Überraschung in der Familie hervorbrachte . Vater , Mutter , Töchter und Kinder versammelten sich um ihn ; einem am Weberstuhl sitzenden , wohlgebildeten Mädchen stockte das Schiffchen in der Hand , das just durch den Zettel durchfahren sollte , ebenso hielt sie auch den Tritt an , stand auf und kam später , mit langsamer Verlegenheit ihm die Hand zu reichen . Beide , der Garnbote sowohl als der Schirrfasser , setzten sich bald durch Scherz und Erzählung wieder in das alte Recht , welches Hausfreunden gebührt , und nachdem man sich eine Zeitlang gelabt , wendete sich der wackere Mann zu mir und sagte : » Sie , mein guter Herr , dürfen wir über diese Freude des Wiedersehens nicht hintansetzen : wir können noch tagelang miteinander schnacken ; Sie müssen morgen fort . Lassen wir den Herrn in das Geheimnis unserer Kunst sehen ; Leimen und Zetteln kennt er , zeigen wir ihm das übrige vor , die Jungfrauen da sind mir ja wohl behülflich . Ich sehe , an diesem Stuhl ist man beim Aufwinden . « Das Geschäft war der jüngeren , zu der sie traten . Die ältere setzte sich wieder an ihren Weberstuhl und verfolgte mit stiller , liebevoller Miene ihre lebhafte Arbeit . Ich betrachtete nun sorgfältig das Aufwinden . Zu diesem Zweck läßt man die Gänge des Zettels nach der Ordnung durch einen großen Kamm laufen , der eben die Breite des Weberbaums hat , auf welchen aufgewunden werden soll ; dieser ist mit einem Einschnitt versehen , worin ein rundes Stäbchen liegt , welches durch das Ende des Zettels durchgesteckt und in dem Einschnitt befestigt wird . Ein kleiner Junge oder Mädchen sitzt unter dem Weberstuhle und hält den Strang des Zettels stark an , während die Weberin den Weberbaum an einem Hebel gewaltsam umdreht und zugleich achtgibt , daß alles in der Ordnung zu liegen komme . Wenn alles aufgewunden ist , so werden durch die Rispe ein runder und zwei flache Stäbe , Schienen , gestoßen , damit sie sich halte , und nun beginnt das Eindrehen . Vom alten Gewebe ist noch etwa eine Viertelelle am zweiten Weberbaum übriggeblieben , und von diesem laufen etwa drei Viertelellen lang die Fäden durch das Blatt in der Lade sowohl als durch die Flügel des Geschirrs . An diese Fäden nun dreht die Weberin die Fäden des neuen Zettels , einen um den andern , sorgfältig an , und wenn sie fertig ist , wird alles Angedrehte auf einmal durchgezogen , so daß die neuen Fäden bis an den noch leeren vordern Weberbaum reichen ; die abgerissenen Fäden werden angeknüpft , der Eintrag auf kleine Spulen gewunden , wie sie ins Weberschiffchen passen , und die letzte Vorbereitung zum Weben gemacht , nämlich geschlichtet . So lang der Weberstuhl ist , wird der Zettel mit einem Leimwasser , aus Handschuhleder bereitet , vermittelst eingetauchter Bürsten durch und durch angefeuchtet , sodann werden die obengedachten Schienen , die das Gerispe halten , zurückgezogen , alle Fäden aufs genaueste in Ordnung gelegt und alles so lange mit einem an einen Stab gebundenen Gänseflügel gefächelt , bis es trocken ist , und nun kann das Weben begonnen und fortgesetzt werden , bis es wieder nötig wird zu schlichten . Das Schlichten und Fächeln ist gewöhnlich jungen Leuten überlassen , welche zu dem Webergeschäft herangezogen werden , oder in der Muße der Winterabende leistet ein Bruder oder ein Liebhaber der hübschen Weberin diesen Dienst , oder diese machen wenigstens die kleinen Spülchen mit dem Eintragsgarn . Feine Musseline werden naß gewebt , nämlich der Strang des Einschlagegarns wird in Leimwasser getaucht , noch naß auf die kleinen Spulen gewunden und sogleich verarbeitet , wodurch sich das Gewebe gleicher schlagen läßt und klarer erscheint . Donnerstag , den 18. September . Ich fand überhaupt etwas Geschäftiges , unbeschreiblich Belebtes , Häusliches , Friedliches in dem ganzen Zustand einer solchen Weberstube ; mehrere Stühle waren in Bewegung , da gingen noch Spinn- und Spulräder , und am Ofen die Alten mit den besuchenden Nachbarn oder Bekannten sitzend und trauliche Gespräche führend . Zwischendurch ließ sich wohl auch Gesang hören , meistens Ambrosius Lobwassers vierstimmige Psalmen , seltener weltliche Lieder ; dann bricht auch wohl ein fröhlich schalendes Gelächter der Mädchen aus , wenn Vetter Jakob einen witzigen Einfall gesagt hat . Eine recht flinke und zugleich fleißige Weberin kann , wenn sie Hülfe hat , allenfalls in einer Woche ein Stück von 32 Ellen nicht gar zu feine Musseline zustande bringen ; es ist aber sehr selten , und bei einigen Hausgeschäften ist solches gewöhnlich die Arbeit von vierzehn Tagen . Die Schönheit des Gewebes hängt vom gleichen Auftreten des Webegeschirres ab , vom gleichen Schlag der Lade , wie auch davon , ob der Eintrag naß oder trocken geschieht . Völlig egale und zugleich kräftige Anspannung trägt ebenfalls bei , zu welchem Ende die Weberin feiner baumwollener Tücher einen schweren Stein an den Nagel des vordern Weberbaums hängt . Wenn während der Arbeit das Gewebe kräftig angespannt wird ( das Kunstwort heißt dämmen ) , so verlängert es sich merklich , auf 32 Ellen 3 / 4 Ellen und auf 64 etwa 1 1 / 2 Elle ; dieser Überschuß nun gehört der Weberin , wird ihr extra bezahlt , oder sie hebt sich ' s zu Halstüchern , Schürzen usw. auf . In der klarsten , sanftesten Mondnacht , wie sie nur in hohen Gebirgszügen obwaltet , saß die Familie mit ihren Gästen vor der Haustüre im lebhaftesten Gespräch , Lenardo in tiefen Gedanken . Schon unter allem dem Weben und Wirken und so manchen handwerklichen Betrachtungen und Bemerkungen war ihm jener von Freund Wilhelm zu seiner Beruhigung geschriebene Brief wieder ins Gedächtnis gekommen . Die Worte , die er so oft gelesen , die Zeilen , die er mehrmals angeschaut , stellten sich wieder seinem innern Sinne dar . Und wie eine Lieblingsmelodie , ehe wir uns versehen , auf einmal dem tiefsten Gehör leise hervortritt , so wiederholte sich jene zarte Mitteilung in der stillen , sich selbst angehörigen Seele . » Häuslicher Zustand , auf Frömmigkeit gegründet , durch Fleiß und Ordnung belebt und erhalten , nicht zu eng , nicht zu weit , im glücklichsten Verhältnis der Pflichten zu den Fähigkeiten und Kräften . Um sie her bewegt sich ein Kreislauf von Handarbeitenden im reinsten , anfänglichsten Sinne ; hier ist Beschränktheit und Wirkung in die Ferne , Umsicht und Mäßigung , Unschuld und Tätigkeit . « Aber diesmal mehr aufregend als beschwichtigend war die Erinnerung . » Paßt doch « , sprach er zu sich selbst » diese allgemein lakonische Beschreibung ganz und gar auf den Zustand , der mich hier umgibt . Ist nicht auch hier Friede , Frömmigkeit , ununterbrochene Tätigkeit ? Nur eine Wirkung in die Ferne will mir nicht gleichermaßen deutlich scheinen . Mag doch die Gute einen ähnlichen Kreis beleben , aber einen weitern , einen bessern ; sie mag sich behaglich wie diese hier , vielleicht noch behaglicher , finden , mit mehr Heiterkeit und Freiheit umherschauen . « Nun aber durch ein lebhaftes , sich steigerndes Gespräch der übrigen aufgeregt , mehr Acht habend auf das , was verhandelt wurde , ward ihm ein Gedanke , den er diese Stunden her gehegt , vollkommen lebendig . Sollte nicht eben dieser Mann , dieser mit Werkzeug und Geschirr so meisterhaft umgehende , für unsre Gesellschaft das nützlichste Mitglied werden können ? Er überlegte das und alles , wie ihm die Vorzüge dieses gewandten Arbeiters schon stark in die Augen geleuchtet . Er lenkte daher das Gespräch dahin und machte , zwar wie im Scherze , aber desto unbewundener , jenem den Antrag , ob er sich nicht mit einer bedeutenden Gesellschaft verbinden und den Versuch machen wolle , übers Meer auszuwandern . Jener entschuldigte sich , gleichfalls heiter beteuernd , daß es ihm hier wohl gehe , daß er noch Besseres erwarte ; in dieser Landesart sei er geboren , darin gewöhnt , weit und breit bekannt und überall vertraulich aufgenommen . Überhaupt werde man in diesen Tälern keine Neigung zur Auswanderung finden , keine Not ängstige sie und ein Gebirg halte seine Leute fest . » Deswegen wundert ' s mich « , sagte der Garnbote , » daß es heißen will , Frau Susanne werde den Faktor heiraten , ihr Besitztum verkaufen und mit schönem Geld übers Meer ziehen . « Auf Befragen erfuhr unser Freund , es sei eine junge Witwe , die in guten Umständen ein reichliches Gewerbe mit den Erzeugnissen des Gebirges betreibe , wovon sich der wandernd Reisende morgen gleich selbst Überzeugen könne , indem man auf dem eingeschlagenen Wege zeitig bei ihr eintreffen werde . » Ich habe sie schon verschiedentlich nennen hören « , versetzte Lenardo , » als belebend und wohltätig in diesem Tale , und versäumte , nach ihr zu fragen . « » Gehen wir aber zur Ruh « , sagte der Garnbote , » um den morgenden Tag , der heiter zu werden verspricht , von früh auf zu nutzen . « Hier endigte das Manuskript , und als Wilhelm nach der Fortsetzung verlangte , hatte er zu erfahren , daß sie gegenwärtig nicht in den Händen der Freunde sei . Sie ward , sagte man , an Makarien gesendet , welche gewisse Verwicklungen , deren darin gedacht worden , durch Geist und Liebe schlichten und bedenkliche Verknüpfungen auflösen solle . - Der Freund mußte sich diese Unterbrechung gefallen lassen und sich bereiten , an einem geselligen Abend , in heiterer Unterhaltung , Vergnügen zu finden . Sechstes Kapitel Als der Abend herbeikam und die Freunde in einer weit umherschauenden Laube saßen , trat eine ansehnliche Figur auf die Schwelle , welche unser Freund sogleich für den Barbier von heute früh erkannte . Auf einen tiefen , stummen Bückling des Mannes erwiderte Lenardo : » Ihr kommt , wie immer , sehr gelegen und werdet nicht säumen , uns mit Eurem Talent zu erfreuen . Ich kann Ihnen wohl « , fuhr er zu Wilhelmen gewendet fort , » einiges von der Gesellschaft erzählen , deren Band zu sein ich mich rühmen darf . Niemand tritt in unsern Kreis , als wer gewisse Talente aufzuweisen hat , die zum Nutzen oder Vergnügen einer jeden Gesellschaft dienen würden . Dieser Mann ist ein derber Wundarzt , der in bedenklichen Fällen , wo Entschluß und körperliche Kraft gefordert wird , seinem Meister trefflich an der Seite zu stehen bereit ist . Was er als Bartkünstler leistet , davon können Sie ihm selbst ein Zeugnis geben . Hiedurch ist er uns ebenso nötig als willkommen . Da nun aber diese Beschäftigung gewöhnlich eine große und oft lästige Geschwätzigkeit mit sich führt , so hat er sich zu eigner Bildung eine Bedingung gefallen lassen ; wie denn jeder , der unter uns leben will , sich von einer gewissen Seite bedingen muß , wenn ihm nach anderen Seiten hin die größere Freiheit gewährt ist . Dieser also hat nun auf die Sprache Verzicht getan , insofern etwas Gewöhnliches oder Zufälliges durch sie ausgedrückt wird ; daraus aber hat sich ihm ein anderes Redetalent entwickelt , welches absichtlich klug und erfreulich wirkt , die Gabe des Erzählens nämlich . Sein Leben ist reich an wunderlichen Erfahrungen , die er sonst zu ungelegener Zeit schwätzend zersplitterte , nun aber , durch Schweigen genötigt , im stillen Sinne wiederholt und ordnet . Hiermit verbindet sich denn die Einbildungskraft und verleiht dem Geschehenen Leben und Bewegung . Mit besonderer Kunst und Geschicklichkeit weiß er wahrhafte Märchen und märchenhafte Geschichten zu erzählen , wodurch er oft zur schicklichen Stunde uns gar sehr ergötzt , wenn ihm die Zunge durch mich gelöst wird ; wie ich denn gegenwärtig tue und ihm zugleich das Lob erteile , daß er sich in geraumer Zeit , seitdem ich ihn kenne , noch niemals wiederholt hat . Nun hoff ' ich , daß er auch diesmal , unserm teuren Gast zu Lieb ' und Ehren , sich besonders hervortun werde . « Über das Gesicht des Rotmantels verbreitete sich eine geistreiche Heiterkeit , und er fing ungesäumt folgendermaßen zu sprechen an . Die neue Melusine Hochverehrte Herren ! Da mir bekannt ist , daß Sie vorläufige Reden und Einleitungen nicht besonders lieben , so will ich ohne weiteres versichern , daß ich diesmal vorzüglich gut zu bestehen hoffe . Von mir sind zwar schon gar manche wahrhafte Geschichten zu hoher und allseitiger Zufriedenheit ausgegangen , heute aber darf ich sagen , daß ich eine zu erzählen habe , welche die bisherigen weit übertrifft und die , wiewohl sie mir schon vor einigen Jahren begegnet ist , mich noch immer in der Erinnerung unruhig macht , ja sogar eine endliche Entwicklung hoffen läßt . Sie möchte schwerlich ihresgleichen finden . Vorerst sei gestanden , daß ich meinen Lebenswandel nicht immer so eingerichtet , um der nächsten Zeit , ja des nächsten Tages ganz sicher zu sein . Ich war in meiner Jugend kein guter Wirt und fand mich oft in mancherlei Verlegenheit . Einst nahm ich mir eine Reise vor , die mir guten Gewinn verschaffen sollte ; aber ich machte meinen Zuschnitt ein wenig zu groß , und nachdem ich sie mit Extrapost angefangen und sodann auf der ordinären eine Zeitlang fortgesetzt hatte , fand ich mich zuletzt genötigt , dem Ende derselben zu Fuße entgegenzugehen . Als ein lebhafter Bursche hatte ich von jeher die Gewohnheit , sobald ich in ein Wirtshaus kam , mich nach der Wirtin oder auch nach der Köchin umzusehen und mich schmeichlerisch gegen sie zu bezeigen , wodurch denn meine Zeche meistens vermindert wurde . Eines Abends , als ich in das Posthaus eines kleinen Städtchens trat und eben nach meiner hergebrachten Weise verfahren wollte , rasselte gleich hinter mir ein schöner zweisitziger Wagen , mit vier Pferden bespannt , an der Türe vor . Ich wendete mich um und sah ein Frauenzimmer allein , ohne Kammerfrau , ohne Bedienten . Ich eilte sogleich , ihr den Schlag zu eröffnen und zu fragen , ob sie etwas zu befehlen habe . Beim Aussteigen zeigte sich eine schöne Gestalt , und ihr liebenswürdiges Gesicht war , wenn man es näher betrachtete , mit einem kleinen Zug von Traurigkeit geschmückt . Ich fragte nochmals , ob ich ihr in etwas dienen könne . - » O ja ! « sagte sie , » wenn Sie mir mit Sorgfalt das Kästchen , das auf dem Sitze steht , herausheben und hinauftragen wollen ; aber ich bitte gar sehr , es recht stät zu tragen und im mindesten nicht zu bewegen oder zu rütteln . « Ich nahm das Kästchen mit Sorgfalt , sie verschloß den Kutschenschlag , wir stiegen zusammen die Treppe hinauf , und sie sagte dem Gesinde , daß sie diese Nacht hier bleiben würde . Nun waren wir allein in dem Zimmer , sie hieß mich das Kästchen auf den Tisch setzen , der an der Wand stand , und als ich an einigen ihrer Bewegungen merkte , daß sie allein zu sein wünschte , empfahl ich mich , indem ich ihr ehrerbietig , aber feurig die Hand küßte . » Bestellen Sie das Abendessen für uns beide « , sagte sie darauf ; und es läßt sich denken , mit welchem Vergnügen ich diesen Auftrag ausrichtete , wobei ich denn zugleich in meinem Übermut Wirt , Wirtin und Gesinde kaum über die Achsel ansah . Mit Ungeduld erwartete ich den Augenblick , der mich endlich wieder zu ihr führen sollte . Es war aufgetragen , wir setzten uns gegen einander über , ich labte mich zum erstenmal seit geraumer Zeit an einem guten Essen und zugleich an einem so erwünschten Anblick ; ja mir kam es vor , als wenn sie mit jeder Minute schöner würde . Ihre Unterhaltung war angenehm , doch suchte sie alles abzulehnen , was sich auf Neigung und Liebe bezog . Es ward abgeräumt ; ich zauderte , ich suchte allerlei Kunstgriffe , mich ihr zu nähern , aber vergebens : sie hielt mich durch eine gewisse Würde zurück , der ich nicht widerstehen konnte , ja ich mußte wider meinen Willen zeitig genug von ihr scheiden . Nach einer meist durchwachten und unruhig durchträumten Nacht war ich früh auf , erkundigte mich , ob sie Pferde bestellt habe ; ich hörte nein und ging in den Garten , sah sie angekleidet am Fenster stehen und eilte zu ihr hinauf . Als sie mir so schön und schöner als gestern entgegenkam , regte sich auf einmal in mir Neigung , Schalkheit und Verwegenheit ; ich stürzte auf sie zu und faßte sie in meine Arme . » Englisches , unwiderstehliches Wesen ! « rief ich aus : » verzeih , aber es ist unmöglich ! « Mit unglaublicher Gewandtheit entzog sie sich meinen Armen , und ich hatte ihr nicht einmal einen Kuß auf die Wange drücken können . - » Halten Sie solche Ausbrüche einer plötzlichen leidenschaftlichen Neigung zurück , wenn Sie ein Glück nicht verscherzen wollen , das Ihnen sehr nahe liegt , das aber erst nach einigen Prüfungen ergriffen werden kann . « » Fordere , was du willst , englischer Geist ! « rief ich aus , » aber bringe mich nicht zur Verzweiflung . « Sie versetzte lächelnd : » Wollen Sie sich meinem Dienste widmen , so hören Sie die Bedingungen ! Ich komme hierher , eine Freundin zu besuchen , bei der ich einige Tage zu verweilen gedenke ; indessen wünsche ich , daß mein Wagen und dies Kästchen weitergebracht werden . Wollen Sie es übernehmen ? Sie haben dabei nichts zu tun , als das Kästchen mit Behutsamkeit in und aus dem Wagen zu heben ; wenn es darin steht , sich daneben zu setzen und jede Sorge dafür zu tragen . Kommen Sie in ein Wirtshaus , so wird es auf einen Tisch gestellt , in eine besondere Stube , in der Sie weder wohnen noch schlafen dürfen . Sie verschließen die Zimmer jedesmal mit diesem Schlüssel , der alle Schlösser auf- und zuschließt und dem Schlosse die besondere Eigenschaft gibt , daß es niemand in der Zwischenzeit zu er öffnen imstande ist . « Ich sah sie an , mir ward sonderbar zumute ; ich versprach , alles zu tun , wenn ich hoffen könnte , sie bald wieder zu sehen , und wenn sie mir diese Hoffnung mit einem Kuß besiegelte . Sie tat es , und von dem Augenblick an war ich ihr ganz leibeigen geworden . Ich sollte nun die Pferde bestellen , sagte sie . Wir besprachen den Weg , den ich nehmen , die Orte , wo ich mich aufhalten und sie erwarten sollte . Sie drückte mir zuletzt einen Beutel mit Gold in die Hand , und ich meine Lippen auf ihre Hände . Sie schien gerührt beim Abschied , und ich wußte schon nicht mehr , was ich tat oder tun sollte . Als ich von meiner Bestellung zurückkam , fand ich die Stubentür verschlossen . Ich versuchte gleich meinen Hauptschlüssel , und er machte sein Probestück vollkommen . Die Türe sprang auf , ich fand das Zimmer leer , nur das Kästchen stand auf dem Tische , wo ich es hingestellt hatte . Der Wagen war vorgefahren , ich trug das Kästchen sorgfältig hinunter und setzte es neben mich . Die Wirtin fragte : » Wo ist denn die Dame ? « Ein Kind antwortete : » Sie ist in die Stadt gegangen . « Ich begrüßte die Leute und fuhr wie im Triumph von hinnen , der ich gestern abend mit bestaubten Gamaschen hier angekommen war . Daß ich nun bei guter Muße diese Geschichte hin und her überlegte , das Geld zählte , mancherlei Entwürfe machte und immer gelegentlich nach dem Kästchen schielte , können Sie leicht denken . Ich fuhr nun stracks vor mich hin , stieg mehrere Stationen nicht aus und rastete nicht , bis ich zu einer ansehnlichen Stadt gelangt war , wohin sie mich beschieden hatte . Ihre Befehle wurden sorgfältig beobachtet , das Kästchen in ein besonderes Zimmer gestellt und ein paar Wachslichter daneben , unangezündet , wie sie auch verordnet hatte . Ich verschloß das Zimmer , richtete mich in dem meinigen ein und tat mir etwas zugute . Eine Weile konnte ich mich mit dem Andenken an sie beschäftigen , aber gar bald wurde mir die Zeit lang . Ich war nicht gewohnt , ohne Gesellschaft zu leben ; diese fand ich bald an Wirtstafeln und an öffentlichen Orten nach meinem Sinne . Mein Geld fing bei dieser Gelegenheit an zu schmelzen und verlor sich eines Abends völlig aus meinem Beutel , als ich mich unvorsichtig einem leidenschaftlichen Spiel überlassen hatte . Auf meinem Zimmer angekommen , war ich außer mir . Von Geld entblößt , mit dem Ansehen eines reichen Mannes eine tüchtige Zeche erwartend , ungewiß , ob und wann meine Schöne sich wieder zeigen würde , war ich in der größten Verlegenheit . Doppelt sehnte ich mich nach ihr und glaubte nun gar nicht mehr ohne sie und ohne ihr Geld leben zu können . Nach dem Abendessen , das mir gar nicht geschmeckt hatte , weil ich es diesmal einsam zu genießen genötigt worden , ging ich in dem Zimmer lebhaft auf und ab , sprach mit mir selbst , verwünschte mich , warf mich auf den Boden , zerraufte mir die Haare und erzeigte mich ganz ungebärdig . Auf einmal höre ich in dem verschlossenen Zimmer nebenan eine leise Bewegung und kurz nachher an der wohlverwahrten Türe pochen . Ich raffe mich zusammen , greife nach dem Hauptschlüssel , aber die Flügeltüren springen von selbst auf , und im Schein jener brennenden Wachslichter kommt mir meine Schöne entgegen . Ich werfe mich ihr zu Füßen , küsse ihr Kleid , ihre Hände , sie hebt mich auf , ich wage nicht , sie zu umarmen , kaum sie anzusehen ; doch gestehe ich ihr aufrichtig und reuig meinen Fehler . - » Er ist zu verzeihen « , sagte sie , » nur verspätet Ihr leider Euer Glück und meines . Ihr müßt nun abermals eine Strecke in die Welt hineinfahren , ehe wir uns wieder sehen . Hier ist noch mehr Gold « , sagte sie , » und hinreichend , wenn Ihr einigermaßen haushalten wollt . Hat Euch aber diesmal Wein und Spiel in Verlegenheit gesetzt , so hütet Euch nun vor Wein und Weibern und laßt mich auf ein fröhlicheres Wiedersehen hoffen . « Sie trat über die Schwelle zurück , die Flügel schlugen zusammen , ich pochte , ich bat , aber nichts ließ sich weiter hören . Als ich den andern Morgen die Zeche verlangte , lächelte der Kellner und sagte : » So wissen wir doch , warum Ihr Eure Türen auf eine so künstliche und unbegreifliche Weise verschließt , daß kein Hauptschlüssel sie öffnen kann . Wir vermuteten bei Euch viel Geld und Kostbarkeiten ; nun aber haben wir den Schatz die Treppe hinuntergehen sehn , und auf alle Weise schien er würdig , wohl verwahrt zu werden . « Ich erwiderte nichts dagegen , zahlte meine Rechnung und stieg mit meinem Kästchen in den Wagen . Ich fuhr nun wieder in die Welt hinein mit dem festesten Vorsatz , auf die Warnung meiner geheimnisvollen Freundin künftig zu achten . Doch war ich kaum abermals in einer großen Stadt angelangt , so ward ich bald mit liebenswürdigen Frauenzimmern bekannt , von denen ich mich durchaus nicht losreißen konnte . Sie schienen mir ihre Gunst teuer anrechnen zu wollen ; denn indem sie mich immer in einiger Entfernung hielten , verleiteten sie mich zu einer Ausgabe nach der andern , und da ich nur suchte , ihr Vergnügen zu befördern , dachte ich abermals nicht an meinen Beutel , sondern zahlte und spendete immerfort , so wie es eben vorkam . Wie groß war daher meine Verwunderung und mein Vergnügen , als ich nach einigen Wochen bemerkte , daß die Fülle des Beutels noch nicht abgenommen hatte , sondern daß er noch so rund und strotzend war wie anfangs . Ich wollte mich dieser schönen Eigenschaft näher versichern , setzte mich hin zu zählen , merkte mir die Summe genau und fing nun an , mit meiner Gesellschaft lustig zu leben wie vorher . Da fehlte es nicht an Land- und Wasserfahrten , an Tanz , Gesang und andern Vergnügungen . Nun bedurfte es aber keiner großen Aufmerksamkeit , um gewahr zu werden , daß der Beutel wirklich abnahm , eben als wenn ich ihm durch mein verwünschtes Zählen die Tugend , unzählbar zu sein , entwendet hätte . Indessen war das Freudenleben einmal im Gange , ich konnte nicht zurück , und doch war ich mit meiner Barschaft bald am Ende . Ich verwünschte meine Lage , schalt auf meine Freundin , die mich so in Versuchung geführt hatte , nahm es ihr übel auf , daß sie sich nicht wieder sehen lassen , sagte mich im Ärger von allen Pflichten gegen sie los und nahm mir vor , das Kästchen zu öffnen , ob vielleicht in demselben einige Hülfe zu finden sei . Denn war es gleich nicht schwer genug , um Geld zu enthalten , so konnten doch Juwelen darin sein , und auch diese wären mir sehr willkommen gewesen . Ich war im Begriff , den Vorsatz auszuführen , doch verschob ich ihn auf die Nacht , um die Operation recht ruhig vorzunehmen , und eilte zu einem Bankett , das eben angesagt war . Da ging es denn wieder hoch her , und wir waren durch Wein und Trompetenschall mächtig aufgeregt , als mir der unangenehme Streich passierte , daß beim Nachtische ein älterer Freund meiner liebsten Schönheit , von Reisen kommend , unvermutet hereintrat , sich zu ihr setzte und ohne große Umstände seine alten Rechte geltend zu machen suchte . Daraus entstand nun bald Unwille , Hader und Streit ; wir zogen vom Leder , und ich ward mit mehreren Wunden halbtot nach Hause getragen . Der Chirurgus hatte mich verbunden und verlassen , es war schon tief in der Nacht , mein Wärter eingeschlafen ; die Tür des Seitenzimmers ging auf , meine geheimnisvolle Freundin trat herein und setzte sich zu mir ans Bette . Sie fragte nach meinem Befinden ; ich antwortete nicht , denn ich war matt und verdrießlich . Sie fuhr fort mit vielem Anteil zu sprechen , rieb mir die Schläfe mit einem gewissen Balsam , so daß ich mich geschwind und entschieden gestärkt fühlte , so gestärkt , daß ich mich erzürnen und sie ausschelten konnte . In einer heftigen Rede warf ich alle Schuld meines Unglücks auf sie , auf die Leidenschaft , die sie mir eingeflößt , auf ihr Erscheinen , ihr Verschwinden , auf die Langeweile , auf die Sehnsucht , die ich empfinden mußte . Ich ward immer heftiger und heftiger , als wenn mich ein Fieber anfiele , und ich schwur ihr zuletzt , daß , wenn sie nicht die Meinige sein , mir diesmal nicht angehören und sich mit mir verbinden wolle , so verlange ich nicht länger zu leben ; worauf ich entschiedene Antwort forderte . Als sie zaudernd mit einer Erklärung zurückhielt geriet ich ganz außer mir , riß den doppelten und dreifachen Verband von den Wunden , mit der entschiedenen Absicht , mich zu verbluten . Aber wie erstaunte ich , als ich meine Wunden alle geheilt , meinen Körper schmuck und glänzend und sie in meinen Armen fand . Nun waren wir das glücklichste Paar von der Welt . Wir baten einander wechselseitig um Verzeihung und wußten selbst nicht recht warum . Sie versprach nun , mit mir weiterzureisen , und bald saßen wir nebeneinander im Wagen , das Kästchen gegen uns über , am Platze der dritten Person . Ich hatte desselben niemals gegen sie erwähnt ; auch jetzt fiel mir ' s nicht ein , davon zu reden , ob es uns gleich vor den Augen stand und wir durch eine stillschweigende Übereinkunft beide dafür sorgten , wie es etwa die Gelegenheit geben mochte ; nur daß ich es immer in und aus dem Wagen hob und mich wie vormals mit dem Verschluß der Türen beschäftigte . Solange noch etwas im Beutel war , hatte ich immer fortbezahlt ; als es mit meiner Barschaft zu Ende ging , ließ ich sie es merken . - » Dafür ist leicht Rat geschafft « , sagte sie und deutete auf ein Paar kleine Taschen , oben an der Seite des Wagens angebracht , die ich früher wohl bemerkt aber nicht gebraucht hatte . Sie griff in die eine und zog einige Goldstücke heraus , sowie aus der andern einige Silbermünzen , und zeigte mir dadurch die Möglichkeit , jeden Aufwand , wie es uns beliebte , fortzusetzen . So reisten wir von Stadt zu Stadt , von Land zu Land , waren unter uns und mit andern froh , und ich dachte nicht daran , daß sie mich wieder verlassen könnte , um so weniger , als sie sich seit einiger Zeit entschieden guter Hoffnung befand , wodurch unsere Heiterkeit und unsere Liebe nur noch vermehrt wurde . Aber eines Morgens fand ich sie leider nicht mehr , und weil mir der Aufenthalt ohne sie verdrießlich war , machte ich mich mit meinem Kästchen wieder auf den Weg , versuchte die Kraft der beiden Taschen und fand sie noch immer bewährt . Die Reise ging glücklich vonstatten , und wenn ich bisher über mein Abenteuer weiter nicht nachdenken mögen , weil ich eine ganz natürliche Entwickelung der wundersamen Begebenheiten erwartete , so ereignete sich doch gegenwärtig etwas , wodurch ich in Erstaunen , in Sorgen , ja in Furcht gesetzt wurde . Weil ich , um von der Stelle zu kommen ,