracht , alle Beschreibungen großer und kleiner Bäder , in der Nähe und Ferne , wurden herbeigeschafft , aber es fanden sich immer am Morgen triftige Gründe , das gestern Abend Gewählte wieder zu verwerfen . Gabriele hatte allen diesen Berathschlagungen immer sehr gelassen und gleichgültig beigewohnt , bis Moritz eines Morgens mit ganz ungewohnt adeligen und ritterlichen Gesinnungen aufstand , sich zum Frühstück bei ihr melden ließ , und ihr dabei sehr feierlich erklärte , daß er jeden Edelmann für einen Thoren achte , der ohne Noth , ferne von dem Sitz seiner Ahnen , im bunten Gewühl der Menge sich herumstoßen lasse , und daß er deshalb gesonnen sey , sich mit ihr innerhalb zweier Tage nach Schloß Aarheim zu begeben , um dort wenigstens bis zum nächsten Winter zu residiren . Schloß Aarheim wieder zu sehen ! Tausend widersprechende Gefühle wechselten in Gabrielens Gemüth bei diesem Gedanken . Es ward ihr , als harre ihrer in den heiligen Mauern irgend etwas Unerwartetes , etwas Unerhörtes . Nicht um die Welt hätte sie eine Sylbe gesprochen und Moritzens Entschluß wankend gemacht , aber sie bebte in ängstlicher Freude vor dessen Ausführung . Mit den altritterlichen Gesinnungen überkam dem Baron auch ein Anflug von altritterlicher Gastfreiheit . Rechts und links lud er nun Freunde und Bekannte ein , Wochen , ja Monate lang in der Burg seiner Ahnen bei ihm zu weilen . Auch Gabriele mußte an Frau von Willnangen schreiben und sie bitten , mit Augusten und den Kindern die noch übrige Zeit bis zur Heimkehr Adelberts und des Generals bei ihr zuzubringen . Während sie mit diesem Briefe sich beschäftigte , trat Hippolit in ihr Zimmer und zum erstenmal seit dem Morgen in der Laube sah sie sich mit ihm allein . Niemand hätte in dem , bange und beklommen , in augenscheinlicher Verlegenheit Dastehenden die vorlaute Zierde der elegantesten Zirkel , den dreisten Liebling der glänzendsten Damen wieder zu erkennen vermocht . Er hatte recht ehrlich mit sich gekämpft , ob er nicht die Reise nach Aarheim als Anlaß ergreifen solle , um sich wenigstens auf einige Zeit von dem Gegenstand einer Leidenschaft zu entfernen , deren Hoffnungslosigkeit sowohl , als deren Unbezwingbarkeit ihm mit jedem Tage fühlbarer wurde . Schon glaubte er sich Sieger , als Moritzens Einladung ihn von der geträumten Stufe herunterriß . So lange er noch an der Möglichkeit zweifeln konnte , in Gabrielens Nähe , unter ihrem Dache , in der glücklichen Zwangslosigkeit eines ländlichen Aufenthalts selige Tage zu verleben , so lange schien es ihm , als könne er entsagen ; doch jetzt , da dieses Glück ihm wirklich so nahe geboten ward , daß er es beinahe ohne Unschicklichkeit nicht von sich weisen durfte , jetzt mußte er es ergreifen , und sollte er darüber zu Grunde gehen . Er dachte gar nicht mehr daran , freiwillig darauf resigniren zu können , und nur der Zweifel marterte ihn , ob Gabriele ihm erlauben werde , die Einladung anzunehmen . » Herr von Aarheim hatte die Güte , mich einzuladen , « flüsterte er ängstlich und kaum vernehmbar - » Und Sie fürchten die Burggeister ? und möchten uns lieber nicht begleiten ? « unterbrach ihn Gabriele mit etwas erzwungner guter Laune , denn Hippolits Verlegenheit steckte auch sie an . » Wenn ich Ihnen rathen darf , « fuhr sie lächelnd weiter fort , » so überwinden Sie Ihre Geisterfurcht und begleiten uns ; finden Sie dort nicht das Gewohnte , so finden Sie dafür das Ihnen Neue . Die ehrwürdige Burg , das wilde , schöne Thal , die Felsen und Höhlen , ja selbst die tiefe Einsamkeit , Aehnliches ist Ihnen vielleicht im Leben noch nicht vorgekommen . An geselliger Abwechselung wird es uns ebenfalls nicht gänzlich fehlen ; viele unserer hiesigen Freunde versprachen auf ihrer Rückkehr aus den böhmischen Bädern einige Tage bei uns zuzubringen , und den kurzen Umweg weniger Meilen nicht zu scheuen . Und um Sie nicht ganz mit der Zukunft vertrösten zu müssen , so habe ich auch Hoffnung , mir Ida und Bella von Schöneck von ihrer Mutter zur Begleitung zu erbitten . Die kaum zwei Tagereisen entfernte große Stadt , wo ich bei meiner Tante zuerst in der Welt erschien , wird uns hoffentlich ebenfalls manchen angenehmen Besuch früherer Bekannten zusenden , « setzte sie hinzu , da Hippolit noch immer schwieg . » Wie über allen Ausdruck gütig ist es , daß Sie sich das Ansehen geben wollen , als wünschten Sie mich zum Mitgehen zu bereden , während ich in Demuth Ihrer Entscheidung harre , ob ich Sie begleiten darf , « sprach er endlich , sichtbar erleichtert . » Doch darf ich es gestehen ? Daß die Aussicht , von so viel gleichgültigen Besuchern umschwärmt - « » Es wird damit so gar arg nicht werden als Sie es sich denken , « unterbrach ihn Gabriele ; » wir werden genug der Tage , vielleicht sogar der Wochen frei behalten , um unsre alten Uebungen wieder vorzunehmen ; ich wette , es thut damit Noth , denn Sie sind gewiß während Ihrer Krankheit nicht fleißig gewesen ; eben so wenig als ich bei der meines Gemahls es seyn konnte . Das müssen wir wieder einbringen . Für Ihr Landschaftzeichnen bietet mein Thal Ihnen bei jedem Schritt die herrlichsten Punkte . Auch unsere musikalischen Uebungen und vor allem unser Studium der Kunstgeschichte wollen wir mit Eifer wieder vornehmen . So wie wir uns in Schloß Aarheim nur ein wenig eingerichtet haben , sollen Winkelmann und der alte Vasari wieder an die Reihe kommen . Ida und Bella werden gern an alle diesem thätigen Antheil nehmen . « Ziemlich gegen ihre sonstige Art , hatte Gabriele rasch hinter einander weg gesprochen , als ob sie eine Indiskrezion von Hippoliten befürchtete , und ihn deshalb lieber gar nicht zu Worte kommen lassen wollte . Er selbst hingegen war während der Zeit seiner innern Bewegung Meister geworden und so nahm von nun an das Gespräch eine ruhigere Wendung , während dessen beide vereint eine Auswahl unter Büchern , Musikalien und allerlei Kunstgeräth trafen , die sie mit nach Schloß Aarheim nehmen wollten . Hippolit schwamm dabei in einem Meer von Wonne , doch hütete er sich gar sehr vor jeder , auch der unmerklichsten Aeußerung seines Empfindens . Gabriele hatte sich bis jetzt täglich unzähligemal wiederholt , daß nichts lächerlicher seyn könne , als wenn sie jene Erklärung Hippolits für etwas mehr nehmen wolle als für jugendliche Uebereilung , in einem durch Zufälligkeiten bis zur Ueberspannung gereizten Zustande . Auch war sie von der Wahrheit dieser Ansicht fest überzeugt , vielleicht weil sie es seyn wollte , denn wer vermag zu unterscheiden , was ihr selbst immer dunkel blieb ? Eine Art ängstlicher Uebereilung im Gespräch , die ihr nicht eigen zu seyn pflegte , schien freilich oft , wie eben auch jetzt , geheimes Fürchten einer Aufklärung anzudeuten , das denn doch , ihr selbst unbewußt , in einem Winkel ihres Herzens lauschen mußte , den sie , aus verzeihlicher Zaghaftigkeit vielleicht , zu ergründen nicht wagen mochte . Fern von Allen , welche sie liebte , in der trostlosen Umgebung , zu der das Schicksal sie verurtheilte , hatte sie in Hippoliten endlich eine für ihr Gemüth wie für ihren Geist gleich wohlthuende Erscheinung gefunden . Sie konnte nicht ohne die reinste Freude , nicht ohne inniges Wohlwollen den glücklichen Einfluß bemerken , den ihre Leitung und warum sollte sie es sich nicht aussprechen ? den ihre Nähe an ihm übten . Jemehr angebornen Edelsinn , unglaubliche Güte , und andere glänzende Eigenschaften des Geistes und Gemüths er im Umgange mit ihr entfaltete , je deutlicher sah sie mit Schaudern , wie nahe er bei alle diesem dem Untergehen in Eitelkeit , Unglauben und Lieblosigkeit gewesen war . Nie , unter keinen Umständen , hätte sie ohne den tiefsten Schmerz ihn wieder loslassen , nie ihn dem eitelsten Treiben wieder übergeben können , dem er an ihrer Hand so tapfer sich entwunden hatte . Und nun , nach seinem an Adelberten geübten Edelmuth fühlte sie noch durch das heilige Band inniger Dankbarkeit sich ihm verpflichtet . Daher fiel es ihr nicht ein , ihm eine strenge Richterin werden zu wollen , daher sah sie so gern in der Unruhe , die ihn in ihrer Nähe ergriff , nur das Bestreben , jedes Erinnern an ein Betragen zu verhüten , dessen er , ihrer Meinung nach , sich jetzt herzlich schämen mußte ! Und wer mag sie deshalb tadeln ? Wer mag es verdammen , daß ihrem reinen Gemüthe nie der Gedanke kam , um einer dem Irrthum verfallnen Minute willen , ihn dem Verderben Preis zu geben ? Gabriele war zu rein tugendhaft , um je daran zu denken es seyn zu wollen ; daher konnte ihr der Gedanke gar nicht kommen , daß sie hier vielleicht ein Opfer zu bringen habe . Ida und Bella von Schöneck waren ein paar gute , liebe und schöne Kinder , deren harmlose Gesellschaft nur dazu dienen konnte , das Einerlei eines zu kleinen Kreises zu unterbrechen , ohne durch großes Uebergewicht störend zu werden . Bei ihrer in sehr beschränkten Umständen lebenden Mutter hatten sie nur einsame Tage gesehen , bis Gabriele der armen lebenslustigen Mädchen sich annahm und ihnen zu mancher ihrem Alter und ihrem Range angemessenen Freude verhalf , nach der sie bis jetzt sich um so heißer gesehnt hatten je ferner sie ihnen geblieben waren . Alles neue war ihnen willkommen ; daher fanden sie sich am Tage der Abreise mit frohen erwartungsvollen Gesichtern bei Gabrielen ein , um sie nach Schloß Aarheim zu begleiten . Sie fuhren in Gabrielens Wagen . Moritz hatte seinem jungen Freunde einen Platz neben sich in seiner , nach ganz eigner Erfindung erbauten Batarde bestimmt , doch dieser zog es gewöhnlich vor , auf einem der schönen Pferde , die er sich nachführen ließ , bald Gabrielens Wagen zu umschwärmen , bald Morgens einige Stunden früher aufzubrechen , um die Uebrigen im gemeinschaftlichen Absteigequartier zu empfangen . Den beiden jungen Mädchen zu Gefallen , deren Fantasie sich aus Romanen und Beschreibungen ein himmlisch schönes Bild von den Freuden des Badelebens zusammen gesetzt hatte , war der Umweg über Karlsbad beschlossen worden . Mit dem Gefühle des frommen Wallfahrers an heiliger Stätte , sah Gabriele sich zum zweiten Mal auf diesem Wege , der sie vor sieben Jahren zu dem Wendepunkte ihres Lebens geführt hatte , von welchem die lange Reihe der strengen Entsagungen und der den schwersten Opfern geweihten Tage ausging , die sie seitdem verlebte . In Karlsbad selbst knüpfte sich eine oder die andere frohe oder bittere Erinnerung an jeden ihrer Schritte ; in stiller Wehmuth suchte sie jedes Plätzchen auf , das irgend ein ihr merkwürdiges Ereigniß bezeichnete ; vor allem aber versäumte sie es nicht , in einer stillen feierlichen Abendstunde zur kleinen Marienkapelle im Walde einsam zu wallfahrten , während ihre Begleiterinnen unter Moritzens Schutze sich im sächsischen Saal im lustigen Wirbeltanz drehten . Es war am Vorabend eines heiligen Festes . Die Betstühle waren leer , nur ein Kind lag in einem Winkel der Kapelle auf den Knien , während der Sakristan den Altar abstäubte , den morgenden Festputz des Muttergottes-Bildes zurecht legte und die welken Blumen und Kränze wegnahm , um sie durch neue zu ersetzen . Gabriele sah dem einfältig-frommen Treiben eine Weile zu , ehe sie ihrer Stimme Festigkeit genug zutraute , um nach der armen alten Frau zu fragen , die sonst um diese Stunde hier zu beten pflegte , und die sie jetzt mit trübem Vorahnen vermißte . » Die ist bei Gott , « erwiderte der Sakristan ; » ich kannte sie wohl , sie war eine fromme Frau dort unten aus dem Dorfe ; sie hatte ein Gelübde gethan und hielt es redlich , bei Frost und Hitze , im Sonnenschein und Regen . Und so ist sie zum Lohne hier an heiliger Stätte vor drei Monaten sanft und selig entschlafen . Wir wollten sie wecken , da es dunkel ward , und sie noch immer auf den Knien wie betend lag , aber sie erwachte nimmermehr auf Erden . « Gabriele zerfloß in Thränen der innigsten Rührung , während der Sakristan so sprach . Ottokars Bild stand vor ihr und jedes entschlummerte Gefühl in ihrem Herzen regte sich mächtig und laut ; ihr war als seyen die Jahre zwischen jetzt und jenem Abend , wo sie an dieser nehmlichen Stelle gestanden hatte , ganz aus der Reihe der Zeiten getilgt , als sey alles noch wie damals . Indessen hatte das Kind sich ihnen genähert und wollte mit schüchternem Gruße vorüber , als der Sakristan es anhielt . » Das ist ein Urenkelchen der alten frommen Mutter , Ihro Gnaden , « sprach er , und klopfte freundlich die vollen blühenden Wangen des Mädchens . » Nun schäme dich nicht , « fuhr er fort , » du bist ein frommes Kind , Gott und die Heiligen werden deinen Vater und deine Mutter dafür segnen , denn das Gebet frommer Kinder dringt durch die Wolken . « » Ich hab nicht für Vater und Mutter gebetet , « sprach das Kind . » Nicht für Vater und Mutter ? für wen denn , « fragte der Sakristan . » Weiß nicht , « war die Antwort , » aber die heilge Jungfrau wird schon verstehen , wem es angeht , sprach Aeltermutter selige , und weil Mutter es ihr einmal versprochen hat , da sie krank war , so geht immer Eins von uns zur Vesperzeit hieher und betet wie Aeltermutter sonst , da sie noch lebte . « Gabriele sank auf der Stelle , wo das Kind gebetet hatte , in stiller Rührung hin , der Sakristan und das Kind , reichlich von ihr beschenkt , entfernten sich schweigend und ehrfurchtsvoll . Ihr Auge schwamm in süßen Thränen , ihr Herz in seliger Wehmuth . War es Gebet , war es Erinnerung , war es Hoffnung , was ihren Busen in lange nicht gefühlter Wonne hob , sie wußte es nicht zu unterscheiden , aber sie lag da auf den Knien , in Andacht und Freude verloren , bis die fast zur Dunkelheit gewordne Dämmerung sie erweckte . Langsam erhob sie sich und sah dicht hinter sich Hippoliten in ihrem Anblick versunken . Sie wickelte sich als sie ihn gewahrte , fester in ihren großen Shawl , den sie wie einen Schleier über den Kopf nahm , als solle er gegen die Abendkühle sie schützen . Hippolit verstand diese Bewegung , stumm und ehrfurchtsvoll zog er sich zurück während sie an ihm vorüberging und wagte es nicht ihr den Arm zu bieten . Er drückte nur die zurückflatternde Ecke ihres Shawls demüthig an seine Lippen , ohne daß sie dieses bemerkte und folgte dann von ferne , um sie auf dem Wege nach ihrer Wohnung zu beschützen . Wenig Tage darauf verließen sie Karlsbad . Dritter Theil Ihn mußt ' ich lieben , weil mit ihm mein Leben Zum Leben ward , wie ich es nie gekannt . Göthe . Karlsbad im Rücken , ging die Reise schnell vorwärts . Bald waren die beiden schroff und zackig emporstrebenden Felsen erreicht , die , einander gegenüberstehend , von dieser Seite die Gränze der zu Schloß Aarheim gehörenden Ländereien bezeichnen , und den , einem Riesenthor ähnlichen Eingang zu dem schauerlichen Felsenthale bilden , in welchem der Eisenhammer liegt . Im ärmlichen Gepränge , so gut sie es vermochten , mit ihren dürftigen Festkleidern geschmückt , harrten dort die Einwohner des Thals , um die Gutsherrschaft vor allen andern zuerst in ihrem Eigenthum zu begrüßen . Die Kinder streuten Blumen , die Alten riefen ein Lebehoch , und Gabrielens überwallendes Herz erlaubte ihr kaum , im Wagen zu bleiben , während Moritz mit echt spanischer Grandezza da saß , und sich allen möglichen Zwang anthat , um sich nicht an seiner Würde durch zu freundlichen Dank etwas zu vergeben , zu dem seine angeborne Gutmüthigkeit ihn dennoch trieb . Denn wunderlich genug war es ihm plötzlich in den Sinn gekommen , sich hier das stolze Betragen seines Vorfahren , des alten Barons Aarheim , zum Muster zu nehmen . Gabriele hingegen rief viele der Landleute , welche sie erkannte , bei Namen , erkundigte sich nach ihrem Ergehen , liebkoste die Kinder , und schickte endlich alle beschenkt und glücklich in ihre armen schwarzgeräucherten Hütten zurück . Dann eilte sie fort aus dem frohen dankbaren Gedränge , um in dem Hause des Försters Ernestos ehemalige Wohnung aufzusuchen . Ida und Bella begleiteten sie ; ihrer gutartigen Neubegier war alles interessant , Moritz folgte ihnen etwas langsamer mit Hippoliten . Im Gedränge des Lebens , unter ewigen Zerstreuungen hatte Moritz sich der Gewohnheit hingegeben , Gabrielen die Seine zu nennen , ohne weiter daran zu denken wie sie es ward ; hier aber rief ihm alles Scenen zurück , bei deren erneuertem Andenken sein Blut noch erstarrte . Das Knarren der elenden hölzernen Treppe des armseligen Hauses erinnerte ihn auf das lebhafteste , wie er am Morgen seines schauerlichen Vermählungstages Erneston hier aufsuchte , um von ihm Rath und Trost zu erflehen . Ohnerachtet eines gewissen innern Grauens kam ihm doch jene stolze Freude an , die der armseligste Thor am lebhaftesten empfindet , der ein merkwürdiges oder gar gefahrvolles Ereigniß erzählen kann , in welchem ihm eine Hauptrolle ward . Eben wandte er sich an Hippolit mit einem recht wichtigen Gesicht und allerlei geheimnißreichen Redensarten , die deutlich den Wunsch , befragt zu werden , verriethen , als Ida oben im Hause an das offne Fenster trat , und die Herren antrieb , eilends hinauf zu kommen , weil oben viel Schönes zu sehen sey . Hippolits Aufmerksamkeit beim Eintritt in Ernestos kleinem Stübchen zogen zuerst die weißen Wände an , auf denen er mit kunstreicher Hand allerlei Skizzen von Felsen , Baumgruppen und Gesträuch höchst geistreich mit der Kohle entworfen hatte . Die Fräulein beschäftigten sich indessen mit einer großen Mappe voll Zeichnungen , welche , wahrscheinlich aus Vergessenheit , in der Schublade des Tisches zurückgelassen worden war , und Gabriele , das schöne Haupt gedankenvoll auf die Hand gestützt , schaute hinaus auf die dunkeln Felsenspitzen rings umher . » Mein Gott ! welche Aehnlichkeit ! « rief plötzlich Ida überlaut . Moritz und Hippolit näherten sich , die Zeichnung , welche ihr diesen Ausruf abgelockt hatte , zu betrachten , und ihre Aeußerungen , die eher Tadel als Lob anzudeuten schienen , machten auch Gabrielen darauf aufmerksam . Sie trat zu den Uebrigen an den Tisch , doch kaum hatte sie einen Blick auf das Blatt geworfen , so bebte sie mit einem Schrei des Entsetzens zurück . Sie sah sich selbst . Unverkennbar ähnlich war sie hier als Virginia dargestellt , über deren schuldlosem Herzen der Vater eben den Dolch gezückt hielt . Icilius eilte aus der Ferne herbei , näher ein alter Römer im sichtbaren Bestreben , den Streich abzuwenden ; unten standen die Worte : Libertade e morte ultimo pegno d ' amor . Die Zeichnung war sehr ausgeführt , fast ganz vollendet ; Virginius trug unverkennbar die Züge des verstorbnen Freiherrn Aarheim , der zur Hülfe herbeieilende Alte glich Erneston selbst , Icilius war sehr in der Ferne gehalten , doch glaubte Gabriele in ihm eine Aehnlichkeit mit Ottokar zu entdecken . » Welch eine Darstellung ! Wie konnte Ernesto sie ersinnen ! rief Gabriele fast zürnend aus , und wendete den Blick mit Grausen von dem Bilde ab ; bald aber faßte sie es wieder und betrachtete es mit immer größrer Theilnahme . Obgleich sie mit der eigentlichen Veranlassung desselben unbekannt geblieben war , so erkannte sie darin doch eine Allegorie auf ihr Leben , die sie schmerzlich berühren mußte . Eine stille Thräne stieg ihr ins Auge , als sie Ottokars nur undeutlich , wie aus einem Nebel hervortretende Gestalt erblickte . Dann betrachtete sie Ernestos Bild , und die in seinen Zügen ausgedrückte schmerzliche Angst erinnerte sie auf das lebhafteste an seine ihr von jeher bewiesene Liebe und Treue . Es fiel ihr ein , daß er wohl nie daran gedacht habe , der Zufall könne ihr die Zeichnung entgegen führen , und sie ward ihr jetzt zur wortlosen Klage des fernen Freundes . Immer tiefer sah sie sich hinein und kaum vermochte sie es , den Blick wieder davon abzuwenden . » Die Aehnlichkeit der Gesichter ist unverkennbar , aber eine weit größre innre Aehnlichkeit liegt zum Grunde , von der Gabriele nichts ahnet , « flüsterte Moritz Hippoliten ziemlich hörbar zu . Gabriele vernahm die Bemerkung , die sie aus Moritzens Munde zu hören nie erwartet hätte . Unwillkührlich suchte ihn ihr Blick , er stand dicht vor ihr und sah sie mit einem so eignen zweideutigen Ausdruck an , daß sie darüber erschrack . Mit zitternden Händen packte sie die Zeichnung nebst allen übrigen schnell in die Mappe , die sie mit nach Schloß Aarheim nehmen wollte , um sie dort dem Eigenthümer sichrer aufzubewahren ; dann eilte sie , das Haus und so bald als möglich auch das Thal zu verlassen . Durch die Zeichnung sowohl , als durch Moritzens räthselhafte Aeußerungen auf das Höchste gespannt , konnte Hippolit den Augenblick kaum erwarten , wo er mit Herrn von Aarheim im Wagen allein seyn würde , um diesen mit Fragen und Nachforschungen zu bestürmen . Doch Moritzens ungemeine Redseligkeit ließ es nicht dazu kommen . Ueber allen Ausdruck vergnügt die Hände in einander reibend , begann er , sobald er sich bequem zurecht gesetzt hatte , von sich zu erzählen . Er redete von sich und immer von sich und war selig in diesem Bewußtseyn , ohne im mindesten auf den Eindruck zu achten , welchen seine Worte auf seinen Zuhörer machten . Hippolit ward in diesem Gespräch von allem unterrichtet , was er längst zu erfahren so sehnlich gewünscht hatte ; von Gabrielens früherm Geschick und durch welche sonderbare Verknüpfung der Zufälligkeiten sie eben die Gemahlin der Lächerlichsten und Lästigsten aller Karrikaturen geworden war . Von Grausen und unaussprechlichem Mitleid im Innersten der Seele erschüttert , hörte er die seltsame Erzählung an . Es ward ihm nicht ganz klar , welche Mittel der furchtbare Wahnsinnige angewandt haben mochte , um Gabrielen in Moritzens Arme zu treiben , denn Gabrielens Gemahl hatte nie die nähren Umstände von dem letzten , alles entscheidenden Gespräch zwischen Vater und Tochter erfahren dürfen . Hippolit fühlte aber mit fester Ueberzeugung , daß ein unausweichbares Geschick hier gewaltet habe , über welches nachzudenken , er schaudernd vermied , um seiner Sinne mächtig zu bleiben . Plötzlich ergriff ihn der Gedanke , daß Moritz in seiner jetzigen offenherzigen Laune auch Gabrielen hier , an Ort und Stelle , zur Vertrauten dessen machen könne , was ihr ewig verborgen bleiben mußte . Er fühlte im eignen Herzen mit unaussprechlicher Angst , daß sie diesen Moment vielleicht nicht überleben werde , und begann nun all ' seinen Einfluß zu erschöpfen , um ihren Gemahl zum Geloben ewigen unverbrüchlichen Schweigens über diesen Gegenstand zu bewegen . Er ging sogar so weit , ihm nicht undeutlich zu verstehen zu geben , wie man doch so ganz eigentlich nicht wissen könne , auf